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Rektorats Reden © Prof. Schwinges
I.

Über einige Aufgaben der katholischen alttestamentlichen Exegese

REKTORATSREDE
GEHALTEN AM 15. NOVEMBER 1910
ZUR
FEIERLICHEN ERÖFFNUNG DES STUDIENJAHRES
1910—1911 VON
PROF. DR. VINCENZ ZAPLETAL O. P.
FREIBUR~
 (SCHWEIZ)
ST. PAULUS-DRUCKEREI 1910

HOCHANSEHNLICHE VERSAMMLUNG!

Es ist Sitte, bei der feierlichen Übernahme dieser Würde als Gegenstand der Festrede das Fach zu wählen, welches der Rektor als akademischer Lehrer zu vertreten hat. Man pflegt seine Stellung im Organismus der Universität zu charakterisieren und seine Aufgaben zu bestimmen, oder eine Übersicht über die jüngste Entwickelung dieser Wissenschaft zu geben, oder doch eine Frage von allgemeiner Bedeutung aus diesem Gebiete zu behandeln. Ich werde daher in einer kurzen Übersicht versuchen, einige Aufgaben der katholischen alttestamentlichen Exegese zu schildern. —

Das Studium des Alten Testamentes, der semitischen Sprachen und Literaturen hat in den letzten Dezennien einen solchen Aufschwung gefunden wie noch niemals. Wohl weist das 13. Jahrhundert diesbezüglich auch ein grosses Streben auf. Der Dominikanerorden hat nämlich auf dem Generalkapitel im J. 1250 beschlossen,

dass an seinen Lehranstalten neben dem Griechischen auch das Hebräische und Arabische gelehrt werde, und Papst Clemens V. hat dann auf dem Concil von Vienne (1311) diese Vorschrift auf die übrigen Universitäten ausgedehnt, indem er bestimmte, dass an den Universitäten von Rom, Paris, Salamanca, Oxford und Bologna Lehrstühle für orientalische Sprachen errichtet werden. Der Zweck dieser Bestimmungen war zwar ursprünglich nur die Förderung von Missionen unter Juden und Mohammedanern, aber auch das Bibelstudium zog daraus grossen Nutzen, indem man von da an neben dem Vulgatatext auch das hebräische Original mehr berücksichtigte und aus dem Talmud und andern jüdischen Schriften Stellen zur Bestätigung und Illustration der katholischen Erklärung des Alten Testamentes beibrachte, wie wir es namentlich in den nicht genug zu schätzenden, selbst heute noch wertvollen Schriften des berühmten Dominikaners Raymund Martini sehen.

Seit jener Zeit waren die theologischen Fakultäten eifrige und vielfach die einzigen Pflegestätten der semitischen Sprachen und Literaturen, insofern als die Professoren der alttestamentlichen

Exegese die Pflicht hatten, semitische Sprachen, namentlich Hebräisch, Aramäisch, Syrisch und Arabisch zu dozieren. Dass im Laufe der Jahrhunderte und besonders in letzter Zeit auch an den philosophischen Fakultäten Lehrstühle für orientalische Sprachen errichtet wurden, ist mit Freude zu begrüssen.

Einen früher nie geahnten Aufschwung fand das Studium des Alten Testamentes in den letzten Dezennien, nachdem der Boden des Orients uns die Jahrtausende lang mit Schutt überdeckten literarischen Schätze wieder eröffnet, die vielen assyrisch-babylonischen, phönizischen, altarabischen und andere Inschriften zu Tage fördernd. Diese bieten uns nämlich Parallelen und Illustrationen zum Alten Testamente, daneben freilich auch Angaben, deren Verhältnis zum biblischen Bericht Schwierigkeiten bereitet.

Dazu kam die vergleichende Religionsgeschichte, welche die israelitische Religion nur für das Resultat einer längeren natürlichen Entwicklung erklärte. Animismus, Fetischismus, Totemismus, Polydämonismus seien die ersten Religionsformen der alten Hebräer gewesen, von denen sie sich zum Polytheismus und nachher

durch den Henotheismus zum Monotheismus durchgerungen hätten. Das Alte Testament, das seither von vielen einfach für einen Teil der orientalischen Literatur gehalten wird, enthalte noch Spuren all der niedrigen Religionsformen.

Zu diesen hochwichtigen Fragen kam dann noch eine Anzahl textkritischer und literarischer Probleme, die alle die Aufmerksamkeit der Gebildeten, ja selbst der weitesten Kreise fesseln mussten.

Welche Stellung muss nun der katholische Exeget zu diesen Fragen einnehmen, wie soll seine Arbeit beschaffen sein, und welches Ziel soll er anstreben? Soll er ruhig und bequem daheim sitzen bleiben, fern von jedem Schlachtgetöse über die schlechten Zeiten jammernd, oder soll er vielleicht hinaus aufs Schlachtfeld, um für die Sache der Wahrheit mutig zu kämpfen? Und wählt er das letztere, wie soll er dazu ausgerüstet sein? Soll er eine Schleuder gebrauchen, oder Schwert und Lanze schwingen, oder sollte er vielleicht, nicht bloss um nicht mitleidsvoll belächelt zu werden, sondern um überhaupt am Kampfe teilnehmen, um wenigstens gewisse Hiebe parieren zu können, zeitgemässe, moderne Waffen wählen?

Es scheint, das letztere sei doch vorzuziehen; denn gegen moderne Waffen werden Schleudern, Lanzen, Schwerter und Schilder wenig ausrichten können.

Ein katholischer Exeget ist sich dessen bewusst, dass er Bücher zu erklären hat, die vor Jahrtausenden in den damaligen Sprachen verfasst, von Juden und Christen für heilig angesehen werden. weil sie von Gott ihren verschiedenen Verfassern inspiriert wurden. Für einen katholischen Exegeten ist die Inspiration eine Tatsache, die er von der Kirche als eine Glaubenswahrheit annimmt und demgemäss die Kirche nicht bloss als die Bewahrerin dieser heiligen Urkunden anerkennt, sondern auch als solche, die den von Gott intendierten Sinn authentisch zu erklären hat. Weil aber diese Bücher in menschlicher Sprache verfasst sind, muss der Exeget bei aller Anerkennung der kirchlichen Autorität, die er hochschätzt und von der er in seiner Argumentation Gebrauch macht, auch solche Argumente vorbringen, die der Wissenschaft entnommen sind und von den Gegnern, mit denen er es zu tun hat, anerkannt werden. In einer Person vereinigt er das Wissenschaftliche zugleich mit der

Bereitwilligkeit, der Kirche zu folgen. Und je mehr er die Kirche liebt, umso wissenschaftlicher wird er vorgehen, weil er auf diese Weise seiner Aufgabe besser gewachsen ist und die kirchliche Erklärung der heiligen Schrift erfolgreicher verteidigen kann.

Der alttestamentliche Exeget muss sich daher gewisse allgemeine und spezielle Kenntnisse aneignen, er muss die Textkritik, die literarische und die historische Kritik beherrschen und gewissenhaft ausüben.

1. Die wissenschaftliche Ausrüstung.

Der Exeget wird sich zunächst mit all den Kenntnissen ausrüsten, die zum Verständnis des Alten Testamentes notwendig sind. Neben einer gediegenen philosophischen Bildung, die ihm das richtige Denken ermöglicht, neben einer gründlichen theologischen Schulung, die ihn mit dem Glaubensinhalt genauer bekannt macht, und der allgemeinen wissenschaftlichen Bildung, die zu einem modernen wissenschaftlichen Betrieb notwendig

ist, muss er orientalische Sprachen erlernen, genügende Kenntnisse aus der Religionsgeschichte sich aneignen und dazu die Geschichte des alten Orients, die biblische Archäologie und Geographie beherrschen.

Was die Sprachen anbelangt, so muss ihm namentlich das Hebräische wie zu einer zweiten Muttersprache werden. Er soll es so gut beherrschen, dass er selbst die schwierigsten Partieen des Alten Testamentes leicht lesen kann. Durch das Studium der ältesten Stücke, wie des Deboraliedes, des davidischen Klageliedes über Saul und Jonathan, des Segens Jakobs, der Bücher Isaias, Osée, Amos wird er zur Kenntnis des ältesten Hebräisch gelangen und dadurch leichter über die später verfassten Teile des Alten Testamentes sich ein Urteil bilden.

Weil jedoch nicht der ganze hebräische Sprachschatz erhalten ist und viele Ausdrücke des Alten Testamentes dunkel sind, wird ein gewissenhafter Exeget so weit als möglich auch die assyrisch-babylonische und die äthiopische Sprache berücksichtigen, weil sie vielfach dieselben Wörter und Wortbildungen mit denselben Bedeutungen wie das Hebräische enthalten, so

dass der Exeget sich dort mehr als einmal Licht holen wird

Wegen der aramäischen Partieen des Alten Testamentes und der Aramaismen in den hebräisch geschriebenen Büchern wird der Exeget auch das Aramäische studieren.

Durch das Arabische kann er zum vollen Verständnis der hebräischen Grammatik gelangen, und das Syrische kann ihm neben dem Koptischen in der Textkritik von Nutzen sein.

Die allgemeine Religionsgeschichte muss der Exeget wenigstens so weit kennen, dass er die verschiedenen niedrigen Religionsform en nicht verwechselt. Aber möglichst genau soll er die Religionen der alten Araber, der Babylonier sowie der Ägypter studieren, weil sie in die religiösen Vorstellungen der Hebräer oft hineinspielen.

Die Israeliten lebten im Zentrum der damals bekannten Welt, sie kamen in freundschaftliche und noch öfters in feindliche Berührung mit ihren Nachbarvölkern und liessen sich von ihnen in religiöser und kultureller Hinsicht beeinflussen. Von den Kriegen, die sie geführt, berichtet das Alte Testament, aber auch die Assyrer, Babylonier. Moabiter und Ägypter liessen über diese Geschehnisse

Berichte zurück. Deshalb müssen die Exegeten die Geschichte des alten Orients studieren und zwar so, dass sie sich nicht bloss mit den Schlachten, sondern ganz besonders mit der Kultur der Nachbarvölker Israels beschäftigen, um jede im Alten Testament erzählte Begebenheit in das richtige Milieu zu stellen. Nur im Zusammenhange mit der Geschichte des Orients versteht man voll und ganz die Geschichte des Volkes Israels, sein Denken und Sehnen, sein Tun und Lassen.

Dass die Archäologie und die Geographie dieses Verständnis erleichtern, darüber brauche ich keine Worte zu verlieren. Ein längerer Aufenthalt in Palästina und einige Reisen mit Beduinen durch die Wüste ersparen uns vieles Nachdenken, und mancher, der vielleicht den Kopf schüttelte über Dinge, die in der Bibel erzählt werden, wird dadurch eines Besseren belehrt.

Aus dem Dargelegten geht hervor, dass zur Ausrüstung eines alttestamentlichen Exegeten viel, sehr viel gehört. Und da er diese Ausrüstung nicht anders als durch langes, ernstes Studium und Forschen erwerben kann, muss er viel

arbeiten, um sich dieselbe anzueignen, ja sein ganzes Leben lang muss er mit eisernem Fleiss daran schmieden, ohne sich jemals sagen zu können, dass er ganz fertig ist. Denn das eben geschilderte Ideal eines alttestamentlichen Exegeten ist so erhaben, es übersteigt so sehr die Kräfte eines einzigen Menschen, dass kaum einer behaupten kann, es in Wirklichkeit erreicht zu haben. Wenn mehrere mit vereinten Kräften zusammen arbeiten, können sie dem Ideale näher kommen, das zu erstrebende Ziel viel leichter erreichen.

II. Die Textkritik.

Tritt nun der so wohl vorbereitete Exeget an den Text heran, so wird er sich zunächst die Frage stellen, ob der Text auch gut erhalten sei: denn die Inspiration schliesst keineswegs aus, dass er durch Abschreiber und Glossatoren Änderungen erlitten. Bevor er nämlich von den Masoreten fixiert worden, ist er durch sehr viele Abschreiberhände gegangen, so dass es zum voraus unmöglich ist anzunehmen, er sei überall so

rein erhalten, wie ihn die Verfasser aufgezeichnet haben. Und was auf diese Weise a priori behauptet wird, findet in den Varianten der Codices und durch andere Anhaltspunkte seine volle Bestätigung.

Der uns überlieferte Text enthält verhältnismässig viele verdorbene Stellen.

1. Einige kommen daher, dass die hebräische Schrift mangelhaft war;

a) dies führte zu zahlreichen Verwechslungen von Buchstaben; dabei ist die althebräische, die mittlere und die Quadratschrift ins Auge zu fassen.

Wie die althebräische Schrift aussah, können wir an der Siloeinschrift beobachten, die aus der Mitte oder aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. stammt. Diese Schrift hat grosse Ähnlichkeit mit der altphönizischen und mit der moabitischen der Mesasäule, die bekanntlich dem 9. Jahrhundert angehört. In dieser Schrift wurden die ältesten Bücher des Alten Testamentes niedergeschrieben.

Neben der Steinschrift entstand beim Schreiben auf weichere Stoffe, wie Tierhäute und Papyrus, gewöhnlich ein jüngerer, z. T. abgerundeter Schrifttypus. So entstand auch bei den Hebräern

die sogenannte mittlere Schrift, die teilweise von der aramäischen abhängig gewesen sein mag und wahrscheinlich mit der alten samaritanischen Schrift identisch ist.

In der Zeit vor dem Exil konstatiert man nämlich den Einfluss des Aramäischen auf das Hebräische. Aramaismen werden immer häufiger. Im Exil kommen dann die Juden in einen viel regeren Verkehr mit den Aramäern und nehmen allmählich ihre Sprache an. Bei dieser Sachlage ist es jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass die Israeliten auch den Schrifttypus von den Aramäern annahmen, und dieser findet sich in der alten samaritanischen Schrift, die eine Mittelstellung zwischen der archaischen und der Quadratschrift einnahm. Nach dem Talmud (Sanh. 21 b 22 a) überliessen die Juden den Samaritern mit der Thora zugleich auch die althebräische Schrift, was wohl nichts anderes bedeutet, als dass die Samariter sie von nun an übernahmen, falls sie dieselbe noch nicht hatten.

Wann diese mittlere Schrift von der sogenannten Quadratschrift, die jetzt noch gebraucht wird und die in viel stärkerem Masse auf aramäischen Einfluss zurückgeht, abgelöst wurde,

ist nicht leicht zu bestimmen. Wahrscheinlich geschah es allmählich, aber so, dass zur Zeit Christi die Quadratschrift schon im allgemeinen Gebrauch war. Wenn die jüdische Überlieferung berichtet, dass Esra diese Schrift aus Babylon mitgebracht, so mag es insoweit richtig sein, als sie den Juden in der Gefangenschaft zuerst bekannt und von den Exulanten nach Palästina gebracht wurde, ohne jedoch von Anfang an allgemein gebraucht worden zu sein.

Die Varianten der sogenannten Septuaginta, der ältesten und verbreitetsten griechischen Übersetzung, beruhen teils auf dem älteren und mittleren Schrifttypus, teils auf der Quadratschrift. Auf alle Fälle wurden die meisten alttestamentlichen Bücher in die Quadratschrift überschrieben und man kann wohl annehmen, dass dies nicht ohne Fehler, insonderheit nicht ohne Verwechslung von Buchstaben vor sich gegangen ist.

Wie die Septuaginta zeigt, wurden in der alten und mittleren Schrift verwechselt: א und ד, ד und ת, ח und ם, ל und ע, r und י, נ und ח, ל und נ, ב und ב. In der Quadratschrift verwechselte man besonders und ד, ב und ם, ד und ד, ה, ח und מ. Diese Verwechslungen

fanden namentlich dann statt, wenn die Schrift des Originals unleserlich, verwischt oder erloschen war. Leider muss ich es mir versagen, Beispiele anzuführen; ich kann jedoch nicht umhin zu bemerken, dass das, was ich hier in Bezug auf die Textkritik bemerke, eine von allen Exegeten anerkannte Tatsache ist. Das meiste gilt ja für jede Textkritik, das übrige lehrt die semitische Epigraphik.

b) Die mangelhafte Schrift führte auch zu verschiedenen Trennungen der Wörter.

Die Mesasäule und die Siloeinschrift trennen zwar die einzelnen Wörter durch einen Punkt, und dieses Trennungszeichen mag auch in den ältesten Handschriften angewendet worden sein. Aber dieser Brauch bestand nicht immer. Viele hebräische Handschriften reihen die Wörter aneinander ohne jedes Trennungszeichen. Je nachdem die Buchstaben getrennt werden, ist auch der Sinn ein anderer.

c) Viel nachteiliger war der Umstand, dass die althebräische Schrift nur die Konsonanten ohne die Vokalzeichen bot, was selbstverständlich zu den verschiedensten Lesungen desselben Wortes Anlass gab. Nicht einmal die sogenannten Matres

lectionis, die Zeichen א , ד , , ח , die nur in den seltensten Fällen den Vokal, und dies auch nur unbestimmt, andeuteten, wurden allgemein verwendet. Die Inschrift des Königs Mesa und die Siloeinschrift wenden sie nur in seltenen Fällen an.

Jedem, der diese Schreibweise kennt, leuchtet es gleich ein, wie leicht sie zur ungenügenden Erhaltung des Textes Anlass gab und zu welchen Unterschieden in der Deutung sie führte.

2. Damit das Abschreiben schneller vor sich gehe, las einer den Text vor und andere schrieben das Gelesene nach. Das führte zu Hörfehlern, d. h. zur Verwechslung von ähnlich lautenden Buchstaben.

3. Eine dritte Klasse von Fehlern hat ihren Grund in der Nachlässigkeit der Abschreiber; dazu gehören vor allem Dittographieen und ihr Gegenteil, Haplographieen.

a) Dittographie, doppelte Schreibung desselben Buchstabens, ja ganzer Wörter und Sätze, kam sehr oft vor. Um das Manuskript nicht zu entwerten, unterliess es der Schreiber selbst dann, wenn er seinen Fehler nachträglich entdeckt hatte, das Überflüssige zu tilgen.

b) Ebenso häufig sind Lücken im Text zu

entdecken, indem der Schreiber durch irgend einen Umstand einen Buchstaben, ein Wort, ja ganze Sätze übersah. Grund der Auslassung einer Reihe von Wörtern ist meistens das sogenannte Homoioteleuton, d. h. Abirren des Schreibers auf ein gleiches oder ähnliches Wort. das erst später folgt. Dies wird hauptsächlich in poetischen Stücken konstatiert, wenn anfangs eines Verses dasselbe Wort vorkam, mit dem der vorhergehende Vers anfängt.

c) Auch Versetzungen von Buchstaben kamen vor. Es geschah dies besonders dann, wenn der Abschreiber den Text flüchtig las, ohne dem Sinn eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

d) Es gab auch Abschreiber, welche dem Gedächtnis folgten, und wenn dieses nicht treu genug war, wurden Wörter und ganze Sätze versetzt oder ausgelassen oder nach bekannten Parallelstellen verändert.

4. Eine vierte Klasse von Fehlern beruht auf willkürlicher Änderung. Diese kam besonders bei den Wörtern ל (Herr) und ד (König) vor, bei dunkeln Wörtern, die durch bekanntere ersetzt wurden, und bei gewissen scharfen Ausdrücken,

zu denen die Abschreiber mildere hinzusetzten.

5. Dazu kommt noch eine Reihe von Fehlern, die teils auf Nachlässigkeit der Abschreiber, teils auf absichtlicher Änderung beruhen.

a) Es gab Leser des Alten Testamentes, die am Rande ihres Exemplars Parallelstellen und Erklärungen aufzeichneten. Benützte man dann ein solches Exemplar zur Abschrift, so kam es vor, dass diese Randnotizen hier und da in den Text eingesetzt wurden.

b) Manchmal standen jedoch am Rande auch solche Wörter, die zum Text gehörten, aber von einem Abschreiber vergessen und nachträglich von ihm selbst oder von einem andern am Rande notiert wurden. Wurde dieses Exemplar zu Abschriften benutzt, so geschah es, dass die Wörter vom Rande zwar in den Text, aber nicht immer an ihre ursprüngliche Stelle eingesetzt wurden.

c) Die Abschreiber benützten auch Abkürzungen, die von ihren Nachfolgern vielfach unrichtig aufgelöst wurden.

d) Schliesslich gibt es noch Stellen, die uns zeigen, dass man einen verdorbenen Text korrigierte, um einen Sinn herauszubekommen.

Das Vorgehen eines Exegeten, der diese Grundsätze kennt und nach ihnen handelt, mag Uneingeweihten willkürlich erscheinen; aber das alles lehren uns schon die Kirchenväter. Sie sprachen mit dem heiligen Augustinus 1 von «codices mendosi», mit Origenes 2 und dem heiligen Hieronymus 3 von «schläfrigen Abschreibern», von «unbesonnenen Verbesserern», von «vermessenen Kopisten, welche Randnotizen in den Text einsetzten».

Die Exegeten dürfen auch nicht willkürlich vorgehen: sie sollen nur dann Textverderbnisse annehmen, wenn sie dafür zwingende Gründe haben, wenn nämlich der Text unklar ist, ja so wie er lautet, im Widerspruch mit andern steht. wenn die alten Übersetzungen einen andern Sinn enthalten, wenn Parallelstellen einen Wink geben, wenn die Masoreten durch einen senkrechten Strich, der Paseq heisst, andeuten, dass der Text mangelhaft ist, oder schliesslich, in den poetischen Stücken, wenn die Metrik und Strophik uns dazu eine Handhabe geben.

Im grossen und ganzen kennen wir jetzt die Regeln der hebräischen Metrik. Finden sich nun Gedichte, in welchen diese Regeln beobachtet werden und bemerkt man, dass z. B. 20 Verse ganz richtig gemacht, während zwei oder drei fehlerhaft sind, so wird man nicht den Verfasser für diese Fehler verantwortlich machen, sondern die Abschreiber.

Man hat alte Nachbildungen des Laokon gefunden, denen zu entnehmen ist, dass die Restauration der Gruppe durch Bernini falsch ist, weil sie mit den alten Nachbildungen nicht übereinstimmt. So haben auch Sammler und Abschreiber die herrlichen Säulen und Statuen des grossartigen Tempels, welcher das Alte Testament ist, nicht immer richtig zusammengestellt, davon ganz abgesehen, dass sich im Laufe der Jahrtausende an die mächtigen Quadern und Säulen, Kapitäler und Statuen auch Staub angesetzt, und dass das eine oder das andere Ornament durch Ungunst der Zeiten gelitten hat.

Wenn wir all das Gesagte zusammenfassen, kommen wie zu dem Resultate, dass zwar etwas Wesentliches nicht geändert wurde, dass aber Einzelheiten, die man als nebensächliche bezeichnen

kann, durch Abschreiber gelitten haben. Gelingt es jedoch der Exegese, die ursprüngliche Form des alttestamentlichen Textes herauszufinden, so erscheint der Inhalt viel ausdrucksvoller und erglänzt in seiner ganzen Erhabenheit.

III. Die literarische Kritik.

Die Textkritik gibt einem alttestamentlichen Exegeten viel zu schaffen; doch das ist noch nicht alles. Unvergleichlich schwieriger wird seine Arbeit, wenn er an die literarische Kritik herantritt.

1. Weil bekanntlich jeder Autor ein Kind seiner Zeit ist und für seine Zeitgenossen schreibt, ist es bei jedem Buche wichtig zu erfahren, wen es zum Verfasser hat oder wenigstens, welcher Zeit es angehört. Dasselbe gilt nach allgemeiner Ansicht auch von den inspirierten Werken, weil ja die Inspiration kein Diktieren ist, sondern eine motio des Schriftstellers durch Gott, wobei der Schriftsteller nach seiner Veranlagung, nach seinem Temperament das schreibt, wozu ihn

Gott bewegt. Deshalb spricht man von der Schreibweise eines Isaias, eines Jeremias, eines heiligen Paulus und anderer mehr.

In Bezug auf das Alte Testament muss leider anerkannt werden, dass die Verfasser vieler Schriften unbekannt sind. In jener alten Zeit fragte man wenig nach dem Autor, das ganze Gewicht legte man auf den Inhalt. Selbst die Kirchenväter kümmerten sich noch wenig darum. So sagt Gregor der Grosse 1, es sei eine unnütze Frage (valde supervacue quaeritur), wer das Buch Job geschrieben, wenn nur geglaubt wird, dass es vom heiligen Geist verfasst ist, und Theodoret 2 sagt mit Bezug auf das Buch der Psalmen, es komme nicht viel darauf an, ob alle Psalmen von David seien oder nicht, da es sicher sei, dass sie alle vom heiligen Geist inspiriert seien.

So kam es, dass uns die Namen der Verfasser mehrerer Schriften des Alten Testamentes nicht überliefert wurden, weshalb sich der Exeget damit begnügen muss, annähernd die Zeit ihrer Entstehung zu eruiren.

2. Nun entsteht aber gleich eine andere

Frage: Können wir in einem und demselben Buche mehrere Quellen annehmen, oder müssen wir immer die ganze Schrift einem einzigen Verfasser zuweisen?

So viel ist sicher, dass die Kirchenlehrer und die Exegeten der ersten Jahrhunderte und des Mittelalters in einigen alttestamentlichen Schriften mehrere Quellen annahmen. So glaubte Dorotheus von Tyrus 1, dass der Inhalt des Buches der Richter von heiligen Schreibern, die an der Bundeslade angestellt waren; aufgezeichnet wurde, während der berühmte Dominikanerexeget Kardinal Hugo a S. Caro behauptete, dass jeder Richter seine Taten niedergeschrieben und der König Ezechias die einzelnen Teile in einem Bande vereinigt habe.

Ähnliches wird von den Büchern Samuels und der Könige behauptet, in denen die konservativste Exegese die Arbeit mehrerer Propheten annimmt.

Steht nun dieser Grundsatz fest, so darf er, wenn schwerwiegende Gründe vorhanden sind, auch auf andere Bücher angewendet werden.

Ja, es darf uns nicht wundernehmen, wenn manchmal in einem und demselben Kapitel eine Mosaik von Stellen aus verschiedenen Quellen gefunden wird. Der Orientale schreibt nämlich ganz anders Geschichte als unsere Historiker: er legt eine Quelle zu Grunde, die er wörtlich anführt und dazu trägt er aus anderen Quellen Wörter und Sätze ein. Er ändert nicht den Text der Quelle, denn er ist der Ansicht, dass das einmal gut Geschriebene ohne Änderung übernommen werden soll. Gewöhnlich nennt er auch nicht den Verfasser der Quelle; literarisches Eigentumsrecht und Plagiat waren damals meistens unbekannte Begriffe.

Ich habe anfangs meiner Rede den berühmten Orientalisten Raymund Mattini aus dem 13. Jahrhundert erwähnt. Als ich vor mehreren Jahren sein Werk «Pugio Fidei» studierte, fiel mir im ersten Teile seines hochwichtigen Foliobandes die grosse Ähnlichkeit mit der «Summa contra gentes» und der «Summa theologica» des heiligen Thomas auf. Ich traute meinen Augen nicht: ich konstatierte eine wörtliche Übereinstimmung. Woher kam sie? Hat der heilige Thomas aus Raymund Martini geschöpft, oder war es umgekehrt,

oder hatten vielleicht beide eine gemeinsame Quelle? Als ich alles erwogen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass Raymund Martini diesen Teil den Werken des heiligen Thomas, seines Zeitgenossen, entnommen, ohne den grossen Lehrer zu nennen. Er nahm das Gute, wo er es fand, und wir täten ihm Unrecht, wenn wir ihn einen Plagiator nennen würden. Zufällig konnte man leicht diese Entdeckung machen, weil die Werke des heiligen Thomas bekannt sind.

Nicht so leicht ist es, die Quellen der alttestamentlichen Schriftsteller immer zu entdecken; denn sie haben sich nicht selbständig erhalten. Aber sie können da sein, auch wenn sie oder ihre Verfasser gar nicht genannt werden.

Freilich kommen da viele mit dem Einwand. dass dies eines inspirierten Buches unwürdig sei. Aber das ist eine aprioristische Voraussetzung, die sich im Grund gegen den katholischen Begriff der Inspiration verfehlt. Denn die motio Dei geschieht bekanntlich — das ist jedenfalls die Lehre des heiligen Thomas von Aquin — nach der Veranlagung und Beschaffenheit dessen, der bewegt wird. Und so hat Gott einen Orientalen inspiriert, dass er als Orientale, nicht als ein

abendländischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts schreibe.

Wenn demnach anfangs der Genesis — was schon im 16. Jahrhundert der Kardinal Cajetan bemerkt hat — zwei verschiedene Schöpfungsberichte zu lesen sind, deren Inhalt und Sprache von einander abweichen, und von denen jeder von ganz andern Voraussetzungen ausgeht, so darf man annehmen, dass sie zwei verschiedenen Quellen entstammen; dies um so mehr, als der erste Bericht durchgehend in zweihebigen Stichen verfasst ist, während der folgende zweite Bericht dieses Metrum nicht aufweist.

3. Und noch etwas sehr Wichtiges! Gewisse Schriftsteller haben ihre Werke, um mich modern auszudrücken, nicht selbst herausgegeben, sondern andere haben die Ausgabe besorgt. Der Prophet Isaias z. B. hielt oft Reden an das Volk, die als eine Art Proklamation besonders aufgeschrieben und verbreitet wurden. Als man die verschiedenen Teile nachher sammelte, geschah es, dass Zusammengehöriges vielfach getrennt und Verschiedenartiges zusammengestellt wurde. So erklärt es sich, dass Isaias, dieser Fürst unter den Propheten, seine Berufung zum Propheten erst im 6. Kapitel seines

Buches erzählt, nachdem mehrere prophetische Reden von ihm angeführt worden, die er sicher erst nach seiner Berufung zur Prophetenwürde gehalten hat.

Wer sich die Mühe nimmt, nur einige Kapitel des Buches Isaias allseitig, also auch metrisch zu analysieren, dem wird das Gesagte ganz klar sein. Diesem Umstande ist das Mosaikartige seines Buches und auch einiger anderer Schriften des Alten Testamentes zuzuschreiben, weshalb der Exeget immer die Herkunft einer jeden Rede, eines jeden Stückes genau untersuchen wird.

Viele, die von diesem Sachverhalte keine Ahnung haben, werfen uns freilich vor, dass wir hierin der modernen protestantischen Kritik Zugeständnisse machen. Nein, nostra sunt! Wir folgen den Begründern der literarischen Kritik, und diese waren bekanntlich Katholiken. Wenn im 19. Jahrhundert hauptsächlich Protestanten nach den Quellen forschten, so ist die Annahme von Quellen deshalb noch nicht akatholisch. Das Studium des Alten Testamentes wurde im vorigen Jahrhundert, fast bis gegen das Ende desselben. von den Katholiken vernachlässigt; man braucht nur die Programme gewisser theologischer Lehranstalten

aus der damaligen Zeit und die von katholischen Exegeten veröffentlichten Schriften ins Auge zu fassen, und man wird sich vieles erklären können. In den letzten Jahren hat sich aber die Sachlage geändert. Hervorragende Kräfte arbeiten an der Lösung der Schwierigkeiten, die nicht wegzuleugnen sind, und ganze Institute, die biblische Akademie, die biblische Kommission und das biblische Institut sind zu dem Zwecke ins Leben getreten. Mit Freude wurde in den exegetischen Kreisen auch die Vorschrift aufgenommen, welche Pius X. erlassen, dass die Theologiestudierenden jetzt jedes Jahr exegetische Vorlesungen anzuhören haben. Da sie nicht gezwungen werden können, dieselben Vorlesungen nochmals anzuhören, so müssen die Professoren der Exegese ihren Stoff jedenfalls auf vier Jahre ausdehnen, wodurch sie in die Lage kommen, wenigstens die wichtigsten Schwierigkeiten berühren zu können.

4. Der Vollständigkeit halber muss noch ein Einwand erwähnt werden, welchen man den jetzigen Exegeten macht. Wenn sie von unbekannten Verfassern sprechen und nach den Quellen forschen, müssen sie oft den bittern

Vorwurf hören, dass sie segen die heilige Schrift selbst vorgehen, die bei jedem Buche seinen Verfasser erwähne. So sei die Rede von den Büchern Samuels, vom Buche Job u. s. w.

Ist dem wirklich so, oder ist auf diese Weise nicht vielmehr der Inhalt des Buches bezeichnet? Das Buch der Richter führt doch diesen Namen, weil es ihre Taten behandelt; das Buch Job heisst so, weil es die Geschichte dieses Mannes, der in dem Buche in jeder Hinsicht als die Hauptperson erscheint, schildert, und dasselbe ist von vielen andern Büchertiteln zu sagen.

Ausserdem ist zu beachten, dass in den letzten Jahrhunderten vor Christus bei den Juden eine literarische Form im Gebrauch war, wonach der Verfasser die Person eines berühmten Vorgängers annahm. Wir begegnen ihr in den sogenannten Psalmen Salomos, im Buche der Jubiläen, im Buche Henoch, in der Himmelfahrt des Moses, in den Testamenten der zwölf Patriarchen u. s. f. Diese literarische Form drang auch in die kanonischen Bücher ein; so tritt der Verfasser des Buches der Weisheit und der sogenannte Ecclesiastes —Kohelet als Salomo auf, obgleich es ausser allem Zweifel steht, dass die beiden Bücher Bücher

nicht vor 200 v. Chr. entstanden sind. Weil diese Tatsache früher nicht allgemein bekannt war, gab es Männer, welche die beiden Bücher dem Salomo zuschrieben.

IV. Die historische Kritik.

Hochansehnliche Versammlung! Sie glauben vielleicht, dass ich mit den Aufgaben eines alttestamentlichen Exegeten fertig bin. Das ist leider noch nicht der Fall, aber ich will mich in dem Folgenden so kurz fassen, als es nur möglich ist, um sie nicht zu ermüden. Ich muss noch die historische Kritik erwähnen, das, was man früher einfach die objektive Wahrheit des Erzählten nannte.

ist das, was das Alte Testament erzählt, auch wirklich wahr, oder enthält es naturgeschichtliche Ungereimtheiten und falsche historische Angaben? Früher hiess es, die Aufgabe eines Exegeten gehe nicht weiter als zur Eruierung und Darlegung der hermeneutischen Wahrheit, d. h. der Exeget brauchte nur zu sagen, was die heilige Schrift lehrt. Damit hatte er seine Pflicht getan, denn an

der Wahrheit des Erzählten zweifelte man nicht. Heute kann der Exeget nicht umhin, auch die Wahrheit des Erzählten in Schutz zu nehmen.

1. In Bezug auf die Naturwissenschaften besteht kaum eine nennenswerte Schwierigkeit. Alle geben jetzt zu, dass die Bibel kein Handbuch der Naturwissenschaften sein will und dass sie sich bei diesen Dingen der volkstümlichen Ausdrucksweise bedient. Man gelangte zu diesem Resultate hauptsächlich durch das Studium der biblischen Kosmogonie. Sie kennen den Inhalt des 1. Kapitels der Genesis. Zuerst schafft Gott das Licht, dann das Firmament, durch welches er die Wasser über dem Firmament von denen scheidet, die sich unten befinden; am dritten Tage trennt er die Erde von den unteren Wassern, und die Erde bringt die Pflanzen hervor. An den drei letzten Schöpfungstagen bekommen die geschaffenen Regionen ihr Heer, ihre Bewohner. Oben am Firmament werden die Gestirne erschaffen, in der Luft die Flugtiere, im Wasser die Fische, auf Erden die übrigen Tiere, und zuletzt erscheint der Mensch als Krone der ganzen Schöpfung.

Müssen wir nun annehmen, dass die Schöpfung in dieser Reihenfolge vor sich gegangen?

Die heilige Schrift gibt uns selbst einen Anhaltspunkt, dass dies nicht der Fall ist. In dem gleich darauf im 2. Kapitel folgenden Bericht ist ja die Ordnung eine ganz andere. Hier ist die Erde zuerst trocken; dann wird das Wasser erwähnt, worauf Adam entsteht, dann Bäume, nachher Tiere und zuletzt Eva. Die heilige Schrift scheint demnach anzudeuten, dass die Ordnung der Schöpfungen im 1. Kapitel nicht chronologisch sein muss. Religiöse Wahrheiten wollte der Verfasser den Israeliten einschärfen, hauptsächlich die eine grosse Wahrheit, gegen die sie sich oft verfehlten: Gott allein sollst du anbeten, denn er hat alles erschaffen. Auf die Art und Weise nun, wie die Israeliten es zu tun pflegten, zählte er die geschaffenen Dinge auf und zwar so vollständig, dass für sie keine Lücke blieb. Alles, aber auch alles ohne Ausnahme, hat Gott der Herr ins Dasein gerufen.

2. Viel schwieriger ist es, in jedem Punkte die Wahrheit der im Alten Testamente erzählten Geschichte darzutun. Diesbezüglich sind die Untersuchungen bei weitem noch nicht abgeschlossen. Viele Schwierigkeiten werden ihre Lösung dadurch finden, dass man verschiedene

Arten der Geschichte im Alten Testamente unterscheiden wird. Neben geschichtlichen Erzählungen im strengsten Sinne des Wortes mag es auch erbauliche Geschichte geben, wie z. B. in den Büchern Tobias, Esther und Judith. Damit soll gesagt sein, dass die Elemente der Erzählung der Geschichte entnommen sind, dass aber ihre Aneinanderreihung ein Werk des inspirierten Schriftstellers sein dürfte. * * *

Bei diesen verschiedenartigen, mühevollen Untersuchungen wird der Exeget an die Worte denken, welche in dem Briefe Pius' X. an Bischof Le Camus vom 11. Jänner 1906 zu lesen sind:

«In derselben Weise, in der Tat, wie man die Verwegenheit derjenigen verurteilen muss, die sich verleiten lassen, viel mehr dem Geschmacke der Neuheit zu folgen, als der Unterweisung der Kirche, und nicht zaudern, auf kritische Prozesse von einer ausschweifenden Freiheit zu rekurrieren, geziemt es sich ebenso, die Stellung derjenigen zu missbilligen. die auf keine Weise wagen, mit der bis vor kurzem herrschenden Schriftexegese zu brechen, auch wenn unter Wahrung der Unversehrtheit

des Glaubens der weise Fortschritt der Studien sie einlädt, es mutig («corragiosamente») zu tun». * * *

Doch wir befanden uns bis jetzt gewissermassen nur in den Verhallen der alttestamentlichen Exegese. Wohl sind sie gross und erhaben, aber es sind immerhin nur Verhallen zu dem eigentlichen Tempel, der das Allerheiligste birgt. Erst in diesem wird die ganze Pracht offenbar, und mit Ehrfurcht tritt der Hohepriester in dasselbe, um darin den Herrn anzubeten und ihm Opfer darzubringen. Wohl dachte der Exeget bisher bei seinem wissenschaftlichen Streben an den Herrn, aber umsomehr denkt er an ihn, sobald er die erhabenen Wahrheiten ins Auge fasst, welche das Alte Testament enthält. Wie sich der alttestamentliche Hohepriester durch Reinigungen auf den Eintritt in das Allerheiligste vorbereitete und in aller Demut vor den Herrn trat, so neigt sich der Exeget vor dem Herrn und der ihn umgehenden Schar, der Kirche, bereitwilligst vollführt er die ihm gebotenen Opfer und ruft mit den Seraphim beim Propheten Isaias aus: «Heilig,

heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen», indem er mit einer kleinen Änderung des Folgenden hinzufügt: «Und voll ist das Alte Testament seiner Herrlichkeit!» * * *

Ich muss schliessen. Fragt man uns Exegeten, welche Einleitung ins Alte Testament zu benützen wäre, so kommen wir in Verlegenheit. Will man eine kritische Ausgabe des hebräischen Textes haben, ein gutes hebräisches Wörterbuch, die beste hebräische Grammatik, so müssen wir Werke nennen, die nicht von Katholiken verfasst sind. Und so ist auch noch manches andere Gebiet der alttestamentlichen Exegese von Katholiken in letzter Zeit nicht genügend durchforscht worden.

Womöglich sollte bald folgender Plan verwirklicht werden: Es sollte ein vollständiger, mit dem ganzen wissenschaftlichen Apparat versehener Kommentar zum Alten Testamente für den Klerus in lateinischer Sprache herausgegeben werden, wobei eine neue gute lateinische Übersetzung die Krone der mühevollen Arbeit., sein müsste. Darnach sollte — für weitere Kreise —

eine genaue Übersetzung in moderne Sprachen, mit wenigen Fussnoten versehen, angefertigt werden. Eine kritische und metrische Ausgabe. des hebräischen Textes, ein gediegenes Wörterbuch, eine allen Anforderungen der heutigen Zeit entsprechende Grammatik der hebräischen Sprache und eine gründliche Einleitung ins Alte Testament würden sich dann wie von selbst ergeben.