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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

EINIGES VOM BAU UND VON DEN LEISTUNGEN DES SYMPATHISCHEN NERVENSYSTEMS

BESONDERS IN BEZIEHUNG AUF SEINE EMOTIONELLE ERREGUNG

VON
PROF. DR. R. METZNER

JENA

VERLAG VON GUSTAV FISCHER 1913

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort.

Der nachfolgende Aufsatz gibt den Inhalt einer Rede wieder, welche der Verfasser am 10. Nov. 1911 in der Martinskirche zu Basel bei Gelegenheit der Rektoratsfeier unserer Universität gehalten hat. Die wenig anspruchsvollen Darlegungen hatten Interesse erweckt und von mehreren Seiten wurde ich gebeten, dieselben zu veröffentlichen; äußere Umstände haben dann die Drucklegung verzögert. Den Herausgebern der "Vorträge", die mir in freundlichster Weise Gastfreundschaft in ihrem verbreiteten Sammelwerke gewährten, möchte ich auch an dieser Stelle meinen verbindlichen Dank dafür aussprechen. Die Rede kam unverändert nach Form und Inhalt zum Abdruck; nur ein kleiner Passus wurde hinzugefügt, der durch die Fußnote auf S. 20 gekennzeichnet ist.

Basel, Vesalianum im Januar 1913. Prof. Dr. RUD. METZNER.

Hochansehnliche Versammlung!

Der heutige Festtag, der Ehrentag unserer Universität, ist nach alter Basler Sitte nicht wie an anderen Hochschulen, auf den Beginn des Amtsjahres eines neuen Rektors gelegt, sondern gegen das Ende dieser Periode. Unbeschadet dessen, was die letzten Wochen noch bringen können, hat der jeweils amtierende, aus dem Kreise der ordentlichen Professoren gewählte Rektor doch vollauf Gelegenheit gehabt, sich in den Universitätsgeschäften zu betätigen und somit Einblick zu erlangen in vieles Neue und Ungewohnte. Bringt es dazu noch sein Lehramt mit sich, daß er zu den Hochschullehrern gehört, die Jahr aus Jahr ein vollständig aufgehen müssen in ihrer umgrenzten Tätigkeit, die gänzlich im Banne der von ihnen geleiteten Anstalt gehalten werden, dann trifft ihn dieses Neue und Ungewohnte mit doppelter Wucht; angenehme und unangenehme Überraschungen aller Art, Seelenzustände, die man mit "bange Erwartung", "plötzliche Enttäuschung"bezeichnen mag, treten bei ihm in nicht seltener Wiederholung auf, kurz, er wird häufig der Spielball leichterer "Emotionen", um einen geläufigen Ausdruck zu gebrauchen.

Die physischen Begleiterscheinungen solcher "Emotionen" sind nur zu wohl bekannt: Herzklopfen, abgelöst von dem Gefühl des Versagens der Pulse, ein "heißer Kopf" oder Blässe des Angesichts, eine peinliche Beengtheit beim Atmen und Sprechen — als ob die Kehle zugeschnürt sei —, all dies hat jeder wohl an sich verspürt, der einmal Zorn oder Ärger, Kummer oder Freude, Schreck oder Bestürzung erfahren, den Erwartung einmal in Spannung versetzt, ein unerwartetes Ereignis vor einen raschen Entschluß gestellt hat. Seltener, obwohl nicht völlige Ausnahmen, sind schon diejenigen Individuen, welche einmal hohe Grade solcher emotioneller Wirkungen und Nachwirkungen kennen gelernt: Verlust des Appetits, Übelkeit bis zum Erbrechen, heftige Störungen der Verdauung, Schweißausbruch aus allen Poren, ja wohl gar das Aussetzen des Herzschlages und damit aller Lebensfunktionen, das man Ohnmacht nennt. Der Arzt vermag die Summe aller dieser Erscheinungen

zusammenzufassen als Erregungszustände im Bereiche des sympathischen Nervensystems; und maßen nun die physiologische Forschung in den letzten Jahren auf diesem Gebiete eine Fülle neuer Tatsachen aufgedeckt und neue Gesichtspunkte für fruchtbare Weiterarbeit gewonnen, so mag es dem Vertreter des Faches an unserer Hochschule vergönnt sein, vor dieser Versammlung darzulegen, was wir über die Leistungen dieses merkwürdigen, die gesamten vegetativen Funktionen unseres Körpers beherrschenden Nervensystems wissen, dessen Name zugleich hindeutet auf die innige Verknüpfung mit psychischen Vorgängen, auf eine für uns oft so peinliche Abhängigkeit, die diese Funktionen von den Zuständen unseres Zentralnervensystems erkennen lassen.

Mit dem letztgesagten möge angedeutet sein ein gewisser Gegensatz zu den interessanten Theorien moderner Psychologen, wonach umgekehrt die emotionellen Erscheinungen unserer Psyche ihre erste Ursache in funktionellen Störungen der vom sympathischen Nervensystem beherrschten Organe haben sollen, vor allem in der Weite und Füllung der Blutgefäße. Ich kann mir natürlich als Nichtfachmann kein Urteil über die psychologische Begründung dieser Theorien anmaßen, — ich kann nur hervorheben, daß sie, soweit sie experimenteller Prüfung durch den physiologischen Versuch zugänglich sind, diese Probe vorläufig nicht bestanden haben. Es wird später noch davon zu reden sein.

Das sympathische oder autonome Nervensystem beherrscht, wie eben erwähnt, die vegetativen Funktionen unseres Körpers, es regelt den Herzschlag, und die Verteilung des Blutes auf die einzelnen Organe; es vermittelt die Absonderung der Verdauungssäfte sowie die Bewegungen von Magen, Darm und Ausscheidungsorganen; und es greift mächtig ein in den Wärmehaushalt unseres Körpers durch Regulierung der Blutfülle unserer Haut und der Schweißabsonderung.

Alles dies direkt, indem es sich gewisser Nervenbahnen als Leitungswege bedient. Außerdem aber auch noch indirekt, durch seinen Einfluß auf die chemischen Korrelationen des Organismus, insofern der Sympathikus die sog. "Blutdrüsen" — Organe, die Stoffe von höchster Wirksamkeit bereiten und an das Blut, bzw. an den Säftestrom abgeben —, in ihrer Tätigkeit fördern oder hemmen kann.

Obwohl nun von vornherein zuzugeben ist, daß wir noch in den Anfängen stecken, wenn wir die gesicherten Ergebnisse der Forschung mit dem vergleichen, was noch unsicher und dunkel, d. h. noch kaum in den Kreis fruchtbarer Fragestellung eingetreten ist, so bietet doch andererseits das Gewonnene eine solche Fülle von Tatsachen dar, daß eine erschöpfende Darstellung nur in einem ungeheuren Rahmen möglich wäre; — für eine Auswahl sind wir um Stoff nicht verlegen. Wenn ich mir gestatte, einige Hauptpunkte vor

Ihnen zu entwickeln, so muß ich doch mit wenigen Strichen einen Gesamtumriß skizzieren, der uns ein Bild gibt von der Struktur, den Konstruktionsprinzipien und den funktionellen Obliegenheiten des sympathischen Systems. Die Grundlagen für diese Skizze sowohl als für die einzelnen Detailzeichnungen entnehme ich den Forschungen der jüngsten Vergangenheit — ich glaube das den Männern schuldig zu sein, die uns mit neuen Forschungsrnethoden beschenkt und damit wiederum dargetan haben, daß wirkliche Fortschritte nur auf diesem Wege erzielt werden, daß die reine Spekulation auch hier in die Irre führt. Es sind vor allem englische Forscher, denen wir den Dankeszoll auf diesem Gebiete in erster Linie zu entrichten haben.

Der "Sympathikus", wie man häufig kurzweg das sympathische Nervensystem nennt oder nannte, steht in inniger anatomischer und funktioneller Verbindung mit dem Zentralnervensystem; er wurzelt in Gehirn und Rückenmark; er wird demgemäß mit Recht als ein Teil .des gesamten Nervensystems betrachtet, obwohl ihm andererseits eine gewisse Selbständigkeit nicht abgesprochen werden kann. LANGLEY hat daher den Namen "autonomes Nervensystem" für die Gesamtheit der hier in Betracht kommenden Gebilde vorgeschlagen; den Namen "Sympathikus" reserviert er für den Abschnitt, der seine Wurzeln aus dem Brust- und Lendenteile des Rückenmarks bezieht; dementsprechend nannte er den Rest, d. h. die mit ihren Verbindungen im Mittelhirn und Nachhirn, sowie im Kreuzbein-Abschnitt des Rückenmarks wurzelnden Abteilungen "Parasympathikus". Doch sind für diesen Abschnitt die Namen "kraniales und sakrales autonomes System" gebräuchlicher geworden. Solche Teilung und Gegenüberstellung ist anatomisch sowohl als physiologisch berechtigt, ja geboten, wie sich ergeben wird.

Die genannten "Wurzeln" wiederum sind Bündel von Nervenfortsätzen, hervorsprossend aus Ganglienzellen, deren Lage in Gehirn- und Rückenmark in gewisser Weise homolog ist zu denen, aus welchen die Nerven für unsere gesamten Muskulatur, die "somatischen" Nerven, ihre Wurzeln beziehen. Es wäre also das autonome System oder der Sympathikus im weiteren Sinne einfach den efferenten, zentrifugalen Nerven unseres Körpers zuzuzählen —, was auch vielfach geschah —, wenn uns nicht fundamentale Unterschiede zwängen, ihn davon abzutrennen.

Während die somatischen Nerven über das ganze Zentralnervensystem hin in regelmäßigen Abständen ihren Ursprung nehmen, geben dagegen Gehirn und Rückenmark nur an gewissen Stellen sympathische Wurzeln ab. Wie schon erwähnt, vom Gehirn nur Mittel- und Nachhirn, vom Rückenmark nur der Brustteil und obere Lendenteil, sowie schließlich noch der obere Abschnitt des Kreuzbeinteiles, des Sakralmarkes. Es sind also hier, im Gegensatz zu

der ununterbrochenen Reihe der somatischen Nervenwurzeln "Lücker" von erheblicher Ausdehnung vorhanden — und wir verdanken WILLIAM GASKELL in Oxford die Auffindung dieser merkwürdigen Tatsache. Seinem Schüler EDGEWORTH gelang dann der Nachweis, daß auch die sensiblen — zentripetalen, oder afferenten zum Zentralorgan ziehenden Nervenfasern des Sympathikus die gleiche Verteilung besitzen; d. h. auch für die Nachrichten, welche Herz, Blutgefäße und Eingeweide über ihre Zustände — über Füllung oder Leere, Spannung oder Erschlaffung — zur Zentralstation senden, sind sie beschränkt auf Leitungsbahnen, deren Einstrahlungsgebiete auf das Rückenmark und Nachhirn die gleichen Grenzen aufweisen wie die efferenten sympathischen Fasern. Es kann daher, um ein Beispiel für die Konsequenzen aus dieser Anordnung anzuführen, eine Quertrennung des Rückenmarks an der Grenze von Hals- und Brustteil desselben — eine Verletzung, welche noch eine genügende Atmung und damit Fortdauer des Lebens erlaubt —jedweden Einfluß des Gehirns auf Weite und Füllung der Körpergefäße abschneiden und ebenso das Anlangen jedweder Nachricht im Zentralorgan über den Zustand dieser Organe verhindern; zumal wenn sich eine bilaterale Ausschaltung des unteren Nervus vagus damit verbindet. Dem Obigen hinzuzufügen wäre noch, daß alle sympathischen Wurzeln relativ wenige Nervenfasern enthalten, verglichen mit den somatischen Wurzeln.

Dem Cambridger Physiologen J. N. LANGLEY war es vorbehalten im Verein mit Dixon durch Ausarbeitung einer neuen Methode den zweiten Unterschied aufzudecken, der zwischen somatischen und autonomen Nerven besteht: indes jede efferente somatische Nervenfaser den Weg von ihrem Ursprung bis zu ihrem Ende in einem quergestreiften Skelettmuskel ununterbrochen durchläuft, ist andererseits jede autonome Nervenfaser einmal, aber auch nur einmal auf ihrer Bahn unterbrochen durch Zwischenschaltung einer Relaisstation, in Gestalt einer neuen Ganglienzelle; letztere haben ihren Sitz in irgendeinem der vielen Ganglien oder Nervenknoten unseres Körperinnern. Die zentrale Wurzelfaser endet hier —wir nennen sie daher präganglionäre Faser; der Nervenfortsatz der neuen Ganglienzelle, der Schaltzelle, führt als postganglionäre Faser die Bahn zu Ende, indem sie sich entweder anlegt an eine Herzmuskelfaser, an eine Drüsenzelle oder an eine der glatten Muskelzellen, welche die Motoren und Spannwerkzeuge für den gesamten Darm, für sämtliche Beckenorgane, für die Hauthaare und für alle Blutgefäße bilden.

Beide Treffpunkte, sowohl denjenigen der präganglionären Faser mit der Schaltzelle, als auch den Endpunkt der postganglionären Faser am Erfolgs- oder Endorgan nennen wir Synapsen, und wollen damit ausdrücken, daß hier eine besonders geartete Substanz oder mehrere solcher Substanzen die verbindende Brücke schlagen. Zugleich mag

angedeutet sein, daß sowohl die präganglionäre als die postganglionäre Faser in gleicher Weise mit Seitenzweigen (Kollateralen) ausgerüstet sind, wie die Nervenleitungen in Gehirn und Rückenmark selbst, und daß für jeden abgehenden Zweig die Verkettung durch Synapsen in gleicher Weise sich vollzieht wie für die Hauptfaser.

Der Mechanismus der Synapsen muß ein sehr verwickelter sein: anatomisch können wir mit den heutigen Hilfsmitteln folgendes feststellen: Die an das Endorgan — sei es Relaisganglienzelle oder Erfolgsorgan (glatte Muskelfaser, Drüsenzelle usw.) — herantretende Nervenfaser teilt sich in mehrere Zweige, kann also mehrere Ganglien- oder Muskelzellen mit Erregungsanstößen (Reizen) speisen. Nirgends aber erkennen wir einen direkten Übergang von Nervenfasern in die Gewebe des entsprechenden Endorgans, immer sind eine oder mehrere Sustanzen zwischengeschaltet, die den Übergang vermitteln. In besonderem Maße gilt dies von den Endapparaten der autonomen Nervenfasern in den Erfolgsorganen, also von ihren Endausbreitungen — von den Verhältnissen in den somatischen, multinukleären Muskeln sehen wir hier ab. Diese Zwischensubstanzen sind ihrer Natur nach völlig unbekannt —sie stellen aber einen Faktor von höchster Wichtigkeit dar, indem sie es wohl ermöglichen, daß ein in der Nervenfaser anlangender Reiz (Anstoß) das einemal Erregung (Tätigkeit), das anderemal Hemmung (Stillstellung oder Verlangsamung schon bestehender Tätigkeit) auslöst. Die experimentelle Untersuchung zeigt, daß der Chemismus, welcher in letzter Instanz diesen Wechsel ermöglicht, beeinflußbar ist durch Arzneimittel, bzw. Gifte. Wir können z. B. bei entsprechender Dosierung durch vorgehende Applikation solcher Substanzen den normalerweise eintretenden Erfolg in sein Gegenteil verkehren. Diese Tatsache ist von erheblicher Tragweite; —einmal eröffnet sie uns Aussicht, auf diesem Wege der Natur der reagierenden Substanzen und Reaktionen nähere Kenntnis abzugewinnen, zum andern zeigt sie uns Wege, durch Arzneimittel in den Betrieb des Organismus regulierend einzugreifen, d. h. also zum Endziel alles medizinischen Forschens und Denkens.

Von dem Gesetze, daß jede efferente autonome Nervenfaser ihr Erfolgsorgan nur mittelbar, nur unter Einschaltung einer neuen Nerveneinheit —eines neuen Neuron, wie die Anatomen eine solche Einheit nennen — erreichen kann, und daß jede autonome Bahn nur einmal einer solchen Schaltung unterliegt, ist bis heute keine Ausnahme bekannt geworden, wenn wir auch noch nicht imstande sind, alle Stationen nachzuweisen; — diese sind eben im ganzen Körper verstreut, z. T. sogar in die Körperorgane selbst eingebettet. — Mag also ein vom Mittelhirn ausgehender Erregungsanstoß die Pupille unseres Auges — etwa bei Prüfung einer zierlichen Handschrift — zur Verengerung

bringen, oder mag beim Anblick eines begehrten Leckerbissens ein vom Nachhirn entsandter Reiz uns das Wasser im Munde zusammenlaufen machen, mag ein vom oberen Brustmark austretender Nervenimpuls unser Antlitz vor Schreck totenbleich werden lassen — nie kann der vom Zentralorgan entsandte Anstoß direkt sein Ziel erreichen, weder den Ringmuskel unserer Iris, noch unsere Speicheldrüsen noch auch die zarten Muskelfasern, welche unsere Blutgefäße umspinnen und sie bei ihrer Zusammenziehung unwegsam machen für den belebenden Blutstrom. Die Einschaltung einer Zwischenstation ist für jeden Weg gegeben, und wenn ich oben dafür den Namen eines Relais gebrauchte mit Beziehung auf die Verwendung solcher Anordnungen bei Verteilung elektrischer Ströme, so geschah es um anzudeuten, daß auch in unserem Falle mit solcher Schaltung eine außerordentliche Ökonomie an Leitungsbahnen erreicht werden kann, in dem jede Nervenfaser mit ihren Seitenzweigen. — d. h. also durch Parallelschaltung —auf viele Synapsen und auf viele Endorgane Einfluß gewinnen kann. Damit ist aber der durch die geringe Faserzahl und durch die "Lücken" verursachte Mangel an Leitungen mehr als ausgeglichen, und es wird begreiflich, wie ein vom Gehirn ausgehender Impuls auch auf wenigen Leitungsbahnen so viele Organe in Erregung versetzen oder in ihrer Tätigkeit hemmen kann, — wie ein plötzlicher Schreck auf Kopf, Herz und Eingeweide — ganz abgesehen von den somatischen Effekten — fast momentan seine lähmende Wirkung auszuüben vermag. Für die Verteilung der Impulse auf die verschiedenen Bahnen — wobei wohl Änderungen des Widerstandes an den zentralen und den peripheren (autonomen) Synapsen eine Rolle spielen — kommen vor allem in Betracht die Nachrichten, welche die afferenten sympathischen Bahnen liefern.

Die Kombination anatomischer Zergliederung und vielfach variierter experimenteller Untersuchung hat nun weiter ergeben, daß die Innervation der vegetativen Organe, mit wenigen Ausnahmen, eine doppelte ist, derart, daß jedes Organ sowohl Fasern vom eigentlichen Sympathikus — also vom mittleren Rückenmark — als auch vom Parasympathikus erhält, und zwar reicht von letzterem das kraniale autonome System mit den letzten Ausläufern des N. vagus etwa bis zum mittleren Dickdarm; den Rest, vor allem unteren Dickdarm und Mastdarm, Harnblase sowie äußere Geschlechtsorgane, übernimmt das sakrale System. Die beiden Systeme des Parasympathikus teilen sich also in die Körperorgane, der Sympathikus dagegen beherrscht sie alle, und in einzelnen Fällen, wie z. B. den Arrectores pilorum, den feinen, an den Haarschäften befestigten Muskelfädchen, ist er der Alleinherrscher; wenigstens kennen wir für diese bis heute keine doppelte Nervenversorgung ebensowenig wie für Niere, Nebenniere und innere Geschlechtsorgane.

In sehr bedeutsamer Übereinstimmung mit der doppelten Versorgung der Organe durch efferente autonome Fasern stellt sich auch ihre sensible, also aus afferenten Bahnen gebildete Innervierung dar; hier ist jedem Organ, wieder mit Ausnahme von Niere, Nebenniere und inneren Geschlechtsorganen, ein doppelter Zugang geöffnet für Nachrichten, die ins Gehirn und Rückenmark dringen sollen. Soweit wir nun Einblick haben in die Funktionen der beiden autonomen Systeme, des sympathischen, thoraco-lumbaren einerseits, des parasympathischen kranial- und sakral-autonomen andererseits, sind dieselben Antagonisten. Zügelt das eine das Herz und macht es langsamer schlagen, so treibt es das andere zu beschleunigter Schlagfolge an; läßt das eine das Blut rasch, in starkem Strome, durch die Speicheldrüsen rinnen und ein dünnflüssiges Sekret hervortreten, so bringt das andere die Wandmuskeln der Drüsengefäße zu so starker Kontraktion, daß sie unwegsam werden für den Blutstrom und nur spärliche Mengen eines zähen, schleimigen Speichels aus der gleichen Drüse hervortreten; — lassen Impulse vorn Mittelhirn, durch parasympathische Nerven laufend, die Blutgefäßwände unserer Wangen erschlaffen, so daß der andrängende Blutstrom sie weitet und unser Antlitz mit fliegender Röte überzieht, so dringen andererseits auf dem Wege des Halssympathikus Erregungen aus dem oberen Brustmark zu unserem Haupte empor, welche rasch die Gefäßwände in heftige Spannung versetzen, dem Blute den Weg zur Haut des Antlitzes wehren — fahle Blässe überzieht dann Stirn und Wangen.

Bestimmte Teile unseres Zentralnervensystems also — das in der Tierreihe schon bei sehr alten Formen vorhandene Mittel- und Nachhirn, und gewisse Abschnitte des zu noch älteren Ahnen herabsteigenden Rückenmarks — beherrschen mit Hilfe, unter Benutzung des autonomen Nervensystems Herz und Eingeweide, Blutgefäße, Drüsen usw.

Antrieb zur Ausübung ihrer Herrschaft erhalten sie einmal auf afferenten Bahnen dieser Organe selbst, durch Nachrichten über Bluttemperatur und Blutfülle, über ihr Bedürfnis an Sauerstoff und an anderer Nahrung, über Schlackenanhäufung infolge ihrer Tätigkeit u. a. m.; — zum anderen, unter Vermittlung der Sinnesorgane, durch die Einwirkungen der umgebenden Welt auf unseren Organismus, und schließlich auch noch vom Großhirn aus, durch Mobilisierung von daselbst deponierten Einwirkungen der Umwelt, in unendlicher Verknüpfung und Mannigfaltigkeit zur Innenwelt unseres Ich umgestaltet. Denn die Tatsache steht fest, daß unser Bewußtsein an die Tätigkeit des Großhirns geknüpft ist — die große Frage nach dem wie? greift über unsere Forschungsmittel hinaus. Wie auch immer das unendlich mannigfaltige Spiel von Empfindungen, Vorstellungen und Willensimpulsen in Gang gesetzt sein mag, immer vermag es, vielfältige

Leitungsbahnen zu Mittel- und Nachhirn sowie zum Rückenmark benutzend, unsere sympathisch innervierten Organe in Mitleidenschaft zu versetzen.

Am eindruckvollsten, und daher von jeher bemerkt, dokumentiert sich das Spiel nervöser Erregungen, auf afferenten und efferenten autonomen Bahnen laufend, am Herzen. Ist hier schon der oberflächlicheren Betrachtung auffallend, wie prompt alle funktionellen Veränderungen unserer Körperorgane den Motor des Blutkreislaufs in Mitleidenschaft ziehen, so ist noch viel auffälliger der Einfluß emotioneller Zustände auf Stärke und Frequenz seiner Schläge. Wie schon erwähnt, ist ein kranial-autonomer nervöser Hemmungsapparat und ein solcher von thorakospinaler Herkunft, also ein speziell sympathischer vorhanden, der beschleunigend und verstärkend. auf den Herzschlag wirkt. Die Leichtigkeit, mit der diese autonomen Herznervenbahren von cerebralen Erregungen befahren werden können, der große Umfang, den ihre Zugänge vom Hirn aus besitzen, hat von alters her Veranlassung gegeben, den Herzmuskel direkt als den Sitz affektiver Zustände anzusehen; die Worte "Kopf" und "Herz" werden überall gebraucht, wo von Verstand und Temperament, Geist und Gemüt in sich ergänzendem oder in gegensätzlichem Sinne die Rede ist. Obwohl wir wissen, daß, wie erwähnt, alle Bewußtseinserscheinungen an Tätigkeitszustände unseres Gehirns geknüpft sind, so unterliegen unsere Vorstellungen doch einem unwiderstehlichen Zwange zur Scheidung: fühlen wir doch so lebhaft bei Freud und Leid, Zorn und Trauer, bei Lust und Schmerz die Mitbeteiligung des Herzens, und vermissen wir sie doch bei ruhiger Denkarbeit. Wie aber schon in den einleitenden Sätzen bemerkt, beschränkt sich der Einfluß emotioneller Zustände nicht auf das Herz; auch Blutgefäße, Tränendrüsen, und vor allem der Verdauungstrakt werden affiziert: dies findet gleicherweise seinen Ausdruck in althergebrachten Ansichten über den Magen, als den Sitz affektiver Zustände u. a. m. Es kann als charakteristisch gelten für die emotionellen Erregungen autonomer Nervenbahnen, daß sie, im Gegensatz zu den reflektorischen, sich meist auf mehrere Organe zugleich verteilen, ja in Fällen hochgradiger Affekte sogar keines verschonen. Dazu kommt aber noch, daß der Einfluß emotioneller Anstöße sich geltend macht ohne Rücksicht darauf, ob dies der Tätigkeit der betroffenen Organe zuträglich sei oder nicht, ob damit dem normalen Ablauf ihrer Funktionen ein Hindernis bereitet wird. Im Verlauf der Darstellung wird sich Gelegenheit geben zu zeigen, wie in feinster und zweckmäßigster Weise die reflektorische Regulation, auf Nachrichten hin, die vom betroffenen Organ einlaufen, ohne das Eingreifen bewußter Vorgänge sich abspielend, auch den weitgehendsten Ansprüchen der Organe auf Schonung und Funktionserhaltung Genüge leistet.

Bevor wir nun eine Darstellung emotioneller Effekte auf vegetative Organe unseres Körpers geben, wobei wir nur einige herausgreifen, ist ein Wort zu sagen über die Methodik der Untersuchung. Wir können die Wirkung emotioneller sympathischer Erregungen teilweise nachahmen, wenn wir einen der großen, dem autonomen System zugehörigen Nervenstämme, die jeweils vielerlei Leistungen in sich bergen, künstlich in Erregung versetzen — am besten mit dem faradischen Strom. Da die in Erregung versetzten Apparate, wie schon erwähnt, den vegetativen, unserem Willen durchaus entzogenen Organen zugehören, so können wir — ohne uns von den natürlichen Verhältnissen zu entfernen — die Untersuchung mit voller Ausschaltung des Bewußtseins, in tiefster Narkose vornehmen. Daneben gibt uns die moderne Forschung aber auch ein Mittel in die Hand, die Wirkung der natürlichen Reize, eben der emotionellen Erregungen, zur Vergleichung heranzuziehen. Die außerordentliche Förderung wissenschaftlicher Methodik durch Benutzung der Röntgenstrahlen kommt auch uns zugute, indem wir ohne jeden Eingriff die emotionellen Effekte auf innere Organe im vollkommen normalen Ablaufe studieren können. Wie bekannt, geben gewisse unschädliche Metallsalze — vor allem die von der Heilkunst so häufig verwendeten Wismutverbindungen — vor dem Röntgenschirm in gleicher Weise tiefe Schatten, wie die Metalle selbst. Eine kleine Portion Kartoffelbrei mit Zusatz von Wismut verabreicht, läßt bei Mensch und Tier auf dem Fluoreszenzschirm ihren Weg durch den gesamten Verdauungskanal verfolgen; das Schattenbild entschleiert uns in überraschender Weise an Magen und Darm rhythmische Bewegungen, der Verarbeitung und dem Transport der Nahrung dienend.

Das klassische Objekt für die Reizung eines autonomen Nervenstammes ist der sogenannte "Halssympathikus", der den Leitungsweg darstellt für alles, was an sympathischen Erregungen vom Rückenmark zu den Kopforganen aufsteigen soll. Reizt man im tiefsten Chloroformschlafe, etwa bei einer Katze, mit sanften, langsamen Induktionsschlägen diesen Nervenstamm an beiden Halsseiten, so öffnen sich weit die Augenlider, die Nickhaut zieht sich ganz in den Augenwinkel zurück, beide Augäpfel treten hervor und richten sich starr geradeaus, die Tränendrüsen sondern Flüssigkeit ab, die bisher strich- oder schlitzförmige Pupille weitet sich zu großer und tiefschwarzer runder Öffnung, dem Auge einem dunkelglänzenden Ausdruck verleihend. Schaumiger Speichel tritt über die Lippen, auf umschriebenem Gebiet des Gesichts, des Kopfes und des Halses sträuben sich die Haare. Das Gleiche — mit den durch die anatomischen Differenzen gebotenen

Abweichungen — sehen wir am Menschen; es tritt nur hier noch hinzu perlender Schweiß und fahle Blässe. Kurz wir erhalten ein Bild, wie wir es überall da gezeichnet finden, wo bildende Künstler und Dichter den Einfluß seelischer und körperlicher Erregungen schildern.

Führen wir die Reizung des Sympathikusstammes etwas tiefer, in der oberen Brustgegend aus, etwa unter dem großen Ganglienknoten, der wegen seiner Besetzung mit vielen ausstrahlenden Zweigen Ganglion stellatum heißt, so ist außer den geschilderten Effekten noch folgendes zu bemerken: Die Gefäße des Armes bzw. des Vorderbeines ziehen sich so stark zusammen, daß geeignete Meßapparate deutlich eine Abnahme des Extremitätenvolumens anzeigen; das Herz beginnt außerordentlich rasch zu schlagen, zwischen den Schultern sträuben sich die Haare, u. a. m. Tragen wir jetzt mit einem feinen Pinsel ein wenig von einer ganz dünnen Nikotinlösung auf das Ganglion stellatum und wiederholen die Reizung, so sind alle Effekte am Kopfe wie vorher zu sehen, sie fehlen jedoch völlig am Arm, an der Schulter sowie am Herzen. Bestreichen wir dagegen vor der Reizung den obersten sympathischen Halsnervenknoten an der Schädelbasis mit der Nikotinlösung, so bleiben alle Effekte auf den Kopf aus, dagegen ist alles vorhanden, was vorhin von Wirkung auf Herz, Schulter und Arm aufgezählt wurde. Sofort können wir jedoch sämtliche Wirkungen wieder erhalten, wenn wir jenseits der Ganglienknoten, also an der postganglionären Faser den Reiz ansetzen. Das Gift hat also nicht die Nervenfasern geschädigt, sondern nur die Synapse, die Schalt- oder Relaisstation; und zwar läßt sich weiter dartun, daß es die Stelle ergriff, wo die Enden der präganglionären Faser der Schaltzelle anliegen. Was daselbst das Substrat der Giftwirkung bildet, welcher Art die Kontaktsubstanz ist, wie sie verändert wird, darüber wissen wir gar nichts. Einen erheblichen Schritt nach vorwärts würde es bedeuten, wenn wir über die Vorgänge an dieser unmeßbar dünnen Schicht aufgeklärt würden, denn an ihr, sowie an der ihr ähnlichen Kontaktstelle des postganglionären Nerven, dort, wo er in die Substanz der Körperorgane übergeht, spielen sich die Wirkungen von Arzneimitteln und Giften ab in einer vorläufig für uns ganz unübersehbaren Mannigfaltigkeit. Wir werden gleich davon hören. Kehren wir noch einmal zu unserem Beispiel zurück, das eben Gewonnene benutzend. LANGLEY, der im Verein mit Dixon die geschilderte Nikotinwirkung entdeckte, hat sie, wie schon erwähnt, benutzt zur Ausarbeitung einer Methode, die in seiner Hand zur Aufdeckung der Relaisstationen in vielen sympathischen und parasympathischen Nervenbahnen führte. Das oben Geschilderte ergibt klar und deutlich, daß für die Kopforgane die sympathische Relaisstation im obersten Halsnervenknoten liegt, für Herz und Arm jedoch im Ganglion stellatum.

In vieler Beziehung bemerkenswerte Resultate ergaben sich bei der Prüfung der Schaltstationen für die Arrectores pilorum bzw. für die ihnen verwandten Apparate zur Aufrichtung von Hautstacheln und von Vogelfedern. Sie liegen in regelmäßiger Folge im sog. Grenzstrang des Sympathikus entlang der Wirbelsäule. Vermittels der Nikotinmethode vermochte LANGLEY bei Katzen alle Synapsen bis auf jeweils ein Paar zusammengehöriger auszuschalten und durch elektrische Reizung der entsprechenden Nervenbahnen Schritt für Schritt auf ganz umschriebener Körperzone vom Halse bis zur Schwanzspitze die Haare zum Sträuben zu bringen; jedem Rückenmarkssegment entsprach eine solche Zone. Reizung des gesamten Grenzstranges ergab die gleichzeitige Aufrichtung auf allen Feldern, jedoch mit einem bemerkenswerten Unterschiede. Indes z. B. beim Igel sich dann alle Stacheln des Körpers aufrichten, sträuben sich die Haare der Katze, des Hundes und vieler anderer Tiere nur auf einem schmalen Streifen entlang der Rückenmitte bis zur Spitze des Schweifes. Diese Beschränkung im Sträuben der Haare bemerken wir aber auch bei genauerem Zusehen an Katzen in emotionellen Zuständen, z. B. beim Zusammentreffen mit einem Hunde. Bei vielen Tieren ist ja die Aufrichtung von bestimmten Haarpartien als Trutz- und Schreckmittel bekannt — und sehr anschaulich zumal von DARWIN in seinem klassischen Buche über den "Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren" geschildert. Kommen auch bei manchen Tieren z. B. Affen gewisse kragenartige Hautpelzpartien an Hals und Schultern noch hinzu, so ist doch immer der Rückenstreifen beteiligt, er fehlt nie. Prof. SHERRINGTON hatte vor kurzem in Liverpool Gelegenheit, an zwei Pavianen Beobachtungen anzustellen und das verschiedene Aussehen der Tiere auf der photographischen Platte festzuhalten, je nachdem sie vergnüglich vom Käfig den Vorgängen im Laboratorium zusahen, oder bei der Annäherung eines ihnen mißliebigen Zwingergenossen das vorher glatte Fell über den Wangen, den Schultern und dem Rücken emporsträubten. Zumal die langen, bis 9 cm messenden Haare, welche kragenartig Hals und Schultern umkleiden, verleihen dann dem Vorderteil des Tieres bei ihrer Aufrichtung ein ganz verändertes, scheinbar an Masse gewaltig vergrößertes Aussehen.

SHERRINGTON vermochte auch hier durch Reizung des Sympathikus die gleichen Effekte zu erzielen. Ich glaube, daß diese besondere, vom Gehirn in emotionellen Zuständen mit Impulsen gespeiste und in beschränkte sympathische Bahnen sich ergießende Nervenleitung, die hier nur auf gewissen Partien des Haarkleides — und ähnlich liegen nach LANGLEY's Untersuchungen die Verhältnisse beim Federkleid der Vögel — auswählend die Arrectores pilorum in Kontraktion versetzt, mit allgemeiner Bevorzugung des Rückenstreifens,

auch beim Menschen noch als wohl ausgefahrene Bahn vorhanden ist, trotz gänzlich veränderter Verhältnisse. Obwohl auch die Oberfläche des menschlichen Körpers zu 95 % behaart ist, so hat dieses Haarkleid doch, abgesehen von wenigen Stellen, den Charakter eines Schutzpelzes verloren und ist zum reinen Sinnesorgan geworden, zu einem Apparate, geeignet Berührungs- und Druckempfindungen zu vermitteln. Der periphere nervöse Sinnesapparat umzieht als feiner Nervenkranz den Haarschaft, jede leiseste Verbiegung des Haares, und sei sie auch nur hervorgebracht durch ein feinstes Watteflöckchen, das wir über die Härchen des Handrückens führen oder durch das Hinüberlaufen einer Fliege, wird als Berührung empfunden. Aber die gleiche Empfindung muß entstehen, wenn innere Kräfte — nämlich die feinen Muskelfasern der Arrectores pilorum — das Haar bewegen. Bei Zusammenziehung dieser Muskeln tritt mit Aufrichtung des Haares zugleich eine kleine Emporwölbung der Haut um jedes Haar herum zutage; die Erscheinung ist uns als Auftreten von "Gänsehaut" (Cutis anserina), auch Horripilatio genannt, geläufig, desgleichen die begleitende, über die Haut hinlaufende Berührungsempfindung. Infolge des erwähnten Gesetzes, daß emotionelle Erregungen immer eine Vielheit von sympathischen Bahnen mit Impulsen speisen, werden zugleich auch die vasokonstriktorischen Nerven erregt, es verknüpft sich mit der Gänsehaut meist Blutleere, Blässe der Haut. Diese Blutleere muß sofort ein verändertes Temperaturgefälle in der Haut hervorbringen, das die Kältnerven erregt. Daher bei emotionellem Auftreten der Gänsehaut auch "Frösteln" verspürt wird. Obwohl nun das Einwirken von kalter Luft, kaltem Wasser usw. uns zeigt, daß Gänsehaut und Hautblässe über die ganze Körperoberfläclie sich erstrecken können, — denn hier treten sie als Schutzreflexe auf, — daß also die gesamten Hauthaare und Hautblutgefäße der sympathischen Innervation gehorchen, so zeigt uns doch der Sprachgebrauch, daß die emotionelle Erregung der Vasomotoren und. Pilomotoren vornehmlich nur der phylogenetisch so alten Bahn für den Rückenhautstreifen entlang läuft. Die Ausdrücke "es überläuft mich kalt", "mich schaudert", "mich fröstelt" sind bekannt, und dienen dem Dichter, emotionelle Zustände eindringlich vor Augen zu stellen. Sieht man genauer zu, so findet man sie am häufigsten in den Formen: "es lief mir kalt den Rücken hinab"; "ein Schauder lief ihm über den Rücken"; ja meines Erachtens sind auch die Ausdrücke, welche auf tiefere Teile, auf die Knochen hinweisen: "es läuft mir kalt durch Mark und Bein", "ihm lief ein Schauder durchs Gebein" zu beziehen auf den in die Tiefe projizierten vasomotorischen und pilomotorischen Reflex des Rückenhautstreifens, und dementsprechend die Bezeichnung "Gebein", "Mark und Bein" auf die Wirbelsäule, als den unter diesem Streifen befindlichen Teil unseres Knochengerüstes.

Direkt genannt finden wir die Columna vertebralis in der "Kritik des Herzens", da wo WILHELM BUSCH die Schilderung eines holländischen Gemäldes gibt, eine kleine, am Nacken eines Mannes ausgeführte Operation darstellend:

"Sahst Du das wunderbare Bild von Brouwer?
Es zieht Dich an wie ein Magnet.
Du lächelst wohl, derweil ein Schreckensschauer
Durch Deine Wirbelsäule geht."

Die seit Alters im Getriebe des Wirbeltierorganismus vorhandene, vom Gehirn zu den Wurzelzellen bestimmter sympathischer Nervenkomplexe führende Leitungsbahn, ein wichtiges Werkzeug zur Ingangsetzung von Ausdrucksbewegungen, wird auch beim Menschen noch befahren bei Gemütsbewegungen, indes doch seine Ausdrucksmittel ganz andere und viel mannigfaltigere geworden sind.

Wenn ich bei diesen Darlegungen die Erregung höherer Hirnteile bei Emotionen als das primäre hinstellte, die Wirkungen auf Gefäßmuskeln, Arrectores pilorum, Pupille usw. als sekundäre, erst von diesen Hirnteilen vermittels des Sympathikus in Gang gesetzte Begleiterscheinungen, meinetwegen Ausdrucksmittel, aufführte, so steht das, wie eingangs erwähnt, im Gegensatz zu psycho-physiologischen Theorien, die sich vornehmlich an die Namen JAMES und LANGE knüpfen. JAMES schreibt: "Unserem natürlichen Gedankengange gemäß — und gemäß unseren physiologischen Erfahrungen dürfen wir hinzufügen 1) — spielen sich diese gröberen — Menschen und Tiere gemeinsamen — Emotionen, wie Kummer, Furcht, Wut, Ekel, Liebe usw. etwa folgendermaßen ab. Die Perzeption irgendeines Geschehens, eines Ereignisses erregt den psychischen Vorgang, den wir Emotion, Gemütserregung nennen, und dieser Vorgang seinerseits setzt die am Körper sich abspielenden Ausdrucksbewegungen (Gefäßveränderung, Horripilatio usw.) in Gang. Meine (JAMES) Theorie, dagegen, sagt: Die körperlichen Veränderungen folgen direkt der Perzeption des erregenden Ereignisses auf dem Fuße, und in unserem Empfinden dieser selben körperlichen Veränderungen, darin besteht die Emotion, das ist es was wir Emotion nennen." Soweit JAMES. Und ebenso betrachtet LANGE die emotionellen Erscheinungen als Folgen von Erregungen im Gefäßnervenzentrum, — wir sagen des sympathischen Coordinationsapparats für das Wechselspiel in der Weite der Blutgefäße unserer Organe. Für ihn wie für JAMES ist die Gemütserregung die Folge und nicht die Ursache für oder der Parallelvorgang zu den Reaktionen der Körperorgane; und zwar ist

für LANGE die Reaktion des vasomotorischen Apparates Fundament und Eckstein der körperlichen Reaktionen. Gemütsbewegung ist das Produkt einer vasomotorischen Reaktion, die ihrerseits durch besondere Reize hervorgerufen wird. Für ihn sowohl wie für JAMES erzeugt der gemütserregende Vorgang Änderungen in der Blutfülle von Eingeweiden, Haut und Gehirn — diese Änderung ihrerseits setzt Änderungen in den Funktionen dieser Organe, und letztere rufen Sensationen hervor, die in ihrer Gesamtheit die Hauptsache dessen bilden, was wir Gemütserregung nennen. Das ist der Kern der JAMES-LANGE'sche Lehre. Professor SHERRINGTON in Liverpool hatte Gelegenheit, eine Hündin zu beobachten, deren lebhaftes Temperament und leichte Erregbarkeit ihm von früher bekannt waren, und welche in frühester Jugend, im Alter von 9 Wochen, eine Quertrennung des Rückenmarks zwischen Hals- und Brustteil sowie beider Nervi vagi erlitten hatte. Die Folge davon war — und muß sein gemäß den anatomischen Verhältnissen — ein vollständiger Verlust aller Empfindungen, die von den Eingeweiden, von der gesamten Haut sowie von allen hinter den Schultern befindlichen Muskeln zum Gehirn, bzw. zum Bewußtsein gelangen können; in gleicher Weise ist die Verbindung des Gehirns mit dem gesamten Blutgefäßapparat des Körpers, abgeschnitten, mit alleiniger Ausnahme der Vasodilatoren für die Haut und Schleimhäute des Kopfes. Die Hündin war schon vorher außerordentlich zutunlich zu ihrem Wärter, der sie auch später mit großer Sorgfalt pflegte; aber ebenso von jeher sehr reizbar und zornig einigen anderen Personen und vor allem Katzen gegenüber. Ihre Zornausbrüche brachen immer mit großer Plötzlichkeit hervor und ihr ganzes Gebaren dabei war, wie SHERRINGTON erwähnt, ganz entsprechend der Schilderung, die DARWIN in dem schon genannten Werke vom Zornausbruche eines Hundes gibt: "Unter dumpfem Knurren werden die Ohren nach hinten gelegt, die Zähne, vor allem die Reißzähne gefletscht, der Rachen halb, die Augenlider weit geöffnet, die Pupillen außerordentlich groß; die Haare über der Rückenmitte vom Kopf bis zu der Lendengegend starr emporgesträubt." Als dann das Tier die oben erwähnten Verluste erlitten — es konnten Nachrichten zum Gehirn nur noch von Haut- und Muskeln des Kopfes, des Halses, der Schultern, der Vorderbrust sowie der Vorderfläche der Vorderbeine gelangen, und das Gehirn konnte auf die Blutgefäße keiner einzigen Körperregion mehr einen Einfluß ausüben, — so zeigte die Hündin doch keine Spur von Einbuße an ihrem so emotionellen Charakter. Zorn und Freude, Widerwillen und Furcht, alles war in altem Umfange vorhanden. Wie früher bezeugte sie lebhafte Freude sobald ihr Wärter auf sie zukam, ihr zurief oder auch wenn sie ihn nur von Ferne sah; aber auch die gleiche Wut, wenn die Katze, mit der sie von jeher in Zwietracht lebte, hereingebracht wurde. Das Erscheinen eines

Gastes, bei dessen erstem vor einigen Monaten erfolgten Besuche die Hündin Zeichen heftigen Zorns bekundet hatte, rief auch jetzt wieder einen Wutanfall hervor; das Gebaren des Tieres war dabei ein durchaus aggressives; unter heftigen Knurren verfolgte es mit seinen Blicken den Fremden. Aber unter den emotionellen Zeichen fehlte jetzt vollständig das Sträuben der Haare. Es waren eben die pilomotorischen sympathischen Bahnen abgeschnitten von den Leitungen, auf denen (normalerweise) die Impulse vom Gehirn zu den Wurzelgebieten des Sympathikus herabsteigen. Beiläufig nur sei bemerkt, daß die Pupillen obwohl infolge der Rückenmarkstrennung der sympathischen Bahnen zu ihnen vom Gehirn aus nicht mehr mit Impulsen gespeist werden konnten, doch eine alleinige emotionelle Erweiterung zeigten. Dies ist aber unschwer zu verstehen als ein Hemmungseffekt auf die parasympathischen pupillokonstriktorischen Oculomotoriusfasern. Bei allen die die Hündin kannten bestand kein Zweifel, daß diese plötzlichen Zornausbrüche oder Freudenbezeigungen mit der gleichen Leichtigkeit auftraten, wie früher. Auch auf anderen Gebieten des Trieb- und Gemütslebens, z. B. ihrem Futter gegenüber, zeigte sie das gleiche Verhalten, wie normale Hunde. Nur selten frißt ein Hund, und selbst wenn er sehr hungrig ist, rohes Hundefleisch; die meisten wenden sich mit einer Art Ekel davon ab. SHERRINGTON benutzte diesen Umstand, um an der Hündin eine Prüfung vorzunehmen. Sie bekam täglich Fleisch in einem Napf voll Milch; in Stücke, wie etwa Zuckerwürfel, geschnitten. Meist war es Pferdefleisch, manchmal Ochsenfleisch. Eines Tages stellte nun der Wärter wie sonst die Schüssel in den Käfig — aber diesmal lagen in der Milch Fleischstückchen von einem geschlachteten Hunde. Unser Tier war hungrig, und da es sah, wie auch die übrigen Laboratoriumshunde gefüttert wurden, wendete es sich gierig dem Napfe zu. Kaum hatte sie die Schnauze in die Milch gebracht, als sie plötzlich stutzte und über die Milch hinschnoberte. Sie schickte sich dann an, ein Fleischstück zu fassen, aber noch bevor sie es berührte, hielt sie inne und wendete sich ab. Noch einmal machte sie einen Versuch, aber dann verzog sie sich in die entgegengesetzte Ecke ihres Stalles. Auf das Zureden und Locken ihres Wärters kam sie zum Napf zurück, aber in gleicher Weise wiederholte sich das Spiel des Widerstreites von Freßlust und Ekel. Der Napf wurde dann geleert, gut ausgewaschen und mit gleichgroßen Fleischstücken —jedoch von Pferdefleisch — sowie mit Milch gefüllt. Wieder kam das Tier auf Locken an den Napf heran, aber diesmal begann es nach einmaligem Schnobern sofort zu fressen und bald war die Schüssel leer. — Man könnte, fügt SHERRINGTON hinzu, diesen Experimenten entgegenhalten, daß sich das Tier wohl in einer Weise benommen habe, als ob Emotionen in ihm sich abspielten, daß es aber doch in Wirklichkeit keine verspürt

habe. Doch läßt sich dieser Einwand nicht aufrecht halten, denn das Gebahren des Tieres, sein Versuch, auf den Fremden, gegen den es die Zähne bleckte usw., loszugehen, sprach mit aller wünschenswerten Deutlichkeit dafür, daß sein innerer Zustand konform seinen Ausdrucksbewegungen war. Mit einem solchen Einwand läßt sich die Beweiskraft dieser Versuche gegen die Theorie von der sekundären Natur der Emotionen nicht erschüttern.

In allerjüngster Zeit 1) hat ELLIOTT einen sehr interessanten Beitrag geliefert zur Beleuchtung der Frage, ob die emotionelle Erregung primären zentralen Ursprungs ist oder erst sekundär hervorgerufen wird durch die Impulse, welche von den sympathisch innervierten, emotionell erregten Organen zum Zentralorgan empordringen. Eine zur Klasse der aromatischen Verbindungen gehörige Substanz, das Tetrahydro-ß-naphthylamin, ruft — unter anderen pharmakologisch bedeutsamen Wirkungen —bei Katzen eine starke Erregung hervor, begleitet von all den uns jetzt bekannten Symptomen seitens sympathisch innervierter Organe —Sträuben der Haare, Pupillenerweiterung usw. Und zwar wirkt das Mittel direkt auf die sympathischen Innervationszentren im Rückenmark, und — wie wir aus dem folgenden schließen müssen —direkt auf die Zentren, an deren Tätigkeit das, was wir Aufregung" nennen, geknüpft ist. Eine sehr zahme und zutuliche Katze, welche eine Rückenmarkstrennung zwischen Hals- und Brustteil erlitten hatte, erhielt eine subkutane Injektion von Tetrahydro-ß-naphthylaminum hydrochloricum: der Effekt war nicht nur auf die vom Brustmark sympathisch innervierten Organe zu beobachten — Sträuben der Haare, weite Pupillen usw. —, sondern die Katze geriet auch in eine wütende Aufregung, so daß sie sogar ihren Wärter biß. Es konnten hier bei völlig durchtrenntem Rückenmark durchaus keine Impulse von den sympathisch innervierten Organen mehr zum Gehirn gelangen; der emotionelle Zustand desselben mußte also auch hier primär durch die einverleibte Substanz erzeugt worden sein.

Erhebliche Klärung und wissenschaftliche Begründung alter Erfahrungen hat die physiologische Sympathikusforschung im Gebiete der Verdauungsstörungen im allgemeinen und im besonderen nach emotionellen Erregungen gebracht. — Damit betreten wir das Gebiet sympathischer Hemmungen. Die Laienwelt hat immer festgehalten am Glauben an die auf Ärger, Schreck, Empörung usw. sich einstellenden Störungen im Magendarmtraktus —"daß einem eine Mahlzeit, bei der man sich geärgert, noch lange wie Blei im Magen liege" —, so wenig

wie die einsichtigen unter den Ärzten sich der Rücksichtnahme auf eine solche Möglichkeit verschlossen, indess die Wissenschaft lange sich skeptisch verhielt, da es ihr nicht gelingen wollte für solche Vorgänge den einwandfreien Nachweis zu führen. Begreiflich: — denn zu dem "Verborgenen" zu dringen und doch durch nichts Abnormes, durch keine Verletzung sich den Zugang zu erzwingen, das gelang ihr erst in jüngster Zeit. Ich habe schon kurz dargelegt wie die "Röntgenstrahlen" uns diesen Zugang gewähren. WALTER CANNON von der Harvard-Universität zu Boston hatte sich eine Anzahl Katzen dressiert, so daß sie sich auf ein entsprechendes Lager vor den Röntgenschirm legten, und sich daselbst durch ein paar Bandschleifen in einer bestimmten Lage fixieren ließen, nachdem sie etwas Kartoffelpurée mit Wismuth verzehrt hatten. Der ganze wunderbare Mechanismus des Magens, soweit er als Beherberger und Sortierer der aufgenommenen Nahrung wirkt, ließ sich so erkennen und vor allem enthüllte jetzt die äußerst verwickelte Knet- und Mischmaschine des Darmapparates ihr wechselwolles Spiel. Nur war CANNON wenig erbaut davon, daß gewisse Glieder seiner Katzenfamilie, nämlich die Kater, ein ganz anderes Bild boten als die Katzen: — Wenn man sie, was stets unter einigem Widerstreben geschah, vor den Röntgenschirm gebracht hatte, lagen Magen und Darm still, bewegungslos da, und der Speisebrei in ihnen ebenso. Als er aber eines Tages eine von den Katzen, die stets den Bewegungsmechanismus in schönster Ausbildung gezeigt hatte, wieder vor den Fluoreszenzschirm brachte — die Katze hatte Junge bekommen und ging nur ungern von ihnen fort — waren auch bei ihr Magen und Darm bewegungslos. Das unruhige Gebahren des Tieres veranlaßte CANNON, unter liebkosendem Zureden ihren Nacken sanft zu streicheln; nach einer kleinen Weile begann die Katze zu schnurren und siehe da, im gleichen Augenblick setzten auch die Magenbewegungen wieder ein: zuerst traten einige kleine Einschnürungen am Eingange (dem Speiseröhrenteil) auf und bald liefen wieder von ihm aus die normalen Wellenzüge zum Ausgange gegen den Darm hin. Als CANNON dann durch Zuhalten der Nasenlöcher die Katze ein wenig ärgerlich machte, sistierten auch die Magenbewegungen wieder. Es war also begreiflich, daß bei dem Naturell der Kater schon der Zwang, vor dem Röntgenschirme still zu liegen genügt hatte, die Verdauungsbewegungen zu hemmen.

Weitere Untersuchungen haben nun dargetan, daß der Sympathikus auf dem Wege des Nervus splanchnicus — des großen sympathischen Eingeweidenerven —solche Hemmungswirkungen ausübt — und zwar durch einen Mechanismus in der Peripherie, — denn nach Durchschneidung dieses Nerven können wir durch Reizung seines peripheren Stumpfes mit dem faradischen Strom die gleichen Hemmungseffekte hervorrufen. Und andererseits vermag eine Reizung

des Nervus vagus — also der kranialen parasympathischen Leitungsbahn für die Eingeweide —, den bewegungslosen Darm oder Magen in Tätigkeit zu versetzen. Also wiederum das Spiel der antagonistischen Systeme. Hier am Magendarmkanal — der, wie oben erwähnt, in seiner Wand ein drittes automatisch tätiges Nervensystem birgt, das von sich aus selbständig diesen Bewegungsmechanismus in Gang setzen kann, und auch normalerweise in Gang setzt, stellen die autonomen Nerven — ebenso wie am Herzen — nur die Regulatoren dar, deren Eingreifen dafür sorgt, daß der Apparat den außerordentlich vielfältigen Ansprüchen, den allermannigfaltigsten Bedingungen genüge. Die Verarbeitung der Nahrung in den einzelnen Abschnitten des Verdauungstraktus bedarf einer gewissen Zeit; es muß weiterhin das für weitere Durcharbeitung an anderem Orte Vorbereitete vom Reste gesondert und abgeschoben werden; an manchen Orten soll ein vielfaches Hin- und Herbewegen stattfinden, — andererseits ist Unverdauliches von Zeit zu Zeit in rascher Weise zu expedieren, ohne eine Durchknetung mit den kostbaren Verdauungssäften zu erfahren. Diese verwickelten Leistungen, bei denen immer ruhende Abschnitte mit bewegten abwechseln müssen, werden durch Eingreifen der höheren Stelle, durch Reflexe im autonomen System gesichert, und in Sonderheit wird von ihm das Spiel der Ventile, welche von Anfang bis zum Ende von Abschnitt zu Abschnitt in den Verdauungstrakt eingeschaltet sind, in allerfeinsten Abstufungen geregelt. Hier sorgen die afferenten sympathischen und parasympathischen Nervenfasern dafür, daß stets Nachrichten über Füllung und Spannung sowie über Beschaffenheit der Ingesta zum Zentralorgan gelangen, auf Grund deren Brustmark und Nachhirn alternierend als Zentren der Reflexe ineinander greifen.

Also wir argumentieren wie folgt: Das in der Wand des Magendarmtraktus selbst befindliche automatisch arbeitende Nervenzellensystem — LANGLEY'S enteric system — ist der Apparat um die von einem Orte zum unmittelbar angrenzenden Nachbarorte des Magens oder Darmes hin- und herlaufenden Bewegungen in Gang zu setzen und zu koordinieren. Die vom kranialautonomen, oder — für die untersten Darmabschnitte — vom sakralautonomen System sowie die vom Sympathikus im engeren Sinne entsandten Nerven dienen dazu, auch entferntere, nicht benachbarte Partien reflektorisch zu verknüpfen. Ein Beispiel: Jede Verletzung, jeder operative Eingriff am oberen Dünndarm setzt sofort, gleichsam mit Überspringung des Zwölffingerdarms, den Hemmungsapparat für den Pförtner des Magens, d. h. für den Ausgang des Magens in den Darm in Aktion. CANNON und FRED MURPHY beobachteten vermittels der Röntgenstrahlen, daß für gewöhnlich von einer kleinen Menge Kartoffelbrei, in den Magen (einer Katze) verbracht, nach 10 Minuten

die erste Portion in den Zwölffingerdarm übertritt; daß, solange noch Nahrung im Magen, ohne Unterbrechung peristaltische Wellen vom Mageneingang zum Pylorus hinlaufen, in einem Rhythmus von geradezu erstaunlicher Regelmäßigkeit, und daß nach ca. 3 Stunden der Magen leer ist. Nach einer am oberen Dünndarm ausgeführten Resektion eines kleinen Darmstückes mit sorgfältiger End-an-End-Naht, blieb eine gleiche Probemahlzeit von Kartoffelbrei — eine halbe Stunde nach dem Erwachen aus der Narkose gegeben — über 6 Stunden im Magen liegen: obwohl die Wellenzüge in gleicher Weise und gleicher Stärke über den Magen gegen den Ausgang zu hinliefen, so ließ doch in dieser Zeit der dicht geschlossene Pförtner keine Spur in den Darm treten —erst in der 6. Stunde begannen Röntgenschatten im Zwölffingerdarm zu erscheinen. War die Operation am unteren Dünndarm, ca. 3 cm über der Ileocoecalklappe, d. h. 3 cm kopfwärts von der Übergangsstelle des Dünndarms in den Dickdarm, ausgeführt worden, so war der Beginn des Übergangs von Nahrung aus dem Magen in den Darm etwa nur 2 Stunden verspätet, aber nun wurde an einer magenwärts vom Operationsorte gelegenen Stelle des Darmes selbst eine neue Blockierung eingeschoben. Während normalerweise von einer Breimahlzeit die ersten Portionen nach 2-3 Standen den Dickdarm erreichen, war hier nach 7 Stunden noch keine Spur von Inhalt im Dickdarm. Am Röntgenschirm war deutlich zu sehen, wie bis zu einer gewissen Stelle im Dünndarm der Nahrungsbrei geknetet und hin und her bewegt wurde, ganz wie im normalen Zustande, über diese Stelle hinaus gelangte aber nichts davon weiter vorwärts. Dabei war der Darm auch an der Operationsstelle gut durchgängig — denn am Tage nach der Operation lag die Probemahlzeit stets, wie unter normalen Verhältnissen, im unteren Dickdarm und war der kleine Patient, so fügen beide Forscher hinzu — "in the best of spirits". Ein Schutzmechanismus idealer Art: befindet sich eine Darmstelle in krankhaftem Zustand, ist eine Verletzung eingetreten, so wird mit unausbleiblicher Sicherheit die Passage von Ingestis oberhalb der Verletzung blockiert, und zwar immer für die Zeit von ca. 6 Stunden. Diese Zeitspanne stellt aber das äußerste Maß dar, welches zur wichtigsten Einleitung des Heilungsvorganges, nämlich zur primären Verklebung von Eingeweidewunden nötig ist. Unter sonst günstigen Umständen wird um jede Wunde des Darmüberzugs, d. h. des Bauchfells — sei es parietales oder viscerales — in kurzer Zeit ein seröses Exsudat ergossen, das oft schon nach 2 Stunden eine Verklebung der getrennten Teile bewirkt; die gewöhnlich dafür in Anspruch genommene Zeit ist länger, jedoch überschreitet sie wohl nie 6 Stunden.

Es wäre jedoch durchaus vorschnell geurteilt, wollten wir annehmen, daß mit den wunderbaren Hemmungsmechanismen, die wir

an den Bewegungen des Darmtraktus, soweit sie zur Verarbeitung und zum Transport der Ingesta dienen, kennen gelernt, die regulatorischen Leistungen des autonom Nervensystems am Verdauungstraktus erschöpft seien. Die Absonderung der Verdauungssäfte, denen die chemische Verarbeitung unserer Nahrungsmittel obliegt, hat, wie begreiflich, von jeher ein besonderes Interesse der Ärzte erregt. Genauere Kenntnisse datieren von den ewig denkwürdigen Studien, die BEAUMONT, ein einfacher Militär-Chirurg auf einsamem Posten in der Wildnis — dem damaligen Territorium von Michigan — tausende von Meilen von jedwedem Laboratorium entfernt, anstellte an einem kanadischen Trapper, dem "voyageur" Alexis St. Martin, welchem nach einem Magenschuß eine Magenfistel geblieben war. Diese Studien, in den Jahren 1825 und 1833 veröffentlicht, legten den Grund für alle späteren Untersuchungen.

Seit dieser Zeit ist auf diesem Gebiete viel Material gesammelt worden, das fruchtbaren Untersuchungen dienen konnte. Aber erst die letzten Jahre haben, dank der glänzenden Methodik des Physiologen PAWLOW in St. Petersburg, das wunderbare Spiel aufgedeckt, das den autonomen Nerven im Getriebe der wechselnden Absonderung sowohl als der wechselnden chemischen Beschaffenheit der Verdauungssäfte zukommt, wenn wir auch, was das zweite betrifft, mit aller Reserve die Zahlen der Pawlow'schen Schule betrachten. Der sympathische Nervenmechanismus kommt vor allem ins Spiel für die initiale Absonderung, der noch die Unterstützung durch die chemische Wirkung der resorbierten Produkte der Verdauung fehlt, welche in späteren Stadien den machtvollsten Faktor darstellt. Ich will hier nur die Hemmung der Magensaftabsonderung erwähnen, die auf Ärger eintritt — diese Tatsache ist jetzt so oft konstatiert und der Nachweis ist auch auf die Absonderung der übrigen Verdauungssäfte ausgedehnt worden, daß sie als gesichert gelten kann, und zwar auch am Menschen, seit die Chirurgie immer mehr versucht, durch sinnreich kombinierte Operationen den an Magen- oder Darmverschluß leidenden Kranken nicht nur die Möglichkeit der Ernährung, sondern auch die Möglichkeit normaler in Gangsetzung der Absonderung von Verdauungssäften durch eine Scheinmahlzeit zu verschaffen. — Es liegt auf der Hand, daß die oben geschilderte emotionelle totale Hemmung der Magenbewegung gleichsam eine Korrektion zur Absonderungshemmung darstellt. Denn wenn auf "Ärger" hin oft stundenlang die Absonderung des zur Verdauung der eingeführten Nahrung so notwendigen Saftes stockt, so wird eben der Motor abgestellt, damit nichts Unverdautes weitertransportiert werde, sondern den Magendrüsen Zeit gegeben, sich von der Hemmung zu erholen. Nur handelt es sich bei der Hemmung von Absonderungen mehr um eine zentrale Wirkung — d. h. es wird nicht

so sehr, wie bei den motorischen Effekten, ein peripherer Apparat — das automatische Darmnervensystem — gleichsam gebremst, sondern an der zentralen Umschaltestelle des Reflexes (Synapse) tritt eine Hemmung ein derart, daß keine Impulse mehr auf die Leitung abgegeben werden. Solche zentralen Hemmungen bei der Absonderung von Verdauungssäften sind uns geläufig aus der täglichen Erfahrung: Wenn eine Zeitlang keine Nahrung aufgenommen wurde, so entsteht der eigentümliche, männiglich bekannte Zustand des Körpers, den wir dunkel empfinden als "Appetit"; in diesem Zustand ruft der Geruch oder Anblick einer wohlschmeckenden Speise, ja schon die Vorstellung einer solchen, eine Absonderung des Mundspeichels hervor — "das Wasser läuft uns im Munde zusammen" unter einem leisen Lustgefühl. Sind wir satt, so tritt dieser Reflex nicht ein, und wir haben eher ein Gefühl der Unlust, der Geruch eines schmorenden Bratens beleidigt unsere Nase. Daß sich ganz parallele Vorgänge im Magen mit der Absonderung seines Saftes abspielen und daß der Vagus der Vermittler ist, hat PAWLOW einwandfrei gezeigt.

Aber das ist noch nicht alles: Der Zustand unseres Zentralorgans bzw. der Einfluß emotioneller Impulse macht sich auch geltend in dem fast geheimnisvollen Reiche der "Sécrétion interne". Ich muß es mir versagen, näher auf die merkwürdige Tätigkeit der sogenannten "Blutdrüsen", als da sind Hirnanhang, Schilddrüse, Nebenniere, Milz, Thymus usw. einzugehen — sie haben ihren Namen davon, daß sie Stoffe, die sie bereitet bzw. nach Umformung in sich angehäuft, nicht wie die Verdauungsdrüsen oder die Ausscheidungsorgane durch ein Kanalsystem auf die Oberfläche des Körpers — wie etwa die Schweiß- und Hauttalgdrüsen — oder die "inneren" Oberflächen der Mundhöhle, des Magens und des Darmes ergießen — also wie alle Verdauungsdrüsen — sondern gleichsam rückwärts wieder abgeben an den Blut- und Säftestrom, von dem sie das Material für den Aufbau ihrer Produkte empfangen haben. Diese Produkte wirken regulierend auf die Tätigkeit der Organe unseres Körpers und sie vermögen ihre Wirkung schon in allerkleinsten, z. T. unwägbaren Mengen zu entfalten. Damit ist aber auch sofort gesagt, warum über die Tätigkeit dieser Gebilde solange völliges Dunkel herrschte — trotz der umfangreichsten Spekulationen, die sich mit ihrer Tätigkeit befaßten —: die Produkte ihrer Tätigkeit verloren sich im Blutstrom und erst in letzter Zeit hat das Experiment es vermocht, dieselben hier und da zu fassen und ihren Wirkungen nachzugehen. STARLING gab ihnen den Namen von Hormonen d. h. Reizstoffen, weil sie eben den Anreiz zur Tätigkeit für viele Organe bilden und somit die chemischen Korrelationen vermitteln, die unseren Körper auch in dieser Hinsicht zum "Organismus", d. h. zu einem Komplex abhängig verbundener Organe machen. Die Schwierigkeiten für ihren

Nachweis und ihre Charakterisierung sind enorm, daher das meiste noch im Flusse und ein ungeheures Feld dem Scharfsinn und der Experimentierkunst offen. Und daß es fleißig bearbeitet wird, dafür bürgt die Tatsache, daß wir hier Stoffe finden, welche die Heilkunst verwenden kann, bzw. daß der Spürsinn des Forschers an Orte geleitet wird, da merkwürdige, mit der "Konstitution" verknüpfte Krankheitsprozesse die Spuren ihres Verlaufes hinterlassen und Arzneimittel ihren Angriffspunkt finden. Ja die Termini der "Konstitutionsanomalien", der "konstitutionellen Differenzen" werden von hier aus Stützpunkte erhalten, auf denen sich einst eine rationelle Definition dieser bislang noch wenig festen Begriffe wird geben lassen. Daß die "Blutdrüsen" nun unter anderem auch mit dem autonomen System, speziell mit dem Sympathikus in engster Beziehung stehen, daß auf diesem Wege dem Sympathikus ein mächtiger Einfluß auf die chemischen Korrelationen, auf die Säftemischung unseres Organismus eingeräumt ist, dafür lassen sich leicht Beispiele anführen; nur zwei sollen herausgegriffen werden: die Schilddrüse und das Nebennierenmark oder das Adrenalsystem. Das von dem Merseburger Arzt v. BASEDOW 1) exakt umgrenzte Krankheitsbild, der Morbus Basedow, ist unter anderem charakterisiert durch das merkwürdige Aussehen der Patienten: Weit geöffnete Augenlider, stark hervortretende Augäpfel und ein merkwürdig starrer Blick, dazu tritt noch stürmisches Herzklopfen: alles Symptome, die wir als Erfolg der Reizung sympathischer Nerven kennen lernten. Die guten Heilerfolge, welche die Chirurgen, vor allem KOCHER, bei dieser Krankheit durch operative Verkleinerung der Schilddrüse erzielten, weisen, wie viele andere Symptome, darauf hin, daß eine abnorme Schilddrüsenfunktion zu den Grundursachen dieses Leidens mit seinem Syndrom sympathischer Reizungen gehört. In noch engerer funktioneller Beziehung zum Sympathikus steht das Produkt der Nebennieren, das Adrenalin (Syn. Suprarenin, Adrenin), das von dem Marke dieses merkwürdigen, im Verhältnis zu seiner geringen Größe außerordendlich reich mit sympathischen Nerven und Nervenzellen versorgten Organs in unabwägbar kleinen Mengen dem Blute zugeführt wird. Dieser Stoff entfaltet schon in Spuren eine gewaltige Wirkung: bringen wir den zwanzigsten Teil eines Milligramms davon ins Blut, so ziehen sich sämtliche kleinen Schlagadern des Körpers so stark zusammen, daß das Herz seine Arbeit gegen einen enormen Widerstand leisten muß und auch leistet; der Blutdruck steigt so hoch, daß die größeren Gefäße bis zum Bersten gespannt sind. Zugleich schlägt das Herz rascher, die Augenlidspalten

erweitern sich, ebenso die Pupille; die Tränendrüsen und Speicheldrüsen sondern ab, Schweiß tritt hervor, die Haare sträuben sich; fast momentan sistieren alle Darmbewegungen, die Harnblase erschlafft, indes der Schließmuskel des Orificium urethrae in heftige Kontraktion gerät. Das ist mit anderen Worten das Bild einer vollständigen, über alle Körperorgane verbreiteten Sympathikusreizung. Dort wo der Sympathicus bei seiner Reizung Organe zur Tätigkeit antreibt, ihre Tätigkeit fördert, wie beim Herzen, den Gefäßmuskeln, Drüsen, Pilomotoren, dem Harnröhrenschließmuskel, tut es auch das Adrenalin, und dort wo Erregung des Sympathikus tätige Organe hemmt oder tonisch erregte zur Erschlaffung bringt, wie bei den Magen- und Darmbewegungen, der Harnblase usw., begegnen wir dem gleichen Effekt nach Applikation von Adrenalin.

Wir sehen hier also ein Organ, reich mit sympathischen Nerven versehen, das, wie vielfältige Versuche dargetan, auf Reizung des N. splanchnicus, des großen sympathischen Eingeweidenerven, lebhaft Adrenalin absondert und das andererseits durch den gleichen Stoff, eben das von ihm gelieferte Adrenalin, mächtig auf den Sympathikus wirkt.

Überraschen kann es uns dann auch nicht mehr, wenn wir erfahren, daß emotionelle Einflüsse sich gleichfalls auf das Adrenalsystem geltend machen, hier wo der Sympathikus die bedeutende, soeben kurz skizzierte Rolle spielt.

Wir verdanken wiederum CANNON'S experimentellem Geschick wertvolle Aufschlüsse auf diesem Gebiete. Wie schon erwähnt, ist Adrenalin in kleinster Dosis imstande, die Effekte reiner Sympathikusreizung hervorzubringen; dies ist unschwer zu demonstrieren an der glatten Muskulatur der Blutgefäße und des Darmes, wenn man Stücke davon einem eben geschlachteten Tiere entnimmt. In diesem Zustande ist ihre Empfindlichkeit ungeheuer viel größer, als wenn sie noch integrierende Teile des Organismus bilden — und diesen Umstand machte sich das Experiment zunutze. Eine Lösung von 1 Teil Adrenalin in 20000000 Teilen indifferenten Kochsalzwassers vermag einen Streifen einer Rindsschlagader in Kontraktion zu versetzen bzw. einen Längsstreifen von Katzendarmmuskulatur, der ja, wie oben erwähnt, noch lange überlebend rhythmische Bewegungen ausführt, zum Stillstand und zur Erschlaffung zu bringen, entsprechend unserer Erfahrung über die Darmhemmung des sympathischen Systems. Die enorme Empfindlichkeit eines solchen Präparates benutzt man u. a. um das Blut von Menschen oder Tieren auf etwaigen Adrenalingehalt zu untersuchen — wozu ein paar Blutstropfen genügen. Im Verein mit DE LA PAZ, seinem Mitarbeiter, untersuchte CANNON das Blut von Katzen — es war im allgemeinen wirkungslos auf einen Darmstreifen, d. h. sein Adrenalingehalt war ein verschwindend kleiner. Als er

aber von der gleichen Katze ein paar Blutstropfen gewann, nachdem sie auf die Gegenwart eines bellenden Hundes mit allen Zeichen emotioneller sympathischer Erregung — Sträuben der Rückenhaare bis zur Schwanzspitze, Pupillenerweiterung und Hervortreten der Augäpfel — reagiert hatte, und er diese Tropfen einer Kochsalzlösung zufügte, in der ein rhythmisch wogender Darmmuskelstreifen sich befand, so trat binnen kurzem Stillstand und Erschlaffung ein. Vor allem war dies der Fall, wenn die Aufregung der Katze eine Zeitlang angehalten hatte — und mit Recht weist CANNON auf den Circulus vitiosus hin, unter dessen Einfluß bei länger dauernden Aufregungzuständen der Verdauungsapparat durch das "emotional blood", das durch "Ärger" vergiftete Blut geraten muß. Denn je stärker und je länger dauernd die sympathische Reizung, um so mehr Adrenalin sondert — neben der Hemmung der Verdauungswerkzeuge die Nebenniere ab, das ja seinerseits wiederum reizend auf die sympathischen Nerven der Nebenniere wirkt, dieselbe also ebenfalls wiederum zu vermehrter Absonderung veranlassend. Sehr anhaltende Störungen der Verdauung müssen sich einstellen, oder besser gesagt: wir haben hier einmal etwas Greifbares in Händen, um altbekannte Erfahrungen über die üblen Folgen anhaltender oder sehr heftiger seelischer Erregungen auf die ursächlichen Momente zu prüfen.

Nur wenige Beispiele konnte ich aus der Fülle des Materials herausgreifen, um darzulegen wie die innige, von alters her sprichwörtliche Verkettung emotioneller Zustände unserer Psyche mit den Funktionen unserer vegetativen Organe durch die neueren physiologischen Forschungen dem Verständnis näher gebracht wird. Andeuten darf ich nur noch, daß das Ineinandergreifen und das dabei vielfach gegensätzliche Verhalten von Sympathikus und Parasympathikus seinen Ausdruck findet in dem Spiel und Wirkungsbereich gewisser Gifte, die zu den wertvollsten Mitteln unseres Arzneischatzes zählen. Und zwar kennen wir für das einzelne System sowohl erregende als lähmende Stoffe, so daß wir in vierfacher Weise auf ein Organ zu wirken vermögen, je nachdem ein fördernder oder hemmender Nervenapparat der einen oder anderen Wirkung ausgesetzt wird. Es ist hier nicht der Ort, näher auf diese, neben ihrem wissenschaftlichen Werte so eminent praktischen Fragen einzugehen, doch sei zum Schlusse nur auf eines hingewiesen. Die Heilkunst verfolgt mit wachsender Teilnahme die physiologischen Forschungen auf diesem Gebiete, und wir können, ohne ruhmredig zu sein, mit einem gewissen Stolze uns auf dem Markte zeigen. Waren schon die so wertvollen Schilddrüsenpräparate vornehmlich der physiologischen und physiologisch-chemischen Forschung zu danken, wenn auch der Anstoß zu ihrer Untersuchung von der Praxis ausging, so können wir im Adrenalin, dem wirksamen Agens des Nebennierenmarkes, ein Mittel

vorweisen, das rein und restlos physiologischer Arbeit sein Dasein verdankt.

Hier war nicht, wie so vielfach, ein Kraut vorhanden, dessen heilsame Kräfte seit alters bekannt, und das nur der Forschung harrte, damit die in ihm ruhenden wirksamen Bestandteile rein und unvermischt dargestellt würden, hier wurde durch physiologische Experimentierkunst ein Stoff entdeckt, der, von einem kleinen, unscheinbaren Organ des Tier- und Menschenkörpers bereitet, daselbst in geringsten Mengen die mächtigsten Wirkungen auf sympathisch innervierte Mechanismen unseres Körpers ausübt. — Die hervorstechendste dieser Wirkungen tritt zutage in einer bis zur äußersten Grenze gehenden Zusammenziehung der Wandmuskulatur unserer Blutgefäße. Wie den Ort seiner Bereitung so deckte die Physiologie auch die chemische Struktur des Körpers auf; — da sie sich als eine relativ einfache erwies, war der Ansporn für synthetische Darstellung gegeben, die auch bald gelang, und so konnten wir in die Hände der Arzte ein Mittel legen, das heute kein Geburtshelfer, kein Spezialist für Nasen- Rachen- und Kehlkopfkrankheiten, überhaupt kein Operateur mehr entbehren möchte. Denn auch die schwersten Blutungen, der chirurgischen Unterbindung nicht zugänglich, weil hervorquellend aus vielen kleinsten Gefäßen oder aus versteckten Organen, vermag es zu stillen; die entzündlich geschwollenen Schleimhäute schwer zugänglicher Körperhöhlen läßt es blutleer zusammensinken, und eröffnet damit den Zugang; und als Zusatz zu allen Mitteln, die das Feld einer Operation unempfindlich machen sollen, liefert es eine unersetzliche Hilfe: es bannt das schmerzstillende Arzneimittel an den gewünschten Ort, indem es den Blutstrom in der Umgebung zum Stillstand bringt, der es sonst entführen würde. Für alle Operationen, da allgemeine Narkose durch den Zustand des Patienten oder die Art des Eingriffs sich verbietet, ist das Adrenalin ein unschätzbares Hilfsmittel geworden.

Verehrte Anwesende — wenn auch die Physiologie wie alle wissenschaftlichen Disziplinen, rein dem Drange nach Erkenntnis gehorchend, ihren Weg verfolgt, und wenn sie im Verein mit ihren Schwestern Anatomie und Naturwissenschaft durch ihre Lehren nur mittelbar, nur durch Schaffung einer wissenschaftlichen ärztlichen Vorbildung der Heilkunst dient und dienen muß, so ist es doch für ihre Jünger stets eine besondere Genugtuung, durch Darbietung eines neuen Heilmittels unmittelbar in den Dienst der leidenden Menschheit zu treten.