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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Zur Psychologie der Tiere.

Die fünfte Wurzel einer neungliedrigen Zahl kopfrechnerisch zu ermitteln, wie das der ungarische Hengst Muhamed des Herrn Krall in Elberfeld vor einigen Jahren fertig brachte, ist eine so erstaunliche, ja verblüffende, den homo sapiens geradezu in den Schatten stellende Kraftprobe tierischer Geistestätigkeit, dass einige Zweifel darüber unvermeidlich wurden und sich auch dann nicht minderten, als dieser Rekord durch weitere Wunderdinge, wie sprechende Pferde und briefstellende Hunde augenscheinlich gefestigt worden war. Die Wahl dieses Themas mag darum begreiflich und gerechtfertigt erscheinen. Nicht, dass es in der Tendenz dieses Vortrages "für Hörer aller Fakultäten" liegen kann, diese geradezu unfassbaren Leistungen eines Tieres zu analysieren, oder auch nur Stellung zu nehmen zu den bereits vorhandenen Erklärungsweisen; solche mögen den Kronzeugen vorbehalten bleiben. Nein, es soll uns diese Stunde bloss einige Gesichtspunkte freilegen, von welchen aus das tierische Geistesleben überhaupt zu beurteilen ist. Dabei muss bedauerlicherweise zugestanden werden, dass dermalen tierpsychologische Werke, welche als Quellen benutzt werden könnten, mangeln, obwohl einschlägige Beobachtungen nicht fehlen. Die Seelenlehre befasst sich eben mit den Erscheinungen des geistigen Lebens, Erscheinungen, die nur subjektiv und allenfalls durch sprachliche Vermittlung festzustellen sind. Nun aber trifft hier das Dichterwort zu:

"Verschleiert sind der Tiere Seelen
Und unsern Sinnen ihre Sprache schweigt." (Widmann)

Die Tiere vermögen ihr seelisches Leben bloss durch Tätigkeiten zu äussern, also durch Gebärdung; deshalb kann die Tierpsychologie auch nur in einer Auslegung von solchen, also in einer Gebärdenlehre bestehen. Und wie sollte eine solche im

breiten Leben anders durchführbar sein, als in anthropozentrischem Sinn, d. h. durch Beurteilung auf Grundlage menschlicher Motive.

Es ist aber evident, dass solche Urteile nie einer individuellen Grundfarbe entbehren. Und tritt hinzu noch die künstlerisch-ethische Dekoration der Geschehnisse durch eine zu wenig gezügelte Phantasie, so wird die Tatsächlichkeit oft derart verschleiert, dass es meist schwer fällt zu entscheiden, was Wahrheit ist und was Legende. 1)

Es scheint dieser vorsorgliche Ingress um so notwendiger, als die Psychologie sich eben überhaupt als eine Art wissenschaftliches Glatteis präsentiert, das zudem nur in dünner Kruste das bodenlose Gewässer philosophischer Spekulationen überbrückt.

Soll das psychische Geschehen der Tiere nicht nur durch willkürliche Vergleichung mit dem Innenleben des Menschen geprüft, sondern wirklich wissenschaftlich, d. h. objektiv erfasst werden, dann kann das nur stattfinden auf Grundlage der vergleichenden Anatomie und Physiologie in der Tierreihe und an Hand von Experimenten. Nun allerdings ist diese Grundlage zurzeit noch nicht so weit gediehen, dass sie zu unserm Zweck ausreichen wurde. Vorläufig behauptet die Hypothese noch ihren Platz. Doch soll das nicht hindern, wenigstens einige der feststehenden Tatsachen auch hier als Fundament zu benützen. So mag zunächst an die anatomische Entwicklung

des Nervensystems als dem Träger des psychischen Lebens gedacht werden.

Die einzelligen Geschöpfe sind nervenlos; höchstens dass etwa Pigmentflecke als Sinnesorgane zu deuten sind. Gleichwohl führen äussere Reize zu Reaktionen, welche denjenigen der Nerventiere ähnlich sind. Offenbar vermag das Ektoplasma solche aufzunehmen und als besondere Erregungsform dem Protoplasma und Kern zu übermitteln. Gebilde, welche als eigentliche Sinneszellen gehalten werden können, finden sich aber schon bei den niedersten Metazoen, und zwar in Form von eigenartigen Zellen 'des Ektodermes, welche mit zahlreichen basalen Verzweigungen versehen sind.

Ähnlichen Zellgebilden begegnen wir sodann bei den Coelenteraten; sie liegen aber tiefer unter der Oberhaut, meist gruppenweise und sind durch feine Ausläufer sowohl unter sich, als mit den Organzellen verbunden. Ohne Zweifel handelt es sich hier bereits um besser differenzierte Ganglienzellen und um nervöse Leitungsbahnen. Mehr und mehr entwickeln sich jetzt diese Anlagen, ordnen sich gruppenweise an und bilden so die sogenannten Ganglienknoten, die durch nervöse Kommissuren miteinander verbunden bleiben. Solche lagern sich erst zerstreut der Körperwand an oder gruppieren sich um den Schlund herum oder der Rücken- und Bauchwand entlang, wie bei den Würmern, und erst bei den Manteltieren konzentrieren sie sich zu einem einheitlichen strangartigen Gebilde dem Rücken entlang. Aber die endliche Sammlung dieser nervösen Zentralen in einer geschlossenen Kette, in Form des Rückenmarkes, ergibt sich erst bei den Vertebraten. Dabei bilden die Ganglienzellen von Anfang an die graue Substanz, und die Leitungsbahnen entsprechen der weissen Aussenschicht. Am vordem Ende des Rückenmarkes, woselbst die zahlreichen Sinnesnerven eintreffen, entwickeln sich schon bei den Fischen jene terminalen knotigen Anschwellungen. der grauen Nervenmassen, das Kleinhirn, die Vier-, Seh- und Streifenhügel, welche unter dem Namen der Grosshirnganglien den bleibenden Stamm der obersten Zentrale darstellen.

Hiezu addiert sich weiterhin nur noch das Grosshirn, welches

in seiner ersten blasenartigen Anlage schon bei den Ganoiden. auftritt und sich in der Folge zu den beiden Hemisphären ausgestaltet. Dabei ist es die Wandung dieser Hohlkugeln, die Hirnrinde, welche eine stetige Zunahme erfährt, schliesslich derart, dass sich die Oberfläche in Falten legen muss, wodurch die bekannten Hirnwindungen entstehen. Die Grosshirnrinde, welche aus einer grauen Aussenzone besteht von spezifisch geformten Ganglienzellen, die sowohl unter sich, durch sogenannte Assoziationsfasersysteme, als mit den Grosshirnganglien und dem Rückenmark kommunizieren, wird nun als Sitz des Bewusstseins und der psychomotorischen Funktionen gehalten. Das hat aber nicht die Meinung, dass diese höchsten nervösen Leistungen nur denjenigen Geschöpfen reserviert seien, welche über einen derart hochentwickelten Grosshirnmantel verfügen. Vielmehr ist zu vermuten, dass auch bei niedern Tieren, trotz der primitivem Nervenanlage, gleichwohl neben gewöhnlichen Reflexen, auch Bewusstseinsakte zustande kommen, und dass in der aufsteigenden Tierreihe die psychische Sphäre stets in die neuesten nervösen Akquisitionen hinaufrückt, also schliesslich in die Grosshirnrinde und in dieser in die oberste Zellschichte. So geht denn auch die geistige Potenz der Tiere mit der Entwicklung des Rindengraus, respektive der Gehirnwindungen parallel und müssen demnach die Flossenfüssler, die paaren und unpaaren Huftiere, die Raubtiere und Affen zu den geistig höchststehenden gerechnet werden, da nur bei diesen die Gehirnwindungen sich ausgebildet haben.

Weniger zuverlässig sind die physiologischen Grundlagen. Doch mögen hier wenigstens über Empfindung und Gedächtnis, dem Wurzelwerk des Denkens, einige Bemerkungen Platz finden.

Die Empfindung ist man genötigt, als Ausgangspunkt des tierischen Lebens aufzufassen. Sie ist denn auch den niedrigsten tierischen Lebewesen eigen und für deren Lebenserscheinungen verantwortlich zu erklären, wenn anders die Bewegungen einzelliger Tiere im Wassertropfen, ihre Annäherung an Nahrung, die Flucht vor Hindernissen und Schädlichkeiten überhaupt verstanden werden wollen. Man mag sich bei diesen nervenlosen

Geschöpfen vorstellen, dass die Reize, d. h. die Energien, welche von aussen her auf die Zelle einwirken, vom Ektoplasma aufgenommen und weitergeleitet werden und dabei im Kern und Protoplasma jene wechselnden Zustände besonderer Kräftespannungen zeitigen, welche dem entsprechen, was man als Bewusstsein, d. h. Wahrnehmen, Erkennen und Unterscheiden zu bezeichnen pflegt. Diese Energien sind es zugleich, welche, allerdings vielfach umgestaltet und in besondere Bahnen gewiesen, nunmehr die verschiedenen Reaktionen, Bewegungen und Absonderungen auszulösen vermögen. Die Gesetz- und Zweckmässigkeit dieser Reaktionen sind ein Beleg dafür, dass diese Energien sich nicht in einem chaotischen Gewirr verlieren, sondern durch eine bestimmte Oberleitung in geordneten Bahnen zusammengehalten werden. Es soll nicht verschwiegen werden, dass diese Interpretation der reaktiven Funktionen der lebenden Zelle das Fundament darstellt für den ganzen weitern Aufbau der Tierpsychologie. Vollziehen sich diese Reaktionen unbewusst, rein physikalisch, wie etwa das Quellen des Schwammes im Wasser, oder entspringen sie bewusst gewordenen Empfindungen, das ist die Grundfrage. Und diese vermag die Wissenschaft zurzeit weder nach der einen, noch nach der andern Seite hin restlos zu erklären. Sie steht hier an dem Grenzgebiet des Schauens und des Glaubens. Aber über eine Erwägung vermag auch eine Opposition nicht hinwegzukommen.

Vergegenwärtigt man sich nämlich die lückenlose phylogenetische Entwicklung der Lebewesen, und zwar sowohl die anatomische, vom Bau der Zelle, der Organe und Systeme bis zum fertigen Organismus, als auch die physiologische, von der protoplasmatischen Enzymbildung und Bewegung bis zu den höchsten Lebenstätigkeiten; würdigt man ferner die phylogenetische Ausgestaltung der Abwehr- und Verteidigungseinrichtungen oder die übereinstimmenden Reaktionen gegen verschiedene Gifte usw., so wird man sich eben doch der Überzeugung nicht verschliessen können, dass die höhern Organismen sich ausschliesslich aus niedern und niedersten entwickelt haben. Jetzt aber zwingen Logik und Vernunft zur Annahme, dass diese Evolution nicht Halt gemacht haben konnte vor dem

Nervensystem, dass folgerichtig auch das Bewusstsein des Menschen nur eine Höchstentwicklung desjenigen vom Tier sein kann, obwohl dieses, weil objektiv nicht nachweisbar, unserm Vorstellungsvermögen entzogen bleibt. Gleichwohl haben wir kein Recht, ein solches kurzweg zu negieren, und ebensowenig bieten sich Anhaltspunkte dafür, dass an irgendeiner Station der zoologischen Reihe nun plötzlich das Bewusstsein eingesetzt habe.

So ergibt sich denn die Notwendigkeit, beim Tier mit einem bewussten Empfinden zu rechnen, und nur unter der Voraussetzung eines solchen wird ihr Tun und Lassen unserm Verständnis näher gebracht.

Es dürfte sich empfehlen, zwei Empfindungsformen zu unterscheiden: die allgemeine oder innere und die spezifische, sensorische. Die allgemeine Zellempfindung ist die primärste und schon den nervenlosen Geschöpfen eigen. Man mag sie zurückführen auf jerne mannigfachen dynamischen Wechselwirkungen in den protoplasmatischen Molekeln, so da entstehen müssen durch die stete Einwirkung von Energien. Dieses Zellgefühl mangelt auch den Zellen höherer und höchstorganisierter Lebewesen nicht und kommt auch bei diesen, wenigstens teilweise, zur subjektiven Wahrnehmung. Da es sich hier um Empfindungen handelt, für welche besondere Leitungsbahnen noch nicht bekannt sind, bleibt die Art und Weise der Übertragung solcher Zellerregungen auf zentripetale Nerven, sowie ihre Leitung in das Zentralorgan noch unaufgeklärt. Zu solchen allgemeinen Zellgefühlen pflegt man u. a. zu zählen das Hunger-, Durst- und Sättigungsgefühl, das Füllungs- und Entleerungsgefühl, das Muskel- und Müdigkeitsgefühl, auch das Unwohlsein, sowie den Schmerz.

Anders das sensorische Empfinden: Es umfasst jene Erregungen, welche durch die Sinnesorgane aufgenommen, via zentripetalen Nerven dem Gehirn und Rückenmark zugeleitet und hier in Form ganz spezifischer Sinnesreize als Farben, Töne, Temperaturen etc. empfunden werden. So wirken denn auf die Zentralorgane beständig sowohl innere Zellerregungen, als äussere Sinnesreize ein und gelangen daselbst zur Apperzeption.

Nicht nur das. Die Gesamtheit dieser ständigen Reize scheinen ausserdem eine weitere Empfindungsform, gewissermassen einen Akkord von Obertönen zu zeitigen, die ebenfalls, wenn auch weniger klar, zum Bewusstsein kommt und welche man als Stimmung, in gewissen Formen als Affekt zu bezeichnen pflegt. Hiebei beteiligt sich aber noch ein weiteres Moment, nämlich jene Erregung des Gehirnmantels, welche durch bildliche oder gedankliche Vorstellungen daselbst entstehen. Diese klingen ebenfalls mit, und zwar um so mächtiger, je lebhafter und vollkommener der Denkprozess sich abspielt. Kein Zweifel, solche Stimmungen sind schon den Tieren eigen, wenn auch nur in gewissen Grundtönen und bei weitem nicht so vielgestaltig nüanciert wie beim Menschen. Und endlich scheinen bei Menschen und Tieren auch die sogenannten innern Sekrete, die Hormone, beizutragen zu dieser allgemeinen zentralnervösen Erregung, der Stimmung. Wie das möglich ist, entzieht sich einer Erklärung, vielleicht in analoger Weise wie gewisse Lösungen, z. B. Alkohol, Narcotica, welche die Nervenfunktion bekanntlich ebenfalls zu beeinflussen vermögen. Die nervenerregende Wirkung der Hormone der Geschlechtsdrüsen, der Schilddrüsen und Nebennieren ist jedenfalls unverkennbar.

Diese sonderbaren, vermutlich die Grosshirnrindenzellen beschlagenden, Erregungen, die Stimmungen, sind deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie als massgebend gelten für Urteil, Wahl und Wille. In ihrer ursprünglichsten Form wird man sich die Stimmungen wohl kaum mehr denn als eine Art Lust- und Unlustempfinden im weitesten Sinne vorstellen dürfen. Die damit im Zusammenhang stehenden Lebensäusserungen beziehen sich ja auch nur auf Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung, Flucht und Abwehr. Solche primitivste Stimmungen, die also ausschliesslich oder vorwaltend aus dem Zellgefühl hervorgehen und nur den unerlässlichsten Lebenstätigkeiten zur Erhaltung des Individuums und der Art vorstehen, werden richtigerweise als vitale Triebe bezeichnet. Sie beherrschen die ganze Tierreihe und nur sehr allmählich erweitern sie sich zu höhern Stimmungsformen durch das Hinzutreten sinnlicher und gedanklicher Erregungen. Aber auch da, wo diese letztem

sich bereits intensiv geltend machen, überwiegt beim Tier immer der vitale Trieb. So stirbt z. B. kein Tier freiwillig durch Hunger, und auch die intensivste Angst-(Dressur-)stimmung vermag den Begattungstrieb oder die Raubgier nicht zu übertönen. Anders beim Menschen. Bei diesem dominieren vielmehr die von gedanklichen Vorstellungen ausgehenden Stimmungen und können diese eine solche Gewalt erreichen, dass auch die wichtigsten Lebenstriebe daneben nicht aufkommen. So wichtig die Kenntnis der Stimmung auch ist zur Beurteilung des Getues der Tiere, so schwierig gestaltet sieh deren Erforschung, schon deshalb, weil ein wichtiges Moment fehlt, die Mimik. Wir vermissen beim Tier das Lachen und das Weinen, das Nicken und Verneinen. Immerhin gibt es Bewegungsäusserungen, welche zwanglos als Ausdruck gewisser Stimmungen gedeutet werden können, obwohl eigentlich nur der unwillkürliche Reflex wirklich objektiv und zuverlässig ist.

Lustbetonte Stimmungen geben sich kund durch spontane Munterkeit, lebhafte Bewegung, Neigung zu Spiel und auch durch die Stimme. Die lustigen Sprünge des Pferdes im frisch gefallenen Schnee, sein trippelnder Gang, wenn die Musik einsetzt, das leise Wiehern beim Rauschen des Hafersiebes sind kaum anders denn als Freude zu erklären, und ebenso das eigentümliche jauchzende Gebell des Hundes, sein Schmeicheln und Wedeln, sein Herumrennen und Anspringen, wenn er merkt, dass er mit spazieren darf. Und wohl auch der jubelnde Gesang der Vögel zur Paarungszeit verdient diese Deutung, wogegen das Lachen des Papageis, der Hyäne und der Lachtaube nichts weniger als gesteigerte Vergnüglichkeit verrät.

Mächtiger, symptomenreicber und häufiger sind, die Unluststimmungen bei Tieren, so Schreck, Angst, Furcht. Sie manifestieren sich bei höhern Säugern zum Teil durch Reflexe, die auch dem Menschen nicht fehlen, wie Pulsbeschleunigung, Zittern, Schweissausbruch, vermehrte Peristaltik, freiwilliges Harnlassen, Durchfall. Alles das ist genugsam zu beobachten bei der klinischen Untersuchung von Hunden. Eine Angstdiarrhöe in Form reichlichen Kotabsatzes zeigen auch die Pferde gelegentlich beim Passieren von Pontonbrücken. Sogar die

Zornstimmung, die man schon bei Wespen und Bienen vermutet, äussert sich teilweise durch Reflexe. Die Blutwallung gegen den Kopf (Zornader) wird augenfällig als Rötung der Augen beim Puter, Hund, Stier. Die Kontraktionen der Hautmuskeln, das Stirnrunzeln des Menschen, äussern sich durch Sträuben der Haare und Federn, durch Litzen, d. i. Zurücklegen der Ohren, bei Hunden, Katzen und Pferden. Auch stimmlich bringt der Hund seinen Zorn durch Knurren, die Katze durch Pfauchen, der Stier durch Brummen deutlich zum Ausdruck. Für den Geflügelfreund wird es unschwer, aus den stimmlichen Äusserungen seines Hühnervolkes alle möglichen Gefühlsqualitäten zu diagnostizieren, die Behaglichkeit, die Langeweile, den Hunger, den Schreck, den Warnungsruf, das Locken usw.

Wie bereits erwähnt, sind die Stimmungen verantwortlich zu erklären für das Tun und Lassen der Tiere. Wenn sie auch das Kolorit des Innenlebens weniger lebhaft und wechselvoll gestalten als beim Menschen, so wirken sie doch teils erregend, teils hemmend auf die psychomotorischen Funktionen ein. Leider ermangeln wir auch hierüber genauer Kenntnisse des physiologischen Geschehens.

Bei den Säugetieren wird als Ausgangsstelle der Psychomotorik das Rindengrau mit seinem so reichlich entwickelten Assoziationsapparat angenommen, und scheinen nun jene sonderbaren Erregungszustände, die Stimmungen und Triebe, hauptsächlich diese Assoziationsfasern zu beeinflussen, namentlich im Sinne einer verminderten oder aufgehobenen Leitungsfähigkeit. Viele Bahnen werden offenbar ganz vom Betrieb ausgeschlossen und dadurch entstehen die sogen. Sperrungen, d.h. der Ausfall von Empfindung und Bewegung. Solche werden beim Tier nicht selten beobachtet. Wer kennte nicht die psychische Blind- und Taubheit des balzenden, d. h. geschlechtlich erregten Auerharns? Ferkel, welche sonst schon beim leisesten Anfassen mehr als schicklich reagieren, lassen sich, ohne zu muksen, die Impfnadel einstechen, sobald man nur durch geeignetes Futter ihre Fressgier wachruft. Verblüffender sind allerdings die motorischen Hemmungen, wie sie z. B. nach Schreck und Angst

auftreten. Das Hinfallen des Wendehalses, das krampfartige Zusammenbrechen der sogenanrten Schreckziegen in Tennesse sind sprechende Beispiele hiefür. 1) Auch das sogenannte Bannen der Hühner ist nach unsern Versuchen nur Schreckwirkung und wahrscheinlich auch das analoge Immobilisieren (sogen. Hypnotisieren) der Fische. Sogar plötzliche Unterbrechung der Sekretion infolge von Angst und Schreck kommt vor beim sogenannten Aufziehen der Milch des Rindes. Allerdings so vielgestaltig wie beim Menschen treten diese Hemmungserscheinungen beim Tier nicht auf. Beim Pferd dürften verschiedene Formen der Stettigkeit auf solche psychomotorischen Hemmungen zurückzuführen sein, wenigstens nehmen sie wie die Angstamnesie des Menschen durch Strafen und Einschüchterungen stets zu.

Nicht weniger bedeutsam als die Empfindung ist für das Leben das Gedächtnis, die sogenannte Merk-, Behalt- und Erinnerungsfähigkeit, der Tiere. Obwohl es an Erklärungsversuchen dieses wunderbaren Phänomens, dieser Grundlage der Erfahrung und des Unterscheidungsvermögens, nicht mangelt, ist doch eine einigermassen wissenschaftlich haltbare Darstellung dieser physiologischen Funktion bis jetzt nicht gelungen. Dass das Gedächtnis allen höhern Tieren eigen ist, lehrt die tägliche Erfahrung. Dass es aber überhaupt allen tierischen Lebewesen zukommt, ergibt sich nicht nur folgerichtig aus der Phylogenie, sondern auch aus der direkten Beobachtung niederer Tiere. Die Art, wie diese Geschöpfe das Bekömmliche vom Schädlichen zu unterscheiden lernen, ist

schlechterdings nicht anders als durch eine Gedächtnisfunktion zu erklären.

Das Gedächtnis ist an ein materielles Substrat gebunden. Nach den Beobachtungen beim Menschen und Versuchen bei Hunden haftet es an der grauen Substanz der Grosshirnrinde.

Nun besteht das Erinnern in einem Wiederbewusstwerden früherer Sinneserregungen und Vorstellungen. Mithin ist anzunehmen, dass die Energien, welche derlei Erregungen bewirken, in potentieller Form in gewissen Zellmolekülen schlummern und gelegentlich durch adäquate Reize wieder mobilisiert und neuerdings zum Bewusstsein gebracht werden können. Doch das ist Hypothese; aufgeklärt ist das physiologische Geschehen dieses Vorganges noch nicht. Bekannt ist nur, dass die Energien, welche auf den Organismus einwirken, nur zum Teil unverändert weiter geleitet, sondern meistens erst in andere Formen übergeführt werden. Licht und Wärmestrahlen vermögen sehr wohl unverändert gewöhnliche Körperzellen zu durchdringen; wo sie aber auf Sinneszellen fallen, werden sie in elektrische Energie umgewandelt und in dieser Form durch die Nerven geleitet. Und zwar vollzieht sich ihre Leitung nicht direkt, sondern so, dass je ein Nervensegment das folgende und endlich die zentrale Ganglienzelle elektrisch erregt. Von hier aus setzt sich diese Erregung, vielleicht vielfach transformiert, weiter fort, sei es durch efferente Nerven zu irgendeinem muskulösen oder sekretorischen Effektor, sei es durch weitere Leitungsbahnen in die Grosshirnganglien oder in das Rindengrau und hier via Assoziationsfaserung möglicherweise auf einen ganzen Komplex von Ganglienzellen, bis zum völligen Abklingen. Hier könnte nun die Umwandlung in potentielle Energie stattfinden, jene sogenannte Verankerung der Sinneseindrücke, welche als Grundlage des Gedächtnisses angesehen wird.

Wie bei weitem nicht alle Sinneseindrücke zum Bewusstsein geführt werden, ebensowenig werden alle für das Gedächtnis reserviert. Dass elektrische Energie tatsächlich in potentieller Form in Körperzellen aufgespeichert liegen kann, beweisen schon die elektrischen Organe verschiedener Tiere,

womit aber nicht gesagt sein soll, dass nun die Gedächtniszellen dasselbe darstellen. Kurz wir kennen das Wesen dieser Erinnerungsbilder noch nicht, und der etwaige Vergleich dieser sogenannten psychischen Engramme mit Phonographenplatten. bringt uns dem Verständnis kaum näher.

Die vergleichende Neurologie lässt nun erkennen, dass sich gewisse Nervenbahnen ganz eigenartig entwickelt haben, so nämlich, dass sie spezifischen Funktionen vorstehen und dabei nur mehr locker oder gar nicht mit der psychischen Zentrale in Verbindung stehen, also ganz selbständig einfache und komplexe Reflexe auszulösen imstande sind. Wird ein solches Zentrum in irgend einer Weise erregt, dann vollziehen sich die entsprechenden Funktionen in gesetzmässiger, oft geradezu stereotyper Weise. Die Entstehung solcher automatisch wirkender Anlagen mag etwa so stattgefunden haben, dass einzelne Leitungsbahnen durch häufigen Gebrauch allmählich wegsamer und präziser wurden, sich dabei von der psychischen Zentrale isolierten und endlich sich nach und nach strukturell dermassen entwickelten, dass sie sich vererbten und phylogenetisch konsolidierten. Auf diese Weise mögen sich zahlreiche unwillkürliche Reflexzentren und -Bahnen, sogenannte Automatismen, ausgebildet haben, sowohl einfache als auch komplizierte, schliesslich sogar solche, welche von bewussten, gewollten Tätigkeiten kaum zu unterscheiden sind.

Neben einigen bekannten Abwehrreflexen, wie z. B. Augenzwicken, Niessen, Husten zählen hiezu namentlich auch vitale Funktionen, wie Herztätigkeit, Atmung, Verdauung, und sodann. die Gleichgewichtserhaltung, die Ortsbewegung usw. Von diesen vererbten Automatismen interessieren namentlich jene, welche den Eindruck des bewussten Wollens wecken, wie das Aufpicken der Eischale durch die ausgebrüteten Vögel, das Aufsuchen der Milchdrüse neugeborener Säuger, das Wandern der jungen, eben aus dem Sande herausgekrochenen Seeschildkröten direkt gegen das Meer hin. Alles offenbar angeborene Fähigkeiten, welche eine Überlegung aus Erfahrung absolut ausschliessen. Man pflegt solche Lebensäusserungen junger Tiere auf angeborenes Gedächtnis, den Instinkt, zurückzuführen.

und erklärt damit auch noch andere Erscheinungen, wie das Erkennen der Todfeinde, überhaupt die Unterscheidung des Schädlichen vom Zuträglichen, also auch die Nahrungswahl. Allein den Instinkt als vererbtes Gedächtnis aufzufassen, in dem Sinne, dass Erinnerungsbilder durch das Ei übertragen werden, ist einstweilen unfassbar, auch dann, wenn man das Ei als feinsten Akkumulator und nicht als Mosaik betrachtet. Plausibler ist entschieden die Annahme, dass es sich hier stets um Vererbung stabil gewordener Nervenbahnen handelt. Hatten sich naturgemäss erst jene Auomatismen entwickelt und vererbt, welche den rein vitalen Funktionen vorstehen, so mochten sich späterhin auch weitere viel benützte, ursprünglich psychomotorische Nervenbahnen ebenfalls allmählich zu selbständigen zentralen Anlagen ausgebildet und isoliert haben. Dabei machte sich das Prinzip der Anpassung gewiss nicht weniger geltend als auf irgendeinem andern Gebiet der Physiologie.

Darf man also diese sogenannten instinktiven Handlungen sehr wohl als unbewusste Erregungen angeborener Reflexbahnen taxieren, so gibt es aber doch solche, wo ein aktives Mitwirken der Psyche nicht absolut abgesprochen werden kann; obgleich es schwer fallen möchte, zu bestimmen, wo nun das bewusste Wollen zur Geltung kommt und wo nicht. Zu erinnern ist an den Bau der Termitenstöcke, der Spinnennetze, der Waben, der Nester und Lager, an die Sammlung und Konservierung von Nahrungsvorräten bei Insekten und Nagern. Aber auch dann, wenn man diese oft wunderbaren Kunstbauten, diese so sorgfältig angelegten, selbst mit Haaren ausgekleideten Lager, die merkwürdigen Warenlager und Nahrungskulturen der Schlupfwespen und der Ameisen als rein instinktive. Komplexreflexe auffassen will, so drängt sich die Frage einer spontanen psychischen Mitwirkung sofort wieder vor, wo eine solche Arbeit wegen aussergewöhnlicher Hindernisse eine Abweichung von der Norm erfahren muss. Die Art, wie zerrissene Spinnweben und Wespenwaben wieder repariert, wie eine zerstörte Zufuhrstrasse zum Ameisenbau wieder in Stand gestellt wird, macht durchaus den Eindruck spontaner Überlegung. Und wenn Bienen sich künstlicher Waben bedienen, dabei

sogar ihren eigenen Bautrieb unterdrücken, wenn Buchfinken auf weiss getünchten Bäumen weisses Baumaterial zum Nestbau verwenden, wenn Vögel möglichst diskrete Nistplätze aufsuchen, ja das Nest noch maskieren, so weist das alles noch auf ein Plus hin, das am ehesten durch die Annahme einer Überlegung und eines bewussten Willens erklärt wird.

Zum mindesten kommt den Tieren die Tätigkeit an sich, die Ausführung ihrer instinktiven Handlung, zum Bewusstsein, und mag dann da und dort die Überlegung korrigierend oder modifizierend mitwirken. Dass aber sonst die sogenannten instinktiven Tätigkeiten der Tiere wesentlich ohne Überlegung, rein automatisch, vor sich gehen, dafür sprechen denn doch auch zahlreiche Beispiele, namentlich jene, wo solche instinktive Handlungen vorgenommen werden, die rein überflüssig und sinnlos erscheinen. So wenn der Biber auch in der Gefangenschaft, im Stall, zu graben und zu bauen beginnt, wenn der Hund im Käfig sein Futter im Stroh vergräbt, wenn er das Kreistreten vor dem Niederliegen auch da ausführt, wo kein Gras niederzutreten ist, wenn das Zicklein zu stossen beginnt, trotzdem es noch keine, Hörner besitzt, das Ferkel regelrecht haut, ob ihm auch die Eckzähne fehlen, oder wenn die Katze die Wursthaut schüttelt, als ob sie eine lebende Maus töten wollte. Zweifellos hat der Mensch eine grosse Anzahl solcher Instinktautomatismen verloren. Das neugeborene Kind ist entschieden unbehilflicher als irgendein tierischer Säugling. Das Schwimmen muss der Mensch ganz neu wieder lernen, währenddem hiefür den meisten Säugern die natürliche Fertigkeit von Haus aus besitzen.

Es zeigt sich überhaupt, dass in der aufsteigenden zoologischen Reihe nicht nur die Uniformität in der äussern Gestalt und in der Lebensäusserung der Tiere zugunsten individueller Variationen zurücktritt, sondern dass auch die Automatismen sich mehr und mehr verlieren, um der Psychomotorik Platz zu machen..

Und nun aber das eigentliche Denken! Man stellt sich darunter vor das Bewusstwerden ganzer Ketten von Erinnerungsbildern und Vorstellungen in den obersten Assoziationsregionen

des Gehirns. Spielen beim Menschen hiebei die Wortbilder die Hauptrolle, so sind solche beim Tier ausgeschlossen. und dürfte das analoge Geschäft vorwaltend im Bewusstwerden von Sinneseindrücken beruhen, die auf einander folgen wie etwa die Einzelbilder eines Kinematographen. Bei all dem schwingen selbstverständlich die entsprechenden Obertöne die Stimmungen mit und beleben und verschmelzen den Bilderzyklus zum fertigen Gemälde. Aber sicherlich greifen derlei Vorstellungsketten und damit einhergehende Reflexionen bei Tieren nicht weit aus; sie beschränken sich wohl auf das Nächstliegende. Und namentlich dürften bei ihnen abstrakte Begriffe kaum zur Vorstellung gelangen, dieweil ihnen, wie gesagt, die ganze grosse Worterinnerungssphäre fehlt. Immerhin lässt sich darüber nichts Bestimmtes anführen, da auch das Denken der Tiere uns nur in seinen, Endphasen, nämlich in den Handlungen, objektiv zugänglich ist. Aus solchen mag ja hin und wieder mit einiger Sicherheit auf Überlegung geschlossen werden. Wenn z. B. Schwalben ihre Nester zumauern, wo sie von Spatzen okkupiert sind, wenn der Hund dem gejagten Wild pfiffig den Weg abschneidet, wenn er Rüben stiehlt, um sie seinem befreundeten Pferde zuzutragen, so kann man das wirklich nicht einfach für unbewusste Reflexwirkung ansehen. Auch schon weniger komplexe Handlungen scheinen überlegten Willensakten zu entstammen, so das Ermessen der Grösse eines Hindernisses, um die nötige Sprungkraft einzusetzen, das plötzliche und namentlich rechtzeitige Ducken der verfolgten Katze, damit der Hund über sie wegrennt, die Seitensprünge der Hasen an richtiger Stelle, um die Fährte zu unterbrechen. Beispiele von tierischen Gebärdungen, welche Überlegung verraten, sind übrigens so reichlich, so alltäglich und namentlich bei der Dressur so augenfällig, dass hier weitere Zitate überflüssig werden. Aber, wie gesagt, weithin spielt sich der Denkakt nicht ab, und dafür sprechen noch viel mehr und viel bekanntere Beobachtungen.

Wie leicht ist es nur, Tiere zu überlisten und zu täuschen; wie gehen sie doch immer wieder auf den Leim und in die Falle; wie widerstandslos ergeben sie sich dem Menschen, obwohl

körperlich oft vielfach überlegen. Sie sind nicht erfinderisch und vermögen sich nicht fremder Gegenstände zu bedienen. Der Hund, der die Türe zu öffnen gelernt hat, ist hilflos, wenn ein Stuhl davor gestellt wird, obwohl er ihn leichtestens beiseite schieben könnte. Es fällt ihm nicht ein, nach der Ursache einer fremden Erscheinung zu fahnden oder zwei geschossene Hühner auf einmal zu apportieren. Auch Hunde, welche jedes Wort verstehen, sind nicht durch Verstandesgründe zu belehren, verschmähen die Arzneien trotz überzeugendster Aufklärung und wehren sich gegen jede noch so offenkundig nötige Operation. Eine bloss theoretische Dressur glückt nicht. Und so bietet auch das Durchschnittspferd wenig Beweise psychischer Fähigkeiten, steht stundenlang stupid am Wagen, ohne sich der Umgebung zu achten oder irgendwie spielend zu beschäftigen. Eingespannt und sich selbst überlassen, stösst es überall an mit dem Wagen und unterlässt regelmässig die nötige Kurve zur Einfahrt in die Scheune.

Was hin und wieder als ausgesprochener Überlegungsakt imponiert, kann sehr oft ungezwungen als Folge einer besondern Merkfähigkeit ausgelegt werden, gegeben durch eine ausserordentliche Ausbildung von Sinnesorganen. So ist bekanntlich der Geruchsinn beim Hund erstaunlich entwickelt, worauf schon die auffallende Grösse der Riechzentren im Gehirn hinweist. Das Gesicht ist dafür relativ schwach, weshalb das Riechorgan an seine Stelle zur Orientierung dienen muss. Die Analdrüse ersetzt seine Visitenkarte; er prüft sie mit der Nase. Des Landschaftsbildes achtet der Hund sich nicht, er beschränkt sich auf das Wittern. "Er nimmt nicht Notiz von der Blume, wohl aber von der Wurst." Seine wesentlichsten Erinnerungsbilder, seine Vorstellungen und Träume dürften geruchlicher Natur sein. Und so gründet sich wohl auch sein Handeln auf Motive, die wir nicht zu fassen imstande sind. Sein Spürsinn, sein Auffinden der Fährte, des Verwundeten, des Verbrechers, sind nicht Sherlock Holmsche Spitzfindigkeiten, sondern dem Geruchsinn zuzuschreiben.

Das Pferd zeichnet sich neben einem guten Gedächtnis durch einen hervorragenden Tastsinn aus. Das blinde Pferd

marschiert entschieden sicherer auf der Strasse als der blinde Mensch. In stockfinsterer Nacht überlässt ihm der Reiter die Zügel. Im Bündnerland wird bei Neuschnee das Pferd vorausgeschickt. Es fühlt mit seinen Hufen besser als der Mensch mit dem sondierenden Stock, wo der Schnee auf dem festen Fusspfad oder auf der weichen Wiese liegt, und findet den Weg. Wie fein es nur den leisesten Zügel- und Schenkelhilfen des Reiters gehorcht, oft so, dass dieser glaubt, es vermöge seine Gedanken, zu erraten.

Die Herbivoren und Schweine sind wieder Riechtiere. Das Renntier soll auf 500 Schritte wittern. Sie finden und unterscheiden ihre Nahrung mit der Nase. Es ist possierlich zu sehen, wie anlässlich der Schafscheide in den Berggegenden die Zugehörigkeit junger Lämmer vermittelt wird. Der Geruchsinn allein führt sie zum richtigen Muttertier, respektive an ihr Euter. Dasjenige Mutterlamm, bei welchem sie ansetzen, entscheidet über die Zugehörigkeit der Jungen.

Bei den Vögeln dominiert dagegen der Gesichtssinn, zumal bei den Raubvögeln, die aus 1000 Meter Höhe die Maus wahrzunehmen vermögen. Krähen erkennen sehr wohl, ob man mit einer Flinte oder einem Karststiel auf sie zielt. Nur bei einigen Sumpfvögeln spielt auch der Geruchsinn eine Rolle. Auf welch besondern Organen der Spürsinn der Affen, der sie Quellen finden lässt, oder das Orientierungsvermögen der Zugvögel und Brieftauben beruht, ist ebenso unbekannt wie die Organe, welche die Biene kilometerweit die ihnen zusagenden Nektarien, die Aaskäfer ihre Nahrung und die männlichen Schmetterlinge viele Meilen entfernte Weibchen finden lassen.

Was allenfalls weiterhin noch auf Denkfunktionen schliessen liesse, das möchten allfällige Äusserungen gewisser höherer s. v. v. ethischer Gefühle sein, so z. B. Mitleid, die Quelle der Moral, das doch ein gedankliches Erkennen und Mitempfinden des unglücklichen Zustandes eines andern voraussetzen lässt. Aber Gebärdungen, welche dringend durch ein solches motiviert werden müssen, fehlen oder gehören mindestens zu den grössten Seltenheiten, wie beispielsweise das Füttern erblindeter und maroder Vögel durch andere, das Beschützen Schwacher durch

Starke. Die meisten hier einschlagenden Fälle können auf die natürliche, aber darum nicht weniger wunderbare Mutterliebe bezogen werden. Diese beschränkt sich bekanntlich nicht nur auf die eigene Nachkommenschaft, denn es säugt die Hündin die Kätzchen und jungen Füchse. Krähen, Elstern, sogar Weihe brüten. Hühnereier aus und pflegen die Kückchen eine Zeitlang. Sonst aber herrscht Gefühls- und Rücksichtslosigkeit in der Tierwelt schrankenlos und erreicht bei Raubtieren den höchsten Grad der Grausamkeit.

Auch Symptome, die etwa Gerechtigkeit, Wahrheitsliebe oder gar Sittlichkeit dokumentieren würden, sind sehr fraglich. Die rührenden Gerichtsszenen von Störchen zum angeblichen Aburteilen von Ehebrecherinnen entsprechen Streitigkeiten, welche vielfach bei der Sammlung von Zugvögeln beobachtet werden.

Was die Dankbarkeit betrifft, so besteht kein Zweifel, dass höhere Tiere ein treues Gedächtnis besitzen für erwiesene Wohltaten, wenigstens für solche in Form von Nahrungsspenden, und dass sie dem Menschen dafür eine besondere und treue Zuneigung bewahren. Aber nicht minder treu erhält sich die Erinnerung an Beleidigung und die daraus entstandene Abneigung; wogegen Schadenfreude und berechnete Rache fehlen. Auch eine gewisse Aufrichtigkeit oder besser gesagt ein Unvermögen zum Vertuschen kann nicht bestritten werden. Hunde wissen genau, wann sie sich gegen die Dressur vergehen und zeigen die begangenen Sünden durch ihr furchtsames Verkriechen und scheues Getue ebenso unzweideutig an, wie später die Freude. wenn die Strafe liquidiert und die Schuld abgeschrieben ist. All das ist ohne Voraussetzung von gedanklichen Vorgängen rein unerklärlich.

Geflissentliche Heuchelei kann dem Tier nicht vorgeworfen werden, und angebliche Simulation von Krankheit durch Pferde muss nach eigenen Erfahrungen sehr vorsichtig aufgenommen werden.

Begründeter erscheint die Annahme von Neid und Eifersucht, sogar bis zu den Vögeln hinüber, sowie von Ehrgeiz und Herrschsucht bei höhern Herdetieren.

Überaus zahlreich liegen Beispiele vor von Anhänglichkeit und Treue, Treue bis in den Tod. Über ihre Genesis soll hier nicht gerichtet werden. Es wird jeweilen schwer zu entscheiden sein, was als freier Wille gelten darf und was der suggestiven Wirkung der Dressur oder der Ängewöhnung zuzuweisen ist.

Auch dem vielgerühmten Kunstsinn der Tiere gegenüber, soweit derselbe als Ausgangspunkt bedachter Handlungen hingestellt wird, empfiehlt sich etwelche Skepsis, so sehr der kunstvolle Nestbau, der Nestschmuck, die Vorliebe für glänzende und farbige Gegenstände, sogar für Musik dafür sprechen würden. Man wird dabei eben immer an jenen bekannten angeborenen Trieb erinnert, welcher die Tiere anlässlich der Paarung veranlasst, sich zu schmücken und durch Tanz und Gesang sich vorteilhaft bemerkbar zu machen. Nun aber der Kunst einen derartigen Ursprung zuzuweisen, verbietet schon die Ehrfurcht vor ihr, dann aber auch die Tatsache, dass der Kunstsinn in der aufsteigenden Tierlinie nicht zu-, sondern abnimmt. Die erbärmlichsten Wohnungen und schrecklichsten Gesänge haben die Affen.

Unbestritten bleibt, dass in den geistigen Fähigkeiten wenigstens der höhern Tiere individuelle Unterschiede bestehen. Belege darüber, dass es gescheite und dumme Hunde gelehrige und stupide Pferde gibt, bedarf es wohl nicht. Dagegen ist von einer erkennbaren Weiterentwicklung der geistigen Fähigkeiten im allgemeinen nichts bekannt. Die Intelligenz der Haustiere soll seit Plinius auf dem gleichen Niveau verharren. Sogar sprechende Pferde werden aus der Zeit Shakespeares gemeldet; sie sollen samt ihrem Krall in Rom wegen Zauberei verbrannt worden sein. Für den geistigen Fortschritt fehlt es an geistiger Zufuhr mangels der Sprache. Nachahmung und Spiel bilden ihren natürlichen Unterricht. Aber so ausgesprochen auch die Ars observandi beim Tier erscheint, so ist es doch mit dem freiwilligen Ablernen nicht gar weit her. Von Hennen ausgebrütete Enten lernen weder gackern noch scharren, Spatzen erlernen niemals Schwalbennester zu bauen, so sehr sie sie lieben, und man hat noch nie gehört, dass Hunde ihren Jungen andressierte Kunststücke beigebracht hätten.

So landen wir denn mit wenig Hoffnung bei der Frage einer der höchsten geistigen Funktionen, dem Rechnen. Von einer natürlichen Begabung hiezu hat man bislang wenig gemerkt. Multiparen Tieren kann man unbemerkt mehrere Junge wegnehmen, Hühnern Dutzende von Eiern entfernen, ohne dass ein Vermissen kundgegeben wird. Nichts deutet darauf hin, dass der Hund einen über 3 hinausgehenden Vielheitsbegriff besitze.

Und so bleibt denn auch das rechnende Pferd von Elberfeld einstweilen ein Wunder, gleichviel ob es sich dabei um eine bisher unbekannte geistige Fähigkeit handle oder aber nur um eine so erstaunliche Merkfähigkeit und Dressur. —

Alles in allem genommen, führt die Analyse der tierischen Gebärdung zu einem Standpunkt, welcher nicht wesentlich abweicht von der bisherigen allgemeinen Würdigung des Geisteslebens der tierische Kreatur.

Das Grundgesetz der stufenweisen Entwicklung beherrscht auch die nervösen Organe und damit die Psyche.

Der anatomische Bau weist auf eine lückenlose Phylogenese des Nervensystems hin. Und gar bei den Vertebraten erhält sich im wesentlichen nicht nur die äussere Konfiguration, sondern auch die innere Struktur von Gehirn und Rückenmark bis zum Menschen hinauf. Der Verlauf der Leitungsbahnen, sogar der Sitz der wichtigsten Zentren bleibt sich gleich, so gleich, dass physiologische Forschungsergebnisse ohne weiteres auf den Menschen angewendet werden können.

Auch die Gesetze der Aufnahme, Leitung und Transformation der Energien, sowie die Reaktionen bleiben dieselben bei Mensch und Tier. Die fundamentalen Funktionen der Psyche, die Empfindung, das Gedächtnis und die gedanklichen Vorstellungen, sowie die Stimmungen können auch dem Tiere nicht abgesprochen werden. Während bei diesem sich vorwiegend die Automatismen anbildeten und forterhielten und die Vorstellungsketten beschränkt blieben, gelangten beim Menschen mehr die psychomotorischen Funktionen zur Ausbildung. Und was dieser dem Tier namentlich voraus hat, ist das Sprachzentrum und die notwendig sich anreihende entsprechende

Orientierung der Assoziationsterritorien und die Ausgestaltung des Rindengraus.

Die Sprache ist es, in welcher die geistige Entwicklung des Menschen wurzelt; "im Anfang war das Wort!" Das Tier dagegen wird, mangels einer Wortsprache auf alle Zeiten in einer niedrigeren Stufe psychischen Lebens verharren müssen. Das sollte aber nicht hindern, dass der Mensch seine ethischen Grundsätze auch gegenüber dem Tier zur Geltung bringt.