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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Friedensideale eines Revolutionärs.

(P. B. Shelley).

Friede! ist der Ruf, der heute die Welt erfüllt. Er ertönt von Seite derjenigen, die die Übermacht erlangt, wie aus dem Munde der Unterlegenen, von denen, die aus weiter Ferne von den Schrecken des Krieges gehört, wie von denen, die in der Nähe auf neutralem Gebiete ängstlich über dem Schicksale ihrer Heimat gewacht. Friede! ist der Gedanke, der uns bei ruhiger Betrachtung des Weltlaufes Tag um Tag erfüllt, Friede! die Sehnsucht unserer schlaflosen Nächte. Wer an den Geschicken seiner Mitmenschen Anteil nimmt, der wird sich auch des persönlichen Wohlbefindens nicht freuen können, bis der Menschheit der Friede endlich wieder geschenkt wird.

Unerhörtes hat unsere Zeit erduldet, nie Dagewesenes hat das junge zwanzigste Jahrhundert über sich ergehen lassen. Ernst und trübe bleibt der Blick in die Zukunft. Aber es wäre verkehrt zu glauben, dass vergangene Zeiten nicht schon Ähnliches erlebt. Wohl haben nicht — wie heute — die Völker des Weltalls an der gewaltigen Umwälzung teilgenommen, aber engere Kreise mussten mit nicht geringerem Schmerz als wir zu dieser Stunde das Werden einer neuen Zeit miterleben, und in der Brust derjenigen, die mit der Menschheit mitzufühlen imstande waren, haben sich Kämpfe vollzogen, die unserm heutigen Erleben nahe stehen.

Licht und Gedeihen des neunzehnten Jahrhunderts hatten sich durch ebenso dichte Wolken zu ringen wie die Wiedergeburt, die unserm zwanzigsten zuteil werden soll, und die Männer, in deren Seele sich das Geschehen wiederspiegelt, litten ebenso schwer wie wir. Dass ich dieses Spiegelbild gerne bei englischen Schriftstellern in erster Linie suche, wird man dem Vertreter des Lehrfaches der englischen Literatur zugute halten,

dass ich für die heutige Betrachtung den Dichter Shelley aus. wähle, möge man persönlicher Neigung verzeihen.

Der Name Shelley's mag in vieler Munde sein, manches mag verdiente Anerkennung gefunden haben, aber das innerste Wesen dieses vortrefflichen Menschen, der sein dreissigstes Jahr nicht vollenden sollte, ist doch unter uns noch nicht nach Verdienst bekannt und die Beleuchtung seines edeln Empfindens daher auch vor einer festlichen Versammlung wohl gerechtfertigt.

Es ist selbstverständlich, dass nicht nur die öffentlich führenden Geister Englands, sondern auch seine Dichter, zumal die werdenden, zu den grossen Ideen der französischen Revolution Stellung suchen und finden mussten. Ängstlich zurück.. haltende Seelen durften mit Grund darauf hinweisen, dass Englands Freiheitssinn von jeher für die Rechte des Volkes gekämpft, dass insbesondere schon ein Jahrhundert früher Privilegien errungen worden waren, um die das vorrevolutionäre Frankreich den Nachbarn jenseits des Kanals beneiden musste. Jugendlichere Geister sahen freilich ein, dass der französische Sturm die alten Vorurteile viel tiefer und gründlicher entwurzeln musste, und dass England trotz all seiner Freiheiten noch viel zu lernen hatte.

Jene Gruppe von Dichtern, die man im Deutschen nicht eben glücklich als die "Seeschule" zu bezeichnen pflegt, Wordsworth, Coleridge und Southey, hatten sich derart für den Revolutionsgedanken begeistert, dass sie an dessen Übertragung in die Wirklichkeit dachten. Ihre "Pantisokratie" sollte jenseits des Ozeans die wahre Freiheit, Gleichheit und. Brüderlichkeit zeigen. Kam es auch aus äusseren Gründen nicht dazu, so stellten sie doch die Muse in den Dienst der neuen Lehre. Wordsworth und Coleridge wetteiferten in ihren Dichtungen das neue Evangelium der Revolution zu verkünden. Southey verherrlichte die Revolution in der Gestalt Wat Tylers, jenes energischen Aufständischen, der 1381 mit seinen Scharen nach London gezogen war, um sich die Rechte des Volkes zu holen. Aber die Jahre der Schreckensherrschaft in Frankreich und erst recht die Zeit des Krieges zwischen Frankreich

und England erstickten jeden Revolutionsgedanken in den reifern Männern, die das jugendliche Aufwallen wie eine Kinderkrankheit betrachteten, von der man nicht mehr spricht.

Wordsworth gab sich einer Naturschwärmerei hin, die vom Naivkindlichen bis nahe zum Kindischen sich erstreckte; Southey fand in einer Massenproduktion, die heute kaum mehr beachtet wird, seine Befriedigung und wurde zum biedern Philister; Coleridge, zweifellos der Geistreichste unter den Dreien, verbrauchte viel von seiner Kraft zum Kampfe gegen seine verhängnisvolle Schwäche, den Opiumgenuss, hinterliess aber der Welt doch neben Vergänglichem viel Wertvolles, vor allem die unvergänglichen Vorlesungen über Shakespeare. Alle aber fügten sich bieder und treu den Verhältnissen ihrer Zeit, wie beschränkt sie sich auch gestalten mochten.

Wie ganz anders das jüngere Geschlecht, Byron, Shelley, Keats! Wohl war keinem hohes Alter beschieden; Byron mit seinen 36 Jahren hat die höchste Zahl erreicht; aber bis zum letzten Atemzug sind sie —. jeder in seiner Art — ihren revolutionären Grundsätzen treu geblieben. Bei Keats, den der Tod mit 26 Jahren dahinraffte, konnten sie sich am wenigsten entfalten; Byron's widerspruchsvolle Natur hat dem Revolutionsgedanken oft recht fragwürdige Gestalt verliehen, doch sein Tod als Opfer für das zu befreiende Griechenland wird uns mit vielem versöhnen; Shelley aber hat in seinem Wachsen und Werden deutlich verkündet, zu welchen Zielen der Vollkommenheit und des Friedens die Ideale der Revolution fuhren sollten. Obgleich kurz nach der Zahl der Jahre, so doch lang und reich durch inneres Erlebnis, hat Shelley's Laufbahn stets an den Grundsätzen festgehalten, an denen sich seine Jugend entflammt. Dabei war ihm nicht der Kampf um des Kampfes willen von Wert, sondern um des Friedens willen, den er als sicheres Endziel erwartete und erstrebte.

Das Schicksal und die Verhältnisse, aus denen Shelley stammte, schienen ihn zu ruhigem, behaglichem Leben zu bestimmen, aber die ersten Regungen seines Geistes führten ihn auf revolutionäre Bahnen. "Ich bin ein geschworener Feind jeder religiösen, politischen und häuslichen Unterdrückung",

schrieb er ein Jahr vor seinem Tode; schon in frühester Jugend hätte er dasselbe von sich sagen können. Schönheit ging ihm über alles; denn sie musste ihn zur Wahrheit führen und diese war die Grundlage der Freiheit und des Friedens seines Geistes. Mit dem glühenden Eifer des Märtyrers verfolgte er seine Ziele, kein Widerspruch, keine Enttäuschung konnte ihn wankend machen, er wusste sich auf dem rechten Wege und war überzeugt, durch Wort und Beispiel seinen Mitmenschen helfen zu können.

Man braucht dem jungen Oxforder Studenten nicht die Ehre anzutun, die kleine Schrift "Über die Notwendigkeit des Atheismus" hoch einzuschätzen; aber sie ist bezeichnend für den Achtzehnjährigen, dem keine Tradition zu imponieren vermag. Selbstverständlich ist, dass er sich auch äusserer Sitte nicht fügte; die Roheit des damaligen Studentenlebens verabscheute er ebenso gründlich wie die engherzigen Studienvorschriften, die seinem hochstrebenden Geiste zuwider sein mussten. Anmassung lag ihm dabei fern. Die "Notwendigkeit des Atheismus" erschien ohne seinen Namen und die umfangreichste Jugenddichtung "Königin Mab"gab er nur in kleiner Auflage heraus.

Der Titel kann leicht irreführen, aber auch die Überschrift der gekürzten Fassung "Der Dämon der Welt" bringt kaum grössere Klarheit.

Die Feenkönigin Mab führt die reine Jungfrau Ianthe durch die weiten Sphären des Weltalls zu ihrem Palaste, von dem aus sie das Treiben der Menschen, die wie in einem Ameisenhaufen wimmeln, beobachten kann. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ziehen an ihrem Auge vorüber. Zahllose Fragen richtet die Reine an ihre Beschützerin. Manches bleibt unklar. Und der Geist der Natur, der an die Stelle eines persönlichen Gottes tritt, erscheint ihrem Geiste kaum fassbarer. Ahasver, den der Zauberstab der Fee herbeiruft, erzählt von dem Jammer und Elend der Menschen, von all dem Unglück, das sie sich durch ihre Leidenschaften zuziehen, von dem "Gott des unendlichen Irrtums", der den Mutigen vernichtet, weil er seiner Herrschaft trotzt und der seinen Himmel mit Sklaven füllt. Wie viel

tröstlicher ist der Blick in die Zukunft, den die Königin Mab der reinen Ianthe gewährt. Der Mensch hat durch eigene Kraft Leib und Seele befreit von Irrtum und Makel. "Er hat sein schrecklich Vorrecht eingebüßt und steht als Gleicher unter Gleichen. Glück und Erkenntnis dämmern — ob auch spät — auf unserer Erde. Den Geist erfreut der Friede, Gesundheit stärkt den Leib; Krankheit und Lust vermischen sich nicht mehr, Vernunft liegt mit der Leidenschaft nicht mehr im Streit." Die Erde wird zum Himmel, des Todes Schrecken sind nicht mehr. Aber all das wird erst kommen, wenn der Mensch sich ganz der Seele der Natur hingibt, die eigene Tugend und das Wohl aller Mitgeschöpfe unablässig zu fördern sich bemüht — verkündet die Beschützerin der staunenden Ianthe und führt sie in die Wirklichkeit zurück.

Trotz wunderbarer Bilder bleibt die Dichtung vielfach dunkel, und die philosophischen Anmerkungen, die Shelley beizufügen für nötig fand, bringen selten völlige Klarheit. Nur der Grundgedanke, dass Glück und Friede bloss durch Befreiung des Menschen von seinen egoistischen Trieben erreichbar sei, tritt stets deutlich hervor.

Nicht weniger bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass sich Shelley schon hier von seinem späteren Freunde Byron wesentlich unterscheidet: das höchste Ziel seines Strebens ist die Befreiung der ganzen Menschheit, eigene Befreiung ist nur eine Stufe auf dem Wege zu der ersehnten Höhe. Ihm gegenüber bleibt Byron ein Egoist.

Furchtbare Stürme gingen in den nächsten Jahren über Shelley's äusseres Leben und über seine geistige Entwicklung. "Eine Ehe, der die Liebe fehlt, ist unmoralisch", hatte er als Grundsatz verkündet, und so löste er sein erstes Bündnis auf, so sehr auch das Mitleid für die Verlassene auf seiner Seele lastete. In Mary Godwin hatte er ein Wesen gefunden, dessen Geist auf gleicher Höhe mit dem seinen wandelte. Ob sie auch ihre Mutter, die edle Mary Wollstonecraft nicht gekannt, so war ihre Seele doch von derselben Menschenliebe erfüllt, wie die der verehrten Verfasserin der "Rechte der Frau". Und William

Godwin, Mary's Vater, hatte auf den Dichter grossen Einfluss gewonnen. Das Elend seines Volkes ergriff ihn tief. Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Aufstände, die von einer törichten Regierung brutal niedergeschlagen wurden, drückten Shelley nieder, als hätte er alles am eigenen Leibe doppelt und dreifach empfunden. Seine Flucht nach der Schweiz sollte ihm nicht jenes "Vergessen" bringen, nach welchem Byron seinen Manfred seufzen lässt. Der innige Verkehr mit dem berühmten Sänger von Childe Harold's Pilgerfahrt war für Shelley eine Förderung, aber seine Menschenliebe wandelte sich nicht in Menschenhass.

In den zahlreichen Dichtungen der Jahre 1812 bis 1818 kehrt immer derselbe Ton wieder: erst eigene Befreiung von allem Unlauteren, damit die Menschheit zu Freiheit und Friede geführt werden könne.

Das letzte umfangreiche Werk, das Shelley zum Abschlusse brachte, bevor er die Heimat auf immer verliess, eine "Vision des neunzehnten Jahrhunderts", bringt eine Reihe wichtiger Bekenntnisse. "Laon und Cythna, oder die Revolution der Goldenen Stadt" hiess die Dichtung bei ihrem ersten Erscheinen, als "Empörung des Islam" wurde sie bald darauf verbreitet. Keine der Überschriften befriedigt, keine verschafft uns eine Ahnung des merkwürdigen, teilweise phantastischen Inhaltes. "Ich wollte im Herzen meiner Leser die hohe Begeisterung für Freiheit und Gerechtigkeit entzünden, jenen Glauben an das Gute und die Hoffnung auf dessen Erfüllung, welche weder Gewalt, noch Entstellung, noch Vorurteil je vollständig unter der Menschheit vernichten wird ..." "Mein Gedicht soll in einer Reihenfolge von Bildern das Wachsen des menschlichen Geistes zeigen, der nach Vollkommenheit strebt und der Liebe der Menschheit sich geweiht hat ..., das Erwachen eines grossen Volkes von Sklaverei und Erniedrigung zum wahren Empfinden moralischer Würde und Freiheit; wie ohne Blutvergiessen die Unterdrücker entthront. der religiöse Betrug, der die Nationen unterwürfig gemacht hat, enthüllt werden soll." — Die französische Revolution hat Fehler begangen, doch "wie konnten die auf die Stimme der Vernunft hören, die geseufzt hatten unter dem Elend staatlicher Einrichtungen,

nach denen der eine sich im Luxus wälzte, während der andere aus Mangel an Brot verhungern musste?"

Wir glauben dem Dichter, wenn er versichert, dass er mit unermüdlichem Fleisse und beständiger Begeisterung sechs Monate an dem Werke gearbeitet, das die geistigen Erlebnisse von sechs Jahren in sich schliesse. Rache, Neid, Vorurteil will er unbarmherzig verfolgen, Liebe allein soll verherrlicht werden als das einzige Gesetz, das die moralische Welt beherrschen darf. "O lasst mich weise, frei, gerecht und mild sein, wenn in mir solche Kraft liegt; denn müde bin ich, anzusehen, wie Selbstsucht und Gewalt tyrannisch über Menschen herrschen."

Shelley ist überzeugt, dass Elend und Verzweiflung den Höhepunkt erreicht haben und dass endlich eine bessere Zeit anbrechen müsse. Denen, die mit ihm den Glauben an den Sieg des Guten bewahrt haben, will er den Mut stärken.

Von einem Vorgebirge aus schaut der Dichter dem Kampfe eines Adlers mit einer Schlange zu, der vom Morgen bis zum Abend währt und in dem der Adler den Sieg davon trägt. Er ist das Prinzip des Bösen, des Übels, der Tyrannei, die sich gerne mit seinem Bilde schmückt. Die Schlange aber ist das Symbol des Guten, das in verachteter Gestalt durch die Welt gehen muss. — Und dann folgt die grosse Hauptvision, deren Schauplatz das klassische Griechenland ist. Laon und Cythna, zwei Geschwister bestehen die unglaublichsten Abenteuer, die nur die Phantasie eines Shelley auszudenken vermochte. Beide kämpfen für das Gute und für die Liebe der Menschen untereinander; sie unterliegen, werden getrennt, leiden Unsagbares, um sich schliesslich wieder zu finden und den Sieg davonzutragen. Aber nicht durch Stärke und Macht wurde er errungen, sondern durch das Wort, vor dessen Gewalt sich alle beugen. In der Gestalt Cythnas erkennt man leicht die Verteidigerin der Rechte der Frau: Mary Wollstonecraft. Die beiden Helden aber werden unsterblich durch die Fülle wahrer Liebe, die sie für alle im Herzen tragen.

Wer dächte dabei nicht an die wunderbare Schlusszene in Goethe's Faust, wo die Engel "Faustens Unsterbliches" emportragen?

Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben Teil genommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.

Bilder von wahrhaft Dante'scher Grösse erheben sich vor uns, wenn der Dichter (im VI. Gesange) die Verheerungen schildert, die Krieg und Tyrannei angerichtet, wenn er zu zeigen sich bestrebt, dass alle Schlechtigkeit der Menschen ihre Quelle in sozialer Ungerechtigkeit hat. Man glaubt die Stimme der Gegenwart zu vernehmen, wenn man liest, wie die einen in Palästen schwelgen, indes die andern hungernd mit dem Tode ringen.

Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Shelley's Zeitgenossen über Laon und Cythna spotteten und auch die Bezeichnung "Empörung des Islam" ablehnten, weil nur ganz nebenbei die Erhebung Griechenlands gegen die türkische Herrschaft eine Rolle spielt. Auch heute werden nur wenige die nahezu 5000 Verse rein zu geniessen vermögen; aber Grundgedanke und Endziel sind uns vielleicht gerade jetzt verständlicher als je.

Einem dritten grossen Werke wenden wir uns zu, das trotz aller Verschiedenheit nach Inhalt und Form doch dieselbe Lehre verkündet wie "Laon und Cythna", dem "Entfesselten Prometheus". — Gerade vor einem Jahrhundert, am 6. April 1819, hatte Shelley in den Bädern des Caracalla bei Rom die Dichtung vollendet "in blumigen Wiesen, mitten unter wohlriechenden blühenden Bäumen, die sich in labyrinthischen Gewinden und in schwindelnd hohen Bögen über die weiten Flächen dahinziehen. Der glänzende blaue Himmel Roms und die Wirkung des mächtig erwachenden Frühlings in dem göttlichsten Klima und das neue Leben, mit dem es den Geist bis zur Trunkenheit erfüllt, waren die Inspiration dieses Dramas" — schreibt er in seiner Vorrede. Ein volles Jahr hatte er in Italien geweilt, die Fahrt schon hatte ihm tiefe Eindrücke gebracht; bei Les Echelles, an der Grenze zwischen Frankreich und Savoyen, hatte ihn der Weg durch die enge Felsenkluft geführt, "einen Schauplatz gleich dem, der im Prometheus des Aeschylus geschildert wird" —bemerkt Shelley in seinem Tagebuch. "Weite

Klüfte und Höhlen in den granitnen Abhängen, winterliche Berge mit Eis und Schnee auf ihren Gipfeln; das laute Getöse unsichtbarer Wasser in den Höhlen und darüber aufgetürmte Felsen, die man nur — wie Aeschylus es schildert — mit dem beflügelten Wagen der Nymphen des Ozeans zu erreichen vermöchte". Mit empfänglichem Herzen und schönheitsdurstigem Sinn hatte er die schönsten Stätten Oberitaliens aufgesucht, uber mancherlei traurige Berichte aus der Heimat hatte ihn Mary getröstet; ernste Stimmung, ja Schwermut waren im Süden über ihn gekommen, denen er in ergreifenden Versen Ausdruck verlieh. Doch der anbrechende Frühling richtete ihn auf und schenkte ihm Mut zur Vollendung eines Werkes, das kühner und unternehmender Stimmung bedurfte. Wer würde dabei nicht Goethes und seiner Iphigenie gedenken?

Bedarf es einer Erklärung, dass die Idee, die dem aeschyleischen Prometheus und der Prometheussage überhaupt zugrunde liegt, Shelley ebenso sehr fesseln musste, wie das bei dem jungen Goethe geschehen? Wo wäre eine Gestalt, die in solchen Feuerseelen stärkere Sympathie finden könnte als diejenige des Feuerbringers, der dem obersten Gotte Trotz bietet und die grössten Qualen mutig erträgt, um die Menschheit zu erlösen? Seit Jahren war Aeschylus unter den Dichtern, die Shelley immer und immer wieder las, und da er das Griechische beherrschte wie wenige, bot sich ihm in der Lektüre der grossartigen Verse stets neuer Genuss. Wie musste er sich eins fühlen mit dem Dulder, der voll heisser Liebe an die Entwicklung des Menschengeschlechtes glaubte und nie verzweifelte! Wie musste er sich stärken können für seine Mission, wenn er sich in die gewaltigen Worte des Zeusgegners versenkte!

Die Ruhe, die Shelley unter italienischem Himmel hätte geniessen dürfen, wurde ihm zur Qual, wenn er der Leiden seiner Zeitgenossen gedachte. Er konnte nicht müssig bleiben. In einer Reihe von Dichtungen, wie auch in Prosaschriften gelangt seine Sehnsucht, den Menschen zu helfen, zum Ausdrucke; nirgends imposanter als in seinem Entfesselten Prometheus. Was wir neben dem wunderbaren "Gefesselten Prometheus" des Aeschylus von dessen "Entfesseltem Prometheus"erfahren,

ist herzlich wenig und kaum erfreulich. Der Dichter befreite den duldenden Helden aus seinen Banden, indem dieser, ermattet und gebrochen, ein Geheimnis preisgab, das die weitere Herrschaft des Zeus ermöglichte. Für solche Lösung konnte sich Shelley ebensowenig begeistern wie Goethe für die Euripideische Lösung der taurischen Iphigenie. Siegen musste Prometheus und nicht unterliegen, unterliegen in schmählichem Nachgeben.

Shelley verwahrt sich in der Vorrede zu seinem Drama davor, dass er das verlorene Werk des Aeschylus habe ersetzen wollen, niemals gedachte er den Kämpfer der Menschheit vor dem Unterdrücker sich erniedrigen zu lassen. Gleichwie Satan, der Held des "Verlorenen Paradieses" von seinem Widerstande nicht lässt, so sollte Prometheus ausharren, ja mehr, er sollte eine neue Welt herbeirufen. Prometheus ist "das Sinnbild höchster Vollendung moralischer und geistiger Natur, beseelt von den reinsten und wahrsten Absichten für die besten und edelsten Ziele". So antik Shelley's lyrisches Drama mit seinen vier, oder eigentlich nur drei Akten und seinen wenigen Persönlichkeiten, seinen Chören und den wechselnden Versmassen uns erscheint, so modern ist es in seiner Gesinnung. Mag Zeus die Qualen stets erneuen und mehren, der Gequälte bleibt standhaft, denn er weiss, die Stunde wird kommen, die seinen Quäler vom Throne stürzt. Ja mehr als das: Trotz und Zorn, die ihn anfänglich ganz erfüllten, verwandeln sich in Milde, ja in Mitleid für den Gewaltigen, dessen Macht ein Ende nehmen muss, und in immer heissere Liebe für die Menschen, die befreit werden sollen. Wie ganz anders diese unerschöpfliche Güte des Duldenden als die Menschenverachtung eines Manfred!

Prometheus ist der Sohn der Erde und so ein Bruder alles Lebenden. Wie sollte er nicht für seine Geschwister fühlen? Mitten in den Schmerzen, die er Jahrtausende getragen und lange noch wird tragen müssen, hat er nur einen Wunsch:

O wär ich doch,
Wozu das Schicksal mich bestimmt,
Der Retter und die Kraft der Leidenden!

Ausharren, in den Jammer derjenigen, die voll Mitleid um ihn klagen, nicht einstimmen, sich selbst beherrschen, das wird

ihm die Kraft verleihen, sein Erlöserwerk zu Ende zu führen. Wie kläglich ihm gegenüber der auf Vernichtung sinnende Allherrscher, wie erbärmlich sein Bote Merkur, der sich feige zum Bösen gebrauchen lässt!

Asia, des Prometheus Geliebte, deren Gestalt der Dichter mit wesentlicher Veränderung aus Hesiod entnommen, naht dem lange von ihr Getrennten. Sie ist die geistige Schönheit, die Leiterin zu Freiheit und Licht; sie ist das Ewig-Weibliche, das uns hinanführt; nicht die sinnliche, sondern die seelische Schönheit; nicht die demütig sich dem Manne Unterwerfende, sondern die nie verzweifelnde, nie wankende Mitkämpferin. Sie fürchtet sich nicht, hinabzutauchen in den Mittelpunkt der Erde, um am Throne des Demogorgon, der die Urmacht der Welt ist, zu erfahren, wie sich das Schicksal ihres Geliebten gestalten werde. Aber seine Antworten sind unbestimmt. Sein fortwährendes "Er regiert" verrät nicht, wie lange die Schreckensherrschaft des Zeus noch dauern werde, aber es lässt ahnen, dass einmal die Tyrannei des Bösen ein Ende finden müsse. Gerechtigkeit kann nicht auf ewig das Opfer der Gewalttat sein.

Und die Stunde des Verhängnisses erscheint für den König der Götter, der auf seinem Throne sitzend, sich sicherer glaubt als je. Das Mass des Unrechtes ist voll, Demogorgon verkündet ihm den Sturz. Asia aber steigt strahlend aus der Tiefe empor, die Bande des Prometheus lösen sich, die reine Menschenliebe hat den Sieg erlangt, in triumphierenden Gesängen feiern Prometheus und Asia die heiligste Stunde der Befreiung.

Ein überreicher Schmuck an zauberhaften Bildern verdunkelt wohl zuweilen den hohen Flug der Gedanken, aber dem teilnehmenden Hörer oder Leser wird die Feinheit der Entwicklung nicht entgehen. Wie der greise Goethe seinen Faust in wunderbaren Visionen ausklingen lässt, in deren Deutung nur wenige einig sind, so schmiegt sich bei dem jugendlichen Shelley an die mit dem dritten Akte vollendete Handlung ein vierter, der den Jubel der Geister, ja der Gestirne, des Mondes und der Erde über den Sieg verkündet, den die Liebe über alles Böse, über Tyrannei und Gewalttat davongetragen.

"Du Fluch des Szepters! ... wie bist du versunken, verschwunden, verschlungen. vom durstigen Nichts, gleich modrigem Wasser, das die Schar in der Wüste — einen Tropfen für jeden — gierig getrunken! Und ringsum, von oben, von unten, von innen und aussen dringt ein in die Leere, die du gelassen, die Liebe, der Strahl des Lichtes, gleichwie in. die Risse der Felsen, die der Blitzstrahl gespalten."

Weh zu erdulden, das Hoffnung für endlos gehalten;
Unrecht vergeben, das dunkler als Nacht oder Tod;
Der Gewalt zu trotzen, wie mächtig sie auch erscheine;
Lieben und tragen und hoffen, bis dass aus eignen Ruinen
Die Hoffnung errichtet, wonach sie sich selber gesehnt;
Nicht sich verändern, nicht weichen, nicht wanken, nicht zögern:
Das, o Prometheus, heisst zu deinem Ruhm sich erheben,
Gut sein und gross und glücklich und schön und frei;
Das einzig ist Leben und Freude und Herrschaft und Sieg!

Nicht in der Rückkehr zur Natur, wie Rousseau sie als Heil des menschlichen Geschlechtes gepredigt, sieht Shelley unser letztes Ziel, sondern in der Rückkehr zur reinen Liebe für Alle und Alles. Vorwärtsschreiten soll der Mensch in seiner Vervollkommnung, emporsteigen und sich erheben über jede niedrige und gemeine Gesinnung. Von einem egoistischen Menschengeschlechte ist der Friede nimmermehr zu erwarten, nur die ehrliche Hingabe ans All vermag ihn zu bringen.

Jedes Erlebnis pflegte in Shelley poetischen Wiederhall zu finden, und aus der Zeit nach dem Erscheinen des Entfesselten Prometheus waren es namentlich die Beziehungen zu der jungen Gräfin Emilie Viviani in Pisa, die sich in dem duftigen Gedichte "Epipsychidion", einem Hymnus auf Schönheit und allumfassende Liebe, Dantes "Vita Nuova" in manchem nicht unähnlich, wunderbar wiederspiegeln und alsdann der Tod des jungen Freundes Keats, dem er in "Adonais" eine Elegie widmete, die in der Weltliteratur kaum ihres Gleichen finden möchte. Indessen dürfen wir auf diesen Spuren uns nicht verlieren, so leicht es auch wäre, hier wiederum jene Gesinnung des Dichters nachzuweisen, deren Betrachtung wir uns zur Aufgabe gemacht.

"Hellas" ist es, die Dichtung, die im April 1822 erschien, wenige Monate vor seinem Tode, in welchem noch einmal die ganze, volle Begeisterung Shelley's für Freiheit und Friede sich ausströmt. Obgleich in Akte eingeteilt, in Zwiegesprächen sich bietend, mit Chören und lyrischen Partien versehen, ist es kein Drama und will kein Drama sein. Dazu ist es schon viel zu eilig verfasst und ermangelt an manchen Stellen jener Sorgfalt, der wir in den meisten Werken des Dichters zu begegnen gewohnt sind. Alles kam ihm darauf an, seinem heissen Gefühle der Teilnahme für das erwachende Griechenland, in dem er den reinen Abkömmling des klassischen Hellas sah, freien Lauf zulassen. Er bekennt auch offen in seiner Vorrede, dass er sich im Aufbau kurzweg an die Perser des Aeschylus angeschlossen. Und das tat er nicht nur in der Form, sondern auch teilweise inhaltlich. Das um seine Freiheit ringende Hellas kommt nur durch den Chor der gefangenen Griechinnen — freilich ergreifend genug — zum Worte, während die "handelnden" Personen die Unterdrücker sind, neben denen auch Ahasver erscheint, jene Gestalt, zu der Shelley immer wieder greift, wenn er eines Repräsentanten bedarf, der über Jahrhunderte zurückblicken soll. Nicht in Griechenland, sondern in der Hauptstadt des Sultans befinden wir uns; die Haupthandlung wird durch Berichte der Boten gemeldet. Auch andere Parallelen wird der Kenner des aeschyleischen Dramas leicht entdecken. Für uns kommt das hier nicht in Betracht, nur das sei erwähnt, dass der englische Dichter sich gleichwohl in voller Unabhängigkeit bewegt.

Das Schicksal Bolivars, des kühnen Befreiers südamerikanischen Bodens, hatte ihn ebenso sehr in Spannung erhalten wie nun dasjenige Alexander Ypsilantis, der seit 1821 die Kühnheit seines Unternehmens in der Gefangenschaft zu Munkacz büsste. Mit Maurocordato, dem später führenden griechischen Staatsmann, hatte Shelley in Pisa enge Verbindung angeknüpft und von dem feingebildeten Manne, der nur zwei Jahre älter war als der Dichter, mancherlei Kenntnisse empfangen, die seine Sympathien für die Unterdrückten steigern mussten. Beide hatten ähnliche Charaktereigenschaften, beide schwärmten für die griechischen Tragiker, beide glaubten fest an eine Erneuerung

des alten griechischen Freiheitsgeistes im neunzehnten Jahrhundert.

Wenn Shelley's "Hellas" sich nach der darauf verwendeten Sorgfalt nicht mit dem Entfesselten Prometheus messen. darf, so hat dieses zweite lyrische Drama vor dem ersten den Vorzug grösserer Unmittelbarkeit. Schon in dem Motto, das er dem Oedipus auf Colonos (Vers 1064) entnommen, wo der nach der Schlacht sich sehnende Chor freudig verkündet: grec grec grec grec — "Wackeren Kampf weissagt das Herz mir", kommt Shelley's Zuversicht zum Ausdrucke, dass die gute Sache der Griechen, ja jedes nach Freiheit ringenden Volkes zum glücklichen Ziele führen müsse.

Wie unendlich viel mehr Ernst und Tiefe liegt gleich von Anfang an in dieser Dichtung, wenn wir sie neben Byron's Verse halten, die er Griechenland geweiht hat, zumal den dritten Gesang des Don Juan, der ein Jahr vorher der Welt geboten worden war! Wie leere Phrase erklingt manches aus dem Munde des Lords, der doch später sein Leben für das Griechentum dahingab.

Ein unvollendet gebliebener Prolog erinnert an jenes ewig poetische Bild, als "eines Tages, da die Kinder Gottes kamen und traten vor den Herrn, auch Satan unter ihnen war." So erscheint er auch hier "unter dem Gesinde", neben Christus und Mohamed, und wirft die Frage auf, ob Griechenland wiederum der Quell in der Wüste werden soll, aus dem die Erde Freiheit trinkt, Kraft und Stärke zu erlangen für kommende Leiden, oder ein Abgrund öden Todes bleiben, der Freude, Leben, Hoffnung ganz verschlingen soll?

Chöre und Einzelgesänge eröffnen das Drama; bei ihren Klängen möge der Sultan schlummern; denn wenn der Tyrann schläft, so kann die Freiheit erwachen.

Leben ändert sich, doch flieht's nicht;
Hoffnung schwindet, doch sie stirbt nicht;
Wahrheit — ob verhüllt — wird immer glühen;
Liebe — ob verstossen — wir stets blühen.

Am grossen Morgen der Welt wird der Geist Gottes die Fahne der Freiheit mit Macht über dem Chaos entfalten, und

sie, die ohne Gesetz herrschen wollten, werden fliehen wie Geier, die das Erdbeben aufgeschreckt. — So ist aus der stürmischen Dämmerung der Zeit der Strahl der Freiheit hervorgebrochen; Thermopylae und Marathon haben die Flamme empfangen wie Feuerzeichen auf dem Gebirge. Von einem Menschenalter zum andern hat der Freiheitsgedanke seine Beschützer gefunden, Albion und die Schweiz haben ihn verteidigt. Wohl deckte ihn zur Zeit düstre Nacht, jetzt aber ist er wieder erstanden auf der fernen Atlantis, in der neuen Welt. Und sollte er nicht nach Griechenland zurückkehren, ob es auch in traurigen Ruinen daliegt?

Die Siegesnachrichten, die dem grausamen Sultan gebracht werden, scheinen jede Hoffnung der freiheitsdurstigen Griechen zu vernichten; ja sein Freund Hassan weist hin auf das Benehmen derer, von denen Hellas hätte Hilfe erlangen sollen. Des Dichters Heimat, England, hat ihre Pflicht vergessen; "die Königin des Ozeans sitzt fern im Westen auf ihrem Inselthrone und trauert, dass ihre Söhne in Verachtung der Freiheit dem Tyrannen zulächeln", und Russland hasst den Namen der Freiheit ebenso sehr wie es den Sultan hasst. Das gemeine Österreich wird nichts für die Erlösung der geknechteten Griechen tun. — All seinen Hass und seine Verachtung für die Feiglinge, die den Unterdrückten schmählich im Stiche lassen, legt Shelley in die wuchtigen Verse. Wehe dem, der nicht für Befreiung sich opfern will, er wird selbst zum Opfer werden, wenn blutige Revolution hereinbricht und alles in ihren Strudel reisst.

In Bildern, die bald getreu den Ereignissen jüngster Zeit entnommen, bald der Phantasie des Dichters entsprungen sind, erblicken wir das Heldentum der unglücklichen Hellenen, denen trotz alles Mutes der Preis versagt bleibt, weil Zwietracht und Eigennutz in ihren Reihen lauern. — Die Berichte der Boten werden immer wieder vom Chore der gefangenen Griechinnen unterbrochen, die bald wehklagend das Schicksal der Heimat betrauern, bald triumphierend der baldigen Erlösung entgegenjubeln, wenn sie vernehmen, dass die Hellenen einen Sieg davongetragen. "Einst sprach die Freiheit: es werde

Licht! und wie die Sonne, die aus dem Meere emporsteigt, erhob sich Athen." Wohl verfinsterte sich sein Glanz, aber er wird wieder aufleuchten und der ganzen Welt Freiheit und Friede bringen.

Dass Ahasver, den Shelley schon in der Königin Mab zum Träger seiner eigenen Anschauung gemacht, auch in diesem Drama wieder auftritt, mag uns fesseln, wenn wir des Dichters philosophische Wandlungen prüfen wollen. Als Gestalt der Dichtung ist er hier kaum von Wichtigkeit. Er lässt vor dem Sultan ein Phantom erscheinen, das Vergangenheit und Zukunft des Islam darstellt und das in dem Schauenden die Überzeugung wecken muss, dass all seine Erfolge nur Täuschungen sind, weil die Macht und Tyrannei der türkischen Herrscher sich selbst den Untergang vorbereitet hat. Wem die "Perser"des Aeschylus geläufig sind, dem wird die Ähnlichkeit mit einer bedeutungsvollen Szene jenes Dramas nicht entgehen.

Eine Stimme, die hinter der Bühne ertönt, meldet wohl den Sieg der Türken, und schauerlich klingt der Befehl zur Vernichtung der Besiegten; aber der Glaube an den schließlichen Triumph von Freiheit, Tugend, Liebe und Wahrheit, wie ihn der Chor der Unterdrückten verkündet, wirkt doch noch mächtiger und überzeugender. "Tyrannen mögen in der Einsamkeit herrschen, die sie geschaffen, die Freien aber sollen das Paradies besitzen, nach dem sie sich sehnen! Unsere Toten werden die Saat des Zerfalles der Herrscher sein, die Überlebenden der Schatten ihres Stolzes. Unser Unglück sei ein Traum, der schwindet, ihre Schmach ein Denkmal, das niemals vergeht. — Die grosse Zeit der Welt beginnt aufs neue, die gold'nen Jahre kehren wieder, der Schlange gleich erneuert sich die Erde, da sie des Winters Kleidung abgestreift. — Aus klaren Fluten steigen nun empor die Berge eines glänzenderen Hellas; Athen soll nun aufs neue sich erheben und — wie der Sonnenuntergang den Himmeln es verkündet — den spätesten Zeiten seine Jugend zeigen! — Wie! sollten Hass und Tod je wiederkehren? Soll künftig Mensch den Menschen wieder morden? Soll er den Becher bitt'rer Prophezeiung bis auf die Hefe jemals wieder leeren? Die Welt ist müde der Vergangenheit. O lasst sie sterben oder Friede finden!"

Die Schönheit der Sprache täuscht uns über manche Dunkelheit hinweg; aber Shelley selbst ist ehrlich genug zu gestehen, dass sein Werk nicht die Vollendung trägt, die er ihm gerne hätte geben mögen. "Ich habe mich begnügt, eine Reihe lyrischer Bilder zu bieten und auf den Vorhang der Zukunft, der über die unvollendete Handlung niederfällt, solche Gestalten von unbestimmten visionären Umrissen zu zeichnen, dass sie den schliesslichen Triumph des griechischen Kampfes als einen Bestandteil der Sache der Zivilisation und des sozialen Aufstieges erscheinen lassen."

Shelley's Ideale einer künftigen Gestaltung der Staaten und der Völker untereinander kommen in den genannten vier umfangreichen Dichtungen, der märchenhaften "Königin Mab", der visionären "Empörung des Islam", dem übergöttlichen "Entfesselten Prometheus" und der lyrischen Bilderreihe "Hellas" am ausführlichsten zum Ausdrucke, so verschiedenartig diese Werke in jeder Hinsicht sind. Gerne aber möchten wir wissen, wie er sich zu einem Problem gestellt hätte, das ihm die heimische Geschichte bot. Er wollte — was ihm bis dahin nicht gelungen — ein wirkliches Drama schreiben, eine Tragödie mit der ganzen, reichen Gedankenfülle, die ihm zu Gebote stand, mit den Problemen, die seinen Geist unaufhörlich beschäftigten und doch auch mit jenen äusseren Eigenschaften, die zur Bühnenfähigkeit gehören. Es war Karl I., dessen tragisches Schicksal ihn seit 1818 fesselte. Weit länger als es seine Gewohnheit war, trug er den Stoff mit sich, und im Februar 1821 schreibt er an seinen Londoner Verleger aus Pisa: "Ich habe meine Zweifel über Karl I., aber wenn ich ihn schreibe, so soll er eine Geburt meiner ernstesten und höchsten Empfindungen sein ... Habe ich einmal die Überzeugung gewonnen, dass ich ihn schreiben kann, so ist er auch schon geschrieben." Es war ihm unmöglich ein geschichtliches Ereignis rein historisch zu behandeln, er musste es mit den Fragen der Gegenwart in Zusammenhang bringen. Und dazu gab der Fürst, der gute Eigenschaften besass, aber seine Zeit nicht verstand, der ritterlich sich zu behaupten suchte und schliesslich unter dem Beile des Henkers endete, reiche Möglichkeit.

Indessen stand Shelley vor zwei grossen Schwierigkeiten: folgte er anerkannten Historikern wie Hume, so kamen die Gegner des Königs, die Freiheitshelden, die seine Sympathie besassen, nicht zu ihrem Rechte; versuchte er frei zu schaffen, so geriet er mit der geschichtlichen Überlieferung in Konflikt. Die vier oder fünf Szenen, die der Dichter hinterlassen hat, zeigen manche Schönheiten an Sprache und Bildern, doch lassen sie uns nicht ahnen, wie er die grossen Probleme gestaltet hätte. Starke Abhängigkeit von Shakespeare darf nicht verschwiegen werden. — Wir gehen wohl nicht irre, wenn wir annehmen, dass Shelley mit der Figur Cromwell's sich nicht zurechtfand. Heute wäre das leichter.

Bis um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebte Cromwell im Bewusstsein des englischen Volkes wesentlich so, wie wir ihn aus Hume's Geschichte Englands kennen: ein kleinlicher Mensch, der mit kleinlichen Mitteln seinen grossen Ehrgeiz zu befriedigen sucht. In der Kunst der Heuchelei und Verstellung war er ein Meister, am Ziele angelangt ein rücksichtsloser Tyrann, der den gestürzten Tyrannen an Härte weit übertraf. Niemand konnte wissen, was seine politischen ideale waren, ob ehrliches Republikanertum, ob schroffe Alleinherrschaft. Ein solcher Charakter konnte nimmermehr für Shelley's Dichtung taugen.

Das wurde gründlich anders, als Thomas Carlyle im Jahre 1841 mit seinem glänzenden Essay über Oliver Cromwell in Heroes, Hero-worship, and the Heroic in History hervortrat und seine wichtigen weiteren Publikationen über den grossen Republikaner folgen liess. Das wäre eine Gestalt gewesen, für die sich Shelley sicher in hohem Masse begeistert hätte und der ihm als Träger höchster Ideale willkommen gewesen wäre. Aber aus eigener Kraft vermochte der Dichter einen solchen Helden nicht zu schaffen, und hätte er es gewagt, die Zeitgenossen hätten ihn nicht begreifen können. Uns aber bleibt nur das lebhafte Bedauern, dass Shelley einen Stoff beiseite legen musste, für den die Zeit der Erfüllung noch nicht gekommen war. Auch längeres Leben hätte ihn nicht zum vorgesteckten Ziele geführt.

Den einzigen Weg zum Wohle des ganzen Volkes und zu

bleibendem Frieden sieht Shelley in der Befreiung aller Unterdrückten und in der Erlösung von Herrschern und Gesetzen, die auf Ungerechtigkeit beruhen. Kein Wunder, dass das Jahr 1819, das in England die Arbeiterfrage zu einem Entscheide zu bringen schien, eine Reihe von Gedichten in ihm hervorrief, in denen er seinem Empfinden kräftigsten Ausdruck verleiht. Nur kurz sollen sie hier erwähnt werden. Die Mehrzahl wurde erst nach des Dichters Tode veröffentlicht. Verschiedenes ist im Entwurfe stecken geblieben.

In Peterloo bei Manchester war am 16. August eine grosse Volksversammlung, die über das Wohl der arbeitenden Klassen Beschlüsse zu fassen gedachte, gewaltsam auseinander getrieben worden, Tote und Verwundete blieben auf dem Platze. Shelley, der in Italien regelmässig auch briefliche Nachrichten über die politischen Vorgänge in England erhielt, war entsetzt. "Der Sturm meiner Empörung hat sich in meinen Adern noch nicht gelegt ... Etwas muss geschehen. Was, weiss ich noch nicht" — schreibt er im September an seinen Verleger. Im "Maskenfest der Anarchie" lässt er die Bedrücker der arbeitenden Menschheit in schauerlichem Zuge an uns vorüberziehen, vor allem Lord Castlereagh in der Gestalt des Mordes, dem sieben Bluthunde folgen, die von Menschenherzen genährt sind. — In kürzeren, volkstümlich gehaltenen Liedern fordert er zur Empörung auf.

Männer Englands! was bestellt
Euern Zwingherrn ihr das Feld?
Warum webet eure Hand
Des Tyrannen Prachtgewand?
Ihr sät das Korn für andre nur,
Durchwühlt für sie nach Gold die Flur,
Für andre wirkt ihr das Gewand,
Euer Schwert trägt andre Hand.
Sät Korn — für den Zwingherrn nicht!
Schürft Gold — doch nicht dem faulen Wicht!
Webt Kleider — nicht dem Schelm zu Nutz!
Schweisst Waffen — selber euch zum Schutz!

In einem "Neuen Nationalliede" feiert er die Freiheit als die unsterbliche Königin Englands, die ihren Sitz im Herzen

eines jeden Tüchtigen aufgeschlagen hat. — "Steht auf! steht auf! Blut ist auf der Erde, die euch das Brot verweigert," ruft er im Oktober jenes Jahres. "Vereint euch! vereint euch! Freund und Feind in Liebe und Frieden. Beisammen ruhen die Wogen, wenn der Sturm, der sie gepeitscht hat, sich legt."

Was hat der Dichter erreicht? mag man müssig fragen. Zu seinen Lebzeiten nichts. Anerkennung und Verständnis nur in kleinem Kreise.

Im Gewitter verschlang ihn das blaue Meer im Golfe von Spezzia. Am 18. Juli 1822 fand man bei Viareggio seinen Leichnam. Ein Bändchen Sophokles und die Gedichte seines Freundes Keats waren in seiner Tasche. Versenkt in die Schönheit der Dichtung während er auf dem Meere fuhr, hatte ihn das Schicksal überfallen. An der Pyramide des Cestius in Rom wurde seine Asche beigesetzt. Er hatte das dreissigste Lebensjahr noch nicht vollendet.

Aber was hat er nach seinem Tode erreicht? — Man denke sich Goethes Laufbahn vor der Vollendung von Egmont, Iphigenie und Tasso abgeschnitten, oder Rousseaus Wirken nur bis zur Reise nach Paris und dem Zusammentreffen mit Diderot. Was wären sie? — Shelley ist heute noch verkannt trotz der kleinen Gemeinde glühender Verehrer, heute noch unterschätzt trotz mancher schönen Schrift, die über ihn erschienen. Seine Gedanken, oft in nur allzu duftige und phantasiereiche Form gekleidet, leben fort, seine edle Gesinnung muss höchste Achtung wecken.

Zumal in diesen Tagen seelischer Not, da wir Alle bebenden Herzens dem Augenblicke entgegenschauen, der uns das heiss ersehnte Wort der Erlösung bringen soll, kann uns das Eintauchen in Shelley's Denken und Sehnen zum Troste gereichen, uns stärken im Glauben an eine bessere Zukunft, uns zeigen, dass eigene Läuterung und tätige Menschenliebe der einzige Weg sind zum wahren und bleibenden Frieden!