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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Alttestamentliche Wortforschung.

Wer von sich bekennt, dass er ein Wörterbuch zum hebräischen Alten Testament schreibt 1), der ist sicher, allgemeinem Mitleid zu begegnen. Er freut sich dieser menschlichen Empfindung; denn er verdient sie auch. Es ist eine Sache grosser Geduld und Beharrlichkeit, die 560 Stellen für Mensch, die 1159 für hören, 2166 für Mann, 3570 für sein, 5287 für sagen und 6823 für Jahwe (Jehovah) und viele andere Wörter mit ähnlich zahlreichen Stellen 2) prüfend und sichtend durchzuarbeiten, ohne dass Aussicht auf viel Neues besteht.

Aber diese Arbeit ist nötig. Denn die erste Eigentümlichkeit eines Wörterbuches zum hebräischen (und aramäischen) Alten Testament besteht darin, dass es gleich einem solchen zu Plato oder Cicero Wörterbuch eines geschlossenen Wortschatzes ist. Dieser Wortschatz aber, wiewohl Texten zugehörig, deren älteste mehr als 3000, deren jüngste 2000 Jahre alt sind, befindet sich bis auf heute, ja heute mehr denn in frühern Jahrhunderten, in einem leisen, aber doch spürbaren Flusse. Seine abschriftliche Überlieferung durch über anderthalb Jahrtausende, die Vieldeutigkeit seiner Schreibung und Interpunktion, die Entlegenheit seiner sprachlichen Art erklären es, dass bis auf den heutigen Tag neue Erkenntnis altgeglaubte Wörter als

Unwörter betrachten, unverstandene Wörter auf einmal verstehen lässt 3).

So hiess es durch die Jahrhunderte in einem Psalm (74, 14): "Du zerschlägst die Köpfe der Walfische und gibst sie zur Speise dem Volk in der Einöde."Diese Übersetzung ist ganz in Ordnung, nur ist sie sinnlos. Denn wie kommt gerade "das Volk in der Einöde", von dem niemand weiss, was gemeint ist, zu solcher Speise? Eine kleine Änderung nicht eines Buchstabens, sondern nur der Worttrennung gibt nicht nur den vollem Sinn "gibst sie zur Speise den Haien des Meeres", sondern schenkt uns auch das hebräische Wort für Hai 4) "Nebukadnezar soll sich Ägypten anziehen, wie ein Hirt sein Kleid anzieht", sagt der Prophet (Jeremia 43,12), und der Leser hört es und stutzt. Was heisst es, dass einer ein Land anzieht, und zieht der Hirt sein Kleid anders an als alle Leute? Die richtige Übersetzung lautet: "Nebukadnezar wird Ägypten lausen, wie ein Hirt sein Kleid laust", und nun lässt das Wort an derber Sinnenfälligkeit nichts zu wünschen übrig 5).

Dies sind nur zwei Beispiele für die langsam gewonnene bessere Erkenntnis von Wortbedeutungen, wie sie zu Hunderten und zu Tausenden in Vorschlag gebracht worden sind. Über die Umstände, welche solche Vorschläge ermöglichen, wird noch zu reden sein. Hier sei nur gesagt, dass die Zeit gekommen ist, alle diese Vorschläge, soweit sie es wert sind, im Wörterbuche zu verzeichnen. So nahen denn dem sichtenden Lexikographen die verschiedensten Gestalten: der Scheue und Bescheidene, der am liebsten die Hand wieder zurückzöge, nachdem er sie uns voll des Goldes bessern Wissens gezeigt hat; der kühne Neuerer, der zu Dutzenden Besserungen weiss und kein Bedenken gegenüber seiner Hemmungslosigkeit versteht; der Umsichtige, der imstande wäre, eine Enzyklopädie zu schreiben, um die Antastung eines

einzigen Buchstabens zu begründen; der Genialische, der wirr und toll seine Einfälle schmettert. Sie alle nahen, und des Lexikographen strenges Teil ist es, gerecht und doch zugänglich, beherzt und doch vorsichtig, alles, wenn nicht wissen, so doch wägen und entscheiden zu können. Nein, langweilig ist sein Geschäft mit nichten 6).

Aber wenn wir auch weitere Beispiele dafür geben wollten, wie in neuerer Zeit eine immer falsch übersetzte Stelle richtig übersetzt worden ist, man fragt sich doch, wie es möglich sei, dass nicht längst das Alte Testament seine abschliessende Erklärung oder doch wenigstens Übersetzung gefunden hat, und fragt sich auch, warum denn, wenn dies bisher nicht möglich war, es nunmehr eher soll geschehen können. Auch für den Lexikographen selber verheisst es Gewinn, wenn er für einen Augenblick sich nicht über seine Arbeit an tausend Einzelheiten beugt, sondern eine grundsätzliche Antwort auf diese Fragen sucht. Lässt sie sich überhaupt geben? Mich dünkt, sie lässt sich geben.

Wie wir noch sehen werden, beschlägt das Alte Testament mit seinen Worten, Begriffen, Vorstellungen und Bildern die ganze Breite des Lebens schlechthin. Aber schon sein vorchristlicher Leserkreis unterzieht es mehr und mehr einer einseitigen Betrachtung. Schon für die .Juden ist es religiöse, theologische Literatur, die aus erbaulichen, theologischen Anliegen gelesen wird. Das zu tun, war nicht falsch. Das Alte Testament ist in seiner Gesamtheit eine religiöse, theologische Urkunde, wenn dieses Urteil auch nicht für alle seine Teile und nicht für sie alle im gleichen Masse gelten kann. Das Alte Testament wird falsch und wird gar nicht verstanden, wenn man, wie Herder, Schiller und viele ihrer Nachfahren getan haben, mit philosophischen oder gar nur mit literarisch-ästhetischen Aspekten an es herantritt. Aber das Eigentümliche dieser theologischen Urkunde ist eben dies, dass sie sich in lebensoffener Weltlichkeit bewegt und schlechthin von allen Dingen spricht. Sie hat ein Auge für Tier

Wurm, Vogel, Pflanze, Blume, Droge, Edelsteine, Farben, Stoffe aller Reiche, Kleidungsstücke, Waffen, kurz für die bunteste Fülle der Erscheinungen. Sie freut sich geographischen und ethnographischen Wissens. Sie hat Sinn für alle Seiten des Lebens. Sie nimmt ihre Bilder, und was für lebendige, sprechende Bilder, aus allen Bereichen. Sie ist weder prüde, noch preziös, noch pedantisch in der Wahl, noch gesalbt und kirchlich in der Sprechweise, noch abgekehrt irgendeinem Menschlichen oder Natürlichen, sie lebt, Gessnerisch zu reden, "in der Welt des Grases". Theologisch in der Absicht, ist das Alte Testament von beglückender Laienhaftigkeit im Ausdruck. Nun aber wird dieses Alte Testament schon zwei, drei Jahrhunderte vor Christus gelesen in der Stadt, in der Synagoge, in der Studierstube, im Ghetto des Geistes, von Stubenhockern und Gelehrten, die genau so weltfremd sind wie der heutige Normalgelehrte, denen jede Pflanze so viel ist wie die andere, die kein Tier vom andern mehr unterscheiden können, die das auch gar nicht wollen, denen alles, schlechthin alles nur eben soviel Wert hat, als es sich geistig, besser gesagt geistlich deuten und beziehen lässt, denen sinnenhafte Anschauung und Deutlichkeit nicht Reichtum, sondern Verweltlichung bedeutet, und die, das ist das Arge daran, kein Bedenken tragen, gewalttätig, wie die Vertreter des Geistigen nicht selten sind, diese Weltabgewandtheit unbekümmert in die Schrift hineinzutragen, welche sie doch als ihre heilige bezeichnen. Diese Art Mensch und Gelehrter aber bildet den Grundstrom von Wissen aus, der uns, was die Bibel anlangt, noch heute trägt: die Tradition.

Die erste Verkörperung dieser Tradition ist die vorchristliche Übersetzung ins Griechische, welche als Septuaginta bekannt ist. An hunderten und Aberhunderten von Fällen wird immer wieder offenbar, dass schon die Verfasser der Septuaginta sich um den Sinn der alttestamentlichen Wörter nur noch wenig kümmern. Der Maulwurf (choläd) wird zum Wiesel 7), die Myrrhe zum Safran

oder zur Narde 8), die Festversammlung gelegentlich zum Auszug, dann wieder zum Fasten, anderwärts zur Heilung 9), der Zaum zur Bewachung 10), das Eiskraut zu Zelten 11), das Fleisch zum Tisch 12). "Dass deine Söhne ohnmächtig liegen wie die Antilope im Netz", sagt der hebräische Text (Jesaja 51, 20), "wie halbgar gekochter Mangold", gibt die Septuaginta wieder. Und rümpfe nur niemand die Nase und sage, das seien kleine Schönheitsfehler! Das Wort: "Wenn ihr nicht glaubet, bleibet ihr nicht" (Jesaja 7, 9) wandelt sich in "Wenn ihr nicht glaubet, erkennt ihr nicht", und diese Fehlübersetzung rührt bis an den Quellpunkt der theologischen Erkenntnislehre, wie von Clemens Alexandrinus bis Zwingli sich zeigen lässt 13).

Auf den Bahnen der Septuaginta geht die römische Kirchenbibel, die Vulgata. Wie falsch sie übersetzen kann, hat uns allen Michelangelo in Stein vor Augen geführt, der seinem Moses Hörner gibt, weil die Vulgata übersetzt: "sein Antlitz war gehörnt" (2. Mose 34, 29), wo doch nur gesagt ist: "sein Antlitz strahlte". An vielen Stellen dieser Vulgata wird deutlich, dass sie jüdische Auslegung benutzt, so beweist sie denn auch, dass die jüdische Auslegung, der man sonst gerne das Vorurteil bessern Wissens und näherer Beziehung zur Welt des Alten Testaments zubilligen möchte, nicht weniger unscharf ist. Die Targume tun

es zum Überfluss deutlich dar, und die syrische Bibelübersetzung belegt es durch neue Unscharfheiten.

Soviel sei zur Kennzeichnung der Tradition gesagt. Sie zeigt durchgehends einen empfindlichen Mangel an Schärfe der Erfassung der Einzelheiten. Über dem ganzen Verständnis des Alten Testamentes liegt der Nebel der Flüchtigkeit, der Gleichgültigkeit, der Voreingenommenheit und der Missverständnisse. Nun ist es eines der grossen Gesetze aller Wirklichkeitserfassung, das jedem Gelehrten immer wieder erschütternd entgegentritt, dass es ohne Treue im Kleinen kein Gelingen im Grossen gibt. Wenn es irgendwo Zusammenhang aller Teile gibt, dann im wissenschaftlichen Arbeiten. Was nachlässig in den Teilen gearbeitet ist, kann nicht richtig im Grossen werden. Keine Genialität der bedeutenden Linie begegnet wirksam dem Fehlstrich der kleinen Linie. Der Lexikograph aber, Vorarbeiter der andern, Kleinarbeiter vor andern, freut sich dieses Zusammenhanges.

Doch fragen wir nun, mit welchen Mitteln und aus welchen Gründen und endlich mit welchem Ertrage die alttestamentliche Wortforschung heute imstande ist, die Nachwirkung dieser Tradition, die sich bis in die neuesten Wörterbücher mehr oder minder erhalten hat (denn aller Irrtum ist zäh, und der gelehrte Irrtum am zähesten), zu beseitigen.

Der Mittel und Gründe zur Berichtigung der Tradition gibt es zwei. Das eine davon ist unsere ganz erheblich gesteigerte Kenntnis der semitischen Sprachen und ihrer Kulturen. Neben dem Hebräischen steht heute eine ganze Reihe von semitischen Idiomen, deren Wortschatz, deren Kulturschatz und deren gegenseitige Beziehungen in sprachlicher und kultureller Hinsicht wir mehr und mehr durchschauen. Da wären, wollte man einen Überblick geben, neben den grossen Sprachgruppen des Akkadischen (des Assyrisch-Babylonischen), Arabischen und Aramäischen die kleinen Dialekte bis hin zum Mehri und Soqotri (der Sprache einer Südarabien vorgelagerten Insel) zu nennen. Sie alle bieten uns ihre Gaben. Dass hebräisch "mallâch""Schiffer" heisst, brachte man bis in neuere Zeit mit "mälach" "Salz" zusammen; der Matrose war also der "Salzner", eine Etymologie so komisch, wie viele falsche Etymologien komisch sind. Heute

wissen wir, dass es ein dem Sumerischen entlehntes akkadisches Wort malächu "Schiffer"gibt, das als Lehnwort ins Hebräische dringt wie Matrose aus dem Niederländischen ins Deutsche. Sarîs bedeutet den Hofmann, vielleicht den Eunuch. Die Versuche, durch Etymologien aus dem Arabischen die nötige Operation an ihm herauszubringen, gingen verschiedene Wege. Es waren Irrwege, denn das Wort ist eine Kontraktion aus akkadisch scha rêschi "der zu Häupten"14). "Löwe" heisst hebräisch sowohl 'ariî als läbî Das erstere findet sich auch im Somali, wo 'är, Mehrzahl 'ärar "der männliche Löwe"ist, das zweite ist gleich akkadisch labbu. Warum aber gibt es im Hebräischen zwei Wörter für Löwe? Früher konnte man lesen, der Löwe habe im Hebräischen mehrere Namen, wie im Arabischen der Löwe, die Schlange, das Pferd und das Kamel viele. Man wollte darin einen Reichtum dieser Sprachen erblicken, während die Tatsache, falls sie zuträfe, doch eher seltsam wäre. Aber sie ist gar nicht vorhanden; jedes der angezogenen Wörter bedeutet, sofern es sich nicht um Umschreibungen handelt, das betreffende Tier in einer besondern Alters- oder Erscheinungsform 15). So bedeuten auch die beiden Wörter für Löwe im Hebräischen entweder zwei verschiedene Arten oder, was ich für wahrscheinlicher halte, das eine den Löwen, das andere (läbî) die Löwin, die wegen der dort vorhandenen, hier fehlenden Mähne sehr wohl für zwei verschiedene Tierarten gehalten werden konnten 16).

Die aufkommende Assyriologie hat für das Alte Testament in jeder Hinsicht grosse Bedeutung gewonnen, sowohl für die Geschichtskenntnis und das Verständnis des ganzen der altorientalischen Weltgeschichte zugrunde liegenden Lebensraumes, als für die Deutung der einzelnen Kultureinrichtungen, als für

den Stil und die Phraseologie der Texte als für die Erkennung einer Fülle von Namen, Titeln und manchem andern. Kein Wunder daher, dass ihre Vertreter auch für die hebräische Lexikographie die Vorhand beanspruchen. Wir sind froh, dass wir diesen Anspruch nicht zu beurteilen brauchen 17). Denn was es damit auch auf sich haben mag, die alte klassische Erkenntnisquelle für das Hebräische war das Arabische, ohne dessen Hilfe auch die Assyriologie niemals ihre Triumphe hätten feiern können, und zumal da die Schätze des Arabischen noch nicht ausgeschöpft sind 18), bleibt es sie auch. Das Arabische hat den grossen Vorteil, dass es noch heute lebendig ist. Was seine Literatur enthält, was seine Originallexikographen behaupten (auch sie sind manchmal Stubengelehrte, die das Konkrete rasch abtun, weil sie es nicht wissen), das können wir zum grossen Teil im lebendigen Sprachgut nachprüfen, und Zürich mag billig darauf stolz sein, dass es einen der grössten, wenn nicht den grössten Kenner überhaupt des so wichtigen Zentralarabischen und seiner Realien beherbergt. Diesen Vorteil des Arabischen, noch lebendig zu sein, hat keine andere semitische Sprache. Das Akkadische ist früh erstorben. Das Aramäische lebt nur noch in kümmerlichen Resten, mehr Kirchen- als Volkssprache. Das Hebräische tritt zur Zeit des Abschlusses des Alten Testamentes schon unter den Einfluss des Griechisch-Lateinischen, bei dem es für eine Unsumme von Dingen und Begriffen auf Anleihe geht 19), und soweit

es noch lebt oder gar soweit es in der Neuzeit frisch belebt wird, ist es gleich dem Latein, das ein heutiger Gelehrter schreibt, eine reine Schul- und Kunstsprache 20).

Neben dem ganz erheblich gesteigerten Einblick in das semitische Sprachgut, den es nutzbar zu machen gilt, steht als zweites neuzeitliches Mittel, um in der alttestamentlichen Lexikographie einen Schritt vorwärts zu tun, die tiefere Kenntnis der realen Welt des Alten Testamentes. Die Erfrischung des Orientes auf allen Gebieten des Landes und des Lebens, die Ausgrabungen, die Erschliessung neuer Texte und der in ihnen offenbar werdenden Dinge und Anschauungen, die ethnologische und geistesgeschichtliche Forschung, dies alles lässt sich in das von Schuchardt und Meringer 21) in Schwang gebrachte Schlagwort "Wörter und Sachen" zusammenfassen. Was ein Ding heisst, das weiss man nicht schon mit einem Worte, sondern erst, wenn man es als Sache vor sich sieht. Was ein Begriff heisst, das weiss man nicht, indem man einen einigermassen entsprechenden Begriff unserer ganz andern Welt nennt, sondern erst, indem man den betreffenden Begriff in die Gesamtheit seiner Mitbegriffe hineinstellt und ihn von da aus wirksam begreift.

Um ein theologisches Beispiel zu geben: wer bei uns "Sünde" sagt, evoziert damit nicht nur die Vorstellung einer einzelnen Abweichung von der Ordnung Gottes, sondern, da wir mit diesem Begriff ganz unabhängig von unserer persönlichen Zustimmung zu dieser Anschauungswelt, auf dem Boden der von Paulus formulierten Heilslehre stehen, die ganze Lehre von der Sünde, wie das Christentum sie kennt. Ein Beweis dafür liegt darin, dass "Sünde, Sünder, Sündigen"spezifisch theologische Wörter sind, die ausserhalb des theologisch-kirchlichen Bereiches gar nicht oder doch nur von einem schlechten, kulturlosen Geschmack in

ironischem Sinne gebraucht werden können. Ganz anders aber steht es um die entsprechenden Wörter im Hebräischen und auch im Griechischen. Hebräisch chêt' und chatä'ä, chattä'ä wie griechisch hamartia, die man mit "Sünde"wiedergibt, haben neben sich die Verben chätä' und hamartanein, welche sowohl "sündigen" als auch "eine Sache, ein Ziel verfehlen" bezeichnen. Im deutschen "Sünde" haben wir einen isoliert theologischen Begriff, in den genannten hebräischen und griechischen Wörtern haben wir einen Begriff vor uns, der in lebendiger Verbindung mit untheologischen Anschauungen und Sprechweisen vor uns. "Sünde" bedeutet, anders ausgedrückt, im Deutschen immer eine wesentliche Auflehnung gegen Gott, "Sünde" bedeutet im Hebräischen eine meist lässliche Verfehlung gegenüber seinen Ansprüchen 22). In solchen Fällen gibt es streng genommen gar keine Übersetzung, denn die Begriffswelten decken sich nur halb oder gar nicht, und der Lexikograph gerät in Not. Dies gilt, wie ausdrücklich gesagt sei, nicht nur für diesen einen, sondern für eine ganze Reihe von theologischen Wörtern, und es zeigt, dass gerade theologisch die Wörterbuchschreibung von hoher Bedeutung ist 23).

Aber kehren wir in die Sphäre des. gewöhnlichen Lebens zurück. Es sei mir, gestattet, noch rasch an ein paar Beispielen zu zeigen, wie es heute auf allen Gebieten des Lebens möglich ist, den alttestamentlichen Wortschatz schärfer zu erfassen.

Giddêl ist ein hebräisches Wort, welches seiner Bildung nach "angespannt oder mit technischen Mitteln oder in einem besondern Bereiche 24) gross machen"heissen muss. Man hat es mit "gross machen, gross ziehen, erziehen" übersetzt, und da dies nicht immer passen will, hat man auch daran gedacht, es an einigen Stellen zu ändern. Der Sinn dieses Wortes wird sofort klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kindersterblichkeit im alten Orient eine ganz erstaunlich hohe ist. Wenn wir es nicht sonst vermuten könnten, würde die auffallend hohe Zahl von Kindergebeinen, die die Ausgrabungen zutage gefördert haben, es lehren. Giddêl bedeutet demnach da, wo man es mit "gross machen, erziehen"wiedergeben wollte, einfach "(trotz der Fährlichkeiten, welche das Säuglings- und Kinderalter bedrohen) grossbringen, davonbringen". Sch. kûlä soll die kinderlose Frau heissen, und es bedeutet in der Tat eine Frau, welche keine Kinder hat, aber es bedeutet nicht auch die, welche keine geboren hat, sondern nur die, welche durch Seuchen oder Raub oder Krieg um ihre Kinder gekommen ist. Jäthôm soll "Waise oder wohl vaterloses Kind" heissen. Ja, vaterlos ist es schon, aber es ist auch immer ein Knabe, nie ein Mädchen. Denn für das weibliche Kind bedeutet der Verlust des Vaters bei den Hebräern nicht soviel wie für den Knaben. Der weibliche Mensch steht immer unter der Vormundschaft eines Mannes, der Knabe gerät in sie und in ihre Nachteile durch den Tod des Vaters. Jäthôm

heisst "der 'vaterlose Knabe". Es ist ein Rechtsausdruck, und gerade Rechtsausdrücke bedürfen ja, um verstanden zu werden, überall der sachlichen Erhellung. In unserem Obligationenrecht ist vom "aufrechten Schuldner"die Rede, und der Alttestament sieht mit Schadenfreude, dass kein Jurist weiss, was eigentlich damit gemeint ist. So heisst es in Stendhals Le rouge et le noir: "L'adjudication du bail était annoncée ... à l'extinction du troisième feu." Nur wer rechtsarchäologisch gebildet ist, erfasst diesen Satz. In gleicher Weise gibt es wohl gegen 200 rechtsarchäologische Termini im Hebräischen, die der Durchleuchtung bedürfen 26). Jôthäräth findet sich mit der Leber des Opfertieres verbunden vor. Etymologisch bedeutet es das Überschüssige. Der Kenner der Anatomie von Rind und Schaf wird sofort wissen, dass es, wie ein amerikanischer Gelehrter 27) gezeigt hat, Lobus caudatus, der Lederlappen ist. So ist es gelungen, auf Grund einer Studie eines Zürcher Botanikers über "Surampfeln und Surchrut" zu zeigen, dass Chamitz, ein von Jesaja vor 2600 Jahren erwähntes Wort, nicht eine Salzpflanze oder Chenopadiacee, sondern ein Ampfer, wohl Rumex vesicarius, ist 28). Unser Arabist wies nach, dass pärä', seit Jahrtausenden als Wildesel verstanden, vielmehr das Grevy-Zebra bedeutet, und lieferte damit

einen wertvollen Beitrag zur Tiergeographie 29). Sehr übel bestellt ist es um unsre Möglichkeit, die alten Krankheitsbezeichnungen zu verstehen, weil es sich um Ausdrücke handelt, die entweder vieldeutig, oder nur symptomatisch sind, wie die populären Krankheitsnamen bei uns. Dagegen sind auf dem Gebiete der geographischen Bezeichnungen, der Orts-, Länder- und Völkernamen, grosse Fortschritte zu erhoffen 30). Ganz verzweifelt steht es um die Bestimmung der meisten im Alten Testamente erwähnten Edelsteine, und ich erwähne dies deshalb, weil sich hier auf einen Ausblick in zukünftige Erkenntnisquellen hinweisen lässt.

Einst meinte man, Hebräisch sei die älteste Sprache der Welt. Hat doch Gott, so suchte einst Giovanni Battista de Rossi 31) dem italienischen Klerus das Studium dieser Sprache mundgerecht zu machen, hat doch Gott selber im Paradies mit Adam und Eva Hebräisch gesprochen. Ein Nachhall dieser Anschauung hielt sich lange in dem Versuche, alle alttestamentlichen Wörter und Namen aus dem Hebräischen zu verstehen. Wo käme man damit im Deutschen hin, in dem Mauer lateinisch, Brille griechisch, Horde tatarisch, Hängematte indianisch ist. Von diesem allhebräischen Standpunkte sind wir längst abgekommen. Weder Jordan, noch Jericho, noch wohl Jerusalem sind hebräisch; nur dass wir noch nicht wissen, was sie sind. Jain für Wein (es ist dasselbe Wort)32) und gämäl für Kamel (wiederum dasselbe

Wort)33) sind wohl asianisch im weitern Sinne, die meisten Edelsteinnamen sind sicher mit den Sachen aus Indien gekommen, und erst wenn diese Handelsbeziehungen geklärt, die indischen Sprachen bearbeitet sind, dürfen wir hoffen, hier Klarheit zu erhalten.

So führt alttestamentliche Wortforschung 34) in die Weite, hinaus zu den andern Fakultäten, hinein in andere Sprach- und Kulturgebiete. Sie ist ihnen allen zu Dank verpflichtet. Sie hofft, ihnen allen ein wenig zu Dienste zu sein. Universitas litterarum! Und wenn Sie dem Lexikographen zu Anfang Ihr Mitleid zu schenken geneigt waren, ist er dankbar und braucht es nicht; aber lassen Sie ihn auf Ihr Interesse hoffen! Denn die an einer Universität betriebenen Studien und Forschungen sind ja längst so verzweigt, dass keiner von uns mehr alle seine Kollegen bei ihrer Arbeit verstehend begleiten kann. Manchmal aber können wir doch noch einander in die Hände arbeiten. Immer wollen wir wissen, dass wir alle Arbeiter sind in gleichem Eifer und Bauleute am einen grossen Bau menschlicher Erkenntnis. Universitas litterarum!