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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

DIE NATÜRLICHE ROLLE DER FRAU IM MENSCHHEITSPROBLEM UND IHRE BEEINFLUSSUNG DURCH DIE KULTUR

REKTORATSREDE,

GEHALTEN AM 16. NOVEMBER 1934
VON
ALFRED LABHARDT
VERLAG HELBING & LICHTENHAHN

Druck von Friedrich Reinhardt A. G., Basel.

Hochansehnliche Versammlung!

In der unruhigen Hast des modernen Lebens, in den tausend Kleinigkeiten des Alltages, die den Menschen fortwährend in Anspruch nehmen, werden die großen Linien, die uns die Natur als Richtschnur für unser irdisches Dasein vorgezeichnet hat, leicht übersehen. Es ist daher vielleicht nicht überflüssig, wenn wir uns einmal wieder der fundamentalen Zusammenhänge erinnern, die letzten Endes unser Dasein bestimmen. Ich möchte speziell die natürliche Rolle der Frau im Menschheitsproblem und ihre Beeinflussung durch die Kultur einer kurzen Erörterung unterziehen. Dabei bin ich mir wohl bewußt, daß ich an ein sehr komplexes und weitläufiges Thema herantrete, das ich nur ganz allgemein und in großen Zügen werde beleuchten können.

Unser Dasein wird von Naturgesetzen beherrscht, die zwar im kleinen da und dort flexibel, im großen aber unbeugsam und unabänderlich sind; gröbere und anhaltende Verstöße gegen die Naturgesetze werden sich daher immer in irgendeiner Weise rächen.

Eines dieser Gesetze heißt, daß die Natur das, was sie geschaffen hat, zu erhalten sucht; hätte doch sonst ihr zweckentsprechendes Schaffen keinen faßbaren Sinn. Die Sorge um die Erhaltung des Geschaffenen ist aber um so peinlicher, je wertvoller das Geschaffene ist. Und nun gehört zweifellos das Leben zum Wertvollsten, was

geschaffen wurde; die Natur wird es also mit allen Mitteln zu erhalten suchen. Allerdings nicht nur in dem engeren Sinne der Erhaltung des Lebens des einzelnen Individuums, sondern im weiteren Sinne der Erhaltung des Lebens der Gattung. Daher ist eine der Hauptaufgaben, die die Natur dem einzelnen Individuum zugewiesen hat, die Reproduktion; über unser eigenes Leben hinaus sollen wir als die vergänglichen Ueberträger das Leben weiteren Generationen übermitteln. In den beiden winzigen Geschlechtszellen, deren Verschmelzung das neue Individuum ergibt, ist das Prinzip des Lebens enthalten. Das, was Weismann die Kontinuität des Keimplasmas genannt hat, ist auch die Kontinuität des Lebens.

Nun erfolgt aber die Erhaltung des Lebens nicht bei allen Lebewesen auf die gleiche Weise; sie geschieht bei den niedersten Gattungen in einfacher, bei den höher und höchstentwickelten in komplizierterer Weise. Bei den niedersten, den einzelligen Lebewesen, erfolgt die Fortpflanzung durch einfache Teilung, bei etwas höher Organisierten sehen wir beliebige Teile des ursprünglichen Organismus wachsen und sich zu Tochtergenerationen weiterentwickeln. Wo der Aufbau des Organismus aber komplizierter wird, wo die einzelnen Lebensfunktionen verschiedenen Organsystemen übertragen werden, da wird auch die Fortpflanzungsfunktion komplizierter; dabei tritt die Zwei-Geschlechtlichkeit auf. Zunächst sind, wie bei vielen Pflanzen und auch bei niederen Tieren, beide Geschlechter in einem Individuum vereinigt; bei den höher entwickelten Lebewesen, so bei den Säugetieren und beim Menschen, findet sich der höchste Grad der Kompliziertheit, die völlige Trennung der Geschlechter, die Verteilung der Fortpflanzungsaufgaben

nicht nur auf bestimmte Organsysteme, sondern auch auf verschiedene Individuen. Wenn hier bei den höchst Organisierten die Natur das Prinzip der Arbeitsteilung in der Fortpflanzungsaufgabe durchführte, so mußte sie andererseits durch Einführung entsprechender Instinkte und Triebe die Reproduktion garantieren.

Bei der Pflanze herrscht in bezug auf die Fortpflanzung das Unbewußte vor; in der Tierreihe prävaliert das Instinktive, das Triebhafte; beim Menschen aber tritt ein neuer regulierender Faktor hinzu: das Bewußtsein, der Wille.

Bei der Verteilung der Fortpflanzungsaufgaben, bei dieser bis in die kleinsten Einzelheiten sinnreichen Arbeitsteilung, die die Natur vornahm, wurde den beiden Geschlechtern ein sehr verschiedenes Maß von Leistung zugewiesen; das weibliche Geschlecht wurde entschieden sehr viel mehr belastet. In diesem Sinne, nicht in demjenigen, den der Misogyne selbst meint, könnte man mit Schopenhauer sagen: "Als die Natur das Menschengeschlecht in zwei Hälften spaltete, hat sie den Schnitt nicht gerade durch die Mitte geführt." In ihrer "Kritik der Weiblichkeit" findet allerdings Rosa Mayreder die Natur in ihrem Vorgehen gegenüber der Frau ungerecht; mir will viel eher scheinen, es sei die Kritik der Schriftstellerin an der Natur nicht nur ungerecht, sondern widersinnig.

Bei der Frau ist tatsächlich nicht nur körperlich, anatomisch und funktionell, sondern auch psychisch alles auf das eine Ziel der Reproduktion eingestellt. Der Körperbau äußerlich und innerlich entspricht genau den Anforderungen, die das Empfangen, das Tragen und Ausstoßen der Frucht verlangt, und ist darüber hinaus auch den Nahrungsbedürfnissen des neugebornen

Kindes angepaßt. Wichtiger noch sind jene funktionellen Vorgänge, die die Blüte- und Reifezeit des weiblichen Organismus beherrschen und die in ihrer feinen Einstellung, in ihrem sinngemäßen Ineinandergreifen die höchste Bewunderung des Naturforschers und Arztes hervorrufen. Er erkennt, wie in periodischem, zyklischem Geschehen der weibliche Organismus allmonatlich auf sein höchstes Ziel, die Fortpflanzungstätigkeit, die Erhaltung des Lebens, eingestellt wird. Ist aber einmal dieses Ziel, die Schwangerschaft, erreicht, so zeigt sich wiederum in vollem Maße die weise Vorsehung der Natur, die den weiblichen Organismus mit einer weitgehenden Anpassungsfähigkeit an den neuen Zustand ausgestattet hat; denn es werden nicht nur die Reproduktionsorgane, sondern die sämtlichen Organe und Organsysteme direkt oder indirekt dem neuen Zustande unterstellt.

Und wir sehen weiter die sinnreichen Vorbereitungen zu jenem gewaltigen Ereignis, der Geburt, die für den weiblichen Organismus eine Kraftleistung bedeutet, wie sie sonst unter normalen Bedingungen im menschlichen Leben kaum beobachtet wird. Ist aber die Geburt vorbei, so setzen unmittelbar jene Vorgänge ein, die den Organismus auf Grund der regressiven und Heilungsprozesse wieder in den früheren Zustand zurückführen, vorbehältlich der Nahrungsfürsorge für das Neugeborene.

Dieser körperlichen Einstellung zur Reproduktion entspricht eine sinngemäße psychische Einstellung der Frau. Mit Recht sagt Sellheim: "Jedes gesund empfindende Weib braucht im Gegensatz zum Mann ein Kind zum vollen Ausleben der Individualität und findet nur in ihm seine höchste Glücksquelle."

Wenn auch nur dunkel, oft uneingestanden, oft sogar nur im Unterbewußtsein, so schwebt doch stets dem normalen weiblichen Gemüte dieses höchste Ziel, die Mutterschaft, vor. Ist nicht schon das Puppenspiel des unschuldigen kleinen Mädchens das Spiegelbild dessen, was unbewußt bereits in seiner Seele schlummert? Sprechen nicht die typischen weiblichen Gemütseigenschaften, ihre Weichheit und Sanftmut, ihre Zärtlichkeit und Liebe, ihre Hingebung und Fürsorge für die psychische Einstellung der Frau zu ihrer Aufgabe der Reproduktion, zur Erhaltung des Lebens? Ist nicht die Mutterliebe das souveräne Gefühl, das alle anderen weit übertönt? Gerade diese Eigenschaften sind harmonisch abgestimmt auf das zarte kindliche Gemüt. "Nur eine Mutter weiß allein, was lieben heißt und glücklich sein. O, wie bedaur' ich doch den Mann, der Mutterglück nicht fühlen kann", sagt Chamisso. Weise hat die Natur diese psychischen Eigenschaften mit der fortschreitenden Stammesentwicklung immer mehr und mehr ausgebildet; sie entwickeln sich mit dem Zurückgehen der Zahl der Keime und mit der wachsenden Bedeutung der Brutpflege, die beim Menschen die höchste Ausbildung erreicht hat.

Die Natur hat also der Frau durch ihren körperlichen Bau, durch ihre psychischen Eigenschaften ihre Pflichten der Gattung und der Erhaltung des Lebens gegenüber zugewiesen. Ihr Ziel, der Sinn ihres Lebens, ist die Mutterschaft im weitesten Sinne des Wortes. Daneben hat sie allerdings noch ihr eigenes Individualleben und das Recht auf ihre eigene Individualität. Soweit sie nicht durch die Gattungspflichten und alle Funktionen, die der Reproduktionstätigkeit dienen, in Anspruch genommen ist, soll sie ihren reich gemessenen

Anteil an den Kulturgütern haben. Aber eben die naturgewollte Gebundenheit der Frau an die Erhaltung des Lebens war ein Hindernis für die produktive Kulturarbeit — in dieser Beziehung steht die Frau im allgemeinen auf der rezeptiven Seite, in der sie sich auch am wöhlsten fühlt. Es braucht keiner übertriebenen und falschen Behauptungen eines Möbius, einer Kathinka von Rosen oder misogyner Philosophen, um das Zurücktreten der Frau auf der kultur-produktiven Seite zu erklären. Der immer wieder auftauchende Vergleich zwischen der Wertigkeit von Mann und Frau sollte endlich verstummen — keines der beiden ist minder- oder mehrwertig — sie sind vielmehr naturgewollt anderwertig. Für das Höchste, die Erhaltung des Lebens, ist die Frau in ihrer Leistung dem Manne jedenfalls weit überlegen.

Die naturgewollte Bestimmung des Mannes ist eine völlig andere. Wohl ist auch bei ihm, allerdings in ganz verschiedener Weise, aber ebenso imperiös, das Ziel der Reproduktion, der Erhaltung des Lebens, vorhanden; seine Rolle ist aber eine mehr indirekte. Körperlich und psychisch ist er anders eingestellt. Seinem kräftiger gebauten Organismus, nicht in Anspruch genommen durch die absorbierenden Reproduktionsvorgänge, ist der Kampf ums Dasein, die Sorge um Frau und Kinder, die Erhaltung der Familie, zugewiesen. Im Laufe der Entwicklung des Menschengeschlechtes ergab es sich von selbst, daß der körperlich Stärkere die Familien zunächst zur Sippe und später zum Staatswesen vereinigte; dabei wurde nach und nach die körperliche Ueberlegenheit durch die intellektuelle ersetzt und diese übernahm die Führung. Aber auch in diesem Sinne bleibt der Mann innerhalb des Rahmens seiner Bestimmung:

für die Familie, für die Gattung und so für die Erhaltung des Lebens zu sorgen.

Entsprechend der geringeren Gebundenheit des Mannes an die höheren Pflichten der Gattung gegenüber, konnte auch sein Individualleben und die kulturproduktive Arbeit mehr hervortreten; so war es ihm gegeben, auf den Gebieten der Wissenschaft, der Forschung, der Kunst, des Kulturfortschrittes bleibende Werte zu schaffen, und so entstand auf diesen Gebieten seine Vorherrschaft. Seine größere individuelle Freiheit macht es ihm geradezu zur Pflicht, daß er — sofern es ihm seine Talente erlauben — produktiv sei im Interesse der Allgemeinheit. Gewiß, es können, entsprechend ihren persönlichen Eigenschaften, nicht alle produktiv sein. Die Gesetze der Vererbung bringen es mit sich, daß nur ein verhältnismäßig kleiner Teil wirklich aufbauend an dem Gebäude der Kultur mitwirken kann; die überwiegende Mehrzahl hat den Aufbauenden die unerläßlich notwendigen Hilfsdienste zu leisten.

In weiser Voraussicht hat also die Natur jedem der beiden Geschlechter durch entsprechende körperliche und psychische Ausstattung seine ganz besonderen und streng umrissenen Aufgaben zugewiesen, und zwar so, daß die beiden Geschlechter und die beiden Aufgabenkreise sich gegenseitig ergänzen sollen, daß beide in ihrer sinngemäßen Zusammenarbeit das große Ganze bilden sollen, zur Erhaltung der Art und des Lebens. Das Prinzip bei der Trennung der Geschlechter war dasjenige der Arbeitsteilung, wie es sich überall in der Natur bewährt hat und wie es auch die Kultur übernommen hat. Das Fehlen der Arbeitsteilung würde nur eine unnütze und unzweckmäßige Kraftverschwendung bedeuten!

Aber kommen wir wieder auf das Naturgesetz der Erhaltung des Lebens zurück. Die Erhaltung desselben mußte mit ganz besonderen Kautelen umgeben werden, mit viel wirksameren als die Erhaltung des einzelnen Individuums. Um nun diese Erhaltung der Gattung und damit des Lebens zu gewährleisten, durfte die schöpferische Kraft der Natur vor allem mit der Zahl der Individuen nicht kargen; sie mußte vorsorglich überall bei den Lebewesen und so auch beim Menschen einen Ueberschuß produzieren, als Kompensation gegenüber einem möglichen, einem sogar sicher zu erwartenden Ausfall. Die Geschichte der Menschheit lehrt uns auf Schritt und Tritt, wie notwendig das Prinzip der überschüssigen Produktion war. Da war zunächst einmal der Ausfall der Minderwertigen, speziell der Säuglinge und Kinder, die dem Kampf ums Dasein nicht gewachsen waren, die vorzeitig, vor dem Fortpflanzungsalter, zugrunde gingen. An sich ist diese Selektion vom Natur-Standpunkte aus durchaus zu begrüßen, denn die Gattung hat kein Interesse an der Aufzucht der körperlich und geistig Minderwertigen und noch viel weniger daran, daß die Minderwertigen sich reproduzieren und ihre negativen Eigenschaften auf weitere Generationen vererben. Ein weiterer Ausfall von Individuen geschah und geschieht noch durch Krankheiten und besonders durch Seuchen; sie haben im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder die Völkerstämme und besonders die dicht gedrängt Wohnenden dezimiert. Dann brachten die Naturereignisse, die Hungersnöte, wie sie bis in die jüngste Zeit immer noch vorkommen, da und dort einen wesentlichen Ausfall an Individuen. Und schließlich hat immer wieder der Kampf ums Dasein, besonders in Gestalt der Kriege, periodisch einen

mehr oder weniger großen Ausfall an Individuen gebracht.

Aber Ueberproduktion und Ausfall haben sich durch die Jahrtausende immer wieder annähernd das Gleichgewicht gehalten, so daß die Zahl der Menschen nur sehr langsam zunahm. Trotz der großen Fruchtbarkeit der Frauen waren infolge der hohen, bis zu 50% und mehr betragenden Kindersterblichkeit die Familien schließlich nicht sehr groß und wurden weiterhin durch Krankheiten, Epidemien und Hungersnöte dezimiert.

In diese natürliche Ordnung der Dinge haben nun Kulturfaktoren mächtig eingegriffen, indem sie einerseits den Ausfall an Menschen kompensierten, andererseits die natürliche Rolle der Frau beeinflußten.

Die Kompensation des Ausfalles mußte die naturgewollte Ueberproduktion in Erscheinung treten lassen und so zur Vermehrung der Individuen führen. Gewiß ist an sich diese Tatsache eine erfreuliche, aber allzusehr gesteigert, müßte sie doch schließlich, wenn auch nicht gerade zu dem "standing room only" von Roß, zu einem Zustand führen, der vielleicht wenig erfreulich wäre.

Welches sind nun die Kulturfaktoren, die den Ausfall an Menschen herabgesetzt haben? Zunächst haben die Fortschritte der medizinischen Wissenschaft in bezug auf die Erhaltung des Lebens der Individuen sich bemerkbar gemacht. Die früher so erschreckend hohe Säuglingssterblichkeit ist auf ein Minimum herabgesetzt worden. Die Fortschritte auf dem Gebiete der Hygiene und Krankheitsprophylaxe haben uns erlaubt, in weitem Maße die schweren Seuchen zu vermeiden; die Blattern, die Pest, das Kindbettfieber, um nur einige zu nennen, sind —

wenigstens in den Kulturländern —seltene Erscheinungen geworden. Aber noch mehr: wir haben gelernt, Krankheiten, die früher tödlich waren, zu heilen, sowohl innere Leiden als auch namentlich chirurgische Erkrankungen. Nicht ohne Stolz und Freude konstatieren wir diese Tatsachen. Allein eine Schattenseite dieses Fortschrittes darf nicht verschwiegen werden: wir haben durch diese Fortschritte, wenigstens zum Teil, die natürliche Ausschaltung der Minderwertigen, die natürliche Selektion, wie sie früher bei den Menschen und auch heute noch weitgehend im Tierreiche besteht, aufgehoben. Es werden zweifellos heute mehr Minderwertige ins fortpflanzungsfähige Alter großgezogen; sie und ihre zum Teil auch minderwertige Nachkommenschaft belasten aber in gleicher Weise den Staat, die Gesellschaft und die Gattung.

Auch den früher so häufigen Hungersnöten ist die Kultur bereits in wirksamer Weise beigekommen; sie sind seltener geworden, und wo sie noch etwa vorkommen, wie im fernsten Osten, da werden bereits wirksame Maßnahmen getroffen, um sie zu bekämpfen.

Der letzte Ausfallsfaktor ist allerdings noch nicht gebannt: der Krieg. Und doch würden wir alle im Innersten des Herzens wünschen, daß dieser grausamste, weil von den Menschen selbst und bewußt ausgehende Ausfallsmodus verschwinden würde. Aber da erheben sich ungeheure Schwierigkeiten: die Zahl der Menschen wächst, weil wir die Säuglinge erhalten, weil wir die Krankheiten vermeiden und wirksam behandeln, weil wir die Hungersnöte bekämpfen; die Zahl wächst und wächst, die Länder werden für ihre Bewohner zu klein, und die Folge ist, daß die Nationen mit den Waffen in der Hand und mit noch grausameren Mitteln, die ihnen die Segnungen einer raffinierten und auf die Spitze getriebenen Kultur gebracht

haben, nach Expansion suchen. So droht der natürliche Ausgleich des Ueberschusses, der die Minderwertigen traf, durch einen kulturellen ersetzt zu werden, der leider gerade die Vollwertigen trifft.

Wenn nun einerseits die Kulturfaktoren durch Ausschaltung des Ausfalles im Sinne der Vermehrung des Lebens der Menschheit gewirkt haben, so konstatieren wir andererseits eine Einwirkung im Sinne der Verminderung durch Beeinflussung der natürlichen Rolle der Frau. Soweit dieser Einfluß ein direkter, individueller ist, so ist er bisher gering; bedeutender jedoch macht sich die indirekte Beeinflussung der Reproduktionsfähigkeit durch Kulturfaktoren bemerkbar.

Zunächst die Frage, ob und wie die Reproduktionsfähigkeit der Frau durch die Kultureinflüsse direkt, d. h. körperlich beeinflußt worden ist. Trotzdem Zahlen dafür nicht zu geben sind, so scheint doch ein gewisser Einfluß sich geltend zu machen. Die reproduktive Leistungsfähigkeit der Frau, deren Generationsorgane ein sehr empfindlicher Gradmesser für alle widernatürlichen Einflüsse sind, scheint in leichter Abnahme begriffen zu sein. Es ist sicher, daß gerade in dieser Beziehung sich die Aufzucht der Minderwertigen bis zu einem gewissen Grade durch die Zunahme der Unterleibsleidenden, der Sterilen und durch die Zunahme der spontanen Aborte rächt. Allerdings dürfte dieser Modus der Kompensation vorläufig kein sehr weittragender sein. Im Zunehmen begriffen scheinen auch die Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen. Eigentlich sollten Schwangerschaft und Geburt so physiologisch verlaufen wie alle anderen Lebensäußerungen, wie die Funktionen des Herzens oder der Lungen. Aber wie bei den Tieren unter dem Einfluß

der Domestikation die Reproduktionsvorgänge vor allem leiden, so ist es auch beim Menschen unter dem Einfluß der Zivilisation geworden. Die Stoffwechselvorgänge, durch die kulturellen Einflüsse, die verfeinerte und kompliziertere Lebensweise und Ernährung schon beeinträchtigt, vermögen die Mehrbelastung durch die Schwangerschaft nicht zu ertragen, und so wird in dem sowieso labilen Graviditätszustand die Grenze zwischen Normalem und Pathologischem häufig nach der letzteren Seite hin überschritten. So entstehen die Schwangerschaftstoxikosen, -vergiftungen, die zwar meist nicht unmittelbar lebensgefährlich sind, die es jedoch werden können. Sie sind bei der Stadtbevölkerung deutlich häufiger als bei der dem Naturzustande noch näheren Landbevölkerung; noch seltener sind sie allerdings bei den weniger zivilisierten Völkerschaften.

Die Geburt als mechanischer Vorgang wurde schon durch die Erwerbung des aufrechten Ganges beim Menschen erschwert. Die Behauptung einer Geburtserschwerung durch die Größenzunahme des kindlichen Schädels, als Ausdruck seiner zunehmenden Gehirnentwicklung, ist durch die Forschungen von amerikanischen Autoren widerlegt worden. Dagegen haben die kulturellen Verhältnisse durch die Zunahme der konstitutionell Minderwertigen die Größe und die Form des Beckens bei nicht wenigen Frauen in ungünstiger Weise beeinflußt und auch die für den Geburtsvorgang so wichtige Dehnbarkeit der Gewebe herabgesetzt.

Diese Dinge kannte der ursprüngliche Naturzustand wohl nicht oder kaum, und wo sie in ausgesprochenem Maße vorkamen, da bedeuteten sie für ihre Trägerin oft, die Geburtsunmöglichkeit und den Tod; damit aber auch die Elimination der Minderwertigen für die Gattung, die

Selektion. Die Kulturfortschritte auf dem Gebiete der Geburtshilfe ermöglichen uns heute auch in solchen Fällen vielfach die Rettung von Mutter und Kind. Vom Standpunkte des Individuums aus ist diese Rettung gewiß zu begrüßen, vom höheren Standpunkte der Gattung aus erscheint es fraglich, ob die Erhaltung des minderwertigen Lebens das Richtige war. Immerhin sind dies relativ seltene Fälle; vorläufig haben wir allen Grund, die Kulturfortschritte zu begrüßen, die die Reproduktionsvorgänge bei der Frau mit den notwendigen Kautelen umgeben, und gewiß hat Runge recht, wenn er die Gewährung ausgiebigen Schutzes des Weibes bei den Fortpflanzungsvorgängen als eines der vornehmsten Produkte der Zivilisation erachtet.

Aber intensiver noch als auf direktem Wege hat indirekt die Kultur die natürliche Rolle der Frau beeinflußt; und zwar waren es die erhöhten Kulturansprüche einerseits, der erschwerte Existenzkampf andrerseits, welche in diesem Sinne sich geltend machten.

Darüber, daß bei den zivilisierten Völkern die Kulturansprüche größer geworden sind, dürfte kein Zweifel bestehen; die ursprüngliche Einfachheit, die früher bescheidenen Forderungen an das Leben, sie sind ein längst überwundener Standpunkt. Je länger, je mehr fordert der einzelne seinen reich bemessenen Anteil an Kulturgütern. Sie sind auch gerechterweise jedem zu gönnen, dem Manne und der Frau. Als Mutter hat die Frau sogar die Pflicht, den Kulturfortschritten zu folgen, um sie bei der Erziehung der Kinder diesen in reichem Maße zu übermitteln; liegt doch diese Uebermittlung im Interesse der Allgemeinheit.

Aber auch der Existenzkampf ist schwerer geworden. Die wachsende Industrialisierung und Rationalisierung

haben den Bedarf an arbeitenden Händen herabgesetzt; andererseits ist durch den Eintritt der Frau in das Berufsleben dem Manne eine erhebliche Konkurrenz erwachsen; schließlich hat die kulturbedingte Zunahme des Menschen, die wir bereits erwähnten, auch ihrerseits den Existenzkampf des einzelnen erschwert.

Die Folgen der erhöhten Kulturansprüche und des erschwerten Existenzkampfes konnten nicht ausbleiben. Schwerer als früher ist es dem Manne geworden, die Bedürfnisse einer Familie zu befriedigen; dementsprechend wird er sich schwerer zur Gründung eines eigenen Hauswesens entschließen können. Dementsprechend wird auch der Wunsch und die Möglichkeit eines Ehepaares nach weitgehender Reproduktion geringer werden; denn große Kulturansprüche und große Familie lassen sich materiell heutzutage nur in seltenen Fällen vereinigen.

Wie haben sich nun diese Dinge für die natürliche Rolle der Frau ausgewirkt?

Die Frage, ob die Ledigen zugenommen haben, läßt sich beim Mangel an Vergleichszahlen aus früherer Zeit nicht einwandfrei beantworten. Da jedoch die Frauen im reproduktionsfähigen Alter sowieso in der Ueberzahl sind, so ist klar, daß viele von ihnen die naturgewollte Rolle nicht werden spielen können; sie sind gezwungen, einen Beruf zu ergreifen und in Konkurrenz mit dem Manne zu treten.

Aber wir konstatieren noch Weiteres: zunächst ein schon innerhalb der letzten 60 Jahre zahlenmäßig nachweisbares Hinausschieben des Heiratsalters und, was vom natürlichen Standpunkte aus vielleicht noch wichtiger ist, das Hinausschieben des Termins der ersten Geburt. Naturgemäß sollte eigentlich die Fortpflanzungsfunktion

der völligen körperlichen Entwicklung folgen; aber materiell-soziale Umstände gebieten meist ein Hinausschieben dieser Funktionen. Und auch dort, wo die Ehe relativ früh geschlossen wird, führen teils ökonomische Ueberlegungen, leider aber auch andere, weniger stichhaltige, individuelle und den Naturgesetzen diametral entgegengesetzte Motive zum Hinausschieben der ersten Reproduktion. Die späte Erstgeburt hat aber, gerade für die Frau, in vielen Fällen wesentliche körperliche Nachteile. Die Vollentwicklung des weiblichen Körpers deutet den Zeitpunkt an, in dem die Gewebe am ehesten imstande sind, dank ihrer Elastizität, die ungeheuren Belastungen und Dehnungen, die ihnen die Erstgeburt zumutet, relativ schadlos zu ertragen. Nur die kurze Zeitspanne eines Jahrzehntes genügt, um die Frau in jenes Alter zu überführen, wo für den mechanischen Ablauf der ersten Geburt die Verhältnisse weniger günstig sind und wo mit entsprechenden späteren Störungen der Gesundheit gerechnet werden muß. Daß dabei allerdings individuelle konstitutionelle Faktoren den Ausschlag im günstigen oder ungünstigen Sinne geben, ist zuzugeben, ändert aber an der prinzipiellen Tatsache nicht viel.

Und weiter sehen wir, daß oft auch die Familienmutter, den erhöhten materiellen und kulturellen Ansprüchen ihrer selbst und ihrer Familie folgend, gezwungen ist, neben ihren Mutterschaftspflichten eine Berufsarbeit aufzunehmen. Diese doppelten Anforderungen an die Frau und Mutter sind eigentlich zu hoch, und wenn auch manche Arbeit der ursprünglichen Familienmutter dank der fortgeschrittenen Kultur in Wegfall gekommen ist, so sollte doch im Interesse der Kinder die Haupttätigkeit der Familienmutter auf dem Gebiete der Mutterschaftspflichten liegen — sie treten leider zu

oft in den Hintergrund. Die wohltätige Einrichtung der Krippen ist zuzugeben, besser wäre es jedoch, wenn wir ohne solche auskommen könnten.

Am deutlichsten haben sich die Kulturfaktoren für die natürliche Rolle der Frau in der willkürlichen Geburtenregelung, die sich überall in Gestalt des Geburtenrückganges bemerkbar macht, ausgewirkt. Die Geburtenregelung ist ein Kulturprodukt, so gut ihre letzten Ursachen Kulturprodukte sind. Daher tritt sie — vorläufig wenigstens —als Privilegium der besonders zivilisierten weißen Rasse in die Erscheinung. Für viele ist sie aber ein Zwang unter die Notwendigkeiten der Zeit; Zwang, dem sich vielleicht manche Mutter mit normalem Empfinden nur widerwillig fügen wird; aber die imperiösen Realitäten sind zu stark. Darin liegt allerdings das traurige Bekenntnis, daß unsere Kulturfortschritte zum Grabe nicht nur ihrer selbst, sondern auch unserer Naturbestimmung werden können.

Wir kommen nicht über die Tatsache hinweg, daß die Entfernung von den natürlichen Aufgaben. sich unabänderlich und zwangsläufig rächt und daß wir Menschen nicht ungestraft in allzu weitem Ausmaße den höheren Gesetzen, die über uns walten, uns entziehen können: dies gilt besonders für das oberste Gesetz der Erhaltung des Lebens, für die Reproduktion.

Wir leben in einer Zeit der Unausgeglichenheit zwischen den Gesetzen der Natur und den Produkten der Kultur; ist nicht letzten Endes die Weltkrise, die uns so schwer bedrückt, der Ausdruck dieser Unausgeglichenheit und die Rache der Natur dafür, daß der Mensch mit seiner Kultur sich zu sehr von ihr emanzipierte? Menschlicher Geist hob die natürliche Selektion auf, menschlicher Geist schuf die Maschinen; menschlicher

Geist führte damit zugleich zur Vermehrung der Menschen und zur Verminderung ihrer Arbeits- und Existenzmöglichkeiten — das konnte nicht spurlos vorbeigehen!

Aber weiterhin hat sich die Unausgeglichenheit zwischen Natur und Kultur in der veränderten Rolle der Frau im Menschheitsproblem geäußert. Es vollzog sich langsam eine Annäherung an den ursprünglich männlichen Tätigkeitskreis, ein Uebergreifen auf männliche Funktionen. Die weitere Entwicklung führte zu der sogenannten Frauenbewegung und schließlich zu den Forderungen der restlosen Gleichberechtigung mit dem Manne.

Die Anfänge der heutigen Frauenbewegung gehen eigentlich in das 18. Jahrhundert zurück und knüpfen in letzter Linie direkt oder indirekt an die Namen von Voltaire und J.J. Rousseau. Später forderte Condorcet in dem Verfassungsentwurf, mit dem ihn der Nationalkonvent beauftragt hatte, die völlige bürgerliche Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne. Von jener Zeit der französischen Revolution an ist die Frauenfrage in allen zivilisierten Ländern immer wieder aufgetaucht. Die Fortschritte waren zunächst sehr langsame, da und dort vielleicht etwas deutlicher, aber erst seit etwa fünfzig Jahren kann von einem greifbaren Erfolge die Rede sein. Es ist nicht zu leugnen, daß viele Frauen mit bewundernswerter und zäher Ausdauer für ihre Ideen gekämpft haben; ich erinnere in diesem Zusammenhange an Gestalten wie Luise Otto, Hedwig Dohm, Helene Lange, Lily Braun, Gertrud Bäumer, Mary Wolstonecraft und Ellen Key. Sie erhielten auch vielfach von männlicher Seite wirksame Unterstützung; es seien besonders die Namen John Stuart

Mill und August Bebel hervorgehoben. Mit der Nennung dieses letzteren Namens ist auch das Uebergreifen der Frauenfrage auf das politische Gebiet angedeutet.

Die tieferen Grunde der Frauenbewegung sind in wirtschaftlich-sozialen, also letzten Endes kulturellen Momenten zu suchen. In früheren Zeiten war die Familie alles: die Frau erschöpfte in ihr ihre ganze Lebenstätigkeit. Mit der Zeit haben allmählich Staat und Industrie der Familienmutter immer mehr abgenommen; man kauft Dinge, die früher die Mutter selbst verfertigte, der Staat übernahm zum guten Teil die Kindererziehung. Außerdem kam der Augenblick, wo die wachsende Industrie eine Unmenge von Kräften forderte und wo daher die Mitarbeit der Frau sehr begrüßt wurde. So folgte allmählich der Uebergang der hauswirtschaftlichen zur beruflichen Tätigkeit. Zwangsläufig kam die Frau einerseits in das Arbeitsgebiet des Mannes, andererseits in den engeren Bereich der Staatsinstitutionen und der Politik. Die weitere Evolution führte zur Forderung der aus den Pflichten sich ergebenden Rechte und zur letzten Konsequenz, zur Forderung der vollkommenen bürgerlichen Gleichstellung mit dem Manne, des aktiven und passiven Wahlrechtes und des Stimmrechtes.

Es muß allerdings gesagt werden, daß bei weitem nicht alle Frauen mit solchen Tendenzen einig gehen und daß speziell die Forderung nach restloser Gleichberechtigung der Geschlechter nur von einer relativ kleinen Gruppe propagiert wird, die allerdings zur Gewinnung weiterer Anhängerinnen eine rege Propaganda entfaltet.

Die Art und Weise, wie im Laufe der Jahrzehnte für diese Postulate gekämpft und wie von männlicher

Seite darauf geantwortet wurde, war je nach dem Temperament der Kämpfenden eine sehr verschiedene, oft — und zwar auf beiden Seiten — eine nicht immer ganz einwandfreie; durch ihre natürliche Affektbetonung hat die Kampfweise auf seiten der Frauen ihren Zielen nicht selten mehr geschadet als genützt.

Eines müssen wir jedoch einer großen Zahl moderner Verfechterinnen der Frauenbewegung hoch anrechnen: das ist die Betonung der überragenden Wichtigkeit der ursprünglichen natürlichen Bestimmung der Frau. So sagt Ellen Key: "Ein und dasselbe Geschlecht wird nie imstande sein, mit der gleichen Intensität auf beiden großen Lebensgebieten zu leben und deshalb muß das Höchste, das ewig Bleibende von jedem Geschlechte auf dessen eigenstem speziellem Gebiete geschaffen werden. Und der Schlußsatz wird doch sein: daß die Frau in ihren Geisteswerken nie die höchste Höhe des Mannes erreichen wird und der Mann nie in seinem Gefühlsleben die tiefste Tiefe der Frau." Und unsere Mitbürgerin Helene David schreibt: "Der Mutterberuf, daran ist absolut festzuhalten, trägt für die Frau die größten Glücksmöglichkeiten in sich, weil er am meisten Gewähr bietet, alle ihre besonderen Eigenschaften zur Entwicklung zu bringen."

Andererseits wird aber von Frauenseite oft hervorgehoben, es würden dem weiblichen Geschlecht seine Rechte vorenthalten und die gebührende Anerkennung versagt; bis zu einem gewissen Grade besteht diese Behauptung zu Recht. Es ist zuzugeben, daß Arbeit und Leistungen der Frau, soweit sie den Naturgesetzen entsprechen, vielfach unterschätzt werden; es erscheint mir eine unabweisbare Pflicht des Mannes, gerade diese Arbeit und diese Leistungen,

trotzdem sie nicht mit Geldeswert gemessen werden können, höher zu bewerten. In ihrer Art ist diese Frauenleistung zum mindesten derjenigen des Mannes ebenbürtig, wenn auch andersartig; für die Gattung, und das ist ja letzten Endes das Wichtigste, ist sie sicherlich überlegen. Der Mann hat durchaus kein Recht, seine Tätigkeit in überhebender Weise in den Vordergrund zu stellen — vom Standpunkt der Gattung aus ist sie eigentlich nur die Ergänzung der Frauenleistung, die dem Manne seine zielentsprechende natürliche Organisation erlaubt. In dieser gegenseitigen Ergänzung, nicht im Kampfe der Geschlechter gegeneinander, liegt der Fortschritt der Menschheit.

Das Recht auf Berufsarbeit, auf die richtige Vorbildung für dieselbe und auf die vollwertige Anerkennung dieser Arbeit besonders für diejenigen, denen die Mutterschaft versagt ist, hat sich schon weit durchgesetzt und wird zweifellos sich noch weiter in gerechtem Sinne entwickeln; von der Art der weiblichen Berufsarbeit wird noch zu sprechen sein.

Das Recht der Frau, in Fragen, die sie speziell tangieren und in denen sie kraft ihrer weiblichen Eigenschaften prädestiniert ist, nicht nur mitzuraten, sondern auch mitzuentscheiden, ist für manche Gebiete, wie die Fürsorgetätigkeit, ebenfalls bereits anerkannt. Auf anderen, sie ebenfalls berührenden Gebieten vermögen die Frauen an Hand der Presse und sonstiger Propaganda durch dafür geeignete Führerinnen sich hören zu lassen; es dürfte heutzutage kaum einen zivilisierten Staat geben, der nicht im eigenen Interesse ihre Postulate, soweit sie berechtigt und wohl fundiert sind, berücksichtigen würde. In dieser Weise werden die Frauen, ohne sich selbst und ihre Weiblichkeit preiszugeben, so

gut wie der Mann zu den ihnen zustehenden Rechten gelangen.

Was schließlich die restlose bürgerliche Gleichstellung mit dem Manne anbetrifft, so möchte ich nach meiner persönlichen Erfahrung annehmen, daß die überwiegende Majorität der Frauen im Bewußtsein ihrer natürlichen Anlagen daran kein wesentliches Interesse findet; mit Recht fühlen sie sich durchaus nicht als "unwürdige Deklassierte und Menschen zweiten Ranges", wie etwa gesagt wird. In den politischen Kämpfen und in den Parteizwistigkeiten könnten die meisten Frauen, ihrem Naturell entsprechend, mehr durch das Gemüt und vielleicht durch die Intuition als dank einer dahingehenden Begabung und Logik mitmachen.

Es scheint mir daher auch nicht wünschenswert, wenn unter der Führung einiger weniger, ausnahmsweise in dieser Richtung Begabter, für die Gesamtheit der Frauenwelt Dinge postuliert werden, die der wahren Frauenseele durchaus nicht adäquat sind. Es liegt in dieser Ablehnung weder eine Unterschätzung der Qualitäten der Frau, noch eine Unterdrückung ihrer Rechte, sondern lediglich die Betonung der naturgewollten Rolle der Frau, die — und das wird sich nie ändern lassen — auf einem anderen Gebiete liegt als diejenige des Mannes. Vergessen nicht viele Frauen, daß sie im Augenblicke der Erfüllung ihrer Forderungen einen guten Teil ihres Höchsten, ihrer Weiblichkeit, preisgeben würden und daß dieser Einsatz ungleich größer wäre als der Gewinn? Gerade diese Ueberlegung mag manche still denkende Frauenseele von der Gefolgschaft abhalten.

Aber wenden wir uns nun jenen Frauen zu, denen, bedingt durch den stetigen Ueberschuß der weiblichen Individuen, durch die wachsenden Schwierigkeiten der

Eheschließung, die Erfüllung der natürlichen Bestimmung, das Höchste, versagt bleibt, die Mutterschaft. Es ist für manche ein hartes Schicksal, wenn sie mangels an Ehegelegenheit auf das Kind, das sie dank ihrer natürlichen Einstellung sich ersehnt, verzichten muß. Gibt sie trotzdem ihrem Sehnen nach, so stößt sie auf leider allzu starre und harte konventionelle Gesetze der menschlichen Gesellschaft, die ohne Rücksicht auf die höheren Naturgesetze jene ächten, deren schweres Schicksal es ist, allein, ohne die natürliche Arbeitsteilung der Eltern, ihren Pflichten gegenüber dem Kinde zu genügen. Auf diesem Gebiete sind die Bestrebungen der Frauen, die mehr Verständnis haben für ihre Mitschwestern als der Mann, der als beteiligte Partei eine vielfach wenig rühmliche Rolle spielt, sehr zu begrüßen. Nichts liegt mir ferner, als die Institution der Ehe, die unter guten Voraussetzungen allein die nötigen Kautelen für das Kind bietet, zu unterschätzen; auf der anderen Seite ist rücksichtsvolles Verständnis für die uneheliche Mutter ein dringendes Desiderat. -

Schwer ist meist auch das Schicksal derjenigen, die trotz der Eheschließung auf die Mutterschaft verzichten müssen; ich sah manche, die für einen leisen Hoffnungsschimmer auf Erfüllung ihres Wunsches ein Jahrzehnt ihres Lebens dahingegeben und sich jeder noch so schweren Operation unterzogen hätte — das sind echte Frauenseelen, denen wir unser ganzes Mitgefühl entgegenbringen; nur der Eingeweihte kann ermessen, was dieser unfreiwillige Verzicht bedeutet.

Andere — es sind weniger — finden sich leichter in ihr Schicksal, und noch andere — es sind noch weniger — verzichten immer deutlicher gewollt auf Ehe und Mutterschaft und stellen damit ihre Individualrechte

den Pflichten gegenüber der Gattung prinzipiell voraus. Es sind jene Frauen, die ihrem Temperament und ihrem Charakter nach männliche Attribute aufweisen und die nicht selten auch äußerlich Züge tragen, die dem anderen Geschlechte nahestehen; es tritt bei ihnen die weibliche Betonung des Gemütes gegenüber der männlichen Betonung des Intellektes und des Individualismus zurück; der ausgesprochene weibliche Individualismus ist aber, äußerlich wenigstens, gattungsfeindlich; v. Stein und Ploß haben daher die Emanzipation als die Negation der Ehe bezeichnet. Gerade aber weil sie mit ihren maskulinen Eigenschaften so geartet sind, empfinden diese Frauen in besonderem Maße die sogenannte Unterdrückung der Frau. Unwillkürlich gelangen wir in den Gesichtskreis eines Lombroso, und wenn ich auch die übertriebenen Ansichten von Weininger und Schücker nicht ohne weiteres teilen möchte, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, daß dort, wo die Emanzipation der Frau allzu männliche Forderungen stellt, meist auch ein allzu männlicher Charakterzug dahinter steckt. Wie es bekanntlich Männer gibt mit deutlich weiblicher Prägung, mit ausgesprochenen weiblichen somatischen und psychischen Eigenschaften, so gibt es naturgemäß auch das Umgekehrte. So wenig aber es wünschenswert und naturgewollt wäre, wenn die Männerwelt eine weibliche Rolle zu spielen sich bestrebte, so wenig ist der umgekehrte Zustand im Sinne der Natur uns erstrebenswert; ja, v. Reitzenstein bezeichnet ihn sogar als Dekadenzerscheinung und fürchtet davon eine klägliche Einbuße des Gefühlslebens.

Vom Standpunkte der Natur aus, der als einzig berechtigt und wegleitend anzusehen ist, der letzten Endes und immer über alles Menschliche entscheidet, müssen

vielmehr allzuweit gebende Tendenzen einer Gleichschaltung beider Geschlechter als unrealisierbar abgelehnt werden. In einem unnützen und aufreibenden Kampfe gegen die naturgewollte Arbeitsteilung könnte nie ein ersprießliches Resultat erzielt werden.

Unser Bestreben muß vielmehr dahin gehen, die ehernen Gesetze der Natur in Einklang zu bringen mit den Forderungen der Kultur, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Die Losung darf nicht heißen: Gleiches Recht für alle, sondern: weitgehendes Recht für jedes Geschlecht auf dem ihm von der Natur zugewiesenen Gebiete; gegenseitige Ergänzung zum Wohle des Ganzen.

Noch bleibt aber zu erörtern die Berufsfrage jener Frauen, denen freiwillig oder unfreiwillig das naturbestimmte Ziel der Mutterschaft vorenthalten bleibt. Da bietet sich zunächst ein weites Feld der Tätigkeit in jenen Berufsarten, die den mehr gemütsbetonten Qualitäten der Frau entsprechen und die einen gewissen Ersatz bieten für das versagte Mutterglück. Es sind alle jene Berufe, die im Dienste und in der Fürsorge des Nächsten und namentlich der Kinder stehen. Unendlich viel Wohltätiges kann hier die Frau mit ihrem feinen Verständnis für die Bedürfnisse und Nöte ihrer Mitmenschen tun, Dinge, denen der Mann in dieser Weise nicht gewachsen ist. Gerade in dieser Art von Tätigkeit wird die normal empfindende Frau reichliche Befriedigung finden.

Vorzügliches leistet sie auch auf jenen Gebieten, wo sie dem Manne als Helferin beisteht und ihm die tausend Kleinigkeiten abnimmt, die unerläßlich sind, die ihm aber bei der Durchführung der umfassenderen Arbeiten störend entgegentreten. Der Sinn für die peinlich

exakte Ausarbeitung im Kleinen ist ja der Frau eigen und so findet auch auf solchem Gebiete die nötige und wünschbare Ergänzung der beiden Geschlechter statt.

Die Entwicklung der Industrie brachte es mit sich, daß viele Frauen auch hier einen Beruf suchen und finden mußten. Auf diesem Gebiete berühren sich in ausgedehntestem Maße männliche und weibliche Arbeit, und es ist gewiß, daß die Frau es hier an Leistungen mindestens ebenso weit bringen kann wie der Mann und daß andererseits ihre Arbeit die gleiche Anerkennung erheischt.

Ich kann es mir nicht versagen, an dieser Stelle auch die Frage des Hochschulstudiums der Frauen kurz zu streifen. Gerechterweise soll es der Frau so gut offen stehen wie dem Manne. Allerdings sollte es nur dort ergriffen werden, wo ganz besonders ausgeprägte körperliche und geistige Eigenschaften dafür vorhanden sind. Leider geben zu oft Ueberlegungen wirtschaftlicher Natur, mangelnde Selbstkritik oder etwa die Neigung, etwas Besonderes leisten zu wollen, bei dem Mädchen, dem eigentlich der natürliche Beruf oder seine nächsten Ersatzberufe besser liegen würden, den Ausschlag; dabei ist ohne weiteres zuzugeben, daß auf der männlichen Seite nicht selten der gleiche Fehler gemacht wird. Leider fallen die belasteten Studienjahre gerade mit der Entwicklung zusammen und nicht ohne Unrecht fürchtet v. Krafft-Ebing durch diese Koinzidenz eine oft weittragende Schädigung des Mädchens in vielfacher Hinsicht.

Es ist naturgemäß und charakteristisch und entspricht durchaus der weiblichen Eigenart, daß meist jene Fächer ergriffen werden, die eine Betätigung im direkten Interesse des Nächsten zum Ziele haben, während die rein theoretischen und abstrakten Wissenschaften viel weniger

berührt werden. Als Lehrerin ist die Frau — und auch hier erkennen wir wieder ihre natürliche Bestimmung — durchschnittlich besonders für die Jüngeren geeignet. Die Aerztin findet, falls ihre weiblichen Charaktere noch ausgesprochen sind, besonders dort ihre Befriedigung, wo es sich um die Betreuung von Kindern und vielleicht von Frauen handelt; dagegen ist die ärztliche Geburtshilfe mit ihren Anforderungen an physischer Kraft und Leistungsfähigkeit, an raschen und zielbewußten Entschlüssen nicht so sehr die Domäne der Frau. Die Jurisprudenz, sofern sie praktische Ziele verfolgt und sofern sie als rechtlicher Beistand den Mitschwestern gilt, ist als Frauenberuf ebenfalls durchaus geeignet.

Ich halte es übrigens für ein Glück, daß manches Mädchen, das im Hochschulstudium schon mehr oder weniger fortgeschritten ist oder dasselbe schon gar abgeschlossen hat, schließlich doch noch in der Ehe den Weg zu seiner natürlichen Bestimmung zurückfindet und das mag mancher, wenn auch uneingestanden, eine Erlösung bedeuten. Nur die männlichsten, deren typische weibliche Eigenschaften verwischt sind oder verwischt werden, können auf die Dauer ihre restlose Befriedigung — auch innerlich — in Berufen finden, die im allgemeinen mehr der männlichen Individualität entsprechen. Typisch ist der Ausspruch und das Verhalten einer berufstätigen Frau, die Heymans erwähnt: "Ach ja, mein Verstand fand dabei Befriedigung, aber mein Herz nicht." Mit diesen Worten sagte sie sich von ihrem Berufe los.

Ein weites Feld der Betätigung steht der Frau und stand ihr von jeher offen, auch bevor es eine Frauenbewegung gab: die Kunst und Literatur. Es schiene mir banal, besonders hervorzuheben, was Frauen auf diesen Gebieten geleistet haben; Kunst und Literatur

wären nicht vollständige Kulturgüter, wenn ihnen als Ergänzung der männlichen Arbeit die Werke mit typisch weiblicher Prägung fehlten; hat nicht Berthav. Suttner bewiesen, daß eine Frau gerade mit ihrem gemütsbetonten Empfinden auch die tiefsten Menschheitsprobleme erfolgreich bearbeiten kann?

Hochansehnliche Versammlung!

Meine Ausführungen sollten, fern von jeder Spekulation, die natürliche Rolle der Frau und ihre Beeinflussung durch die Kultur skizzieren. Wir sahen, wie die fortschreitende Kultur die ursprüngliche naturgewollte Rolle der Frau verschoben hat. So sehr wir einerseits die Fortschritte begrüßen, so bedenklich wäre es andererseits, wenn dadurch die natürliche Bestimmung der Frau als Erhalterin des Lebens beeinträchtigt würde. Angesichts der gegenwärtigen Zustände drängen sich zwei Desiderato auf: die Erleichterung der Ehe und der weitgehende Schutz der Mutterschaft; darauf hat die Frau ihr unveräußerliches Recht. Jedes der beiden Geschlechter hat seine Rechte und seine Pflichten; sie sind bei Mann und Frau ebenso groß und ebenso bedeutend — sie sind aber naturgewollt verschiedenartig. Die Einhaltung der natürlichen Bestimmung der beiden Geschlechter, die gegenseitige Achtung ihrer Rechte, die gegenseitige Ergänzung in ihren Pflichten und schließlich die sinngemäße Vereinigung der ehernen Gesetze der Natur mit den Fortschritten der Kultur — das muß das letzte Ziel jeder menschlichen Bestrebung sein!