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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Sieben gegen Theben

BERICHT
über das akademische Jahr
1938/39
DRUCK: ART. INSTITUT ORELL FÜSSLI, ZÜRICH

INHALTSVERZEICHNIS Seite I. Rektoratsrede 3 II. Ständige Ehrengäste der Universität 19 III. Ehrendoktoren der Universität . . 20 IV. Jahresbericht 26 a) Dozentenschaft 26 b) Organisation und Unterricht 29 c) Feierlichkeiten, Kongresse und Konferenzen 32 d) Studierende 33 e) Prüfungen . 35 f) Preisaufgaben 35 g) Stiftungen, Fonds und Stipendien 36 h) Kranken- und Unfallkasse der Universität . . . . 38 i) Witwen-, Waisen- und Pensionskasse der Professoren der Universität 38 k) Zürcher Hochschulverein 39 l) Stiftung für wissenschaftliche Forschung 44 m) Jubiläumsspende fur die Universität 48 n) Julius Klaus-Stiftung 51 V. Schenkungen 55 VI. Nekrologe 57

1. FESTREDE

DES REKTORS PROF. DR ERNST HOWALD

gehalten an der 106. Stiftungsfeier der Universität Zürich
am 29. April 1939:

Die Sieben gegen Theben.

Die Stadt Theben, die Hauptstadt der griechischen Landschaft Böotien, heisst seit Homer 1) bei den griechischen Dichtern das siebentorige Theben. Selbst Pindar, aus Theben gebürtig und meistens in Theben lebend, gibt seiner Heimatstadt diesen Beinamen, obgleich seine Augen ihn Lügen strafen mussten, denn die Altstadt oder Burg Thebens, die Kadmeia — und nur um diese, nicht um die ganze Stadt kann es sich handeln —hat, wie alle Siedelungen aus mykenischer Zeit, nur drei, höchstens vier Tore gehabt 2). So fest war der Begriff der Siebentorigkeit mit Theben verbunden, dass sogar der Einheimische nicht auf ihn verzichtete, sondern wahrscheinlich zu irgend welchen, uns nicht bekannten, Deutungen und Ausflüchten griff. Die Wirklichkeit mußte sich fügen. Als dann die Hauptstadt Ägyptens, welche von den Griechen infolge irgend eines Namensanklanges ebenfalls Theben genannt wurde, in den Gesichtskreis der Griechen trat, nannten sie sie das hunderttorige Theben 3), aus der damals selbstverständlichen Überzeugung heraus, dass alles Ägyptische viel mächtiger und grösser sein müsse als das Entsprechende in der eigenen Welt. Siebentorig aber war und blieb das böotische Theben gegen allen Augenschein um einer berühmten Geschichte willen, um der berühmtesten Sage willen, in deren Mittelpunkt Theben stand, des Zuges der Sieben gegen Theben. Weil einmal

sieben Helden, so wollen wir sie einstweilen nennen, die Stadt Theben zu erobern versuchten und dabei nicht nur einen völligen Misserfolg erlitten, sondern mit einer einzigen Ausnahme ihr Leben lassen mussten, und weil einer der Dichter, die im Laufe der Jahrhunderte diese Sage ausbauten, es so darzustellen beliebte, dass jeder der Sieben je ein Tor der Stadt erstürmen wollte, musste Theben sieben Tore haben. Die sieben Tore sind um der sieben Helden willen da; die sieben Helden waren vor den sieben Toren. Es muss eine sehr wirkungsvolle und bekannte Sage gewesen sein, dass sie einen solchen seltsamen Erfolg haben konnte.

Dass sie so berühmt war, können wir in der Tat feststellen. Unsere Ilias ist voll von Reminiszenzen an sie; ja der Dichter der Ilias bezieht aus jener Sage, mit der naiven Unverfrorenheit des Epikers, Helden und Episoden und überträgt sie in die trojanische Sagenwelt. Sie muss viel älter sein als die von Troja handelnden Sagen, denn die Ilias kennt nicht nur den Zug der Sieben gegen Theben, sondern schon eine Fortsetzung dieser Geschichte, die ganz epigonenhaft anmutet. Erst später werden wir verstehen lernen, wie es zu dieser Fortsetzung kam; jetzt sei nur so viel gesagt, dass in dieser, die den Namen "Die Epigonen", d. h. Die Nachkommen, trägt, die Söhne der gefallenen Sieben sich erneut gegen Theben aufmachen, um die Niederlage ihrer Väter zu rächen; ihnen ist dann auch wirklich Erfolg beschieden: Theben muss vor ihnen kapitulieren. Jedermann wird fühlen, dass diese Weiterführung nur erdacht werden konnte zu einer Zeit, wo man sich über die Niederlage der Sieben grämte und sie wettmachen wollte; dies kann aber erst erfolgt sein, nachdem die Hauptsage längst ausgebildet war und sich durchgesetzt hatte. Was uns für den Augenblick allein interessiert, ist die Tatsache, die ich schon vorhin erwähnt habe, dass der Dichter unserer Ilias, d. h. der Ilias in der Form, wie die spätem Griechen und wir sie lesen, sogar dieses sekundäre Werk kennt. Die Sage von den Sieben muss also zeitlich sehr weit vor ihm liegen. Ja wir können es geradezu so ausdrücken, dass der Sage von den Sieben gegen Theben sicherlich einmal die gleiche Bedeutung zukam wie später dem trojanischen Sagenkreis; mit andern

Worten, dass der trojanische Kreis allmählich den thebanischen in den Schatten stellte; dass er mit seiner Durchschlagskraft jenen aus der Teilnahme der Öffentlichkeit verdrängte. Abgesehen davon, dass überhaupt das Publikum Abwechslung liebt und sein Interesse nicht zu lange dem gleichen Gegenstand zu schenken pflegt, lässt sich leicht feststellen, dass die trojanischen Geschichten grosse Vorteile hatten für die Dichter, die sich mit ihnen abgaben, gegenüber den thebanischen. Erstens einmal wies der thebanische Sagenkreis einen gewaltigen Makel auf: Der Zug der Sieben war eine Niederlage, kein Sieg. Wie konnte man einem Helden, dessen Taten man preisen wollte, zumuten, in eine Sage sich aufnehmen zu lassen, in der Niederlage und Untergang mit dazu gehörten? Ganz anders konnten sich Helden vor Troia entfalten; mithelfen an der Einnahme der Stadt. Trotz der Katastrophe auf der Heimfahrt, gab es genug Wege und Mittel, einen Lieblingshelden ungeschoren nach Hause gelangen zu lassen. Aber nicht nur das: Die Zahl der Sieben war beschränkt; hingegen vor Troja hatten Platz, so viele Helden als man nur haben wollte. Selbst wenn nicht alle Sieben festumschriebene Figuren waren, so war es doch nicht so einfach, in diese leicht überschaubare Zahl neue Namen und Figuren aufzunehmen. Die thebanische Sage krankte also an einem sehr unangenehmen Leiden: Sie war nicht recht entwicklungs- und ausbaufähig. Noch etwas weiteres lässt sich aber von vornherein über die beiden Sagenkomplexe aussagen: Von Troja zu dichten musste die kleinasiatischen Griechen, Äoler und lonier, in deren Händen zu Homers Zeiten das Epos lag, besonders reizen, da Troja in ihrer Nähe gedacht war, am Hellespont, der zu ihren meistbefahrenen Schiffsrouten gehörte; Theben aber lag weit ab im Mutterlande. Wenn wir dies aussprechen, wird uns gleichzeitig klar, dass diese Griechen in Asien, wenn sie noch von Theben dichteten, Thema und Stoff einmal in grauer Vorzeit aus ihrer ehemaligen Heimat mitgebracht hatten, als sie in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor nachrückenden neuen Griechenstämmen aus der Balkanhalbinsel über das Ägäische Meer an die kleinasiatische Küste verdrängt wurden.

Eine Sage, in deren Mittelpunkt Theben steht, reicht also mit Wahrscheinlichkeit in die mykenische Zeit zurück. Das bedeutet nicht nur, dass es eine sehr alte Sage ist, unendlich viel älter als alle, die von Troja handeln, sondern umschreibt auch eine ganz bestimmte Vorstellungswelt, eine eigene Weltverhaltungsweise, eine besondere religiöse Einstellung, lauter Erscheinungsformen, die aufs stärkste von der nichtgriechischen Kultur von Kreta beeinflusst sind. Was das heissen will, wird uns später erst deutlich werden.

Die Sage von den Sieben gegen Theben hatte für die Griechen ihre epische Fassung in einem Gedicht von ca. 7000 Hexametern, der Thebais, gefunden; zum Vergleich sei gesagt, dass die Ilias 15700 Verse enthält. Dieses Gedicht ist älter als die jetzige Form von Ilias und Odyssee. Es ist weniger grossartig, weniger reich ausgebaut als diese Epen, auch primitiver in psychologischer und ästhetischer Hinsicht, aber prinzipiell von ihnen nicht verschieden. Es herrschen darin die gleichen sozialen Grundbegriffe, namentlich auch in Hinsicht auf Krieg und Militär wie in der trojanischen Sage. Leider ist dieses Werk verloren; wir Philologen müssen es rekonstruieren1). Das ist sehr schwierig, und manche wichtigen Fragen sind sehr umstritten und werden es bleiben. Trotzdem müssen wir uns diesem schwanken Boden anvertrauen, denn er ist unser Ausgangspunkt in die Sagenprähistorie. Natürlich werden wir nie so weit kommen, um in dem rekonstruierten Epos die einzelnen Schichten zu erkennen und sie abtragen zu können nach Art von Ausgräbern, wie wir dies bei den erhaltenen homerischen Gedichten mit mehr oder weniger Erfolg tun. Aber wenn wir uns durch das leiten lassen, was wir in der Ilias- und Odyssee-Analyse gelernt haben, so werden wir vielleicht doch zum Ziele kommen.

Meine erste Aufgabe muss es sein, Ihnen die Sage zu erzählen, wie sie in der Thebais vorlag. Dabei verzichte ich auf jegliche Begründung meiner Aufstellungen. Auch schneide ich Nebensprosse ab, so wichtig gerade diese oft sein können. Aber nicht

für unser heutiges Thema. Auf Deutungen werde ich einstweilen ganz verzichten. Nur in einem zentralen Punkt möchte ich Ihr harmloses Interesse an den Geschehnissen von vornherein zerstören und Sie kritisch gesinnt machen, weil Sie sonst Ihre Aufmerksamkeit nicht den richtigen Stellen zuwenden. Es handelt sich um folgendes: In der Thebais und von da an in der ganzen griechischen Literatur hängt der Zug der Sieben aufs engste zusammen mit dem Verhängnis des Ödipus, ja er ist die Folge von dessen grauenvollem Schicksal. Wer mit Mythen zu arbeiten gewohnt ist, wird von vornherein das grösste Misstrauen gegen diese Verknüpfung haben: Die beiden Sagenkreise machen einen völlig selbständigen Eindruck, so dass sich der Gedanke aufdrängen muss, sie seien erst sekundär miteinander in Verbindung gebracht worden. Die Ödipusgeschichte ist viel zu dicht, als dass sie nur als Begründung und Vorgeschichte des Zuges der Sieben hätte erfunden werden können, und anderseits ist dieser Zug der Sieben auch seinerseits eine zu gewaltige Erfindung, um nur als Rahmen für den Ausgang der Ödipodiden zu dienen. Es ist apriori wahrscheinlich, dass die beiden Geschichten ursprünglich nur dadurch einander nahestehen, dass es sich in beiden um Theben handelt, dass sie aber eigentlich gar nichts miteinander zu tun hatten. Abgesehen von der Ortsgemeinschaft hat das Bedürfnis, die reiche Mythenwelt in ein zeitliches Verhältnis zueinander zu bringen, sie gleichsam zu synchronisieren, auch noch zur Annäherung an und für sich fremder Stoffe beigetragen.

Was erzählt nun die Thebais? Ödipus wird nach der Entdeckung seiner Verbrechen, des Vatermordes und der Mutterehe, von seinen bereits erwachsenen Söhnen, Eteokles und Polyneikes, der Öffentlichkeit ferngehalten; die beiden führen miteinander die Herrschaft in Theben. Ihr Benehmen dem Vater gegenüber ist respektlos und nachlässig; in zwei an und für sich unwichtigen Geschehnissen, auf die ich nicht weiter eingehen will, wird dies deutlich gemacht. Jedes dieser kleinen Vergehen seiner Söhne versetzt den Ödipus in masslosen Zorn; jedem folgt ein Fluch von seiner Seite. Der erste geht dahin, dass die Söhne

das väterliche Erbe nicht friedlich teilen sollten, sondern in Hass und Streit auseinandergehen; der zweite, in deutlicher Steigerung zum ersten, dass sie sich gegenseitig morden würden. Der erste Fluch findet seine Erfüllung darin, dass die Brüder sich entzweien, und Polyneikes von Eteokles aus Theben vertrieben wird. Er kommt nach Argos, zu König Adrastos, ungefähr zur gleichen Zeit mit einem andern Verbannten, Tydeus, dem Sohne des Oineus aus Kalydon in Ätolien, der wegen irgend eines unbeabsichtigten Vergehens ebenfalls aus der Heimat fliehen muss. Adrastos macht sie zu seinen Schwiegersöhnen und unternimmt es, sich für die Rechte des Polyneikes einzusetzen, indem er ein Heer aufbietet gegen Eteokles und Theben. Die unter Adrast kommandierenden Truppenführer, sieben an der Zahl, sind alle Brüder oder Verwandte des Adrast; ihre Namen, wie sie der Dichter der Thebais gab, sind uns bekannt. Es sind ein oder zwei (abgesehen von Adrast und seinen Schwiegersöhnen) deutlicher charakterisierte dabei; der Rest ist völlig blass. Die Namen dieser Letzteren schwanken denn auch ausserhalb der Thebais, indem an andern Orten andere genannt werden, und zwar in alter überlieferung, ohne dass wir die Wege derselben angeben könnten. Alle danken aber ihren Ruhm einzig diesem Zug gegen Theben; nur einer fällt darin und mit seinem ganzen Wesen aus dem Rahmen. Das ist Amphiaraos. Er ist ein Seher; er weiss zum voraus, welch Ende das thebanische Abenteuer nehmen wird. Er ist aber auch, verglichen mit der auffallend harten Wesensart der andern, weicher und frömmer. Er versucht, um die Teilnahme an dem freveln Unternehmen herumzukommen; er versteckt sich. Da verrät ihn seine Gattin Eriphyle, bestochen von Polyneikes durch ein goldenes Armband, einen Familienbesitz, herstammend von seiner Ahnin Harmonia, der Gattin des Kadmos, des Gründers von Theben. Nun beginnt der Auszug der Sieben; die Episoden unterwegs interessieren uns nicht. Die Hauptsache ist der Sturm der sieben Helden auf die sieben Tore, der mit ihrer Niederlage und ihrem Tod endet; freilich nicht mit ihrer aller Tod: Vor Amphiaraos, der auf seinem Streitwagen in die allgemeine

Flucht hineingerissen wird, tut sich der Boden auf; er wird gleichsam entrückt. Adrastos allein entkommt in hemmungslosem Ritt auf seinem Pferd Arion in ganz zerrissenem Gewande. Das Wichtigste ist aber der Kampf an dem Tore, wo sich die beiden Brüder gegenüberstehen; sie fallen, wie es der Fluch des Vaters verlangt hat, beide durch die Hand des andern. Ohne dass wir sagen können, wie dies möglich wird, findet am Schlusse irgendwie auf sieben Scheiterhaufen die Bestattung der Toten statt; wahrscheinlich wird zu diesem Behuf ein Waffenstillstand zwischen den Parteien geschlossen, wie wir solche aus der Ilias kennen. Bei diesem Anlass spricht Adrast das Wort: "Ich vermisse das Auge meines Heeres, den Mann, der beides ist, ein guter Seher und ein tapferer Krieger", als er auf dem für Amphiaraos errichteten Scheiterhaufen keinen Leichnam liegen sieht.

Diese Inhaltsangabe soll Ihnen beileibe keinen Eindruck von der Wirkung des Epos vermitteln; dazu müsste ich ganz andere Wege einschlagen, und das Endresultat wäre doch sehr fragwürdig. Nur das Sagengerippe sollten Sie kennen lernen, das der Erzählung der Thebais zugrunde liegt. Jetzt können wir uns an die Interpretation des Gehörten machen. Unsere erste Aufgabe muss sein, den Ödipus mit allem, was an ihm hängt, aus der Sage der Sieben herauszuschaffen. Es soll damit nicht behauptet werden, dass diese Verbindung der beiden Sagenkreise das jüngste Element, die oberste Schicht sei, aber es ist der grösste Fremdkörper, dessen Anwesenheit dem Zug der Sieben einen völlig veränderten Charakter verleiht und dessen Entfernung ihn erst in seiner originalen Form erscheinen lassen wird. Die Verbindung wird hergestellt durch die beiden feindseligen Brüder, Eteokles und Polyneikes1). Eteokles ist ein Allerweltsname, der in mehreren Sagenkreisen auftritt; so heisst auch einer der Sieben in einer andern Liste, nicht der der Thebais, Eteoklos, was natürlich der gleiche Name ist. Er spielt auch ausser mit seinem Tode keine wichtige Rolle; wie es scheint, wird die Intrige,

die er gegen seinen Bruder ficht und die zu dessen Verbannung aus Theben führt, nicht genauer dargestellt. Eine ganz andere Figur ist aber der jüngere Bruder, Polyneikes: Haderich auf deutsch. Die Rolle, die er als Teilnehmer am Zug der Sieben spielt, passt freilich kaum zu diesem sprechenden Namen. Er ist demzufolge älter als seine Verwendung bei den Sieben; er war da, bevor er als Scharnier benutzt wurde, das den Zug der Sieben mit der Ödipussage verbinden soll. Und in der Tat können wir feststellen, dass er in gewissen Listen der Sieben gar nicht zu diesen gezählt wird, vielmehr ausserhalb steht. Aber nicht allein, sondern mit Tydeus zusammen. Gehen wir dem Problem weiter nach, so stellt sich heraus, dass Tydeus und Polyneikes ein altes Heldenpaar sind, oder besser gesagt, ein altes Abenteurerpaar, wie wir verschiedene solche kennen lernen, z. B. Aias und Odysseus, Theseus und Peirithoos, immer in der gleichen Verkuppelung von einem brutalen Raufbold mit einem durchtriebenen Schläuling. Von Tydeus' Brutalität sind noch genug Spuren vorhanden; erwähnt sei nur die grässliche Szene, wie er im Schlusskampf vor Theben, selber tödlich am Bauch verwundet, die Gehirnschale des von ihm erschlagenen Gegners Melanippos ausschlürft9. Über Polyneikes gibt nur noch sein Name Auskunft. Von diesem Paar muss es alte Geschichten gegeben haben, von denen wir —wenigstens was den Tydeus betrifft — noch unverständliche Fetzen da und dort vorfinden; z. B. wird uns die erstaunliche Tatsache erzählt, dass Tydeus ein Mädchen namens Ismene erschlagen habe, als er sie in vertrautem Umgang mit einem Sohn des Poseidon, Perildymenos, ertappte; erstaunlich und befremdlich darum, weil wir beim Namen Ismene an jene von Sophokles ersonnene lieblich-zarte Schwester der Antigone denken müssen. Doch wollen wir diesen umschleierten Dingen nicht weiter nachgehen, sondern nur noch einmal unser Ergebnis feststellen: Tydeus und Polyneikes sind von einem Dichter willkürlich in die Sage der Sieben hineingenommen worden, natürlich um des Polyneikes willen, der ihm brauchbar

schien für die Rolle des gegen Theben, seine Heimat, fremde Völker heranführenden Ödipussohnes. Alles das entspringt einer dichterischen Konzeption: Die beiden Flüche des Ödipus, die Entzweiung der Brüder, die Flucht des Polyneikes, seine Teilnahme am Zuge mit dem wechselseitigen Brudermord am Ende. Tydeus rutschte mit hinein, weil er sich nicht von Polyneikes trennen liess, mit dem er stets zusammen auftrat. Ödipus anderseits hatte früher keine Söhne oder sie spielten zum mindesten keine Rolle. Wir haben bei Homer 1) noch Spuren davon, dass er nach der Entdeckung seiner Verbrechen weiterlebt und König bleibt, allerdings viel Leid erduldet, und zuletzt hochberühmt stirbt und eine Leichenfeier mit Kampfspielen erhält, zu der die Helden der ganzen Welt zusammenströmen. Vielleicht dürfen wir noch einen Grund angeben, warum Polyneikes sich dem Erfinder der Verbindung der beiden Sagen als geeignete Verbindungsfigur empfahl: Er hatte keinen Vater. Jeder anständige Held hat einen Vater; aber jene Schläulinge, die mit einem Helden verkoppelt erscheinen, sind selber keine Helden; sie sind Bastarde, aus niederem Milieu entstammend; gerade darin liegt ihr Reiz, dass sie als solche Niemandskinder dem heldenhaften Partner überlegen sind. Auch Odysseus hatte lange keinen Vater, wie sich wahrscheinlich machen lässt, so sehr das erstaunlich tönen mag, da uns im Ohr klingt, als könnte es nicht anders sein, jenes stolze Wort, mit dem er bei den Phäaken seinen Namen bekannt gibt:

Ich bin Odysseus, Laërtes' Geschlecht ...

Und wenn dementsprechend auch Polyneikes vaterlos war, so liess er sich leichter als ein anderer, bei dem man den Vaternamen hätte wechseln müssen, zum Sohne des Ödipus machen.

Nachdem wir jetzt Ödipus und die Ödipodiden weggeschnitten haben, bleibt der blosse Zug der Sieben gegen Theben übrig, ein Heereszug, bestehend aus den Kontingenten von sieben Heerführern, die infolge unbekannter Ursachen aus dem nördlichen Peloponnes gegen Theben heranrücken, es umsonst zu erobern versuchen und dabei mit Ausnahme des Oberkommandierenden

Adrast ein klägliches Ende finden. Läge es nicht am nächsten, darin ein historisches Ereignis zu sehen? Warum soll nicht einmal in alter Zeit ein Konflikt dieser Art entstanden sein, der zu einer Koalition nordpeloponnesischer Fürsten gegen Theben führte? Das Gegenteil lässt sich schwerlich beweisen, und man kann Mythenforschern nicht verbieten, in dieser Weise Historie aus der Sage herauszuholen, aus dieser Sage so gut wie aus den troischen. Freilich überzeugend ist eine solche Deutung nicht, denn allzu sichtbar ist es, und zwar hier noch mehr als bei Troia, eben weil letztere Sagen jünger sind, dass diese sieben Feldherrn mit ihren sieben Heeren eine Ausweitung von etwas viel Einfacherem und Kleinerem sind, eine Anpassung an die Gegenwart mit ihren militärischen Vorstellungen, oder besser gesagt (weil das Epos in allem und jedem eine künstliche Welt repräsentiert) eben an diese Pseudowelt des Epos. Ursprünglich sind es nicht sieben Truppenteile, die gegen Theben heranziehen; Soldaten haben da keinen Platz; es sind vielmehr nur sieben Helden, eine Vereinigung von sieben Männern. Jetzt erst fühlt man, dass die Siebenzahl wichtiger ist als die einzelnen Helden, dass sie sozusagen vor den Einzelnen da war. Nur so ist die Wirkung dieser Zahl zu verstehen. Es ist eine alte Märchenzahl. Die sieben Zwerge und die sieben Raben und die sieben Schwaben sind uns allen vertraut. Es sind Sieben gegen Theben, wenn auch ihre Namen nicht feststehen, wenn Adrastos bald mitgerechnet wird und bald nicht, und ebenso, wie wir gesehen haben, Polyneikes und Tydeus; es sind so sehr Sieben, dass am Schluss sieben Scheiterhaufen errichtet werden, wonach dann ein Flurname Sieben Scheiterhaufen heisst, obgleich doch zwei, oder, falls Adrast nicht zu den Sieben gezählt wird, wenigstens einer nicht verbrannt worden ist.

Wenn wir uns nunmehr diese Sieben etwas näher ansehen, einstweilen ohne ihren Herrn und Meister Adrast, so müssen wir vor allem bemerken, dass ihre Verknüpfung mit Argos oder überhaupt dem nördlichen Peloponnes, durchaus künstlich ist. Sie werden in Stammbäume hineingepresst zu dem Zwecke, ihre Teilnahme am Zuge eines argivischen Königs verständlich zu

machen. Eigentlich treten sie, d.h. die paar, deren Namen feststeht, wie Kapaneus und Parthenopaios, nur in unserer Sage auf; möglich, dass Parthenopaios, der Jungfernsohn, was sein Name bedeutet, zu Atalante gehört; dann ist er aber auf keinen Fall im Peloponnes beheimatet. In Tat und Wahrheit sind sie, wie alle alten Sagenfiguren, überall zu Hause: Lokalisationen sind erst das Produkt einer späteren Zeit, in der die Sagenwelt als gemeingriechisches Eigentum empfunden und aneinander angepasst wurde, also ein Produkt des Epos. Was aber die Sieben, wie immer sie heissen, verbindet, ist ihr Charakter. Es sind alles furchtbare Gesellen. Es ist eine dunkle Schar unheimlicher Verbrecher, die über Theben herfällt. Unsere Sympathien sind sicher nicht bei ihnen. Wohl mag es sein, dass die hohe Altertümlichkeit dabei eine Rolle spielt, und dass aus diesem Grunde die Griechen vor Troja als modernere und psychologisch entwickeltere Menschen uns näherstehen als jene vor Theben. Aber dies kann nur teilweise richtig sein, denn bei einer andern nicht minder altertümlichen Sage, der Fahrt der Argonauten, will es uns nicht schwer fallen, unser Herz an sie zu hängen, so brutal und unmenschlich auch ein paarmal ihr Tun sein mag. Es ist doch nicht zu vergleichen mit dem Grauen, das um die Sieben schwebt. Nur einer macht bei ihnen eine Ausnahme. Nicht etwa Adrast, obgleich er auch nicht ganz die eben geschilderten Züge trägt; er steht einfach über den andern wie ein Herr, der eine Schar rober Diener hat, in deren Gesellschaft er aber durchaus zu leben pflegt. Nein, es ist Amphiaraos, worauf schon vorher hingewiesen wurde. In den uns greifbaren späten Darstellungen ist diese Tatsache freilich etwas verwischt; unsere Aufmerksamkeit wird auf Nebendinge abgelenkt, auf sekundäre Erfindungen. Die hässliche Handlung der Eriphyle, die ihren Gatten um des Armbandes der Harmonia willen verrät, hat die Spätem besonders interessiert und zum Weiterdichten gereizt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass diese Tat und Eriphyle selber einmal erdacht worden sind, um etwas Schwerverständliches, etwas wachsender psychologischer Einstellung Unbegreifliches zu erklären, nämlich wie es kommt, dass ein so vorzüglicher,

gerechter, römer Mensch wie Amphiaraos unter die Räuber geraten ist, nicht als ihr Opfer, sondern als ihr Kamerad und Mitteilnehmer an ihrem verbrecherischen Unternehmen. Ursprünglich bestand einfach die Tatsache, dass unter den Sieben sechs Schlechte und ein Guter waren, unerklärt und unbegründet, wie die primitive Sage so etwas hinzustellen pflegt. Eriphyles Tat sollte einer feiner empfindenden spätem Hörerschaft dies verständlich machen. Ursprünglich war er einfach dabei; er mochte wohl warnen und abraten, aber er war dabei und fand nach dem Prinzip: "Mitgefangen, mitgehangen" mit den andern den Untergang, den er nicht, wie die andern, verdiente. Dass er von Anfang an einen gnädigern Tod als seine Gefährten gefunden haben sollte, ist äusserst unwahrscheinlich. Diese Milderung entspringt zarterer Regung späterer Geschlechter, die die Selbstverständlichkeit einer kollektiven Strafe nicht mehr ertragen wollten. Eine solche Kontrastfigur in gegensätzlicher Umgebung ist uns aus Märchen und Legenden wohl vertraut, freilich fast immer in umgekehrtem Sinn: Ein Schlechter unter lauter Guten; ein Ganelon unter den zwölf Paladinen Karls des Grossen, ein Judas unter den zwölf Jüngern Christi. Das Umgekehrte ist mir, der ich freilich kein Kenner der Märchenliteratur bin, nur einmal bekannt: Der getreue Eckart unter seinen unholden Kameraden, der einzig Fromme unter lauter dämonischen Gesellen, der sich bemüht, das Leid zu mildern, das die andern tun, indem er dem Zuge vorauseilt und den Menschen Verhaltungsmassregeln gibt, wie sie sich vor den üblen Folgen der Begegnung mit der wilden Jagd schützen sollen.

Die Rätsel mehren sich; der Widersprüche zu normalen Sagen werden immer mehr. Fassen wir sie noch einmal zusammen. Anstatt Helden sind es Verbrecher, denen unsere Sympathie niemals gehören kann. Nur ein einziger Sympathischer ist unter ihnen; er muss mit den andern um ihrer Frevel willen den Tod erleiden. An Stelle eines Sieges ist das Ende eine vernichtende Niederlage. Sonst verlangen wir doch, dass die Helden, von denen wir uns erzählen lassen, von Abenteuer zu Abenteuer gehen und sie alle siegreich bestehen. Gewiss gibt es Ausnahmen;

aber für sie ist es nicht schwer, eine Begründung zu finden. Die Griechen vor Troja, die Argonauten, Herakles, sie alle triumphieren über alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Nur die Sieben unterliegen vor Theben; glücklicherweise unterliegen sie. Ihre Niederlage, ihr Tod ist ein Sieg der Gerechtigkeit. Unsere Sympathie und unser Gerechtigkeitssinn ist nicht auf ihrer Seite; er stellt sich vielmehr zu den Thebanern. Erst eine spätere Zeit, die auch diesen unheimlichen Wesen, so gut es gehen mochte, die normale epische Ritterhaltung verlieh, fing an unzufrieden damit zu sein, dass diese Helden unterlagen. Sie erfand zum Trost den Epigonenzug, d. h. den Sieg der folgenden Generation über Theben. Es kam noch dazu, dass für diese Späteren Theben nicht mehr zu jener geographischen Idealwelt gehörte, aus der die epischen Helden zu stammen pflegten: Argos, Mykene, Sparta, Messenien. Für sie war ein Zug gegen Theben schon beinahe ein Zug in die Fremde. Ganz im Gegensatz zum ursprünglichen Zustand, wo Theben so gut zur griechischen Welt gehörte wie die Herrensitze und Städte des Peloponnes. Ja es lag ursprünglich. auch darin ein grosser Unterschied zu den andern griechischen Sagen. In ihnen, den normalen, da gehen die Helden hinaus aus der gewohnten Welt in die geheimnisvolle Fremde, die Argonauten ins Land der Morgenröte, Agamemnon und seine Achäer nach Troia-Ilion, von welchen beiden Namen der eine zum mindesten einen Ort ausserhalb dieser irdischen Welt bezeichnet. Ganz im Gegensatz fallen die Sieben über eine ganz reale Stadt her, eine berühmte Veste mitten in Griechenland. Viel dunkler ist ihr Woher. Denn sicher lässt sich sagen, dass dieser Aufbruch aus Argos für sie alle nicht stimmt, dass sie nur um des Adrastos willen nach Argos gebracht worden sind.

So ist es wohl an der Zeit, dass wir uns mit dem Herrn der Sieben, mit Adrast, befassen. Auch er ist nicht eigentlich beheimatet in Argos; er passt nicht in die Dynastien dieser Stadt hinein, d. h. er ist in künstlicher Weise erst in sie hineingebracht worden. Auf alle Fälle ist er nicht nur König von Argos, sondern ebenso gut König von Sikyon, einer Stadt nördlich von Argos am korinthischen Meerbusen. Die antike Sagenklitterung hat

sich Mühe gegeben, dies rationell zu motivieren —ohne rechten Erfolg. So können wir nur sagen, dass er diesen beiden benachbarten Städten zugewiesen wird, weil Adrastos in ihnen beiden als Gott verehrt wird. Besonders interessante Kunde besitzen wir von Sikyon1). Dort begingen die Einwohner "die Leiden des Adrastos" mit "tragischen" Chören; ein Tyrann der Stadt im sechsten Jahrhundert, Kleisthenes, nahm ihm die Chöre weg —aus Zorn gegen das mit ihm verfeindete Argos, dem er Adrastos zurechnete —und übergab sie dem Dionysos. Viele Rätsel stecken in diesem kurzen Satz des Herodot. Was sind das für Leiden des Adrast? Was sind tragische Chöre so lange Zeit vor der Erschaffung der Tragödie? Am wahrscheinlichsten ist die Deutung, dass Adrastos ein dem peloponnesischen Dionysos ähnlicher oder gleicher Gott ist, vielleicht sogar nur ein anderer Name desselben Gottes. Der peloponnesische Dionysos ist aber ein Vegetationsgott —daher die Leiden —und gleichzeitig Erdgott oder Unterweltsgott, Herr ebenso sehr über das Wachstum der Erde wie über die Toten in der Unterwelt. Dem Dionysos werden in Korinth tragische Chöre dargebracht, d. h. Lieder gesungen von Chören, deren Sänger als Böcke (tragoi) verkleidet sind; genau gleich dem Adrastos in dem nahen Sikyon. Darum konnte die Übertragung dieser Chöre auf Dionysos von seiten des zornigen Tyrannen ohne Schwierigkeiten sich vollziehen, wo doch sonst auf religiösem Gebiet solche Zwangsänderungen nur geringe Aussicht auf dauernden Erfolg haben. Nun dürfen wir auch noch dem Namen dieses Wesens unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Adrastos heisst der Unentrinnbare. Mit solchen Namen pflegt man die Herren der Unterwelt zu benennen; ein anderer Name für den gleichen Gott ist Neleus, der Erbarmungslose. Auch dieser Beiname des Unterweltsgottes ist zu einem Heros geworden.

Damit aber haben wir die Lösung gefunden für die Rätsel des Zuges der Sieben gegen Theben. Er ist ein Ausbruch der Hölle; er ist ein Auszug des gewaltigen Herrn der Tiefe mit seiner Dienerschar, sieben Unterweltsdämonen, ein Auszug aus der Unterwelt in das Diesseits. Während sonst der Mythos gerne

davon erzählt, wie die tapfersten Helden dieser Welt, wenn sie hier nichts mehr zu tun finden, sich ins Jenseits, in die Unterwelt, wagen, und dank ihrer Heldenkraft, nicht selten auch dank der Hilfe eines göttlichen Wesens, das ihnen seine Liebe schenkt, heil und siegreich, mit Beute beladen, wieder zurückkehren, so schildert die Geschichte vom Zuge der Sieben das Umgekehrte: Diesmal hat sich die Höllenbrut auf eine irdische Stadt geworfen, und das Wunder ist geschehen, dass diese Dämonen dem Widerstand der Menschen einer griechischen Stadt erlegen sind. Darum ist alles und jedes anders als in einer gewöhnlichen Sage. Alle unterliegen, auch der getreue Amphiaraos; nur einer entkommt — selbstverständlich, denn er ist ein Gott: Adrastos. Aber in jämmerlicher Flucht, ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung, zerrissen und verunstaltet, reitet er davon, wohin? Natürlich zurück in seine Unterwelt.

Die Griechen der mykenischen Zeit hatten, beeinflusst von ihren kretischen Vorbildern, die Götter in stärkstem Masse aus dieser Welt verwiesen. Wollen die Helden sich mit ihnen auseinandersetzen, so müssen sie in eine jenseitige Welt, in die Unterwelt, gehen. Diesem weltanschaulichen Standpunkt entspricht es durchaus, dass auch das Umgekehrte einmal möglich sein kann, d. h. dass die Mächte der Unterwelt die Schranke zwischen dem Diesseits und dem Jenseits durchbrechen und in die sonst von solchen Schrecken befreite Welt einfallen. Das ist mykenisch gedacht. Aber auch das Resultat ist mykenisch: Die Menschen des Diesseits sind stärker als die Dämonen von drunten; gedemütigt und verhöhnt muss sich der Unentrinnbare, seiner Genossen beraubt, in sein Reich zurückziehen. Nie mehr, so werden wir weiterfahren, wird er sich unterfangen, die ihm gesetzten Grenzen zu überschreiten; der Sieg Thebens ist ein endgültiger.

So dichtete die mykenische Zeit. Das Lied kam in die Hände immer neuer Generationen; die Welt und ihr Glaube hatte sich geändert und aus dem Lied war ein Epos geworden. Ein Epos hatte aber eine ganz bestimmte, künstliche, hochgezüchtete Heroenwelt als Objekt seiner Darstellung; in dieses epische

Allerweltsmilieu wurden alle bestehenden Sagen umgeformt und erweitert; so auch der Zug der Sieben. Das bekam ihm nicht gut; seine Herkunft stand einem freien Wachstum im Wege; zu viele störende Elemente trug er in sich. Trotzdem sich ihm bedeutende Talente widmeten, wiewohl er durch die Vereinigung mit der Ödipussage neuen Aufschwung bekam und dichterische Steigerungsmöglichkeiten von grösster Eindrücklichkeit in sich barg, so erwiesen sich doch manche andere Sagenkreise als zukunftsreicher und durchschlagender als der Zug der Sieben; vor allem die trojanischen Sagen. So trat das Epos, das ihn darstellte, in den Hintergrund. Aber der Sieg Troias über Theben war kein endgültiger. Als das Epos verbraucht war und die Chorlyrik aufkam, und erst recht als dann die Tragödie aus der Chorlyrik herauswuchs, da kam wieder Thebens Stunde: die Tragiker griffen mit Vorliebe nach diesem Stoff, viel lieber als nach den troischen Sagen. Nicht nur wurden die Episoden, die schon im Epos Gestalt angenommen hatten, in Tragödien umgesetzt, wie z.B. das uns erhaltene Stück des Aischylos, das den Namen trägt: "Die Sieben gegen Theben", den Brudermord zum Thema hat, ein Drama "des Ares voll", wie Aristophanes von ihm sagt, d. h. voll kriegerischer Stimmung, dem Geiste der griechischen Freiheitskämpfer entsprechend, sondern es wurden aus dem thebanischen Stoff immer neue Wunder herausgeholt; ein unendlich viel stärkeres Wachstum desselben begann, als er es je erlebt hatte. Um nur ein Werk zu nennen: Die Antigone des Sophokles, dieses herbe Spiel vom Triumph eines schwachen Weibes über Unrecht und Gewalt ist eine Weiterdichtung des Zuges der Sieben. Die Tragiker fühlten es, dass geheimnisvolle Tiefen unter der leichten epischen Decke klafften, sie ahnten die dämonischen Hintergründe; ihrem Bedürfnis nach grösster Spannweite der seelischen Anteilnahme kam das Grauen entgegen, das auf diesem Stoffe lastete. So dankt die Weltliteratur der Sage von Theben ein paar Meisterwerke, vollendetste Schöpfungen von Erschütterung und Ordnung, die uns den Verlust des Epos von den Sieben gegen Theben leicht verschmerzen lassen.