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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

DIE ANFÄNGE DER GEOLOGISCHEN ERFORSCHUNG DES NORD-SCHWEIZERISCHEN JURAGEBIRGES

REKTORATSREDE

GEHALTEN AM 22. NOVEMBER 1940
VON
AUGUST BUXTORF
BASEL 1940
VERLAG HELBING & LICHTENHAHN

Buchdruckerei Friedrich Reinhardt AG., Basel

Hochansehnliche Versammlung!.

Wir leben in ernster Zeit. Noch ist Ihnen allen gegenwärtig, wie im Mai dieses Jahres unsere Armee erneut vollzählig an die Grenze gerufen wurde; auch viele Angehörige unserer Alma Mater, Dozenten und Studierende, leisteten dem Befehl willige Folge. Und ebenso unvergeßlich werden Ihnen die Tage und Nächte im Juni sein, da der Krieg in nächster Nähe unserer Stadt tobte. Noch ist das furchtbare Ringen nicht zu Ende, und wir wissen nicht, welches Schicksal unserem Lande beschieden ist. Wir begehen darum das 480. Jahresfest unserer Universität in schlichter Weise, erfüllt von Dank, daß bis heute die Schweiz vom Krieg verschont geblieben ist, dankbar auch dafür, daß trotz mannigfacher Hemmnisse unsere Hochschule unentwegt sich ihrer Aufgabe hat widmen können. Darum dürfen wir heute auch dem alten Brauche folgen, der dem Rektor die Pflicht auferlegt, am Dies academicus ein Gebiet seines Lehrfaches einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Dem Vertreter der Geologie ist damit keine leichte Aufgabe gestellt, denn gar bald führen seine Gedankengänge zu Annahmen und Vorstellungen, die dem Fernerstehenden fremd und schwer beweisbar erscheinen mögen. Dieser Schwierigkeit läßt sich vielleicht am ehesten begegnen, wenn unsere Betrachtungen sich einem zeitlichen

Geschehen einordnen, und so möchte ich denn sprechen über die Anfänge der geologischen Erforschung des nordschweizerischen Juragebirges.

Dieses Thema zu wählen, aber hat einen tiefern Grund: es will mir scheinen, es sei heute mehr als sonst geboten, des Mannes zu gedenken, der nicht bloß den Grundstein zur Geologie des nordschweizerischen Jura gelegt hat, sondern in schwerer Zeit mit zum Retter unserer Universität geworden ist: Ratsherr Peter Merian.

Was dieser Mann für unser Gemeinwesen geleistet und bedeutet hat, entnehmen Sie am besten dem von Ludwig Rütimeyer entworfenen Lebensbilde, das als Programm zur Rektoratsfeier von 1883 erschienen ist. Während 63 Jahren, von 1820-1883 bekleidete er die verschiedensten Aemter, im öffentlichen Leben sowohl als an der Universität. An unserer Hochschule war er von 1820-1828 Professor der Physik und Chemie, später — von 1835 an — Honorarprofessor für Geologie und Petrefactenkunde. Dreimal war er Rektor, zum letzten Male im Jahre 1860 als die Universität ihre Vierhundertjahrfeier beging. Fast drei Jahrzehnte gehörte er der Universitäts-Curatel an, während längerer Zeit als ihr Präsident, und über eine ähnlich lange Spanne erstreckt sich seine Tätigkeit als Mitglied des Kleinen Rates und des Erziehungs-Kollegiums. Daneben galt seine nie ermüdende Sorge der Universitäts-Bibliothek und den Naturhistorischen Sammlungen, hier im besondern dem Ausbau der paläontologischen Bestände, deren Grundstock schon Ende des 18. Jahrhunderts durch Ankauf und Schenkung verschiedener Aufsammlungen von Versteinerungen aus dem nahen Jura gelegt worden war. Ebenso große Sorgfalt aber widmete er den Meteorologischen Beobachtungen in Basel, die er von 1826-1874, bis zur Eröffnung der Station im Bernoullianum, durchgeführt und angeordnet hat. Im vorhin

genannten Rektoratsprogramm hat Albert Riggenbach diesem Teil von Peter Merians Schaffen einen besondern Abschnitt gewidmet. "Durch ihn" — so führt Riggenbach aus —"hat Basel einen Beobachtungsschatz erhalten, wie ihn keine andere Schweizerstadt so lückenlos, so durchweg vergleichbar und so weit zurückgehend besitzt. Nur Genf kann sich rühmen, daß seine Temperaturbeobachturigen ebenso weit zurück datieren und in ihrer Anlage noch umfassender sind; dafür aber bricht die Reihe der vergleichbaren Luftdruckbeobachtungen mit dem Jahre 1836 ab."

Neben all dieser wissenschaftlichen Tätigkeit aber galt Peter Merians Interesse auch allen gemeinnützigen Bestrebungen in unserer Stadt; sie hier im Einzelnen zu nennen, fehlt die Zeit.

Eines aber sei nochmals hervorgehoben: Peter Merians wuchtiges Eintreten für die durch den Streit mit Baselland in den 30er Jahren ernsthaft bedrohte Universität. In lapidaren Sätzen schreibt Ludwig Rütimeyer: "Wie durch besondere Fügung einer gütigen Vorsehung fand Basel in dieser schweren Zeit, wo es ihn am dringendsten bedurfte, den richtigen Mann. Was unsere Hochschule besitzt, ist zu einem guten Teil dem kräftigen Eingreifen P. Merians in der Stunde der Gefahr, und dem gewaltigen Anstoß zu verdanken, den sein Beispiel der gesamten Bürgerschaft mitteilte, als es sich um den Wiederaufbau der um die Hälfte ihres damaligen Besitztums geschädigten Hochschule handelte."

Der Bedeutung des Staatsmannes Peter Merian für unsere Stadt und ihre Hochschule entspricht nun aber auch die des Forschers, des Geologen. Im Jahre 1821 veröffentlicht er, als 26jähriger, sein erstes Werk, unter dem Titel: Uebersicht der Beschaffenheit der Gebirgsbildungen in den Umgebungen von Basel, mit besondrer Hinsicht auf das Juragebirge im Allgemeinen". Die Schrift

bildet den "Ersten Band seiner ,Beiträge zur Geognosie" und ist begleitet von einer geologischen Karte im Maßstab 1 : 150.000 und geologischen Querschnitten durch einige Lokalitäten, die Peter Merians besondere Aufmerksamkeit gefunden hatten. Während zwei vorangehenden Sommern hatte er sich ganz diesen Untersuchungen gewidmet, und es sollte nun, wie er in der Vorrede bemerkt, dieses kleine Werk "eine möglichst klare Darstellung der geognostischen Verhältnisse dieser Gegend, und einen Versuch der Einreihung ihrer Gebirgsbildungen in die Folge der bekannten Formationen liefern."

Peter Merians Schrift stellt die erste von einer geologischen Karte begleitete Darstellung eines schweizerischen Gebietes dar. Wohl hatten gerade in unserer Gegend die häufig anzutreffenden Versteinerungen schon lange Beachtung gefunden; am eindrücklichsten zeigen uns dies die um die Mitte des 18. Jahrhunderts erschienenen Bände von Daniel Bruckners: "Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel". In behaglicher Breite berichtet Bruckner von all den Fossilfunden und den vielfältigen Deutungen, die sie erfahren haben, und wir bewundern die nach Zeichnungen von Emmanuel Büchel erstellten Fossiltafeln; sie sind so genau ausgeführt, daß der Kenner leicht die einzelnen Arten nach ihrem heutigen wissenschaftlichen Namen identifizieren kann. Geologische Gesichtspunkte aber hatten bei der Aufsammlung dieser Versteinerungen keine Beachtung gefunden.

Die Anregung, neue Wege zu beschreiten, hatte Peter Merian während seines Universitätsstudiums, das ihn 1815 für mehrere Semester nach Göttingen und später nach Paris führte, empfangen. Besonders der Aufenthalt in Göttingen, wo er unter Ludwig Hausmann die Flözgebirge der nähern Umgebung und der Wesergegend kennen

lernte, ist für Peter Merian entscheidend geworden. Früher als bei uns, veranlaßt durch den Bergbau im sächsischen Erzgebirge, waren in Deutschland schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch Abraham Gottlob Werner die ersten Unterscheidungen der sog. Gebirgsformationen getroffen worden; spätere Forscher haben das von ihm aufgestellte System weiter ausgebaut, so auch Merians Lehrer, Ludwig Hausmann.

Mit diesem Rüstzeug versehen, hat Peter Merian 1819 und 1820 seine Untersuchung des Kantons Basel durchgeführt und Grundlegendes geleistet. Das Hauptziel, das ihm vorschwebte, war, unsere schweizerischen Formationen, und namentlich die des Jura, dem "Geognostischen System des Norddeutschen" einzuordnen. "Die Gegend von Basel" schreibt er, "an der Grenze von Deutschland und der Schweiz, schien mir zur Anstellung der Vergleichung der Bildungen ganz geeignet, besonders da das Hervortreten des Schwarzwälder Urgebirges hoffen ließ, zwischen ihm und dem Juragebirge Zwischenlager aufzufinden, welche in andern Gegenden der Schweiz bedeckt liegen". Diesem Plane folgend, beschreibt Merian zunächst die verschiedenen Formationen und berücksichtigt anschließend ihre Lagerungsverhältnisse.

Als älteste Formation unserer Gegend erkennt Merian den bunten Sandstein, oder ältern Sandstein — wie er ihn nennt —und beschreibt dessen Verbreitung am Rhein zwischen Rheinfelden und Angst, bei Degerfelden und Herten, Riehen und Inzlingen, wo er in flacher Lagerung immer den Fuß der Berge kennzeichnet. An all diesen Orten wurde damals der rote Sandstein eifrig abgebaut, er war — wie uns das Münster, die Pfalz und der alte Teil des Rathauses zeigen — der eigentliche Baustein des alten Basel. Heute sind alle diese Steinbrüche längst verlassen und z. T. ganz eingestürzt; die Eisenbahn, mit

der Möglichkeit, auf bequeme Weise fremdes Gestein herbeizuführen, und später das Aufkommen des Zementes als Baumaterial führten nach und nach zu ihrer gänzlichen Stillegung.

Eine zweite, nächstjüngere Formation bezeichnet Merian als Jurakalkstein und unterteilt ihn in vier verschiedene Gruppen, je nach der Gesteinsbeschaffenheit. All diese Unterscheidungen im Einzelnen zu besprechen, würde zu weit führen, aber einige Hinweise seien doch gestattet. Die unterste Gruppe, den rauchgrauen Kalk — unsern heutigen Muschelkalk — findet er verbreitet im Dinkelberggebiet, bei Rheinfelden und Augst; außerdem aber erkennt er "überaus ähnliche"Kalke im höchsten Gebirgskamm des Jura zwischen Bretzwil und Oltingen, hier aber —wie er sagt — deutlich abgelagert auf jüngern Formationsgruppen. Für diese merkwürdigen Lagerungsverhältnisse weiß Merian keine Erklärung zu finden. Die naheliegende Annahme, die südlichen Gebirgsmassen hätten gegenüber dem nördlichen Gebiete eine Hebung erfahren, die das Wiedererscheinen des rauchgrauen Kalkes erklären würde, wird wohl erwähnt, aber sie vermag ihn nicht zu befriedigen. Eher denkt er, daß die von ihm unterschiedenen Gruppen einen mehrfachen Wechsel innerhalb ein und derselben Formation aufweisen könnten.

Von der zweiten Gruppe, den bunten Mergeln und untergeordneten Lagern, mag hier vor allem das Vorkommen von guterhaltenen Pflanzenresten in der Neuen Welt erwähnt werden, einer Flora des Keupers, die später durch Oswald Heer ihre erste eingehende Würdigung erfahren hat.

Es würde zu sehr in geologische Einzelheiten führen, wollten wir auf Peter Merians Beschreibung der dritten und vierten Gruppe seiner Juraformation, die er "Aelterer Rogenstein"und "Jüngerer Kalkstein und Mergel"nennt, eintreten. Sie enthält für den Geologen eine Fülle wichtiger

Daten, und namentlich wird uns eindrücklich, wie viel aufgeschlossener — vom geologischen Standpunkt aus — unsere Gegend damals war im Vergleich zu heute. Jede Ortschaft hatte ihre eigenen Steinbrüche, jedes noch so dürftige Gipsvorkommen wurde abgebaut, jedem Kohlenäderchen nachgegraben, und wo immer Letten und Mergel vorhanden waren, wurden sie in großen Gruben gewonnen und zur Düngung der Felder benützt. All das gehört der Vergangenheit an.

Nach der Besprechung der Schichtfolge wendet sich Peter Merian dem Schichtenbau der Juraformation zu und stellt in dieser Hinsicht in unserer Gegend eine Hauptverschiedenheit fest. Er schreibt: "Die Basel und dem Rheine näher liegenden Gebirge, zeigen in der Regel eine horizontale Lage der Schichten; näher am hohen Gebirgsgrate des Jura herrschen aber geneigte, und oft sehr geneigte Schichten vor." Und später grenzt er die Gebiete noch schärfer ab und sagt: "Die Berge, die nördlich von einer Linie liegen, welche über Oltigen, Zegligen, südlich von Buckten und Bennweil, über Oberdorf, Tschoppenhof, Reigoldsweil und Bretzweil fortläuft, zeigen in der Regel wenig geneigte Schichten." "Die Berge südlich von jener Linie bilden die höchste Gebirgsgruppe des Basler Jura, und bestehen aus Schichten, die mehrenteils unter mehr oder weniger starken Winkeln einfallen." Peter Merian selber hat dieser Grenzlinie keine allzugroße Bedeutung beigemessen; heute wissen wir, daß er damit ein für allemal die Grenze zwischen dem Tafeljura im Norden und dem Kettenjura im Süden festgelegt hat.

Ueber den Bau der hohen Gebirgsketten des Wiesenbergs, der Bölchenfluh oder des Paßwangs zählt Merian eine Fülle sorgfältiger Beobachtungen auf, ohne aber über ihre Entstehung irgend eine bestimmte Meinung zu vertreten. Das Erkennen von Tatsachen galt ihm mehr als

die Aufstellung von Theorien, und diese Zurückhaltung ist uns heute gut verständlich, haben uns doch die erst viele Jahrzehnte später durchgeführten Detailuntersuchungen gelehrt, daß der Basler Kettenjura weitaus den verwickeltsten Bau des ganzen Juragebirges aufweist.

Den Abschluß der Besprechung der Juraformation bildet endlich der Vergleich unserer Schichtfolge mit den Formationen der Nachbarländer und Englands, und es gelingt Merian, wenigstens für einige der Stufen die Zusammengehörigkeit wahrscheinlich zu machen. Eine Bemerkung vor allem verdient festgehalten zu werden, daß nämlich in einer mit unserm rauchgrauen Kalk übereinkommenden Gebirgsformation "die neuerlich an verschiedenen Orten in Schwaben und bei Vic in Lothringen aufgefundnen Steinsalzlager liegen, eine Entdeckung, welche vielleicht auch für die Schweiz von Wichtigkeit werden kann." Dieser Hinweis Peter Merians hat in der Folge seine glänzende Bestätigung gefunden; er hat damit den zu jener Zeit recht wahllos vorgenommenen Bohrungen den richtigen Weg gewiesen und der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Das erstmalige Erbohren von Salz beim Roten Haus am Rhein bei Pratteln führte später zum Erschließen des Salzlagers bei Schweizerhalle, Augst, Rheinfelden usw. und damit zur Eröffnung all der Salinen des Rheintals, die heute die Salzversorgung der Schweiz sicherstellen.

Ein letzter Abschnitt von Peter Merians Schrift endlich ist den Neuem Bildungen gewidmet, die erst nach der Juraformation in unserer Gegend zur Ablagerung gekommen sind. Sie zeigen sich in großer Mannigfaltigkeit, aber ihre Beurteilung ist nicht leicht, weil sie — wie Merian bemerkt —oft nur an begrenzten Stellen zu Tage treten. Von den vielen hieher gehörenden Bildungen seien nur zwei etwas näher betrachtet.

Merian erkennt, daß der Tüllingerberg aus einer im

Süßwasser abgelagerten Schichtfolge von Kalksteinen und Mergeln besteht, und da ähnliche Sedimente auch schon vom Kaiserstuhl und dann wieder vom Vogesenrand bei Straßburg und der Gegend von Mainz bekannt waren, führt ihn dies zur Ansicht, es sei einmal die Rheinebene zwischen Schwarzwald und Vogesen von einem "großen Landsee"erfüllt gewesen, der als ein "Ueberrest der Wasserbedeckungen früherer Zeiten" zu deuten wäre. Wenn diese Annahme —wie Merian bemerkt — auch schon von anderer Seite ausgesprochen worden war, so bedeutet doch sein Nachweis von Süßwassersedimenten am Tüllinger Hügel und bei Binzen ein wichtiges Argument zu Gunsten dieser Auffassung.

Es lohnt sich, auch noch ein zweites Gebiet, das durch Absätze eines frühern Süßwassersees gekennzeichnet ist, kurz zu betrachten. Es gelang Peter Merian, auch im südlichen Baselbiet Süßwasserkalke nachzuweisen, hauptsächlich in einer Zone zwischen Anwil im Osten und Diegten-Benwil im Westen, und zwar nicht etwa im Bereiche der Talsohlen der Ergolz und ihrer Zuflüsse, sondern auf den Höhen, zwischen diesen Tälern. Und außer diesen Kalken fand er hier oben in noch größerer Verbreitung Geröllablagerungen eines frühern Flußsystems. Diese Tatsachen haben Peter Merian anfänglich sehr befremdet. "Es ist merkwürdig," — schreibt er — "daß die Nagelfluhbänke und die zu ihnen gehörenden Geröllablagerungen nicht im Grunde der Thäler, sondern auf den Höhen anstehen", und das führt ihn auf den Gedanken, "ob die Formationen sich nicht hätten absetzen können, ehe die sie trennenden Thäler vorhanden waren?" Und er fährt fort: "Füllen wir also in Gedanken die Thäler von Höllstein, Diegten, Rümmligen, Tecknau, Rothenfluh usf. aus, so erhalten wir eine, einer sanft gegen Nord geneigten Ebene sich nähernde Fläche, bedeckt von Geröllablagerungen

aus den Umgebungen, an einigen Punkten auch von Süßwasserbildungen, Erscheinungen, die dann auf eine sehr natürliche Art erklärbar sind." Damit hat Merian vom geologischen Standpunkte aus die Erklärung gegeben für den Kontrast zwischen den alten Hochflächen des Tafeljura und den jüngern Tälern, auf den schon einige Jahre zuvor der Mathematiker Prof. Daniel Huber — lediglich sich stützend auf die äußere Gestalt des Landes — hingewiesen hatte. Die höhern Ebenen schienen Huber gleichsam der eigentliche Boden, der Urboden des Kantons zu sein, in den sich die Bäche nach und nach eingeschnitten hätten.

Noch eine letzte Feststellung in Peter Merians Erstlingswerk dürfte allgemeinem Interesse begegnen: sein Nachweis von zerstreuten großen Geschieben von Gneis und andern kristallinen Gesteinsarten besonders im obern Baselbiet, von Gesteinen, deren Ursprungsort offenbar in den Alpen gesucht werden mußte. Heute würden wir von erratischen Blöcken reden und sie als Zeugen der Eiszeit bezeichnen. Damals aber suchte man die Lösung in anderer Richtung, so auch Peter Merian; er schreibt: "Fast sollte man glauben diese Alpengeschiebe seyen in unsre Gegenden gekommen bei jenen gewaltsamen Anschwemmungen, welche den südlichen Abhang des Jura mit Urfelsblöcken belegten. Einzelne kleinere Geschiebe können über den höchsten Gebirgsgrat geschleudert worden seyn, indem die größeren Blöcke und die Hauptmasse des Schuttes am Abhange aufgehalten wurde. Mehr gegen Westen mag die größere Erhebung der Juraketten auch diesen einzelnen Ausläufern den Durchgang versagt haben."Mit dieser Deutung folgt Merian der Auffassung, die ein Jahrzehnt zuvor von einem der größten Geologen der damaligen Zeit, Leopold von Buch, zur Erklärung der Alpengeschiebe am Juraabhang von Neuenburg ausgesprochen

worden war. Die Lehre von der Eiszeit, stand noch in ihren Anfängen und vermochte Merians Gedankengänge nicht zu beeinflussen. Aber auch später, als sie herrschend geworden war, verhielt er sich ablehnend, das bezeugt u. a. seine 1843 erschienene Arbeit "Ueber die Theorie der Gletscher", in der sich im Schlußabschnitt der nicht mißverständliche Satz findet: "Gletscher, die über eine ausgedehnte Ebene vorrücken, wie man solche zur Erklärung gewisser geologischer Erscheinungen hat annehmen wollen, sind eine physikalische Unmöglichkeit." Hier siegte in Peter Merian der Physiker über den Geologen; die damaligen Kenntnisse über die Bewegungen großer Inlandeismassen und die des Gletschereises überhaupt, lassen dies begreiflich erscheinen.

Aus Peter Merians inhaltsreichem erstem "Beitrag zur Geognosie"habe ich nur wenige Abschnitte herausgreifen können, viele Einzelheiten mußten zurücktreten; das Gesagte mag Ihnen aber andeuten, welche Fülle sorgfältiger Beobachtungen in dieser Schrift enthalten ist, auf der sich Merians ganzes späteres Schaffen aufbaut.

Acht Jahre später hat Peter Merian einen weitern wichtigen Beitrag zur Geologie unserer Gegend geliefert, betitelt: "Geognostischer Durchschnitt durch das Jura-Gebirge von Basel bis Kestenholz bey Aarwangen, mit Bemerkungen über den Schichtenbau des Jura im Allgemeinen." Für die damalige Zeit war es ein kühnes Unternehmen, ein Profil durch den ganzen Jura zu legen; aber diese Aufgabe brachte Peter Merian den Vorteil, Abschnitte des Juragebirges von einfacherem Baustil kennen zu lernen, als ihn die Hochketten des Baselbiets zeigen. Nun erfaßt er, daß die von ihm im Tafeljura bei Basel festgestellte Schichtfolge in gleicher Weise auch für die hohen Juraketten gilt. Die frühere Annahme, es könne innerhalb einer Formation eine Wiederholung gleichartiger Schichten

sich vorfinden, wird als unhaltbar erkannt, und damit ist die Bahn frei für die richtige Deutung des Gebirgsbaus. Sein Profil zeigt, wie im Innern der z. T. tief erodierten Ketten die ältesten Schichten auftreten, in der Nordkette bei Zullwyl sogar bis hinab auf den Muschelkalk, und daß sich dann gegen Süden und Norden die nächstjüngern Schichten symmetrisch anschließen, bis zum letzten Glied, dem jüngern Jurakalk. In den südlichen Gebirgsketten zwischen Mümliswil und Oensingen erkennt er den Gewölbebau, wie er ihn für den Blauen schon in seinem ersten "Beitrag zur Geognosie" von 1821 festgestellt hatte.

Aeußerste Zurückhaltung bewahrt Peter Merian, wenn er von der Entstehung der Juraketten spricht. Er vergleicht sie, der damals herrschenden Lehrmeinung entsprechend, mit Hebungszonen, längs denen die unterliegenden Formationen hervorgedrängt wurden, wodurch die aufliegenden Schichten zur Seite gedrückt worden seien. Häufig kehrt auch der vage Ausdruck "gewaltsame Zerrüttung" wieder; auch von "Spaltenbildung"spricht Merian und mißt beidem große Bedeutung bei, nicht nur, für die Entstehung der Bergketten, sondern auch der Längs- und Quertäler. Es fällt dem heutigen Leser auf, wie sehr er an diesen Vorstellungen hängt und der Erosion des Wassers nur eine mehr nebensächliche Rolle beimißt.

Den beiden bisher genannten Schriften hat Peter Merian im Jahre 1831 noch einen "Zweiten Band" "Beiträge zur Geognosie" folgen lassen. Er gibt damit eine "Geognostische Uebersicht des südlichen Schwarzwaldes", führt aber auch manche interessante Beobachtung aus dessen Vorgelände an und berichtigt oder erweitert diese und jene frühere Angabe über den Basler Jura.

Die eben erwähnte Schrift ist das letzte größere geologische Werk Peter Merians; die vielen Aemter und Ehrenstellen,

die Mitte der 30er Jahre an ihn herantraten und nicht mehr losließen, erlaubten ihm nur noch nebenbei, sich der Geologie und der Petrefactenkunde zu widmen. Wie sehr ihm aber deren Förderung am Herzen lag, zeigen die vielen Mitteilungen, die er in den Verhandlungen unserer Naturforschenden Gesellschaft veröffentlicht hat.

Die Grundlage, die Peter Merian mit seinen Untersuchungen bei Basel und seinem Geognostischen Jura-Querschnitt geschaffen hatte, gab der geologischen Erforschung des Juragebirges einen mächtigen Ansporn. Der erste, der Merians Gedanken aufnahm und weiter ausbaute, war Jules Thurmann in Pruntrut.

Thurmann, geboren 1804, hatte zuerst in Paris Bergbau studiert und fand dann später noch Gelegenheit, in Straßburg bei Ludwig Voltz seine Kenntnisse weiter auszubauen. Voltz war damals der beste Kenner der elsäßischen Formationsfolge. 1830 begann Thurmann seine eigenen Forschungen, zunächst in der Umgebung von Pruntrut, wo er 1832 Professor für Naturwissenschaften und Mathematik am Collège wurde; von da an widmete er seine ganze Freizeit der geologischen und floristischen Erforschung des "Porrentruy", wie der Berner Jura von ihm immer genannt wird.

Für diese Studien befand sich Thurmann in glücklicherer Lage als Peter Merian; er konnte als topographische Unterlage für seine Beobachtungen die für jene Zeit ganz außerordentlich schöne Karte 1 : 96.000 des alten Bistums Basel benützen, die in den Jahren 1815-1819 von Oberst Buchwalder vermessen worden war. Zweifellos hat dieses Kartenblatt in mancher Hinsicht der Dufourkarte als Vorbild gedient.

Für Thurmanns geologisches Schaffen ist Peter Merians Jura-Querschnitt wegleitend geworden. In der Einleitung

zu seinem 1832 erschienenen ersten Werke "Essai sur les soulèvemens jurassiques du Porrentruy" schreibt er: "J'ignore si ce profil remarquable évailla dans le monde savant toute l'attention qu'il mérite; mais ce qui me paraît certain, et que je chercherai à développer dans cet Essai, c'est qu'il renferme la vraie solution au problème des soulèvemens jurassiques", und wenig weiter fährt er fort: "la coupe de M. Mérian fut pour moi un vif trait de lumière, qui me donna sur-le-champ la clé du dédale où mon imagination avait souvent cherché un fil conducteur".

Diese große Bedeutung des Merian'schen Juraprofils ist darin begründet, daß es die Juraketten schon in dem südlich der oberrheinischen Tiefebene liegenden Gebiete quert, wo —wie wir heute sagen — die Ketten sich frei falten konnten, ohne gehemmt zu sein durch den Widerstand des nördlich vorgelagerten Schwarzwaldes. Der dabei entstehende, oft fast schematisch einfache Gewölbebau der Juraketten ist das eigentliche Kennzeichen des Bernerjura, und so ist es nicht verwunderlich, wenn Thurmann die ersten Feststellungen Merians vielseitig ausbaut und vertieft.

In eingehender Weise bespricht Thurmann zunächst das Baumaterial seiner Berge und führt eine außerordentlich sorgfältige Gliederung der ganzen jurassischen Schichtfolge durch, immer bezugnehmend auf die anderwärts vorgenommenen Unterscheidungen und Benennungen. Wie wertvoll und brauchbar sich seine Einteilung erwiesen hat, mögen Sie der Tatsache entnehmen, daß viele der von ihm vorgeschlagenen Stufennamen zum Gemeingut der Jurageologie geworden sind. Seiner Gliederung kommt besonderer Wert auch deshalb zu, weil bei jeder seiner Unterteilungen der Fossilinhalt eingehende Berücksichtigung findet.

Im zweiten Teil seines Werkes wendet sich Thurmann

dem Bau der Juraketten zu und entwickelt seine "Théorie orographique du soulèvement". Er stellt sich vor, jede Kette entspreche einer streifenförmigen Hebungszone, die Hebung selber wäre entweder längs Brüchen (Ruptures) erfolgt oder durch Biegung (ploiement), oder auch durch Kombination von Bruch und Biegung. Je nach der Intensität der Hebung treten im Innern der Hebungszone verschieden alte Schichten zu Tage, und dieses Merkmal benützt Thurmann zur Unterteilung der Juraketten in vier Ordnungen: "Soulèvement du premier, du second, du troisième et du quatrième ordre". Zur letzten Ordnung würden die Ketten gehören, in deren Kern als Aeltestes der Muschelkalk zutage tritt. Die Ursache der Hebung sieht Thurmann in plutonischen Kräften, betont aber ausdrücklich, daß in den Juraketten nur ein "souhèvement pur et simple en lui-même"festgestellt werden könne, ohne daß plutonische Erscheinungen direkt oder indirekt nachweisbar wären. Diesem Problem hat er aber keine besondere Bedeutung beigemessen, wichtiger war ihm, die Beziehungen zwischen dem geologischen Bau und der Oberflächengestaltung der Juraketten aufs genauste zu verfolgen; dies hauptsächlich führte ihn zur Unterscheidung der vorhin genannten vier verschiedenen Typen. Er erkennt, welch fundamentale Bedeutung der Tatsache zukommt, daß die den Jura aufbauende Schichtfolge primär einen auffallend regelmäßigen Wechsel von mächtigen Lagern rein kalkiger Sedimente mit vorwiegend tonig-mergeligen Schichtfolgen aufweist. Die Kalke bilden die markanten Felswände und Kämme, die weichen Gesteine die dazwischenliegenden, meist von Weiden und Wiesen eingenommenen Senken oder Comben. Vereinigen sich an Stellen, wo eine Kette weniger stark aufgepreßt wurde, die Kalkwände, die bis dahin in den Flanken verliefen, zu einem halbkreisförmigen Gewölbeschluß, so

spricht Thurmann von einem "Cirque latéral", und an einer Stelle seines Werkes geht er so weit, diese "Cirques" zu vergleichen mit einem "cratère d'éruption, où l'intensité de l'agent plutonique parait être venu se détruire et consommer son action". Wir werden sehen, daß dieser Gedanke später von anderer Seite aufgegriffen und in kühner Weise ausgebaut worden ist.

Neben den Bergketten hat Thurmann auch den Tälern des Bernerjura seine Aufmerksamkeit geschenkt und vor allem die Bedeutung der Quertäler oder Klusen betont, die den Gebirgsbau in so ausgezeichneter Weise erschließen; wir suchen aber umsonst nach einer Erklärung ihres Zustandekommens; am ehesten dachte er wohl, auch sie seien auf Brüche oder "ruptures" zurückzuführen.

Viele dieser Gedanken oder Auffassungen sind von Thurmann in seinen spätem Arbeiten weiter ausgebaut und namentlich auch in geologischen Karten dargestellt worden, deren eine den Jura von Neuchâtel bis zur Lägern umfaßt.

Leider ist es Thurmann nicht beschieden gewesen, sein Ziel: die Bearbeitung des ganzen Juragebirges bis über Genf hinaus, zu erreichen. Schon 1855 — erst 51-jährig — wurde er der Forschung entrissen. Was ihm vorschwebte, erfahren wir aber aus einem fast unbeachtet gebliebenen "Résumé des lois orographiques générales du système des monts Jura", das am 7. November 1853 in der "Société géologique de France" zur Verlesung gelangte. Von größter Bedeutung ist namentlich eines: Thurmann verläßt die bisher vertretene Auffassung, die Juraketten seien durch vertikale Hebung entstanden und sucht nun eine Erklärung in der Hypothese einer "action latérale, procélant du côté suisse vers le côté français", und gleichzeitig betont er: "Le système des dislocations jurassiques se lie sans discontinuité orographique aux Alpes sardes et françaises

par le prolongement des mêmes lignes de dislocation".

Wie reif dieser Gedanke damals war, mag Ihnen der Hinweis zeigen, daß diese selbe Deutung im gleichen Jahre (1853) auch von dem Berner Geologen Bernhard Studer in seiner "Geologie der Schweiz"ausgesprochen worden ist. Er schreibt: "Der Gewölbebau des Jura, sein Parallelismus mit dem Alpensystem, die nach W zu abnehmende Höhe der Ketten, die Tatsache ferner, daß die Gewölbe, horizontal ausgebreitet, einen größern Raum bedecken müßten, dieß und Anderes läßt an eine Faltung, durch einen von den Alpen ausgegangenen Seitendruck denken".

Damit haben Thurmann und Studer, unabhängig von einander, für die Tektonik des Kettenjura die noch heute geltende Erklärung gefunden.

Zwischen den Basler- und Bernerjura schiebt sich, mannigfach ausgreifend, das Gebiet des Kantons Solothurn ein, und auch der hieher gehörende Juraabschnitt fand bald nach Merians und Thurmanns grundlegenden Untersuchungen seinen Bearbeiter. 1837-1841 erschien in den "Neuen Denkschriften der allg. Schweizerischen Gesellschaft für die gesammten Naturwissenschaften" das Werk von Amanz Gressly: "Observations géologiques sur le Jura soleurois".

Gressly, geb. 1814, war ein echtes Kind des Jura; sein Geburtsort ist die ehemalige Glashütte von Laufen, wo heute sich die Station Bärschwil befindet. Als Bube durchstreifte er Berg und Tal und sammelte Versteinerungen, besonders am nahen Fringeli, dessen Name wohl auch dem einen oder andern der Anwesenden vertraut sein dürfte. Nach der in Solothurn, Luzern und Fribourg verbrachten Gymnasialzeit entschied er sich für das Studium

der Medizin, bezog die Universität Straßburg, pflegte aber nebenbei sein Lieblingsfach, die Geologie. Bei Voltz und Thirria fand er viel Anregung, und die enge Freundschaft mit Thurmann, der damals ebenfalls in Straßburg weilte, führte schließlich Gressly dazu, das Medizinstudium aufzugeben. In die Heimat zurückgekehrt, hat er dann —angeregt und beraten durch Thurmann — seine "Observations géologiques sur le Jura soleurois" verfaßt.

Es ist ein eigenartiges Werk, das der damals erst 22-jährige begonnen und mit 26 Jahren zum Abschluß gebracht hat. Voll Begeisterung tritt er an seine Aufgabe heran, beschreibt zunächst die Schichtfolge und ihren Fossilinhalt, beschreitet aber neue Wege, indem er versucht, die Lebensbedingungen der als Versteinerungen überlieferten Tierformen zu erfassen, um darnach die Verhältnisse des Meeres zu rekonstruieren, in dem diese Tiere einst gelebt haben. So erstanden vor seinen Augen die Meere der Jurazeit, und getragen von kühner Phantasie versucht er, das Meer, das sich einst über der Nordwestschweiz erstreckte, in verschiedene Sedimentationsräume zu gliedern, jeder gekennzeichnet durch bestimmte Ablagerungen und zugehörige Faunen. Gressly geht noch einen Schritt weiter: er verfolgt einzelne bestimmte Schichten über längere Strecken und erkennt, daß sie nicht überall die gleiche Gesteinsbeschaffenheit zu zeigen brauchen, sondern Aenderungen unterworfen sein können, und daß mit einem solchen Wechsel des Gesteins auch der Fossilinhalt sich ändert. Dieses Zusammenspiel von Gestein und Fossilinhalt nennt Gressly "Aspects de terrain" oder "Facies"der betreffenden Schichtstufe, und damit hat er einen Begriff in die Geologie eingeführt, der alsbald Beachtung gefunden hat und den wir uns heute nicht mehr wegdenken können. In wahrhaft genialer Weise die mannigfachen Beziehungen zwischen Gesteinsbeschaffenheit, Fossilführung

und Sedimentationsgebiet erkannt zu haben, ist Gresslys großes Verdienst um unsere Wissenschaft.

Wir müssen es uns versagen, all den weitern Gedankengängen Gresslys über die Faciesentwicklung der verschiedenen Jurastufen nachzugehen; auch seine Deutung der Entstehung der Juraketten und ihrer so mannigfaltigen Oberflächengestaltung können wir nur kurz berühren. Gressly folgt hier im wesentlichen den anfänglichen Anschauungen Thurmanns; wenn aber dieser — wie früher bemerkt — nur einmal und nur vergleichsweise das Wort "cratère d'eruption"gebraucht, so glaubt Gressly, vielerorts die Wirkung vulkanischer Gasentweichungen erkennen zu können. So sind für ihn die Quertäler oder Klusen auf Explosionskrater zurückzuführen, die Stellen, wo eine Jurakette sich gabelt, auf Erhebungskrater. Es darf uns darum auch nicht wundern, wenn er die Entstehung der Bohnerzbildungen, die wir heute als Verwitterungsprodukte einer lang andauernden alttertiären Festlandsperiode betrachten, mit Eruptionskratern in Beziehung bringt und dabei an Geysire und heiße Quellen denkt. Alle diese Ideen sind heute längst verlassen; durch ihre Kühnheit forderten sie die kritische Ueberprüfung heraus und sind als unrichtig erkannt worden; indirekt aber haben sie doch beigetragen, der Wahrheit näher zu kommen.

Gresslys "Observations géologiques sur le Jura soleurois" sind sein einziges größeres Werk geblieben. Noch während fast drei Jahrzehnten hat er sich als unermüdlicher Beobachter und Sammler im Jura geologisch betätigt, meist von Neuenburg aus, wo er bei Louis Agassiz und später bei Edouard Desor Anschluß gefunden hatte. Vielfach hat er sich auch mit Fragen praktischer Geologie befaßt. Von Neuenburg aus wurde er zugezogen zum Bau des alten Hauensteintunnels und entwarf einen prognostischen Querschnitt, der sich für den südlichen Tunnelabschnitt

glänzend bewährt hat. Wenn sich in der Nordhälfte mancherlei Abweichungen ergaben, so darf nicht von einem Versagen von Gresslys Können gesprochen werden; wie wir jetzt wissen, zeigt hier der Nordrand des Kettenjura einen ungewöhnlich komplizierten Gebirgsbau; auch heute wäre es eine Unmöglichkeit, eine zuverlässige Prognose abzugeben. Aehnlich erfolgreich wie am Hauenstein hat Gressly sich auch an den Untersuchungen für den Bahnbau Neuchâtel-La Chaux-de-Fonds beteiligt und später —bevor er 1864 unheilbar erkrankte —noch an all den Vorstudien für die Tunnelbauten der Berner Jurabahn.

Mit der Erwähnung von Gresslys letzten Arbeiten aber sind wir eigentlich schon in eine neue Epoche der Erforschung des Jura eingetreten. Durch Merians und Thurmanns grundlegende Werke war das Interesse geweckt worden und seither ist es nicht mehr erlahmt; neue Kräfte sind an die Stelle der alten getreten und haben mitgeholfen die Jurageologie auszubauen. Einen wichtigen Ansporn verdankt die Forschung aber auch den immer besser werdenden topographischen Unterlagen. Das Erscheinen der Dufour-Karte 1 : 100,000 rief die geologische Landesuntersuchung ins Leben; später stand der Siegfried-Atlas 1 : 25,000 zur Verfügung und ermöglichte dem Geologen, seine Beobachtungen immer weiter zu vertiefen. Die Schichtfolge und ihre Fossilführung sind heute eingehend durchforscht; Amanz Gresslys Gedanken wurden weiter verfolgt und es gelang, für einzelne Stufen unserer Juraformation wichtige Faciesänderungen festzustellen, die uns erlauben, heute ein ungefähres Bild der damaligen Meeresverhältnisse zu entwerfen. Auch den Gebirgsbau glauben wir heute klarer beurteilen zu können. Hier war von besonderer Bedeutung Jules Thurmanns Hinweis auf den so auffallenden Wechsel harter kalkiger und

weicher mergeliger Gesteine in der der Faltung unterworfenen Schichtfolge. Dieser Wechsel gestattete einen verschiedenen Tiefgang der Faltung: ein Umstand, der zweifellos mit zu berücksichtigen ist bei der Beurteilung der von Thurmann aufgestellten verschiedenen Ordnungen von Juraketten. Und die erstmals von Peter Merian erkannte scharfe Nordgrenze der hohen Ketten des Basler Jura ist ostwärts und westwärts weiter verfolgt worden: vom Hauenstein nach Osten zur Lägern und westwärts bis an den Südrand der Ajoie. Gressly hat diese Zone stärkster Aufpressung als Stammkette des ganzen Faltensystems gedeutet und ihr den Namen "Chaine du Mont Terrible" gegeben. Heute wissen wir, daß längs dieser Linie der Nordrand des Kettenjura auf den Tafeijura hinaufgeschoben worden ist.

Diese wenigen Hinweise mögen andeuten, wie die Forschung unentwegt weiter geschritten ist. Manche der frühern Auffassungen haben verlassen werden müssen, vieles aber hat sich bewährt, und dankbar erinnern wir uns heute der Männer, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Grundsteine der Jurageologie gelegt haben.