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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Ueber die Bedeutung und Aufgabe der Volksmedicin.

Eine bei der Feier des Jahrestages der Eröffnung der Hochschule in Bern

am 16, November 1846 gehaltene Rede
von
Dr. Wilhelm Rau,
d. Z. Rector.
Bern.
Gedruckt bei G. A. Jenni. Vater. 1846.

Herr Erziehungsdirektor! Meine Herren!

Die wiederkehrende Feier des Jahrestages der Eröffnung unserer Hochschule mahnt mich an die willkommene Pflicht, vor einer zahlreichen Versammlung aus verschiedenen Ständen das Wort zu ergreifen. Durch eine politische Umgestaltung des Cantons Bern in's Leben gerufen, auf dankenswerthe Weise von den Behörden beschützt und gepflegt, geht unsere Hochschule nach zwölfjährigem Bestehen einer neuen Entwicklungsphase entgegen. Wie im physischen Leben die Entwicklungen, als nothwendige Uebergänge in eine neue Periode, nicht immer ohne vorübergehenden Kampf eintreten, so auch im Staatsleben, Hegen wir indessen die feste Ueberzeugung, dass unsere Hochschule, auf welcher die Hoffnungen des Vaterlandes ruhen, durch mannigfache Kämpfe erstarkt, aus der ihr bevorstehenden Entwicklung erkräftigt, von frischem Lebenshauche durchdrungen, hervorgehe! Mögen die neuen Behörden, deren Schutz und väterlicher Fürsorge wir die Anstalt vertrauensvoll empfehlen, es nicht als den kleinsten Theil ihrer grossen Aufgabe betrachten, derselben unermüdet ihre fortwährende

Unterstützung angedeihen zu lassen! Das Gebäude steht zwar äusserlich vollendet da, bedarf aber noch des Ausbaues in seinem Inneren. Mit freudiger Zuversicht vertrauen wir den neuen Behörden, dass sie das begonnene Werk seiner Vollendung entgegen führen, von der innigsten Ueberzeugung durchdrungen, dass wahres Volksglück nur in wahrer Volksbildung dauernd begründet werden könne.

Als Gegenstand meines Vortrages bezeichne ich die Bedeutung und Aufgabe der Volksmedicin.

Krankheiten find so alt wie das Menschengeschlecht. So weit die Tradition reicht, gibt sie uns Kunde von Krankheiten und Gebrechen, über oberen ersten Ursprung wir uns nicht in müssige Untersuchungen einlassen wollen. Für unseren Zweck genügt es, darauf hinzuweisen, dass das Auftreten der Krankheiten nothwendig den dem Menschen angeborenen Selbsterhaltungstrieb zu deren Bekämpfung anregen musste. Instinkt, glücklicher Zufall, vielleicht wohl auch Nachahmung der Thiere, mochten zunächst auf Mittel gegen einzelne Krankheiten geleitet haben, deren erfolgreiche Benutzung in ähnlichen Fällen zu den ersten abgerissenen Kenntnissen führte, welche die Grundlage einer Volksmedicin bildeten, wie wir sie noch bis auf den heutigen Tag bei allen uncultivirten Völkern antreffen. War Anfangs Jeder darauf hingewiesen, sein eigener Arzt zu sein, so setzte man später die Kranken an den Strassen aus, um den Rath der Vorübergehenden einzuholen, bis sich allmälig Einzelne die seither gewonnenen Resultate aneigneten, um sie zum Nutzen Anderer zu verwenden. Auf diese Weise bildete sich der Stand der Aerzte, welcher aber Anfangs durchaus nicht selbstständig, sondern mit dem der Priester vereint war.

In den Gesundheitstempeln, welche der Hilfesuchende nur nach gehöriger Vorbereitung durch Opfer, Fasten, Wachen und Beten betreten durfte, wurde die Behandlung durch die auch das leibliche Wohl ihrer Nebenmenschen zur würdigen Aufgabe ihres Wirkens machenden Priester vorgenommen. Es ist kaum zu bezweifeln, dass ihre Vorschriften, als mittelbare Eingebungen der Götter, um so gewissenhafter befolgt wurden, als der Ungebildete die Krankheiten selbst übernatürlichen Einwirkungen zuzuschreiben geneigt ist. Die in den Tempeln aufgehängten Votivtafeln mit der Bezeichnung der Krankheit nebst den dagegen mit Erfolg gebrauchten Mitteln wurden eine höchst wichtige Quelle für die weitere Ausbildung der Medicin, welche als solche von keinem Einzelnen erfunden, nur durch allmälige Vervollkommnung der Volksmedicin entstanden sein kann. Dass aber diese nicht in jener unterging, ist eine wenig befremdende Thatsache. Dem nächsten, dringendsten Bedürfnisse entsprungen, vermochte sie diesem auch fernerhin bis auf einen gewissen Grad zu begegnen. Sucht doch Jeder vermöge eines angeborenen Instinktes sich zunächst selbst zu helfen, bevor er die Hilfe Anderer in Anspruch nimmt! Ueberdiess wurzeln die meisten Vorschriften der Volksmedicin so tief in dem innersten Leben des Volkes selbst, find so innig mit dessen Charakter, Sitten, Gewohnheiten, Gebräuchen, Ansichten und Vorurtheilen verwachsen, zum Theil durch das Herkommen gleichsam geheiligt, dass sie schon aus diesem Grunde in der Regel mit weit grösserem Vertrauen befolgt werden, als die nicht immer hiermit im Einklange stehenden ärztlichen Rathschläge. Ist es hiernach zu verwundern, dass sich die Volksmedicin, mehr oder minder unabhängig von der wissenschaftlichen, verschieden an Gehalt und Gestalt je nach der Lebensweise und Entwicklungsstufe

der einzelnen Völker, allenthalben bis auf den heutigen Tag erhalten hat? — Aber nicht blos bei den einzelnen Völkern, sondern selbst bei den einzelnen Ständen eines und desselben Volkes treffen wir besondere volksthümliche Behandlungsweisen an. Wie sich in den Sagen und Dichtungen, selbst in den Gesangesweisen der Volkscharakter unverkennbar abspiegelt, so auch in der Wahl der gebräuchlichen Heilmittel. Von diesem Gesichtspunkte aus dürfte eine vergleichende kritische Uebersicht der Volksmittel der verschiedenen Nationen gewiss nicht unwichtige Beiträge zur näheren Kenntniss und Beurtheilung des inneren Lebens derselben zu liefern im Stande sein, ganz abgesehen davon, dass auch der Arzt Manches zu seinem eigenen Vortheile auszubeuten vermöchte. —

Liegt es in der Natur der Sache, dass die Volksmedicin wegen ihrer lokalen Beziehungen und dadurch bedingten Verschiedenheiten kaum von einem einzigen Standpunkte aus richtig aufgefasst werden kann, so bietet sie doch nichts desto weniger einzelne Grundcharaktere dar, welche sich, wenn auch bald stärker, bald schwächer hervortretend, ohne sich je gänzlich zu verwischen, überall in wesentlich gleicher Weise wiederholen. Bei der Unmöglichkeit, die lokalen Richtungen und Entwicklungsstufen in einem skizzirten Vortrage auch nur zu berühren, dürfte die historische Auffassung am geeignetsten erscheinen, die Grundzüge eines naturgetreuen Bildes zu liefern.

So lange der Mensch im Naturzustande lebte, keine andere als natürliche Bedürfnisse kannte, mussten Krankheiten verhältnissmässig selten, in möglichst einfacher Gestalt auftreten, und wegen der durch nichts getrübten Heilkraft

der Natur zu freiwilliger Entscheidung in hohem Grade geneigt sein. Die erblichen Krankheiten, deren Keime oft erst Generationen durchwandern müssen, um Entwicklungsfähigkeit zu erlangen, konnten um so weniger in Betracht kommen, je jünger das Menschengeschlecht war. Die Behandlung, welche kaum etwas Anderes erfordern konnte, als die Naturthätigkeit ohne positives Einschreiten bei einem zweckmässigen Verhalten frei wirken zu lassen, war darum auf die Leitung der gewöhnlichen Lebensverhältnisse beschränkt, wesentlich eine rein diätetische.

Anders musste sich die Volksmedicin bei den von der Jagd, dem Raube und Kriege lebenden Stämmen gestalten. Die anstrengende, ungeregelte, umherschweifende Lebensweise führte nothwendig manche schädliche Einwirkungen mit sich, welche das Erkranken erleichtern mussten. In den Kämpfen mit den wilden Thieren und seines Gleichen konnte der Mensch namentlich Verletzungen und Verwundungen nicht entgehen, welche als äusserliche Uebel zunächst auch durch äusserliche Mittel behandelt wurden. Besonders wichtig ist die unter solchen Umständen wohl zuerst auftauchende Kenntniss der Wundkräuter, welche sich in der Volkschirurgie allenthalben erhalten hat, und noch gegenwärtig bei manchen der Cultur weniger zugänglichen Bergvölkern die Bewunderung der Aerzte erregen muss.

Wenn die unstäte Lebensweise ihre nachtheilige Einwirkung kaum verfehlen konnte, so traten doch mit dem geselligen Beisammenleben grösserer Menschenmassen schädliche Verhältnisse in ungleich grösserer Menge und von ungleich grösserer Bedeutung auf. Die Gründung der Dörfer und Städte musste aber nicht blos das Erkranken

überhaupt erleichtern, sondern auch die Uebertragung einmal gebildeter Krankheiten begünstigen. Aber nicht das Beisammenleben grösserer Volksmassen kommt in dieser Beziehung für sich allein in Betracht, sondern ganz vorzüglich noch die damit nothwendig zusammenhängende Scheidung der menschlichen Gesellschaft in die verschiedenen Stände. Da hiervon bei einer anderen Gelegenheit die Rede sein wird, so mag die vorläufige Bemerkung genügen, dass die unabänderlich fortschreitende Cultur des Menschengeschlechts nur auf Kosten der ursprünglich grösseren Energie und Selbstständigkeit desselben errungen werden konnte. Die vervielfachten Beziehungen zu der Aussenwelt, die mannigfaltigen erkünstelten Bedürfnisse und deren Befriedigung mussten fast nothwendig ebenso viele Krankheitsanlagen und schädliche Potenzen erzeugen, oder wenigstens die bereits vorhandenen steigern und vermehren, dass bei dem aus gleichem Grunde verminderten Widerstandsvermögen ein häufigeres Erkranken die unausbleibliche Folge war. Mit der Vermehrung der Krankheiten musste auch deren Gestaltung von der ursprünglichen Einfachheit abweichen, und die Neigung zu freiwillig günstiger Entscheidung in demselben Verhältnisse zurücktreten, als der Mensch dem Naturzustande mehr entfremdet wurde. Lässt es sich auch nicht in Abrede stellen, dass wir .der Cultur selbst viele Mittel verdanken, um den erwähnten Uebelständen zum Theil zu begegnen, so werden doch diese nicht leicht völlig neutralisirt, und der Einfluss des Culturzustandes auf das physische Befinden bleibt ein überwiegend nachtheiligen. Dass aus den oben erwähnten Gründen die rein diätetische Behandlung der Krankheiten nicht mehr durchgängig genügen konnte, liegt nahe. Man sah sich daher genöthigt, ein positives Verfahren an die Stelle des mehr negativen

treten zu lassen, und die Volksheilkunde schlug eine vorherrschend arzneiliche Richtung ein.

Die Kenntniss der in dem innigeren Verkehre mit der Natur entdeckten Wirkungen der Heilmittel musste allmälig erweitert, geläutert werden, wie sich aus der fortschreitenden Ausbildung des menschlichen Geistes erschliessen lässt. Nichts desto weniger war der Entwicklungsgang der Volksheilkunde ein anderer, als hiernach vermuthet werden könnte, kein gleichmässig fortschreitender, sondern ein durch mannigfache Einflüsse bald gehemmter, bald sogar zu Zeiten rückschreitender.

Wie der Ungebildete im natürlichen Laufe du Dinge erst durch den Aberglauben zum wahren Glauben gelangt, so suchte auch das Volk die natürlichen Eigenschaften der Heilmittel zunächst auf übernatürliche Verhältnisse zurückzuführen. Nicht zufrieden damit, in Folge eines glücklichen Fundes empirische Kenntniss der Wirkungen der Arzneikörper erlangt zu haben, glaubte man auf abenteuerliche Weise die verborgenen Kräfte anderer unbekannter Dinge enträthseln zu können. Indem man die äusseren sinnlichen Eigenschaften gleichsam als die Verkörperung der zu Grunde liegenden Kräfte auffasste, bemühte man sich, tiefere Beziehungen derselben zu bestimmten Organen und deren Krankheiten aufzufinden. Mag auch die Schlussfolge oft eine umgekehrte gewesen sein, so sprachen doch einzelne Thatsachen zu Gunsten dieser ursprünglich rein volksthümlichen, symbolischen Naturauffassung, welche später selbst von manchen Aerzten adoptirt, als sogenannte signatura naturalis eine sogar mehr als ephemere Bedeutung erlangt hat.

In anderer Hinsicht zeigt stich das Eingreifen des Aberglaubens in die Volksmedicin ausgedrückt durch die Verbindung derselben mit manchen mysteriösen Gebräuchen, welche sich bis auf die ältesten Zeiten zurück verfolgen lässt. Mag die erste Cultur der Heilkunde durch die Priesterärzte hin und wieder als Vorbild gedient haben, so ist doch der Glaube an Geister und Dämonen, später an Zauberer, Hexen, Vampyre und ähnliche Wesen, überhaupt an übersinnliche Einwirkungen als Krankheitsursache, als der wichtigste Grund dieser eigenthümlichen Richtung zu bezeichnen. Waren es aber Einflüsse dieser Art, welche man als Krankheitsursache beschuldigte, so lag der Schluss nahe, dass auch mit anderen als natürlichen Waffen dagegen gekämpft werden müsse. Daher die verschiedenen, zum Theil in das Gebiet der Religion, zum Theil in ein schlimmeres Gebiet überspielenden Behandlungsweisen durch Besprechen, Exorcismus, Amulette, Talismane, sympathetische Mittel u. dgl., wenn auch unter letzterem Namen oft nicht unwirksame Arzneistoffe zur Anwendung kommen mochten. Wurden aber wirklich auch dergleichen gebraucht, so glaubte man doch wenigstens ihre natürliche Wirkung durch Beobachtung gewisser Ceremonien bei der Einsammlung und Zubereitung verstärken zu müssen. War doch selbst der Gebrauch der Mittel von Seite des Kranken an Bedingungen geknüpft, welche das Gepräge des Aber- oder Wunderglaubens an sich tragen. Ohne in das Specielle eintreten zu wollen, sei nur an den Einfluss der Astrologie, Magie und Kabbala, an die Beobachtung gewisser Mondstellungen, die symbolische Deutung der Zahlen, die guten und bösen Tage, das Aderlaßmännlein u. dgl. erinnert, welche in der Behandlung der Krankheiten von jeher ihre Rolle gespielt haben. Es ist somit eine bemerkenswerthe Erscheinung,

dass sich der Aberglaube von den ältesten Zeiten her als rother Faden durch das ganze Gewebe der Volksmedicin hindurchzieht, dieser überall ein eigenthümliches Gepräge aufdrückend, Aehnliche Erscheinungen treffen wir selbst ausserhalb des eigentlichen Gebietes der Volksmedicin noch immer an, überall aber nachtheilig auf diese zurückwirkend. Haben wir nicht vom christkatholischen Standpunkte aus entworfene Systeme der Medicin aufzuweisen? Besitzen wir nicht durch Misshandlung in Seherinnen umgewandelte Somnambulen, welche mit Geistern und Geistinnen im vertraulichsten Verkehre stehen? An Dämonen fehlt es so wenig, dass in einem Nachbarlande öfters ein einziger Besessener mehrere dieser Gäste gleichzeitig zu beherbergen genöthigt ist. Scheint auch die Gabe, Kröpfe durch Handauflegen zu heilen, von den Königen Frankreichs nicht auf den König der Franzosen übergegangen zu sein, so ist darum an Wunderthätern anderer Art kein Mangel, allen aber durch den heiligen Rock der Rang abgelaufen worden. Fassen wir die Sache von der ernsten Seite auf, so dürfen wir das Volk wegen des Verharrens in seinen Vorurtheilen am wenigsten tadeln, so lange demselben von den Behörden geduldete oder gebilligte Beispiele dieser Art vor Augen gestellt werden. Hiernach ist es wahrlich nicht zu verwundern, wenn die Harnbeschauer in fortwährendem Ansehen stehen, wenn Arzneien aus der Hand des Scharfrichters oder anderer nach dem Volksglauben in die Mysterien der Natur tiefer eingeweihter Personen mit grösserem Vertrauen genommen werden, als die von dem Arzte verordneten.

Unter den ferneren Eigenthümlichkeiten der Volksmedicin ist noch hervorzuheben der Glaube an Specifica, Universal-Geheimmittel. Die bereits erwähnte signatura naturalis

musste die Anwendung specifisches Mittel um so mehr begünstigen, als auf diese Weise der Geist der Medicin leicht zu fassen war. Bedurfte es ja doch nichts weiter, als die volksthümliche Benennung der Krankheit zu kennen, um sogleich auch das geeignete Heilmittel derselben gefunden zu haben. — Wie der gemeine Russe zwei Fieber, ein heisses und ein kaltes unterscheidet, bei diesem zuerst das Dampfbad, sodann kalte Begleitungen, bei jenem die gleichen Mittel, aber in umgekehrter Reihenfolge anwendet, so huldigt die Volksheilkunde fast durchgängig dem Princip der Bequemlichkeit. Die Universalmittel zur Verhütung und Heilung der Krankheiten mussten darum ein willkommener Fund sein. So sehr übrigens das Volk an einmal mit Vorliebe erfassten Ideen hängt, so treffen wir doch hinsichtlich der Universalmittel eine verhältnissmässig grössere Unbeständigkeit an, wohl aus dem natürlichen Grunde, weil alle doch am Ende noch etwas zu wünschen übrig liessen. Ohne dass aber darum die Richtigkeit des Princips im Mindesten bezweifelt wurde, fanden gerade deshalb neue, mit Zuversicht empfohlene Mittel der Art um so grösseren Anklang. Sollte man auch voraussetzen, dass das neunzehnte Jahrhundert dem Auftreten eines Cagliostro kaum besonders günstig sein dürfte, so mangelt es doch marktschreierisch ausgeposaunten Universalmitteln noch nicht an gläubigen Abnehmern, selbst unter den höheren Ständen. Als Zeichen der Zeit sei nur daran erinnert, dass der berüchtigte Morrison von dem Jahre 1830 bis Ende 1844 für den Stempel der Etiquetten seiner Pillenschachteln eine Summe von 108,000 Pfund Sterling entrichtet hat. Geheimmittel werden in der Regel um so vertrauensvoller benutzt, je mysteriöser der angebliche Ursprung ist.

Ohne hierbei länger zu verweilen, gehe ich zur Darstellung des Verhältnisses dee Volksmedicin zu der wissenschaftlichen über. Zeigt auch erstere eine gewisse im Volkscharakter selbst begründete Stabilität, so musste sie doch nothwendig mit der Zeit Manches von der letzteren in sich aufnehmen. Die Volkspathologie ist im Ganzen eine höchst einfache. Wo der Wunderglaube einer nüchternen Anschauung Platz macht, da dürfen wir mit Sicherheit darauf zählen, als Gegensatz die materiellsten Anschauungs- und Erklärungsweisen anzutreffen. Hiermit im vollsten Einklange steht die Volkstherapie, welche, abgesehen von den übrigen Eigenthümlichkeiten, ihre Wahl vorzugsweise auf solche Mittel lenkt, deren Wirkung eine möglichst rasche, in die Sinne fallende ist. Das ausleerende Mittel aller Art, und unter diesen wiederum die kräftigsten zu den beliebtesten gehören, bedarf hiernach kaum einer Andeutung. Somit liegt es auch ziemlich nahe, dass nur diejenigen Systeme der Medicin, deren Grundideen entweder ursprünglich von dem Volke ausgegangen waren, oder doch wenigstens zu dessen gangbarsten Anschauungsweisen in näherer Beziehung standen, leicht Eingang bei der Menge finden konnten, während andere aus entgegengesetzten Gründen spurlos an dieser vorübergingen. Man übersehe aber nicht, dass die Volksheilkunde einen langsameren Entwicklungsgang darbieten muss, als die wissenschaftliche, und diese nicht einmal überall zum Vorbilde wählen konnte. Nur indirekt zeigte sich im natürlichen Verlaufe der Dinge der Einfluss der ärztlichen Kunst auf die allmälige Umgestaltung der herkömmlichen volksthümlichen Behandlungsweisen, indem die häufiger vom Arzte mit Erfolg verordneten Mittel später auch ohne dessen Rath zur Anwendung kommen mussten.

Dieser natürliche Entwicklungsgang konnte jedoch nicht ungestört bleiben, da es sich die Aerzte zur Aufgabe machten, in denselben einzugreifen. Die Bekämpfung der der Ausübung der ärztlichen Kunst hinderlich entgegen tretenden Vorurtheile mochte zunächst als Motiv gewirkt haben, Aufklärung über medicinische Gegenstände unter dem Volke zu verbreiten. Der an sich gute Zweck wäre auch ohne Zweifel theilweise erreicht worden, wenn man sich darauf beschränkt hätte, eine fassliche, praktische Anleitung zur Erhaltung der Gesundheit und Behandlung der häufigeren leichten Krankheiten durch diätetische Mittel zu ertheilen. Statt dessen schlug man aber einen anderen Weg ein, indem man dem Volke den Inbegriff der Medicin in populärem Gewande mittheilen zu müssen glaubte, ohne die Folgen dieses Missgriffes zu ahnen.

Indem man Kenntnisse bei dem Volke voraussetzte, oder vorauszusetzen schien, welche kein Vernünftiger daselbst suchen wird, schmeichelte man der Eitelkeit der Menge, anstatt sie auf wahrhafte Weise aufzuklären. Musste sich doch nun Jeder berufen fühlen, die leicht erworbenen Kenntnisse an sich oder Anderen praktisch anzuwenden! Dass die verschiedenen unentbehrlichen Handbücher, die guten Rathgeber, die Aerzte für Jedermann, die Anweisungen zur Selbstbehandlung, und wie die marktschreierischen Titel dieser wie Pilze hervorwuchernden Schriften industriöser Aerzte alle heissen mögen, von dem Publikum mit Beifall begrüsst wurden, kann keinen Massstab für die Beurtheilung ihres wahren Werthes abgeben. Leider sind aber manche derselben nicht sowohl auf Belehrung, als vielmehr auf Ausbeutung der Leichtgläubigkeit der Menge berechnet. Anderen liegt sogar ein nur leicht verdecktem Betrug zu

Grunde. Oder verdient die Sache einen glimpflicheren Namen, wenn es Aerzte nicht unter ihrer Würde halten, sogenannte Anleitungen zur Selbstbehandlung gewisser Krankheiten zu keinem anderen Zwecke, als zur Anpreisung ihrer Geheimmittel zu veröffentlichen? Noch andere, offenbar von reineren Motiven ausgehende Schriften, sind für Aerzte und und Nichtärzte zugleich bestimmt, das sicherste Mittel, um beiden nicht genügen zu können. Junge, noch unbeschäftigte, kaum der Schule entwachsene Aerzte halten sich am häufigsten für berufen, zunächst als Volksbeglücker durch populäre Verarbeitung ihrer als sogenannte Erfahrung dargebotenen Weisheit aufzutreten. Dadurch ist aber die populäre Medicin in einen wahrlich nicht ganz unverdienten Misskredit gekommen, so dass es erfahrene, wissenschaftlich gebildete Aerzte, von welchen allein eine vortheilhafte Einwirkung zu erwarten wäre, leider verschmähen, derselben ihre Thätigkeit zuzuwenden. Dass die Kritik nichts gegen die der Mehrzahl nach weit unter ihr stehenden Produkte der medicinischen Volksliteratur vermag, hat der Erfolg bewiesen. Das Publikum, welchem dergleichen Schriften in die Hände gespielt werden, nimmt von der Kritik in der Regel keine Kenntniss, oder legt derselben leicht andere als wissenschaftliche oder philanthropische Motive unter, wenn sie ihr Verdammungsurtheil ausspricht.

Wenn der Laie die ihm angepriesenen, vielleicht an sich geeigneten Mittel, wegen der Unmöglichkeit des Individualisirens in ungeeigneten Fällen, Gaben und Formen gebraucht, so muss ausser dem Nichterfolg und der etwaigen Zeitversäumniss oft noch Schlimmeres entstehen, Zerrüttung der Gesundheit durch Arzneimissbrauch, wodurch dann spätere ärztliche Curen leicht vereitelt werden. Besonders

häufig geschieht diess bei halbgelehrten hypochondrischen Kranken, welche in jeder Krankheitsschilderung ihren eigenen Zustand abgespiegelt finden, und gläubig so lange die verschiedenen Rezepte der Reihe nach durchprobiren, bis sie an der ärztlichen Kunst verzweifelnd, eingebildete oder unbedeutende Uebel in wirkliche oder bedeutende umgewandelt haben. So ist es denn dahin gekommen, dass wir eine medicinische Halbwisserei unter dem Volke verbreitet sehen, welche nicht nur diesem selbst gefährlich, sondern auch der erfolgreichen Ausübung der ärztlichen Kunst hinderlich geworden ist. Ohne die Zeit zurückzuwünschen, wo sich der Arzt mit einem gewissen Nimbus umgab, und gerne den geheimnissvollen Priester der Natur spielte, müssen wir es doch im Interesse des Volkes selbst beklagen, dass der Glaube an die Wirksamkeit der Heilkunde erschüttert, das Zutrauen zu dem Arzte vielleicht mehr als je wankend geworden ist. Konnte es aber wohl anders kommen? Die Aerzte haben den Unmündigen die Waffen in die Hand gegeben, und nun auch mit diesen die Folgen ihres Missgiffes zu tragen.

Sollte es wir gelungen sein, die Grundzüge eines getreuen Bildes der Volksmedicin entworfen zu haben, so wäre zugleich auch der Beweis geliefert, dass dieselbe in ihrer jetzigen Gestalt auf den wahren Namen einer Heilkunde kaum Anspruch machen kann. Häufiger zum Unheile, als zum Heile führend, bedarf sie nothwendig einer Umgestaltung, wenn sie erfreulichere Resultate liefern soll. Diese Umgestaltung erfordert aber einerseits eine Zurückführung auf engere Gränzen, andererseits eine veränderte, theilweise sogar erweiterte Wirksamkeit innerhalb derselben.

Wenn in der frühesten Zeit der Inbegriff des gesammten ärztlichen Wissens bei dem Volke zu suchen war, so musste sich diess ändern mit der Ausbildung des ärztlichen Standes. Seitdem ist die Volksheilkunde darauf angewiesen, eine zwar scheinbar untergeordnete, nichts desto weniger aber höchst einflussreiche Rolle zu spielen, wenn sie ihrer wahren Aufgabe zu entsprechen trachtet. Diese kann aber der Natur der Sache nach in nichts Anderem bestehen, als die Gesundheit zu erhalten, drohende Krankheiten zu verhüten, ausgebrochene von untergeordneter Bedeutung durch diätetische oder gelinde arzneiliche Mittel zu behandeln. Dabei muss aber der Nichtarzt genau von den Gränzen seiner Wirksamkeit unterrichtet sein, um die Fälle beurtheilen zu können, in welchen ärztliche Hilfe nicht ohne Gefahr zu umgehen ist. Ausnahmsweise darf und soll sogar die Volksheilkunde in das eigentliche Gebiet des ärztlichen Berufs eingreifen; so bei plötzlichen Unglücksfällen, Vergiftungen, Scheintod u. dgl., wo die Kenntniss der ersten nothwendigen Hilfeleistungen unabweisbares Bedürfniss ist.

Ohne hinsichtlich der Diätetik vielfach Gesagtes zu wiederholen, ohne in eine Angabe der Volksmittel selbst einzutreten, glaube ich mich darauf beschränken zu dürfen, die noch zu wenig gewürdigte prophylaktische Bedeutung der Volksheilkunde etwas näher zu beleuchten.

Von dem Grundsatze ausgehend, dass Verhütung der Krankheiten die würdigste Aufgabe der Heilkunde sei, muss die Nothwendigkeit einleuchten, den Nichtarzt mit allen schädlichen Verhältnissen vertraut zu machen, welche der Arzt im gegebenen Falle meistens zu spät entdeckt, um denselben

mit Erfolg entgegen zu wirken. Die Volksheilkunde muss eine vorherrschend prophylaktische werden, wenn sie zum wahren Wohle des Volkes führen soll. Die gewöhnlichen diätetischen Vorschriften genügen zu diesem Zwecke nicht, da die schwerste Kunst, die Lebensordnung des Einzelnen nach allgemeinen diätetischen Grundsätzen zu bestimmen, bis jetzt wenigstens nur ausnahmsweise bei dem Nichtarzte zu suchen ist. Diess gilt besonders da, wo Krankheit näher bevorsteht. Da aber gerade in Beziehung auf drohende Krankheiten die gehörig geleitete diätetische Behandlung mehr leistet, als die arzneiliche, so muss sich hier ein segensreicher Wirkungskreis der Volksheilkunde eröffnen, zu welchem freilich der Weg kaum angebahnt ist.

Verhütung der Krankheit ist auf doppeltem Wege möglich, durch Aufhebung der besonderen Geneigtheit, Anlage, und Abhaltung der diese begünstigenden Einflüsse. Da sich der Mensch kaum jemals allen Schädlichkeiten entziehen kann, so ist der erstgenannte Weg im Allgemeinen der zuverlässigere. Die besondere Krankheitsanlage lässt sich seltener direkt heben, als indirekt so beschränken, dass sie nicht zur Entwicklung gelangen kann. Die Möglichkeit dazu liegt ausser der Kenntniss ihrer selbst in der Kenntniss der Bedingungen, unter welchen sie in Krankheit übergeht. Heben wir diese auf, oder führen wir entgegengesetzte herbei, so muss auch der Ausbruch der Krankheit vereitelt, mindestens erschwert, verzögert werden.

Alle Krankheitsanlagen sind an besondere Organe oder Systeme gebunden. Viele derselben schlummern so lange, bis die damit behafteten Theile in auffallenderer Weise in den gesammten Lebensprozess eingreifen. Diess geschieht

während der normalen Entwicklungsvorgänge, deren Leitung unter solchen Umständen doppelt wichtig sein muss, da sie an sich schon eine grössere Geneigtheit zum Erkranken bedingen. Die zweckmässige Behandlung neugeborener und zahnender Kinder, die gehörige diätetische Berücksichtigung der Pubertätsentwicklung, Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, des Wochenbetts sowie der climakterischen Jahre bei dem weiblichen Geschlechte, ist darum in prophylaktischer Beziehung besonders einflussreich. Ohne aber bei diesen anderwärts auch schon aus diesem Gesichtspunkte betrachteten Verhältnissen zu verweilen, glaube ich einen bisher zu wenig gewürdigten Gegenstand zur Sprache bringen zu müssen, nämlich die Wahl des Berufs.

Von der Natur bestimmt, seine geistigen und körperlichen Anlagen möglichst vielseitig auszubilden, wird der Mensch in Folge der gesellschaftlichen Einrichtungen zu einer einseitigen Lebensentwicklung genöthigt. Jeder Beruf muss aber eine solche mehr oder minder bewirken durch vorherrschende Begünstigung oder Beschränkung einzelner Lebensrichtungen auf Kosten anderer, wozu noch vielfache, mit der Ausübung selbst verbundene Schädlichkeiten hinzukommen. Ist der nachtheilige Einfluss durch die eigenthümlichen Anlagen und Krankheiten der verschiedenen Stände erwiesen, so spricht doch der Umstand, dass Viele einen an sich schädlichen Beruf ohne besonders üble Folgen ausüben, für die Möglichkeit, durch gehörige Berücksichtigung der dazu erforderlichen Eigenschaften bei der Wahl desselben manchen Gefahren vorzubeugen. Diese müssen sich aber vergrössern, wenn derselbe Beruf Generationen hindurch von dem Vater auf den Sohn übergeht, und wie gewöhnlich vor vollendeter Körperreife ergriffen wird. In dieser Periode, wo

so manche Anlagen besonders gerne in Krankheit übergehen, zu einer sitzenden Lebensweise verdammt, um fortan die Welt nur an Sonn- und Feiertagen zu erblicken, muss auch eine kräftige Natur verkümmern. Die Ausübung eines der Neigung widerstrebenden Berufs ruft besonders noch psychische Nachtheile hervor. Auch in den höheren Ständen ist ein verfehlter Beruf oder die in Folge der Beruflosigkeit eintretende Unzufriedenheit als wichtige Quelle mancher mehr und mehr einreissender Uebel unserer seit, der Hypochondrie, der vornehmen Blasiertheit sowie des mit sich und der Welt zerfallenen Wesens der Europamüden zu bezeichnen. Bei der Unmöglichkeit, diesen hochwichtigen Gegenstand hier zu erschöpfen, muss ich mich auf die Bemerkung beschränken, dass eine umsichtige Wahl des Berufs in prophylaktischer Beziehung selbst einen direkten Nutzen gewährt, in sofern dadurch manche Krankheitsanlagen aufgehoben werden können, während wir häufiger freilich die entgegengesetzten Folgen wahrnehmen. Der Arzt wird nur ausnahmsweise hierbei berathen, die medicinische Polizei kann sich wegen des Conflikts mit der persönlichen Freiheit kaum einmischen, so dass Belehrung und Aufklärung des Volkes über diese seine wichtigsten Interessen in hohem Grade Noth thut.

Andere hierher gehörige Verhältnisse kann ich leider nur noch kurz als Gegenstände der prophylaktischen Volksheilkunde bezeichnen; so das Verhalten bei epidemischen, endemischen und ansteckenden Krankheiten, die Lebensordnung in Bezug auf die durch den Einfluss der Jahreszeiten und des Klimas bedingten Anlagen. Letztere verdienen in unserer Zeit um so mehr Berücksichtigung, als so viele Unglückliche, welche ohne die mindeste Kenntniss der ihnen von Seite dee klimatischen Einbusse drohenden Gefahren

den heimathlichen Boden verlassen, auch jenseits des Oceans auf unsere Theilnahme gerechten Anspruch haben sollten.

Manches wäre noch anzudeuten, manches Angedeutete näher zu begründen; aber die Zeit drängt, und ich sehe mich genöthigt, hier abzubrechen, um noch einige Augenblicke für die Erörterung der Ausführbarkeit der gemachten Vorschläge zu erübrigen.

Die Verwirklichung einer prophylaktischen Volksheilkunde setzt Kenntnisse voraus, welche dem Volke noch grossentheils abgehen. Obgleich der Belehrung zugänglich, wenn sie in geeigneter Weise geboten wird, tauscht doch das Volk sehr schwer veraltete Vorurtheile gegen neue Wahrheiten aus. Es dürfte darum vor Allem Noth thun, durch zweckmässige Einwirkung auf die empfänglichen Gemüther der Jugend den Weg zu einer allmälig tiefer in den Kern des Volkes eindringenden Belehrung und Aufklärung über die Gesundheitsverhältnisse zu bahnen. In den Volksschulen, wo so manche ferner liegende Gegenstände betrieben werden, müsste die Naturgeschichte des Menschen, von welcher mancher sonst Gebildete kaum einen Begriff hat, nebst den Elementen der Diätetik und der Lehre von den wichtigsten Giften in den Unterrichtsplan aufgenommen werden. Auf den höhern Lehranstalten mühten populäre Vorträge über Anatomie, Physiologie und Diätetik gehalten werden, welche ausser dem direkten Nutzen für jeden Gebildeten grösstentheils zugleich die beste Vorschule für das Studium der Psychologie und Philosophie überhaupt abgeben würden. Wenn auch langsam, so dürften doch auf diese Weise allein mit Sicherheit Kenntnisse unter dem Volke vorbereitet werden, welche dasselbe empfänglich machen müssen für die erst

später zu ertheilenden direkten Belehrungen durch geeignete Schriften. Das lebendige Wort wirkt kräftiger als der todte Buchstabe. Ohne die Vorbedingung einer von der Jugend ausgehenden Aufklärung dürfte jeder Versuch einer Umgestaltung der Volksheilkunde für jetzt an der Ausführung scheitern. Möchte ich mich hierin getäuscht haben! Der angedeutete Weg ist ein beschwerlicher, zum Theil ungebahnter, das Ziel ferne, aber nicht unerreichbar.