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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Der Beitrag der Wissenschaft zum geistigen Leben Zürichs in vergangenen Jahrhunderten

Die diesjährige Feier des Dies academicus wurde unter einen besonderen Gedanken gestellt, jenen der 600 jährigen Zugehörigkeit Zürichs zur Eidgenossenschaft. Sie gehört damit zu einer Reihe patriotischer Gedenktage, die zur Erinnerung an jenes denkwürdige Ereignis in unserem Kanton geplant sind und die unserer Generation erneut zum Bewußtsein bringen mögen, wie wunderbar der Aufstieg der damals kleinen und armen Limmatstadt in den vergangenen Jahrhunderten gewesen ist.

Es kommt mir nicht zu, über die Geschichte Zürichs in der vergangenen Epoche zu reden. Sie werden nachher von berufener Seite etwas über die literarischen Leistungen Zürichs in weltlicher und geistlicher Beziehung hören. In meiner gedrängten Einführung möchte ich die Erinnerung an die wissenschaftlichen Kräfte wecken, die, insbesondere seit der Gründung unserer Universität, das geistige Leben Zürichs mitgestalteten und Zürich zu einer Stätte machten, von der unvergängliche Gedanken, Entdeckungen und Erkenntnisse ausstrahlten.

Bei der Betrachtung des geistigen und kulturellen Lebens Zürichs während der verflossenen 6 Jahrhunderte kann man diese Zeitspanne in drei Perioden einteilen. Die erste, ca. 2 Jahrhunderte umfassende, reicht bis zur Reformation. Sie hat keine irgendwie bedeutende wissenschaftliche und wenig künstlerische Leistungen aufzuweisen. Während in Italien und anderswo in der Frührenaissance eine neue Kulturepoche entstand, war in der

kleinen Limmatstadt, die sich auf Gewerbe und einen verhältnismäßig ausgedehnten Handel stützte und daneben sich an vielen kriegerischen Unternehmungen beteiligte, der Boden für ein stärkeres geistiges Leben noch nicht reif.

Als mit der Schlacht von Marignano die alte Eidgenossenschaft auf ihre Stellung einer europäischen Großmacht endgültig verzichtet hatte und friedlichere und ruhigere Zeiten in ihr Einzug hielten, entwickelten sich allmählich auch die Vorbedingungen für ein reicheres kulturelles Leben. Die Gründung höherer Schulen in unserem Lande vollzog sich fast überall im Anschluß und als Folge einer starken geistigen Bewegung. In Basel führte schon 1459/60 die seit dem Konzil eingetretene geistige Aufgeschlossenheit und Regsamkeit zur Gründung einer Universität. In Zürich war die Errichtung der ersten höheren Schule veranlaßt durch eine der bedeutendsten geistigen Bewegungen, die von unserer Stadt ausgingen, der Reformation. Geleitet von dem Wunsch, die Kenntnis des Bibeltextes weiteren Kreisen zugänglich zu machen und ihnen die richtige Auslegung der Bibel zu ermöglichen, gründete Ulrich Zwingli 1525 in Zürich eine Theologenschule, das Carolinum, die sich ohne grundlegende Änderungen über 3 Jahrhunderte erhalten konnte. Diese 3 Jahrhunderte kann man als die zweite Periode in der kulturellen und geistigen Entwicklung unserer Stadt bezeichnen.

In dieser zweiten Periode wurde das kulturelle Leben Zürichs so gut wie vollständig von Zürchern, zum geringen Teil noch von Bürgern anderer Kantone getragen. Ausländische Einflüsse machten sich nur indirekt geltend. Im 16. und 17. Jahrhundert überwog in Zürich der Universalgelehrte. Ihr bedeutendster Vertreter, Conrad Geßner (1516-65), war zugleich Chorherr, Arzt, Zoologe, Botaniker, Mineraloge und Philologe; Joh. Heinr. Hottinger (1620-67), ein hervorragender vergleichender Sprachforscher gleichzeitig Theologe und Diplomat; Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) ein großer Naturforscher, betätigte sich auch als Philologe, Historiker, Mathematiker und Theologe. Diese Zürcher Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts waren im wesentlichen Enzyklopädisten, Sammler, die ein ungeheures

Material an Beobachtungen sowie an pflanzlichen, tierischen und petrographischen Funden zusammentrugen und registrierten. Über ihren Fleiß wird eine Ausstellung Zeugnis ablegen, die vom 1. Juni an im Kunsthaus zu sehen sein wird. Manche von ihnen, insbesondere Scheuchzer, betrachteten ihre Forschungen als einen Dienst zur Verherrlichung Gottes.

Das letzte Jahrhundert unserer zweiten Entwicklungsperiode, das achtzehnte, brachte die Vorbereitung auf die neue Zeit; in seine zweite Hälfte fällt die Aufklärung. Die verschiedenen höheren Schulen, die Zurich seit Zwingli ins Leben gerufen hatte und bis zur Gründung der Universität im Jahre 1833 unterhielt, waren trotz ihrer zum Teil durch die Kleinheit der Stadt bedingten Unvollkommenheit ein Element geistigen Lebens geworden. Aus ihrer Einflußsphäre gingen jene kulturell, künstlerisch und geistig hochstehenden Persönlichkeiten hervor, die Zürich im 18. Jahrhundert auch im Ausland bekannt machten. Die Bilder Joh. Heinr. Füßlis, eines der bedeutendsten Maler, die die Schweiz hervorbrachte, die Idyllen Salomon Geßners, die physiognomischen Fragmente Lavaters, J. C. Hirzels "Philosophischer Bauer" und Werke anderer haben zum Ruhm der Limmatstadt beigetragen, in der, nach dem Urteil von Zeitgenossen, Geschmack und Genie in kleinem Raum sich gehäuft hatten. Johann Jakob Bodmer, ein Neuerer und Aufklärer, führte seine Mitbürger in die vaterländische Geschichte ein und suchte ihnen politisches Denken beizubringen; sein Ideengut beeinflußte viele der bekanntesten Zürcher des ausgehenden Jahrhunderts, wie Salomon Hirzel, Johann Caspar Lavater, Johann Jakob Steinbrüchel, Johann Konrad Heidegger, Heinrich Pestalozzi.

Wiederum war es eine große geistige Bewegung, die Französische Revolution, die eine Umwälzung im Charakter der höheren Lehranstalten und im geistigen Leben unserer Stadt vorbereitete. Nach dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft und der Gründung des helvetischen Einheitsstaates plante Stapfer, der helvetische Minister für Künste und Wissenschaften, den einheitlichen Aufbau der gesamten Unterrichtsanstalten des Landes. An eine Volksschule sollten sich Institute

anschließen, die der Vorbereitung zum Universitätsstudium dienten und als höchste Lehranstalten waren Universitäten vorgesehen. Die hervorragendsten Forscher wollte Stapfer in einer Akademie zusammenschließen. Der kühne Reformplan Stapfers blieb unverwirklicht. Als durch die Meditationsverfassung die Souveränität der Kantone wieder hergestellt worden war, wurden in Zürich manche im Schulwesen eingeführte Neuerungen rückgängig gemacht. Es bedurfte eines neuen Impulses, um einer neuzeitlichen, liberalen Ordnung des höheren Schulwesens in Zürich zum Durchbruch zu verhelfen. Am 22. November 1830 führte der Tag von Uster zum Sturz der Zürcher Regierung und zum Ersatz des herrschenden Systems durch ein liberal-demokratisches, das sich eine neue Verfassung gab, die u. à. eine Volks-, eine Mittelschule und eine kantonale Universität vorsah. Damit war ein über drei Jahrhunderte sich hinziehendes Kapitel Zürcher Lehranstalten abgeschlossen und mit der Universitätsgründung eine Entwicklung des geistigen Lebens unserer Stadt eröffnet, die unabsehbare Folgen haben konnte; sie hat viel zu ihrer Blüte beigetragen. Hier beginnt die dritte Periode in der geistigen und kulturellen Entwicklung unserer Stadt.

Das Flottmachen der jungen Hochschule war für den Kanton Zürich mit seiner damals hauptsächlich bäuerlichen Bevölkerung und seinen beschränkten materiellen Mitteln nicht leicht. In kluger Weise wurden letztere dazu verwandt, um aus dem benachbarten Deutschland, das damals über eine Fülle geistiger und künstlerischer Kapazitäten verfügte, einige bedeutende Gelehrte als Ordinarien zu gewinnen, während einheimische Kräfte als Extraordinarien den Lehrkörper ergänzten. Dieser Zugriff auf ausländische Gelehrte war für Zürich vollkommen neuartig. Die neue Methode führte sogleich zu einer Umwälzung im geistigen Leben unserer Stadt und brachte sie unter den Einfluß wissenschaftlich, geistig und kulturell hochstehender Persönlichkeiten. Die freiheitlichen politischen Institutionen unseres Landes wirkten sich dabei als Anziehungskräfte aus. So wurde es möglich, daß einige Jahre später in Zürich gleichzeitig Gottfried Keller, Richard Wagner, Theodor Mommsen, Friedr. Theodor Vischer,

Georg Herwegh und Gottfried Semper ihre unsterblichen Werke schufen oder daß vor 40 Jahren die Naturforschung in Zürich durch Einstein, Debye, Werner, Willstätter, Lang und Heim vertreten war. Es wäre ein leichtes, weitere Gruppen solcher geistig hochstehender Männer zusammenzustellen, die innerhalb der letzten 120 Jahre in Zürich gleichzeitig gelebt und gewirkt haben.

Der erste Rektor unserer Universität und eines der berühmtesten Mitglieder des Lehrkörpers war der deutsche Naturphilosoph Laurenz Oken. In einer Zeit, da in Frankreich und England und anderswo die exakten Naturwissenschaften ihre ersten Triumphe feierten — die bahnbrechenden Arbeiten eines Lavoisier, Faraday, Gay Lussac, Dalton, eines Berzelius waren schon abgeschlossen bzw. in voller Entwicklung —berief man in Zürich einen Naturphilosophen, der die Naturerkenntnis nicht experimentell, sondern philosophisch und dialektisch zu erfassen suchte. Trotzdem übte seine starke Persönlichkeit eine große Anziehungskraft auf seine Schüler aus. Einer seiner Biographen, J. Strohl, erklärt diese Tatsache damit, daß "für eine Zeit, die dank Mikroskop und neuer chemisch-physikalischer Technik zur Anhäufung ungewöhnlich reichen und vielfältigen Tatsachenmaterials gelangen sollte, eine Vorbereitung zu begrifflicher Aufnahmebereitschaft und eine Auflockerung der bestehenden geistigen Vorstellungswelt, wie sie die Naturphilosophie brachte, zugleich ein Glück und unentbehrliche Voraussetzung war, ganz entsprechend dem, was in größerem Maßstab die mittelalterliche Scholastik für Renaissance und Humanismus gewesen". Die naturphilosophischen Einflüsse an der jungen Universität fanden eine Verstärkung durch Georg Büchner, der, stürmender Dichter und Naturphilosoph zugleich, kurze Zeit als Privatdozent vergleichende Anatomie der Fische und Amphibien im Sinne Okens las. Und schließlich kam auch der dominierende Mann der medizinischen Fakultät, den die Zürcher Behörden für diese gewonnen hatten, Lucas Schönlein, von der Seite der Naturphilosophie. Aber es zeugt für seine Größe, daß sich in ihm während seiner Zürcher Jahre immer mehr der Umschwung zur

exakten naturwissenschaftlichen Forschung vollzog. Sein bleibendes Verdienst liegt darin, durch genaue Beobachtungen des Verlaufs der Krankheiten und durch Verwendung der damals bekannten physikalischen und chemischen Methoden zur Abklärung der pathologischen Zustände der experimentellen Medizin neue Wege gewiesen und die Krankheiten als dynamische Vorgänge aufgefaßt zu haben. Eine bezaubernde Persönlichkeit, zog er viele Schüler aus dem In- und Ausland an und legte er den Grund zu der glänzenden Entwicklung der medizinischen Wissenschaften an unserer Hochschule.

Auch die juristische Fakultät der jungen Universität wies überragende Köpfe auf. Hier war es vor allem der vom Politischen Institut übernommene gleich geniale wie energische Friedrich Ludwig Keller, der eine fruchtbare Tätigkeit entfaltete. Persönlicher Schüler Savignys, bei dem er in Berlin studiert hatte, erneuerte er das zürcherische Rechtswesen in dessen Sinn. Der Lehre Savignys, daß das Recht jedes Volkes nicht naturgegeben ist, sondern aus den Sitten, Bräuchen, dem Volksgeist und Volksempfinden herauswachsen muß, suchte er in seiner Vaterstadt Geltung zu verschaffen. Im weiteren führte er in Zürich eine intensive Pflege des Römischen Rechtes ein, da ihm dieses im Sinn von Savigny unentbehrlich für die Bildung klarer Rechtsbegriffe schien. Keller war der Erneuerer der zürcherischen Gerichtspraxis, die vordem auf willkürlichen, von Laien formulierten Anschauungen ruhte und der er nunmehr exakte Rechtsbegriffe und gesetzliche Bestimmungen unterlegte.

So schuf er die Grundlagen eines zürcherischen Rechtes, dessen Geschichte sein ebenfalls hervorragender Kollege Bluntschli verfaßte. Zusammen mit Ludwig Löw und Heinrich Escher ergab sich so eine Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, die der jungen Universität zur Zierde gereichte.

Trotzdem war das Echo, das diese Neugründung in der übrigen Schweiz auslöste, keineswegs durchgehend freundlich. Insbesondere aus Basel, das auf seine, in humanistischem Geiste erwachsene Universität mit Recht stolz war, klang beißende Kritik und kaum verhaltener Spott über die unzulänglichen Grundlagen

und die Kleinheit der neuen Unterrichtsanstalt, die den Namen "Universität" kaum verdiene. Um so größer ist unsere Bewunderung für das, was die folgenden Generationen aus ihr gemacht haben.

Die zweite Quelle wissenschaftlichen Lebens, die unserem Kanton geschenkt worden ist, war die Gründung der Eidgenössischen Polytechnischen Schule, die gegen viele Widerstände, dank der schöpferischen Energie und Zähigkeit eines großen Zürchers, Alfred Escher, schließlich 1854 zustande kam; sie wäre wohl kaum in unserer Stadt errichtet worden, wenn in dieser nicht durch die 21 Jahre ältere Universität schon ein festes Fundament für wissenschaftliche Forschung gelegt worden wäre und sich eine geistig-wissenschaftliche Atmosphäre entwickelt hätte, die, zusammen mit dem liberalen und aufgeschlossenen Geist der Zürcher Bevölkerung günstige Lebensbedingungen für die höchste eidgenössische Unterrichtsanstalt versprachen. So hat unser Kanton seit bald 100 Jahren das Glück, nicht nur Universitätsdisziplinen, sondern auch die Studien technischer Berufe zu beherbergen, wodurch das wissenschaftliche Leben eine Breite gewann, wie sie sonst nur in den größten Städten der Welt angetroffen wird.

Als direkte Schöpfung der Hochschulen müssen die zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften betrachtet werden, die in unserer Stadt entstanden. Schon 1746 gründete Dr. Johannes Geßner auf Anregung von Heinrich Rahn mit Kollegen und Freunden die Physikalisch-Ökonomische Gesellschaft, die später in "Naturforschende Gesellschaft in Zürich" umgetauft wurde. Erst viel später bildeten sich die zahlreichen wissenschaftlichen Fachgesellschaften (physikalische, chemische, medizinische, geographische, philosophische, antiquarische usw.), die das geistige Leben Zürichs dauernd beleben, befruchten und bereichern.

Durch die bei der Gründung unserer Universität aus Deutschland berufenen Dozenten gelangte das Geistesleben Zürichs während kurzer Zeit in die Einflußsphäre der deutschen Idealisten, die in den Jahren 1794-1806 ihren größten Einfluß ausübten und in Fichte, Hegel, Schelling, denen in England Carlyle,

in den Vereinigten Staaten Ralph Walda Emerson nahestanden, ihre stärksten Vertreter hatten. Ihr Kampf für eine Universität, welche der jungen akademischen Generation in erster Linie nicht Fachwissen und spezielle technische Kenntnisse, sondern eine allgemeine Bildung, eine gesunde Urteilskraft und Verantwortungsbewußtsein für die menschlichen Pflichten beibringen sollte, war aus zweierlei Gründen zum Mißerfolg verurteilt: einmal weil diese Philosophen und Naturphilosophen von der Unfehlbarkeit ihrer eigenen Ideen in einem Maße überzeugt waren, daß sie den Anschluß an die Fortschritte der Wissenschaft nicht finden konnten, und weiterhin, weil die eben einsetzenden experimentellen Naturwissenschaften die Unhaltbarkeit vieler ihrer Vorstellungen aufdeckten.

Die deutschen Gelehrten — Oken, Schönlein u. a. —, welche geholfen hatten, die junge Zürcher Universität aus der Taufe zu heben, kehrten anfangs der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wieder in ihre Heimat zurück und damit nahm auch die naturphilosophische Richtung an unserer Universität ein Ende und es setzte die exakte, experimentelle Naturforschung ein, die in anderen Staaten, insbesondere Frankreich und England, schon in einer vielversprechenden ersten Blüte stand. Der Metaphysik und Naturphilosophie war es nicht gelungen, die Gesetze der Natur zu erkennen, denn der menschliche Geist ist, wenn er sich nicht auf die Wirklichkeit und genaue Beobachtung stützt, nicht befähigt, die Geheimnisse und Rätsel des Weltalls zu ergründen. Dagegen sollte die neue Methode der Naturforschung, die nun einsetzte, die durch Beobachtung, Messung und Wägung die Naturgesetze zu erkennen suchte, bald zu ungeahnten Erfolgen gelangen. "Nur wo die wissenschaftliche Forschung mit dem wirklichen Leben im Bunde steht, da werden" — nach Hermann Diels — "die großen Fortschritte der Kultur gewonnen".

Es ist nicht möglich und es kann auch nicht meine Aufgabe sein, heute ein auch nur flüchtiges Bild aller jener großen und bedeutenden Forschungsergebnisse zu entwickeln, die in den letzten 100 Jahren von den beiden Hochschulen, die unsere

Stadt beherbergt, ausgingen, von denen viele direkt und indirekt das Geistesleben oder die Volkswirtschaft unseres Landes befruchteten und die den Namen Zürichs in die weite Welt trugen. Nur auf einige wenige Namen und Entdeckungen, die mit unserer Universität oder der E. T. H. verbunden sind, lassen Sie mich hinweisen.

Die Physik war in Zürich fast ohne Unterbruch hervorragend vertreten. Ich erinnere an Rudolf Clausius, den Entdecker des 2. Hauptsatzes der Wärmelehre und des Entropiebegriffes, den er in einem Vortrag in der Naturforschenden Gesellschaft Zürich im Jahre 1865 erstmals formulierte; an Einstein, der hier seine Relativitätstheorie ausbaute, y. Laue, den Entdecker der Röntgen-Diagramme, die für die Erforschung der Struktur fester Körper eine Umwälzung bedeuteten; an Debye, bekannt durch seine Theorien der Dipole und der Elektrolyte; an Schrödinger, der in Zürich seine Wellenmechanik schuf. Alle vier, die einander auf dem Lehrstuhl für theoretische Physik an der Universität folgten, wurden durch den Nobelpreis ausgezeichnet. Dieselbe Ehrung wiederfuhr später dem Physiker Pauli an der E. T. H. für sein Ausschlußprinzip.

Wenn wir an die Zürcher Geologie und Petrographie zurück• denken, so heben sich die Namen Arnold Eschers von der Linth, Albert Heims, Schardts und Ulrich Grubenmanns ab, denen, zusammen mit einigen Kollegen in Basel (O. Schmidt), Bern (A. Baltzer), Genf (L. Duparc) und Lausanne (M. Lugeon) die geologische Erforschung unserer Alpen zu danken ist.

Die Botanik fand frühzeitig glänzende Vertreter in Oswald Heer und Carl Wilhelm Nägeli. Ersterer, ein bedeutender Entomologe (1834-1882), bekannt durch systematische Untersuchung fossiler Pflanzen und Insekten, betreute während fast 20 Jahren auch den Zürcher Botanischen Garten und verfaßte das klassisch gewordene, Intuition und Wirklichkeit verbindende Werk "Urwelt der Schweiz". Carl Wilhelm Nägeli, der von 1842-52 an unserer Universität lehrte, gilt als der Begründer der allgemeinen Botanik mit Morphologie, Physiologie, Kryptogamenkunde und Vererbungslehre als Teilgebieten. Sein Ansehen

und sein Einfluß waren international, eine große Zahl von Schülern hat seine Forschungsrichtungen später weiter entwickelt. Die meisten von uns erinnern sich noch der Botaniker Hans Schinz und C. Schröter; letzterer hatte die Gabe, selbst Laien für seine scientia amabilis zu begeistern und war daher eine auch in den hintersten Tälern unseres Landes bekannte Persönlichkeit.

Die Zoologie, die in Okens Händen noch Naturphilosophie gewesen war, hat Arnold Lang in Zürich zur exakten Naturwissenschaft entwickelt. Neben seinen wichtigen Untersuchungen über Mollusken und Würmer widmete er sich Problemen der Genetik, die auch heute in den zoologischen Instituten unserer beiden Hochschulen mit Erfolg bearbeitet werden.

Der Chemie scheint die Zürcher Luft von Anfang an zugesagt zu haben. Es waren zuerst vornehmlich deutsche Gelehrte, die an unseren beiden Hochschulen wirkten, zum Teil glänzende Namen, wie Wislicenus, Victor Meyer, Hantzsch, die zu den erfolgreichsten Förderern der organischen und der Stereochemie gehörten; dann Richard Willstätter, der hier die grünen Blattfarbstoffe, die Chlorophylle, erstmals rein herstellte und weitgehend aufklärte, Heumann, der Erfinder der technischen Indigosynthesen, Alexander Bolley und Georg Lunge, zwei Pioniere der chemischen Technologie; Alfred Werner, ein Theoretiker großen Formats, der die Koordinationslehre begründete, die nicht nur für die anorganische Chemie eine Umwälzung bedeutete, sondern auch auf die Vorstellungen der Krystallographen und anderer Wissenszweige befruchtend wirkte.

Die Mathematik kam an der Universität erst in der zweiten Hälfte des ersten Säculums allmählich in Blüte; den Beginn machte Arnold Meyer-Keyser, ein Zahlentheoretiker. Dagegen wirkten an der Polytechnischen Schule viele bedeutende Mathematiker, hauptsächlich Deutsche, während kürzerer oder längerer Zeit; so Dedekind, der Schöpfer der sogenannten Idealtheorie, H. A. Schwarz, eine Autorität in der allgemeinen Funktionentheorie, Frobenius, einer der ersten Algebraiker, Minkowski, Hurwitz, die alle hohes internationales Ansehen genossen.

An die Mathematiker schließen sich berühmte Ingenieure an, welche an der Eidgenössischen Technischen Hochschule lehrten; Karl Culmann, der Schöpfer der graphischen Statik, Johannes Wild, Mitbegründer der modernen Kartographie, die Maschineningenieure Gustav Zeuner, Franz Prasil und Aurel Stodola, letzterer bahnbrechend auf dem Gebiet der Gas- und Dampfturbinen. Die Werke der großen Architekten, die in unserer Stadt wirkten, stehen uns täglich vor Augen; mit den Bauten der Eidgenössischen Technischen Hochschule und der Universität sind die Namen Gottfried Semper, Karl Moser, Gustav Gull verbunden.

Die Dozenten der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät haben mehr als ihre Kollegen aus anderen Fakultäten die Möglichkeit, neben ihrer Lehrtätigkeit beratend und gestaltend am Ausbau staatlicher Einrichtungen und Gesetze mitzuwirken und damit direkt in das Leben des Volkes einzugreifen. Solcher Einfluß auf die kantonale und eidgenössische Gesetzgebung ist auch von vielen Vertretern der Rechts- und Staatswissenschaften an unserer Hochschule ausgegangen. Emil Zürcher hat an den Vorarbeiten für das Schweizerische Strafgesetzbuch bestimmenden Anteil gehabt, eine Aufgabe, die sein Nachfolger Ernst Hafter in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht vollendete. Öffentliches Recht, Staatsrecht und Völkerrecht waren bei Max Huber und Fritz Fleiner in hervorragenden Händen; der Einfluß ihrer Ideen und ihrer Lehre blieb nicht nur im In- sondern auch im Ausland ein nachhaltiger. August Egger nahm an der Gestaltung des Privatrechts, des Schweizerischen Obligationenrechts und des Zivilgesetzbuches bedeutenden Anteil. Kein geringerer als Theodor Mommsen hat in Zürich kurze Zeit Römisches Recht gelesen und eine Reihe sehr bedeutender Nachfolger gehabt.

Aus der großen Zahl berühmter Mediziner, die Zürichs Universität beherbergte, können nur wenige herausgegriffen werden: der Histologe, Zytologe und Embryologe Albert Kölliker, seiner Zeit weit vorauseilend, faßte schon 1841 die Furchung des Eies als eine fortlaufende Zellenbildung auf und zeigte, daß alle

embryonalen Elemente von den Furchungskugeln abstammen. Ein ähnlicher Pionier war Jakob Henle (1840), der unter systematischer Verwendung des Mikroskops die Grundlagen der Histologie schuf. Der Anatome und Physiologe Karl Ludwig konstruierte (1847) einen für die physiologische Methodik unentbehrlich gewordenen Apparat, das Kymographion. Für das Aufsehen, das seine Arbeiten, insbesondere diejenigen über die Steuerung der Sekretionen durch nervöse Prozesse machten, zeugt ein Besuch von Helmholtz in seinem Institut. Die Chirurgie war durch Theodor Billroth, Ulrich Krönlein, Sauerbruch, die Ophthalmologie durch Friedr. Homer, Otto Haab und A. Vogt hervorragend vertreten. In der Psychiatrie hat Eugen Bleuler, der Nachfolger August Forels eine berühmte Schule begründet. Nachhaltig war auch die Wirksamkeit des Hirnanatomen und Gehirnpathologen v. Monakow, einer ersten Autorität in seinem Fach.

Die Geisteswissenschaften spielen für die Hebung der allgemeinen Bildung und die geistige Einstellung unseres Volkes und unserer akademischen Jugend eine entscheidende Rolle. Der Einfluß des Geschichtsunterrichts und der Geschichtsforschung auf die patriotische Haltung unserer Bevölkerung kann nicht gering eingeschätzt werden. Die Vermittlung der Ideen und der Kultur des klassischen Altertums durch dessen Sprachen, Kunst und Geschichte ist für ein geistig stark entwickeltes, auf humanistischen Prinzipien fußendes Volk wie dem unserigen unentbehrlich und lebensnotwendig. Es war daher für unsere Universität ein Glück, daß sie für die Lehrstühle der Philosophischen Fakultät I in den vergangenen 100 Jahren viele bedeutende Gelehrte gewinnen konnte. Unter den Vertretern der Geschichte ragen hervor: Georg von Wyß, Kommentator des schweizerischen Mittelalters, Verfasser der Geschichte unserer Universität der ersten 50 Jahre, einflußreicher Zürcher Patrizier; Wilhelm Oechsli, dessen Meisterwerk "Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert" einen großen Leserkreis fand und starke Wirkung ausübte; Gerold Meyer von Knonau, ein vielseitiger Gelehrter, der während 5 Jahrzehnten im Leben unserer

Hochschule und im geistigen Leben unserer Stadt eine bedeutende Rolle spielte; und schließlich hat Theodor Mommsen, gleichbedeutend als Historiker wie als Jurist und Philologe, während seiner zweijährigen Tätigkeit in Zürich hier den 2. Band seiner "Römischen Geschichte" geschrieben und die schweizerische Altertumsforschung mächtig gefördert. — In dem Kreise der Ästhetiker, Literaturhistoriker und Kunsthistoriker, die Zürich berufen hatte, gibt es einige ganz besonders glänzende Namen, die unsere Stadt nochmals mit humanistischem Gedankengut beschenkten: Friedrich Theodor Vischer, während seiner Zürcher Zeit (1855/66) eine Leuchte des geistigen Lebens unserer Stadt, auch von Gottfried Keller hochgeschätzt, Jakob Burckhardt, Francesco de Sanctis, Johannes Scherr, Heinrich Wölfflin, die in ihren Werken heute noch einen großen Einfluß ausüben und während ihrer Lehrtätigkeit einen Kreis von begeisterten und dankbaren Schülern um sich sammelten. Das Andenken an die früher an beiden Zürcher Hochschulen wirkenden Philosophen ist vielleicht etwas weniger lebendig geblieben. Aber wir wollen nicht vergessen, daß Friedrich Albert Lange damals (1870-72) nicht nur viel beachtete Arbeiten über die "Arbeiterfrage" und die "Geschichte des Materialismus" verfaßte, sondern auch an der Ausarbeitung unserer Kantonsverfassung von 1869 aktiv teilnahm, da er die Mitarbeit eines Philosophen bei der Ausarbeitung politischer Gesetze nicht als überflüssig betrachtete, ein Standpunkt, der sich auch heute noch vertreten ließe. Die Philosophen Wilhelm Wundt, Wilhelm Windelband und Richard Avenarius bedeuteten für Zürichs geistiges Leben ebenfalls eine Bereicherung; ersterem gelang es, in Deutschland eine große Schule zu begründen. Ganz von innen heraus entwickelten sich bei uns Literatur- und Sprachforschung. Wir gedenken in ersterer Beziehung wenigstens Jakob Bächtolds, des Pioniers der deutschschweizerischen Literaturgeschichte und Heinrich Morfs, des Gesamtdarstellers aller romanischen Literaturen. In Eduard Schwyzer aber besaßen wir einen Indogermanisten von internationalem Rang; Albert Bachmann und Louis Gauchat schufen ihre epochemachenden Wörterbücher

und deren Nachfolger fanden mit den tief schürfenden Sprachatlanten internationale Anerkennung.

Es darf als eine besonders glückliche Fügung bezeichnet werden, daß unserer Universität von allem Anfang an eine theologische Fakultät angegliedert wurde, die für das kirchliche und religiöse Leben unserer Stadt eine starke Stütze bedeutet und gleichzeitig das geisteswissenschaftliche und humanistische Element in unserer Hochschule bereichert. Zwar hätte wenig gefehlt, daß religiöse Streitfragen, welche durch den 1838 nach Zürich berufenen Theologen Friedrich Strauß aufgerollt worden waren und das Zürcher Volk in Empörung brachten, zur Aufgabe der Universität geführt hätten. Aber nach der Überwindung dieser Episode hat unsere theologische Fakultät eine lange, glückliche Blütezeit erlebt. Lassen Sie mich nur einige wenige Namen aus ihrem früheren Lehrkörper herausgreifen. Alexander Schweizer, ein Schüler und Bewunderer Schleiermachers, besaß in Zürich großen Einfluß und einen bedeutenden Wirkungskreis; als Theologieprofessor, Pfarrer am Großmünster und als Kirchenrat trat er unerschrocken für seine Überzeugung ein und suchte alle menschlichen Handlungen und Werke mit ethischen Kräften zu durchsetzen. Unter den bedeutenden Zürcher Theologen sind weiter zu nennen: Paul Wilhelm Schmiedel, Textkritiker der wichtigsten neutestamentlichen Handschriften, hervorragend als Lehrer und Mensch; Aloys Eman. Biedermann, der Straußsches Gedankengut und Hegelsche Weltauffassung, denen er sich verpflichtet fühlte, mit dem Christentum zu vereinen und Glauben mit Wissen harmonisch zu verbinden suchte; Leonhard Ragaz, Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung, hatte zahlreiche Anhänger und gründete eine große Schule; seine kompromißlose Einstellung führte ihm allerdings auch viele Gegner zu.

Unter allen Fakultäten einer Universität ist die theologische Fakultät diejenige, deren Tätigkeit am einheitlichsten auf ein gemeinsames Ziel gerichtet ist. Das Ziel unserer Zürcher theologischen Fakultät in den letzten Jahrzehnten war vornehmlich die Erfassung aller menschlichen Probleme vom christlichen Glauben aus und das furchtlose Einstehen für alle jene Erkenntnisse,

welche als Ergebnisse der Forschung gewonnen worden sind.

Unter den Mächten, welche die geistige und wirtschaftliche Struktur eines Staates gestalten: Religion, Staatsform, Kunst, Handwerk und Gewerbe, Wissenschaft und Forschung, sind letztere die jüngsten, gehören aber zu den mächtigsten. Der Einfluß von Wissenschaft und Forschung auf die Lebensbedingungen der Menschen kann nur mit den größten Ereignissen der Menschengeschichte verglichen werden: mit der Gewinnung des Feuers, dem Übergang vom Nomadenleben zur Seßhaftigkeit, mit der Stiftung der Religionen. Der englische Historiker H. Butterfield hat kürzlich in seinem Buch "The Origins of Modern Science" die Meinung ausgesprochen, daß die wissenschaftliche Revolution, die zur Verdrängung der scholastischen Philosophie und zur Zerstörung der Physik und des Weltbildes Aristoteles' führte, alle anderen Ereignisse seit der Entstehung des Christentums in den Schatten stellt und sowohl Renaissance wie Reformation in den Rang bedeutungsloser Episoden hinabdrückt.

Alle Wissenschaft ist aber nur sinnvoll, so weit sie Dienerin und nicht Herrin und Beherrscherin des Menschen ist. Das Dienen braucht nicht darin zu bestehen, daß sie die äußeren Lebensbedingungen verbessert, Krankheit heilt und Reichtum bringt, die Wissenschaft dient dem Menschen auch dann, wenn sie seinen Geist erhebt, wenn sie ihn durch neue Erkenntnisse glücklich macht. Diese Aufgaben haben die höheren Lehranstalten in Zürich in den letzten Jahrhunderten weitgehend erfüllt und sie haben damit zu der erfreulich raschen Entwicklung unserer Stadt und unseres Kantons seit dem Mittelalter das ihre beigetragen. Wir brauchen uns nur vorzustellen, wieviel ärmer unsere Stadt in geistiger Beziehung heute wäre, wenn alle jene Heroen des Geistes, die unsere Universität nach Zürich zog und von denen wir soeben einige erwähnten, nie in ihr gelebt und gewirkt hätten.

Die in Zürich in den vergangenen 120 Jahren beheimatete Wissenschaft pflegte in ganz überwiegendem Maße rationalistisches

Denken und rationalistische Methoden. Die Ideen und Einflüsse des Humanismus, wie sie von Wilhelm von Humboldt, Goethe und ihren Zeitgenossen ausstrahlten und diejenigen der Idealisten bzw. Naturphilosophen, wie sie an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert von Fichte, Hegel und Schelling u. a. ausgingen, haben in Zürich nur ein schwaches und emphemäres Echo gefunden. Solche Einflüsse lassen sich am stärksten in den ersten 2 Jahrzehnten nach der Gründung unserer Universität nachweisen und später in den Werken einiger weniger Dozenten, die aber Einzelgänger blieben.

Die Methode, welche die rationalistisch arbeitende Wissenschaft heute anwendet und ihre Zielsetzung sind nicht unangefochten geblieben und die furchtbaren Erlebnisse, welche die Völker in den letzten Jahrzehnten durchmachen mußten, haben die Frage nach Sinn und Zweck moderner Forschung immer wieder aufgerollt. Humboldt hatte als Ziel aller wissenschaftlichen Arbeit die Vervollkommnung des menschlichen Charakters bezeichnet. Für Tolstoi war die moderne experimentell arbeitende Wissenschaft sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Frage "Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?" keine Antwort gibt. Aber keiner hat die Umbildung der Universitäten in Fachschulen und ihre Zielsetzung, auf bestimmte Lebensberufe vorzubereiten, schärfer bekämpft und sich für die humanistische Denkweise der Universitäten eingesetzt als der junge Nietzsche zur Zeit seiner Basler Jahre. "Verwechselt mir", sagt er, "diese humanistische Bildung, diese zartflüssige, verwöhnte, ätherische Göttin nicht mit jener nutzbaren Magd, die sich mitunter auch ,Bildung' nennt, aber nur die intellektuelle Dienerin und Beraterin der Lebensnot, des Erwerbs, der Bedürftigkeit ist. Jede Erziehung aber, welche an das Ende ihrer Laufbahn ein Amt oder einen Brotgewinn in Aussicht stellt, ist keine Erziehung zur Bildung, wie wir sie verstehen, sondern nur eine Anweisung, auf welchem Wege man im Kampf ums Dasein sein Subjekt rette und schütze."

"Sehr viel muß der Mensch lernen", sagt er dann weiter, "um zu leben, um seinen Kampf ums Dasein zu kämpfen; aber

alles, was er in dieser Absicht als Individuum lernt und tut, hat noch nichts mit der Bildung zu schaffen. Diese beginnt im Gegenteil erst in einer Luftschicht, die hoch über jener Welt der Not, des Existenzkampfes, der Bedürftigkeit lagert." "Ich für meinen Teil", ruft Nietzsche aus, "kenne nur einen wahren Gegensatz: Anstalten der Bildung und Anstalten der Lebensnot: zu der zweiten Gattung gehören alle vorhandenen, von der ersten aber rede ich."

Als Aufgabe der wahren Bildung und Kultur sah Nietzsche an: "wahrhaftig zu sein und sich wirklich in ein Verhältnis zu allem Großen zu setzen; .. zu leben und zu wirken in den edelsten Bestrebungen seines Volkes; .. das Leben im Sinne großer Geister mit dem Zwecke großer Ziele zu führen; .. das Große nachzuleben, um es vorzuleben." Jakob Burckhardt nennt Kultur "die ganze Summe derjenigen Entwicklungen des Geistes, welche spontan geschehen und keine universale oder Zwangsgeltung in Anspruch nehmen".

Es ist nicht zu bestreiten, daß die Erlebnisse, welche die europäische Jugend in den vergangenen 35 Jahren hatte, die Frage nach Sinn und Zweck moderner Experimentalforschung gerade auch in den Kreisen der Jugend immer wieder aufgeworfen haben. Mit diesen Zweifeln hat sich auch Max Weber in einem Vortrag "Wissenschaft als Beruf", den er 1921 vor Studenten hielt, auseinandergesetzt. Ausgehend von der unbestreitbaren Tatsache, daß jeder wissenschaftliche Fortschritt heute eine sehr weitgehende Spezialisierung und daher eine Hingabe des jungen wie des älteren Forschers für eine eng umschriebene, konkrete Aufgabe verlangt, empfahl er seinen jungen Zuhörern, ihr Bedürfnis nach allgemeiner Bildung, ihr kulturelles Verlangen außerhalb ihrer Fachschule, ja außerhalb der Universität, zu erfüllen zu suchen. Noch schärfer gefaßt waren die Vorschläge von Max Scheler, der zur Zeit der Weimarer Republik eine Denkschrift ausarbeitete, in welcher die Trennung der Hochschulen in 3 Teile verlangt wurde: in Fachschulen, in Forschungsinstitute und in Anstalten, welche die Postulate einer humanistischen Erziehung und Bildung vermitteln; der Besuch

der letzteren sollte nach Absolvierung der Fachschulen obligatorisch sein.

Solche und ähnliche, immer wieder auftauchende Vorschläge zur Erneuerung unserer Hochschulen können nicht übersehen werden. Sie zeigen, daß in unserer Jugend Bedürfnisse vorhanden sind, welche unsere Hochschulen von heute offenbar nicht ganz befriedigen können. Es ist das Bedürfnis, über das spezielle Fachwissen hinaus mehr über Entstehung, Blüte und Vergehen der Kulturen, über allgemein menschliche Probleme, über Denken und Handeln großer Männer, über Kunst und Kunstwerke, über Sinn und Zweck unseres Lebens zu erfahren. Was kann eine Universität, was kann unsere Universität tun, um diesem Bedürfnis entgegenzukommen?

Ein Versuch zur Zurückdämmung der modernen Experimentalforschung wäre aussichtslos und von allem Anfang an zum Mißerfolg verurteilt. Nicht nur das Denken und Streben fast aller Gelehrter hat sich nach einer weiteren Vervollkommnung und Verfeinerung der rationalistischen Forschungsart ausgerichtet, auch die äußeren Bedürfnisse des Lebens stimulieren die Forschung zur Weiterentwicklung dieser Methode. Was aber die Hochschule vielleicht doch tun kann, um dem berechtigten Verlangen der besten Kreise unserer akademischen Jugend nach einer allgemeinen Bildung, welches mit den Erfordernissen der Allgemeinheit und des Staates parallel geht, entgegenzukommen, das ist eine fühlbare Entlastung der Studenten von reinem Fachwissen unter gleichzeitiger stärkerer Pflege von Geisteswissenschaften, Geschichte und Kunst, eine bessere Selektion der Menschen, denen sie ihre Tore öffnet und die stärkere Verpflichtung bedeutender Männer für unsere Universität, die die großen Zusammenhänge in und zwischen den Wissenschaften überschauen, die Bedeutung der ethischen Werte erkennen und sich für diese einsetzen, das Große und Wertvolle dem jungen Menschen aufzeigen und fähig sind, als nachahmungswürdige Beispiele zu wirken. Solche Persönlichkeiten werden auch außerhalb der Hochschule das geistige Leben unserer Stadt befruchten, wie dies früher wiederholt der Fall war. Ihnen und Gleichgesinnten ist es

zu verdanken, wenn in unserer Stadt — trotz allem —humanistischer Geist und humanistische Denkweise nicht ganz verloren gegangen sind und Zürich fremden Beobachtern auch heute noch als eine Stätte erscheint, in der Bildung und Kultur vom Lärm des Alltags nicht völlig ausgewischt wurden. Ich kann dafür kein überzeugenderes Urteil anführen als dasjenige eines amerikanischen Austauschstudenten, der kürzlich ein Studienjahr in Zürich verbrachte und darüber seiner amerikanischen Universität etwa folgendes berichtete:

"Das ist eine an Kultur reiche Stadt, und oft fällt die Entscheidung zwischen einem Konzert von Gieseking oder den letzten Darbietungen des Schauspielhauses schwer; das Programm des Schauspielhauses führte dieses Jahr von Schillers ,Don Carlos' und Goethes ,Egmont' bis zu Millers ,Death of a Salesman'. Zum Repertoire des Stadttheaters gehören Wagner, Verdi, manchmal ein Ballett von Honegger und vieles mehr. In den Junifestwochen nahmen die Anlässe internationalen Charakter an und englische Schauspieler und die Comédie Française waren zu Gast.

Für den denkenden Europäer bedeuten solche Bestrebungen eine Erfüllung seines Verlangens nach humanistischer Bildung. Der größte Eindruck, den man von Zürich erhält, ist das hier stets wachsende Bekenntnis zu einer Kultur, die ,Europäischer Humanismus' genannt werden kann, ein intensives Interesse für alles, was das menschliche Leben berührt und ein aufrichtiges Verlangen, ein harmonisches Leben zu führen. ... In Zürich bedeutet der oft unbestimmte Ausdruck ,Europäische Kultur' nicht allein gothische Kathedralen, Goethe und Beethoven, sondern die Gesamtheit einer Vielheit geistiger Werte, die zu den Gegebenheiten jedes Tages gehören. So wird das Wort ,Zürich' mehr als ein Wort und selbst mehr als ein geistiges Bild der Stadt; es ist ein Begriff geworden. Es umfaßt die mittelalterliche Stadt, die modernsten Cinemas, die Zunfthäuser, das Sechseläuten, den Geist Zwinglis und Gottfried Kellers, all dies zusammen und noch vieles mehr. Einiges davon ist Tradition, aber alles zusammen hat eine philosophische Grundlage. Ein Jahr

in Zürich erlaubt einen Einblick in den europäischen Geist und eine Kultur, auf die sich ein wirklich geistiges Leben gründen läßt."

Wir feiern heute die sechshundertjährige Zugehörigkeit Zürichs zur Eidgenossenschaft. Politische Systeme kommen und gehen; auch Zürich hat viele gesehen. Vom Korporativstaat hat es sich in Jahrhunderten zur repräsentativen und schließlich zur reinen Demokratie gewandelt. Die Wissenschaft folgt ihren eigenen Gesetzen. Durch die ungeahnten Erfolge, die sie in den letzten 150 Jahren erzielte, durch die unsere Vorstellungen von der Natur und vom Leben durchgreifend verändert und vertieft worden sind, ist sie zu einer Macht geworden, die das Dasein des Menschen in allen Lagen beeinflußt. Möge sie auch in kommenden Jahrhunderten dazu beitragen, das Leben in unserer Heimat zu befruchten, anzuregen und schöner zu gestalten, möge sie aber auch stets sich der Verantwortung bewußt sein, mit der Macht in Menschenhänden verbunden sein sollte.