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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Deutung des Schmerzes

Am Problem des Schmerzes sind alle Fakultäten interessiert. Darum soll heute, am Dies academicus, davon die Rede sein, und — wie Sie es nicht anders erwarten — gehen wir dabei vom Standort theologischer Besinnung aus.

Theologie hat allerdings nicht den Schmerz zum Gegenstand ihres Nachdenkens, sondern sie ist Gotteserkenntnis, Nachdenken über Gottes Wege zu uns und unsere Wege zu Gott. Und einer dieser Wege ist der Schmerz. Wir wissen wohl, daß die Gottesfrage, d. h. Gottes Frage an uns und unsere Frage nach Gott, in den verschiedensten, frommen und unfrommen, Formen und Gestalten aufbricht, jäh vor uns steht, gar nicht immer als eigentlich religiöse Frage von vornherein erkannt wird. Welche Tatsache, welche Erfahrung, welches Erlebnis wäre zu nennen in Freud und Leid, an dem nicht einmal einem Menschen die Gottesfrage sich gestellt hätte, so daß der Mensch mitten in der scheinbaren Profanität sieh vor den feurigen Busch des Heiligen gestellt sehen mußte?

Christlicher Glaube bekennt sich zu Gott, dem Schöpfer und Erlöser, der uns begegnet in Jesus Christus, in dem Gottes Reich erschienen ist. Die Welt ist nicht "herrlich wie am ersten Tag", sondern sie ist von Gott getrennt. Die Worte, die gebraucht werden, um bildhaft auf diese rätselhafte und doch wirkliche Tatsache hinzuweisen, sind uns bekannt. Sie reden von einem Fall des Menschen, von einem Ausgestoßensein aus paradiesischer Unmittelbarkeit, von einem Riß in der Schöpfung, von einer Vergiftung der Kreatur, die krank ist und die darum

einer Heilung und eines Heilandes bedarf. Gewiß strahlt die Schöpfung etwas von der ursprünglichen Schöpfungsherrlichkeit wider und läßt eine immanente Tendenz zur Ordnung, zu Aufbau und Wiederherstellung erkennen; aber jäh daneben und unvermittelt erkennen wir Mächte der Zerstörung und Vernichtung. Daraus ergibt sich eine eigenartige Antinomik all unserer Aussagen über die Schöpfung, sei es das Kreatürliche in der Natur, in der Geschichte oder in der Menschenseele.

Vom Schmerz soll nun die Rede sein, und zwar zunächst von der Erfahrung des Schmerzes, dann von seinen Deutungen, gesehen im Lichte christlichen Glaubens.

Wie können wir seiner ansichtig werden, so daß er zum Gegenstand unseres Gespräches werden kann? Schon da begegnet uns eine Schwierigkeit eigener Art, die uns oft nicht gegenwärtig ist, obschon sie in unserem täglichen Verkehr wirksam wird.

Unsere Universität ist in Nachbarschaft zum Kantonsspital. Dort werden Schmerzen erlitten. Wir können nicht vorbeigehen, ohne daran erinnert zu werden. Stellen wir uns vor, wir könnten gerade jetzt all der Schmerzen inne werden, die in diesem Augenblicke da drüben von Menschen erlebt werden; würden wir nicht davon überwältigt, vernichtet, stünden wir nicht vor einem Abgrund menschlicher Existenz? Und zugleich regt sich in uns ein Wille zur Selbstbehauptung, der uns weiterschreiten läßt.

Wir erleben einen Zwiespalt: Einerseits sind wir affiziert; es wird uns etwas angetan und das findet eine Resonanz in uns. Sympathiegefühle sind uns naturhaft angeboren. Ich bin nicht Ich, es sei denn in einem Wir. Unser eigenes Leben ist um so reicher, stärker und tiefer, als in uns das Leben der Andern mitschwingt und mitklingt und wir teilhaben in dem der Andern. Andererseits findet dieses Mitempfinden und Miterleben seine Gegenwirkung im ebenso natürlichen Streben nach Selbstbehauptung. Ich kann und darf mich nicht überfluten und verschlingen lassen vom teilnehmenden Miterleben. Das ist die unausweichliche Zwiespältigkeit im Teilnehmen am Schmerze anderer. Das ist das eine Problem.

Das zweite Problem ist die Schwierigkeit, daß wir kaum, vielleicht nie, imstande sind, das Phänomen "Schmerz" zum Gegenstand gemeinsamer Betrachtung und Untersuchung zu machen. Was ist Schmerz? Zunächst und unmittelbar: Mein seelisches Erlebnis. Den Schmerz bekomme ich erst dann und nur dann ins Blickfeld der Beobachtung, wenn ich sagen kann: Ich erlebe jetzt diesen meinen Schmerz. Das heißt, der Schmerz stellt sich uns in erster Linie dar als Gegenstand der Psychologie. Die Gegenstände der Psychologie haben zur Voraussetzung ein erlebendes Subjekt, ein sie erlebendes Ich, ohne das jene Gegenstände nicht existieren, nicht Erkenntnisgegenstand der Psychologie sein können; mag auch das Erleben des Ich klar bewußt oder dunkel bewußt sein und ins Gebiet des sogenannten Unbewußten hinüberragen. Wir reden von brennendem, stechendem, schneidendem, reißendem, scharfem, spitzem, stumpfem, hellem, dunkelm Schmerz. Wir brauchen diese Bezeichnungen, die ja aus einer andern Sphäre stammen und nur in übertragenem Sinne auf das seelische Erlebnis angewendet werden, immer wieder in der selbstverständlichen Meinung, daß wir dieselben Erlebnisse damit bezeichnen. Aber mit stechendem Schmerz weisen wir hin auf die mögliche Ursache im Gebiete des Physischen und Physiologischen; die Zuordnung dieses Ausdruckes zu einer bestimmten Qualität des Schmerzes ist bei Jedem zwar immer dieselbe, aber erleben wir wirklich dieselbe Schmerzqualität? Stehen wir hier nicht vor einer unüberschreitbaren Schranke? Besteht irgendwie eine Kongruenz der mit dem gleichen Namen bezeichneten Schmerzerlebnisse, die je verschiedene Menschen erleben?

Damit hängt die dritte Schwierigkeit zusammen: Der Hiatus zwischen dem konkreten Erlebnis und der begrifflichen Umschreibung. Der Schmerz entzieht sich jeder Definition im eigentlichen Sinne. Welchem Oberbegriff sollen wir ihn einordnen? Und wie sollen wir ihn begrifflich umgrenzen? Schon wenn wir von der "Psychologie des Schmerzes" reden, so ist bereits eine Abstraktion vollzogen; ich rede schon nicht mehr von jenem Urphänomen: Ich erlebe —jetzt — diesen — meinen Schmerz. Wir

sind jedoch gezwungen, die Abstraktion zu vollziehen, sonst müßten wir verstummen und könnten nicht miteinander reden.

Wenn der Student in der Allgemeinen Chirurgie als die vier von Celsus aufgestellten Merkmale einer Entzündung lernt: rubor, tumor, calor, dolor, so lernt er zugleich, daß diese Merkmale zwei ganz verschiedenen Dimensionen unserer Erkenntnis angehören; die ersten drei sind objektiv von mehreren Beobachtern gleichzeitig als ein Vorgang in der raumzeitlichen Erscheinungswelt festzustellen; dolor dagegen ist nur indirekt aus den Äußerungen des den Schmerz allein erlebenden Patienten zu entnehmen. Solche Äußerungen können dem Arzte wertvoll sein als Hilfe zur Diagnose, zur Lokalisation der Krankheit, zur Feststellung der Wirkung der Therapie; aber sie können ihn auch irreführen, wenn sie nicht kritisch geprüft werden, sind sie doch in erster Linie und immer wieder das Erlebnis des den Schmerz Erleidenden, verständlich nur dem, der auf Grund eigenen Erlebens sich einzufühlen imstande ist, durch Leiden wissend geworden.

Dieses Schmerzerlebnis ist zunächst etwas Individuellpsychisches. Versuchen wir es zu beschreiben. Da müssen wir folgendes feststellen: Einmal die große Streuungsbreite dessen, was als Schmerz erlebt und bezeichnet wird. Man redet von Schmerzempfindung, Schmerzgefühl, seelischem Schmerz, geistigem Schmerz, sittlichem Schmerz, Schmerz als Empfindung gestörter Rechtsordnung, Sündenschmerz. Rede ich von Kopfschmerz, Zahnschmerz, Hautschmerz, vom Schmerz irgendeines Organs, so ist der Schmerz in nahe Beziehung gesetzt zur Empfindung; und doch wird unterschieden zwischen dem Empfindungsmäßigen und dem, was eigentlich Schmerz ist. Eine Empfindung, mag sie noch so sehr gesteigert werden, wird nicht zum Schmerz, geht nicht kontinuierlich in Schmerz über; es kommt etwas Neues hinzu. Wird geredet von Schmerzgefühl, so wird die Nachbarschaft und Verwandtschaft mit Gefühlen der Unlust betont, und doch ist Schmerz etwas Besonderes im Unterschiede zu Gefühlen der Unlust, zu Stimmungen und Affekten. Gemeinsam mit den Affekten ist eine eigenartige Verschmelzung

von etwas, das über uns kommt, uns angetan wird, und einer rein seelischen Komponente. Sagt jemand: "Es tut mir in der Seele weh", so ist dieses innerste Erschauern gemeint und es wird abgesehen von äußeren Einflüssen. Eine Wertung jedoch macht sich bei diesen Erlebnissen immer stärker bemerkbar, Wertungen ethischer, ästhetischer, religiöser Art, was noch kaum eine Rolle spielt, wenn ich sage: "Der Zahn tut mir weh". Immer mehr wird sodann die Eigenart des Schmerzes ins geistige Gebiet verlegt, wenn die Rede ist von geistigem Schmerz, vom Schmerz über die gestörte Rechtsordnung (Michael Kohlhaas), vom Sündenschmerz (Augustin, Luther, Kierkegaard). In der Schrift "Der Kampf ums Recht" von Rudolf von Jhering kann man die erstaunliche Stelle lesen: "Der Schmerz ist der Notschrei und der Hilferuf der bedrohten Natur. Das gilt, wie vom physischen, so auch vom moralischen Organismus, und was dem Mediziner die Pathologie des menschlichen Organismus, das ist die Pathologie des Rechtsgefühls dem Juristen und Rechtsphilosophen... In ihr steckt das ganze Geheimnis des Rechts. Der Schmerz, den der Mensch bei der Verletzung seines Rechts empfindet, enthält das gewaltsam erpreßte, instinktive Selbstgeständnis über das, was das Recht ihm ist... Die Gewalt, mit der das Rechtsgefühl gegen eine ihm widerfahrene Verletzung tatsächlich reagiert, ist der Prüfstein seiner Gesundheit. Der Grad des Schmerzes, den es empfindet, verkündet ihm, welchen Wert es auf das bedrohte Gut legt."

Wie von einer Psychologie, so sprechen wir von einer Physiologie des Schmerzes. Wir sind uns zwar bewußt, daß auch dieser Ausdruck Probleme in sich schließt, die wir nicht übersehen dürfen. Wenn es richtig ist, daß der Schmerz im eigentlichen Sinn und unmittelbar nur vom erlebenden Ich erlebt wird, so reden wir immer in einem uneigentlichen Sinn von Schmerzzentren, von Schmerznerven, die gleichsam den Schmerz leiten. Das große Rätsel bleibt das, was Du Bois-Reymond 1872 in dem Vortrag über die Grenzen des Naturerkennens ausgeführt hat, nämlich, daß auch die allergenaueste Kenntnis der Gehirnvorgänge uns keine Aufklärung über die Grundfrage des seelischen Lebens

verschafft, wie nämlich aus der bloßen Bewegung materieller kleinster Teile Empfindung und Bewußtsein werden soll. Hiefür gilt immer noch das berühmte "Ignoramus, ignorabimus". Es gibt ja in der Wissenschaft Probleme, die bis jetzt nicht gelöst sind, deren Lösung wir aber einmal erhoffen dürfen; und es gibt solche, von denen wir zeigen können, daß sie grundsätzlich nicht lösbar sind. Von solchen sagt Du Bois-Reymond: Ignorabimus. Mit diesem Vorbehalt aber ist es ein Triumph wissenschaftlicher Forschung, was in den letzten Generationen im Gebiet der "Physiologie des Schmerzes" festgestellt worden ist. An dieser Stelle geziemt es sich, mit Freude und Dankbarkeit der Forschungen von Professor Walter R. Heß zu gedenken, der die Bedeutung des Zwischenhirns und die vegetativen Begleiterscheinungen beim Schmerz in bahnbrechender Weise erforscht hat. Diese Kenntnisse sind es, die neue Möglichkeiten geben, den Schmerz zu bekämpfen und seinem Entstehen vorzubeugen.

In gleicher Weise sind die genialen Forscher auf dem Gebiete der Chemie zu nennen, die mit neuen Einsichten Analgetica und Anaesthetica bereitstellen. Sie sind Wohltäter der Menschheit. Wie mancher Leidende würde ihnen gerne in schmerzvollen Stunden die Hand drücken, wenn er sie mit Namen kennte und ihnen begegnen dürfte.

Wenn der kürzlich verstorbene Gelehrte Barell nach monatelangen unsäglichen Schmerzen sagen mußte: "Wir fabrizieren schmerzstillende Mittel tonnenweise, und mir ist die Schmerzstillung versagt", so gilt dafür heute noch das ignoramus, aber — so hoffen wir — nicht das ignorabimus.

Erstaunliche Möglichkeiten von Schmerzfreiheit und wie dadurch eine neue Aera der Chirurgie eröffnet wird, hat uns vor einem Jahr im Hochschulverein Professor Alfred Brunner in glänzender Weise dargelegt.

Physiologische Forschung hat in Verbindung mit allgemeinwissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnis seit den Zeiten der Griechen die Bedeutung von Lust und Schmerz zu verstehen gesucht. Schon Aristoteles sah in der Lust ein Symptom der

wohlgelingenden Betätigung eines Lebewesens, in der Unlust ein Zeichen des Gegenteils. Und in ähnlicher Weise haben Spinoza, Kant, Lotze, Spencer Einsichten gewonnen. Übereinstimmend ist die Vorstellung, daß in Unlust und Schmerz eine Lebenshemmung, in der Lust eine objektive Lebensförderung zum Bewußtsein komme. Die besonnenen Forscher haben aber ebenso festgestellt, daß keine zuverlässige Proportion bestehe zwischen diesem subjektiven Bewußtsein und den wirklichen Gefährdungen des Organismus. Lebenswichtige Organe sind unempfindlich, schwerste Krankheitszustände können mit heitern Stimmungen einhergehen. Das eigenartige Phänomen des Wundstupors kann bei tiefer Erschöpfung auftreten und ebenso bei höchster Aktivität und in ekstatischem Hingerissensein für eine begeisternde Aufgabe. René Leriche entgegnet denen, die den Schmerz eine glückliche Warnung nennen: Fast immer ist die Krankheit ein Drama in zwei Akten. Der erste, heimtückisch, spielt sich ab im düstern Schweigen unserer Gewebe, bevor die Leuchter angezündet sind. Tritt dann der Schmerz auf, so ist man fast immer im zweiten Akt und es ist zu spät; die Entscheidung droht und geht schon vor sich. Und der Schmerz kann nur eine Lage noch peinlicher und noch trauriger machen, die schon lange verloren ist.

Der Arzt wird oft Gelegenheit haben, hinzuzufügen, daß dieser Warner nicht nur zu spät kommt, sondern daß diese seine Warnzeichen gar oft übers Ziel hinausschießen. Ob nicht eine Analogie vorliegt zu den Erscheinungen des Fiebers? Auf alle Fälle erleben wir hier, wie wissenschaftliche Einsicht in die Lebensvorgänge dem Arzte die Möglichkeit gibt, Erscheinungen des Schmerzes, die über das Ziel hinausschießen, zu ihrer sinnvollen Funktion zurückzudämmen.

Es hat sich ergeben, daß der Schmerz weder als seelische Gegebenheit noch als naturwissenschaftliches physiologisches Objekt umfassend zu beschreiben ist. Warum? Weil es immer ein Ich ist, das den Schmerz erlebt. Wenn es schon kaum möglich ist, den Bau des Auges ohne teleologische Beziehungen richtig zu beschreiben, wieviel weniger kann es gelingen, das

Phänomen des Schmerzes, das so intensiv vom Ich erlebt wird, objektiv zu beschreiben. Im Schmerzerlebnis ist immer eine Wertung mitenthalten. Gewiß sind die Wertungen verschieden, je nach dem Grade der Bewußtheit, und verschieden auch in der Nähe ihrer Beziehung zum Ich; aber allen Schmerzerlebnissen ist gemeinsam das Urteil: es ist nicht so, wie es sein sollte. Eine Störung kommt darin zum Ausdruck, die Wiederherstellung verlangt. Darum scheint die Befreiung von jedem Schmerz und die Bewahrung vor ihm selbstverständliche Forderung zu sein.

Hier müssen wir genau zusehen und wohl unterscheiden die naturhaft-elementare Reaktion und die bewußte Stellungnahme des Ich. Für naturhaftes Geschehen gilt im allgemeinen die Formel: Lust ist Zielpunkt, Unlust Fliehpunkt. Das persönliche Ich aber fühlt sich aufgefordert, wie zum Schmerz so auch zu dieser unmittelbaren Abwehrreaktion Stellung zu nehmen. Wie der Mensch dies tut, ergibt ein Differentialdiagnosticum eines Jeden für sich selbst in den verschiedenen Lebensphasen, wie auch zur Beurteilung Anderer. Ob ich das Schmerzerleben dumpf geschehen lasse oder den Schmerz beherrsche, ob ich ihn hinnehme als ein Urrätsel meiner Existenz oder ob ich gescheit und energisch die Not zu wenden suche, daran erkenne ich mich selber, werde ich erkannt und beurteile ich die Mitmenschen.

Ich habe gesprochen von einem Differentialdiagnosticum. Wovon? Des Charakters? Ja, aber auch des Nervensystems, der Empfindsamkeit oder der Stumpfheit, der Gescheitheit oder der Dummheit. Wenn Krankheit ein Persönlichkeitsproblem genannt worden ist, so gilt das nicht minder vom Schmerz, und zwar in seiner ganzen Stufenreihe und Mannigfaltigkeit vom einfachen Stichschmerz bis zum seelisch-geistigen Schmerz; und ebenso ist Persönlichkeit im weitesten Sinne gemeint mit allem bisher Erlebten und Erstrebten, mit ihren Enttäuschungen und erfüllten Wünschen, mit ihrer inneren Berufung und dem Zwang des Schicksals. An der verschiedenen Reaktion wird erkennbar der Mensch, der "guten Schlaf sucht und mohnblumige

Tugenden dazu" und der, welcher mit Nietzsche selber sagt: "Nicht mein Glück suche ich, sondern mein Werk".

Was wir bisher unter dem Gesichtspunkt der Psychologie und der Physiologie kennengelernt haben, stellt eine Erkenntnis fest und läßt eine Frage offen. Vom Magus im Norden, Johann Georg Hamann, stammt der Begriff "Geistleiblichkeit", mit dem er sich gleichermaßen gegen eine idealistische wie gegen eine materialistische Verkennung des schöpfungsgemäßen Wesens des Menschen wendet. Im Schmerz wird die Zusammengehörigkeit beider Aspekte stets aufs neue erlebt. Ein wirklichkeitsnahes Schauen und Denken hat zu allen Zeiten diese biblische Grundauffassung in irgendeiner Weise bejaht, vielleicht manchmal neu entdeckt. Es gehört zu den tragischen Mißverständnissen im 19. Jahrhundert, in dem auch unsere Gegenwart noch wurzelt, daß man glaubte, Idealismus und Materialismus gegeneinander ausspielen zu können, zwischen beiden Extremen hin und her schwankte und dann vielfach in die Irre ging, denn die Frage war falsch gestellt. Ob nicht eine spätere Zeit —rückblickend auf das vergangene Säkulum — die Tatsache, daß man von einer "Geisteskultur" und "Geisteswissenschaft" schlechthin glaubte sprechen zu können, als ein pathognomonisches Merkmal bezeichnen wird? Das ist eine Ausstrahlung ins Kulturelle und Philosophische eines im Grunde falschen Ausgangspunktes. Der Mensch ist in seinem Wesen unter dem Gesichtspunkt des Leiblichen wie des Seelischen zugleich zu verstehen. Interessant ist, wie psycho-physische Betrachtungen möglich sind und durchgeführt werden, bevor die grundlegenden erkenntnistheoretischen und metaphysischen Fragen gelöst und die Entscheidungen gefallen sind über die Lehre des psycho-physischen Parallelismus und die Wechselwirkungstheorie, Probleme, die ihrerseits doch wohl zu den philosophischen gehören, die immer neu bearbeitet und durchgedacht werden müssen, aber kaum je wirklich gelöst werden können. Eine Frage, die offen bleibt, läßt sich so aussprechen: Welche Auffassung kommt den Tatsachen näher, diejenige, welche von seelisch und leiblich, psychisch und somatisch spricht, oder diejenige, welche mit den drei Worten Leib,

Seele, Geist andeutend auf tiefe Zusammenhänge hinweist? Falsch ist, und darum abzulehnen, die Meinung, als handle es sich dabei um drei in gleicher Weise feststellbare Objekte: Leib, Seele, Geist. Dadurch ist diese Ausdrucksweise diskreditiert worden. In der Wirklichkeit der Erscheinungswelt sind gegeben das Leibliche und das Seelische, beides letztlich nicht definierbar, obschon wir etwa sagen können: der Leib ist derjenige Abschnitt aus der Körperwelt, zu dem wir in besonders enger Verbindung stehen im Empfangen und Wirken. Unter dem Seelischen werden jene elementaren Vorgänge verstanden, die ein erlebendes Subjekt voraussetzen und von diesem zu innerer Anschauung gebracht werden können, so wie ich meine Gefühle, Vorstellungen, Affekte als Inhalt meines Bewußtseins zum Gegenstand innerer Anschauung machen kann. Wenn als dritte Größe "Geist"genannt wird, so ist damit nicht etwas Gegebenes bezeichnet, sondern zum Ausdruck gebracht, daß Ich weder mit meinem Leib noch mit meinen seelischen Vorgängen identisch bin und identisch werden kann. Darum sage ich ja mein Leib, mein Schmerz, meine Gedanken, mein gefaßter Entschluß. Das geheimnisvolle Ich kann nie gegenständlich, weder als Gegenstand noch als Geschehen, betrachtet werden. Das Wort "Geist" weist hin auf die normativ bestimmte Persönlichkeit, auf das Ich, soweit sich der Mensch im Gebiet des Ästhetischen, Logischen, Ethischen, des Normativen überhaupt verpflichtet und berufen weiß.

Daraus ergibt sich für unsere Betrachtung des Schmerzes, daß alle Beschreibungen im psychischen wie im somatischen Bereich, die ja beide problematisch bleiben, letztlich auf die verpflichtende Stellungnahme des Ich hindeuten.

Wenn diese Überlegung das rätselhafte leib-seelische Geschehen nicht rational zu lösen vermag, sondern im Gegenteil noch mehr vertieft, so heißt das nichts anderes, als daß wir an jener Grenze wissenschaftlicher Theoria, das heißt des Schauens mit den Augen des Leibes und des Intellektes, angelangt sind, von der aus wir weitergewiesen werden auf jenes tiefste, auf das Problem der Freiheit als einer letzten normativgeistigen

Verpflichtung und Berufung, ein Problem, das — in philosophischer Terminologie gesprochen —grundsätzlich a-theoretischer Natur ist.

Wir reden von der Deutung des Schmerzes. Jede Deutung weiß sich verpflichtet, die erkennbaren Tatsachen in allen Lebensgebieten mit ruhiger Gebärde vor dem geistigen Auge auszubreiten. Denn es bewährt sich stets jenes Wort: "Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf". Die letzte Stellungnahme und Deutung ist keine zwangsläufige Notwendigkeit, weder logisch noch kausal, darum bleibt sie ein Hindeuten, ein Wagen, ein Sich-Entscheiden.

Wir versuchen, mit schematisierenden Linien einige charakteristische Stellungnahmen zum Schmerz zu skizzieren. Zwei Hauptgruppen sind zu unterscheiden, solche die Nein sagen und solche die Ja sagen zum Schmerz. Dieses Nein und dieses Ja ist letztlich Ausdruck eines bestimmten geistigen Koordinatensystems, durch das implicite oder explicite eine Gesamtanschauung von Welt und Mensch und Leben nach Ursprung und Ziel gemeint sind.

So kommen wir vom Schmerzerlebnis aus ins Gespräch mit den verschiedensten Menschengruppen, Weltanschauungen, Philosophien, die auf dem Jahrmarkt des Lebens sich begegnen.

Nein sagt zum Schmerz der Stoiker mit seiner Anweisung, das vernünftige Ich unabhängig zu machen und unabhängig zu halten von allem Schmerzlichen, was seine Unerschütterlichkeit erschüttern könnte, und in solcher Apathie den Sinn des Lebens zu erfüllen. Daß der vernünftige Wille im Menschen freier Herr und nicht Sklave sein soll, diese Teilwahrheit wird niemand bestreiten. Aber als letztes Prinzip und als höchste Norm ? Welche Verarmung! Wie hätte ein Goethe sich dagegen wenden müssen, von dem wir das Wort haben:

"Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz:
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz."

Nein sagt zum Schmerz der titanische Mensch, der in der Überwindung des Schmerzes die Herrschaft des Geistes über die Materie gewinnt. Ein schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl widerspräche seinem Willen zur Macht, der vielmehr schlechthinnige Unabhängigkeit sucht. Wer den Schmerz bekämpft und überwindet, der ist nach ihm der Sieger im heroischen Lebenskampf. Er hat wie Fichte in ekstatischem Pathos die Ewigkeit an sich gerissen. Zum Felsengebirge und tobenden Wassersturz spricht er: "Brecht alle herab auf mich, und du Erde und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumulte, und ihr Elemente alle — schäumet und tobt, und zerreibt im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne: — mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wie sie."

Nein sagt zum Schmerz der sensible Individualist, der alles Schmerzliche flieht, sich lieber vor der Welt und den Brüdern verschließt und eine schmerzfreie Einsamkeit zu erstreben und zu genießen sucht. Aber indem er sich absperrt gegen den Schmerz, ergeht es ihm gleich wie dem Stoiker. Auch sein Leben muß verarmen, da er dem Gefährlichen, dem Wagnis ausweicht. Alle, die Schmerzen tragen, sind einander verwandt und miteinander verbunden in einer Solidarität der Leidenden und mit dem Leide Kämpfenden. Der Individualist aber, in der Sorge, sich vom Schmerze frei zu halten, über den kommt der Schmerz der Einsamkeit und des ungelebten Lebens.

Gerade umgekehrt finden Andere im Ja zum Schmerz die Erfüllung des Lebenssinnes. Nicht stoisch sich abzuschließen, sondern vivere pericolosamente ist wirkliches Leben. Ja, es gilt, Andere dazu aufzufordern und ihnen das Leben gefährlich zu machen, damit eine Auslese derer zustande komme, die in solcher Weise das Leben ertragen und über Andere Führer zu sein sich berufen fühlen. Wer so in Gefahr sich begibt, mag selber darin scheitern, und er läßt auch andere darin umkommen. Sehe er zu, wie er in seinem Gewissen damit fertig wird. Schaudern

ergreift uns vor einem Menschen, der durch sein tollkühnes Unternehmen sich selbst und Andere ins Verderben reißt.

Eine höchste Steigerung erlebt diese Bejahung des Schmerzes bei dem Menschentyp, dem der Schmerz gerade dazu dient, hart zu werden und in solcher Schmerzbejahung die Quelle einer neuen Kultur und eines neuen Typus Mensch zu erkennen. Ist der Kulturmensch im letzten Jahrhundert sensibler geworden, so wird hier aller Wehleidigkeit und Flucht vor dem Schmerz kraftvoll entgegengewirkt. Auf den entsprechenden Sinn der Pubertätsweihen primitiver Stämme wird hingewiesen. Dem Schmerz, der ertragen wird zur Härtung und Disziplinierung, wird eine wahrhaft schöpferische Kraft zugesprochen. In solcher Höchstwertung des Schmerzes als schöpferischem Lebensprinzip wird allem Humanismus und persönlicher Lebensgestaltung ein Ende gesetzt und für Kollektivierung die Bahn freigegeben. Die Frage ist nicht mehr, wer der Mensch als Persönlichkeit sei und ob er in der persönlichen Gestaltung des Lebens seinen Sinn erfülle, sondern das Kollektiv hat das erste und das letzte Wort. Wird der Schmerz zur schöpferischen Gewalt gemacht, drohen dann nicht Dämonen aufzubrechen, deren niemand mehr Herr wird, Dämonen der Schmerzerzeugung zu qualvoller Folter und Tortur?

Sympathisch, wenn auch nicht unbedenklich, ist eine Schmerzbejahung, wie sie für pietistische Frömmigkeit in dem Kirchenlied von Karl Friedrich Harttmann —nebenbei gesagt Schillers Lehrer an der Militärakademie —einen wahrhaft klassischen Ausdruck gefunden hat in den Worten: "Zu des Himmels höchsten Freuden werden nur durch tiefe Leiden Gottes Lieblinge verklärt." Sympathisch, weil die veredelnde Kraft des Leidens und des Schmerzes bezeugt wird; nicht unbedenklich, weil auch hier eine Verengung auf passives Ertragen vergessen macht, daß dem Christen obliegt, auch unter Schmerzen in dieser Welt zu kämpfen für Gottes Reich. Aber auch wer dem Dichter nur mit Vorbehalt zustimmen kann, wird dem Wahrheitsgehalt des folgenden Verses gerne zustimmen: "Leiden sammelt unsre Sinne, daß die Seele nicht zerrinne in den Bildern dieser Welt; ist wie eine Engelwache, die im innersten Gemache des Gemütes Ordnung hält."

Die Aufzählung dieser zweimal drei Typen mag genügen. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie entweder ob dem Einzelnen die Gemeinschaft oder ob der Gemeinschaft den Einzelnen verlieren.

Wie immer wir Einzelne oder solche Typen zum Schmerze sich stellen sehen, bejahend oder verneinend, so ist doch die Feststellung zu machen, daß der Kulturmensch der letzten hundert Jahre in gesteigertem Maße schmerzempfindlich und schmerzscheu geworden ist. Nun ist dem Menschen heute in den Abwehrmitteln eine Hilfe in die Hand gegeben, deren Bedeutung nicht eindeutig ist. Die analgetische Tablette, die die pharmazeutische Industrie in großer Zahl dem modernen Menschen anbietet und welche die zentrale Schmerzzone sedativ beeinflußt, ist ein soziales, ethisches, religiöses Problem. Wer durch den Gebrauch der analgetischen Tablette eine ungesunde Lebensweise zu verhüllen sucht, treibt gefährliche Politik der Selbsttäuschung. Gerade hier könnte der Schmerz, den man nicht zur Selbsttäuschung unterdrückt, eine segensreiche Warnung bedeuten und zu normaler, gesunder Lebensweise zurückführen. Aber andererseits vergessen wir nicht, wie Millionen von Menschen im rastlosen, vehementen, technischen Arbeitsprozeß eingespannt sind und nur mit Hilfe schmerzstillender Mittel ihre Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten können, die sie benötigen, um nicht in ihrem Verdienste und in ihrer Existenz geschädigt zu werden. Aber abgesehen von diesen harten Tatsachen stehen wir letztlich vor der Frage, ob wir dieses Leben voll Lust und Schmerz realistisch zu leben bereit sind, oder ob wir uns in chemisch erzeugte Illusionen flüchten wollen. Diese Entscheidung ist ethisch und letztlich religiös.

Christlicher Glaube erkennt im Schmerz eines der Symptome, in denen der wirkliche Zustand der uns erkennbaren Schöpfung sich uns darstellt, frei von Illusionen, frei von Überspannungen, seien es asketische, heroische, sentimentale. Er wendet sich nach zwei Seiten:

Zur Linken gegen die, welche den Schmerz verneinen, ihn dem Nichtigen zuweisen möchten und die Reife und die Größe des Menschen darin sehen, daß er den Schmerz überwindet, verachtet, hinter sich läßt.

Zur Rechten gegen die, welche dem Schmerz eine Glorie verleihen, die ihm nicht zukommt.

Beide versuchen, die nun einmal gesetzte Ordnung, in die das Geschöpf dem Schöpfer, die Creatura dem Creator gegenübergestellt ist, zu übersehen oder gar aufzuheben.

Die Welt, in der wir leben oder deren Teil wir sind, ist nicht die "ewige Zier", sondern wir vernehmen aus all ihren Bezirken das Seufzen der Kreatur und haben daran selber teil.

Schmerz gehört zur menschlichen Existenz, er erinnert uns an die Vergänglichkeit und nötigt uns, dies einzubeziehen in unser Lebensgefühl, wenn immer wir nicht eine Brille der Illusionen tragen oder Quijote spielen und gegen illusionäre Gegner ankämpfen, sondern klaren Auges die Menschen und die Dinge schauen und ihnen begegnen wollen.

Sind wir frei von Schmerzen und werden wir von einem frohen Lebensgefühl dahingetragen, so genießen wir solche Zeiten zu tätigem Wirken. Wir sind uns bewußt, daß jederzeit der Schmerz die Dämme durchstoßen und über uns hereinbrechen kann. Was vom Leben und Sterben gilt, daß nur der voll und tief zu leben vermag, dessen ganzer Arbeit, dessen Freuden, "Liedern und Scherzen auch des Scheidens Ernst zugrund liegt", so gilt dasselbe vom Schmerz.

Tod und Schmerz können aber mit aller Wucht die Dämme, die ein tapferes Leben dagegen aufrichtet, durchstoßen und den Menschen zerbrechen. Wenn ein Mensch gegen seine Überzeugung in der Verzweiflung seines Schmerzes Hand an sich legt, so erfaßt uns immer ein Schauder, und es ist die Gnade christlichen Glaubens, daß wir jeden Urteils uns enthalten dürfen. Gott ist größer als unser Herz, wenn es uns verdammt.

In der Apokalypse steht die Verheißung, daß dereinst kein Leid noch Schmerz mehr sein wird, und daß "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen". Mit solchem Hinweis will theologische Betrachtung nicht philosophische Aporien lösen, sondern hindeuten auf Ursprung und tragenden Grund des christlichen Glaubens, auf das Mysterium des stellvertretenden Leidens.