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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Atomenergie und Universität

Rektoratsrede gehalten an der Jahresfeier der Universität Basel

am 28. November 1958
von
Paul Huber
Verlag Helbing &Lichtenhahn —Basel 1958

© Copyright 1958 by Helbing &Lichtenhahn, Verlag, Basel
Druck von Friedrich Reinhardt AG. Basel

Hochansehnliche Versammlung,

Die Atomenergie hat als ein unerhörtes Geschehnis Einzug gehalten in die Lebenssphäre des Menschen. Wenn ich heute versuche, in meiner Rede «Atomenergie und Universität» darzulegen, welche Aspekte dieses neueste Produkt menschlichen Geistes der Universität bietet, tue ich dies mit dem Bewußtsein, daß jede lebendige Universität an den Dingen, die den Menschen in seinem Innersten bewegen, Anteil nehmen muß. Die Atomenergie ist unverkennbar ein solch weitausstrahlendes Faktum. Es sind nicht allein naturwissenschaftliche Belange, die zur Diskussion stehen. Auseinandersetzungen auf geisteswissenschaftlicher Ebene sind unvermeidlich in einer Angelegenheit, bei der der ganze Inhalt der menschlichen Seele von Glück und zukunftsgläubiger Hoffnung bis zu Angst und Verzweiflung mitschwingt. Das vor uns stehende Problem weist wahrhaft universellen Charakter auf, und die Atomenergie gehört zu den tiefgreifendsten Entdeckungen der Menschheit.

Man hört oft die Meinung ausgesprochen, eine wissenschaftliche Erkenntnis besitze ihre Geburtsstunde, so wie jeder Mensch seine eigene kennt. Im Falle der Atomenergie oder, wie wir wissenschaftlich richtiger sagen müßten, der Kernenergie, hat der Geburtsprozeß beinahe ein halbes Jahrhundert gedauert. Menschen der verschiedensten Sprachen und Temperamente haben Erkenntnis zu Erkenntnis getragen, bis schließlich während des zweiten

Weltkrieges in einer gigantischen Anstrengung, gekennzeichnet durch die Anhäufung geistiger Potenz und materieller Mittel, die ungeheuerliche Kraft entfesselt war. Rückschauend, das Ganze überblickend, stehen wir vor einer Kette der großartigsten wissenschaftlichen Leistungen.

Die Gipfelpunkte, die diese Entwicklung einschloß, sind folgende: 1896 beobachtete Becquerel die natürliche Radioaktivität des Urans. Die Eigenschaft dieses Elementes, spontan Strahlen auszusenden, wurde zum Ausgangspunkt des ganzen Gebietes. Die radioaktiven Strahlen werden vom Atomkern emittiert, dessen Existenz Rutherford 1911 durch ebenso geniale wie zwingende Experimente sicherstellte. Das Atom erwies sich als ein Kernatom. Es enthält in seinem Zentrum einen Kern von winzigem Ausmaß, dessen Durchmesser ca. hunderttausendmal kleiner ist als der Durchmesser des ganzen Atoms. Trotz dieser Kleinheit, bei der 1000 Milliarden Wasserstoffkerne, lückenlos aneinandergereiht, erst eine Kette von ca. 1 mm Länge ergäben, bestimmt der Atomkern die wichtigsten Eigenschaften des Atoms. 1919 gelang es demselben Forscher, an Atomkernen Reaktionen zu erzeugen. Damit war gezeigt, daß auch der Atomkern kein unteilbarer Baustein der Natur ist, und ein Ziel der Alchemisten, Stoffe umzuwandeln, erfüllte sich. Gleichzeitig aber tauchte eine Menge neuer Probleme auf hinsichtlich Struktur und Art der Kräfte, die in diesem winzigen Kosmos den Zusammenhang ordnen. Ein ganz neuer Spezialzweig der Physik, die Kernphysik, etablierte sich, und wohl niemand ahnte die Aufgaben, die der Menschheit einst durch dieses Gebiet gestellt würden. Unbeschwert von solchen Ahnungen entfaltete sich eine stets zunehmende Forschertätigkeit, deren Ergebnisse im Jahre 1932

einen großartigen Höhepunkt erreichten. Es ist das Jahr der Entdeckung des Neutrons durch Chadwick, der Erstellung der ersten Beschleunigungsapparatur für die Produktion von Kernreaktionen und der Erzeugung der ersten künstlichen Kernreaktion an Lithium mit schnellen Protonen durch Cockroft und Walton. Das dem gebauten Hochspannungsgenerator zugrunde liegende Prinzip war einige Jahre vorher vom Berner Professor Greinacher gefunden worden, wurde aber hier zum ersten Male für die Herstellung einer Hochspannung bis zu 600000 Volt benutzt.

Mit der künstlichen Beschleunigung von Kerngeschossen eröffneten Cockroft und Walton eine außerordentlich ergiebige Untersuchungsmethode der kernphysikalischen Forschung. Als Folge des neuen Verfahrens mehrten sich die Kenntnisse über den Kernbau in steigendem Maße. Heisenberg war es, der ebenfalls 1932 den Aufbau der Kerne aus zwei Bauteilchen, den Protonen und den Neutronen, postulierte und damit einer alten Idee zum Durchbruch verhalf. Über die Kräfte selbst, die den Kernverband so stark zusammenhalten, ist man noch immer im unklaren. Man weiß lediglich, daß sie eine sehr kurze Reichweite besitzen, außerordentlich groß sind und durch einen Austausch von Pi-Mesonen zwischen den Kernteilchen zustande kommen. In der Folge entdeckte man sehr viele Einzelheiten über die Struktur der Kerne und ihre Reaktionen. 1934 fand das Ehepaar Joliot eine wichtige Spezialität von Kernen, die künstlich radioaktiven. Es sind dies durch Kernreaktionen erzeugte instabile Kerne, die unter Aussendung bestimmter Strahlen in stabile Arten übergehen. Eine wirkungsvolle Methode für die Herstellung künstlich radioaktiver Kerne entdeckten im selben Jahre Fermi und seine Mitarbeiter. Sie beobachteten

die große Wahrscheinlichkeit für die Anlagerung von langsamen Neutronen an verschiedenen Elementen, und ihre Versuche mit Uran erzielten größte Beachtung. Die interessanten Ergebnisse wurden, ein Zeichen jener Zeit, als ein Sieg des Faschismus auf dem Gebiete der Kultur hingestellt, Mißgriffe, die seither zum großen Schaden der Forschung nicht mehr unterblieben.

Für die Energieerzeugung selbst erwiesen sich die bisher gefundenen Kernprozesse als nutzlos. Die Wahrscheinlichkeit ihrer Erzeugung ist so klein, daß wesentlich mehr Energie für ihre Auslösung aufgewendet werden muß, als sie abzugeben vermögen. Selbst ein Gelehrter wie Rutherford, der wohl beste Kenner der ganzen Materie, hielt Kernreaktionen als untaugliches Mittel für die Energieproduktion. Er starb 1937 in Cambridge. Zwei Jahre später entdeckten die Chemiker Hahn und Straßmann die Uranspaltung, einen vollständig neuartigen Kernprozeß, bei dem unter Einfangung eines Neutrons der Urankern in zwei etwas verschieden schwere Bruchstücke zerfällt. Feinste chemische Methoden erlaubten den sicheren Nachweis der Spaltprodukte. Hahn vermutete, daß bei der Uranspaltung neben den Spaltprodukten noch Neutronen aus dem Kern absplittern, da die entstehenden Bruchstücke einen hohen Überschuß an ihnen aufweisen. Dieser Nachweis wurde 1940 unabhängig sowohl in Europa als auch in Amerika geliefert. Endlich war sich Hahn auch klar darüber, daß die Uranspaltung die Möglichkeit einer Kettenreaktion in sich schloß, sofern mindestens eines der erzeugten Neutronen wieder eine Spaltung bewirken könnte. Damit erschienen am Horizont die ersten Dämmerungsstreifen für die Ausnützung der Kernenergie.

Die Entwicklung erfuhr durch den zweiten Weltkrieg,

der inzwischen ausgebrochen war, eine gehetzte Beschleunigung. Die mit der Materie vertrauten Physiker erkannten rasch die in der Uranspaltung liegenden erschreckenden Möglichkeiten für den kriegerischen Einsatz, und es bestand kein Zweifel darüber, daß, wer sie zuerst verwirklichen konnte, auch den Krieg gewinnen würde. Welche Katastrophe eingetreten wäre, hätten die Diktaturmächte dieses Ziel erreicht, vermögen wir heute klar abzuschätzen. In den Vereinigten Staaten von Amerika waren zunächst Regierung und Generalstab von den reellen Chancen dieser neuartigen Gedanken wenig überzeugt; vielmehr waren sie geneigt, die vorgebrachten Überlegungen als interessante wissenschaftliche Spekulation ohne wirklichen Hintergrund abzutun. Dies spiegelt sich auch im ersten Jahresbudget von $ 30000 wider, das man für die Untersuchung der ganzen Angelegenheit bewilligte. Vergleicht man damit die mehreren Milliarden Dollar, die bis zum Schluß des Krieges das ganze Unternehmen kostete, wird deutlich, wie schnell die zuständigen Behörden die neuartigen Ideen und ihre unglaublichen Auswirkungen erfaßten. Gleichzeitig belegte man das ganze Gebiet mit dem Bann der höchsten Geheimhaltung, und die erzielten Fortschritte waren fortan nur noch wenigen Eingeweihten zugänglich. Erst die Nachricht über den Abwurf einer ersten Atombombe auf Hiroshima vom 6. August 1945 brachte der übrigen Welt Kunde von den gigantischen, aber in ihren Wirkungen grauenvollen Fortschritten. Der Natur war ein Geheimnis entrissen, dessen Konsequenzen sich wohl ahnen, aber keineswegs überblicken ließen.

Der Smyth-Bericht, der wenige Monate darauf als zusammenfassender Bericht der unternommenen Anstrengungen erschien, gab ein eindrückliches Bild der ungeheuerlichen

Ergebnisse. Fermi und seinen Mitarbeitern gelang es 1942, eine Kettenreaktion im natürlichen Uran herzustellen und damit den ersten Uranreaktor, mit 42 t Uran und 350 t hochgereinigtem Graphit, zu verwirklichen. Von diesem historisch gewordenen Ereignis der ersten von Menschenhand gelenkten Kettenreaktion, an das eine Inschrifttafel am Entstehungsort, dem Fußballstadion der Universität Chicago, erinnert, zeugt noch ein weiteres spezielles Dokument: eine Chiantiflasche, deren Inhalt man zur Feier des Tages leerte, und auf deren Etikette sich alle Mitarbeiter durch ihren Namen aufgezeichnet haben. Das folgenschwere Datum, an dem die unerhörten Anstrengungen, die Atomenergie zu verwirklichen, ihre Krönung fanden, war der 2. Dezember 1942.

Mit der Nutzbarmachung des Energiegehaltes der Atomkerne ist die technische Revolution der Menschheit, die im vorletzten Jahrhundert begann, in ein neues Stadium getreten. Der wichtigste Teil der neuen Entdeckung liegt ohne Zweifel in der Auffindung einer mächtigen Energiequelle. Energie bedeutet die Möglichkeit einer Arbeitsleistung, und unsere ganze heutige Zivilisation würde zusammenbrechen ohne genügende Energiequellen. Ihre Erschließung war von jeher ein geschichtsbildender Faktor, und bei der Mehrzahl von Kriegen spielten fremde Energiequellen eine entscheidende Rolle.

Bisher erwiesen sich zwei Arten von Energiequellen als wesentlich. Die eine hat ihre Ursache im Schwerefeld der Erde. Sinkt in diesem Felde ein gehobener Körper auf ein tieferes Niveau, vermag er Arbeit zu leisten. Stauseen liefern ein Beispiel für diese potentielle mechanische Energie. Die zweite und heute wichtigste Energiequelle ist eine chemische, zu deren Gewinnung chemische Prozesse ablaufen müssen, wobei Änderungen in

der Molekülstruktur der reagierenden Stoffe eintreten. Kohle und Öl sind Beispiele für chemische Energieträger.

Energie ist eine physikalische Größe, für die ein Erhaltungsgesetz gilt. Sie kann danach weder zerstört noch aus nichts gewonnen werden. Es sind etwas über hundert Jahre her, seit der Heilbronner Arzt Robert Mayer den Energiesatz entdeckte. Seine Erkenntnis, die eines der wesentlichen Fundamente der Physik darstellt, fand erst nur zögernd Eingang in die Vorstellungswelt der damaligen Gelehrten, und er mußte viel Unverständnis und grobe Demütigungen in Kauf nehmen, die ihm seelisch das Leben außerordentlich erschwerten. Es darf zum Ruhme der Basler Naturforschenden Gesellschaft erwähnt werden, daß sie auf Antrag von Schönbein das Werk Mayers mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft als eine der ersten wissenschaftlichen Körperschaften anerkannte.

Durch die Verwirklichung des Uranreaktors ist nun eine dritte Art von Energiequelle erschlossen. Sie hat ihre Ursache in den Kräften, die die Bausteine der Atomkerne so stark zusammenhalten. Gelingt es, diese Kernteilchen geeignet umzulagern, kann nutzbare Energie gewonnen werden. Vergleicht man die drei Energiequellen, stellt man fest, daß bei der mechanischen potentiellen Energie die Schwerkraft der Erde, bei der chemischen Energie die elektrischen Kräfte innerhalb der Moleküle und bei der Kernenergie die Kernkräfte im Atomkern maßgebend sind. In allen drei Fällen müssen geeignete Verschiebungen von Massen in diesen Kraftfeldern erfolgen, soll die Quelle Energie hergeben. Da die Kernkräfte die weitaus größten bisher bekannten Kräfte sind, stellt die Atomenergie die konzentrierteste Energieform dar. Wird z. B. 1 kg Uran 235 mit Neutronen in Spaltprodukte zerlegt,

entsteht ein Energieäquivalent, das der Verbrennung von 2,5 Millionen kg Kohle oder dem Fall von 8 Millionen Tonnen Wasser 1 km tief entspricht.

Es gibt zwei Umlagerungsmöglichkeiten der Kernteilchen, die für die Atomenergie ausnützbar sind. Die eine besteht in Spaltungsreaktionen, wobei aus schweren Kernen mittelschwere entstehen. Sie ist in den Uranreaktoren verwirklicht. Die zweite nützt Verschmelzungsreaktionen aus, wobei aus leichten Kernen schwere entstehen. In beiden Fällen sind die beteiligten Nukleonen in den Reaktionsprodukten stärker gebunden, was nutzbare Energie bedeutet. Die Natur macht im großen von Verschmelzungs- oder Fusions-Reaktionen Gebrauch bei der Energieproduktion in den Sternen. Die Sonne liefert uns das großartigste Beispiel für die Ausnützung der Atomenergie, wird hier doch in einer Sekunde 10 milliardenmal soviel Energie ins Weltall gestrahlt, wie alle schweizerischen Kraftwerke in einem Jahr zu erzeugen vermögen. Zufolge der 20 Millionen °C, die im Sonneninnern existieren, laufen Kernreaktionen zwischen leichten Kernen ab, wobei im Endeffekt Wasserstoff in Helium übergeht. In verschiedensten Laboratorien der Welt sind heute Arbeiten im Gange, um auch die friedliche Fusionsenergie möglich zu machen. Es ist dies ein Griff nach den Sternen, werden doch Temperaturen in der Größenordnung von 100 Millionen °C verlangt, damit sich Fusionsreaktionen zur Energiegewinnung gebrauchen lassen. Gleichzeitig bedeutet dies für irdische Verhältnisse die Realisierung eines neuen Aggregatzustandes, des Plasmas, indem die gesamte Materie in Elektronen und positive Kerne zerfällt, eine Besonderheit, wie sie der Sternmaterie eigen ist.

Die moderne Zivilisation ist ganz darauf ausgerichtet,

daß ein konstanter und jährlich zunehmender Strom an Energie vorhanden ist. Die heutige Wirtschaft ist in einem dynamischen Gleichgewicht und funktioniert so lange tadellos, als nirgends die kleinste Störung eintritt. In diesem Zustand geben wir uns wenig Rechenschaft über den vorhandenen stetigen Energiefluß, und die Öl- und Kohlendampfer auf dem Rhein empfinden wir im normalen täglichen Ablauf kaum als wesentliche Glieder dieser Kette. Die Suezkrise vor 2 Jahren hat diese empfindliche Gleichgewichtslage offensichtlich demonstriert und dargelegt, wie ungeheuer störanfällig ein technisches Zeitalter ist. Unsere Energiereserven sind so klein, daß sie nur sehr kurze Zeit einen Energieausfall decken können. Um so wichtiger ist der Ausbau eigener Energiequellen, wozu in unserem Lande in erster Linie die Wasserkräfte gehören.

Für ein technisches Zeitalter zählt die Energie zu den wichtigsten Gütern. Die geschilderte Situation läßt ermessen, was es heißt, eine neue Energiequelle erschlossen zu haben. Es führt zu vermehrten Produktionsmöglichkeiten, weiteren Industrien, höherem Lebensstandard, neuem Leben. Alle diese Dinge mögen uns, die wir bereits von der Zivilisation verwöhnt sind, vielleicht wenig bedeuten, und der höhere Lebensstandard ist oft ein zweifelhaftes Geschenk, da er meistens mit der Uniformierung und Verflachung einhergeht. Die Wertung ist aber eine ganz andere, wenn wir alle Völker der Erde ins Blickfeld rücken. Dies müssen wir tun in einer Zeit, wo künstliche Satelliten in 1 1/2 Stunden die Erde umkreisen und Flugzeuge beinah mit der Sonne von einem Kontinent zum andern brausen. Für die entwicklungsfähigen Gebiete ist die Verbesserung der täglichen Lebensbedingungen eine Notwendigkeit und der Besitz genügender Energie dazu der erste

Schritt. Die produzierte Energie pro Kopf eines Landes kennzeichnet eindeutig das Lebensniveau seiner Bewohner.

Die wichtigsten Energieträger der heutigen Welt sind Kohle, Öl, Wasserkräfte und Holz. In unserem Lande liefern die Wasserkräfte ca. 25% des Energiebedarfes, der Rest stammt in der Hauptsache von Kohle und Öl und zu einem geringen Maße aus Holz und Torf. Kohle und Öl sind aber nicht nur Energieträger, es sind auch wichtige Rohstoffe für viele Industriezweige. Sie zu verbrennen, was heute noch in der Hauptsache geschieht, ist Raubbau. In späteren Zeiten, wenn diese Stoffe aufgebraucht sind, wird es nur mit viel Aufwand gelingen, die hier von der Natur präparierten Rohstoffe synthetisch herzustellen. Der Rohstoff der Atomenergie dagegen, das Uran, besitzt außer in Uranreaktoren keine Verwendung.

Neben der Bedeutung als reine Energiequelle gibt es noch andere Gesichtspunkte, die der Atomenergie besondern Wert verleihen. In den Atombrennstoffen ist ein millionenfach größerer Energiegehalt pro Kilogramm Material gespeichert, verglichen mit Kohle oder Öl. Auf kleinstem Raum lassen sich enorme Energien aufstapeln oder transportieren. Ein eindrucksvolles Beispiel von den neu geschaffenen Möglichkeiten liefert das Unterseeboot Nautilus, das über 100000 km Fahrt zurücklegen kann mit einer einmaligen Brennstoffladung und so in der Lage war, die großartige Untereispassage des Nordpolgebietes auszuführen. Ebenso imposante Anwendungen liefern die jetzt in England im Bau befindlichen Atomkraftwerke, wo ein einziges Kraftwerk wie Hinkley-Point 500000 kW elektrische Leistung erzeugen wird, d. h. rund achtmal soviel wie das Kraftwerk Birsfelden.

Eine beängstigende und ungeheuerliche Entwicklung

der Atomenergie hat sich auf dem Sektor der militärischen Anwendungen eingestellt. Dieser Teil ist es auch, der die gesamte Menschheit innerlich unerhört aufwühlt und die Atomenergie zum meistdiskutierten Problem der Welt macht. Die Tatsachen sind folgende: Ist Uran 235 oder Plutonium 239 in überkritischer Menge vorhanden, entwickelt sich innerhalb weniger millionstel Sekunden eine Kettenreaktion, wobei ein einziges Kilogramm spaltbares Material eine Explosionsenergie von 20000 t Sprengstoff vom Typ Trinitrotoluol zu entwickeln vermag. Überdies erzeugen solche Kernexplosionen Temperaturen von der Größenordnung 100 Millionen Grad, also Temperaturen, wie sie im Inneren der Sterne vorkommen. Solche Explosionen vermögen die größten Verwüstungen hervorzurufen, was die relativ kleinen Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zeigten. Inzwischen sind in dieser Richtung neue Ergebnisse hinzugekommen, und die Herstellung von Atombomben mit einem 1000 fach größeren Energiegehalt ist möglich. Glücklicherweise existiert kein Beispiel von der Auswirkung solcher gigantischer Zerstörungsmittel auf bewohnte Gebiete, und es ist auch einem mit der Sache vertrauten Fachmann schwer, sich ein Bild von der Vernichtungskraft solcher Waffen zu machen.

Damit komme ich zu dem Thema, das ich als die humanitären Konsequenzen der Atomenergie bezeichnen möchte. Auswirkungen sind hier vorhanden, denen das einzelne Individuum praktisch ausgeliefert ist. Was die weltweite Diskussion betrifft, die die Atomenergie auszulösen vermochte, stammt sie nicht so sehr von ihren großartigen positiven Möglichkeiten, als von der ungeheuerlichen destruktiven Kraft. Hiezu gehören die von Megatonnen-Explosionen erzeugten und über die ganze

Erdoberfläche zerstreuten radioaktiven Elemente. Es ist dies das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, daß ein materielles und lokal erzeugtes Ereignis sich überall auswirkt und die entferntesten Menschen betrifft.

Zwei Aspekte der Einflüsse sind hier zu betrachten. Einmal die unmittelbaren, als Folge der Atomexplosion selbst, wobei Lebewesen und Kultureinrichtungen in größtem Umfange eine totale Zerstörung erfahren. Dann die nachwirkenden Effekte auf den Menschen, hervorgerufen durch genetische Strahlungsschäden. Die Tatsache besteht, daß die genetischen Einflüsse radioaktiver Strahlen zur Hauptsache die Erbmasse verschlechtern. Nur selten treten Fälle auf, die einer Verbesserung gleichkommen. Daher ist es ein wichtiges Gebot der Stunde, der radioaktiven Strahlung, der die gesamte Menschheit ausgesetzt ist, die größte Beachtung zu schenken und ihr Ausmaß genau zu kontrollieren. Die Entwicklung der Menschheit würde durch die Auswirkungen dieser Strahlen, sollte ein zulässiger Pegel überschritten werden, verhängnisvoll beeinflußt.

Bei der Darlegung der Gefährlichkeit der radioaktiven Strahlung muß die natürliche Strahlung berücksichtigt werden, der die Menschen seit jeher ausgesetzt waren. Diese Strahlung hat ihren Ursprung einerseits in den natürlich radioaktiven Elementen, die in den Stoffen unserer Welt enthalten sind, andererseits in der kosmischen, einer von außen auf die Erde einfallenden Strahlung. Auch diese Strahlen haben eine genetische Veränderung erzeugt und bei der Formung des heutigen Menschen mitgewirkt. Daneben gibt es Einflüsse auf das Erbgut durch chemische, klimatische und weitere Faktoren. Wie sie sich im einzelnen auswirken, hängt von außerordentlich komplizierten Vorgängen ab, und es ist bis anhin nicht möglich,

genaue Angaben über die Mutationsrate der verschiedenen Einwirkungen zu machen. An Fliegen und Mäusen sind ausgedehnte Mutationsversuche angestellt worden, und sie werden in größerem Maße weitergeführt. Über den Menschen selber hat man nur spärliche Erfahrungen, und die Ergebnisse von Fliegen und Mäusen auf ihn zu übertragen, ist, wie heute allgemein anerkannt wird, eine unmögliche Extrapolation. Die Voraussetzungen zur direkten Abschätzung der Gefahren, die dem Menschen von der genetischen Seite her drohen, als Folge der radioaktiven Strahlung, sind daher sehr ungünstig.

Durch eine ganz andere Betrachtung ist es aber möglich, genügend genau abzuschätzen, was eine akzeptierbare Strahlungsdosis für das menschliche Erbgut darstellt. Wie bereits erwähnt, war und ist der Mensch einer natürlichen Strahlung ausgesetzt. Ihre Einflüsse, zusammen mit weiteren mutationsbildenden Faktoren, haben uns so entwickeln lassen, wie wir heute sind. Angesichts dieser Situation kann für die zukünftige Entwicklung, soll sie nicht schlechter verlaufen als die vergangene, folgende Forderung gestellt werden: Jede auf den Menschen einwirkende zusätzliche Strahlung muß kleiner bleiben als die natürliche radioaktive Strahlung. Diese auf Erfahrung beruhende Festsetzung enthebt die Zukunft der Menschheit solchen Risiken, die ihre Lebenstüchtigkeit infolge radioaktiver Strahlung irreparabel vermindern könnten.

Mit dieser Überlegung sind wir in der Lage, quantitativ abzuschätzen, wie gefährlich das bestehende Ausmaß der Radioaktivität infolge der Atombombenversuche ist. Die Angaben des wissenschaftlichen Komitees der UNO zum Studium dieser Fragen lauten: Der radioaktive Niederschlag erzeugt an Menschen eine genetisch wirksame Strahlendosis, die weniger als 1% der natürlichen Dosis

ausmacht. Dieser Prozentsatz stiege auf ca. 10%bei einer Weiterführung der Atombombenversuche. im bisherigen Ausmaße. Obwohl diese Erhöhung der Strahlendosis für die gesamte Entwicklung der Menschheit unschädlich ist, muß ernsthaft geprüft werden, ob auch diese kleine Erhöhung gerechtfertigt ist; denn auch sie fordert ihre Opfer, wenn auch im geringsten Ausmaße. Bei der jetzigen politischen Situation hängt die Verteidigung freiheitlicher Lebensrechte zweifellos noch von Machtmitteln im Ausmaße der Atombomben ab, so daß die geforderten Opfer in keinem Verhältnis stehen zum Gut, das wir uns erhalten müssen.

Die Feststellungen über die gegenwärtige Lage dürfen uns aber nicht von den katastrophalen Gefahren ablenken, die ein atomarer Krieg im großen mit sich brächte. Das Elend der Menschen in einem Atomkrieg wäre entsetzlich. Diese Wirklichkeit bildet gegenwärtig den Hintergrund der meisten weltpolitischen Auseinandersetzungen, und sie stellt wahrhaft grundernste Probleme. Man kann nicht erwarten, daß unmittelbar Lösungen gefunden werden, die dem vollen Ernst der Lage entsprechen; denn es stehen universelle Probleme mit allen ihren Schwierigkeiten vor uns, die Völker mit verschiedensten Kulturen und politischen Einstellungen betreffen. Blicken wir auf die Geschichte unseres Landes und diejenige anderer Völker zurück, wissen wir, welch schwieriges Unterfangen vor uns steht, dessen Lösung Zeit, Güte, Mut und Festigkeit erfordert. Eine wesentliche Voraussetzung für eine Verständigung ist aber gegeben: Die Konsequenzen der Atombomben sind so fürchterlich, daß sie kategorisch nach einer wirksamen Einigung der Völker rufen.

Wenn wir als freie Menschen bestehen wollen, braucht es jedoch mehr als nur militärische Waffen. Wir sind mit

unserem Ethos in eine Sackgasse geraten, und es bedarf einer Erneuerung, der viele liebgewordene Bequemlichkeiten und Ansichten zum Opfer fallen müssen. Der Besitz vom Atombomben zu Verteidigungszwecken ist nutzlos, wenn nicht gleichzeitig der Wille zur Hilfe am nächsten Menschen wieder als höchstes Gebot und als getätigte Praxis durchbricht. Solange wir das Elend und die Not einzelner Menschen, Rassen und, ganzer Völker als Schicksal hinnehmen, wird es schwer halten, den Weg zu einer Verständigung zu finden. Unsere christliche Lebensauffassung könnte uns hier maßgebend helfen, trüge sie nicht so mancher als hoffnungslos abgeschliffene Münze in seinem Sacke. Es ist aber kein Zweifel, daß die heutige Weltlage neben der geistigen Erneuerung ebenfalls eine militärische Stärke der freien Völker verlangt, wollen sie ihre angestammten Rechte bewahren.. Die Existenz von Atombomben verpflichtet uns aber, alles einzusetzen, was nicht der Preisgabe unserer höchsten Ideale gleichkommt, um die Anwendung dieses schrecklichen Zerstörungsmittels zu bannen. Angesichts dieser Tatsache lasten die Tragik ganzer Völker und die Schicksale einzelner Menschen als besonders schwere Mahnrufe auf der heutigen Zeit. Wenn daher unser Volk und seine Regierung sich fragen, welche Vorkehren notwendig sind, um uns eine möglichst große politische Beständigkeit zu sichern, ist es eine zeitgemäße und wesentliche Frage. Persönlich bin ich der Überzeugung, daß wir jene Mittel beschaffen müssen, die uns eine erfolgreiche Verteidigungschance geben und die im Rahmen unserer Neutralität erhältlich sind. Was dazu geeignet und notwendig ist, kann nur eine eingehende, objektive Klärung aller Einzelheiten bringen. Es wäre verfrüht, zum vornherein Atombomben auszuschließen, die heute zu den wirksamsten Verteidigungswaffen

gehören und ohne die jedes Volk einem sie besitzenden Angreifer ausgeliefert ist. Hier könnten uns gutgemeinte humanitäre Gefühle in eine Situation führen, die uns zwar biologisch existieren, geistig aber langsam verkrüppeln ließe. Eine Vergewaltigung der menschlichen Seele ist aber für die Entwicklung der Menschheit nicht minder ernst und tragisch als die Verschlechterung ihrer biologischen Erbmasse.

Nach der Darlegung der umfassenden Weite, die der Atomenergie eigen ist und die nicht nur wissenschaftliche Belange, sondern wesentliche Anliegen des menschlichen Daseins berührt, möchte ich die Frage aufwerfen: Welche Aufgaben stellen sich der Universität inmitten dieser Situation? Die Antwort hängt von verschiedenen Gesichtspunkten ab, die für eine Universität bedeutungsvoll und daher maßgebend sind.

Eine wichtige Aufgabe betrifft die Forschung, die neben der Lehre das zweite Lebenselement einer Universität bildet. Die Forschung vermag dem Menschen eine Antwort zu geben auf das tief in ihm schlummernde Verlangen nach Wissen um die Rätsel seines Daseins, seiner Geschichte und seiner Umgebung. Der Trieb nach Erkenntnis gehört zu den herrlichsten menschlichen Eigenschaften, und durch die Forschung erfährt der denkende Mensch seine höchste Befriedigung. Eine Universität, an der die Forschung nicht mehr gedeiht, ist tot. Sie muß der Ort sein, wo neue Ideen herkommen und Probleme durchdacht werden. Im Gegensatz zu den Forschungen in den meisten privaten Industrien ist die Forschungsarbeit an Universitäten an keine kaufmännischen Bedingungen geknüpft. Nur so ist es möglich, Fragestellungen nachzuspüren, die für wirtschaftliche Verwertung wenig Interesse bieten, dafür aber unter Umständen Einblicke eröffnen,

die ganz neue Zusammenhänge und Erkenntnisse vermitteln. So war es für die Kernphysik. Forscher der verschiedensten Universitäten in aller Welt entwickelten ohne jede Absicht nach materieller Verwertung das neue Gebiet. Die Freiheit in der Wahl von Forschungsprojekten ist meistens gekoppelt mit eng bemessenen finanziellen Mitteln, die vielfach so knapp sind, daß wichtige Untersuchungen liegen bleiben müssen oder doch nur langsam vorwärts kommen. Wenn ich hier von Knappheit rede, sind es nicht in erster Linie die Mittel für Apparate und Einrichtungen. Dankbar wollen wir anerkennen, daß im letzten Jahrzehnt von den Behörden sehr viel geleistet wurde für die Unterstützung der Forschung. Die finanzielle Betreuung einer Universität erfordert erhebliche Leistungen, speziell wenn diese von einer so kleinen Gemeinschaft aufzubringen sind, wie sie unser Kanton darstellt. Andererseits darf mit Genugtuung darauf hingewiesen werden, wie viele Impulse und Anregungen von einer Universität ausstrahlen und wie sehr sie die geistige, aber auch materielle Entwicklung einer Stadt fördert.

Was unsere wissenschaftlichen Arbeiten noch sehr hindert, sind fehlende Stellen für junge Gelehrte, die ihre Fähigkeit zur Universitätsarbeit bewiesen haben. Für diese Kategorie von Wissenschaftern sind Assistentenposten, die noch als Ausbildungsstellen gelten, nicht mehr angemessen. Ebenso unpassend ist es aber, sie lediglich als Hilfskräfte ihrer Chefs zu taxieren. Auch in dieser Hinsicht tut ein Umdenken not. Die Mitarbeiter dieser Kategorie müssen ihre eigene Verantwortung tragen und Rechenschaft ablegen können. Darüber hinaus ist eine wirkliche Zusammenarbeit aller auf einem Gebiete Tätigen notwendig, soll unser kleines Land einen wesentlichen Beitrag zu den großen gestellten Aufgaben leisten können.

Die Entwicklung der kernphysikalischen Forschung führt in immer kleinere Dimensionen. So paradox dies klingt, werden dazu immer größere und kostspieligere Apparate notwendig. Dies hängt mit der Heisenbergschen Ungenauigkeitsrelation zusammen, die aussagt, daß je kleiner eine zu untersuchende Dimension ist, um so größer die Energie des dazu benützten Teilchens sein muß. Apparate, wie sie gegenwärtig am europäischen Zentrum für Kernphysik in Genf zur Untersuchung der Nukleonen gebaut werden, haben bereits einen Durchmesser von 200 m und kosten rund 70 Millionen Franken. Es sind dies Maschinen, die die Möglichkeit einer einzigen Universität überschreiten und nur noch als größere Gemeinschaftsarbeit realisierbar sind. In der Diskussion um die Unterstützung der kernphysikalischen Forschung wird oft die Frage gestellt, ob es überhaupt noch möglich sei, im kleinen Rahmen einer Universität gute Grundlagenforschung in Kernphysik zu betreiben, und es wird die Meinung vertreten, diese gesamte Forschung sei an einem Orte zu zentralisieren. Solche Überlegungen sind absolut berechtigt. Eine Antwort kann meiner Meinung nach weder mit Ja noch mit Nein gegeben werden. Ob größere Gemeinschaftsunternehmen oder mehr individuelle Forschung richtig sind, hängt vom Problem ab. Wenn ein Protonsynchrotron für 25 Milliarden Elektronvolt wie dasjenige am CERN in Genf gebaut werden soll, ist nur ein zentralisiertes Institut dazu in der Lage. Für die Schöpfung grundlegender Ideen, das Durchdenken von Zusammenhängen und das Auffinden neuer experimenteller Methoden sind Universitäten und Hochschulen dagegen selbst heute die geeignetsten Stätten. Der Anfang eines guten Einfalles ist immer noch ein Mysterium, und großangelegte Betriebe mit ihrer unvermeidlichen Vermassung

bilden für solche Geheimnisse kaum den trächtigen Nährboden.

Für die intensive Pflege kernphysikalischer Forschung spricht ein weiterer wesentlicher Grund. Eine ebenso wichtige Aufgabe der Universität wie die Forschung selbst ist die Lehre. Sie weckt in den Studierenden die Freude an der wissenschaftlichen Arbeit und liefert ihnen das notwendige Rüstzeug für eine eigene schöpferische Tätigkeit. Lehre und Forschung gehören untrennbar zusammen, sich gegenseitig ergänzend und befruchtend. Lehre ohne Forschung führte sehr rasch zu einer Übermittelung des Wissensstoffes, bei der die innere Gespanntheit und das Verstehen der wirklichen Problematik verloren ginge. Forschung aber ohne Lehre hätte ohne die stimulierende Umgebung des aufnahmebereiten Nachwuchses zu geschehen. Die angehenden Akademiker sind nicht nur die passiven Empfänger des Neuen, sondern aus ihrer Mitte stammen die Mitarbeiter, die mit jugendlichem Elan bei der Lösung der schwierigen Probleme mithelfen. Die wechselseitige Ergänzung von Forschung und Lehre ist ein charakteristisches Merkmal der Universität, und es ist gerade die Gemeinschaft der Lehrenden und Studierenden, der sie ihre einzigartige und bedeutsame Stellung verdankt.

Das Problem des wissenschaftlichen Nachwuchses erfährt heute eine weltweite Diskussion, da die Ansicht, ein gut geschulter Nachwuchs sei für die Zukunft eines Landes von größter Bedeutung, begründet ist. Es werden denn auch überall gewaltige Anstrengungen gemacht, um hier erfolgreich zu sein. Auf meiner kürzlichen Studienreise in den Vereinigten Staaten von Amerika konnte ich erfahren, mit welchem Ernste diesem Problem begegnet wird. Ein mit der Materie vertrauter Nachwuchs, der eine

wissenschaftliche Arbeit zu beendigen vermag, kann nur herangezogen werden, wenn seine Ausbildung im engsten Kontakt mit der Forschung geschieht, und wenn seine Lehrer selbst der Forschung zugetan sind. Überdies ist es eine undiskutierbare Notwendigkeit, die heranwachsenden Akademiker mit den neuesten Fortschritten bekannt zu machen. Denn es sind gerade sie, die die neuen Ideen und Vorstellungen dereinst sinnvoll in der Wissenschaft, im Leben und in der Technik fortsetzen und anwenden müssen.

Ein letzter Punkt ist noch zu erwähnen. Es ist durchaus richtig, daß an Universitäten in erster Linie Probleme der reinen Grundlagenforschung bearbeitet werden. Dies bedeutet aber keineswegs eine Interesselosigkeit der Praxis an den Ergebnissen. Vor hundert Jahren dauerte es Jahrzehnte, bis neue Erkenntnisse praktische Ausnutzung fanden. Heute ist die Situation gänzlich geändert, indem Forschungsergebnisse unmittelbar angewendet werden. In unserer Zeit sind ganze Industriezweige auf Grund neuester Ergebnisse der Wissenschaft entstanden, wozu die industrielle Ausstellung, die mit der 2. Genfer Konferenz für die friedliche Anwendung der Atomenergie verbunden war, ein eindrückliches Beispiel lieferte, faßte doch der Automobilsalon kaum noch die Aussteller, die sich mit der technischen Auswertung der Atomenergie befassen. Ein industrielles Land wie die Schweiz, und speziell eine Stadt wie Basel, können sich dieser Entwicklung nicht verschließen, und die Erkenntnis, daß eine gute eigene Grundlagenforschung ein Maß für die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Landes darstellt, ist unbestritten. Für die technische Entwicklung haben die Naturwissenschaften eine erstrangige Bedeutung. Der stille Gelehrte der Studierstube und des Laboratoriums, wie er

im letzten Jahrhundert die Regel war, ist selten noch anzutreffen. Die Wissenschafter und Universitätslehrer werden für den wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungsprozeß immer mehr beansprucht.

Die Forschungen auf dem Gebiete der Atomenergie betreffen in erster Linie die Naturwissenschaften, was im Wesen der Sache liegt. Darüber hinaus stellen sich aber für weitere Wissenschaftsbereiche große Forschungsaufgaben. In erster Linie ist die Medizin zu nennen. Die Frage nach den Wirkungen der radioaktiven Strahlen auf den Menschen stellt ein weitschichtiges und wichtiges Problem dar, dessen Ergebnisse nicht nur von enormer praktischer Bedeutung, sondern auch von grundlegendem Erkenntniswert sind. Unser Wissen über die genetischen und somatischen Auswirkungen schwacher und starker Strahlungsdosen ist immer noch sehr mangelhaft. Aber auch für die Rechtswissenschaft ergeben sich neuartige Aufgaben von universellem Interesse im Zusammenhang mit der Ausweitung des Gebietes der Atomenergie.

Wenn die Forschungen auf dem Felde der Atomenergie verschiedene Fakultäten direkt betreffen, gibt es eine Fragestellung, durch dieses immense Gebiet neu aufgeworfen und von höchstem Interesse für die gesamte Universität: Es ist die Frage nach der Verantwortung des Wissenschafters seiner Mitwelt gegenüber. In diesem gigantischen Ausmaße stellt sie sich zum ersten Male. Daß die Lösung nicht darin gefunden werden kann, wie einer meiner Zuhörer eines populären Vortrages vorschlug, alle Forscher umzubringen, die sich auf dem Gebiete der Atomenergie betätigen, ist offensichtlich. Wie die Freiheit, so erträgt auch die Forschung keine äußeren Fesseln. Forschung mit künstlich auferlegten Scheuklappen ist unfruchtbar. Die Forderung dagegen, wissenschaftliche

Erkenntnisse müßten dem Wohle des Menschen und nicht seiner Vernichtung dienen, ist heute ein augenscheinliches Gebot. Der christliche Appell «Liebe deinen Nächsten» versuchte, das Leben der Menschen untereinander erträglich und sinnvoll zu machen. Dieses großartige ethische Gebot konnte sich universell nicht durchsetzen. Die Konsequenzen seiner Mißachtung im Atomzeitalter sind so folgenschwer, daß die gesamte Menschheit angsterfüllt nach einer Sicherung Ausschau hält. Ob in christlicher Sicht oder ohne sie: Die Menschen müssen sich angesichts der bedrohenden Tatsachen zu gegenseitigem Verstehen finden. Hier kann und muß sich nun die geistige Kraft der Universität einschalten. Es geht nicht mehr um Ergebnisse spezieller Forschungen, um die Diskussion engbegrenzter Probleme. Das zentrale Anliegen gilt der geistigen Haltung des Menschen: Ist sie entfaltet und stark genug für die Bewältigung der enormen modernen Aufgaben? In der so wesentlich materiell gewordenen Welt begreift man wieder die Bedeutung des Geistigen als einer elementaren Lebensnotwendigkeit. Für eine Universität als Stätte geistiger Belange ist dies eine wirklich erfreuliche Tatsache. Verantwortung aber, wie sie die jüngsten Ergebnisse der Forschung unbedingt verlangen, kann nur auf dem Hintergrund einer wahrhaft geistigen Orientierung vorhanden sein. Im Atomzeitalter hat daher die Universität einen außergewöhnlichen Beitrag zu leisten, soll sie den an sie gestellten Forderungen gewachsen sein. Sie ist neben Familie, Schule und Kirche wesentlich mitverantwortlich, daß der Mensch nicht das Opfer seiner eigenen Entdeckungen werde. In diesem Vierklang besitzt die Universität eine betonte Note, weil sie jene Menschen heranbildet, die dank ihrer Kenntnisse Geheimnisse der Natur und des Lebens aufzudecken vermögen.

Daß der heutige Forscher nicht nur eine gute Ausbildung in speziellen Fächern, sondern auch eine charakterliche Reife und eine geistig umfassende Bildung aufweisen muß, soll er selber nicht beitragen zum Mißbrauch seiner Arbeit, ist nicht mehr zu bestreiten. Wo könnte er aber all dies besser erhalten als an einer Universität.

Ich habe Ihnen bereits dargelegt, wie wichtig die naturwissenschaftliche Forschung für die technische Entwicklung ist. Müssen wir heute nicht feststellen, daß unsere Zeit es herrlich weit gebracht hat in technischer Hinsicht, ihre geistige Entwicklung aber in keinem Maße Schritt zu halten vermochte mit diesem Aufstieg? Geistige Höhlenbewohner sind wir geblieben angesichts des technischen Fortschrittes. Daß dieses Mißverhältnis dringend revisionsbedürftig ist, sollen wir daran nicht zugrunde gehen, ist vielen Zeitgenossen klar geworden, und eine genügende Unterstützung der Geisteswissenschaften ist deshalb ebenso wichtig wie diejenige der Naturwissenschaften. Nur von einer vermehrten Pflege geistiger Belange vermögen jene Impulse und Vorstellungen auszugehen, die die erschreckenden Anwendungsmöglichkeiten physikalischer Erkenntnisse bannen und dem heutigen Menschen seine elementare Angst vor Vernichtung nehmen könnten. Bedeutsam ist es aber zu wissen, daß der Universität in der jetzigen Auseinandersetzung eine mitentscheidende Rolle zukommt, und daß es letztlich geistige Kräfte sein werden, die den Ausschlag für die Zukunft geben. Nur sie vermögen die vom Menschen entfesselten gewaltigen Naturkräfte zu zähmen und gewähren uns die Freude, ohne Schaden an der unermeßlichen göttlichen Schöpfung Anteil zu nehmen.