reden.arpa-docs.ch
Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Architektur in unserer Zeit

Gedanken zum neuen Hochschulgebäude

Festrede, gehalten von

Hermann Baur,

Architekt, Basel

am Hochschultag der Handels-Hochschule St. GaIlen 10. Mai 1958

Überreicht vom St. Galler Hochschul-Verein

Hochverehrte Festversammlung!

Peter Meyer, Professor für Kunstgeschichte an der ETH in Zürich, schrieb als Einleitung zu seinem Büchlein «Tradition und moderne Architektur» den Satz:

«Über Architektur hat selbst der Gebildete der Gegenwart in der Regel nicht einmal falsche Meinungen, sondern gar keine. Er wandert täglich durch Straßen, ohne zu ihren Häusern ein positives oder negatives Verhältnis zu bekommen, und wenn er zur Ausnahme ein Urteil über ein Gebäude äußert, so klammert er sich an zufällige Einzelheiten, die ihm gefallen oder mißbehagen: eine ungewohnte Form oder die Farbe des Verputzes genügt ihm, ein tüchtiges Gebäude zu verdammen; ein nettes Gitter, um eine Monstrosität zu loben.»

Diese Feststellung, in den Jahren vor dem letzten Weltkrieg gemacht, mag heute etwas überholt sein; denn das Interesse für architektonische Probleme beginnt doch da und dort rege zu werden. Die freundliche Einladung des Rektors der Handels-Hochschule, ich möge am heutigen Tage etwas über die Architektur in unserer Zeit zu Ihnen sprechen, ist für diese Wandlung ja ebenfalls ein Symptom. Aber gemessen an der Art und Weise, wie die zuständigen Menschen früherer Zeiten auf diese Fragen reagiert haben, auch gemessen an ihrer Wichtigkeit für das öffentliche Wohl, kann das Verhältnis, das die Öffentlichkeit zur Kunst des Bauens hat, nicht als ein befriedigendes bezeichnet werden.

Wir geben uns im allgemeinen zuwenig Rechenschaft darüber, welchen Einfluß die Architektur, also die Form des Bauens, auf den Menschen auszuüben vermag. Noch Goethe und seine Zeit wußten um diese Dinge; was Goethe über die erhebende Wirkung einer gutgebauten und die fatale einer schlechtgebauten Stadt geschrieben hat, gilt auch für das einzelne Haus. Denn Bauten stehen an den Straßen und Plätzen, und wir sind ihrem Einfluß ausgesetzt, ob wir wollen oder nicht. So schildert es Goethe:

«Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien, der Geist kann nicht sinken.., und die Bürger am gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand. ... Dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall mit leibigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt der Bürger unbewußt in der Wüste eines düsteren Zustandes.»

Wenn in unserer Zeit Fragen des Städtebaues die Öffentlichkeit bewegen, dann geht es Immer zuerst und sehr oft ausschließlich um den Verkehr oder um die vermehrte Ausnützung und, wenn es hoch geht, um die hygienische Sanierung. Fragen der Form, des harmonischen, rhythmischen Zusammenfügens und dergleichen gelten leicht als suspekt, als Steckenpferde gewisser Idealisten, die man schon deswegen nicht allzu ernst zu nehmen braucht, weil es da um Geschmacksfragen geht, und man ist dann leicht und rasch bereit, sich hinter dem Spruch «De gustibus non

est disputandum» zu verschanzen. Ein Spruch, der wie kaum ein anderer ständig mißbraucht und als billige Ausrede verwendet wird. Denn: Ob ich lieber Bach höre als Beethoven, ob mir Michelangelos Peterskuppel besser gefalle als eine Kathedrale, das ist in der Tat Geschmackssache. Wer aber die mühselig zusammengekleisterten pseudogotischen Kirchen des 20. Jahrhunderts jenen von Amiens, Reims oder Chartres vorzieht, der beweist einfach, daß er keinen Geschmack besitzt. Es ist viel zuwenig ins Bewußtsein des heutigen Menschen eingedrungen, daß auch der Wert der Architektur — sagen wir vorsichtig: weitgehend — nach objektiven Kriterien erfolgen kann und erfolgen muß.

In den anderen Sparten des kulturellen und künstlerischen Lebens ist es längst zur Selbstverständlichkeit geworden, daß eine fachlich zuständige Kritik ordnend, sichtend und richtend in Ihr Schaffen eingreift. In der Architektur fehlt die Fachkritik noch fast vollständig. Was man über neue Bauten in Zeitungen und Zeitschriften zu lesen bekommt, geht im allgemeinen über den Stil von Einweihungsberichten kaum hinaus. Der unabhängige, fachlich geschulte Kritiker hätte aber gerade auf diesem Gebiet eine wichtige Mission zu erfüllen. Er müßte für die Beurteilung von Bauwerken gültige Kriterien entwickeln. Er müßte als eine Art ästhetisches Gewissen über deren Befolgung wachen. Schon allein die Tatsache, daß solche Wächter da wären, würde das Bauen aus dem heutigen Niveau rein wirtschaftlicher oder technischer Betrachtungsweise herausheben in die Sphäre des Geistig-Künstlerischen.

Hier sehe ich eine Aufgabe unserer Hochschulen. Sie müßten die bisherige Praxis in der kunsthistorischen Wissenschaft ausweiten, um sich dem Heutigen, Kommenden mehr zu öffnen. Sie müßten die künftige Architekturkritik herausbilden.

Eine Form der qualitativen Auslese allerdings ist gerade in unserem Lande gut entwickelt: der Wettbewerb zur Erlangung von Projekten, wie sie im allgemeinen für öffentliche Bauvorhaben durchgeführt werden. Man darf wohl sagen, daß sie ein schönes Zeugnis für die ideale Einstellung der Architektenschaft darstellt. Welches Abenteuer, welches Risiko da jeweils eingegangen wird, das haben Sie bei der Durchführung des Wettbewerbes für die Handels-Hochschule selber feststellen können. 117 Projekte gingen ein, Arbeiten, die viel Mühe und hohe Kosten erforderten. Sechs Preise konnten ausgerichtet und zehn Ankäufe vorgenommen werden; alle anderen, zum Teil wertvolle, reife Arbeiten, gingen leer aus.

Nun ist es natürlich nicht zufällig zu diesem Auseinanderfallen von Architektur und Öffentlichkeit gekommen. Im Grunde hat es damals begonnen, als die Architektur sich aus dem Strom des lebendigen Geschehens herausbegeben hat in die Isoliertheit des «I'art pour l'art». Als mit den stürmischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts auf sozialpolitischem, gesellschaftlichem und technischem Gebiete sich die Bindungen an diese grundlegenden Faktoren des architektonischen Schaffens lösten und. neue Zusammenhänge und Anknüpfungspunkte noch nicht gesehen und verwirklicht werden konnten, da flüchtete sich die Baukunst zunächst in die scheinbare Sicherheit der klassischen Formenwelt, in den sogenannten Klassizismus, der als erhaben und zeitlos über dem Geschehen des Lebens zu thronen schien. Im geheimen aber lauerte in ihm schon die Romantik, und die Flucht in die Klassik wurde denn bald auch abgelöst

von jener in die übrigen Stile der Vergangenheit, in Gotik, Romanik und wie sie alle heißen.

Erst als um die Jahrhundertwende herum der Verfall der allgemeinen Qualität, der mit diesem historisierenden, lebensfremden Bauen notwendigerweise eintreten mußte, so kraß wurde, daß er nicht mehr zu übersehen war, brach eine Erneuerungsbewegung aus. Die Architekten, die sich damals zur sogenannten Gruppe des Jugendstils zusammenschlossen, empfanden dieses «Von-gestern-Leben» als eine unerträgliche Last. Man habe genug von den Renaissancen der Renaissance, man wolle wieder einmal eine Naissance haben, schrieb einer ihrer Führer, der Schweizer Hermann Obrecht.

Aber dieses erste begeisternde Aufflackern einer Erneuerung hielt nicht lange an. Noch vor dem ersten Weltkriege wurde sie wieder abgelöst von einem Neuklassizismus, der die Willkür, wie er es nannte, des Jugendstiles angriff und zur Ordnung und Disziplin aufrief. Rückblickend sehen wir im Jugendstil zwar ein fälliges und notwendiges Signal zum Neuen, zum Schöpferischen in der Architektur; sein Fehler und Versagen aber bestanden wohl darin, daß er zu idealistisch die Grundlagen des Bauens ignorieren oder überspringen wollte. Auf ihn trifft das Wort von Romano Guardini zu: «Wer die Schönheit um ihrer selbst willen sucht, dem entgleitet sie, weil er gegen die Grundordnung der Werte gesündigt hat.»

Die zweite, für die Entwicklung der heutigen Architektur entscheidende Erneuerungsbewegung, die in den zwanziger Jahren ausbrach, wollte, ehe sie von Architektur, von Kunst sprach, eben diese Grundordnung der Werte wieder herstellen. Sie vermied aus diesem Grunde selbst das Wort «Architektur» und nannte sich bescheiden «das neue Bauen». Le Corbusier meinte damals in der Einleitung zu seinem Buch «Vers une architecture»: «Comment parler d'architecture avec un détachement élégant, d'architecture résultante de l'esprit d'une époque au moment ou cet esprit est encore recouvert de la défroque insupportable d'une époque mourante.»

Die Schlagworte, mit denen diese neue Bewegung focht und unter denen sie bekannt wurde, hießen: Sachlichkeit, funktionelles Bauen. Schlagworte, die wie immer mißverstanden werden können und es auch reichlich oft wurden. Aber das Anliegen, das dahinter stand, war doch echt und notwendig. Sachlichkeit, das wollte sagen: Laßt uns zur Sache kommen. Laßt uns neu fragen und erfahren, was die jeweilige Sache, die wir zu bauen haben, eigentlich und in unserer Zeit ist und bedeutet. «Das neue Bauen geht aus von den Forderungen und von den Möglichkeiten und erfüllt beide Gesetze bis zum äußersten», so hieß eine der besten Formulierungen aus jener Zeit. Von den Forderungen, das will heißen: von der Aufgabe her soll die architektonische Form entwickelt und sollen die Möglichkeiten unserer Zeit ohne Vorurteil in ihren Dienst gestellt werden. Dies bedeutet zunächst einen «Abfall bis auf die Fundamente», wie der Philosoph Przywara es nannte, einen vollständigen Abbau bisheriger Formen und Konventionen, ein Vakuum auf allen Gebieten der architektonischen Form.

Die Traditionalisten bekamen es mit der Angst zu tun. Damals wurde das Wort vom Kulturbolschewismus geprägt —etwas, das wohl heute angesichts der pseudoromantischen Kunst In Sowjetrußland kaum mehr getan würde. Diese Traditionalisten oder Skeptiker erkannten und erkennen

auch heute oft noch zuwenig den Unterschied zwischen Tradition als einer geistigen Haltung und Tradition als äußeren Form, die je und je dem Wandel der Zeiten unterworfen war.

Auf der anderen Seite wurde allerdings oft simplifiziert. Vor allem in Deutschland gab es jene rationalistischen Verfechter des Neuen, die den Begriff des Funktionellen auf das rein Utilitäre reduzierten und zum mindesten der Meinung Vorschub leisteten, als ergebe sich aus der praktischen Funktion und der Verwendung von modernen Materialien von selbst eine neue Architektur. Unser Landsmann Le Corbusier, der ja seit Ronchamp in aller Munde ist, hat in der Frühzeit sich von solchen Einseitigkeiten frei gehalten, die soviel Mißverstehen verschuldet haben. Hören Sie einige Sätze, die Corbusier damals schrieb: «On met un oeuvre de la pierre, du bois, du ciment; or an fait des maisons; c'est de la construction. Mais taut à coup vous me prenez au coeur, vous me faites du bien, je suis heureux, je dis: C'est beau. Voilà l'architecture. Avec des matériaux bruts, sur un programme plus au moins utilitaire que vous débordez. Vous avez établi des rapports qui m'ont ému. C'est l'architecture.»

In diesem «déborder» liegt das, was das Bauen zur Architektur macht. Im Einbeziehen des Irrationalen, im Erhöhen zum Sinnbildlichen, zu einer Form, die das Eigentliche des Bauwerkes in der Sprache der Architektur auszudrücken vermag.

Heute haben wir von den Übertreibungen und Einseitigkeiten jener Zeit Abstand gewonnen. Im wesentlichen aber basiert die Architektur unserer Zeit auf der Erkenntnis, die damals erarbeitet wurde, daß die Architektur wesenhaft in funktionellen Überlegungen wurzelt. Aber wir haben inzwischen immer neue Inhalte, neue Wertstufen zu erkennen gelernt, in denen sie hinaufgreifen bis in die höchste Sphäre geistiger Existenz.

Architektur Ist Schönheit der baulichen Form als Transparenz der konstruktiven und gehaltlichen Wahrheit. Das hat schon der heilige Thomas van Aquin ausgedrückt mit dem tiefen Wort: «Die Schönheit ist das Durchscheinen der inneren Wahrheit.»

Aber, so werden Sie mich fragen, wie ist die Wahrheit, wie ist der wahre Inhalt, der sich in der architektonischen Form widerspiegeln soll. Der Architekt, der den Inhalt erkennen will, muß sich nicht nur mit den praktischen, sondern auch mit den geistigen und den psychologischen Beweggründen, die hinter der jeweiligen Aufgabe stehen und sie bestimmen, vertraut machen. Es ist ja nicht so, wie manche glauben, daß auf der einen Seite ein Auftraggeber ist, der ein exakt umrissenes und umfassendes Programm vorlegt, das dann der Architekt nur in die bauliche Form umzusetzen hat. Bis zu einem gewissen Grade allerdings ist dem so. Aber über den praktischen Angaben und Anforderungen, die zu geben möglich sind, bleibt die Frage offen, was das nun für den Menschen von heute bedeuten kann. Denn auch vom Inhaltlichen her gesehen stehen wir in einer Erneuerungsbewegung, die sich oft erst unter Kämpfen durchsetzen kann. In diesem Sinne ist die Inhaltsforschung und die Inhaltsbestimmung eine Aufgabe, mit der sich der Architekt auseinandersetzen muß. Versuchen wir das, was damit gemeint ist, durch die Betrachtung einiger konkreter Bauaufgaben deutlicher zu machen. Diese konkreten Beispiele mögen auch die andern Überlegungen, die ich Ihnen vorzutragen die Ehre hatte, etwas erhellen, soweit dieses mit Worten allein möglich ist.

Der Wohnungsbau

Selbst in dieser scheinbar so einfachen Bauaufgabe wirkt dieses Offensein auch von der Aufgabe her und ist diese enge Verflochtenheit von Inhalt und Form sichtbar. Über einigen Grundanforderungen ist man sich zwar einig geworden: Wir wollen nicht mehr die Villa, den nach außen protzenden Palast, nicht mehr die Fassade —wir wollen ganz allgemein die bequeme, die gesunde, die praktische, die sonnige Behausung. Vergessen wir aber nicht: Selbst dieses mußte gegen manches Vorurteil und gegen Konvention erkämpft werden. Aber noch ist die Ausmarchung in vollem Gange: Die moderne Architektur bietet, von den Möglichkeiten der heutigen Technik profitierend, anstelle der heute üblichen Wohnform, in der mehrere in sich abgeschlossene Räume die Wohnung bilden, freie offene Kompositionen an, bei denen gewissermaßen ein einziger großer Wohnraum nur lose aufgegliedert und unterteilt wird. Wird der Bürger diese neue Form als das anerkennen und annehmen, als die ihm unter den heutigen Umständen gemäßeste und optimale Form? Wird er erkennen, daß ihm damit ein Stück Freiheit und Weiträumigkeit zugewiesen würde, nach dem er sich im Grunde seines Innersten sehnt?

Namen von bedeutenden Architekten wären hier zu nennen, die dieses Anliegen visionär vorweggenommen und in ihrem Walten dargestellt haben: Neutra etwa mit seinen eleganten, formschönen Wohnhäusern oder der große Architekt Frank Lloyd Wright, der nicht nur die Vielfalt der materialmäßigen Möglichkeiten uns vordemonstriert hat, sondern auch das reiche und lebendige Spiel von inneren und äußeren Raumfolgen, in denen das Spiel des Lichtes so schöne Wirkungen erzielt, oder Mies van der Rohe. Van der Rohe ist der Meister der klaren architektonischen Form, der die Möglichkeiten der modernen Technik, insbesondere des Metalls, mit einer äußersten Klarheit und Feinfühligkeit in seinen hohen, kristallklaren Baukuben zum Ausdruck gebracht hat. Er ist ein Meister zartester Gliederung. Van der Rohe hat schon vor dreißig Jahren in seinem Ausstellungspavillon in Barcelona das Problem der Polarität von Architektur und plastischer Kunst vorweg gelöst: Vor den klaren, blanken Ausstellungsbau stellte er die bewegte, freie plastische Form.

Das Verhältnis der Architektur zur freien Kunst steht heute im Vordergrund aller Diskussionen. Gerade die heutige Architektur mit ihrer strengen klaren Tektonik ruft nach Ergänzung durch die Werke der Malerei und der Bildhauerei, in einer andern Art freilich, als dies früher der Fall war. Plastische Dekoration und bauliche Form, die zumal im Barock noch zu einem Bild vermengt waren, werden heute in einer klaren Polarität einander gegenübergestellt. Jede der Künste vermag sich so in ihrer vollen Eigengesetzlichkeit auszuwirken, gebunden lediglich durch die vom Architekten vorgenommene Festlegung von Standort und Art der bildlichen Kunst.

Der Spitalbau

Der Bau von Krankenhäusern gehört heute zu den besonders aktuellen Bauaufgaben. Auch hier sind die Auseinandersetzungen über die Funktionsbestimmung

noch nicht abgeschlossen, obwohl sich mehr und mehr für Akut-Krankenhäuser ein bestimmter Typus herauskristallisiert. Zusammenfassung der Bettenstationen in hohen Blöcken, darum herum niedrigere Bauten zur Aufnahme der Behandlungsräume, Polykliniken und dergleichen. Diese Form scheint die optimale Erfüllung jener Anforderungen sicherzustellen, die nun einmal an ein heutiges Krankenhaus zu stellen sind. Es gilt, dem Arzt und dem Pflegepersonal ein Instrument zu schaffen, indem sie den Dienst am Kranken optimal erfüllen können. Dazu bedarf es neben den selbstverständlich gewordenen Einrichtungen eine bauliche Organisation, die kurze Wege schafft und Leerlauf möglichst vermeidet. Der Stand der heutigen medizinischen Wissenschaft erfordert Zusammenarbeit zwischen den MedIzinern der verschiedenen Disziplinen, erfordert das Teamwork. Auch dieses führt zu Verdichtungen in der baulichen Konzeption. Dem Architekten ist es aber im besonderen aufgegeben, in diesen großen Organismen das menschliche Moment zu retten; er unternimmt den Versuch, dies zu erreichen durch Auflockerung im Räumlichen, durch Schaffung von Intimen Krankenstationen und Krankenräumen, durch Einbeziehen der freien Natur. Er bringt in diese Bauten, wo das Leid und oft die Verzweiflung herrschen, Lichtes und Helles hinein: Dienst am Menschen, Dienst am Kranken.

Der Kirchenbau

Auch dieses architektonische Thema par excellence ist von der Erneuerung in dem doppelten Sinne einer neuen Inhaltsdeutung und neuen Formgebung ergriffen worden. Denn auch der Kirchenbau, nicht zuletzt der nur scheinbar an sichere Traditionen gebundene katholische Kirchenbau, ist dem Wandel der Anforderung und Anschauungen ausgesetzt, der Veränderung, die sich durch den Wandel der gesellschaftlichen Struktur und die durch den technischen Fortschritt gegebenen Möglichkeiten ergibt. Gewiß, der Kern dieser Aufgabe bringt ein anderes Blühen. In Zeiten des Umbruchs gilt es festzustellen, was wirklich wesenhaft und immer gültig und was bestimmt Ist, neuen Einsichten zu weichen. Die Quellen der Erneuerung flossen aus dem kirchlichen Raume selbst. Papst Pius X. hatte vor fünfzig Jahren eine Erneuerung des liturgischen Lebens gefordert. Der Gläubige sollte aus der passiven Zuschauerrolle herausgenommen und zur aktiven Mitwirkung an den gottesdienstlichen Feiern geführt werden. Der Gedanke der Einheit und Gemeinschaft von Priestern und Volk ergab für den Kirchenbauplan konkrete neue Forderungen, die In den besten Beispielen der neuen kirchlichen Architektur stufenweise zur Verwirklichung gelangten. Aber darüber hinaus galt es, die psychologischen Faktoren zu erfassen. Damit der moderne Mensch aus der Welt der äußeren Hast und Betriebsamkeit zu geistiger und geistlicher Sammlung geführt werde, bedarf er einer Schale, die ihn umfaßt. Darum diese nach außen oft so geschlossenen Wände, welche die kirchlichen Räume umschließen, still, lautlos. Still, blendungsfrei wird das Licht aus kleinen Kammern, aus schmalen Schlitzen in den Raum hereingeführt. An besonderen Stellen, etwa beim Altar, beim Taufstein, leuchtet es in besonderer Weise auf. Sakralität als Distanz zum Profanen

bietet sich heute am besten In jener Form des möglichst Lautlosen, In-sich-Gekehrten dar, in Räumen, in denen sich der Mensch ohne Ablenkung sammeln und in die Welt des ganz andern versenken kann.

Der Schulbau

Verehrte Festversammlung! Man hat mich gebeten, meine Anmerkungen zur Architektur der Gegenwart unter das besondere Zeichen der von Ihnen geplanten Hochschulbauten zu stellen. Neubauten, die, davon bin ich überzeugt, nicht nur im neuen Schulbau unserer Zeit, sondern in der Entwicklung der heutigen Architektur überhaupt einen bedeutungsvollen Markstein darstellen werden. Ich möchte Sie schon heute dazu beglückwünschen.

An der Aufgabe Schulbau läßt sich das, was ich als das Wesen der baulichen Erneuerung bezeichnet habe, noch einmal und besonders einleuchtend aufzeigen. Die neugeschaffene Einheit zwischen Inhalt und Form, die im 19. Jahrhundert auseinandergefallen war, wird an den neuesten Beispielen im Schulbau besonders deutlich.

Selbst den Schulbauten für unsere Kleinsten, für die sieben- bis zehnjährigen Knirpse, warf man das Repräsentationskleid von Renaissancepalästen über, mit dicken Quadermauern und hohen Portalen, welche das Kind kaum zu öffnen vermochte. Man glaubte wohl, mit diesem klassischen Kleid das hohe Bildungsideal zu ehren und zum Ausdruck zu bringen. Aber der Ruf zum Natürlichen, zum Sachlichen hat hier eine wohltuende Umkehr mit sich gebracht.

Die neueren Schulbauten bieten sich dar als schlichte Gehäuse, dem jeweiligen Maßstab der Schüler angepaßt, freundlich, prätentionslos. Klein den Kleinen: So möchte man das Motto über die ebenerdige Pavillonschule setzen, wie sie vor einigen Jahren in der Schweiz erstmals realisiert wurde. Der Übergang von der kleinen Welt des Zuhause in die erste Stufe der Öffentlichkeit soll dem Kind so leicht als möglich gemacht werden. Freilich, solche Auflockerung muß den gegebenen Verhältnissen angepaßt sein, und sie darf niemals zur ungebundenen Form führen. Was für das Kleinkind recht ist, ist es nicht in gleichem Maße für den Mittelschüler. Neueste Beispiele, wie etwa die Kantonsschule in Zürich, zeigen wieder eine stärkere Zusammenfassung, ohne das Erworbene des Offenen preiszugeben. Aber schon wieder stehen wir an einem äußersten Pol dieses Zentralen, wo neue Gefahren lauern.

Das Projekt der Architekten Förderer und Otto für Ihre neue Handels-Hochschule zeigt hier ein kluges Maß, eine wahre Mitte zwischen Offenheit und Gebundenheit. Ein Maß, das auch der Besonderheit des Geländes, sowohl der topographischen wie der landschaftlichen, in schönster Weise gerecht wird. Die Aufgliederung in einzelne Kuben kommt dem stark kupierten Gelände entgegen, sie bringt auch wirtschaftliche Vorteile. Die durch die verschiedenen Belegungsarten begründete Aufgliederung in verschiedene Kuben ergibt in der vorgeschlagenen Form eine Fülle von äußeren Raumbeziehungen: man schreitet über Treppen und Terrassen, an Plastiken und kleinen Wassern vorbei zum Mittelbau heran. Im Rücken von den Wänden dieses Hauptgebäudes und des Aulabaues

gefaßt, bietet sich talwärts der freie, offene Blick in die herrliche Landschaft: Jedesmal, wenn der Student die Schule betritt oder sie verläßt, bietet sich ihm dieses schöne Bild der Heimat dar.

Schön, wie die einzelnen Baukuben zueinander stehen in wohlgesetzten Proportionen, wie sie gegeneinander verrückt sind, Durchblicke freigeben; und beim Eintreten und beim Durchschreiten der inneren Räume bietet sich wiederum diese Fülle erlebnisreicher Aspekte: Die sammelnde Halle, an der die großen Hörsäle liegen; dazwischen Ausblicke ins Freie, In der Mitte wird der Blick auch vertikal emporgezogen zu den oberen Geschoßen bis zum Haupt, in dem die geistige Zentrale, die Bibliothek, untergebracht ist. Diese letzte Lösung ist eine besonders feine. Nicht nur, daß der Student hier oben in voller Ruhe und ohne Ablenkung seinen Studien obliegen kann, das Gebäude erhält dadurch auch seinen geistigen Kopf. Die geschlossenen Wände dieses Kopfes, in dem sich das Bücherhaus befindet, ergibt auch nach außen wie von selbst eine Dominante, die wir als eine neue Art von Repräsentanz begreifen können.

Der Generaldirektor einer großen Versicherung in Basel, für den ich einen Neubau erstellen durfte, hat mir letzthin gesagt, er erkenne immer mehr, welchen großen Einfluß die bauliche und räumliche Umgebung für das Wesen und das Verhalten des Menschen auszuüben vermöge. In der Tat, ich kann mir nicht denken, daß, wenn nun bald die Studenten, die jungen Menschen von morgen, durch diese wohlgeordneten Bauten Ihrer neuen Hochschule täglich ein und aus gehen werden, sie nicht etwas von den Impulsen verspüren werden, die von ihnen ausgehen. Paul Valéry spricht in seinem «Eupalinos» von den Bauten, die sprechen, von den Bauten, die singen. Mögen diese Eindrücke sich verdichten zum Willen mitzuarbeiten, damit die Wohltaten gutgeformter Bauten und schön gebauter Städte sich mehr und mehr ausbreiten. So vieles liegt im Argen, so vieles ist zu tun. Unsere Städte überfließen; chaotisch und ungeordnet breiten sie sich aus. Diese chaotische Entwicklung in eine geplante, geordnete überzuführen, das ist die große, die nicht mehr aufschiebbare bauliche Aufgabe der kommenden Generation. Sie muß gelöst werden, damit auch in Zukunft wieder der Bürger beim Durchschreiten unserer Städte und Dörfer etwas von dem Erhebenden, Beglückenden verspüre, von dem Goethe gesprochen hat.