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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Der Sprung in die Selbständigkeit (Entwicklungshilfe und Menschheitsproblem)

Rektoratsrede gehalten an der Jahresfeier der Universität Basel

am 23. November 1962
Verlag Helbing & Lichtenhahn Basel 1962

© Copyright 1962 by Helbing &Lichtenhahn, Verlag, Basel
Druck von Friedrich Reinhardt AG. Basel

Hochansehnliche Festversammlung!

Wenn das 19. Jahrhundert dasjenige großer Entdeckungen, und zwar erstmals systematisch provozierter, gezielter Entdeckungen gewesen ist, vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Medizin, so hat dieser Impuls im 20. Jahrhundert nicht nur angehalten, sondern er brachte uns den fast atemberaubenden Schritt ins Atomzeitalter und in die Weltraum-Erkundung, mit seinen noch nicht voll vorauszusehenden, zweifellos aber schwerwiegenden Folgen. Freilich, die Erwartungen, die von Laien und Gelehrten in diesem Zusammenhang für die nähere Zukunft gehegt werden, sind recht verschieden. Sie pendeln hin und her zwischen der Hoffnung auf spektakuläre technische und praktische Erfolge mit allen ihren Konsequenzen für irdische und interplanetare Überlegenheit und Macht; und, im andern Extrem, dem Gespanntsein auf neue Informationen über Existenzformen, Lebens- und Evolutionsmöglichkeiten in andern Welten, die zu wahrhaft umwälzenden Rückschlüssen auf' unser eigenes Sein führen könnten. In vielen Ländern arbeiten ganze Armeen von Menschen verschiedenster Berufsgattungen unter vor kurzem noch kaum vorstellbaren Anstrengungen auf dieses eine Ziel hin, in neue, unbekannte Sphären vorzudringen. Diese Riesenleistungen kommen zustande, obwohl sich die Wissenschaft völlig darüber

klar ist, daß die Erforschung dessen, was unsere eigene Welt an ungelösten Rätseln zu bieten vermag, noch längst nicht abgeschlossen ist und es wohl auch nie sein wird, sodaß die Anstrengungen fortan auf die eigene und auf fremde Welten hin gerichtet sind. Das Streben aus unserm Bereich hinaus ins Weltall ist ohne Spitzenleistungen, nicht nur der Technik, sondern auch des menschlichen Geistes und Verstandes nicht denkbar. Es mußten gewisse, im einzelnen schwer definierbare Reifungsprozesse durchgemacht werden, bevor diese nächste Stufe der Wissenschaftsgeschichte betreten werden konnte.

Diese Situation trifft nun interessanterweise mit einem andern, wohl nicht minder umwälzenden Ereignis auf unserem Erdball zusammen, das, verglichen mit verwandten \/orkommnissen in der Vergangenheit, viel umfassender und eingreifender vor uns steht, fast als ob ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte eingeleitet würde. Ich meine den mit dem Zusammenbruch der Kolonialsysteme offenbar gewordenen Kollektivdrang zahlreicher Völker und ethnischer Gruppen unserer Erde. sich äußerlich und innerlich frei zu machen und ihr Schicksal, wie man zu sagen pflegt, selber in die Hand zu nehmen. Im Gegensatz zur weltbewegenden Atom- und Raumforschung geht es hier nicht in erste!' Linie und nicht allein um Wissenschaft und Technik, sondern vielmehr um ein die ganze Existenz von Völkern betreffendes Vorhaben. Sein Gelingen ist nur denkbar, wenn die inneren Vorbedingungen zur Erringung der hochgesteckten Ziele wenigstens einigermaßen vorhanden sind oder relativ rasch geschaffen werden können. Es ist wohl charakteristisch für den Homo sapiens aller Rassen —und vielleicht ist dies eine Bedingung für

die Sonderstellung, die er unter den Lebewesen einnimmt — daß sein Streben nach Neuem, in seinen Augen Besserem und Höherem, der Bereitschaft dazu oft etwas vorauseilt und damit stets neue Reife provoziert oder impulsiv vorbereiten hilft. Solches zeigt sich ja auch behn gegenwärtig fast hektischen Tasten nach der Eroberung des Weltraumes. Wir nennen die Völker, die heute von diesem Trieb nach Eigenständigkeit beseelt sind, bezeichnenderweise Entwicklungsländer. Sozusagen die ganze Welt nimmt Anteil an ihrem Vorwärts- und Aufwärtsstreben und möchte sich von nah und fern helfend an diesem großen Menschheitsexperiment beteiligen. Da auch die Schweiz, die Stadt Basel und unsere Universität in enge Beziehungen zu dieser Frage getreten sind, möchte ich unter dem Titel «Der Sprung in die Selbständigkeit« dem Menschheitsproblem, vor das uns die Entwicklungshilfe stellt, einige Betrachtungen widmen. Indem ich dies tue, fühle ich um mich versammelt zahllose alte und neueste Erinnerungen und Eindrücke, die ich einesteils hier im Kontakt mit Menschen aller Art, vor allem aber auf weiten Reisen nach Osten, Westen und Süden gesammelt habe. Es sind dies Begegnungen mit Menschen verschiedenster Rassen, von höherer, aber auch niedriger Bildungsstufe, mit denen mich der Zufall zusammengeführt, in bescheidenem Maße auch aktive Mitarbeit an ihrer Weiterbildung in intimere geistige und seelische Beziehung gebracht hat.

Will man sich ein Urteil bilden über die Aufgaben und Aussichten der Entwicklungshilfe, welche diesen imperativ geforderten Sprung in die Selbständigkeit einleiten, also letztlich einmal die Selbsthilfe ermöglichen soll, so fragt man unwillkürlich nach dem geistigen

Stand dieser zur Entwicklung drängenden Menschen und Menschenrassen. Sowie man dies aber tut, verwickelt man sich in Meinungsverschiedenheiten und Mißverständnisse. Denn es bereitet keine geringe Mühe, zu erkennen, daß herkömmliche, oft unüberlegt verwendete Begriffe wie «primitiv» oder «unterentwickelt» an Äußerlichem haften bleiben und daß ihnen keine tieferdringende Wertung zugrunde liegt. Es bleibt aber auch wohl trotz allen bemerkenswerten Forschungsresultaten, wie sie heute vorliegen, eine unlösbare Aufgabe, zu einer mehr als ahnungshaften Vorstellung darüber zu gelangen, wie der menschliche Geist und Verstand aus Uranfängen evoluiert haben mögen und wie die darauf begründete soziale und kulturelle Entwicklung des Menschengeschlechtes vor sich gegangen sei. Der nach seiner prähistorischen Verwurzelung forschende Mensch fühlt, wie ungenügend nur seine Vorstellungskraft hinreicht, um in so weiten Zeiträumen überhaupt denken zu können. Zudem bringt es die Vergänglichkeit der lebenden Materie mit sich, daß er sich mit durch Jahrtausende, ja Jahrmillionen hindurch erhaltenen Knochen und Knochenbruchstücken abfinden muß und darauf angewiesen ist, aus Skelettindizes, allfälligen Werkzeug- oder Waffenresten, aus Höhlenzeichnungen und anderen dürftigen Zeugnissen längst verklungenes menschliches Leben und Wirken und damit den Verlauf der geistigen Evolution zu rekonstruieren.

Sozusagen sämtliche bis heute vorliegenden Funde fossiler Vormenschen und Menschen lokalisieren sich im Quartär, das etwa eine Million Jahre zurückdatiert wird und offenbar die eigentliche «humane Phase» einschließt. Dahinter liegt aber das an die 70 Jahrmillionen umfassende Tertiär, ein ungleich gewaltigerer Zeitraum also,

in welchem sich eine «subhumane Phase» abgewickelt haben muß, eine Art Tier-Mensch-Übergangsfeld, auf welchem die Hominisation angebahnt wurde. Vor einigen Jahren hat unser Ehrendozent JOHANNES HÜRZELER 1 mit der Entdeckung des Oreopithecus in der Toskana einen Fund aus dem Pliozän zutage gefördert, über dessen Einordnung sich die Gelehrten allerdings noch nicht ganz einig sind. Sollte es sich aber in der Tat um den ersten Beleg eines tertiären Hominiden handeln, so wäre damit die Existenz solcher Vormenschen um etwa weitere 10 Millionen Jahre zurück verfolgt, in ein nie geschautes Meer von Zeit, wo sich auch die Pongiden, nämlich fossile Vorläufer der Menschenaffen, als eigene Stämme differenziert und abgesondert haben.

Die eigentliche Evolution und Auffächerung der zoologischen Familie fossiler Hominidae dürfte aber im Pleistozän des Quartärs, d. h. innerhalb der letzten Million Jahre unserer Vergangenheit sukzessive, z. T. auch in parallelen Abläufen, stattgefunden haben. Berühmte Namen, die auch dem Laien bekanntgeworden sind, tauchen da auf. Zuerst der Australopithecus oder Australanthropus aus Transvaal und andere, ähnliche Formen, die heute z. B. nach HEBERER 2 in der Subfamilie der Praehomininen als Australopithecinen zusammengefaßt werden. Dieser ersten werden drei weitere Säulen menschlicher Evolution parallel gestellt, die sukzessive näher an die Gegenwart heranragen und gesamthaft die Subfamilie der Euhomnininae umfassen. Eine untere Stufe nehmen hier die Archanthropinen ein

mit der Gruppe des Zinjanthropus aus Tanganyika, des Pithecanthropus aus Java, des Sinanthropus aus Peking und anderen. Dann folgt die Artengruppe der Palaeanthropinen mit den klassischen Neanderthalern und ihren Vortypen sowie den ähnlich gebauten Formen, wie Broken Hill und Saldanah. Schließlich die Säule der Neanthropinen, die auf verschiedenen fossilen Praesapiensformen sowie auf der bereits wesentlich verfeinerten Grimaldi-Rasse des Aurignacien, der Cromagnon-Rasse des Solutrien und andern basierend in die Homosapiens-Sphäre der Jetztmenschen hineinreicht. Diese Säule trägt nach heutiger Auffassung das ganze komplexe Gebilde der historisch überblickbaren und heute noch lebenden Menschheit, die Vielgestalt ihrer Rassen und Varietäten, über deren Wurzeln und Sonderevolutionen, trotz vieler Hypothesen, sich niemand im klaren ist. Da aber für dieselben in zahlreichen Kombinationen interraciale Fruchtbarkeit nachgewiesen ist, gilt die unbestrittene Ansicht, daß der Homo sapiens, trotz der bemerkenswerten Unterschiedlichkeit seiner zahlreichen Phänotypen, als echte, einheitliche Art aufzufassen sei.

Es ist schon auf die Unzulänglichkeit der fossilen, morphologischen Unterlagen, die dem Palaeoanthropologen zur Verfügung stehen, hingewiesen worden. Man versuchte trotzdem immer wieder, an diesen Materialien den Aufstieg zum Humanen mit optisch feststellbaren Tatbeständen und in meßbaren Werten zu erfassen. Für die Bewertung der für den denkfähigen Homo sapiens vor allem typischen geistigen Evolution interessierte natürlich in erster Linie das Gehirn. Man erwartete, daß sich die zunehmende Hominisierung in Entwicklungsetappen dieses zentralen Organes irgendwie widerspiegeln müsse. Diese Annahme trifft vermutlich

für die histologische Architektur im Sinne einer aufsteigenden Differenzierung der Nervenzelltypen und ihrer Gruppierungen zu, obschon uns hiefür natürlich jegliche direkten Beweise fehlen. Was jedoch das Gehirnvolumen bzw. sein Gewicht anbelangt, das aus den verschiedensten Schädelkapazitäten errechnet werden konnte, so wurden die darauf gesetzten Hoffnungen letztlich enttäuscht. Wohl gilt für den Australopithecus ein Volumen von 700 ccm, für die Archanthropinen ein solches von 1000, für Palaeanthropinen 1200-1600 — Broken Hill sogar 2000 — und für Neanthropinen (z. B. Cromagnon) 1300 ccm. Aber wir wissen heute, daß man sich auf diese scheinbar graduell aufsteigende Linie nicht verlassen kann, indem nämlich das Gehirnmaß allzu großen individuellen Schwankungen unterworfen ist, als daß man es als Gradmesser für geistige Evolution verwenden dürfte. \Vährend z. B. der Inhalt eines Europäergehirns bei 900 ccm noch in die Grenzen der Norm gehört, besaß dasjenige des Erasmus mit 1180 ein bereits von Palaeanthropinen erreichtes Volumen, und dasjenige von Goethe steht mit 2000 massenmäßig auf derselben Stufe wie der Broken Hill. Das Gehirngewicht kann also nichts Entscheidendes über die geistige Evolution aussagen, dagegen liefern zu dieser Frage Beobachtungen über die postembryonale Entwicklung des Menschen wertvolle, wohl grundlegende Anhaltspunkte, wie wir etwas später darlegen wollen.

Es stehen uns aber für die Erfassung der geistigen Evolution noch andere Kriterien zur Verfügung. Sie wirken miteinander kombiniert besonders eindringlich und zeigen, um mit JASPERS zu sprechen, den Weg, wie sich innert Hunderttausenden von Jahren die Grundzüge des Menschseins herausgebildet und fixiert

haben. Der aufrecht werdende Gang dispensierte die Vorderextremitäten von ihrer lokomotorischen Funktion, so daß der Mensch im wahren Sinne des Wortes die Hände frei bekam für völlig neue Beziehungsmöglichkeiten zur Umwelt, die ihn vom Tierlichen abrückten. Der immer deutlichere, reichhaltigere und gepflegtere Gebrauch von Steinwerkzeugen und -waffen, schon im Palaeolithicum und weiter im Neolithicum bis zur Dienstbarmachung des Feuers sowie von Metallen, läßt auf einsichtiges Handeln und auf wachsenden Erfindergeist schließen, wie er eben dein Humanen zukommt. Beeindruckt stehen wir vor den Höhlenzeichnungen und Plastiken, die unter den Händen fossiler Sapiens-Vertreter entstanden sind und die auf hervorragende Beobachtungsgabe, künstlerisches Können und wohl auch auf mystische Beziehungen zur lebenden Natur und auf erste Tabu-Vorstellungen schließen lassen. Einen bedeutenden Schritt brachte die Entwicklung des menschlichen Sprechapparates, das Zusammenspiel von Zwerchfell, Lunge, Kehlkopf, Mund- und Nasenhöhle bei der Formulierung von assoziierbaren Verständigungslauten; sie wurden zu vom Gehirn erdachten und den Nachkommen überlieferten Sprachen, deren Differenzierungsmöglichkeiten über die Welt hin uns füglich bekannt sind und die erst in historisch kontrollierbarer Zeit zur Erfindung von Schriftzeichen führten.

Primitivzustände der eben aufgezählten Errungenschaften erwachenden menschlichen Verstandes haben sich auch heute noch mitten im bunten Gemisch höher evoluierter menschlicher Erdbewohner erhalten, als Inseln gewissermaßen, die an den homo sapiens fossilis erinnern. Man denke an die südafrikanischen Buschmänner mit ihren berühmten Höhlenzeichnungen, an

die in Ceylon aussterbenden Weddas, die F'. und P. SARASIN 3 so gründlich studiert haben, oder etwa an die Pygmäen. Noch heute streifen im Ituri-Wald des Congo Horden dieser seltsamen Zwergmenschen umher, ängstlich jede Gefahr witternd und fast so scheu wie ihre kraftstrotzenden, dunkelfelligen Waldmitbewohner, die Gorillas, welche dort ganz ähnliche Sippenverbände bilden. Aber gerade hier kann man das Humane sozusagen an der Quelle erleben. Trotz mancher Parallelismen, die sich aus gemeinsamer Primitivität ergeben, fällt der Entscheid eindeutig aus: Die gefärbten Rindenschürzen der Pygmäen, ihre selbsterbauten Schutzschirme und Kugelhütten, ihre Bogen und Giftpfeile, ihre einfache Kehllautsprache, nicht zuletzt ihre von GUSINDE 4 erforschte reiche Mythologie, zeugen von einem geistigen Evolutionszustand, der jeden Vergleichsversuch mit Menschenaffen im Keime erstickt, Die sorgfältigen Studien an Gorillakindern in unserem Zoologischen Garten haben das Tiergebundene des Anthropoidenzustandes ja auch wieder klar erkennen lassen.

Es ist nun vielleicht gerade hier der Ort, an ein bereits angekündigtes, weiteres Moment zu erinnern, das den Menschen —auch den Pygmäen — grundlegend auszeichnet, an den Umstand nämlich, dass er gewissermaßen als «Frühgeburt» zur Welt kommt. PORTMANN 5 hat alle

hierüber bekannten Einzelheiten erstmals in einen synthetischen Zusammenhang gebracht. Vergleichend ergibt sich, daß der Menschenaffe im Geburtsmoment ein Gehirngewicht aufweist, welches bereits die Hälfte des Reifezustandes erreicht hat, während das menschliche Gehirn im selben Zeitpunkt erst etwa einen Drittel des Endwertes und nach dem ersten Lebensjahr eben etwa den Geburtswert der Anthropoiden erlangt. PORTMANN weist auf die außergewöhnliche Entwicklungsplastizität unseres Denkorgans hin, die sich, nachdem das Dunkel des Mutterleibes gegen das Licht der Welt eingetauscht wurde, noch weit in die postembryonale Phase hinein manifestieren kann. Ähnliches deckt er auch für andere menschliche Organe auf, in dem Sinne, daß sie keine extremen Spezialisierungen eingegangen sind und sich Plastizität bewahrt haben. Dies führte JASPERS 6 in seinem bemerkenswerten Buch «Vom Ursprung und Ziel der Geschichte» zu folgender Ausweitung der PORTMANNschen These. Er sagt vom Menschen, daß er durch seine Unterlegenheit — eben seine ontogenetische Spätreife — gezwungen und durch seine — in der Plastizität gegebene —Überlegenheit befähigt sei, vermöge des Bewußtseins auf ganz anderem Wege als alle Tiere sein Dasein zu verwirklichen. Dadurch, nicht durch den Leib, sei er für alle Klimate und Zonen, für alle Situationen und Umwelten bereit.

Wie schon erwähnt, gelingt es nicht, die heute lebenden Menschenrassen in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit — nicht einmal in der groben Unterscheidung nach weißer, schwarzer und gelber Hautfarbe — auf prähistorische Ausgangsformen zurückzuführen. Die Fähigkeit

gegenseitiger Vermischung ursprünglich getrennter ethnischer Gruppen mag in gewissen Fällen zur Bildung von Rassen beigetragen und damit auch zu neuen geistigen Mutanten geführt haben. Wir kennen hochwertige Bastarde, die entstanden sind aus Vermählungen zwischen Weißen mit Maoris, Buschmännern, Indianern, Polynesiern. Umgekehrt könnten gerade Isolation und Selektion, vielleicht im Zusammenhang mit strengen Tabu-Vorstellungen, in ähnlicher Weise gewirkt haben, oder auch für jene stagnierenden, geistig erstarrten Mutationen der Buschmänner und Pygmäen verantwortlich sein.

Um nun aber die zerebrale Entwicklungsstufe, das geistige Niveau dieser Rassen zu beurteilen, stützen wir uns im allgemeinen auf ihre Leistungen auf kulturellem Gebiet. Es beeindruckt uns, daß aus verschiedensten geographischen Lagern, die der Homo sapiens jeder Schattierung auf dieser Welt bezogen hat, in Asien, in der Südsee, im Mittelmeer, in Europa, Afrika, Amerika, Kulturen verschiedenster Art und Wertigkeit aufgekeimt sind. Diese in ihrem Ursprung undurchsichtigen Prozesse geistiger und seelischer Kollektivleistungen haben sich, zum Teil nebeneinander, meistens ganz oder fast unabhängig voneinander oft auch in ablösendem Nacheinander vollzogen. Wenn sie auch bis hinauf zu den Hochkulturen der Weltreiche von unterschiedlicher historischer Durchschlagskraft waren, so ist man doch versucht, bei denen, die solche Leistungen hervorbringen konnten, auf eine größere Reife des Geistes zu schließen als bei denen, die bis jetzt auf der Strecke zurückgeblieben sind. Auf diesen Punkt kommt es uns im Zusammenhang mit der Entwicklungshilfe ganz besonders an, denn heute wollen ja gerade viele solche Rückständige, die wir zum Teil noch als Naturvölker

bezeichnen, den Sprung nach vorne durchsetzen. Das Rezept, das sie dabei befolgen und zu dem man ihnen rät, ist neben der Grundlage politischer Freiheit und Selbstbestimmung eine Intensivierung der Ausbildung in Schulen und Universitäten. Dadurch sollen nach umsichtig konzipiertem, den lokalen Bedingungen jeweils angepaßtem System die Kader geschaffen werden, die dem Land bei seinem ökonomischen, technischen und kulturellen Aufbau behilflich sein und dessen künftige Konsolidierung gewährleisten sollen. Wenn wir nun fragen, ob es wirklich die Bildung war, welche Kulturvölker und Weltreiche hochgebracht hat, so wird sofort klar, daß das Problem niemals in dieser Simplizität gestellt werden kann. Denn zahllos sind die exo- und endogenen Faktoren, welche an der Modellierung eines aufstrebenden Volkes mitgewirkt haben und mitwirken und welche auch die bald in die Höhe, bald wieder in die Tiefe tragenden Wellen mitbestimmen. Bei den dominierenden Völkern des Altertums bildeten jedenfalls die großen Massen ungebildeter Analphabeten keinen Maßstab für die Kulturhöhe, die dank einer dünnen Schicht evoluierter Persönlichkeiten erreicht wurde. Diese Führernaturen, Beamten, Priester, Gelehrten, hatten ihre Erziehung bei Hauslehrern oder aber in damals schon bestehenden, für besondere Gesellschaftsklassen reservierten Schulen genossen. Doch wir besitzen genügend Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart, die uns beweisen, daß einerseits die Zahl von Analphabeten kein Gradmesser für Kulturhöhe und anderseits geistige Leistung nicht unbedingt von Bildung abhängig ist. Es ist anzunehmen, daß Sokrates als Mann niedrigen Standes (sein Vater war Steinmetz, seine Mutter Hebamme) vom Unterricht ausgeschlossen war. Die Meinungen gehen

allerdings auseinander, ob er tatsächlich Analphabet gewesen ist oder als Autodidakt Lesen, vielleicht auch Schreiben gelernt hatte. Fest steht nur, daß er nichts Schriftliches hinterlassen hat und daß uns seine Philosophie einzig durch seinen treuen Schüler Platon überliefert ist. Dem Sokrates war also hochwertige geistige Ausstrahlung möglich, ohne daß er je ein Wort geschrieben hat.

Ließe sich aus solchen Feststellungen nicht schließen, daß bei allen heute lebenden Rassen des Homo sapiens die zerebrale Disposition für die geistige Bewältigung des Lebens wahrscheinlich schon seit langem vorhanden ist? Eine Stütze für diese Annahme bildet etwa auch die Tatsache, daß im Prinzip jedes normale Kind, welcher Rasse es auch angehöre, bei früh genug einsetzender geeigneter Belehrung und Übung jede Sprache der Welt erlernen kann. Auf unser Problem angewendet würde dies heißen, daß bei den Entwicklungsländern hinter der diskriminierenden Maske des Bildungsmangels eine Art Grundplan geistiger Bereitschaft steht, auf welchem im gewünschten Sinne aufgebaut werden kann. Nun scheint es aber, daß dieses wichtige und ermutigende Fundament von gewissen hemmenden Schlingpflanzen überwuchert wird. Man hört die Einwände der Skeptiker: Wenn denn die Bereitschaft da ist, warum hat sie die Rückständigkeit nicht aus eigener Initiative bereits überwunden? Ist es nicht unsinnig, zu hoffen, man könne Jägervölker, Nomaden, primitive Ackerbauern aus ihrem begrenzten Denken und Wirken herausreißen und zu Staatsbeamten, Lehrern, Technikern, Ärzten, Forschern ausbilden? Und dann das andere: Ist es, auch wenn es gelingt, zu verantworten, diese beschaulich Dahindämmernden, worunter sich auch

eigentliche Künstler des Müßiggangs befinden, in den Strudel einer Zivilisation hineinzuziehen, die uns oft als ein etwas fragwürdiges Mosaik menschlicher Hochleistungen, aber auch menschlichen Versagens vorkommt? Sollen auch sie in der Hetze des Aufbauens die Entzauberung der Welt erleben müssen? Man mag sich zu diesem letzten Punkt stellen wie man will, er ist heute gar nicht mehr diskutabel, da das in dieser Sturm- und Drangzeit explosionsartig sich durchsetzende Verlangen nach dem Sprung in die Selbständigkeit solche Überlegungen völlig übertönt und es schon kein Zurück mehr gibt. —Nun aber zur ersten Frage, zur diskreditierenden Beurteilung des «Nachhinkens»! Es darf, wenn auch der Funke noch nicht gezündet hat, daraus nichts Negatives abgeleitet werden. Denn die Geschichte sowohl als die Gegenwartssituation zeigen, daß der Zeitpunkt, zu welchem sich ein Volk oder eine Rasse zu Sonderleistungen aufgerufen fühlt, nicht unmittelbar von vorhandener geistiger Reife bestimmt wird, sondern daß ein solches Ereignis irgendwann, auch in mehrmaliger Wiederholung, innerhalb langer Zeiträume und aus ungeklärten Beweggründen eintreten kann. Dagegen muß jetzt von einer besonderen Überwucherung des erwähnten geistigen Fundamentes gesprochen werden, die hier eine bedeutende Rolle spielt. Mit seinem Denkapparat und seinem seelischen Empfinden rafft sich der Mensch nicht nur zu Höhenflügen auf, sondern er auferlegt sich auch mehr oder weniger bewußte Beschränkungen. Wir denken an das bereits mehrmals erwähnte Tabu und geben dem Begriff der Tabuierung hier einen weiten Sinn. Der sogenannte zivilisierte Mensch, der erstmals Naturvölker kennenlernt, erwartet vielleicht, bei ihnen völlige Freiheit anzutreffen, ein zwangloses Leben, in einer für

alle sorgenden, weitgehend unausgeschöpften Natur. Er wird aber erstaunt feststellen, daß es auch hier diese idealisierende Freiheit, im Sinne ungebundenen Naturlebens, gar nicht gibt. Denn die einfachen Menschen sind sich ihrer körperlichen Unzulänglichkeiten in der Preisgabe an eine unberechenbare, feindliche Umwelt bewußt. Naturkatastrophen aller Art, wilde Tiere, unerklärliche Krankheiten und Todesfälle, Stammesfehden bedrohen mannigfach ihre Existenz, und in ihrer Angst haben sie sich der Autorität des Tabu unterworfen. Ein selbst erdachtes, in der Überlieferung gewachsenes System streng einzuhaltender Regeln, die ihnen etwa gebieten, bestimmte Gegenstände, Örtlichkeiten, Tiere oder Menschen zu meiden, sich in einer bestimmten Situation so und nicht anders zu verhalten, die Widerstandsfähigkeit und Vitalität ihrer Sippe durch bestimmte Handlungen und Vorkehrungen zu fördern, die oft von reichem Zeremoniell begleitet werden. In diesen seltsamen, psychologisch noch völlig ungenügend erforschten Normen ursprünglichen Soziallebens kommt auch eine Art Urmoral zum Ausdruck, jenes immanente Gewissen, das spontan zwischen Gut und Schlecht unterscheidet (Synderesis), und zwar nach Grundsätzen, die auch uns geläufig sind. Mit religiösen Vorstellungen verbunden, können sie sich zu einem eigentlichen Mythos ausweiten. So fremdartig uns anfänglich diese Tabus erscheinen mögen, so erkennt man doch bei tieferem Eindringen in ihnen klopfenden Herzens das Gemeinsame des Humanen. Vergleichend sieht man dann plötzlich, daß auch wir gewissermaßen in Tabu-Vorstellungen, von ganz anderer Nuancierung freilich, befangen sind. Regeln über das, was man tun und lassen soll, haben sich auch hierzulande in Hunderten

von Jahren nicht nur zu einer bloßen Etikette, sondern zu einem starken Traditionsbewußtsein verdichtet, bis daraus vielleicht die unnachgiebigen Fesseln der Gesetze oder auch die hohen Grundsätze der Religionen geworden sind. Diese evoluierten Tabus bilden um uns eine Art selbst ausgeschiedene, schützende Kapsel, in der sich unsere Gemeinschaft sicher fühlt, die unserem Dasein Halt und Geschlossenheit gibt, die aber auch unsere Möglichkeiten einengt. Menschengruppen, die sehr verschiedenen, primären und evoluierten Tabu-Kapseln angehören (um bei diesem Bild zu bleiben), kommen sich zwangsläufig fremd vor, wenn sie sich begegnen. Erst wenn es gelingt, die Kapseln aufzubrechen, sie sich gegenseitig zu erschließen, wird trotz ungleicher Ebene über das verbindende Humane der Weg zum Verständnis geebnet, und völlig neue Kräfte werden damit frei.

Hiemit sind wohl die wichtigsten Voraussetzungen und Elemente aufbauender Entwicklung und Entwicklungshilfe charakterisiert. Die grundsätzliche geistige Bereitschaft des nach Entwicklung Strebenden ist vorhanden, er muß aber einerseits fähig sein, die allzu enge Kapsel seines Tabus zu sprengen, anderseits sich Bildung erwerben, denn diese bildet zur baldigen Erreichung seiner hochgesteckten Ziele den geeignetsten Katalysator. Und Eile tut not, denn vielerorts ist ja die äußere politische Befreiung bereits erzwungen, eine Führerschicht vorhanden, die innerstaatliche Organisation aber erst im Werden. Tief unter der stolz aufragenden Kuppel vegetiert. die schlecht vorbereitete, noch im Alten befangene Masse des Volkes, die noch kaum weiß, was ein Beruf ist. Es gilt nun in erster Linie, eine Art geistigen Mittelstand zu schaffen, denn ein

modernes. solides Staatsgefüge benötigt Tausende von Köpfen und Händen, in verschiedenster Richtung spezialisert. Und hier sollen und wollen nun erfahrenere Völker mithelfen. Man sagt, es sei schwer, aus den Erfahrungen der andern zu lernen. Die Zeitnot zwingt aber die Entwicklungsländer dazu, und es kommt deshalb heutzutage zu sehr verschiedenartigen Kontakten zwischen Völkern, die sich bisher kaum gekannt haben. Aus diesem Sich-fremd-sein resultiert verständlicherweise auf beiden Seiten eine Art Konsternation, ein Zögern und Suchen. Denn die als wichtig erkannte, an sich schon schwierige gegenseitige Erschließung wird ja noch durch politische Spannungen im Großen und im Kleinen erschwert. Das Eingreifen der zur Hilfe Aufgerufenen erschöpft sich deshalb allzu gerne in Vorsondierungen, Besprechungen, Gutachten und voluminösen Berichten, wo doch das Handeln so notwendig wäre. Vielfach wird auch von begüterten Nationen Zuflucht zu riesigen Geldspenden genommen, die doch nur dann sinnvoll sind, wenn sich hüben und drüben Menschen dahinter stellen, die den Kontakt finden und bereit sind, sich selber einzusetzen.

Es sollte bei der Entwicklungshilfe ja weniger um die Weitergabe eigener Auffassungen gehen, als vielmehr um das Vermitteln vom Lehrstoff und Wissen, so lange, bis diese Aufgabe vom betreffenden Land selber übernommen werden kann. Dabei wird es ohne die Preisgabe gewisser orthodoxer Methoden, ohne ein Zusammendrängen der Lehrprogramme nicht ganz abgehen. Zwei Wege der Fortbildung sind bereits beschritten, von denen jeder, wenn richtig gewählt, zu einem guten Ziel führen kann: Der eine ist die Transplantation an unsere Hochschulen und Institute, und wir dürfen hoffen, daß

auch unsere Universität als altbewährtes Forum des Geistes und der Bildung und unsere weltoffene Stadt dieser bereits freizügig übernommenen Aufgabe gerecht werden. Der andere Weg, die Hilfe am Ort, zwingt den Lehrer zu besonderen Umstellungen und Anpassungen als Fremder in fremdem Land. Und da Lehren ohne Vertrauen hier besonders fruchtlos wäre, muß dieses geschaffen und sozusagen täglich neu erworben werden. Wir müssen in fremden, dunkeln Gesichtern, die auf der Schulbank vor uns sitzen und uns in der Freizeit begegnen, lesen lernen, so wie auch sie uns betrachten und versuchen, aus uns klug zu werden. Die in Konkurrenz tretenden Tabus Mißtrauen, Empfindlichkeiten, falsche Interpretation bestimmter Reaktionen, Regungen, auf die man nicht genügend achtet, sie bilden zwischen uns ein Dickicht, durch das wir unverzagt den Weg zueinander bahnen müssen. Noch steckt die psychologische Erforschung dieses Zusammenpralls in ihren Anfangsstadien, und es kann deshalb nichts Gültiges darüber ausgesagt werden. Aber wenn es Takt und Einfühlungsvermögen zulassen, dürfen wir jetzt schon erleben, daß sich die Homines sapientes, wer sie auch seien, auf der gemeinsamen Grundlage des Humanen finden. Wenn wir die echt menschlichen Kennzeichen gütiger Toleranz und Freundlichkeit und auch etwas Humor im nicht zu vermeidenden Ernst des Unterrichts immer wieder aufblitzen lassen, dann wird die Kraft weltweiter Verbundenheit in humanem Geist das Trennende in den Hintergrund drängen. Die ungeheure Lernbegier, die für Schüler in Entwicklungsländern so charakteristisch ist, ihr begeisterungsfähiges, emotives Wesen, ihre noch immer ziemlich ausgeprägte Sucht, es dem weißen Mann gleichzutun, erleichtern unsere schwierigen Vorhaben.

Der Lehrer muß aber gleichzeitig dafür sorgen, daß neben dem Technischen des Berufes auch das Ethische nicht vergessen bleibt und gebührend eingeprägt wird. Denn hier, wie schon oft in der Menschheitsgeschichte, droht wieder neu das Aufkommen eines wild um sich greifenden Materialismus und Egoismus, und man könnte, wie der flämische Franziskarterpater PLACIDE TEMPELS 7 warnt, mit dem Vorhaben, «zivilisieren» zu wollen, Gefahr laufen, den «Menschen» zu töten und die Zahl der Entwurzelten zu erhöhen.

Wir stehen erst am Anfang und es wäre vermessen, ein Urteil darüber abzugehen, wie dieses große Experiment ausgehen wird. Indem wir daran teilnehmen, müssen wir ohne Angst vor Risiko oder Mißerfolg jederzeit bereit sein, uns vor Unerwartetem zu beugen und uns zurückzuziehen, oder aber, wer kann es sagen, uns mitzufreuen über neue Akzente, welche die heute aufstrebenden Völker in das Getriebe der Welt bringen werden. Die Zukunft ist keineswegs ohne Hoffnung, und leuchtende Säume überstrahlen die dunklen Wolken, wenn wir TEMPELS' Bantu-Philosophie lesen und darin aus dem Munde des großen Negerdichters AIMÉ CÉSAIRE die folgenden Worte hören:

Es ist nicht wahr, daß das Werk des Menschen getan ist,

daß der Mensch fertig ist,

daß wir nichts mehr zu tun hätten auf der Welt,

daß wir uns dem Gang der Welt nur anpassen müßten;

das Werk des Menschen hat gerade erst begonnen...

Und dann weiter jene ergreifend bildhaften Verse über ihre Philosophie, indem er die Afrikaner preist als:

jene die nicht das Pulver erfunden haben und nicht den Kompaß

jene die nicht den Dampf bezwangen und nicht die Elektrizität

jene die nicht die Meere erforschten und nicht den Himmel...

aber sich hingeben, ergriffen, dem Wesen der Dinge, unkundig der Schale, doch gepackt von der Schwingung der Dinge,

nicht aufs Bezwingen bedacht, aber spielend das Spiel der Welt.