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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

VIELFALT UND EINHEIT IM LEBENDIGEN

JAHRESBERICHT 1962/63

Druck: Art. Institut Orell Füssli AG, Zürich

INHALTSVERZEICHNIS Seite

I. Rektoratsrede 3

II. Ständige Ehrengäste der Universität 19

III. Jahresbericht 20

a) Dozentenschaft 20

b) Organisation und Unterricht 28

e) Feierlichkeiten, Kongresse und Konferenzen . . . 43

d) Ehrendoktoren und Ständige Ehrengäste 45

e) Studierende 46

f) Prüfungen 48

g) Preisinstitut 50

h) Stiftungen, Fonds und Stipendien 52

i) Kranken- und Unfallkasse der Universität . . . . 59

k) Witwen-, Waisen- und Pensionskasse der Professoren der Universität Zürich 60

l) Stiftung zur Förderung der Fürsorgeeinrichtungen für die Professoren der Universität Zürich (SFF) . . 61

m) Zürcher Hochschul -Verein 62

n) Stiftung für wissenschaftliche Forschung an der Universität Zürich 66

o) Jubiläumsspende für die Universität Zürich . . . . 70

p) Julius Klaus-Stiftung 73

IV. Vergabungen 77

V. Nekrologe 83

I.
FESTREDE
DES REKTORS PROFESSOR DR. ERNST HADORN
gehalten an der 130. Stiftungsfeier der Universität Zürich
am 29. April 1963

Vielfalt und Einheit im Lebendigen

Der schwedische Naturforscher Karl von Linné unternimmt im achtzehnten Jahrhundert den großartigen Versuch, alle Formgestalten dieser Erde, als da sind: Menschen, Tiere, Pflanzen wie auch leblose Naturkörper und Stoffe in einem umfassenden Werk, das er «Systema naturae» nennt, zu ordnen, zu benennen und zu beschreiben. Die erste Auflage dieses Buches ist 1735 erschienen. Bis zu Linnés Tod im Jahre 1778 folgen sich noch dreizehn weitere Ausgaben. Souverän fügt dabei der große Meister auch alle Geschöpfe, die ihm neu zur Kenntnis kommen, seinen Naturreichen ein, indem er jedes Wesen einer Klasse, einer Ordnung, einer Gattung (Genus) und schließlich einer Art (Species) zuteilt. So zählen wir bei Linné 4236 Tierarten. Seither haben fleißige Zoologen viel Neues entdeckt, so daß heute gegen eine Million Tierarten bekannt sind.

Bevor wir uns dieser unvorstellbar reichen Mannigfaltigkeit nähern, wäre klarzulegen, was denn als eine Art oder Species gelten soll. In dem Systema naturae führt Linné unter der Gattung Equus drei Arten an: Pferd, Esel und Zebra, und er nennt sie: Equus caballus, Equus asinus und Equus zebra. Solche Doppelnamen gelten auch heute noch als allgemein verständliche und verbindliche Bezeichnungen von Arten. Dabei sind Arten durch Populationen von häufig recht variablen Individuen charakterisiert, die aber je unter sich eine erfolgreiche Fortpflanzungsgemeinschaft bilden können. Andererseits sind zwischen verschiedenen Arten Isolationsmechanismen wirksam, die einen Austausch von Erbfaktoren verhindern.

Bei Linné erscheint in der Ordnung der Primaten auch die Art Homo sapiens mit all ihren Rassen und Formtypen. Wir stimmen auch heute dieser vereinigenden Zuordnung vorbehaltlos zu; denn nach den erwähnten Kriterien gibt es jetzt und gab es mindestens seit fünfzigtausend Jahren nur eine Species Mensch. So gehören die Feuerländer, Pygmäen und Australier zusammen mit uns allen zur gleichen Arteinheit.

Die Fossilfunde der letzten Jahrzehnte zeigen allerdings, daß dieser eine Homo sapiens an eine artenreichere Mannigfaltigkeit frühmenschlicher und vormenschlicher Formen anschließt. So existierten gleichzeitig noch vor 500000 Jahren nebeneinander auf dieser Erde der Australopithecus robustus und der Homo erectus. Die neuzeitliche Konzentration des Menschenstammes auf eine einzige Art mag eine notwendige Folge der kulturellen Entwicklung sein. Ähnliche Arten können sich in der Regel nebeneinander nur dann halten, wenn sie mindestens in einigen Bereichen nicht konkurrieren, wenn sie zum Beispiel verschiedene Wohnräume oder unterschiedliche Nahrungsquellen beanspruchen. Sie sind dann je auf das Leben in verschiedenen «ökologischen Nischen» spezialisiert, und ihre Expansion ist weitgehend durch Umweltbedingungen eingeengt. Werkzeuggebrauch, plastisch-intelligentes Verhalten und Übermittlung von Erfahrung durch Sprache haben dem Menschen eine Unabhängigkeit von der Umwelt gesichert, wie sie bei keinem Tier auch nur annähernd möglich wäre. So nützt der Mensch alle ihm erschließbaren ökologischen Nischen aus, und für eine zweite, ähnlich expansive und umweltgestaltende Art konnte es keinen Platz mehr geben.

Dieser einen Species Homo sapiens stellen wir nun die bereits angekündigte Mannigfaltigkeit von einer Million bekannter Tierarten gegenüber. Sie teilen ihren Lebensraum mit etwa 300000-400000 Pflanzenarten. Wer könnte solchen Reichtum noch erfassen! Um die 4000 Säugetiere und über 8000 Vögel erscheinen mit ihren gelehrten Namen in den Werken der Systematiker, und sie füllen die Sammlungen der großen Museen. Doch wird diese Vielfalt der Wirbeltiere weit übertroffen vom «Heer der

Insekten», das Joseph Haydn in seiner Schöpfung in wenigen Takten als verwirrend summende Masse im «Schwarm und Wirbel» aufklingen läßt. Diese Tiere mögen mit etwa 750000 Arten im Zoologischen Inventar stehen. Die Zahl der Spezialisten reicht bei weitem nicht aus, um jeder Gruppe auch nur einen fachkundigen Bearbeiter zuzuteilen. So warten heute viele Familien und Gattungen von Insekten, aber auch von Spinnen und Krebsen, auf ihren wissenschaftlichen Betreuer, und viele Arten bleiben unbestimmt und unbenannt, oder sie sind noch nie gesehen und gesammelt worden.

Die Anzahl der noch zu entdeckenden Arten läßt sich kaum abschätzen. Sie ist sicher gering bei Vögeln, wo unterirdische, unauffällig kleine und stumme Formen fehlen. Hier mögen an die 99% aller existierenden Arten bekannt sein. Dagegen sind kompetente Systematiker der Meinung, daß kaum ein Fünftel der heute lebenden Insekten und Spinnentiere entdeckt und benannt ist. Ähnliches mag für andere Gruppen von Wirbellosen gelten. Daß dichter Urwald und Tiefsee noch ungezählte Neuheiten verbergen, beweist jede Expedition. So ist anzunehmen, daß neben fast einer Million bekannter Tierarten auf unserer Erde noch weitere Millionen unbekannter Species leben, die in das Systema naturae unserer Zeit noch nicht eingereiht sind.

Die Taufliege Drosophila melanogaster ist weltbekannt. Der Gunst dieser Art verdanken wir die Erkenntnis von der linearen Anordnung der Gene in den Chromosomen, und an diesem Tier wurde auch die mutationsauslösende Wirkung von ionisierenden Strahlen entdeckt. Die Arbeit an dieser Fliege hat zudem Wesentliches beigetragen zum Verständnis der biochemischen Wirkung der Gene, und das Tier dient als Modell beim Studium der Populationsdynamik. Neben Drosophila melanogaster sind noch einige hundert andere Arten dieser Gattung bekannt, von denen aber nur wenige in die Laboratoriumsarbeit einbezogen wurden. In der Schweiz leben in freier Wildbahn um die dreißig Arten. Ein Kollege sammelte vor einigen Jahren an der Elfenbeinküste und entdeckte in drei Monaten siebzig neue Drosophila-Arten, die systematisch unter sich mindestens ebenso verschieden sind

wie Pferd und Esel oder Fuchs und Wolf. Solcher Reichtum bringt dem Erstbeschreiber nomenklatorische Sorgen. Für die afrikanischen Neuarten wurde auf ein weiteres Variieren lateinischer und griechischer Wortstämme, die durch bestehende Arten bereits zur Genüge strapaziert sind, verzichtet. Das Lokalkolorit würdigend, wird die Eingeborenensprache herangezogen, und so heißt jetzt und für alle Zukunft eine dieser Fliegen Drosophila akai, was die Schöne bedeutet.

Fragen wir jetzt, wie und warum die Evolution die Vielfalt der Arten hervorbringt. Wir wollen dabei von jenen Befunden aus— gehen, die Charles Darwin zu den Grundkonzeptionen seiner Lehre führten. Fast tausend Kilometer westlich des südamerikanischen Kontinentes sind im Stillen Ozean als Folge vulkanischer Ereignisse die Galapagos-Inseln aufgestiegen. Allmählich wurden sie von Landpflanzen und auch von einigen Tieren besiedelt, die dort in der Isolation eigene Wege der Artdifferenzierung einschlagen konnten. Einmal — so dürfen wir annehmen —wird auch ein Flug einer südamerikanischen Finkenart auf die Inselgruppe verschlagen. Diese Vögel finden dort ein Neuland mit vielfach noch freien ökologischen Nischen, verteilt auf verschiedene Inseln. Die Einwanderer, obschon zur gleichen Art und Brutgemeinschaft gehörend, bringen individuelle genetische Unterschiede mit sich. Diese mögen in einem noch freien Umwelt-System dazu führen, daß von verschiedenen Brutpaaren bald unterschiedliche Wohnräume und Nahrungsquellen bevorzugt werden. Durch Neumutation von Genen und durch Neukombination der vorhandenen Genzustände vergrößern sich die genetischen Unterschiede zwischen isolierten Gruppen. Wiederum bietet das ungenützte Freiland dieser zunehmenden Mannigfaltigkeit verschiedenartigste Lebensmöglichkeiten. Das Abwandern in ökologische Nischen, wie auch die Gründung von Ablegerpopulationen auf den verschiedenen Inseln des Archipels läßt die ursprünglich einheitliche Population immer mehr in isolierte Fortpflanzungsgruppen aufsplittern, zwischen denen der Genaustausch zum Stillstand kommt. Damit aber ist der entscheidende Schritt zur Aussonderung und Stabilisierung neuer Arten getan.

Die auf diesen Inseln vollzogene Artbildung erkannte Darwin 1835 bei seinem denkwürdigen Besuch im fünften Jahr der Weltumsegelung. Tatsächlich leben heute auf den Galapagos vierzehn Finkenarten nebeneinander, die sich morphologisch und besonders auch im Verhalten unterscheiden. Einige sind Körnerfresser geblieben, wobei die eine Art allerdings als Grundvogel, die andere als Busch- und Baumbewohner lebt. Andere Arten sind in völlig neue Nahrungsräume eingepaßt; so gibt es Kaktusfresser, die sich fast ausschließlich von den Früchten der Opuntien ernähren. Da auf den Galapagos insektenfressende Kleinvögel fehlen, wird diese freie Nische nun auch von Finken besetzt, wobei die Schnabelform sich zur Pinzette wandelt. Schließlich ernährt sich eine Art wie ein Specht; zwar gelang es diesem Finken nicht, auch noch die lange Spechtzunge zu entwickeln. Doch tritt hier eine verhaltensmäßige Anpassung in die Lücke: mit einem abgebrochenen Kaktusdorn wird der Schnabel zum verlängerten Werkzeug, das erlaubt, die Insekten aus den engen Verstecken herauszuholen. Wir sehen, wie stark in der Evolution eine Tendenz wirksam ist, die dazu führt, die verschiedenartigsten Lebensmöglichkeiten zu nutzen.

Die Darwinfinken lassen uns die Vielfalt der Artentwicklung verstehen als Ergebnis einer nie stillestehenden evolutiven Wandlung. Eine genetische Variabilität, die stets durch Neumutation genährt wird, setzt sich auseinander mit allen Möglichkeiten und Ansprüchen der verschiedenartigsten Umwelten und läßt Millionen von angepaßten Arten entstehen.

Im Evolutionsgeschehen, das die überreiche Mannigfaltigkeit der Arten hervorbringen konnte, sind andererseits aber auch die Ursachen für umfassende Einheitsprinzipien begründet, die im Lebendigen verwirklicht sind. Diesen allgemein verbindenden Komponenten wenden wir uns jetzt zu. Würde ein mit Vernunft begabtes und naturwissenschaftlich geschultes Wesen, das ähnlich wie wir beobachten und abstrahieren könnte, von einem fernen Himmelskörper herkommend, heute unsere Erde betreten, so stünde dieser Gast zunächst hilflos vor den Millionen verschiedenartiger und fremder Organismen. Allmählich aber

müßte dem forschenden und ordnenden Geist auffallen, daß sich in der Mannigfaltigkeit einige wenige Bauplantypen verbergen. Unser Besucher würde die Existenz der großen Tier- und Pflanzenstämme entdecken, und er könnte die Arbeit als Systematiker und vergleichender Morphologe aufnehmen. Dabei fände er zum Beispiel, daß alle Tiere mit einem segmental gegliederten Achsenskelett in der Lage und Ausbildung von Nervensystem und Sinnesorganen, von Verdauungskanal und Kreislaufapparat übereinstimmen und daß auch Hormondrüsen und Fortpflanzungsorgane als Abwandlungen von einheitlichen Grundtypen zu deuten sind.

Wir nehmen an, daß solche Übereinstimmungen auf den gemeinsamen stammesgeschichtlichen Ursprung einer Gruppe hinweisen. Offensichtlich gelingt es in der Phylogenie nur selten, ein vollkommen neues Organelement in einen Bauplan einzufügen. So gibt es im Stammbaum der Wirbeltiere, wenn wir von den Fischen über die Amphibien und Reptilien zu den Säugetieren und Vögeln aufsteigen, kaum irgendwelche morphologische Neuerungen, die nicht bereits in den Vorfahren durch homologe Bildungen vorbereitet wären. Unsere Schilddrüse ist abzuleiten von einer schleimführenden Rinne am Grunde des Kiemendarmes primitiver Fische, und der Hammer im Mittelohr funktioniert noch bei Reptilien als ein Knochenelement des Kiefergelenkes. An diesem phylogenetischen Konservatismus mußten all jene Bemühungen scheitern, die im Organinventar des menschlichen Körpers nach dem spezifisch Humanen suchten. So sollte nach dem Anthropologen J. F. Blumenbach das Fehlen eines Zwischenkiefers als ein menschliches Sondermerkmal gelten. Lorenz Oken, der erste Rektor unserer Universität, hat noch nicht phylogenetisch argumentiert. Es waren naturphilosophische Überlegungen, die ihn in Gegensatz zu Blumenbach brachten und die ihn zum Nachweis eines Zwischenkiefers auch beim Menschen führten 1. Unabhängig von Oken entdeckte — wie allgemein bekannt ist — auch Goethe den Zwischenkiefer. Damit wurde von zwei schöpferischen Zeitgenossen eine Erkenntnis über die Einheit lebendiger Gestalten vorweggenommen, bevor

solche Befunde im Rahmen der stammesgeschichtlichen Kontinuität ihre naturwissenschaftliche Erklärung finden konnten.

Das konservative Beharren auf einmal erreichten Strukturelementen wird oft erstaunlich wenig von phylogenetischen Wandlungen berührt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen finden wir bei allen Säugetieren sieben Halswirbel. Diese Einheitszahl wurde offenbar bei gemeinsamen Reptil-Vorfahren schon festgelegt. Und daher ist verständlich, daß so unterschiedliche Funktionstypen wie Giraffe, Maulwurf, Mensch und Wal ihre Halsskelette mit der gleichen überlieferten Wirbelzahl konstruieren. So sind in einem gegebenen Zeitquerschnitt die Organisationsmerkmale der Lebewesen niemals nur als unmittelbar wirksame Funktionsstrukturen zu verstehen. Sie sind vielmehr ebenso geprägt durch ihre historische Herkunft. Dank diesen geschichtlichen Komponenten läßt sich die Formenfülle in einige umfassende Bauprinzipien einordnen. Allerdings müssen wir gestehen, daß die stammesgeschichtliche Deutung und die Suche nach den historischen Zusammenhängen noch bei weitem nicht abgeschlossen sind.

Besondere Probleme ergeben sich namentlich beim Versuch, große Stämme, wie Gliederfüßler, Mollusken und Wirbeltiere, die sich wesentlich in ihren Organisationsplänen und Entwicklungsmechanismen unterscheiden, zueinander in Beziehung zu setzen oder gar überzeugend voneinander abzuleiten. Diese Schwierigkeiten dürfen uns jedoch nicht daran hindern, auch hier auf eine alles vereinigende Einheit hinzuweisen.

Wir meinen die Tatsache, daß die Lebewesen aus Zellen aufgebaut sind und daß diese Elementareinheiten des Lebendigen nach gleichen Organisationsplänen konstruiert sind. Dabei geht die Übereinstimmung bis zu letzten elektronenoptisch noch auflösbaren Strukturen des Plasmaleibes, und die Chromosomen der Zellkerne werden als Träger der Erbsubstanz bei der Zellvermehrung und der Keimzellreifung überall nach dem gleichen universellen Mechanismus verteilt und kombiniert. Daher gelten die Vererbungsgesetze allgemein, und eine auf allgemeine Erkenntnis ausgerichtete Forschung kann das günstige Objekt frei wählen.

So beruht das rasche Auf blühen der Genetik zu einer umfassenden Grundwissenschaft vom Leben darauf, daß Befunde, gewonnen an Viren, Bakterien, Hefen, Schimmelpilzen, Blütenpflanzen und Fliegen zusammen mit Entdeckungen an Mäusen und Menschen, ein einziges in sich geschlossenes Lehrgebäude ermöglicht haben.

Gewiß wollen wir die Mannigfaltigkeit der Differenzierungen nicht unterschätzen, die der allgemeine Grundplan der Zelle erlaubt und die zu so hoch spezialisierten Funktionstypen wie Nerven- und Muskelzellen führt. Doch begegnen wir stets den gleichen Konstruktionsprinzipien; diese sind bereits bei einem scheinbar niederen Tier ebenso vollkommen verwirklicht wie etwa im menschlichen Körper. Wie universell die Identität der zellulären Differenzierungen sein kann, zeigt sich zum Beispiel im Feinbau von Flimmerhaaren, Geißeln und Spermaschwänzen. In all diesen Bewegungsorganellen finden wir einen Kranz von neun Doppelfibrillen, die zwei zentrale Fibrillen umgeben. Diese «9+2»-Formel ist verwirklicht in den Cilien und Flagellen tierischer und pflanzlicher Einzeller; sie gilt ebenso für die Wimpern der Rippenquallen, der Seeigellarven und der Muschelkiemen wie für die Flimmerhärchen in unseren Luftwegen. Schließlich bewegen sich die Samenzellen von Mensch, Fisch, Insekt, Wurm, Farn und Moos auf Grund dieses einen Konstruktionsplanes.

Worauf mag wohl solche Uniformität beruhen? Wir sehen nicht ein, warum eine Geißel nicht auch mit einer anderen Fibrillenzahl schlagen könnte. Ist es vielleicht so, daß diese Bewegungsstruktur nur einmal «erfunden» wurde? Die ersten einzelligen Flagellaten, von denen sowohl Tiere wie Pflanzen abzuleiten sind, hätten die «9+2»-Formel begründet. Das Befolgen dieser Bauvorschrift mußte dabei unter der Kontrolle der Erbsubstanz stehen. Während Jahrmillionen über alle Evolutionsstufen und hinein in alle Äste der Stammbäume blieben diese Gene wirksam. Sie wurden von den Vielzellern übernommen und kommen unverändert überall dort zum Einsatz, wo Cilien und Flagellen gebaut werden. Nach dieser Deutung beruht die Einheit der Struktur wiederum auf der Einheit des Ursprungs.

Noch eindrucksvoller als in der Morphologie äußert sich die Einheit der zellulären Leistungen in der Biochemie der Stoffwechselvorgänge. Eine Amöbe gewinnt ihre Energie über gleiche oder ähnliche Stufen und unter Einsatz gleicher Enzymmoleküle wie ein Säugetier. So leben und atmen wir nach uralten biochemischen Riten, die bereits bei den Einzellern in ihren anspruchsvollen Grundzügen festgelegt sind. Die Leistungen eines Bakteriums oder eines Pilzes sind daher keineswegs noch einfach oder primitiv. Sie übertreffen vielmehr in manchen synthetischen Fähigkeiten das biochemische Vermögen höherer Tiere. Die verbreitete Vorstellung vom «einfachen Leben» auf primitiver Stufe wird im Hinblick auf die Biochemie der Lebensvorgänge unhaltbar. In den ersten zellular gebauten Organismen mußten schon viele der noch heute allgemein wirksamen Stoffwechselsysteme in ihrer vollen Komplexität begründet sein. Diese Fundamentalprozesse, die erst in ihrer Gesamtheit das Leben sichern, konnten von allen Nachkommen übernommen, modifiziert und mannigfach neuen Zwecken dienstbar gemacht werden.

Die Gewißheit von der Einheit alles Lebendigen wurde im letzten Jahrhundert durch die Zelltheorie begründet und anschließend durch die Darwinsche Evolutionslehre dem Verständnis erschlossen. Unserem Jahrzehnt war es vorbehalten, eine weitere entscheidende Einsicht zu gewinnen und zu sichern, die in ihrer allgemeinen Bedeutung nur mit den größten Entdeckungen der Physik und Chemie vergleichbar ist. Wir wissen jetzt, daß eine einzige Molekülart, die Desoxyribosenukleinsäure (DNS) als Erbsubstanz aller Lebewesen und auch bei vielen Viren wirkt. Lediglich bei einzelnen kleinen Virusarten übernimmt die sehr ähnliche Ribosenukleinsäure die entsprechende Rolle. Ein einfaches Bauprinzip erlaubt es, mit Nukleinsäure die Gene aller Lebewesen aller Zeiten zu konstruieren. Vier Elementarbausteine (Nukleotide), die sich in je einer Base unterscheiden, werden in freier Auswahl und freier Anordnung zu genischen Molekülverbänden aneinander gereiht.

Da im Einzel-Gen einige hundert bis tausend Bauelemente zusammengefügt sind, können die Erbfaktoren in unendlicher

Mannigfaltigkeit je spezifisch verschieden aufgebaut werden. Ein Code-System ist gefunden, das mit seinen vier Buchstaben eine unbeschränkte Vielfalt an Informationen speichern kann, und es macht keine Schwierigkeiten, einige zehntausend Gene, die in der Erbsubstanz eines Organismus benötigt werden, je unterschiedlich zu buchstabieren. Auch für all die verschiedenartigen Gene von Millionen verschiedener Arten liefert der Code alle differenzierenden Wortgefüge. Der DNS-Code der Erbsubstanz erfüllt aber nicht nur alle Anforderungen eines quantitativ und qualitativ unbeschränkt aufnahmefähigen Informationsträgers. Er genügt des weiteren auch noch den drei folgenden Ansprüchen:

Erstens läßt sich die Erbsubstanz auf kleinstem Raume unterbringen. So sind alle Gene des Menschen, die ein Vater seinem Kind weitergibt, im Kopf der Samenzelle, das heißt in einem Kügelchen von nur zwei tausendstel Millimeter Durchmesser eingepackt, und in drei kleinen Stecknadelköpfen ließe sich die Erbsubstanz der drei Milliarden heute lebender Menschen unterbringen.

Zweitens zeigt der molekulare Bau der DNS an, wie sich bei jeder Zellteilung die Erbsubstanz so vermehren kann, daß alle Tochterzellen wiederum mit allen Genen ausgerüstet werden. Dieser Replikationsmechanismus sichert auch die Kontinuität in der Generationenfolge und ist verantwortlich für den Konservatismus im Fluß stammesgeschichtlicher Wandlungen.

Drittens ist die genische DNS zwar von hoher, aber doch nicht von absoluter Stabilität, und sie vermehrt sich keineswegs stets mit Sicherheit strukturgetreu. Es ereignen sich Mutationen. Ein Bauelement kann durch ein anderes ersetzt werden; die Reihenfolge oder Anzahl der Buchstaben in einem Segment des Codes mag sich ändern. So oder so wird die Spezifität des Genes betroffen, und das für Mutationen offene System bietet der natürlichen Selektion stets neue Genotypen zum Ausprobieren an.

Die alles Lebendige umfassende Einheit in der Stoffnatur und Struktur der Erbsubstanz wird, wie wir auch erst seit kurzem wissen, erweitert durch ein wahrscheinlich ebenso umfassendes

Grundprinzip, das jegliche Genwirkung charakterisiert. Als primäre Erbmerkmale werden spezifische Eiweißmoleküle gebildet. Diese sind ebenso wie der DNS-Gencode aperiodisch gebaut und erlauben daher qualitative Varianten in unbeschränkter Anzahl und Vielfalt. Als Bausteine dieser primären Genprodukte stehen für alle Lebewesen zur Hauptsache die gleichen zwanzig Aminosäuren zur Verfügung. Die Auswahl und Anordnung dieser Aminosäuren wird durch ein Matrizensystem geprägt, das am Gencode geformt wird. Je eine spezifische Dreierauswahl aus den vier frei kombinierbaren Basenbuchstaben des genischen Alphabets wird zur Bestimmung je einer Aminosäure benötigt. Ein Genmolekül, das aus einigen hundert solchen «Triplets» besteht, vermag daher seine Information auf den Aufbau einer großen Polypeptidkette zu übertragen, die sich aus ebenso vielen Aminosäuren zusammensetzt und die ihrerseits Teil eines noch größeren Eiweißmoleküls ist. Die verschiedenartigst strukturierten Eiweiße wirken in den Zellen vor allem als spezifische Enzyme. An die Tätigkeit dieser Katalysatoren sind alle Lebensleistungen gebunden, und die genbedingten Makromoleküle bestimmen in ihrer Gesamtheit auch die biochemische Individualität der Zelle und des Organismus.

Über den Ursprung des Lebens wissen wir nichts Sicheres; doch scheint jetzt festzustehen, daß der entscheidende Schritt mit der Entstehung von Nukleinsäuremolekülen getan ist. Als Gene sollen sie die Fähigkeit haben, sich in der organischen Materie identisch zu vermehren, und sie müssen sich mit anderen Makromolekülen umgeben, deren Struktur sie bestimmen und die die Grundfunktionen der Lebensvorgänge übernehmen. Wir wissen nicht, ob diese an sich recht schwierig erscheinende Kreation auf unserer Erde mehrmals und unabhängig voneinander gelungen ist. Die Einheit im Lebendigen spricht eher fur einen einmaligen Dauererfolg, der vielleicht aus unzähligen Ansätzen hervorging.

Mit Ungeduld warten die Biologen jetzt auf Informationen aus fremden Welten. Falls es auf dem Mars Lebewesen gibt, was an sich möglich erscheint, so möchten wir wissen, ob das

irdische DNS-System auch dort als Erbsubstanz wirkt und ob wie bei uns Proteinmoleküle als Biokatalysatoren tätig sind. Selbst unser nächster Nachbar, der Mond, könnte einige Rätsel lösen, falls in seinem Oberflächenstaub organische Moleküle gefunden werden, die als Vorstufen des Lebens in Frage kommen.

Wir haben eingangs den Artenreichtum auf unserer Erde charakterisiert. Anschließend versuchten wir, diese verwirrende Formenfülle einzufangen in verschiedene Systeme von Einheitsprinzipien, die sich aus gemeinsamen stammesgeschichtlichen Ursprüngen ergeben. Lassen sie mich zum Abschluß nochmals auf die Vielfalt zurückkommen. Dabei soll uns nicht mehr die Mannigfaltigkeit der Arten, sondern das Individuum im Rahmen jener einen Art interessieren, der wir selbst angehören.

Der Homo sapiens ist als eine besonders variantenreiche Art zu beurteilen. Er ist polytypisch in eine große Zahl geographischer Rassen gegliedert, und innerhalb eines Rassenkreises erscheinen seine Individuen in polymorpher Vielfalt. Abgesehen von eineiigen Zwillingen stimmen keine zwei Menschen genetisch überein. Diese Aussage gründet auf folgender Überlegung: Wir alle sind gemischterbig (heterozygot) für zahlreiche Genpaare oder Allele. Bei der Keimzellreifung wird aus 46 Chromosomenpaaren ein Satz von 23 Genträgern ausgewählt. Falls in jedem elterlichen Chromosomenpaar auch nur eine Alleldifferenz besteht — eine Annahme, die die wirkliche Heterozygotie weit unterschätzen mag — so ergeben sich 2 23, das sind acht Millionen verschiedenartige Möglichkeiten für das Inventar an Erbfaktoren in einem Spermium oder in einer Eizelle. Aus der freien Kombinationsmöglichkeit bei der Befruchtung könnten dann 2 46 oder siebzig Billionen erbmäßig unterschiedlich konstituierte Kinder hervorgehen. In Geschwisterschaften dürften daher die Wiederholungen erst von der siebzigsten Billion an auftreten. Diese Rechnung lehrt, daß jeder Mensch als genetischer Einzelfall konzipiert wird und daß zudem ungezählte Möglichkeiten von Erbtypen überhaupt nie verwirklicht werden.

So tritt jedes Menschenkind sein Leben mit einer einmaligen Kombination von Genmatrizen an, die zunächst seine biochemische

Individualität bestimmen. Wie sieh auf dieser Grundlage die Entwicklung zur integrierten Gestalt und Persönlichkeit vollziehen kann, dies erscheint auch dem Naturwissenschafter als das große Lebenswunder. Jedenfalls prägt die genetisch bedingte biochemische Individualität das Individuum zeitlebens. Aus dieser Eigenart ergeben sich unter anderem unüberwindliche Schwierigkeiten für den Erfolg von Gewebe- und Organtransplantationen, und jeder Arzt kann erfahren, wie unterschiedlich viele Patienten auf eine standardisierte Therapie reagieren.

Das Wissen um solche Erbelemente der Konstitution darf uns aber nicht dazu verleiten, einen weiteren Wesenszug biologischer Entwicklungssysteme zu übersehen. Mit allem Nachdruck ist nun an dieser Stelle hervorzuheben, daß durch die Erbsubstanz nicht fertige Merkmale festgelegt sind. Vererbt wird vielmehr ein meist reiches Repertoire an offenen Reaktionsmöglichkeiten. Umweltwirkungen der verschiedensten Art entscheiden erst im Verlauf der Entwicklung über das, was im Rahmen der genetischen Möglichkeiten zur Verwirklichung kommen kann. Diese Einsicht zieht notwendige Grenzen gegen zwei extreme und falsche Auffassungen. Sie wendet sich einerseits gegen jeden sturen Erbdeterminismus, der zur therapeutischen und erzieherischen Resignation führen muß und der nur zu oft als Entschuldigung für eine sozial ungerechte Gesellschaftsordnung herangezogen wird. Andererseits kann der Genetiker auch dem Roußeauschen Aufklärungsideal, wonach alle Menschen gleich und gut geboren sind, nicht zustimmen. Dem naiven Glauben an die formende Allmacht der Umwelt, dem die französische wie die russische Revolution verpflichtet ist, haben wir die Tatsache gegenüberzustellen, daß den menschlichen Möglichkeiten erbmäßig unterschiedliche Grenzen gesetzt sind.

Dabei möchten wir keinen grundsätzlichen Unterschied zugestehen zwischen Erbfaktoren, die im körperlichen und solchen, die im psychischen Persönlichkeitsbereich wirken. So wie es Gene gibt für Pigmentstufen, Nasenformen, Blutgruppen und Stoffwechselqualitäten, so werden auch Komponenten der Intelligenz, des Affektverhaltens, der Konzentrationsfähigkeit und Elemente

für schöpferische Fähigkeiten durch Gene entscheidend mitbestimmt.

Diese im psychischen Leistungsfeld wirkenden Erbfaktoren sind in einer Population in ähnlich variantenreichen Kombinationen unterschiedlich auf die Individuen verteilt, wie die Gene etwa, auf denen die Variabilität in der Körpergröße beruht. Mit der erbmäßig festgelegten Vielfalt hat sich jede Gesellschaftsordnung wie auch jedes Erziehungs- und Schulungsprogramm auseinanderzusetzen. Die Lösung muß in einer Umweltgestaltung gesucht werden, die im Idealfall jedem Individuum erlauben sollte, aus dem Repertoire seiner genetischen Möglichkeiten die besten Persönlichkeitskomponenten zu entwickeln und zu integrieren. Dieses Postulat läßt sich allerdings nur in unvollkommener Annäherung verwirklichen, da es niemals möglich ist, ebenso viele differenzierte Bildungswege zu öffnen, wie es individuell unterschiedliche Genotypen gibt.

Doch ergeben sich wiederum klare Abgrenzungen nach zwei Seiten hin. Eine Aufteilung der Gesellschaft in geschlossene Kasten, in starre Zunftordnungen und exklusive Klassen hindert das Einpassen des Individuums in die ihm gemäße Bildungs- und Berufsschicht, und so verkümmern oder leiden viele Talente in falscher Umgebung. Ebenso abwegig und im Endergebnis auch ungerecht ist ein einheitliches Schulungssystem, das auf einem falsch verstandenen Demokratismus gründet und in dem versucht wird, allen Alles und Gleiches zu bieten. Benachteiligt sind hier nochmals und besonders die Hochbegabten der sozial ungünstig gestellten Schichten. Ihnen stehen bei weitem nicht jene Möglichkeiten zur Verfügung, die dem Begüterten erlauben, durch zusätzliche Bildung sich aus der Uniformität der Durchschnittsschulung herauszuheben.

Wo stehen wir in unserem Lande und wie sind die zürcherischen Bildungsmöglichkeiten zu beurteilen? Wir glauben, daß bei uns die Bedürfnisse der genetisch Schwachbegabten ernst genommen werden und daß für sie vielfach optimale Schulungsbedingungen verwirklicht sind. Diese großen und segensreichen Anstrengungen ehren Gesellschaft und Staat, und wir bewundern

all jene Erzieher, die den Benachteiligten helfen. Auch die mittleren Begabungstypen — so scheint uns — finden in unseren Schulen und Bildungsanstalten eine Umwelt, die ihren Möglichkeiten angepaßt sein kann.

Ungenügend und unverhältnismäßig bescheiden bleibt daneben die dringliche Förderung der Bestbegabten. Auf ihre Leistung ist; ein kleines Land in besonderem Maße angewiesen, und wir müssen diese Elite in jeder Gesellschaftsschicht und Berufsgruppe suchen, finden und nach hohen Ansprüchen bilden. Nun hören wir aber aus der Öffentlichkeit immer wieder Klagen, wonach die Jugend in den Schulen aller Stufen bereits überfordert sei. Beruhen solche Sorgen nicht in vielen Einzelfällen darauf, daß unsere Schultypen noch zu wenig nach Leistungsmöglichkeiten differenziert sind, und verstärken sich die Schwierigkeiten nicht auch deshalb, weil allzustarre Reglemente den Wechsel von einem Bildungsweg zu einem anderen —und besser passenden — erschweren? So mag in der gleichen Klasse neben dem tatsächlich Überbelasteten auch der nur ungenügend Versorgte sitzen. dem man ein Mehrfaches an Anstrengung zumuten dürfte. Diese ungelöste Problematik belastet nicht nur die Mittelschulen; sie macht sich besonders geltend schon in den letzten Klassen der gemeinsamen Volksschule, die bei uns sechs Jahre beansprucht.

Die Benachteiligung der Hochbegabten erfüllt auch den Universitätslehrer mit Sorgen. Die beängstigend ansteigende Zahl der Studierenden, sowie der Sog, der ausgeht von dem ungedeckten Bedarf an Akademikern. bringt uns in Gefahr, den Unterricht auf ein bequem erreichbares Mittelmaß einzustellen. Eine Hochschulreform, die nach der an sich unerläßlichen Vermehrung des Lehrkörpers ruft, wird nur dann sinnvoll, wenn sie gleichzeitig eine nach Leistungsmöglichkeiten differenzierte Ausbildung sichert. Nur so werden wir den Ansprüchen der schöpferisch Veranlagten gerecht.

Die Vielfalt der menschlichen Begabungen haben wir als naturgesetzliche Gegebenheit hinzunehmen. Nicht minder entscheidend soll die Überzeugung sein, daß der Mensch vor allen Arten ausgezeichnet ist. Unserer Verantwortung ist aufgetragen, jedes Individuum zu achten in seinem einmaligen Menschenwert.

Eine solche verpflichtende Wertsetzung läßt sich allerdings nicht allein naturwissenschaftlich begründen. Es haben vielmehr im Rahmen einer Universitas alle Fakultäten mitzuwirken an der Lösung einer Aufgabe, die sich in jeder Zeit erneut stellt: die Gemeinschaft ist so zu gestalten, daß individuelle Gaben und Talente bestimmungsgemäß fruchtbar werden.