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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

UNGEWISSHEIT UND VORAUSSICHT IM WIRTSCHAFTSLEBEN

I. DIE UNGEWISSHEIT ALS BEHERRSCHENDES ELEMENT DES WIRTSCHAFTSLEBENS

Alle wichtigen Entscheidungen im Wirtschaftsleben sind zukunftsbezogen. Alle beruhen notwendigerweise auf einer Beurteilung der mutmasslichen Entwicklung der Wirtschaft in einer nahen oder fernen Zukunft und erfolgen daher unter Vorwegnahme künftiger Ereignisse. Nur wenige dieser Entscheidungen können, um mit GUTENBERG 1 zu sprechen, «unter Sicherheit» getroffen werden in dem Sinn, dass man sich bei seinen Dispositionen auf zukünftige Ereignisse oder Daten beziehen kann, die schon heute bekannt sind. Das kommt zwar gelegentlich vor. So sind wir z.B. schon seit Herbst 1966 über das genaue Ausmass der bis Ende 1968 unserer Hochschule zustehenden Bundeshilfe sowie über die ebenfalls bis 1968 zu erwartenden Beiträge von Stadt und Kanton an die laufenden Betriebsausgaben orientiert und können unsere Ausgabenpolitik darnach ausrichten.

Solche Entscheidungen sind jedoch selbst in einem modernen Wohlfahrtsstaat, der gewisse dirigistische Züge aufweist und sich durch ein nicht unerhebliches Mass an staatlichen Kontrollen und Interventionen auszeichnet, verhältnismässig selten. Schon häufiger sind die Entscheidungen, die im Hinblick auf zukünftige Ereignisse getroffen werden, deren Eintreten man zwar nicht genau voraussagen, aber doch innerhalb wahrscheinlichkeitstheoretischer Sicherheitsgrenzen vorausschätzen kann. Diese Entscheidungen «unter Risiko» spielen vor allem im Versicherungswesen eine grosse Rolle, ja der Versicherungsvertrag stellt geradezu das klassische Beispiel für eine solche Entscheidung dar, gleichgültig, ob er das Risiko des Ablebens einer Person, des Eintreffens eines Unfalles, eines Krankheitsfalles oder irgendeines Sachschadens zum Gegenstand hat.

Im gesamten diapositiven Bereich einer Volkswirtschaft kommt jedoch auch diesen Entscheidungen eine unvergleichlich geringere Bedeutung zu als denjenigen, die «unter Unsicherheit» oder «Ungewissheit» getroffen werden müssen und sich auf zukünftige Ereignisse beziehen, die man a priori nicht kennt, ja nicht einmal auf der Grundlage objektiver Wahrscheinlichkeiten vorausschätzen kann.

Ein wesentlicher Grund für diesen Zustand allgemeiner Unsicherheit liegt in dem, was die Theorie mit dem Begriff der «unvollkommenen Markttransparenz» umschreibt, d.h. in dem nur ungenügenden, bruchstückhaften Wissen über das, was in der Wirtschaft vor sich geht. Es ist allgemein bekannt, dass der sachliche Informationsstand der handelnden Wirtschaftssubjekte sehr lückenhaft ist. Selbst wenn ausreichende Informationen über den einen oder anderen Sachverhalt vorhanden zu sein scheinen, ist ihr Informationsgehalt oft nur gering, weil die Angaben zu unbestimmt und unpräzise sind, um den Entscheidungsinstanzen in der Wirtschaft zu ermöglichen, ihre Dispositionen auf eine verhältnismässig sichere Wissensgrundlage zu stellen. Dazu kommt, dass die Menschen selber sich der Unvollkommenheit der verfügbaren Informationen bewusst sind und subjektiv in sehr unterschiedlicher Weise darauf reagieren. So kann z.B. die gleiche unbefriedigende Information den vorsichtigen Unternehmer noch zurückhaltender, den risikogeneigten Unternehmer hingegen noch wagemutiger machen.

Neuerdings wird zwar in der Theorie versucht, dem Tatbestand der unvollkommenen Information bei der Aufstellung betriebs- und volkswirtschaftlicher Entscheidungsmodelle Rechnung zu tragen und ihn sogar mit Hilfe des sogenannten «Informationsgrades» zahlenmässig auszudrücken. Dieser Informationsgrad wird als Koeffizient zwischen den «tatsächlich vorhandenen Informationen» und den «sachlich notwendigen Informationen» ermittelt 2.

Diesem Massstab kommt indessen nur theoretische Bedeutung zu. Praktisch ist er unbrauchbar, allein schon weil es nicht möglich ist, die vielschichtigen Informationen, die Unternehmer und Behörden zur Beschlussfassung benötigen, richtig zu wägen und in einer einzigen Zahl auszudrücken, selbst wenn die Informationen auf zahlenmässig erfassbaren Daten aus der Vergangenheit und der Gegenwart beruhen. Ausserdem impliziert jede Beschlussfassung eine Beurteilung und Wertung des künftigen Wirtschaftsgeschehens, über das man aber gar nicht objektiv informiert sein kann!

So wird das Wirtschaftsleben durch die Ungewissheit über die Zukunft beherrscht. Es kommt nicht von ungefähr, dass man in der Literatur den Unternehmer gelegentlich mit einem Glücksspieler vergleicht, weil dieser ebenfalls seine Entschlüsse in einem Zustand permanenter Ungewissheit fassen muss.

Diese Analogie zwischen Spiel- und Wirtschaftsgeschehen, welche bekanntlich auch den Ausgangspunkt zur Theorie der Spiele bildet, hinkt jedoch in verschiedener Hinsicht. Vor allem ist das Moment der nicht vorauskalkulierbaren Unsicherheit im Wirtschaftsleben unvergleichlich grösser als im Spiel. Hier ist die Spielordnung gegeben; die Spieler haben sich an die allgemein bekannten Spielregeln zu halten. Die Gesamtzahl der Karten und der Trümpfe beim Kartenspiel oder der Spielfelder bei der Roulette sind ebenfalls gegeben. Jeder Spieler kennt seine eigenen Karten und Trümpfe, so wie er die Felder kennt, auf welche er am Roulettetisch gesetzt hat. Das Spielgeschehen ist verhältnismässig überblickbar und eindimensional; das Trachten und das Verhalten der Spieler sind auf ein und dasselbe Ziel ausgerichtet. Exogene Einflüsse spielen sozusagen keine Rolle. Alles, was ausserhalb der räumlich sehr begrenzten Sphäre des Spiel- oder Roulettetisches vor sich geht, ist für das Spiel und die Spieler weitgehend irrelevant.

Welch ein grundlegender Unterschied zur Entscheidungswelt in der Wirtschaft! Dort sind auf Grund der weltweiten Verflechtung unterschiedlich organisierter und politisch ausgerichteter Volkswirtschaften nicht einmal die «Spielregeln» unumstösslich. Durch privatwirtschaftliche und staatliche Massnahmen wird der institutionelle Rahmen, in dem sich der Wirtschaftsprozess abspielt, fortwährend verändert. Das Wirtschaftsleben entspräche gleichsam einem Spiel, bei dem die Gesamtzahl der Karten und Trümpfe ständig verändert wird und daher den Spielern nie bekannt ist; ein Spiel, bei welchem man sich nicht einmal auf die eigenen Trümpfe stützen kann, weil jeder Spieler es in der Hand hat, seine Karten während des Spieles ohne Wissen der Mitspieler fortwährend zu wechseln oder — wenn wir an das Roulettespiel denken —seine Einsatzfelder auch dann noch zu ändern, wenn der Ruf «Les jeux sont faits, rien ne va plus» bereits gefallen ist. Im weiteren vollzieht sich das Wirtschaftsgeschehen nicht auf einer einzigen Entscheidungsebene, sondern weist durch die Vielfalt von divergierenden Interessengruppen und von Ländern mit unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Ausrichtung eindeutig einen multidimensionalen Charakter auf, der, vom einzelnen Wirtschaftssubjekt aus betrachtet, kaum mehr zu überblicken ist. Dies vor allem, weil die Differenzierung der Produktions-

und Vertriebsformen und die Intensivierung der zwischenstaatlichen Wirtschaftsbeziehungen die Verflechtung und gegenseitige Abhängigkeit zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen und Nationen dermassen vertieft haben, dass Impulse und Störungen sich heutzutage sehr rasch über das engmaschige und weltweite Netz der zwischenindustriellen Beziehungen fortpflanzen und letzten Endes auch die vom ursprünglichen Störungsherd weit entfernten Branchen und Länder erfassen können. Die damit für den einzelnen verbundenen Unsicherheitsmomente werden schliesslich noch dadurch vergrössert, dass exogene Faktoren politischer, technischer, gesellschaftlicher und psychologischer Natur den Gang der Wirtschaft wesentlich mitbestimmen und bei unternehmungs- oder wirtschaftspolitischen Entscheidungen ebenfalls berücksichtigt werden müssen, und zwar nicht nur auf Grund ihrer bisherigen, sondern auch ihrer mutmasslichen zukünftigen Einwirkungskraft.

II. ÜBER SINN UND UNSINN WIRTSCHAFTLICHER VORAUSSAGEN

Viele Ökonomen verneinen daher die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Voraussicht. «Ein Hauptirrtum der Volkswirtschafter», schreibt S. SCHÖFFLER in seinem Buch «The Failure of Economics 3 », «liegt im Glauben, sie könnten die Zukunft voraussagen. Es kann gar nicht nachdrücklich genug betont werden, dass die Wirtschaftswissenschaft nichts bietet, was uns ermöglichen würde, künftige Ereignisse vorauszusagen.» Noch drastischer wird diese Ansicht an einer anderen Stelle vertreten, wo sarkastisch bemerkt wird: «Die Menschheit zieht ihres Weges, und längs dieser Strasse liegen gleich Skeletten toter Kamele an einem Wüstenpfad die Leichen überholter Prophezeiungen... Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter... 4 ». W. BICKEL hat sich in seiner kürzlich am Dies academicus der Universität Zürich gehaltenen Festrede ähnlich ausgedrückt: «Das Prophezeien», bemerkte er, «ist eine alte Liebhaberei des Menschen. Die einen tun es aus dem Kaffeesatz, die anderen wenden hochwissenschaftliche Methoden an, wobei sich der Skeptiker fragen mag, ob die Resultate bei diesem Vorgehen so viel besser sind als bei jenem». 5

Und in der Tat: Wenn man auch gelegentliche Beispiele von Prognosen zitieren kann, die sich nachträglich als richtig erwiesen haben, so ist doch das Feld der Wirtschaftsprognostik eher eine Trümmerstätte nicht eingetroffener Voraussagen. Nun dürfen wir es aber bei dieser Feststellung nicht bewenden lassen! «Die Erfahrung, dass sich Prognosen später als falsch erweisen könnten», schreibt selbst E. BÖHLER, einer der grössten Skeptiker gegenüber Wirtschaftsprognosen, «entbindet die Unternehmer und die Behörden nicht von der Notwendigkeit, sich immer von neuem ein Bild vom zukünftigen Verlauf der relevanten Wirtschaftsgrössen zu machen, weil jede geschäftliche oder wirtschaftspolitische Disposition ein solches Zukunftsbild voraussetzt 6 .» Mit andern Worten: Wir können uns der Verantwortung einer voraussagenden und vorausschauenden Tätigkeit nicht entziehen, und es ist daher kaum angezeigt, anhand der zahlreichen Fehlprognosen aus der Vergangenheit der wirtschaftlichen Voraussagetätigkeit jeglichen Wert abzusprechen und die «Propheten des Unprophezeibaren», wie ALBERT HAHN die Prognostiker einmal bezeichnet hat, ins Lächerliche zu ziehen, denn wir haben uns nun einmal im Wirtschaftsleben ständig mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Die Fragestellung lautet daher gar nicht: Hat es überhaupt einen Sinn, zu prognostizieren?, sondern: Wie können wir am besten prognostizieren?

III. MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER WIRTSCHAFTSPROGNOSE

Nun fragt sich allerdings, ob wir nicht einer Illusion nachleben, wenn wir meinen, wir könnten das Problem der wirtschaftlichen Voraussicht meistern. Ist nicht vielmehr auf Grund der bisherigen Erfahrungen zu erwarten, dass die Futurologen von heute sich ebenso gründlich irren werden wie die Wirtschaftsvisionäre von gestern und es daher kaum angebracht ist, ihren Zukunftsspekulationen gläubiger zu vertrauen als den vergangenen? Diese Frage wird in der neuesten Literatur eingehend erörtert und bildet mitunter den Gegenstand heftiger Kontroversen. Leider erschöpfen sich diese nicht selten in einem sterilen Streit um Begriffe oder Nebenfragen, während sie den Kern des Problems kaum berühren, was um so bedauerlicher ist, als damit in der Allgemeinheit der

Eindruck der Hilflosigkeit unserer Wissenschaft gegenüber den drängenden Problemen des wirtschaftlichen Alltags vertieft wird.

Dies gilt einmal für die Tendenz, eine scharfe Trennungslinie zwischen der sogenannten «intuitiven» und der sogenannten «rationalen» Methode der Voraussicht zu ziehen und nur letztere als wissenschaftlich akzeptabel zu betrachten. In den Augen vieler Ökonomen wird in der Tat ein Fortschritt auf dem Gebiet der Prognostik nur als möglich erachtet, wenn man sich von den bisherigen, mehr auf subjektiver Erfahrung und Phantasie beruhenden Spekulationen über die Zukunft löst und sich um objektive, wissenschaftlich gesicherte Voraussagen bemüht. So schreibt z.B. R. WAGENFÜHR: «Es steht uns eine Reihe von Möglichkeiten für das Vorhaben, die Zukunft zu erkennen, zur Verfügung. Wir können sie einteilen in nichtwissenschaftliche Prophezeiungen aller Art und in wissenschaftliche Betrachtungen, bei denen die Verstandeskräfte den Ausschlag geben. Jene, die Prophezeiungen, sind immer Töchter des Glaubens, diese, die wissenschaftlich begründeten Vorausschaumöglichkeiten, Söhne des Wissens. Nur soweit uns das Wissen leitet, das durch unseren kritischen Verstand gefiltert wird, sollten wir uns um die Beschreibung wirtschaftlicher Zukunftsmöglichkeiten bemühen... Utopien, im Sinn von Weltverbesserungsplänen oder idealen, erstrebenswerten Zuständen oder Prophezeiungen, die auf den Glauben gründen oder okkulte Kräfte zur Voraussetzung haben, überschreiten die Grenzen der Wissenschaft. Wir sollten uns nicht damit befassen, sondern uns auf das nüchterne Zukunftsdenken beschränken 7. » Ist aber ein «nüchternes Zukunftsdenken» überhaupt möglich? Kann man wirtschaftliche Voraussagen ausschliesslich auf objektiven Grundlagen aufbauen, ohne die Intuition und die Phantasie dabei mitspielen zu lassen?

Der Gedanke, dass dies möglich sei, entspringt der Vorstellungswelt der positivistischen Lehre; eine Vorstellungswelt, die in entscheidendem Masse von der Erkenntnis über die Wirksamkeit immerwährender naturwissenschaftlicher Gesetze geprägt ist. «Es ist dem menschlichen Geist völlig gemäss», schreibt AUGUSTE COMTE, der grosse Lehrer des Positivismus, «dass seine Beobachtung der Vergangenheit ihm die Bewegung der Zukunft in Wirtschaft und Politik enthüllt, ganz wie es im Bereich der Astronomie, der Physik, der Chemie und der Physiologie geschieht 8 ».

Darnach gehören Wissenschaft und Voraussage zusammen, ja die Prognose wird sogar zu einem konstituierenden Element des modernen Wissenschaftsbegriffes, denn wenn es der Wissenschaft ihrem Ziel entsprechend gelingt, Gesetze im Bereich der organischen und anorganischen Natur aufzufinden und zu formulieren, dann ist die Vorhersage nichts anderes als die Anwendung solcher Gesetze auf die Zukunft. Vermögen also —wie die Positivisten glauben —auch die Wirtschaftswissenschaften Gesetze menschlichen und wirtschaftlichen Verhaltens von ähnlicher Stringenz und Universalität zu formulieren wie die Naturwissenschaften in bezug auf die Natur, so wird es ihnen auch möglich sein, objektiv und rational, unter Ausschluss subjektiver Werturteile, den künftigen Gang der Wirtschaft vorauszusagen und damit gleichsam Geschichte vorauszubestimmen. Der Einfluss der positivistischen Lehre hat die Tendenz zur Übernahme naturwissenschaftlicher Denk- und Verfahrensweisen durch die Wirtschaftswissenschaften wesentlich gefördert. Diese Tendenz ist weiter verstärkt worden durch die Diskussion um den sogenannten «cultural lag», den in jeder modernen Gesellschaft immer grösser werdenden Unterschied zwischen einer rasend voranschreitenden Technik einerseits und der sich ihr nur ungenügend anpassenden sozialen und kulturellen Struktur anderseits. Sie hat zur Auffassung geführt, dass die Wiederherstellung des Gleichgewichtes nur durch eine generelle Anwendung derjenigen wissenschaftlichen Methoden erzielt werden könne, welche zum Siegeszug der Technik geführt haben; es gelte daher, auch im wirtschaftlichen und sozialen Bereich die naturwissenschaftlichen Verfahren zu übernehmen. Nur so erklärt sich das krampfhafte Bemühen vieler Ökonomen, aus unserer Disziplin eine exakte Wissenschaft ohne Fehl und Tadel zu entwickeln. Die Gläubigkeit, oder besser die Leichtgläubigkeit, die Zukunft unserer Wissenschaft müsse ausschliesslich in dieser Richtung gesucht werden, ist gross, allein schon weil die empirische Erforschung der Gesetzmässigkeiten im wirtschaftlichen und sozialen Leben notwendigerweise mit ökonometrischen Verfahren erfolgen muss, durch welche die wirtschaftlichen und sozialen Verhaltensweisen in Formeln gekleidet werden, welche beim Laien (und oft nicht nur bei ihm!) den Eindruck mathematischer Genauigkeit und naturgesetzlicher Konstanz erwecken. Dieser Eindruck wird dadurch vergrössert, dass zahlreiche Mathematiker und Techniker ohne genügende ökonomische Vorbildung sich neuerdings in vermehrtem Masse der ökonometrischen Forschung widmen und sich dabei ausschliesslich im Bereich des zahlenmässig Beschreibbaren und Erklärbaren bewegen, während sie sich aller Sorgen um

die nicht quantifizierbaren Phänomene des wirtschaftlichen und sozialen Lebens in der Weise entledigen, dass sie deren Einfluss einer «autonomen Variablen» zurechnen, um die sie sich dann nicht weiter kümmern oder deren Erklärung sie den anderen Wissenschaften überlassen. Wenn selbst anerkannte Ökonomen wie z.B. HORST WAGENFÜHR erklären: «Das ganze moderne zivilisatorische Leben ist von Exponentialfunktionen durchzogen... Je mehr man das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Leben unter mathematischen Gesichtspunkten durchforscht und diese Exponentialfunktionen an den Tag legt, desto sicherer werden die Schlüsse von der Gegenwart zur Zukunft ausfallend 9», so wird damit, wenn auch ungewollt, der Grundstein für einen blinden Glauben an die Quantifizierbarkeit und die exakte Voraussehbarkeit wirtschaftlicher und sozialer Gegebenheiten gelegt, der in der weitverbreiteten pseudowissenschaftlichen Literatur auf besonders fruchtbaren Boden fällt und dort in kaum überbietbarer Naivität dem breiten Leserpublikum weitergeboten wird. So schreibt z.B. GREILING: «Wir sind heute durchaus in der Lage, die Schleier zu lüften, die das Antlitz der Zukunft verhüllen. Es ist nur eine kleine Bedingung zu erfüllen: Wir müssen bestimmten Zahlen nachspüren und mit ihnen einige Rechenaufgaben lösen 10.»

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Ökonomen sich vehement gegen solche naive Glaubensbekenntnisse wenden und in ihrer Kritik auch darauf hinweisen, dass nach den neuesten Erkenntnissen der Forschung nicht einmal die Naturwissenschaften dem astronomischen Ideal genauer Voraussicht und Voraussehbarkeit entsprechen und nach der heute vorherrschenden Ansicht die Gesetze in der Natur, insbesondere die aus der Quantentheorie abgeleiteten, ebenfalls nur Wahrscheinlichkeitsregeln und keine unumstösslichen allgemeingültigen und universellen Naturgesetze im alten Sinn des Wortes darstellen, so dass man aus ihnen auch nur in beschränktem Masse exakte Voraussagen des tatsächlichen Lebens ableiten kann.

IV. DIE GESETZMÄSSIGKEITEN IM WIRTSCHAFTSLEBEN

Natürlich gilt diese Unbestimmtheit des künftigen Geschehens in noch viel stärkerem Masse im Bereich der Wirtschaft und der Gesellschaft, wo wir es

nicht mit Dingen, sondern mit Menschen zu tun haben. Leider wird diese Tatsache von verschiedenen Ökonomen übersehen, die von all dem abstrahieren, was den Menschen zur konkreten Existenz formt, von seiner Umwelt, seiner Geschichte, den Zwecken, die seine Handlungen bestimmen usw. So kommt es, dass diese Ökonomen entweder Trivialitäten, jedermann einsichtige Allgemeinheiten in den Rang wissenschaftlicher Gesetze erheben oder in Abstraktionen flüchten, die für das Verständnis konkreter wirtschaftlicher und sozialer Sachverhalte nichts Wesentliches mehr besagen, in ihrem mathematischen Gewand hingegen das Fluidum höchster, wenn auch sterilisierter Wissenschaftlichkeit ausstrahlen. Sie können, um mit ALF Ross zu sprechen, verglichen werden mit den Webern in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern; sie weben und weben, und niemand wagt, aus Angst, für geistig beschränkt angesehen zu werden, einzuwenden, dass nichts auf den Webstühlen ist 11.

Es gibt nun einmal keinen realen Vorgang des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, der sich in allgemeingültiger Weise formelmässig ausdrücken lässt. Es gibt nur charakteristische, gleichsam typische Tendenzen, typische Vorgänge und typische Verhaltensweisen, die in der Regel in folgenden Grundformen auftreten:

1. Die erste Grundform zeichnet sich dadurch aus, dass auf jede Aktion, die einige Zeit andauert und einen gewissen Stärkegrad erreicht, eine Reaktion erfolgt, bildlich gesprochen, dass sich der Ablauf des wirtschaftlichen und sozialen Lebens in einem ständigen Auf und Ab, in einer Zickzack- oder Wellenbewegung vollzieht. Diese Vorstellung, die aus der Physiologie stammt, macht sich die Erfahrung zunutze, dass im menschlichen Leben auf jede Anspannung eine Erschlaffung folgt, worauf über dem Weg der Regeneration der Kräfte die Voraussetzungen für eine abermalige Anspannung geschaffen werden. Diese Vorstellung liegt vielen Konjunkturtheorien und den davon ausgehenden Konjunkturprognosen zugrunde.

2. Die zweite Grundform spielt vor allem in der langfristigen Betrachtung eine wesentliche Rolle und geht vom sogenannten «Trend» aus. Massgeblich hierbei ist die Erfahrung, dass auch im Wirtschaftsleben Kräfte wirksam sind, die sich auf lange Sicht (wenigstens tendenziell) immer wieder durchsetzen und die Entwicklung der einzelnen Wirtschaftsgrössen in ganz bestimmte Bahnen lenken. Aktion und Reaktion sind in dieser Sicht nur vorübergehende Wechselfälle, die sich innerhalb der jeweiligen langfristigen Entwicklungsbahn abspielen.

3. Die dritte Grundform geht vom Kreis als dem in der Welt vorherrschenden Formprinzip aus. Die Menschen haben sich schon in den frühesten Zeiten ihrer Zivilisation von der Vorstellung leiten lassen, dass der Ablauf der Dinge sich im Kreis vollziehe, nicht in einem einmaligen Kreislauf, wie etwa das individuelle Leben, sondern in fortgesetzten, immerwährenden Kreiselbewegungen. Die anfangs ganz ins Mythische getauchten Kreislauftheorien haben zwar versagt, als man versuchte, sie wörtlich auf das historische Geschehen anzuwenden, aber das Prinzip hat sich auch in den Wirtschaftswissenschaften als sehr fruchtbar erwiesen, vor allem seitdem man anhand empirischer Untersuchungen feststellen konnte, dass die Faktoren und Kräfte, welche den wirtschaftlichen Kreislauf und damit das Wirtschaftsgeschehen bestimmen, nicht nur interdependent sind, sondern in einem ganz bestimmten funktionellen Zusammenhang zueinander stehen, der in vielen Fällen eine bemerkenswerte Konstanz aufweist, so dass man aus seiner Kenntnis Rückschlüsse auf den künftigen Gang der Wirtschaft ziehen kann.

4. Die vierte Grundform geht vom Leitbild der Waage und damit vom Gleichgewichtsgedanken aus. In der Natur und im menschlichen Leben hat alles sein Gleichgewicht. Wird dieses gestört, so werden Kräfte wirksam, die auf eine Wiederherstellung des Gleichgewichtes hintendieren. So pendelt auch die wirtschaftliche Entwicklung ständig um ihren Gleichgewichtspfad herum. Kennt man die Vorbedingungen für ein gleichgewichtiges Wachstum, so besitzt man zumindest Anhaltspunkte für die Beurteilung der mutmasslichen Entwicklung des Trends. Weiss man ferner, nach welcher Seite dieses Trends die Entwicklung in einer bestimmten Zeitperiode ausschlägt, so kann man erwarten, dass sie sich früher oder später in entgegengesetzter Richtung wieder dem Gleichgewichtspfad nähern wird.

5. Die fünfte Grundform schliesslich greift auf die Erkenntnisse des biologischen Wachstums zurück. In der Natur herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, Blühen und Sterben, Werden und Vergehen. Das Wachstum folgt daher nicht einem geradlinigen, sondern einem sinusförmigen Trend, der zunächst nur langsam ansteigt, dann immer rascher zunimmt. Dieses akzentuierte Wachstum geht indessen nicht endlos weiter, sondern hört mit der Zeit auf, ja in den meisten Fällen schlägt der Trend sogar nach Erreichen seines Höhepunktes wieder eine rückläufige Entwicklung ein.

V. DIE VERBINDUNG VON WISSEN UND INTUITION IN DER PROGNOSE

Die Typisierung aller dieser charakteristischen Merkmale des wirtschaftlichen Geschehens und vor allem deren Quantifizierung stellen nun eine Abstraktion von der Wirklichkeit dar, die eine breite Streuung der tatsächlichen Vorkommnisse vom jeweiligen Idealbild aufweist. Die Konjunkturschwankungen sind hinsichtlich ihrer Stärke und ihres zeitlichen Verlaufs sehr unregelmässig. Der Verlauf einer Wirtschaftsgrösse kann sich während längerer Zeit von seinem Trend entfernen, genau so wie die Kreislauf beziehungen im Einzelfall von ihren typischen Grössenordnungen abweichen können. Die Wirtschaft oder Teile davon können in ein strukturelles Ungleichgewicht geraten, das sich erst nach einem langwierigen Anpassungsprozess überwinden lässt. Schliesslich ist die Wachstumskurve jeder Wirtschaftsgrösse nur in ihrer abstrakten Grundform typisierbar; wieviele Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte sie im einzelnen braucht, um alle ihre Phasen zu durchschreiten, welches absolute Niveau sie an ihrem Höhepunkt erreicht und ob sie von diesem Punkt an stationär bleibt oder sogar eine rückläufige Entwicklung einschlägt, ist weitgehend unbestimmt.

Wir werden somit in der Zukunft genau so wie in der Vergangenheit mit allen möglichen Abweichungen der tatsächlichen Verhältnisse von den aus der Vergangenheitsretorte destillierten «typischen» Tendenzen und Vorgängen zu rechnen haben. Das Abschätzen und Beurteilen dieser möglichen künftigen Abweichungen lässt sich nicht mit wissenschaftlichen Kriterien vornehmen, sondern hat intuitiv zu erfolgen. Damit geht die Intuition als gefühlsmässige Fähigkeit, ein Problem einsichtig zu erfassen und die damit verbundenen Zusammenhänge unvermittelt in ihren Wesensmerkmalen zu durchschauen und zu überschauen, als gleichberechtigte Partnerin des objektiven Wissens in die Prognosestellung ein. Intuition und Wissen stehen somit nicht wie oft behauptet wird in einem Alternativ-, sondern in einem ausgesprochenen Komplementärverhältnis zueinander und ergänzen und fördern sich gegenseitg. Es ist daher nicht unberechtigt, von einer Kunst der Prognose zu sprechen, weil diese vom Prognosesteller nicht nur eine gründliche theoretische Schulung, ein analytisches Denkvermögen und eine logische Urteilskraft, sondern auch ein hohes Mass an Intuition und Phantasie, an Wirklichkeitsverbundenheit und an praktischer Erfahrung voraussetzt, was erst nach jahrelanger Arbeit «am Objekt» und nach Bezahlung eines gehörigen Lehrgeldes erworben werden kann.

VI. WISSENSCHAFT UND PROGNOSE

Damit entsteht aber die Grundsatzfrage, ob sich ein Ökonom dieser «Kunst» widmen kann, ohne die Grenzen der wissenschaftlichen Arbeitsweise zu überschreiten. Streift er, wenn er Prognosen aufstellt, nicht etwa das Gewand des Wissenschaftlers ab, um es mit dem eines Propheten zu vertauschen? Werden dadurch seine Abhandlungen nicht zu mehr oder weniger gelungenen Büchern der Weissagung, die mit Wissenschaft kaum mehr etwas zu tun haben? Diese Fragen sind berechtigt. Man kann sich in der Tat auf den Standpunkt stellen, die Aufgabe eines Wirtschafts- oder Sozialwissenschaftlers liege ausschliesslich in der Erklärung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgänge und der Ergründung ihrer Triebkräfte und Einflussfaktoren, mit andern Worten in der Beantwortung der Frage nach dem «Wie» und dem «Warum», nicht aber in der Frage nach dem, was «sein wird» oder was «sein soll».

Die Ökonomen, welche diese Auffassung vertreten, erachten daher höchstens jene Art von Prognosen als «wissenschaftlich» vertretbar, welche ein intuitives Werturteil ausschliessen und sich darauf beschränken, Aussagen im Rahmen bestimmter, zum voraus definierter Bedingungen und Prämissen zu machen, über deren künftige Entwicklung sich aber der «Wissenschaftler» nicht in verbindlicher Weise festlegt. Zum Beispiel: Die Wohnbautätigkeit in der Schweiz wird in den nächsten fünf Jahren um rund 15 %zunehmen, wenn die Zahl der Haushaltsgründungen im bisherigen Ausmass zunimmt, wenn der Bestand an Fremdarbeitern konstant bleibt, wenn die Bestrebungen zur Altstadtsanierung in den grösseren Städten fortdauern, wenn der soziale Wohnungsbau im beabsichtigten Masse gefördert wird, wenn der Verstädterungsprozess anhält, wenn der Abbruch von Altwohnungen so und so viele tausend Wohnungen im Jahr beträgt und wenn der Wohnungsbedarf der Ledigen im gleichen Ausmass wie während der letzten fünf Jahre zunimmt. Zu diesen spezifischen Annahmen gesellen sich gewöhnlich noch weitere — oft stillschweigend gemachte — Annahmen bezüglich der wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen (kein dritter Weltkrieg, innenpolitische Stabilität, normale Konjunkturlage usw.). Auf der gleichen Ebene bewegen sich die Prognosen, die mit sogenannten Varianten oder Alternativmöglichkeiten operieren, wie die meisten gegenwärtigen Bevölkerungsprognosen, welche eine pessimistische, eine optimistische und eine mittlere Variante aufführen, ohne indessen zur Frage der Wahrscheinlichkeit der Alternativen Stellung zu beziehen. «Wenn-dann-Aussagen»

dieser Art sind aber lediglich hypothetische Aussagen darüber, welche Wirkung aus einer gedanklich konzipierten Datenkonstellation resultieren wird. «Solche Aussagen», schreibt ALBERT HAHN, «sind zwar ,wissenschaftlich'. Sie sind aber nicht das, was man im allgemeinen unter Prognose versteht, noch geben sie das, was man von der Prognose verlangt und verlangen muss. Sie sind reine Wirtschaftstheorie 12 », denn sie geben keine Antwort auf die Frage, welche die wirtschaftenden Instanzen eigentlich beantwortet haben möchten, nämlich, wie sich vermutlich die Wirtschaft oder Teile davon in Zukunft entwickeln werden.

Wir haben hier eine ähnliche Situation wie in der Medizin. Ein Patient dürfte kaum zufrieden sein, wenn ihm der Arzt erklärt: Sollten die schmerzhaften Erscheinungen in Ihrem Bein auf einer Fokalinfektion beruhen, so können Sie durch eine Mandeloperation die Heilung erreichen; gehen sie aber auf einen Bandscheibenbruch zurück, so können Sie im Streckbett eine Besserung Ihres Zustandes erhoffen. Der Patient will vom Arzt wissen, was mit ihm los ist und was er tun soll. Er braucht von ihm eine eindeutige Diagnose und eine ebenso eindeutige Prognose, auch wenn er sich durchaus der Möglichkeit bewusst ist, dass beide falsch sein können. Eine nur bedingte Wenn-dann-Aussage hilft ihm jedoch weniger. Er will eine klare Antwort auf seine Frage, und es ist selbstverständlich, dass er auf Grund seiner im allgemeinen begrenzten Fachkenntnisse diese Antwort nicht selber geben kann. Er wird sie vielmehr vom Spezialisten anfordern und sich lediglich vorbehalten, die Prognose und die ihr zugrunde gelegten Prämissen als plausibel und glaubwürdig zu betrachten oder nicht.

Leider ist im Bereich der Wirtschaftswissenschaften die Zahl der Prognosespezialisten noch sehr klein. Dies rührt daher, dass die Ökonomen mehrheitlich ausgesprochen prognosescheu sind und sich lieber damit befassen, die «reinen» Zusammenhänge zwischen gewissen ökonomischen Grössen in einem von ihnen entworfenen Modell zu analysieren und deren Implikationen bis in die letzten Verästelungen zu verfolgen, als die Risiken eines prognostischen Urteils einzugehen. Damit wird für manchen Ökonomen das Operieren mit Modellen zum Inbegriff wissenschaftlicher Arbeit schlechthin. Von einem Einsatz dieser Modelle für prognostische Zwecke sehen ihre «Konstrukteure» schon deshalb ab, weil sie sich selber des hohen Abstraktionsgrades ihrer Hypothesen bewusst sind. Ein theoretischer Standort dieser Art kann uns aber —sofern er zur allgemeinen

Norm erhoben wird —dazu veranlassen, nicht nur der praktischen Prognosetätigkeit, sondern auch der empirischen Wirklichkeit schlechthin die kalte Schulter zu zeigen. «Es mag merkwürdig erscheinen», bemerkt U. W. ROTSCHILD ironisch, «dass sich Vertreter einer wirklichkeitsbezogenen Wissenschaft mit logisch-mathematischen Fingerübungen begnügen sollten. Tatsächlich sind auch sie der Ansicht, dass sich die Theorie nicht ausschliesslich mit esoterischen Gedankenmodellen beschäftigen sollte. Der Wunsch, etwas zur Wirklichkeit auszusagen, kommt darin zum Ausdruck, dass sie für ihre Theorien möglichst wirklichkeitsnahe Annahmen zu wählen versuchen. Aber die Schwierigkeiten, daraus testbare Hypothesen abzuleiten, und die praktische Unmöglichkeit, kontrollierte Experimente durchzuführen, verleiten sie oft dazu, es bei der "Plausibilität" oder methodologischen Brauchbarkeit der Annahmen bewenden zu lassen und sich in das Schneckenhaus einer rein modellbezogenen Analyse zurückzuziehen 13 .»

Ich glaube daher, es ist in diesem Zusammenhang notwendig, sich wieder einmal auf die empirische Zielsetzung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu besinnen. Zwar entsprechen primär auch diese Wissenschaften dem inneren Trieb des denkenden Menschen zum Enträtseln und Erkennen. Aus der Anziehungskraft des Neuen, Verborgenen, Geheimen entstehen Freude und Stolz des Findens und des Entdeckens. Dieses Beobachten und Enträtseln darf aber nicht Selbstzweck sein. Es muss vielmehr über eine das Eigenbedürfnis des Wissenschaftlers befriedigende Art gehobenen Rätselratens hinauswachsen und bekommt als ernste Forschung seinen Sinn erst in dem Streben, Erkenntnisse zu gewinnen, die den handelnden Menschen dienen, indem sie diesen ein richtiges Disponieren ermöglichen.

«Wir Ökonomen», schreibt W. STEWARD, «sollten ein für allemal festhalten, dass wir die Diener und nicht die Herren der Männer in der Wirtschaftspraxis sind. Wenn wir uns diese Stellung nicht stets vor Augen halten, so wird der Unfug, den wir produzieren, lediglich eine positive Funktion unserer Weltfremdheit sowie des Grades unserer beruflichen Eitelkeit und Arroganz sein 14 .» In ähnlicher Weise gesteht S. ALEXANDER in einem amüsant-kritischen Essay dem Ökonomen nur insoweit eine Daseinsberechtigung zu, als er in der

Lage ist, Unternehmer und Behörden bei ihren zukunftsorientierten Entscheidungen behilflich zu sein 15 und MARSCHAK stellt seinem für die ökonometrische Forschung richtungsweisenden Aufsatz quasi als Motto den Satz voran: «Knowledge is useful only if it helps to make the best decisions 16 ». Damit sagt er im Grunde genommen nichts anderes als das, was bereits vor 300 Jahren der französische Philosoph und Mathematiker BLAISE PASCAL gleichsam als Leitsatz wissenschaftlichen Strebens und Wirkens postulierte: «Die Gegenwart ist nie unser Zweck, die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel, die Zukunft allein ist unser Ziel.» Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, gehört das Aufstellen von Prognosen mit zu den Aufgaben der Wirtschaftswissenschaften, ja es kann behauptet werden, dass sich in der prognostischen Tätigkeit eines Ökonomen keine Entartung, sondern eine Sublimierung seiner wissenschaftlichen Bemühungen erblicken lässt.

Wir leben in einer Welt, die sich durch umwälzende Strukturwandlungen in Wirtschaft und Gesellschaft kennzeichnet. Die Orientierungspunkte für das menschliche Handeln können nur mehr in begrenztem Masse aus der Vergangenheit und ihren bekannten, in der historischen Rückblende erfassbaren sozialen und wirtschaftlichen Konfigurationen entnommen werden. Wir müssen uns vielmehr in diesen totalen wirtschaftlichen und sozialen Wandel hineindenken, denn erst dadurch wird es uns möglich, jene massgeblichen Tendenzen zu ermitteln und zu «erfühlen», die für das künftige Handeln der Menschen wegweisend sein werden. «Sich an der Zukunft orientieren bedeutet rechtzeitig die Änderungen erkennen, denen eine in Wandel begriffene Wirtschaft und Gesellschaft ausgesetzt ist, um sich den kraft eines solchen Wissens diesen Änderungen anpassen zu können», schreibt MICHEL MASSENET in seiner «Introduction à une sociologie de la provision 17 ».

Diese Tendenzen lassen sich weder aus der begrenzten Sicht einer einzigen wissenschaftlichen Disziplin noch aus den Rechnungsergebnissen eines ökonometrischen Modells mit hohem Abstraktionsgrad erkennen. Es bedarf dazu eines interdisziplinarischen Denkens, welches eine gedankliche Konstruktion der Zukunft ermöglicht, die sich von Wahrsagungen und Traumdeutungen in dem

wesentlichen Punkt unterscheidet, dass sie wissenschaftlich erarbeitete Daten und Fakten mitberücksichtigt und verarbeitet. Natürlich wird man damit die Zukunft nicht mit der Genauigkeit erfassen können, die Gegenwartsanalysen oder retrospektiven, historischen Studien eigen ist. Es werden sich aber doch Wahrscheinlichkeiten aufzeichnen lassen, die von der Gegenwart aus betrachtet als plausibel, denk- und realisierbar erscheinen.

Das Konstruieren solcher gedanklicher Zukunftsbilder, als intellektuelles Verfahren vergleichbar mit der Bildung eines Idealtypus im Sinne MAX WEBERS, kann mit dem Schaffen eines wahren Künstlers verglichen werden. In ihm gehen alle Kausalbeziehungen ein, die in dem gesuchten Zusammenhang eine Rolle spielen, aber welche Bedeutung sie im einzelnen haben, wie die Faktoren einander zugeordnet sind, welche zusätzlichen Bestimmungsfaktoren als ins Spiel kommend supponiert werden und welche Einflussstärke diese ausüben werden, ist allein durch die kombinatorische Leistung eines hochentwickelten menschlichen Geistes möglich.

Eine solche Leistung unterscheidet sich fundamental von den phantasievollen Erwartungen eines Ideologen oder Visionärs, aber auch von den unbilligen Erwartungen in der Möglichkeit einer exakten «wissenschaftlichen» Voraussage, wie sie etwa die vom Positivismus beeinflussten Ökonomen hegen. Diese werden auf Grund der Prämissen ihrer eigenen Lehre entweder vergeblich einer wirtschaftlich belangvollen Voraussage nachjagen oder dann, ihre Zuflucht in einem dem staatlichen Dirigismus Vorschub leistenden «social and economic engineering» suchen, in dem sie mit den Mitteln der staatlichen Planwirtschaft das durchzusetzen versuchen, was sie als künftige Realität gerne antizipiert sehen möchten. Auch die Spieltheorie, dieses neueste Instrument zur Erlernung rationalen Handelns, kann uns im Bereich der Prognose nur begrenzt helfen, denn die Rationalität menschlicher Entscheidungen, auf der das Spiel basiert, kann nicht verbürgt werden. Schliesslich bedeutet die Abstraktion von der Geschichte und von allen nicht quantifizierbaren Phänomenen, durch welche sich gewisse neue Verfahren kalkulierter Strategie auszeichnen, keinen wirklichen Gewinn für die Wissenschaft, sondern eher einen Substanzverlust, einen Prozess der geistigen Verarmung, der auch die Fähigkeit zum Vorausdenken in Mitleidenschaft ziehen muss.

Eine gute prognostische Leistung kann somit weder vom «Praktiker» erwartet werden, der sich auf sein räumlich und fachlich begrenztes Wissen und seine persönliche Erfahrung verlassen muss, noch wird sie vom «Theoretiker» erbracht

werden, der nicht gewillt ist, persönliche Werturteile über die mutmassliche Entwicklung der kausalrelevanten Wirtschaftsfaktoren abzugeben —obschon er eigentlich auf Grund seines umfassenden Wissens am ehesten dazu prädestiniert wäre. Sie bedarf vielmehr der Kombination von Wissen, Intuition und Erfahrung und kann in diesem Sinn als die verantwortungsreichste und anspruchsvollste Tätigkeit eines Ökonomen bezeichnet werden.

VII. DIE PROGNOSE ALS AUFGABE DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN

Den Wirtschaftswissenschaften fällt somit meiner Ansicht nach eine neue, bedeutsame Aufgabe zu, nämlich die Ausbildung eigentlicher Prognostiker, welche über ein breites interdisziplinarisches Wissenverfügen und zugleich mit genügendem Urteilsvermögen und Phantasie ausgestattet sind, um den handelnden Menschen bei ihren zukunftsorientierten Entscheidungen helfend zur Seite zustehen.

Dass die Zahl der wohlfundierten Prognosen bisher so klein war und die Kurpfuscherei auf dem Gebiete der Prognostik nach wie vor überwiegt, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Spezialisten, welche alle Eigenschaften eines ernst zu nehmenden Prognostikers auf sich vereinigen, viel zu gering ist, um den Bedürfnissen der Praxis nach wirtschaftlichen Aussagen aller Art zu genügen. Zum zweiten fehlen oft auch die für jede fundierte Prognose erforderlichen empirischen Daten, weshalb der Prognostiker in diesen Fällen darauf angewiesen ist, sein Urteil mehr auf Indizien als auf einer schlüssigen Beweiskette aufzubauen. Was wir ferner benötigen, sind bessere Unterlagen über den Funktionsmechanismus unserer Volkswirtschaft: ein grosszügiger Ausbau der Wirtschaftsstatistik und — darauf aufbauend — eine umfassende Erforschung der wirtschaftlichen Interrelationen und Tendenzen gehören mit zu den Voraussetzungen, die zur Deutung der wirtschaftlichen Zukunft unerlässlich sind. Schliesslich wird auch eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den in den Unternehmungen und in der Verwaltung entscheidenden Instanz und den Prognosespezialisten nötig sein, denn nur auf diesem Weg wird jene Symbiose von Wissen, Intuition und Erfahrung gelingen, die für eine Prognose von ausschlaggebender Bedeutung ist.

Ich bin mir bewusst, dass wir auf diesem Gebiet noch am Anfang stehen und dass es wohl kaum gerechtfertigt ist, sich schon heute einem allzu grossen Optimismus

hinzugeben und die Erwartungen in den Möglichkeiten der Zukunftsforschung allzu hoch zu schrauben. Zynischer Pessimismus wäre aber ebenso unangebracht. «Ich würde gerne zugeben», bekennt BERTRAND DE JOUVENEL, dem wir ein grossartiges Traktat über die Probleme der Zukunftsforschung verdanken 18, «dass das Unternehmen, Ökonomen zu einem verantwortlichen Vorausdenken der Zukunft auszubilden, Wahnsinn ist, wenn es vermeidbar wäre.» Die Wirtschaftswissenschaften werden heute aufgerufen, neben ihren bisherigen und weiterhin wichtig bleibenden Funktionen eine neue zu erfüllen, die für die Gesellschaft von eminent wichtiger Bedeutung ist. Sie sollten es wagen, trotz des resignierten Ausspruches des Dichters PAUL VALÉRY: «L'imprévu des événements est la loi la plus certaine et la plus constante du monde.»