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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Literatur als Geschichte

Unser Verhältnis zur Welt der Geschichte ist heute krisenhaft und zwiespältig geworden. In zunehmendem Tempo wird uns die Vergangenheit fremd oder sinkt ins Vergessen. Die geschichtliche Dimension unseres kulturellen, sozialen und politischen Lebens wird — um das Modewort zu gebrauchen —immer mehr als irrelevant empfunden und entschwindet dem allgemeinen Bewußtsein. Verschiedene Ursachen wirken hier zusammen. Spätestens seit Nietzsches Protest kann die Geschichte als Feind des Lebens betrachtet werden. Im sogenannten Historismus sieht sich das historische Bewußtsein selbst wie der Zauberlehrling von der Relativität aller Dinge bedroht. Die Zeit zweier Weltkriege hat nicht nur allenthalben die geschichtliche Tradition abreißen lassen, sondern oft auch zum Bedürfnis geführt, eine gründlich entzauberte Geschichte, eine unbewältigte Vergangenheit zu verdrängen. Und progressives Denken, beflügelt von der technischen Revolution, wirft gern die Vergangenheit zum alten Eisen. Alle Geschichte vor dem technischen Zeitalter schrumpft zur Prähistorie zusammen. Die Last der Geschichte, unter der man zu Beginn des Jahrhunderts noch gefühlvoll seufzte, wird heute als «Muff von tausend Jahren» unbedenklich ausgekehrt. Der Historiker tritt dem Futurologen seinen Platz ab; die Ahnung weicht der Planung.

Doch dem steht auch manches entgegen. Gerade die moderne Technik erlaubt Entdeckungen und Informationen zur Menschheitsgeschichte, von denen man sich vor hundert Jahren nicht träumen ließ, und macht sie immer breiteren Schichten der

Bevölkerung zugänglich. In den Geisteswissenschaften wächst die Einsicht, daß menschliches Denken und Handeln situationsbezogen und gesellschaftsbezogen sei und sein müsse, somit einen eminent geschichtlichen Charakter trage. Selbst die Theologen fassen die Wahrheit als etwas Geschichtliches auf und fordern eine Verkündigung aus dem Bewußtsein der Gegenwart. Und wenn auch einer angeblich rückwärts gewandten historischen Forschung der Boden entzogen wird, so setzt doch auch der radikalste Existenzialismus oder der progressivste Zukunftsglaube die Geschichtlichkeit des Menschen voraus.

In der Literaturwissenschaft, von der hier allein die Rede sein soll, wird nun die historische Dimension ihres Gegenstandes —der Dichtung, der Literatur, des literarischen Lebens —in besonderem Maß und auf spezifische Weise zum Problem. Auch hier ist das Bild zwiespältig und widerspruchsvoll. Ein deutlicher Schwund des geschichtlichen Sinns zeigt sich in Theorie und Praxis der Literaturwissenschaft wie in den Programmen des Unterrichts. Schon längst ist das gute alte Fach «Literaturgeschichte» pathetisch in «Literaturwissenschaft» umgetauft worden. Historische Betrachtung sieht sich auf eine Nebenrolle, eine Hilfsstellung beschränkt: sie hat etwa mit ihren Sach- und Spracherläuterungen bloß den Anmarschweg zum eigentlichen Musentempel zu erleichtern; sie ist nicht Selbstzweck. Noch immer geistert die Vorstellung von zeitloser, das heißt ungeschichtlicher Kunst herum, vom reinen dichterischen Phänomen im Gegensatz zu einer vom Makel der Zeitbedingtheit befleckten bloßen «Literatur». «Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert», sagt Rilke. Solche Vorstellung absoluter, auch geschichtsabsoluter Kunst hat immer wieder den Kurzschluß ausgelöst, ästhetische Vollkommenheit sei nur gegen die Geschichte möglich, historisches Verständnis müsse eo ipso das Wesen eines Kunstwerks verfehlen. Auch wenn heute die Literatur —als Wirkungszusammenhang und Gesamtgeschehen —wieder stärker zum Gegenstand der Forschung wird, so erfährt sie doch vor allem eine systematische und nicht eine historische Untersuchung. Ihre geschichtliche Seite wird zur bloß

formalen Erscheinung der Diachronie, die wohl oder übel in Kauf genommen werden muß. Gleichzeitig hat sich die Literaturgeschichtsschreibung selbst um ihren guten Ruf gebracht. Die letzte monumentale Gesamtkonzeption einer deutschen Literaturgeschichte, Josef Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, hat sich als eine phantastische Geschichtsklitterung erwiesen, in der alle Wertmaßstäbe untergingen und die sich aus einer romantischen Mythologie plötzlich in eine bösartige Ideologie des Nazismus verwandeln konnte. Literaturgeschichte, das war im Gefolge der Romantik die Bemühung um den sogenannten Nationalgeist. Zumal die Germanistik hatte sich als Deutschkunde verstanden und in einer gewissen Perversion von Herders Ideen das geschichtliche Leben vor allem an das mystische Wesen der Nation gebunden. Heute aber heißt es etwa bei Herbert Singer: «Nicht auf den jeweils nationalspezifischen ,Geist' der Sprache und der Dichtung kommt es in erster Linie an, sondern auf Formen der Sprache und Literatur und die Logik ihrer Beziehungen zu einander.» Es gelte, «Textgrammatik» zu treiben 1.

So wird denn heute, um dem «technischen Zeitalter» zu genügen, Sprache und Dichtung mit Vorliebe als ein Zeichensystem mit seinen spezifischen Leistungen der Kommunikation und der Information untersucht 2. Solcher Strukturalismus kann schließlich zu einer technisch-mathematischen Annäherung an die literarischen Phänomene führen; an die Stelle eines altmodischen Verstehens im Sinn geisteswissenschaftlicher Interpretation soll ein exaktes Messen treten; eine «mathematische Analyse des literarischen Stils» setzt voraus, daß dieser quantifizierbar sei. In diesem Sinne gibt es ja auch eine kräftige moderne Dichtung, die sich selbst nur als Sprachkritik versteht und nichts anderes als experimentelle Linguistik betreibt (Heissenbüttel, Handke). Sie mag ihren vielleicht fruchtbaren Platz in der Literaturgeschichte finden, doch selbst ist sie wohl geschichtsblind und bewegt

sich am Rande einer Absurdität, die im Grunde genau mit Geschichtsverlust identisch ist.

Doch ist nun wiederum auf Gegenströmungen hinzuweisen, die heute wohl das Bild stärker bestimmen. Schon die Methode der sogenannten immanenten Interpretation des Kunstwerks stößt immer deutlicher auf den unabdingbar geschichtlichen Charakter gerade des bedeutenden Werks. Es wird nur in seinem literarischen Kontext, im Sprach- und Stilsystem, dessen es sich bedient und das es verändert, verstehbar. Gerade als Sprachwerk hat es seine Funktion nur im sozialen Zusammenhang von Dichter und Publikum oder modischer ausgedrückt: im Rahmen der Gesellschaft, welche Träger und Funktion dieses Systems ist. Es ist kein Zweifel, daß heute eine marxistische Literaturbetrachtung die Literatur am strammsten geschichtlich sieht und am unmittelbarsten ihre Engagiertheit am gesellschaftlichen Prozeß verficht. Karl Marx soll gesagt haben, es gebe nur eine Wissenschaft: die Geschichte 1. Ob man sich dabei nun mit einer ideologischen Entlarvung des literarischen Werks begnügt oder diesem «Überbau» führende, schöpferische Funktionen zubilligt, ist eine zweite Frage. Entscheidender ist die Grundvoraussetzung, daß der geschichtliche Prozeß ein universaler Fortschritt ist, von welchem aus erst das einzelne Werk als progressives oder reaktionäres Element gemessen werden kann. Je ferner und utopischer freilich das Ziel der Geschichte erscheint, um so mehr wird der Fortschritt der Literaturgeschichte zur bloßen Veränderung, und der Wertmaßstab der Dichtung besteht in ihrem Vermögen des Veränderns, insbesondere der Tabuzerstörung, also sozusagen in ihrem Störpotential. Der wohl grundsätzlichste Versuch der letzten Jahre, Literaturgeschichte zu rehabilitieren, ein Vortrag von Hans Robert Jauss, nennt kein anderes Ziel der Literaturgeschichte als die fortlaufende «Emanzipation des Menschen aus seinen naturhaften, religiösen und sozialen Bindungen 2 ». Man kann sich fragen, ob bei einer solchen engagierten, sozial, soziologisch

oder speziell marxistisch orientierten Literaturgeschichte nicht die Geschichte selbst wieder verfehlt werden kann — denn sie ist wohl weder ein Mechanismus des Fortschritts, der womöglich noch soziologisch programmierbar ist, noch das bloße Feld chronischer Veränderung und der Revolution in Permanenz.

Ein Sinn der Geschichte ist auch für die Literatur, mindestens wissenschaftlich, nicht zu benennen. Wir können ihn höchstens postulieren auf Grund der Feststellung, daß die geschichtlichen Verläufe bei aller Dunkelheit und Chaotik immer wieder gestalthafte Züge und eine Richtung aufweisen. Vorsichtiger bleibt zunächst, die Frage auf den Historiker selbst zurückzunehmen und das historische Interesse, den Sinn für die Geschichte und insbesondere das Tun des Literarhistorikers zu beschreiben. Denn die Bemühung um die Geschichte ist nun offensichtlich aus dem Wesen des Menschen nicht wegzudenken; sie gehört zu seiner Not, in der Zeit zu leben und sich selbst zu suchen. Zu dieser Rückwendung auf uns selbst werden wir im übrigen schon durch ein terminologisches Problem veranlaßt: Herbert Lüthy hat es kürzlich als die «infam verwirrende Doppeldeutigkeit» des Begriffs Geschichte bezeichnet 1. Wir verstehen unter «Geschichte» sowohl das objektive Geschehen wie unser Bild davon, die Sache selbst wie die Wissenschaft —ein Zeichen dafür, wie sehr es immer nur Geschichte von einer Gegenwart aus gibt, wie sehr Geschichtsforschung selbst zur Geschichte gehört.

Wenn wirklich das historische Interesse zu einem vollen Menschendasein gehört, so mag es auch zunächst ganz elementar sein, ein vorwissenschaftlicher Umgang mit dem Vergangenen, ohne methodische Skrupeln, ohne besondere Zwecke und ohne die sture Angst, irrelevant zu sein. Auch die Historia litteraria war und ist zuerst Neugier und Vergnügen an der abenteuerlichen Begegnung mit Fremdem und zugleich Eigenem, ist die tiefe Befriedigung, aus dem Dunkel heraus plötzlich lebendige Stimmen zu vernehmen und sich mit ihnen zu besprechen. Es besteht kein Anlaß, sie als antiquarisch oder, wie man heute gern sagt, kulinarisch zu

beschimpfen. Schon eher könnte man ihre moralische Leistung unterstreichen. Jacob Burckhardt spricht von der «Größe unserer Verpflichtung gegen die Vergangenheit als ein geistiges Kontinuum, welches mit zu unserem höchsten geistigen Besitz gehört» 1. Die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Dichtung war von Bodmer und Klopstock als das Hören eines Rufes aus der Vergangenheitstiefe, von Lessing als ein Werk der Rettung empfunden worden, und man wird gerade dieser Aufklärung, welche die Geschichte wiederentdeckt hat, keine genüßliche Romantik vorwerfen wollen. Doch das führt vielleicht schon zu weit.

Auch die historische Forschung, wo sie sich wirklich an der Front befindet, spielt sich zunächst keineswegs unter weiten und aktuellen Horizonten ab. Sie geht um Einzelfakten von oft grotesker Belanglosigkeit; sie diskutiert endlos eine Lesart im Hildebrandslied; sie forscht nach einem vielleicht lächerlichen Detail im Leben Goethes; sie gräbt drittklassige Barockpoeten aus. Und jeder Literaturhistoriker von Geblüt wird die Erfahrung machen, daß die Entdeckung eines minimen, aber echten Faktums ebenso befriedigt wie der Entwurf großer Perspektiven. Und dies nicht nur im Pathos der sogenannten Kärrnerarbeit, die nun einmal nötig sei für den Kathedralbau der Wissenschaft, sondern vielmehr darum, weil die Historie mit Einmaligem, Individuellem zu tun hat und diese Einmaligkeit sich am schärfsten isoliert im exaktesten Detail —in welchem erst, nach dem bekannten Wort, der liebe Gott steckt. Hier liegt, wenn irgendwo, die erreichbare Objektivität und Beweisbarkeit der Geschichte; dagegen unterliegen alle Verknüpfungen, alle kausalen Ableitungen, alle logischen Verallgemeinerungen und alle behaupteten Relevanzen bereits dem subjektiven Entscheid. Und in diesem Feld konkreter Einzelforschung kommt auch eine der größten Tugenden des historischen Sinns zur Geltung: die Bereitschaft, das individuelle Faktum wirklich als solches, als Fremdes, Ganz-Anderes anzuerkennen, sich nicht voreilig in das andere einzufühlen und sich nicht zu sehr auf die Weisheit des alten Ben Akiba zu verlassen, es gebe nichts Neues unter der Sonne. Und damit zusammen

hängt eine Einsicht, die erschreckend sein kann: das Vergangene ist wirklich vergangen; wir steigen nicht zweimal in denselben Fluß. Es gibt gerade nichts Vergänglicheres als die vermeintlich zeitlose Kunst. Ganze Provinzen der älteren Literatur sind verdunkelt und tot wie erblindete Spiegel; ganze Gattungen lassen uns ratlos: etwa die Allegorienliteratur des Spätmittelalters, die Lehrdichtung des 18. Jahrhunderts. Auch die Klassiker sind nicht verschont: wer liest noch Klopstocks Messias, um den einst soviel Tinte und Tränen vergossen wurden! Vertrautes, mit dem wir aufgewachsen sind, wie zum Beispiel die Erzählung des 19. Jahrhunderts, selbst Gottfried Keller nicht ausgenommen, verfällt einem schleichenden Entfremdungsprozeß. Vielleicht wird es dann als ein ganz anderes, kurios Faszinierendes wiederentdeckt werden. Die Verfremdung ergibt auch in der Literaturgeschichte keinen schlechten Effekt.

Doch sehen wir näher zu. Auch das Isolierteste, das der Historiker zu erkennen sucht, läßt sich nicht ohne einen allgemeineren Zusammenhang erfragen; es begegnet stets unter übergreifenden Kategorien, die wir mitbringen oder der Geschichte selbst entnehmen. Wir streben nach einer Integration und Einordnung, wollen uns nicht nur wundern, sondern verstehen, und damit erst kann Vergangenes Gegenwart werden. Um abstrahierbare «Gesetze» des geschichtlichen Lebens wird es sich nicht handeln können; denn durch solche Abstraktion würde sofort die Induvidualität und die wie auch immer eingeschränkte Freiheit des geschichtlichen Menschen aufgehoben. Alle Geschichtstheorien, die den geschichtlichen Verlauf einem solchen Gesetz unterstellen, machen ihn zum automatischen Geschehen und heben letztlich den Begriff der Geschichte auf. Jeder Fahrplan, welcher der Geschichte auferlegt wird, nimmt dem geschichtlichen Einzelmoment seine — mit Ranke zu reden —Gottunmittelbarkeit, ob nun solche Gesetzmäßigkeit im unaufhaltsamen Fortschritt, im kontinuierlichen Verfall, in einer biologischen Entwicklung oder der dialektischen Selbstverwirklichung der Vernunft gesehen wird. Das wird nirgends deutlicher als in der Geschichte der Literatur:

gewiß sind Homer, Dante und Kafka in eminentem Maß Vertreter und Stationen der europäischen Literaturgeschichte, doch es wäre sinnlos, von Fortschritt oder Verfall zu sprechen und danach zu werten.

Jener übergeordnete Zusammenhang, in welchem wir ein historisches Faktum historisch verstehen, ist selbst immer ein Individuelles, ist ein geschichtliches «System» (A. W. Schlegel) oder ein «Geschichtskörper» (E. R. Curtius). Er ist keineswegs zu verwechseln mit irgendwelchen Grundbegriffen oder Typen und andern Abstraktionen der Poetik. Was das heißt, sei kurz ausgeführt. Der Dichter kann sieh nur im Gebrauch einer Sprache verständlich machen und setzt einen solchen geschichtlichen Sprachzusammenhang voraus, auch dann, wenn er ihn wie heute oft aufzulösen trachtet. Dasselbe gilt für seine Sprache im weiteren, dichterischen Sinn, seine künstlerischen Mittel, seine Stilsprache: das stets bewegliche System aus Formen, Vorstellungselementen samt ihren seelischen Äquivalenten (also zum Beispiel der Mond in der romantischen Lyrik), schließlich aus gedanklichen Elementen (wie etwa der Bildungsgedanke im Roman des 19. Jahrhunderts). Aber darüber hinaus geht es nicht nur um diese Sprachen mit ihrer Grammatik, sondern um die konkrete Literatur — den ausgegliederten Werk- und Wirkungszusammenhang eines persönlichen dichterischen OEuvres, eine Epochenliteratur (Barock), die Literatur eines Landes, einer sozialen Schicht usw. Wenn ich «Barockroman» sage oder «expressionistische Lyrik», so ist damit nicht eine äußere Klassierung gemeint, mit der ich schlecht und recht die Fülle des Materials bewältige, sondern vielmehr ein geschichtlich bewegtes Ganzes mit seiner Logik des Ablaufs, seiner synchronischen und diachronischen Verteilung, eine geschichtliche Gestalt in bestimmter Konstellation mit andern Größen dieser Art. So fragmentarisch und dunkel eine solche literaturgeschichtliche Einheit auch sein mag, so erscheint sie doch oft wie ein Überkunstwerk, ein Konzert der verschiedenen Stimmen und Instrumente. In einem solchen Zusammenhang gewinnt das einzelne Werk vielleicht eine Bedeutung, einen Stellenwert, den es an sich betrachtet nicht ahnen ließe. Friedrich

Schlegels «Lucinde» ist als Dichtung kaum ernst zu nehmen; im romantischen Roman ist sie von hoher Bedeutung; die paar primitiven Versregeln, die der mäßige Poet Martin Opitz aufstellte, waren die Voraussetzung einer großartigen Blüte lyrischer Dichtung im 17. Jahrhundert. In diesem Sinn könnten auch die heutigen Sprachbastler zu großen historischen Ehren kommen.

Ein Literaturzusammenhang der beschriebenen Art ist nun nicht nur durch die innere Traditionsverkettung gewährleistet, durch eine blinde Entwicklung dichterischer Möglichkeiten von Stufe zu Stufe; Literaturgeschichte ist nicht der bloße Gänsemarsch von Werken und Dichtern. Geschichtliches Leben ist stets sich erinnerndes Leben, das auf weit Zurückliegendes zurückgreifen und sich selbst korrigieren kann. Darin liegt die Freiheit und Unberechenbarkeit der Geschichte und auch die Rätselhaftigkeit der geschichtlichen Zeit. Zugleich wirkt hier ein mächtiger Faktor der Konstanz und Integration — man denke an die Rolle der antiken Literatur oder der Bibel für die Gestalt der abendländischen Literatur.

Sucht man in dieser Weise zu den gestalthaften Einheiten der Literatur und Literaturen aufzusteigen, so stellt sich bald die Frage nach dem letzten sinnvollen Ordnungsprinzip. Es besteht kein Zweifel, daß jede Geschichtsbetrachtung die Tendenz zu immer weiteren Horizonten besitzt und daß sie, im Gegenzug zur Versenkung ins Einzelfaktum, letztlich eine universale Geschichte meint. Eine Weltliteraturgeschichte, das ist nun allerdings ein Traum, eine Utopie, die nur durch äußere Summierung, durch «Buchbindersynthese» zu verwirklichen ist. Und fast dasselbe gilt noch vom Programm einer europäischen Literaturgeschichte, wie sie vor allem von Ernst Robert Curtius gefordert wurde und von den Vertretern der vergleichenden Literaturgeschichte erarbeitet oder vorausgesetzt wird. Aus der Gründerzeit der neueren Literaturwissenschaft stammt dagegen jene Einteilung, die heute trotz schwerer Anfechtung noch weitgehend die Organisation von Forschung und Unterricht bestimmt: die Gliederung nach den Nationalsprachen, nach den «Stimmen der Völker», um mit

Herder zu reden, der auch die Einheit von Sprache und Literatur im gemeinsamen «Genius der Nation» erblickte. In dieser Zielsetzung nationaler Literaturgeschichten erkennt vor allem die jüngere Generation in Deutschland nichts als einen nationalistischen Irrweg. Es gelte ja nicht, ein deutsches Wesen zu erforschen, das sozusagen ewig durch die Jahrtausende beharre und an dem womöglich die Welt zu genesen habe —vielmehr eben «die» Literatur in ihren Funktionen und Leistungen zu erforschen.

Es bleibt die Frage, ob hier nicht ein unschuldiges Kind mit dem nationalistischen Bad ausgeschüttet wird. Denn banalerweise ist es doch zuerst eine bestimmte Sprachgemeinschaft, von der eine Literatur getragen ist. Und ebenso selbstverständlich scheint es, daß zu einer solchen Geschichte von nationaler Sprache und Literatur gerade auch der Einfluß anderer Sprachen und Literaturen, ihr Zusammenspiel und ihre Rollenverteilung gehörten. Im übrigen gibt es da keine scharfen Alternativen. Es ist keine Literatur exklusiv. Wenn jede Sprache ihre individuelle Struktur, ihr einmaliges und scheinbar unentrinnbares Weltbild besitzt, so gilt doch auch zugleich das Gegenteil: die mögliche Universalität. Wenn man nicht einer idealistischen Sprachmystik verfallen ist, wird man nicht nur eine letzte Unübersetzbarkeit der individuellen Sprachen zugeben, sondern das vielleicht größere Wunder anerkennen müssen, daß Sprachen übersetzbar sind. Wenn es allerdings eine solche Sprache über den Sprachen gibt, so möchte man hoffen, es sei dies nicht bloß die barbarische Mundart des Computers. Lieber erinnert man sich der alten theologischen Sprachtheorie, die im Turmbau von Babel den Grund der historischen Vielfalt und Unübersetzbarkeit sieht, aber zugleich im Pfingstereignis ein Reden und Verstehen über die Sprachschranken kennt.

Doch kehren wir, abschließend, zu einem weniger eschatologischen Problem zurück. An der Front der historischen Forschung handelt es sich, im Extrem, um die verlorene Spur des Einzelfaktums. Die dialektisch damit verbundene Gegenbewegung erstrebt ein universales Bild des Ganzen. Dieses Bild zu schaffen, wäre die Aufgabe des Geschichtschreibers, bei dem historische

Forschung und Gelehrtheit zur Kunst wird — ob das mehr oder weniger ist als Wissenschaft, bleibe dahingestellt. Literaturgeschichtsschreibung — diese ungeheure Aufgabe, das Panorama einer Literatur al fresco zu malen, kann heute wohl nur mit einem gewissen dilettantischen Leichtsinn angegangen werden. Sie übersteigt Fähigkeit und Bewußtsein eines heute meist spezialisierten Gelehrten. Die methodischen Schwierigkeiten sind vielfach: zwischen der Gefahr eines Namenkatalogs und der Gefahr einer anonymen Stilgeschichte ist das unübersehbare Zusammenspiel oder Durcheinander von Einzelwerk und Gesamtoeuvre, von Gattungs- und Epochenstil, von sozialen und landschaftlichen Ausprägungen zu bewältigen. Die Abgrenzung gegen eine nichtliterarische Überlieferung, gegen andere Literaturen ist sinnvoll und beweglich zu treffen. Es soll die Geschichte einer Literatur sein und nicht in angewandte Kulturgeschichte, Soziologie oder Geistesgeschichte abgleiten. Wir sind da bescheidener geworden. Wir wagen nicht mehr, sozusagen vom Feldherrnhügel herab das Schauspiel der Geschichte zu überblicken. Die Historienmalerei, sagt Reinhard Wittram, hat ausgespielt, die «schöne Historie» Konkurs erlitten 1. Es gälte gerade, das Fragmentarische, Vergebliche, Versuchshafte, selbst das Undurchdringliche der Geschichte miteinzubeziehen und sie als ein immer noch Offenes zu vergegenwärtigen. Auch wo es nicht zum souveränen Gesamtbild kommen kann, kann doch auch im begrenzteren Rahmen ein verantwortetes Ganzes spürbar werden. Und schließlich mag man sich trösten mit dem Wort Johann Georg Hamanns, des großen Denkers der Geschichte und der Literatur, die Geschichte sei «ein versiegelt Buch, ein verdecktes Zeugnis, ein Rätsel, das sich nicht auflösen läßt, ohne mit einem andern Kalbe als unserer Vernunft zu pflügen 2 ».