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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

DIE UNIVERSITÄT IM ZEITALTER DES UMBRUCHS — GEDANKEN EINES ETABLIERTEN

Rektoratsrede von

Prof. Dr. Georges Redard

Dies academicus der Universität Bern

3./4. Dezember 1971

Nach den Bräuchen unserer Universität hat derjenige, der die Kette trägt — das Zeichen der Würde, aber auch der Gefangenschaft — , am Dies academicus seinen Zuhörern einen Vortrag aus seinem Fachgebiet zu halten. Wenn ich heute von dieser Tradition abweiche, dann gewiss nicht, um es bequemer zu haben. Die Sprachwissenschaft — die ich lehre — nimmt heute einen Vorzugsplatz unter den Geisteswissenschaften ein; ihre führende Rolle ist unbestritten, denn "von den Disziplinen, die sich mit dem Menschen befassen, hat sie als erste eine strenge Methodologie ausgearbeitet und sich wirklich als Wissenschaft konstituiert" (1). In einer Besprechung des Romans "Blanche ou l'oubli" von Aragon — dessen Held ein Linguist ist (auch eine neue Würde!) — tat der Kritiker sogar den Ausspruch, "der Roman spiele im Bereich des grossen geistigen Abenteuers unserer Zeit, der Linguistik" (2). Tatsächlich ist man darauf gekommen, dass die Sprachwissenschaft, die lange als Hilfs- oder Luxuswissenschaft galt, durch die Allseitigkeit ihres Gegenstandes den Zugang zur Generalisierung erschliesst und dass sich mit den Formalisierungen, die sie anwendet, der Grund zu einer Theorie im eigentlichen Sinne des Wortes legen lässt, deren Anwendungsmöglichkeiten auch noch in voller Entwicklung begriffen sind. "Infolge von Strukturerkenntnis [...]", schreibt P. Hartmann mit Recht, "erlaubt sie den Zugang zu mehr-als-individuellen und mehr-als-intuitiven Kriterien, wie sie gerade für die Interpretationswissenschaften immer stärker gefordert werden; sie erlaubt genauer zu sagen, was man weiss, wenn man etwas weiss, und wie man weiss, dass man etwas weiss [...]. . Damit wird die Linguistik auf allen zurzeit anliegenden Diskussionsebenen mitsprache- und partnerfähig und ermöglicht dem Studenten, eine intellektuell interessante und zugleich aktuell brauchbare Studienkomponente ein- und auszubauen" (3). Doch ich verzichte darauf, diese bevorzugte Situation auszunützen, allerdings mit dem Vorbehalt, gelegentlich darauf zurückzukommen; denn so manches Problem, das man heute erörtert, ist in erster Linie ein Sprachproblem, und gar manches Wort

hat eine Entmystifizierung nötig. Ich verzichte, weil ich es für die Pflicht eines Rektors halte, zu gewissen Grundfragen, die die ganze Universität angehen, öffentlich Stellung zu nehmen. Ich werde mit einer Offenheit davon sprechen, die manchen als Schroffheit erscheinen mag, und — das sei von vornherein betont — niemals im Namen der Institution, die mir den Vorwand dazu liefert. Auch mit dieser Einschränkung ist übrigens meine Zuständigkeit noch anfechtbar, und zwar aus mindestens drei Gründen. Erstens lehre ich seit bald fünfundzwanzig Jahren an der Universität, ohne einen Fähigkeitsausweis für Pädagogik zu besitzen. Zweitens habe ich, bevor ich Sprachwissenschafter und Iranist wurde, klassische Philologie studiert und glaube nach wie vor an den Wert von Griechisch und Latein. Der dritte Grund, der vielleicht meine Anhänger betrüben und meine Gegner freuen wird, ist, dass ich in meiner Jugend aktiv auf der äussersten Linken stand; damals waren die Marxisten noch durchaus bereit, ihre Prinzipien zur Diskussion zu stellen, ein Kommunist aber wurde in der Schweiz ungefähr mit einem gemeinen Verbrecher gleichgestellt (ich war weder das eine noch das andere, als ich im April 1954 meine erste Reise nach Moskau unternahm, was aber das "Aargauer Tagblatt" nicht hinderte, zeternd meine fristlose Entlassung zu verlangen, zur Empörung des Chefredaktors der erzkonservativen "Gazette de Lausanne', der mich gegen dieses Blättchen verteidigte) . Zu diesen Steinen des Anstosses kommt schliesslich noch, dass ich nicht aus einer Professorendynastie stamme. Mein Vater, dem die Mittel zum Studium fehlten, wurde Postbeamter; sein Vater war Uhrmacher, bis ihn 1931 die Wirtschaftskrise von seinem Werktisch vertrieb und zwang, für einen Stundenlohn von einem Franken Steine zu klopfen. Auf seiten meiner verehrten Mutter, die gern las und Opern hörte, gibt es immerhin ein Anzeichen: Ihr Grossvater war Pedell an der Universität Basel, und ich habe von ihm ein paar Bücher geerbt, die von ihren berühmten Besitzern, Nietzsche und Friedrich Hegar, in seiner Loge vergessen

worden waren und auf dem Vorsatzblatt ihre Namen tragen. So, in der Hut dieser mir teuren Verstorbenen und noch im Gefühl ihrer stillschweigenden Gegenwart, bin ich nun also geworden, was das Dictionnaire de l'Académie als "Titel- und Würdenträger", als "Bonzen" bezeichnet, und gehöre als solcher zu der angeblich allmächtigen Kaste, die fest in ihren Privilegien sitzt, sich jeder Neuerung entgegenstemmt, kurz, alles verschuldet hat, woran die Universität krankt.

Eine allzu simple Vorstellung, gewiss, aber sie entbindet uns nicht von genauer Betrachtung. In der Krise, die wir durchmachen und die nicht wegzuleugnen ist, gibt es zunächst einmal etwas Beständiges, nämlich den Willen, die Welt neu zu formen, ohne den die Jungen keine Jungen mehr wären, und — Herr Hurni wird es gleich sagen — die Ungeduld der Jugend mit unserer Vorsicht, sei diese nur Verzögerungstaktik oder ein Zeichen von Aengstlichkeit. Die Studenten glauben an ein besseres Morgen; sie haben Brown gelesen, Ginsberg, Grodmann, Leary, Marcuse, Wattes; vielleicht ahnen sie auch, dass sie rasch handeln müssen, bevor ihr Eifer erlahmt und sie in das Stadium treten, das wir das Stadium der Besonnenheit zu nennen belieben; sie müssen handeln, bevor sie selbst so werden wie wir, festklebend in den Kommissionen, verbraucht von den Sitzungen und endlosen Wortgefechten, die unsern Beruf Schritt für Schritt seiner Würde beraubt haben. An sich also kein Grund zur Verwunderung: Es gehört zu jeder jungen Generation, dass sie die Gesellschaft anklagt, aus der sie hervorgegangen ist. Aber es ist sinnlos, einen Mythos daraus zu konstruieren, ebenso wie es sträflich wäre, sie mundtot zu machen. Untersuchen wir lieber Inhalt und Gewicht ihrer Vorwürfe.

Der schwerste und am häufigsten erhobene Vorwurf ist der, dass die Universität den Realitäten des Lebens und den Anforderungen der Gesellschaft nicht angepasst sei. Eubulos, der Gegner des Demosthenes, beschwerte sich schon bei Platon darüber; und in jüngster Zeit vertritt Theodore Roszak in seiner "Gegenkultur" die These, es sei weniger wichtig, zu wissen, "was wir wissen

werden, als wie wir leben werden". Eine verlockende Formel, — aber gefährlich! Alle totalitären Regierungen wollten und wollen die Universität der Realität anpassen — ihrer Realität. Wenn aber die Universität den Interessen einer bestimmten Wirtschaft oder Ideologie dienen soll, so liegt das Ergebnis auf der Hand: Es bleibt nichts übrig, als die Studenten und Professoren in die Fabrik zu schicken, um sie von den Arbeitern umerziehen zu lassen; der unnütze Intellektuelle wird dann ein "Kulturarbeiter" wie in China, oder, wenn Ihnen das zu weit entfernt ist, wie in Greifswald, wo sich die Universität zu diesem Zweck mit der Oelraffinerie von Schwedt zusammengeschlossen hat. Ich leugne nicht, dass der Anspruch des Studenten rechtmässig ist: Er möchte — und das ist normal — unmittelbar auf das Werden einer Welt einwirken, die in Bewegung ist, die liebt und leidet, so wie er sie täglich sieht oder wie er sie entdeckt, wenn er von einem Kontinent zum andern reist (denn jetzt hat er dies einstige Millionärs-Privileg) . Die Gegensatze sind nicht unvereinbar: Man kann sich der Realität anpassen, vorausgesetzt, dass man die Konfrontation mit dem, was darüber hinausgeht, nicht scheut. Was will das konkret heissen? Nun, um nur ein Beispiel zu geben, ich habe mich immer gewundert, dass die Studenten nicht ein Fach Filmwissenschaft verlangen, das als wohltätiges Ferment in unseren pasteurisierten Hörsälen wirken würde. Der Film, der Stoffe aus der Geschichte, der bildenden Kunst und der Musik, der Völkerkunde, der Linguistik und der Psychologie verwendet und dabei die Erfassung des Wirklichen mit der Erforschung des Fiktiven verbindet, ist ein interdisziplinärer Gegenstand par excellence. Ich weiss, nun wird man über meine Naivität lächeln: ich biete ein Heftpflaster an, wo doch Abhilfe nur vom Messer des Chirurgen zu erwarten wäre. Wenn die Universität wirklich so schlecht "integriert" ist, so hat das in den Augen mancher Leute einen einzigen, einfachen Grund: Sie ist eine Hochburg des Bürgertums und dem Kapitalismus hörig.

Dies also ist das Epizentrum, die Stelle, wo man das Messer ansetzen muss. Gerade heraus: dieser Mythos ist so zählebig wie falsch. Die Kultur ist nicht und war nie Besitz des Bürgertums, im Gegenteil, sie wird von ihm als "komischer Zeitvertreib für Müssiggänger" (4) betrachtet. Der Bürger, schrieb Gide 1937, hat einen Hass auf alles, was nicht zweckgebunden und einträglich ist, was ihm nicht dient. Kunst und Literatur kann er nur anerkennen, sofern sich Nutzen aus ihnen ziehen lässt, und er hasst alles, was über sein Verständnis hinausgeht (5). Und neuerdings notiert der Gräzist Fernand Robert in einem illusionslosen, aber scharfsichtigen Buch die fundamentale Feindseligkeit des Bürgertums gegenüber den Altertumswissenschaften: Sie seien im letzten Jahrzehnt von einem Régime "der Grossbanken, der Grossindustrie und des Grossgrundbesitzes" (6) geradezu ruiniert worden. Die Universität hat sich übertölpeln lassen, ja schlimmer, sie hat selbst dazu beigetragen, die Zahl ihrer Verächter zu vermehren, — denken Sie an die chinesische Universität der Fünfzigerjahre: In zwölf Semestern verwandelte sie Bauern- und Arbeitersöhne in Pseudorevolutionäre, die nur noch von bequemen Stellen und reichlichen Gehältern träumten. Man verstehe mich recht: Ich habe nicht die Absicht, das Bürgertum anzuschwärzen (es gab und gibt immer bewundernswerte Bürger) ; ich will nur darauf hinweisen, wie paradox es von gewissen Leuten ist, es zum Sündenbock zu stempeln, den sie so recht bequem mit allen Fehlern der Universität beladen.

Wenn ich alle, die die Universität in eine Dienstbarkeit einspannen wollen, zu den Bürgern rechne, so scheint es, als ob ich einer der wichtigsten Behauptungen der protestierenden Gruppen zustimmte. Ich gebe es zu, aber nur bis auf den grundlegenden Unterschied: dass für mich Dienstbarkeit die Unterordnung unter jede Art von Wirtschaftssystem, unter jede politische Ideologie bedeutet. Von diesem Prinzip als Eckpfeiler gehen wir aus wie der Mathematiker von seinem Postulat, denn es ist die Bestimmung der Universität, alle Ideen aufzunehmen,

alle Individuen zu respektieren und alle geistigen Auseinandersetzungen zuzulassen, dank gegenseitiger Achtung und Rücksicht. Wir müssen es von uns weisen, "unsere Freiheit auszunützen, um die der anderen mit Füssen zu treten; wir dürfen nicht auf die Menschenwürde pochen, um sie zu verhöhnen" (7). Sartre erklärt, es sei der Zweck der Universität, dem Protest als Nährboden zu dienen. Ja, unter der Bedingung, dass eine Ethik des Gesprächs gewahrt wird und man ein Sektierertum ablehnt, das von Natur aus unfruchtbar ist. Dagegen verwahren sich im allgemeinen unsere Proteststudenten; sie schmeicheln sich, eine kritische Methode anzuwenden, so "angenehm ist das Gefühl, dass man den Gefahren entgeht, vor denen die andern sich nicht zu hüten wissen" (8) . In Wirklichkeit erkennt man schnell, dass ihre Argumente apodiktisch sind und dass sie die pythagoreische Formel autòs épha, ipse dixit "der Meister hat gesagt..." zum Axiom erheben. Aber diese bedingungslose Ehrfurcht vor dem Wort des Meisters lähmt auf allen Ebenen den Dialog, somit die Universität.

Dieses Klima der Toleranz muss gewahrt bleiben und uns, Professoren und Studenten, obliegt es, dafür zu sorgen und jedem Missbrauch entgegenzutreten. Denn die Universität kann keinesfalls das ungestörte Asyl für alle Agitatoren sein, Tummelplatz einer lärmenden Minderheit, für die die Auflehnung Selbst~ Selbstzweck ist. Diese Revolutionäre in Kleinformat, die behaglich mit dem Rücken zum Ofen am gedeckten Tisch sitzen, spielen in unserer Hochschule die Luftpiraten, weil sie nicht imstande sind, Studien zu betreiben. Soll man sie ignorieren, sie kläffen lassen, bis sie sich ins eigene Fleisch schneiden? Diese laxe Haltung wäre entschieden zum Nachteil aller, die loyal und mit Hingabe an der Verwirklichung der nötigen Reformen arbeiten. Wenn "die Politik oft das Gesprächsthema von Leuten ist, die sonst keins haben" (9) , so ist sie doch eine Tatsache, und es wäre sinnlos, ihr den Rücken zu kehren: Sie ist ja nicht zwangsläufig "die Kunst, die Leute davon abzuhalten, sich in ihre eigenen Angelegenheiten zu mischen" (10)

wie Valéry behauptet. Vergessen wir nicht, dass die fortschrittlichsten politischen Parteien gerade aus Universitätskrisen hervorgegangen sind. Die lateinamerikanischen Universitäten, die im XVI. Jahrhundert nach dem Vorbild von Salamanca, der spanischen Sorbonne gegründet wurden, sind ein Musterbeispiel dafür: In ihren Kreuzgängen beim gemurmelten Gebet las man schon vor hundertfünfzig Jahren heimlich das Brevier der Menschenrechte der französischen Revolution, und dann erhob sich der Ruf nach Unabhängigkeit.

Ob es uns widerstrebt oder nicht, die Politik ist heute in der Universität angesiedelt. Es geht nicht darum, ob man sie daraus verbannen oder darin willkommenheissen soll, sondern ob man sie aus Intrigen und trüben Streitigkeiten heraushalten kann. Ich habe kein Rezept vorzuschlagen. Aber ist die Ausbildung zu einer wissenschaftlichen Disziplin nicht auch Ausbildung des Gemeinsinnes, lehrt sie nicht auch intellektuelles Falschgeld vom echten unterscheiden? Angesichts dieser Aufgabe scheinen mir zwei Haltungen gleichermassen verwerflich: die demagogische gewisser Dozenten mit Angst- oder Schuldgefühlen, die glauben, sie brächten sich in Sicherheit oder auf die Höhe der Zeit, indem sie mit den Wölfen heulen; und die Haltung anderer Professoren, die aus ihrem Rang oder aus ihren wissenschaftlichen Beanspruchungen das Recht ableiten, sich auf keine Diskussionen einzulassen. Allerdings steht es uns zu, die Themen dieser Diskussionen genau abzugrenzen, sonst hätten wir nur noch einen Popanz von Universität. So scheint es mir untragbar, dass die Berufung eines Professors politisiert wird. Der Fall, den wir neulich zu debattieren hatten, zeigt das in höchst erbaulicher Weise: Wenn wir, statt über die marxistischen Anschauungen eines Philosophen zu streiten, uns damit begnügt hätten, aufzuzeigen, dass die elementaren Regeln einer kritischen Ausgabe ihm unbekannt waren und dass er das Leibniz'sche Latein nicht ohne grobe Sinnentstellungen zu übersetzen vermochte, so hätten wir die einzig richtige Beurteilung angewandt, die der Kompetenz.

Dagegen tritt die Politik sehr wohl in Funktion, wo es sich um die eigentliche Existenz unserer Universitäten handelt. Lange waren unsere Beziehungen zur Kantonalen Erziehungsdirektion sehr einfach: Wir baten sie, unsere Wahlen zu bestätigen, unsere Gesuche zu genehmigen und die Rechnung zu bezahlen. Nun aber drohen in der Schweiz wie anderswo die Ausgaben für das Bildungswesen bald die finanziellen Möglichkeiten des Landes zu übersteigen (11) , und das Budget der Universität ist nicht dehnbar wie das der Armee oder der Autobahnen. Unsere medizinische Fakultät gibt allein 60,6 % davon aus (gegen 12,2 % für die Geisteswissenschaften), und das ist nicht verwunderlich: Ich habe gerade gelesen, dass das Krankenhaus Henri-Mondor in Créteil (Val-de-Marne), das 1969 eingeweiht worden ist und 1300 Betten hat, 1700 Angestellte und 600 vollamtliche Aerzte beschäftigt. Andere Fächer haben ähnliche Bedürfnisse, die sich nur um den Preis einer ganz neuen Konzeption der Forschung und ihrer Organisation befriedigen lassen. Es genügt wirklich nicht mehr, die Leute, denen die Universität Bern zu teuer vorkommt, zu fragen, was denn Bern ohne seine Universität wäre. Die Zeit des Stolzes auf kantonale Autonomie ist abgelaufen, und wir haben Besseres zu tun als ihr nachzuweinen, seien es auch nur Krokodilstränen. Die Verschwendung, d.h. die Zersplitterung der Mittel und Kräfte, ist lebensgefährlich geworden; die einzige Rettung heisst Koordination. Ein grosses Wort, ich weiss, und nur zu häufig das Lieblingsthema offizieller Ansprachen, dabei scheitert sie noch in skandalöser Weise an den winzigsten Hindernissen; und doch trotz allem eine vordringliche Aufgabe auf allen Ebenen: Koordination zwischen den verschiedenen Schultypen, zwischen bestimmten Disziplinen, die dazu berufen sind, ihre Methoden zu vergleichen und ihre Bedürfnisse aufeinander einzustellen; auf nationaler Ebene zwischen unsern Hochschulen, deren Partikularismus nur noch insofern haltbar ist, als er die unerlässliche Verteilung der Aufgaben und den reibungslosen Austausch nicht hindert; schliesslich die internationale

Koordination, zu der man unbedingt eines Tages vorstossen muss, denn die Universität ist bedenklich im Rückstand gegen Kohlen und Kartoffeln.

Die Politik ist nicht minder gegenwärtig, wenn man an Probleme wie die Chancengleichheit herantritt, die Demokratisierung des Studiums und die Teilnahme der Studenten am Betrieb der Universität.

Die höhere Bildung ist lange ein Vorrecht der Besitzenden gewesen. So schlimm steht es jetzt nicht mehr. Die Demokratisierung des Schulwesens ist ein Grundsatz, der von nun an in der Erziehungspolitik aller Länder der Welt verankert ist. Aber von den Grundsätzen bis zur Wirklichkeit ist es ein weiter Weg. Man hat geglaubt, die Wirkungen des wohlbekannten Zusammenhangs zwischen Schulselektion und sozialer Selektion aus der Welt schaffen zu können, indem man die obligatorische Volksschule gründete. Alles nur Hirngespinst und Heuchelei: Als ob sich die Ungleichheit auf der Schwelle des Schulzimmers in Nichts auflöste! Zwischen dem Arbeitersohn, der nur Gespräche über Brotpreis und Mietzinsquittungen kennt, und dem "Sohn aus gutem Hause", der am Esstisch Glossen über den letzten Empfang oder den Dienstbotenmangel hört, gibt es keine gemeinsame Sprache. Sie gehen in dieselben Vorlesungen, lesen die gleichen Bücher, arbeiten für die gleichen Prüfungen: Alles ist gleich zwischen ihnen, ausser dem Wesentlichen, und zwar von Anfang an: Von den Schweizer Jugendlichen, die ihre Primarschulzeit mit ausgezeichneten Noten beenden, sind 62 % Kinder aus der "Oberschicht" und nur 23 % Kinder von ungelernten Arbeitern. Uebrigens nützt die Nivellierung weder den einen noch den andern. Eine ganze Schulklasse in dasselbe Schwimmbassin schicken, ohne zu berücksichtigen, dass eine Anzahl schon schwimmen kann, heisst bei den Schwachen die Minderwertigkeitsgefühle verstärken und die Tüchtigen am Vorrücken hindern.

Indem man das anerkennt, stellt man das gesamte Schulwesen in Frage, Stoff, Methoden, Ziele und auch die Lehrerbildung

(12) . Die materiellen Lösungen sind ungenügend: Die Stipendien sind zwar keine Almosen mehr — wir haben in dieser Hinsicht seit einer Generation enorme Fortschritte gemacht, — aber die Eltern müssen sich einverstanden erklären, eines anzunehmen, was nicht so einfach ist, wie es aussieht. Und zugleich entdeckt man, dass das wahre Problem anderswo liegt: Es steht heute fest, dass die kulturelle Ungleichheit oft unwiderruflich ist, wenn man sich nicht bemüht, ihr abzuhelfen, bevor das Kind in die Schule eintritt. Man müsste also im Vorschulalter eingreifen, — aber wie und mit was für sonstigen Folgen? Und selbst wenn man das könnte, würde es nicht gelingen, die Menschen selber so weit einander anzugleichen. Hier wie anderwärts gibt es kein Wundermittel. Das Ziel, nach dem wir immerhin ohne Vermessenheit streben können, besteht darin, das Schulsystem in dem Masse zu differenzieren, dass jeder darin den Weg findet, der seinen angeborenen Fähigkeiten entspricht.

Die logische Folgerung aus diesem Wunsch ist die Selektion, ein weiteres heikles Thema, das man aber nicht umgehen darf. Seltsamer- und pikanterweise gilt die Selektion als ein Werkzeug der Reaktion, ausgeheckt von Professoren, die "den Privilegien der Klasse, die sie ernährt, ewige Dauer verleihen möchten" (13) . Nun wird sie aber nirgends so streng gehandhabt wie in den kommunistisch regierten Ländern. An der Universität Warschau — ich nehme sie zum Beispiel, weil ich dank ihrem Rektor, Professor Rybicki, der heute hier zu Gast ist, dort einige Einblicke tun konnte — müssen die angehenden Studenten eine Aufnahmeprüfung bestehen; durchschnittlich einer von sechs wird zugelassen, — und da hat es nicht viel zu sagen, dass man die Kandidaten aus bescheidenen Verhältnissen durch Zusatzpunkte begünstigt. Auf diesem Wege vergrössert sich die Universität nicht, aber man gründet neue, wenn wirtschaftliches Wachstum oder Bevölkerungszunahme mehr Chemiker, Ingenieure oder Mediziner erfordern. Die freie Wahl und individuelle Eignung sind also dem Staatsinteresse untergeordnet. In welchem

Masse diese quantitative Anpassung die Qualität verbürgt, kann ich nicht beurteilen. Ich frage mich nur, ob es möglich, ja auch nur rechtmässig ist, auf das Bildungswesen, genauer auf eine Einrichtung wie die Universität, dieselben Planungsprinzipien anzuwenden wie in den allgemeinen Wirtschaftssektoren eines Landes oder einer Unternehmung. Man verneint diese Frage de facto, sobald man für alle das Recht auf Studium fordert und die intellektuelle Integration predigt, — ohne sich übrigens weiter über das Niveau zu beunruhigen. Die Entscheidung drängt sich also auf, und wir können ihr nicht ausweichen. In meinen Augen ist sie schon stark präjudiziert: Früher oder später werden wir gezwungen sein, zu dem Mittel der Selektion zu greifen, um in unseren finanziellen Grenzen zu bleiben und dem Bedarf des Landes an Hochschulabsolventen zu entsprechen. Ein beträchtliches Risiko! Welche Ausmasse es annimmt, wird davon abhängen, wie wir "die soziale Gerechtigkeit mit der Freiheit in Einklang bringen können", was nach einem berechtigten Ausspruch von Andre Malraux "das zentrale politische Problem unserer Zeit" (14) ist.

Auf jeden Fall ist hier für Sie, Kommilitoninnen und Kommilitonen eine grossartige Gelegenheit zur "Mitsprache". Sie haben schon welche, und ich beglückwünsche Sie, dass Sie über die Musse verfügen, noch weitere zu verlangen. Als ich an Ihrer Stelle war, hätte ich mich schön gehütet — und meine Kameraden mit mir —, in einer Fakultätssitzung oder einer Universitätskommission mitzutagen. Sicher nicht aus Mangel an staatsbürgerlichern Interesse; aber nachdem wir uns jahrelang dem starren Stundenplan des Gymnasiums hatten fügen müssen, wollten wir endlich die Möglichkeit haben, unsere Freizeit nach unserem Geschmack zu gestalten, zu lesen, zu leben, kurz, etwas von der Allgemeinbildung zu erwerben die "lernen lehrt". Die Zeit für Sitzungen und langatmige Debatten Debatter würde noch früh genug kommen, und wir wollten sie nicht beschleunigen, sonst wären wir uns vorgekommen wie die Leute, die "schon bei der Geburt fünfzig Jahre alt sind, ganz wie zur Zeit der Könige manche Kinder gleich als Obersten zur Welt

kamen" (15) . Allerdings gab es seinerzeit nur zwei Kategorien von Studenten, gute und schlechte. Einen solchen Dualismus halten Sie heute für Kurpromenadenphilosophie. Man kann sich danach zurücksehnen, aber beruhigen Sie sich, ich wünsche keine Wiederkehr abgelebter Zustände und schliesse hiermit diese Parenthese.

Dass die Studenten sich so nutzbringend wie möglich an der Ausarbeitung von Studienplänen, Prüfungsprogrammen, Reglementen beteiligen, die wir brauchen, dass sie ihre Meinung über die Lehrveranstaltungen äussern, ja sogar über die Forschungsarbeit, wenn sie dazu fähig sind, das alles finde ich ganz natürlich. Sie sind mündig oder bald mündig und vollberechtigte Mitglieder unserer Gemeinschaft. Ueberall, wo ich sie an unsern Beratungen habe teilnehmen sehen, war ich beeindruckt von ihrem Ernst und ihrer Loyalität. Dazu war ihre Gegenwart sicher eine Veranlassung für uns, die Debatten besser vorzubereiten, deutlicher Stellung zu beziehen und auch — warum soll ich es leugnen? — weniger zu reden. Schliesslich haben sie sich ein genaueres Bild von unsern Aufgaben und Lasten machen und vielleicht sogar in günstigen Fällen sich davon überzeugen können, dass wir nicht notwendig solche Handlanger patriarchalischer Bevormundung sind, nicht so eifersüchtig auf unsere Vorrechte bedacht und nicht so darauf erpicht, ihnen unsere Entscheidungen aufzuzwingen, wie manche Kritiker, deren Absichten offenkundig sind, es absolut haben wollen.

Freilich behaupte ich nicht, es sei alles aufs beste bestellt. Die Erfahrung der Mitsprache hat tatsächlich noch ein anderes, weniger erfreuliches Ergebnis gehabt: Unsere Studenten gingen oft verbittert und ernüchtert daraus hervor. Sie hatten manchmal den Eindruck, dass ihre Mitwirkung nur eine Fiktion sei und unsere Zustimmung nur eine Finte, durch die wir so schnell wie möglich eine nur kurz bedrohte Souveränität wiederherzustellen hofften. Das heisst uns diabolische Absichten zutrauen, — bedauerliche Absichten, wenn nur eine Spur von Wahrheit daran wäre. Die Wirklichkeit ist einfacher: Die Mitsprache hat

weder bei den Studenten noch bei den Professoren in einem Tage reifen können. Sie haben geglaubt, Sie könnten auf einen Streich die Routine über den Haufen werfen, die doch stark ist, obschon nicht zu rechtfertigen, und zugleich die Last der akademischen Traditionen ins Wanken bringen. Diese falsche Einschätzung hat Sie Sympathien gekostet; auf beiden Seiten der Schranke, an deren Errichtung sie nicht unbeteiligt ist, hat sie Misstrauen und Ungeduld erweckt. In einer Erklärung, die mehr eine Anklagerede ist, sagt Professor Toole von der Universität Montana (Nordwesten der Vereinigten Staaten) unter anderem: "Ich bin ein liberal denkender Mensch, halte es mit dem gesunden Menschenverstand [...]. Ich habe die Nase voll von dem widersinnigen Gehabe der studentischen 'Rebellen' [...] Wir sind die Geführten, nicht die Führer, und wir sind Narren [...] Nicht Polizei, sondern Ausschluss" (16) . Er charakterisiert auch das andere Extrem, das studentische, mit einer stark übertriebenen Formulierung: "Alles sofort, oder alles kaputt". Derartige Masslosigkeit ist eines Universitätsangehörigen unwürdig, und niemand von uns hat dabei zu gewinnen. Anstand bleibt für mich eine Vorbedingung, von der es keine Ausnahme gibt. Ich meine nicht Handküsse und Verbeugungen, sondern die einfache Höflichkeit, die jeder Mensch seinem Gesprächspartner schuldet. Sie steht der Herzlichkeit durchaus nicht im Wege, aber Unverschämtheit schliesst sie aus. Ich weiss, unsere Titel stören offenbar manche unserer Studenten, die sie im Namen dessen, was sie für Demokratie halten, mit dem Bann belegen. Ich möchte sie an den grossen Publikumserfolg jenes Kultusministers erinnern, der seine Ansprache mit "Meine Herren Studenten, meine Herren Professoren" begann. Klatschen Sie auch? Das war am offiziellen Semesterbeginn der Universität Berlin im Jahre 1940 oder 41, und dieser Naziminister war dazu noch ein ungehobelter Kerl.

Wenn ich das Lob der Urbanität singe, so verstehe ich doch, dass Sie die Langsamkeit manchmal reizt, mit der wir Ihrer Meinung nach die gewünschten Reformen (besonders das neue

Universitätsgesetz, von dem gleich die Rede sein wird) in die Wege leiten; auch die Kommissionen reizen Sie, die an Ort treten und nach Herzenslust an Kleinkram herumtüfteln, — ein Fehler, von dem Ihr Studentenrat übrigens auch nicht frei ist, denn daran kranken alle grossen Kommissionen. Was soll ich Ihnen antworten? Wohl oder übel müssen wir zugeben, dass schwere Geburten vorkommen und der Kaiserschnitt nur eine Notlösung ist. Ausserdem — gestehen wir es ehrlich — ist das Spiel nicht immer frei von Hintergedanken: Der eine oder andere, der weiss, dass vieles Stechen die Spitzen abstumpft, rechnet damit, dass Sie naturgemäss nur Passanten in der Universität sind und Ihre Nachfolger anderer Meinung oder besser disponiert sein mögen. Ich bedaure das mit Ihnen, umsomehr als der Rektor, der auch ephemer ist, mitunter den Eindruck hat, Opfer derselben Taktik von seiten der Regierung zu sein; man lässt sich Zeit bis zur Ablösung. Ich sage "Eindruck", denn meine feste Ueberzeugung ist, dass über Intrigen und unvermeidliche Widerstände hinaus hüben und drüben ein ansehnlicher Grundstock an gutem Willen vorhanden ist. Unsere Meinungen mögen auseinandergehen, aber wir sitzen doch alle in demselben Boot, und kein redlicher Passagier kann wünschen, dass es scheitert oder Schlagseite bekommt.

Es wird auch niemand bestreiten, dass die Lenkung Sache des Kapitäns und der Offiziere ist. Subordination unter Willkür ist vom Uebel; sie hat nichts mit der Rangordnung zu tun, die nicht allein im Chor der Engel herrscht, sondern auch die Grundlage jeder Gemeinschaft bildet: Es gibt keinen Zug, wenn die Wagen Ideen haben.

Die Formel ist nur scheinbar autokratisch, denn der Lokomotivführer bestimmt ja nicht selbst den Weg und den Fahrplan. Sie steht keineswegs im Widerspruch zu dem menschlichen Kontakt, der in meinen Augen das Kostbarste an unserm Lehrbetrieb ist und den wir um jeden Preis bewahren müssen. Es ist ja offensichtlich, dass da, wo die Hochschulunruhen am schwersten waren, zwischen Professoren und Studenten kein wirkliches Band mehr

existierte. Die Vorlesung eines Dozenten vor achthundert oder tausend Hörern erinnert eher an eine Wahlversammlung; und die vervielfältigten Texte, auch wenn sie unleugbare Dienste leisten, können doch keinesfalls an die Stelle der direkten Übermittlung des Wissens treten, — sei es nun ein Kolleg, wo der Student dem Gedankengang, seiner Erörterung und Durchführung folgen, auch Retuschen beobachten und die Ergebnisse abschätzen kann, oder sei es ein Seminar, wo er eine Arbeitsmethode beherrschen lernt und nach und nach das wahre Glück des Wissenschafters teilt: "von Zeit zu Zeit den unvergleichlichen Duft zu atmen, der der aufkeimenden Wahrheit entströmt" (17). Es ist sehr leicht, sich über unsern Beruf lustig zu machen. Ich weiss nicht mehr, in welcher Novelle Tschechow schreibt, "die Universität entwickle sämtliche Fähigkeiten, unter anderem die Dummheit". Der Ausfall ist vielleicht witzig, trifft aber nur scheinbar: Weder Dummheit noch Gescheitheit lassen sich lehren. Sagen wir etwas bescheidener: Die Universität ist keine Verlängerung des Gymnasiums, wo die Prüfungsmentalität vorherrscht; es soll ihr erstes Ziel sein, den Studenten zu eigenem Denken und einer selbständigen Disziplin zu verhelfen. Erlauben Sie mir noch ein Zitat: Max Niedermann, der hervorragende Lehrer, dessen Schüler zu sein ich den Vorzug hatte, schrieb mir bei seiner Emeritierung im Mai 1944: "Wer am Ende seiner Laufbahn steht, für den bedeutet es die höchste Genugtuung, die ihm zuteil werden kann, in einigen seiner Schüler die Lust an wissenschaftlicher Arbeit geweckt zu haben."

Das sind wohltuende und weise Worte eines Mannes, der alles daran setzte, uns das Vergangene zu überliefern, ohne jemals den Anspruch zu erheben, uns eine Zukunft zu konstruieren, weil er wusste, dass die Jugend eigene Wege geht und dass "die Zukunft per definitionem von uns abgekehrt ist und uns nicht kümmern soll" (18)

Es wäre falsch, wenn man darin etwa eine Aufforderung sähe, sich in Lethargie versinken zu lassen. Dass man die Flucht nach vorn, in der manche Leute ihr Heil sehen, beim Namen

nennt, bedeutet keineswegs ein Lob der Stagnation. Nicht an uns blossen Stafettenläufern ist es, zu bestimmen, was die Jugend mit dem Stab anfangen soll, den wir ihr übergeben: Kultur lässt sich nicht vererben wie ein Möbelstück; der Erbe modelt sie zwangsläufig um. Was wir hingegen tun können, ist (wenn ich das Bild weiterführen darf) , die Piste vorbereiten, die sichtbaren Hindernisse aus dem Wege räumen und die Strecke sogar mit Zeichen markieren, um Bahnfehler zu verhüten.

Aber ich höre das berechtigte Drängen der Studenten: Zur Sache! Die halbe Stunde, die mir zur Verfügung steht, reicht kaum für Einzelheiten, und im übrigen wählen wir einen Rektor noch nicht auf Grund von Versprechungen, wie ein Nationalratskandidat sie zu geben hat.

Zahlreiche Probleme erfordern heute unser Eingreifen. Sie haben ihre eigene Rangordnung, — bei deren Aufstellung wir aus einfachem Anstand nicht vergessen dürfen, dass die Universität für die meisten jungen Menschen in der Welt noch eine Art Fata Morgana ist, unerreichbar für sie, die nur das eine tägliche, furchtbare Problem kennen: Nahrung. — Ich werde mich nicht beim neuen Disziplinarreglement aufhalten, das so viele Erörterungen hervorgerufen und mehr Sitzungen gekostet hat, als es verdient, — nicht dass ich darin eine Nebensache sehe, aber es ist übertrieben, einen Prüfstein daraus zu machen. Viel wichtiger ist das Universitätsgesetz, das eine Expertenkommission, Eingeweihten unter der etwas unheimlichen und ziemlich süssen Abkürzung NUGAPEK (19) bekannt, zu konzipieren versucht hat. Es tritt noch nicht so bald in Kraft, und ich wäre versucht, zu sagen "leider", wenn nicht darin mein gegenwärtiges Amt auf mindestens vier Jahre festgelegt wäre. Der Rektor kann dann mehr ausrichten und ist nicht rein dekorativ, aber seine Wahl muss auch viermal so gut überlegt sein. So, wie das Gesetz angelegt ist, kann man bestimmt Gutes davon erwarten, wenn es mir auch unwirksam in bezug auf gewisse chronische und akute Krankheiten scheint, an denen wir leiden und von denen die

schlimmste eine Kompetenzenkrise ist. Gegenüber den vorgesetzten Behörden gehen wir in so ungeordneter Reihe vor, dass unsere Front aufs peinlichste geschwächt wird. Die Fakultäten halten sehr auf ihre Autonomie im Verkehr mit der Erziehungsdirektion, an die manche Institute sich direkt wenden, manchmal ohne dem zuständigen Dekan Mitteilung zu machen, der folglich seinerseits den Rektor nicht verständigen kann. Letzthin hat man sogar erleben können, dass die Fachschaft eines Instituts im Organ der Studentenschaft einen offenen Brief an den Regierungsrat publiziert und dieser auf demselben Wege geantwortet hat. Ohne auf den Inhalt dieses Briefwechsels einzugehen (da hätte ich zu leichtes Spiel), bezeichne ich das angewandte Prinzip als anarchisch. Wenn ein derartiges Verfahren erlaubt ist, wie kann dann der Rektor, der dadurch zum Gespött gemacht wird, die Institution verteidigen, als deren Vertreter er gilt? Was versprechen sich diese Plänkler von ihren egozentrischen Einzelaktionen? Ich staune, dass sie, die man mir als so wohlorganisiert und so gute Psychologen geschildert hat, die Wirkung einer derart armseligen Strategie nicht ermessen: die ganze Universität wird davon in Mitleidenschaft gezogen, denn sobald die Protestgruppen den Kampf in die Arena tragen, rufen sie unfehlbar eine entsprechend starrköpfige Opposition auf den Plan. Das Gespräch wird illusorisch, und wir haben den Ausverkauf der Universität.

Noch einmal, ich träume nicht von einem Rektorat mit derartigen Vollmachten, wie Sie, die so begeistert für Demokratie scheinen, sie laut dem gerade vorgelegten Statutenentwurf dem Präsidenten Ihrer Studentenschaft bewilligen. Ich denke nur: Bevor wir an die Regierung appellieren, müssen wir unsere internen Streitigkeiten beilegen und lernen, Einzelinteressen und egoistische Forderungen der harmonischen Entwicklung der Universitätsgemeinschaft unterzuordnen. Das ist der Preis der Solidarität, und sie allein kann unser Gedeihen gewährleisten.

In diesem Sinn habe ich mich über die gegenwärtigen Aufgaben geäussert und versucht, Ideen über Phrasen zu stellen. Es wäre

unehrlich und anmassend von mir, wollte ich eine Lösung für alle Probleme versprechen, die der schwierige Wandlungsprozess des Hochschulwesens heute aufwirft. Aber ich verpflichte mich, aus allen Kräften daran zu arbeiten. Wenn meine Kollegen und wenn die Studenten so freundlich sein wollen, mir ihre Unterstützung zu leihen und mir mit ihrem Sachverständnis zur Seite zu stehen, dann wird uns bestimmt mit vereinten Kräften ein gutes Stück Arbeit gelingen.

Anmerkungen

(1) N. Ruwet, Vorrede zu R. Jakobsen, Essais de linguistique générale, Paris 1963, S. 7.

(2) Ph. Sollers, Le Monde 13.9.1967.

(3) Linguistik und Hochschulreform: Linguistische Berichte 3, 1969, S. 70-71.

(4) M. Proust, Sodome et Gomorrhe II 3, S. 108.

(5) Journal, 22. August 1937 (éd. de la Pléiade, S. 1269)

(6) Un mandarin prend la parole, Paris 1970, S. 131.

(7) Rektor Mallet in einer Erklärung zu den Zwischenfällen von Paris-Nanterre, Le Monde, 29./30.11.1970.

(8) André Rivier (wieder ein Gräzist) Le mouvement étudiant lausannois et la réforme universitaire. Separatabdruck aus einer Artikelserie — bemerkenswert durch Scharfblick, Weitsicht und Informationswert — in der Gazette de Lausanne von November 1969 bis Juni 1970.

(9) F. Robert, a.a.0. S. 33.

(10) Rhumbs, S. 105.

(11) S. besonders Max Keller, die Universität als Staatsaufgabe: Bernische Staatspersonalzeitung 12.6.1970.

(12) Ich kann hier nur auf den mutigen Aufsatz unserer Kollegin Jeanne Hersch verweisen: Der Lehrer in der heutigen Krise: Schweizerische Lehrerzeitung 20.8.1970.

(13) A. Rivier, a.a.0. S. 17.

(14) Leichenreden, Paris 1971, S. 39.

(15) J. Audiberti, Talent, Paris 1947, S. 102.

(16) Auszüge aus dem deutsch zitierten Text in Briefe an den Chef, 39. Jahrgang (1971), Nr. 1813 (Emil Oesch Verlag, Thalwil-Zürich).

(17) J. Rostand, Pensées d'un biologiste, Paris 1939, S. 130.

(18) F. Robert, a.a.0. S. 256.

(19) Ausserparlamentarische Expertenkommission für ein neues Universitätsgesetz (NUGAPEK).