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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die komplementäre Wirklichkeit des Wissenschaftlers

ENTWURF DER FESTREDE VON

PROF. DR. KARL SCHMID
FÜR DEN ETH-TAG AM 14. NOVEMBER 1974
vorgetragen von Rektor Prof. Dr. Heinrich Zollinger

Prof. Dr. Karl Schmid hätte zum Abschied von seiner Lehrtätigkeit die Festrede am ETH-Tag 1974 halten sollen. Vom 17. bis 24.Juli verfasste er unter immer grösserer Anstrengung den ersten Entwurf. Eine schleichende Lungenentzündung zehrte an seiner Lebenskraft —Karl Schmid starb am 4. August.

Das Manuskript des Entwurfs —teils in gewöhnlicher Handschrift, teils in Kurzschrift — ist als Faksimile vom Artemis-Verlag veröffentlicht worden. Mit der Genehmigung des Artemis-Verlages und Rektor Zollingers sowie mit der Zustimmung von Frau Elsie Schmid-Attenhofer wird der Entwurf von Prof. Schmid im ETH-Bulletin abgedruckt. Vielen Dank für das freundliche Entgegenkommen!

Der Entwurf wird hier buchstabengetreu übertragen und mit der ursprünglichen Gliederung in Abschnitte wiedergegeben. Ergänzungen des "Übersetzers" sind in eckige Klammern []gesetzt, Auslassungen in Winkelklammern <>.

Es muss einmal ein Volk gegeben haben, das eine Sprache sprach, welche wir als indogerm. Grundsprache/Urindogermanisch bezeichnen. Im Verlauf der Jahrtausende wurde es zahlenmässig grösser, es brauchte mehr Raum, dehnte sich aus, die Teile verloren den Zusammenhang untereinander, die einst gemeinsame Sprache bildete sich in den getrennten Stämmen, die sich mit andern Völkern vermischten, auf verschiedene Weise aus. Nun gibt es germanische Sprachen, romanische, slawische, indische usf. Sie sind ganz getrennt/verschieden, und selbst wer eine germanische oder romanische oder slawische Sprache kennt, muss die andern aus der selben Gruppe als Fremdsprachen lernen.

Etwas Vergleichbares vollzieht sich mit der Wissenschaft, quantitative Vermehrung, Ausdehnung, wachsender Abstand zwischen den Gruppen, dann auch innerhalb der einzelnen Bereiche, Vielzahl der Sprachen — eine kennt man, alle andern sind Fremdsprachen. Der Vergleich stimmt in einem Punkt nicht: das Bedürfnis, auch eine fremde Sprache zu lernen, ist selten.

Die (im allgemeinen friedliche) Koexistenz der Wissenschaften, Fakultäten, Hochschulen beruht nicht mehr auf Einheit der Substanz (der Objekte), sondern auf der ungefähren Identität der Rolle in der Gesellschaft, und ideell darin, dass wir alle im Prozess der Forschung und der Lehre stehen. Das müsste, wenn nicht zu Verständnis, so doch mindestens zu wechselseitiger Achtung oder Toleranz führen.

Besonders gross ist die Entfernung zwischen den sog. Geisteswiss. [Geisteswissenschaften] und den sog. Naturwissenschaften geworden [.](Wobei wir tech [technische] Wiss [Wissenschaften] zu den Naturwissenschaften rechnen.) Die Naturwiss. [Naturwissenschaften] sind heute in den Augen der Öffentlichkeit die Wissenschaften par excellence; von ihnen hängt offenbar die Lebensqualität, ja die Überlebensmöglichkeit der Menschheit ab. Innerhalb des akademischen Bereichs beruht ihre Geltung auf der Qualität ihrer Methode. Insofern wir als "wissenschaftlich"Aktivitäten bezeichnen, die objektiv-rational sind, reproduzierbar und kontrollierbar und zur Erkenntnis gesicherter, vielleicht sogar mathematisch formulierbarer Gesetze führen, verdienen nur die Naturwissenschaften das Prädikat der Wissenschaftlichkeit.

Daraus erklären sich zwei Erscheinungen, die uns allen bekannt sind:

Das eine ist die methodische Sicherheit der Naturwissenschaftler, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein viele Naturwissenschaftler und Techniker dazu geführt hat, geistige, seelische, soziale, geschichtliche Wesenheiten nicht wahrzunehmen, weil sie im genannten strengen Sinne wissenschaftlich gar nicht behändigt werden können.

[Das andere ist] der heute verbreitete Ehrgeiz eines Teils der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen, ihre Fragen so zu stellen, dass die Antwort auf wissenschaftlichem, heisst: rational-quantifizierendem Weg gefunden werden kann. Wenn das Forschungsprojekt so wesentlich auf Zählbarkeiten hin formuliert werden kann, dass der Einsatz eines Computers ermöglicht wird, verliert der Geisteswissenschaftler seinen Minderwertigkeitskomplex.

Freilich gilt die Verteilung von Sicherheit und Unsicherheit nur, insoweit die Dimension der Wissenschaftlichkeit das Bewusstsein bestimmt.

Wo, weniger wissenschaftlich, aber vielleicht "kulturell", die Gegenstände des wissenschaftlichen Bemühens ins Spiel gebracht werden, mag es zu einer ganz andern Verteilung von Sicherheit und [Unsicherheit] kommen. Wer sich mit den Göttern und den Ideen, den Künsten und den Staaten abgibt, mag auf diejenigen hinabsehen, die den Lebensrätseln mit einem ungeheuren Verschleiss an Drosophilae, Ratten und Affen auf den Leib rücken zu können meinen.

Das Heillose an dieser Lage liegt darin, dass man hüben und drüben recht hat. Wer auf den fortschreitenden Prozess der Wissenschaftlichkeit baut, hat recht, und wer auf Geschichte, Psychologie, Theologie pocht, hat ebenfalls recht. So wie der Physiker recht hat, der die Korpuskularstruktur des Lichtes behauptet, und der andere —oder derselbe! —auch, der dessen Wellencharakter betont.

Und dennoch ist hier vieles von Grund auf falsch. Theoretisch falsch, und praktisch verhängnisvoll.

All das, was hier falsch und verhängnisvoll ist, hängt zusammen mit einem Übermass an Sicherheit, wie es nur möglich ist bei einem zu kleinen, zu partiellen Begriff vom Menschen.

Es sind Vorgänge, die hier zu diskutieren wären:

— allgemein die Vorstellung von den symmetrischen zwei "Blöcken" der Naturwissenschaften und der Nicht-Naturwissenschaften

— im besonderen:

= die Verketzerung der naturwissenschaftlich-technischen Denkweise durch die "Humanisten" einerseits

=die Idee anderseits, es müsste das archaische Denken, ja: Sein des Menschen durch die naturwissenschaftliche Denkweise abgelöst werden.

Manches an diesen Auseinandersetzungen, Spannungen, Rivalitäten ist nur scheinbar interessant, oder

ebenso interessant wie die Rivalität von Schiene und Strasse oder Vorderrad- und Hinterradantrieb.

Über das Verhältnis von Geistes- zu Naturwissenschaftlern kann man noch immer Richtiges sagen, sofern man sich vom Vorstellungsschema der "Blöcke"freimacht. Von der Vorstellung also, das eine sei prinzipiell gut, das andere prinzipiell nicht gut.

Wissenschaftler sollten sich dadurch auszeichnen, dass ihnen ihre Emotionen bewusst sind; sie zeichnen sich aber dadurch nicht aus.

Der exakte Naturwissenschaftler, der auf die wertfreie Steigerung der Erkenntnismöglichkeiten eingeschworen ist — immer genauer, immer kleiner, immer grösser —, kann durch eine eklatante Blindheit gegenüber der Sinn-Frage ausgezeichnet sein. Es gibt einen Forschungsfortschritt, der durch nichts so wie durch die Abwesenheit der Sinn-Frage gekennzeichnet ist.

Die "Humanisten"auf der andern Seite sind völlig anders, aber nicht besser. Sie kennen den Methodenstolz nicht, gewiss. Aber ihr Hochmut wurzelt in den Gegenständen ihrer Wissenschaft. Plato contra Drosophila: das haut hin. Und nur wenige denken dann weiter und lassen sich mit der Vermutung konfrontieren, der Umgang mit der Drosophila könnte etwas zur Erhellung der Frage beitragen, warum Platon möglich —und warum sein Denken in vielen Hinsichten so folgenlos war.

Lessing, kein ganz grosser Dichter, aber ein leidenschaftlicher Denker, hat gesagt: Besitz macht ruhig, träge, stolz. Er hat nicht gesagt: Besitz macht dumm. Aber er meinte es.

Das gilt für die genauen Wissenschaftler, die im Besitz der genauen Methode sind, wie für die ungenauen, die den Zugang zu Plato besitzen.

Zusammenfassend: Die "wertende", bzw. ganz emotionelle Betrachtung der Dinge, als ob wir die Möglichkeit besässen, uns entweder zu den Geisteswissenschaften oder zu den Naturwissenschaften als zum Guten zu bekennen, ist abzulehnen. Die Vorstellung der Blöcke und die sich daraus ergebende Möglichkeit, den einen gegen den andern auszuspielen, ist in jeder Hinsicht primitiv.

Die wesentlichen Gegensätze haben es nur bedingt mit dem Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaften zu tun, wesentlich mit Graden der Wissenschaftlichkeit, bzw. mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit, das Sein und Verhalten des Wissenschaftlers total zu bestimmen.

Da die Naturwissenschaften wissenschaftlicher betrieben werden als die Geisteswissenschaften, liegt es nahe, dass der Naturwissenschaftler auf den Geisteswissenschaftler hinabblickt. Da die Geisteswissenschaften offenbar nur partiell so wissenschaftlich betrieben werden können, wie es der genaue Wissenschaftler wünscht, liegt es, in einer Zeit, wo nur ist, was wissenschaftlich festgestellt und behandelt wird, nahe, dass auch die Gegenstände dieser Wissenschaften (Geschichte, Künste, Recht, Religion, Psyche) als Gegenstände zweiter Ordnung erscheinen.

Wo die wiss. [wissenschaftliche] Methode dominant ist, muss sich immer die Vorstellung entwickeln, der Mensch steige phylogenetisch und ontogenetisch vom Kreatürlich-Psychischen, Träumen, Gefühlen und Ideen zu intellektuellen Erkenntnissen auf. Darin bestehe die wissenschaftliche Erziehung des Menschen.

Der unglückliche Methoden-Stolz hat dann auf der andern Seite den ebenso unglücklichen Kurzschluss zur Folge, wer sich wissenschaftlich mit dem Geiste befasse, stehe über demjenigen, der es nur mit der Physis zu tun habe.

Das ist etwa, wovon in Snows "Zwei Kulturen"die Rede ist.

Über dieser Rivalität — Riv. [Rivalitäten] sind nie interessante Fragen —verliert man leicht dasjenige Problem aus den Augen, das hinter diesem "wissenschaftlichen"schlummert: die Frage nach dem Geltungsbereich der wissenschaftlichen Weltbegegnung.

Diese Frage ist heute ketzerisch, weil das Dogma gilt:

es gibt nichts, was nicht, wenn man es rational-wissenschaftlich analysiert, besser erkannt würde als bei unwissenschaftlicher Wahrnehmung. Der Anspruch der Wissenschaftlichkeit ist total.

Die Infragestellung des wissenschaftlichen Geltungsanspruchs ist jedem erlaubt. Aber sie wird uns vor allem beschäftigen, wenn die Wissenschaftler an sie denken.

Die Sache könnte philosophisch-wertend angegangen werden, indem man sokratisch frägt: "Gibt es etwas, was so wichtig ist wie das wissenschaftliche Denken?" In wessen Namen kann der Wissenschaft Halt geboten werden?

Ich möchte mich auf wenige Überlegungen zum psychologischen Aspekt beschränken, zur Frage: Wie weit macht Wissenschaftlichkeit den Wissenschaftler aus? Löst sie die anderen Formen der Weltbegegnung tatsächlich endgültig ab?

Dabei müssen wir zunächst keinen Unterschied machen zwischen dem Natur- und dem Geisteswissenschaftler. In ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sind sie beide durch kritisch-rationale, causal-analytische Denkweise bestimmt, ob der Gegenstand geschichtlicher oder physikalischer Natur sei.

In Wagner, Fausts Assistenten, hat Goethe die Figur eines "reinen"Wissenschaftlers geschaffen, der erfüllt ist vom Stolz, wie herrlich weit wir es gebracht haben. Es ist schon genial, wie dieser junge Jurist Goethe nicht nur diesen akademischen Nachwüchsling umreisst, sondern Faust all das sagen lässt, was ein Wissenschaftler über das Ungenügen der Wissenschaft denken kann, aber kaum je sagt.

Was ist es, was an der Nausée des etablierten Wissenschaftlers Faust schuld ist und ihn nah an den Suizid bringt? Offenbar zwei Erfahrungen. Einmal führt der Fortschritt der Erkenntnis bestimmt zum Gefühl der Superiorität gegenüber allen früheren Wissenschaftlern, aber offenbar nicht einen Fussbreit näher an die Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieses Tuns. Die ungeheuerste zentrifugale Energie der Forschung führt offenbar nicht in jene Tiefe, wo Faust sagen konnte[:]

[,,]Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält<">,
Schau' alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu' nicht mehr in Worten kramen."

(Heute hätte Goethe geschrieben: "und tu nicht mehr in Formeln kramen.")

Es ist offenbar, dass für Goethe die Frage des Sinnes eines wissenschaftlichen Lebens an die Erkenntnis einer "Weltformel"gebunden ist.

Das ist das eine: die Erfahrung, dass wissenschaftlicher Fortschritt nichts zu tun hat mit einer Sinngebung des individuellen Lebens. Selbst ein Nobelpreis birgt demnach nicht die mindeste Bürgschaft für sinnvolle, sinnbewusste Erfüllung einer persönlichen Existenz. Mit jener Sinnfrage, die nicht durch den Hinweis auf eine Leistung beantwortet wird.

Aber es gibt eine zweite Not Fausts von ganz anderer Art: die wissenschaftliche Existenz hat ihn vom Leben entfernt:

[,,]Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein. ["]

Wobei wir bei Leben an die Sinnlichkeit des körperlichen Daseins, aber auch an die Privatheit der Existentialität denken sollen.

(Nur) Wissenschaftliches Dasein ist Dasein innerhalb eines Denkgebäudes, in dem der Gedanke an den relativen Fortschritt andere Zielvorstellungen verdrängt. Und wo die primären Weltberührungen und primären menschlichen Erfahrungen der analytisch-kritischen Rationalität Platz machen müssen.

Ein Sachverhalt, den Kopernikus, Newton und Kepler noch nicht kannten, die überzeugt waren, dass die zu entdeckenden Gesetze der Natur die Geheimnisse ihres Schöpfers seien.

Wie stellt sich der wissenschaftliche Mensch zu diesen primären Bedürfnissen (Sinn des Lebens, sinnliches Dasein) ein? Mit Faust kommen wir nicht weiter; ihm muss ein Teufelspakt die Möglichkeit verschaffen, aus dem Elend der Sinnlosigkeit und Unsinnlichkeit herauszukommen.

Es würde sich also immer um etwas Doppeltes handeln: eine Art von Diastole, die die Berührung mit der sinnlichen Welt erlaubt, und eine Art von Systole, die die wiss. [wissenschaftliche] Aktivität in ein Sinngefüge hereinholt, wobei Wissenschaft möglicherweise ihres absoluten Rangs verlustig geht.

Eines ist evident: es geht, um die Snowschen Ausdrücke zu brauchen, nicht darum, nun naturwissenschaftliche Intelligenz durch literarische Intelligenz zu kompensieren. Es geht, so anstössig das zunächst tönt, nicht um eine Leistung der Intelligenz. Sondern im Gegenteil darum, dass auch der wiss. [wissenschaftliche] Mensch die Fähigkeit bewahrt oder, wenn er sie verloren hat, wiedergewinnt, Bezüge zu bewahren oder wiederherzustellen, zu gegenständlichen Bereichen, Elementen, Mächten, die nicht Gegenstände des Wissens, der Wissenschaft sind.

Dazu muss er nicht aus seiner Haut heraus, aus sich heraus; es genügt, wenn er in sich hinabgeht.

Dieses Wort "hinab" ist dabei freilich nicht so zu hören, wie es in den Ohren eines christlichen Aufklärers tönt, wonach das Geistige und Gute oben ist. Wenn wir hier "hinab"sagen, meinen wir eine Form der Bewusstheit, die das Wissen um den primären Menschen in sich schliesst, eine Schicht des Menschen, die durch seine Rationalität nicht abgelöst. sondern überlagert wird, einen unaustilgbaren Grund des Menschen, dem wir es verdanken, dass uns die Aussagen Lao-Tses oder Heraklits, zeitlich und räumlich so Entferntes nicht im mindesten schwierig ist.

Einem "reinen"wissenschaftlichen Geist sind solche Ausdrücke "hinab, tiefere Schicht, Grund" suspekt. Die Forschung kennt nur den objektiven Fortschritt, der heute überholt, was gestern galt. Der [,]indem er Neues hinzufügt, das Alte entwertet. Wenn man, im Banne einer solchen Vorstellung von geschichtlichem Ablauf, den Menschen nach dem Bilde des Fortschritts versteht, muss alles, was nicht intellektuelle Leistungsfähigkeit, absolute geistige Freiheit ist, als eigentlich überholt gelten. Das liegt im Wesen jeder Aufklärung [.]Immer wird im Namen der Spiritualität die Körperlichkeit, im Namen der Ratio die Existenz deklassiert. Mitunter spielt die wunderliche Vorstellung hinein, der denkende Mensch habe sich seiner kreatürlichen Herkunft zu schämen. Noch immer hat man aus der Geschichte die Lehre nicht gezogen, dass es die Deklassierung des Nicht-Rationalen ist, worin die trüben Regressionen, die brutalen Faschismen ihren Ausgang und ihre Energie nehmen.

Wenn man demgegenüber aber sich der Erkenntnis nicht verschliesst, dass die neuzeitliche, kritisch-rationale Einstellung zur Welt andere, ältere Einstellungen zu ihr nur überlagert, nicht aber ablöst, wenn man also die religiösen und ästhetischen Bedürfnisse und die Sprache der Symbole ernst nimmt — was hat das für die Wissenschaft zu bedeuten? Ich würde sagen: für die Wissenschaft nichts, aber Beträchtliches für den Wissenschaftler. Deswegen, weil sich ihm die Frage nach Sinn und Zusammenhang dann anders stellt und beantwortbar wird.

Wolfgang Pauli hat von zwei Grundhaltungen des abendländischen Menschen gesprochen; er nennt sie "die kritisch-rationale, verstehen-wollende"einerseits und "die mystisch-irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende"anderseits. "In der Seele des Menschen werden immer beide Haltungen wohnen, und die eine wird stets die andere als Keim ihres Gegenteils schon in sich tragen." Und er hat das Gegensatzpaar als komplementär bezeichnet, was hier heisst: es sind beide Haltungen anzuerkennen, wenn man den Menschen verstehen will.

Diese Betrachtungsweise, auf deren Begründung hier nicht eingegangen werden kann, steht aus vielen Gründen turmhoch über allen jenen Ideologien, wonach das Heil entweder von der genauen Wissenschaft oder aber von irgendeinem ratiofeindlichen Mystizismus erwartet wird.

Wesentlich ist dreierlei:

1. Pauli bettet das wiss. [wissenschaftliche] Weltverständnis in das Ganze der menschlichen Existenz ein.

2. Er betrachtet/bewertet ältere (mystisch[-]irrationale) Bedürfnisse nicht als etwas, was durch die jüngere/neuere kritische Rationalität abgelöst worden wäre; das Frühere ist primär, nicht aber primitiv (kein pudendum).

3. Im Gegensatz zu den Wagner-Figuren weiss er genau, dass die wissenschaftliche Naturerkenntnis notwendig immer abstrakter wird und (gewisse Sparten wie die Verhaltensforschung ausgenommen) jene allgemein-menschlichen Bedürfnisse nach empfundenem und gewusstem Zusammenhang des Individuums mit der Natur, das Bedürfnis nach dem Einheitserlebnis nicht mehr stillt. Die Naturwissenschaft hilft dem Menschen immer weniger, seine eigene Natur zu verstehen.

Was "kritisch-rationales Verstehenwollen"heisst, verstehen wir ohne Zweifel. Was das mystisch-irrationale Suchen des Einheitserlebnisses meint, mögen wir ahnen, aber wir können es kaum rational-wissenschaftlich "auf Bekanntes zurückführen".

Ich weiss nicht, ob man es wunderbare Bescheidenheit oder grossartige Kühnheit nennen soll, dass der Physiker Pauli von diesem mystischen Bedürfnis sprach und es in allem Ernst dem wissenschaftlichen Ethos an die Seite stellte, als etwas in gleichem Masse Ernstzunehmendes. Bescheidenheit: indem er das Monopol der wissenschaftlichen Rationalität aufgibt/bestreitet/aufhebt. Kühnheit: indem er sagt, es gibt Mächtiges, dessen wir mit den Mitteln analytischer Genauigkeit nicht habhaft werden.

Wenn irgendeiner, unsereiner das sagt, müsste es als Humanismus aus intellektueller Insuffizienz eingestuft werden. Wir sind für das Seelische, weil es uns an der Kraft des Denkens fehlt. Wenn der Nobelpreisträger sagt: Es gibt Dinge, die ich wissenschaftlich nicht erklären kann/verstehe, aber es gibt sie, und vielleicht gehört es zu ihrem Wesen, dass man sie wissenschaftlich nicht erklären kann [,]halten wir den Atem an.

Es muss aber aufs ernstlichste immer wiederholt werden: diese Zweiheit der Einstellungen gegenüber der Natur ist für den zeitgenössischen Menschen nicht eine Alternative, kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als auch. Diejenigen Wissenschaftler oder Technokraten, die sich die Natur auf rationale Weise untertan machen wollen und nichts anderes mehr empfinden, sind ebenso irrelevant wie die Hippies, die mit allen möglichen Mitteln und Tricks das Zusammenhangserlebnis beschwören, unter radikaler Verfemung jener intellektuellen Leistungen, die unsere Zivilisation und Gesellschaft bewirkt haben und im Gange halten.

Die Süchtigen —hüben und drüben —beschäftigen uns jetzt nicht. Sondern jene grössere, mittlere Gruppe wissenschaftlich tätiger Menschen, welche eines wissen und etwas anderes fühlen:

wissen, dass ihre wissenschaftliche Existenz nur gelingt, wenn sie, unter Hintansetzung aller anderen Einstellungen, dem Gegenstand ihrer Forschung sich objektiv-kritisch-rational nähern,

und fühlen, dass ihr Leben nur gelingt, dass es zu so etwas wie Glück nur kommen wird, wenn sie jener primären, unwissenschaftlichen Schicht, die Pauli vielleicht etwas willkürlich durch das Einheitserlebnis bestimmt sein lässt, mindestens bewusst bleiben.

Es ist dies umso wichtiger, als die Fähigkeit des theoretischen Denkens offenbar —die Statistik der nobelpreiswürdigen Leistungen ist eindrücklich — schon im fünften Lebensjahrzehnt beträchtlich abnimmt. Von da an wäre es mit dem auf dem wiss. [wissenschaftlichen] Fortschritt beruhenden Glück wohl zu Ende.

Nun laufen diese Überlegungen alle auf die Frage hin, wie denn nun der Wissenschaftler jenem komplementären Bedürfnis Rechnung tragen kannte. Hier sind alle Empfehlungen und Rezepte durchaus ridikül.

Ohne Zweifel müsste der Philosoph daran erinnern, dass eine der Wissenschaft ihre relative Stellung zuweisende Weltanschauung, mit möglicherweise betont religiöser Komponente, hilfreich wäre. Das lässt sich aber nicht generalisieren und nicht verschreiben.

Innerhalb des bescheideneren psychologischen Horizonts wäre vielleicht auf ein paar fast paradoxe Sachverhalte hinzuweisen.

In der Regel sind wir überzeugt, dass der Naturwissenschaftler auf einem sehr festen, konkreten Boden steht. Er hat es mit den physischen Gegebenheiten zu tun, mit einer konkreten, stofflichen, wirklichen Wirklichkeit.

Es ist völlig verständlich und legitim, dass die Repräsentanten der Abteilung [Abteilungen] I bis X unserer HS. [Hochschule] den Eindruck haben, in der Abt. [Abteilung] XIIA werde mit durchaus sekundären Phänomenen umgegangen: den Künsten, den Philosophien, den Theorien der Geisteswelt — mit sublimen Überbauten der Zivilisation und Gesellschaft, die mit der eigentlichen Wirklichkeit nur lose zusammenhangen und eigentlich fakultativ sind.

In Tat und Wahrheit ist aber da einiges anders/umgekehrt. Die Wissenschaftlichkeit der Naturwissenschaft hat zu Graden der Abstraktheit geführt (Abstraktheit gegenüber dem primären Gegenstand "Natur ["]), denen gegenüber die alte Sprache, wie sie in den Künsten aufgehoben ist, als dicht-sinnlich, ja beinahe materiell erscheint. Vom Standpunkt etwa des Physikers aus ist z.B. Dichtung jetzt nicht mehr "oben"situiert, im Lichteren, Schwerelosen —sondern er muss, wenn er seinen wissenschaftlichen Denkraum in Richtung auf die Künste verlässt, hinab zu Phänomenen, die solche Grade an Komplexheit und Unaufgelöstheit aufweisen, dass sie sich für das kritisch-rationale Denken nicht eignen.

Es hat niemand grossartiger über die humanisierende Mächtigkeit der Kunst gesprochen als Schiller. In genialer Weise hat er vor 180 Jahren gewusst, dass die Künste in der Moderne einen andern Sinn bekommen als in Frühzeiten. Der Wilde (wie er den Primitiven nannte) musste durch die Kunst aus seiner physischen Verstricktheit herausgehoben werden. Der moderne, intellektuelle Mensch aber, den er wenig höflich, sondern schonungslos als den Barbaren bezeichnet (Barbar ist, wessen "Grundsätze seine Gefühle zerstören"), dieser "von Gesetzen einseitig beherrschte oder geistig angespannte Mensch wird aufgelöst und in Freiheit gesetzt durch Materie". Freilich: nicht durch Materie an sich, sondern durch die Materie als Element der Künste.

Wenn wir Schillers Satz in die Sprache Paulis übersetzen, würde er heissen: durch Aufnahme von Materie, indem er sich der sinnlich-spontanen Begegnung mit dem Kunstwerk aussetzt, wird der moderne, wissenschaftliche Mensch fähig, jenes zweite Bedürfnis zu stillen, ohne welches er möglicherweise eben barbarisch bleibt. (zusammenhanglos bleibt)

Man müsste also von der Sinnlichkeit der Künste sprechen. Und es kommt alles darauf an, dass wir dieses Wort "Sinnlichkeit"genau so ernsthaft aufnehmen und durchaus so mit dem Zentrum unseres Ichs verbinden, wie wir es mit Wörtern wie Geistigkeit oder Wissenschaftlichkeit tun.

Zwei Präzisierungen drängen sich auf. Einmal: jenen komplementären [,]"materiellen"Effekt, von dem Schiller und Pauli [,]jeder auf seine Weise [,]überzeugt sind, verbürgen nicht etwa die Geisteswissenschaften, sondern nur ihre Gegenstände. Vor allem Kunstwerke. Aber — 2. Einschränkung — durchaus nicht alle. In den letzten drei Jahrzehnten haben viele Schriftsteller ihre Funktion entschieden in kritischer Rationalität gesehen, in Bewusstseinserhellung. Das ist insbesondere dort verständlich, wo politisches Engagement mit Nebeln der Vergangenheit aufräumen wollte. Aber Bewusstseinserhellung ist nicht die spezifische Leistung der Kunst. Je mehr unsere Umwelt rational bestimmt wird, technisch-zweckmässig, künstlich wird, umso eher hat die Kunst Kunde zu geben von den unüberholbaren Aspekten des Geflechts Mensch-Natur, Mensch-Welt [.]

Auf ihre sinnliche Weise. (Wobei wir das Wort existentiell durchaus <in>beim Worte sinnlich sehen.)

Die Wissenschaften haben in den letzten Jahrhunderten die Künste "überholt"und praktisch jeden Zusammenhang mit ihnen verloren; ein Lionardo da Vinci ist nicht mehr denkbar. Aber das, woraus Lionardo oder weshalb er neben seinen wiss. [wissenschaftlichen]und ingenieur-Zeichnungen die heilige Anna selbdritt malen musste, das sollte, das Bedürfnis, nicht die hervorbringende Kraft, auch heute im Wissenschaftler dasein, das darf nicht absterben. Die Intensität, mit der ein zeitgenössischer exakter Wissenschaftler die Sinnlichkeit der Odyssee oder der Göttlichen Komödie, von Shakespeares Sturm oder des Grünen Heinrich erfährt und spürt, dass in diesen wunderbar chaotischen Materien

das Geheimnis des Sinns eingebettet ist —dieser Zusammenstoss des kritisch[-]rationalen Menschen mit Gebilden, die sich seiner Methode verweigern [,] das hat es in der Geschichte bisher noch nicht gegeben. Der erste Tritt eines Menschen auf dem Mond war ergreifend, trotz des komischen Widerspruchs zwischen den pathetischen Worten und der mangels Schwerkraft irritierenden Labilität.

Aber der andere Schritt, den der aus Bereichen der Schwerelosigkeit, Unsinnlichkeit zurückkehrende Wissenschaftler tut, wenn er die alte Erde wieder betritt und das Glück der sinnlichen Schwere empfindet, ist ergreifender. Und viel wichtiger als der Schritt auf den Mond.

Die noch immer nicht ausgestorbenen Rivalitäten zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften, dem [,] was man vor allem an einer technischen HS [Hochschule] und dem [,] was man fast nur an einer Universität betreibt, wollen wir nicht lächerlich machen; man soll auch bei Irrtümern das Alter ehren. Aber wenn Naturwissenschaftler wie Pauli, Oppenheimer, Weyl, Heider recht haben —und, sonderbarer Gast, auch Friedrich Schiller, dann liegen die Dinge, die Positionen in diesem Sandkastenspiel doch anders, als es C.P. Snow und viele Publizisten und Professoren zu sehen belieben. Dieses imaginäre über die Künstlergasse hinweg: wir haben die Methoden —aber wir gehen mit den höchsten Substanzen um, wir tun etwas Nützliches für heute —und wir haben es mit der Geschichte und der Ewigkeit zu tun —das ist doch ein Dialog von Einäugigen.

Zweiäugig ist, wer unsere Doppelnatur wahrnimmt: die Notwendigkeit des Erkenntnisfortschritts, auch wenn er ins durchaus Ziellose zu führen scheint, und die physische Natur des Menschen, dessen Existentialität durch den Fortschritt der Wissenschaft kaum berührt wird.

Wichtig ist dieser Dialog des Wissenschaftlers mit dem Ptolemäer in sich, der an der Geozentrik und Anthropozentrik festhält.

Es sollte auch innerhalb der Schule eine Ecke geben, wo davon die Rede ist. Der Name Philosophische und Staatswissenschaftliche Unterabteilung deckt nur einen Teil dessen, worum es ginge. Depar. [Department]of Humanities wäre besser (und erst noch englisch) — wenn nicht falsche Assoziationen sich einstellen [einstellten]: hier gehe es um das Feinere, Sublimere, Zartere, den Kulturbalkon.

Darum geht es eben nicht. Sondern um das Sprechen von der primären [,]unüberholbaren Wirklichkeit des Menschen, wie sie in Geschichte und Künsten ihre Spur hinterlässt. Wenn ein solch antiquarischer Bereich einen Patron nötig hätte, wäre es Lionardo da Vinci, in dem die beiden den Menschen ausmachenden Bedürfnisse (wie Pauli oder Schiller sie sahen) hervorbringende Kraft besassen und schöpferisch wurden.

Überlegungen solcher Art führen immer zu dem nur im Umriss sich einstellenden Schluss: dass wir dem Ruf des Komplementären nicht ausweichen dürfen. Und dass unter diesen Komplementaritäten diejenige des Wissenschaftlich-Genauen und des Seelisch-Sinnlich-Mächtigen für uns die wichtigste ist<,>[.]

finis
1974 Artemis Verlag Zürich, Limmatquai 18
Redaktor: Prof. Dr. Roman Bach
Druck: Baumann Buchdruck +Offset, Zollikon