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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Schweizer Schriftsteller und die Schweiz

Rektoratsrede von

Prof. Dr. Hans Jürg Lüthi
Verlag Paul Haupt Bern 1975

ISBN 3-258-02453-7
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 1975 by Paul Haupt Berne
Printed in Switzerland
Druck: Paul Haupt AG Bern

Zu Beginn dieses Jahres widmete die Hamburger Zeitschrift «Merian» ein Sonderheft der Schweiz. Der Herausgeber kündigt zu Beginn an, dass im Mittelpunkt der Diskussion «das Schweizerische, die Geschichtsnation, der Sonderfall Schweiz» stehe. Über diesen Sonderfall Schweiz berichtet denn auch im ersten Aufsatz des Heftes Fritz René Allemann und lässt deutlich werden, «dass die Schweiz nur insofern und so lange die Schweiz bleibt, als sie kein Staat wie alle anderen ist... Die Eidgenossenschaft hat immer, seit es sie gibt, mit mehr Widerständen und Spannungen leben müssen als weniger komplizierte Staatswesen. Und sie ist bisher nicht zuletzt aus einem Grunde damit fertig geworden: weil sie dafür nicht die einfachsten und nächstliegenden Lösungen gesucht, sondern die Mühsal auf sich genommen hat, lieber unzeitgemäss zu sein, als ihre Persönlichkeit preiszugeben 1 .» Der Verlag hat verschiedene zeitgenössische Schweizer Schriftsteller aufgefordert, sich zum Thema «Schweiz» zu äußern, und aus ihren Beiträgen geht unmißverständlich hervor, wie sehr gerade ihnen dieses Unzeitgemäße der Persönlichkeit unseres Landes problematisch geworden ist.

Peter Bichsel, über die Schweiz befragt, muss gestehen, das ihm dazu nichts einfalle, weil ihm alles einfalle; und er spricht dann von den Bergen, von Rassendiskriminierung und Waffenausfuhr, von der Appenzeller Landsgemeinde, die ihm ebenso exotisch vorkommt wie einem Ausländer, und von der demokratischen Entpolitisierung, die man hier als Stabilität bezeichne. «Kein einziger ausländischer Tourist ist schuld daran. Trotzdem, ich erschrecke, wenn er sagt: ,Die Schweiz ist schön', und ich weiß darauf nichts anderes zu sagen als: ,Ich wohne hier 2 .» Und er bleibt hier, es ergeht ihm wohl ähnlich wie Dürrenmatt, der findet, die Schweiz sei halt ein angenehmer Ort zum Arbeiten, ein komfortables Domizil.

Ganz anders Niklaus Meienberg: Er schreibt eine «Elegie über den Zerfall der Geburt» und verwünscht seine Mutter, die ihn in dieses Land der Mittelmässigkeit ausgesetzt hat:

Weshalb liess sie mich
In diese Falle fallen
Zwischen Zwetschgenköpfe
Ins unerhörte Zwitscherland
Geländet durch Zufall
In diesem Nicht-Land
Wo die Spitzbäuche
Die Rundbäuche bespitzeln
Abgesondert Auf diesen fleissigen Fleck ...
Weshalb hat sie mich
In diesem Loch geworfen
Wo Berge sich erheben
Wie Bretter vor dem Kopf 3

Natürlich ergreift auch Walter Matthias Diggelmann diese gediegene Gelegenheit, um eine seiner bekannten Tiraden gegen die Ungerechtigkeit und Ungleichheit in der Schweiz, gegen die reaktionäre kapitalistische Voreingenommenheit und Einseitigkeit und gegen die Käuflichkeit der Schweizer Bürger und ihrer Behörden loszulassen.

Max Frisch hat der Sondernummer seine schon mehrfach abgedruckte Rede anläßlich der Verleihung des Großen Preises der Schweizerischen Schiller-Stiftung beigesteuert, in welcher er sich mit dem Begriff «Heimat» herumquält und sich nicht entschließen kann, die Schweiz als Heimat anzuerkennen.

Was bei den drei Beiträgen auffällt, ist die Tatsache, daß die Verfasser ohne Zögern, ohne Scham und Liebe, die Schweiz einseitig bloßstellen. Damit aber wird ein Sachverhalt manifest, der seit der Mitte der fünfziger Jahre sich immer deutlicher offenbart: es ist die tiefe Skepsis der zeitgenössischen Schweizer Dichter gegenüber ihrem Land, ihrem Volke und dessen staatlicher Organisation, eine Skepsis, die sich in vielen

Nuancen von wohlwollender Kritik bis zu leidenschaftlicher Ablehnung äußert. Der Berner Kurt Marti befaßt sich mit diesem Phänomen in seinem 1966 erschienenen Büchlein «Die Schweiz und ihre Schriftsteller — die Schriftsteller und ihre Schweiz». Er sieht die bestehende Spannung darin begründet, dass in der Schweiz ein politisch und sozial erfolgreiches Bürgertum bis in unsere Zeit hinein intakt geblieben, aber konservativ geworden ist und nicht mehr auf die Veränderung des bestehenden Überlieferten ausgeht. Die Schriftsteller erleben dieses Bürgertum als ein Establishment, das in Stagnation und geistige Enge und damit in Unfreiheit geraten ist. Marti spricht auch von der Schweiz als Hüterin der Mitte, worunter er verschiedenes, letztlich Zusammengehöriges versteht: die soziale Mitte des friedlichen Ausgleiches zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, die kulturelle und politische Mitte der Helvetia mediatrix im Herzen Europas, welche in Zeiten schwerster Bedrohung im Alpenréduit sich zu verteidigen bereit war 4. Dieser Begriff der Mitte ist aber für Marti veraltet, erstarrt und hat zu einer Igel- und Verteidigungsneurose geführt; er fordert deswegen eine Öffnung, welche der seit Hiroshima völlig neuartigen Weltsituation gerecht werde. Zusammen mit diesem Öffnungsvorgang sieht er den Abbau der Liebe zum Vaterland und stellt fest, daß dieses nicht mehr Gegenstand der Dichtung sein kann. Alles Vaterländische gerät ihm in eine gefährliche Nähe von Blut-und-Boden- und Heimatmystik. Die Schweiz hat keine spezielle Mitte mehr zu hüten, weil es sie nicht mehr gibt. «Die Mitte, die es inskünftig zu hüten gilt, muss an jedem Punkt unseres Planeten ,gehütet' werden. Die Erde selbst, das menschliche Leben auf ihr, das Zusammenleben verschiedener Individuen und Gruppen in Toleranz und Freiheit —das ist die Mitte, die es zu bewahren, vielmehr erst noch zu etablieren gilt 5 .» So erscheint nun die Vision eines neuen Weltzustandes es nur noch den Patriotismus einer umfassenden humanen Kultur geben kann. Im Banne dieser neuen Kultur kann die gegenwärtige

Dichtung das Wort «Vaterland» nur noch ironisch verwenden: «Das Humane und ,la condition humaine' hat das ,Schweizerische' als Thema und Problem in den Hintergrund gedrängt 6 .» Kurt Marti fasst in seinem Buch die wichtigsten Elemente zusammen, welche das Verhältnis der zeitgenössischen Schweizer Schriftsteller zu der Schweiz bestimmen. Es bleibt noch hinzuzufügen, was Paul Nizon in seinem «Diskurs in der Enge» 7 feststellt: Diese Schweiz kann dem Künstler nichts Wesentliches geben; es gibt in ihrer veränderungslosen Enge kein künstlerisches Zentrum, keinen weltbedeutenden Ort, keinen Ausschlagsort des Zeitgeistes, kein Schicksalsklima. Der Sonderfall Schweiz ist die Enge, welche nicht ausreicht, dem Schriftsteller einen welthaltigen Stoff abzugeben, daher sein «Nein» gegenüber der bestehenden Schweiz.

Der bedeutendste Vertreter dieser kritisch ablehnenden und abwertenden Haltung ist Max Frisch. Auch er leidet unter der schweizerischen Enge, der Ohnmacht und Unbedeutung des Kleinstaates, die seit dem Ende des Krieges immer bedrückender sich auswirken. Die Kleinheit manifestiert sich besonders in der Mittelmäßigkeit der Mentalität einer bürgerlichen Gesellschaft, deren materialistischer Perfektionismus zur Sterilität geführt hat; es ist eine Gesellschaft, die das Wagnis nicht mehr kennt und sich so an den geistigen Kompromiss gewöhnt hat, dass sie nicht einmal mehr unter ihm leidet. Sie leidet an der Angst vor der Zukunft, weil ihr ein Entwurf des Kommenden fehlt und ihr daher jede Veränderung des Bestehenden als Bedrohung erscheinen muss. Diese Schweiz ist nur noch als Gewordenes, nicht mehr als Werdendes da, ist in ein Rentnerstadium eingetreten, das ihre ganze Mentalität prägt: eine Verteidigungsmentalität. Diese äussert sich auch in der Armee, die nur noch Bedeutung besitzt als Erwachsenen-Volksschule im Frieden, sonst aber längst dem Mythos angehört. Die Schweiz ist in einen Zustand der Geschichtslosigkeit geraten, der Strom der Zeit fegt über sie hinweg; sie ist ein Land ohne Grösse, ohne Freiheit der Entscheidung, ohne Mut

zur unbedingten Bewährung in der Zeit und der Geschichte. Frisch hat diese Enge und Entscheidungslosigkeit in zwei Werken exemplarisch behandelt: Im Roman «Stiller» und in dem Stück «Andorra». Stiller erlebt die Schweiz sis ein Gefängnis, aus dessen Zelle heraus er ihr sein entschiedenes «Nein» entgegenruft, weil er sich mit ihr nicht mehr identifizieren kann. In «Andorra» gerät der auf seine Unabhängigkeit stolze Kleinstaat in eine Grenzlage äußerster Bedrohung, hat aber nicht die Kraft, sich für den Kampf für die Freiheit zu entscheiden, und versagt in der Bewährungssituation.

Wer nun aber erwartet, Max Frisch, der scharfsinnige und unbarmherzige Analytiker, der mit seismographischer Empfindlichkeit alle Schwächen und Schäden seines Landes aufspürt, schaffe nun ein Antimodell, einen kühnen Entwurf in die Zukunft, der sieht sich getäuscht. Es bleibt beim bloßen Widerspruch.

Im «Dienstbüchlein» revidiert Frisch seine Erinnerungen aus der Aktivdienstzeit und vor allem sein «treuherziges» 8 Tagebuch «Blätter aus dem Brotsack», und es nimmt sich nun alles völlig anders aus als im Jahre 1940, denn zwischen das damals Erlebte und die erneuerte Erinnerung schiebt sich das seither Gelesene und Gedachte. In diesem neuen Bilde erscheint die Armee aufgeteilt in zwei getrennte Kasten. Auf der einen Seite sind die Offiziere mit ihren schönen Uniformen und dichten Regenmänteln, sie schlafen im «Löwen», haben Bälle und sind nie im Unrecht; sie gehören dem Grossbürgertum an und dienen direkt oder auf Umwegen der Industrie und Finanz; sie haben die Macht in Händen. Auf der anderen Seite stehen die Soldaten in ihren Röhrenhosen und schlecht sitzenden Waffenröcken, sie schlafen im Stroh, gehören der Arbeiterklasse an und sind völlig entmündigt und stumpfsinnig gemacht durch den Zwang des Gehorsams, sie sind die Unterdrückten. Zwischen den beiden Kasten findet kein Gespräch statt.

Wer damals mit dabei war, stellt sich die erstaunte Frage, wie ein solches Bild überhaupt entstehen kann. Frischs «Dienstbüchlein» setzt

sich aus Erinnerungsbruchstücken zusammen, die ohne zeitliche Reihenfolge aneinandergereiht sind; es mutet auf den ersten Blick wie ein in Unordnung geratenes Tagebuch an. Diese Zufälligkeit ist aber nur scheinbar, die Zusammenstellung ist von virtuoser Absichtlichkeit. Frisch ergeht sich oft nur in Andeutungen, er verschweigt auch und lässt vieles aus. Sodann lässt er die Stücke so aufeinanderfolgen, dass sie sich gegenseitig ridikülisieren und ironisieren oder auch geradezu aufheben. Viele einzelne Fragmente stimmen ganz oder doch teilweise, durch die Kombinatorik der Zusammenstellung aber ergeben sie ein völlig verzerrtes Bild. Die Aufzeichnungen des «Dienstbüchleins», ein Zusammensetzspiel a posteriori, erweisen sich als Ganzes als ein raffiniertes Stück artistischer Demagogie. In den «Blättern aus dem Brotsack» spricht der junge Max Frisch von der Unmöglichkeit, als sterblicher Mensch ohne Glauben zu geben; am Schluss des «Dienstbüchleins» stehen die Sätze: «Ich wollte ja als Kanonier, wenn's losgeht, nicht draufgehen ohne Glauben. Ich wollte nicht wissen, sondern glauben. So war das, glaube ich 9 .» Der inzwischen wissend Gewordene schreibt seine Erinnerung neu, das «Dienstbüchlein» ist die Zurücknahme der «Blätter aus dem Brotsack» und ihres Glaubens an die Schweiz und die Armee. Schon vor dem «Dienstbüchlein» hat Max Frisch seinen «Wilhelm Teil für die Schule» verfasst. Für ihn ist Schiller mitschuldig an der Entstehung eines in seinem Wesen unrichtigen Nationalmythos und damit der Begründer eines schweizerischen Selbstmißverständnisses. Frischs Teil soll nun die längst notwendig gewordene Korrektur anbringen. Aus dem tyrannischen Landvogt Gessler wird ein harmloser, dicklicher Zirrhotiker, der ganz gegen seinen Willen in Uri weilen muss; er ist der Vertreter der fortschrittlichen, auf die Verwandlung und Neugestaltung der Zukunft gerichteten Habsburger. Ihre Pläne scheitern an den Urschweizern, denn diese sind humorlose, misstrauische. stockkonservative Grundeigentümer, die sich zur Wahrung ihrer Rechte selbstsüchtig zusammenschließen. Die Enge der

Schweiz, der Fremdenhass und die Vergangenheitsgebundenheit ihrer Bewohner, ihre sich abschließende Verteidigungssucht, der Verzicht auf Partizipation und Integration, die apriorische Komplizität der besitzenden Ausbeuter gegen ihre Untertanen, dies alles wird hier nochmals zusammenfassend dargestellt. Der nationale Freiheitsmythos wird «demontiert» 10, an seine Stelle tritt der negative Mythos vom Meuchelmörder von Küsnacht und seinen reaktionären Landsleuten. In wesentlich anderer Weise erscheint «Wilhelm Teil» bei Gottfried Keller.

Im zweiten Teil seines Romans «Der grüne Heinrich» schildert er ein ländliches Tellspiel, dem Schillers Drama zugrunde gelegt worden ist. «Das Buch ist den Leuten sehr geläufig, denn es drückt auf eine wunderbare Weise ihre Gesinnung und alles aus, was sie durchaus für wahr halten; wie denn selten ein Sterblicher es übel aufnehmen wird, wenn man ihn dichterisch ein wenig oder gar stark idealisiert 11 » (IV, 161). Aber diese idealisierende Überhöhung kommt in der Art der ländlichen Aufführung gerade nicht zum Ausdruck. Die Handlung verteilt sich auf verschiedene Ortschaften, die Zuschauer und auch die Darsteller strömen von Dorf zu Dorf, die Personen des Dramas treten aus dem wirklichen Leben in das Spiel ein und wieder zurück ins Leben. «Die Rollen wurden nicht theatralisch und mit Gebärdenspiel gesprochen, sondern mehr wie die Reden einer Volksversammlung» (IV, 175). Die Spieler unterscheiden sich in ihrer Darstellung kaum von ihrem alltäglichen Benehmen, und oft verschmelzen die Zuschauer und die Schauspieler zu einer großen Gemeinde. Nach Beendigung des Spiels flammen die Fastnachtsfeuer auf, der warme Föhn weht mächtig vom Gebirge herüber, und dann schienen «in den dunklen Wolkenlagern Heerzüge verschwundener Geschlechter vorüberzuziehen, manchmal anzuhalten über dem nächtlich singenden und tönenden Volkshaufen, als ob sie Lust hätten herabzusteigen und sich unter die zu mischen, welche

ihre Spanne Zeit am Feuer vergaßen» (IV, 211). Aus dem fastnächtlichen Tellspiel wird eine vaterländische Frühlingsfeier, in der die Natur, das Volk und seine Geschichte sich vereinen.

Dem Vaterländischen als Landschaft, Volk und Staat kommt in Gottfried Kellers Dichtung von Anfang an eine entscheidende Bedeutung zu. Als er als gestrandeter Maler in die Heimat zurückkehrte, da wurde er mitgerissen vom mächtigen Strom der Zeit. Und nun erwachte der Dichter in ihm und riss ihn hin auf eine neue, ihm vorher unbekannte Bahn. Alle Themen lyrischen Erlebens verlangen übermächtig nach Gestaltung, und der Hingerissene kann sie bannen durch das ihm wie durch ein Wunder plötzlich zur Verfügung stehende Wort. Zu diesen Themen gehören auch das Vaterland und seine Politik. Noch am Ende seiner Staatsschreiberzeit bekennt Keller, dass das Pathos der Parteileidenschaft eine Hauptader seines frühen Dichtens war und das gerade diese zornige Seite seines Schaffens ihm die ersten Freunde und Gönner erwarb. «Dennoch beklage ich heute noch nicht, das der Ruf der lebendigen Zeit es war, der mich weckte und meine Lebensrichtung entschied» (XXI, 19). Trotz dieser leidenschaftlichen Teilnahme am Zeitgeschehen kann nicht geleugnet werden, dass auch Keller an der Kleinheit und Enge, an der Alltagswelt seines Landes litt. Auch in ihm entstand damals das quälende Gefühl des Eingeschlossenseins und der Einsamkeit. Der junge Dichter hat dafür das Symbol des lebendig Begrabenen geschaffen:

Hört man nicht klopfen laut da obenwärts
Hier mein zum Blühen so bereites Herz?
Vielleicht sind dieses der Verdammung Qualen:
Geheim zu leuchten, ewiglich versenkt! (I, 159/154)

Paul Nizon bezeichnet in seinem schon erwähnten Buch die Flucht des schöpferischen Menschen als typisch schweizerisches Phänomen. Das gilt sowie nicht nur für den modernen Künstler. Auch Gottfried Keller floh aus der Enge seines Landes und seiner Stadt hinaus in die Weite

des Auslandes, um dort die Bildung zu suchen und nachzuholen, die ihm die Vaterstadt verweigert hatte. Aber er kehrte zurück, und zwar nicht wie Stiller, der jede Identifikation mit einer zufälligen Heimat verweigert, sondern um einzutreten in dieses sein Land, zur Teilnahme und Teilhabe am Staat. Der Rückkehrer ist nicht mehr Revolutionär. Er hat das schöpferische Chaos seiner Phantasie gebändigt und unter die Oberaufsicht des ordnenden Geistes gebracht; seine Einstellung zur Notwendigkeit der politischen Revolution hat sich gewandelt: «Übrigens wird die Revolution von Tage zu Tage unzulässiger und überflüssiger, in einer Zeit, wo das lebendige Wort sich fast überall Bahn zu brechen weiss, besonders aber bei uns, wo die Gerechtigkeit immer eklatanter nach jeder Verfinsterung auf dem gesetzlichen Wege siegt. Ja, wir werden bald alle Revolution verdammen und verfolgen müssen, weil sie, da bald überall gesetzliche Anfänge der Freiheit gegründet sind, das Erbe des Absolutismus wird» (XXI, 81 f.). Der neue freiheitliche Bundesstaat (die unmittelbare Vorstufe unseres heutigen Staates) braucht die Revolution nicht mehr, weil er alle gesetzlichen Grundlagen für Veränderung und Erneuerung in sich vereint. Die Revolution gehört zum Absolutismus, nicht zu der wahren Demokratie. An der Entstehung dieser Demokratie mitgewirkt zu haben und nun in ihr zu leben, erfüllt Keller mit einem Hochgefühl: «Mein Herz zittert vor Freude, wenn ich daran denke, das ich ein Genosse dieser Zeit bin» (XXI, 98). Aber damit verbindet sich unmittelbar das Bewusstsein der Verantwortung diesem Staate gegenüber: «Wehe einem jeden, der nicht sein Schicksal an dasjenige der öffentlichen Gemeinschaft bindet ... Der grosse Haufe der Gleichgültigen und Tonlosen muss aufgehoben und moralisch vernichtet werden, denn auf ihm ruht der Fluch der Störungen und Verwirrungen, welche durch kühne Minderheiten entstehen.» «Es darf keine Privatleute mehr geben!» (XXI, 98). «Denn heute ist alles Politik» (XXII, 88). Diese Formulierungen stehen im Gegensatz zu der heute verbreiteten Ansicht vom Primat des Menschen vor dem Staate, das der Staat für den Menschen und nicht der Mensch für den Staat da sei. Diese Ansicht verkennt, daß der demokratische Staat nicht ein dem Menschen

feindlicher Mechanismus ist, sondern gerade von den Menschen, von seinen Bürgern gebildet, geformt und getragen wird und entsprechend den Bedürfnissen dieser Bürger auch verändert werden kann. Daher ist der Mensch ebensosehr für den Staat da als der Staat für den Menschen. Die Arbeit am demokratischen Staate bedeutet für Gottfried Keller eine Verpflichtung; zugleich stellt er fest, daß er selbst aus dem Umgang mit dem Staate und seinen Trägern eine Bereicherung und Weiterbildung der eigenen Persönlichkeit erfahren hat: «Aus einem vagen Revolutionär und Freischärler à tout prix habe ich mich an ihnen zu einem bewußten und besonnenen Menschen herangebildet, der das Heil schöner und marmorfester Formen auch in politischen Dingen zu ehren weiss» (XXI, 81).

Der hier angedeutete Vorgang ist von überindividueller Bedeutung: Der Prozess des Reifens zum besonnenen Menschen ist zugleich ein Reifwerden für den Staat und den Dienst am Staate; dieser Dienst aber lässt den ihn ausübenden Bürger wiederum die formende Kraft des Staates an sich selbst erfahren.

Kellers Eingliederung in die Ordnung des Staates bedeutet für diesen ursprünglich abseitigen und eigenwilligen Individualisten eine grosse Leistung. Er trat damit den Weg nach außen an, der zur Einfügung in die Gemeinschaft führte, welcher er fünfzehn Jahre lang diente.

Das Reifwerden des ich-bezogenen Menschen zum geselligen Wesen, die Überwindung der jugendlichen Selbstherrlichkeit und Willkür zugunsten einer dienenden Einordnung in ein größeres Ganzes: das ist ein immer wiederkehrendes Thema in Gottfried Kellers Dichtung, vom «Grünen Heinrich» bis zum «Landvogt von Greifensee».

Gottfried Keller war Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich; er war es in einem viel umfassenderen Sinne, als diese Amtsbezeichnung angibt, er blieb es auch nach dem Ausscheiden aus dem Amte. Sein ganzes Dichtertum ist mitgeprägt vom Schreiben und Wirken für den Staat. Sein wohl populärstes Werk ist die Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten». Es ist entstanden aus dem Gefühl der Zufriedenheit mit den vaterländischen Zuständen im jungen Bundesstaat: «Es war der

schöne Augenblick, wo man der unerbittlichen Konsequenzen, welche alle Dinge hinter sich herschleppen, nicht bewusst ist und die Welt für gut und fertig ansieht» (XXI, 27). Aber es gibt keinen fertigen Zustand in dieser vergänglichen Welt, und auch die «wunderbare Tatsache des Vaterlandes» kam nicht ungefährdet durch die Umgestaltungen der Zeit hindurch. Kellers gehobener Glaubensoptimismus der Fähnlein-Zeit wurde während und nach seiner Staatsschreiberzeit schweren Erschütterungen ausgesetzt, er erfuhr die bedrohliche Fragwürdigkeit einer gewandelten sozialen und ökonomischen Situation und erkannte die schwere Gefährdung des Menschen in diesem neuartigen Spannungsfeld, er erkannte sie sofort auch als eine Infragestellung des demokratischen liberalen Staates. Die Sorge um den Menschen und den Staat veranlaßte ihn, aus der heiteren Welt von Seldwyla und des Sinngedichtes hinauszutreten in die graue Wirklichkeit eines neuen Alltages. So entstand der zeit- und gesellschaftskritische Gegenwartsroman «Martin Salander». Gottfried Keller war nicht beglückt von diesem seinem letzten großen Werk: «Es ist nicht schön! Es ist nicht schön! Es ist zu wenig Poesie darin!» rief er aus 12. Er hat zwar den Glauben an die Schweiz nicht verloren, und mit Arnold Salander weist er in eine erhoffte bessere Zukunft hin. Aber der Roman ist eben doch ein Abschied: Es ist der Abschied von der poetischen Welt von Seldwyla, er ist zu verstehen als ein Akt der Verantwortung des Dichters gegenüber seinem Lande. «Martin Salander» ist das Mahnopfer, das der Staatsschreiber seinem Staate darbringt.

«Martin Salander» ist ein politischer Roman, beschränkt sich aber auf den engen Kreis einer Familie und ihres Schicksals in einer gefährdeten Zeit; das Oberhaupt der Familie ist die Mittelpunktsgestalt des Geschehens. Die Ausweitung eines solchen Kreises geschah in einem monumentalen Werk, das ein halbes Jahrhundert nach dem «Salander» ebenfalls in gefahrvoller Zeit entstand, in einem Roman, der die Schweiz als Ganzes umfassend darstellt: es ist der «Schweizerspiegel» von

Meinrad Inglin. Gewiss steht auch hier eine Familie in der Mitte der Romanhandlung, eine grosse, weitverzweigte Familie mit ihren Freunden und Bekannten, aber es gibt keine Einzelperson mehr, um die sich alles dreht, keine der handelnden Personen ist wichtiger als die andere. Gewiß besitzen die vielen Personen gerade in ihrer individuellen Verschiedenartigkeit Eigenwert in sich selbst. Aber die eigentliche Bedeutung erhalten sie doch erst aus ihrer Stellung im ganzen. Sie bilden ein wohldurchdachtes Bezugssystem, eine kunstvolle Konfiguration, welche so welthaltig ist, dass sie fähig wird, einen kleinen Kosmos abzubilden! Es ist die Schweiz, sie ist der eigentliche Held des Romans. Die Personen sind zwar fest in sich gegründet, aber doch so unausweichlich Glieder des großen Ganzen, dass die Einzelschicksale nur im Zusammenhang des geschichtlichen Ganges dieses Ganzen sich entfalten können.

Die Schweiz wird dargestellt in der Zeit von 1912 bis 1918, von den Kaisermanövern bis zum Generalstreik, sie erscheint also in der Bewährungssituation einer schweren Bedrohung. Die Vergangenheit wird in diesen Zeitraum hereingeholt und ist präsent, und gegen Ende zu öffnet er sich immer mehr auf die Zukunft hin. Auf ihrem Gang durch die vielen Ereignisse, durch die Anforderungen und Gefahren der bewegten Zeit äußerer und innerer Gefährdung wird sich die Schweiz in den tragenden Gestalten des Romans ihrer selbst immer deutlicher bewusst. In verschiedenen Gesprächen, die während der schweren Krise des Generalstreiks geführt werden, erscheint dann ein Bild der Schweiz und des Wesens dieser Eidgenossenschaft, das durch seine Klarheit und politische Reife überzeugt. Es ist gerade der unerbittliche und scheinbar völlig kompromißlose Divisionskommandant Bosshart, der feststellt, dass «unser geschichtlich begründeter, viersprachiger Volksstaat doch ein sehr bemerkenswertes Gebilde» sei. «Dieses geistig geräumige, außerordentlich tolerante demokratische Staatswesen ist das denkbar Klügste, was sich eine so gemischte Gesellschaft wie unser Volk im Lauf der Jahrhunderte erschaffen konnte ... Ein verletzliches, immer sehr gefährdetes Gebilde, dieser Staat, wie alles hochkultivierte Menschenwerk! Es erträgt keine extremen Lösungen und eignet sich

schlecht als Tummelplatz für Unmündige; es ist im Gegenteil auf Mass und Gleichgewicht angewiesen. Die Schweiz ist ein Land für reife Leute 13 .» Gerade deswegen setzt dieses Staatswesen voraus, daß seine Bürger es in seiner besonderen Beschaffenheit erkennen und sich zu eigen machen, seines Wesens sich bewusst werden. «Es ist eine bedeutsame Eigentümlichkeit unseres Staatsgedankens, dass er nicht auf die Leidenschaft wirkt, sondern auf die sittliche Vernunft 14 .» Und schließlich erscheint auch der Gedanke, dass die Schweiz kein einmaliges Ergebnis sei, sondern über sich hinausweise. «Der eidgenössische Gedanke ist, logisch weitergedacht, eine Lieblingsidee aller guten Europäer 15.» Es ist der Gedanke der Helvetia mediatrix, der Schweiz als verbündetes Europa im kleinen.

Meinrad Inglins Romane sind durchaus schweizerischen Wesens, aber sie wachsen aus ihrem beschränkten heimatlichen Raum empor in allgemein gültige Zusammenhänge. Schon in seinem Erstling «Die Welt in lngoldau» unternimmt er es, aus der kleinen Innerschweizer Stadt ein Bild der Welt zu gestalten; im Roman «Grand Hotel Excelsior» wird das elegante Luxushotel am Vierwaldstättersee zum welthaltigen Mikrokosmos; «Die graue March» bietet in abgeschlossener Urschweizer Bergwelt ein Geschehen, das weltbedeutend wird; und im «Schweizerspiegel» endlich ist es die Schweiz selbst, welche zum Bild der Welt gestaltet wird, einer Welt, in der Vielgestaltigkeit und Einheit, Natur und Geist immer wieder im Gleichgewicht erhalten werden können. Die Besinnung auf das Wesen der Schweiz, mit welcher der Roman schliesst, lässt deutlich werden, dass er wohl nur aus diesem Wesen entstehen konnte. Aus der Kleinheit der Schweiz und aus ihrem Geiste ist damit eines der bedeutenden Romanwerke unseres Jahrhunderts hervorgewachsen.

Zwanzig Jahre nach dem «Schweizerspiegel» entstand noch einmal ein weitgespanntes und reiches Romanwerk, das in umfassendem Sinne die

Heimat und das Verhältnis der Menschen zu ihrer Heimat als Gegenstand wählt. Es ist der Roman «Alles in allem» von Kurt Guggenheim 16. Die Stadt Zürich und ihre Bewohner vom Beginn bis zur Mitte unseres Jahrhunderts werden darin dargestellt. Aber dieses Zürich steht nicht für sich allein; in Guggenheims Darstellung seiner Vaterstadt erscheint sein Bild der Schweiz. «Ich will es nicht verhehlen», sagt der Autor zur Entstehung seines Werkes, «Urgrund des Unternehmens sind Zärtlichkeit und Stolz, dieser tapferen und humanen Gemeinschaft, dieser in wunderbarer Kraft und Harmonie sich entwickelnden Siedlung anzugehören, an ihren Schwierigkeiten und Freuden teilgenommen zu haben.» Da gibt es also noch einen bedeutenden Schweizer Dichter, der Mitte der fünfziger Jahre aus der Bejahung seiner Heimat und trotz aller klugen Kritik zu ihrem Lobe schreiben kann. Auch in ihm ist etwas vom Staats-Schreiber, und er ist überzeugt davon, «das der schweizerische Schriftsteller ohne seine staatsbürgerliche Eigenschaft nicht denkbar ist» 17. Aber gerade diese Eigenschaft vermißt er bei seinen jungen Zeitgenossen, und besorgt stellt er in seinem Aufsatz «Heimat oder Domizil?» fest, das die Schweiz «als Gegenstand, als Objekt der Dichtung, als Gegenstand der Bewunderung, der Liebe, des Stolzes, einer Chronik» aus unserer Literatur verschwunden sei. Sie existiert «nur noch als Anlaß zu anmaßender Kritik, als ein Anlaß zum Sarkasmus, zur Paradoxie, als Anlaß zum Lächeln, zum Gelächter... Ist doch die Schweiz nichts als ein bequemes Domizil, sonst ist sie irrelevant ... ,Schweizer Kultur', ,Heimatkultur', ,autonome Kultur' werden in Anführungszeichen isoliert und angeprangert, und dem nationalsozialistischen ,Blut und Boden' gleichgestellt» 18. Damit aber stehen wir wieder mitten in der Auseinandersetzung und Diskussion unserer Gegenwart, deren wichtigster Wortführer wohl Max Frisch ist.

In dieser Diskussion ist gewiß vieles modebedingt; viele Stimmen klingen grell und misstönend, weil die vertretenen Meinungen durch eine ressentimentbelastete und forcierte Opposition bestimmt und oft genug verzerrt werden. Die neue Einstellung der Schweiz und ihrer staatlichen Organisation gegenüber ist wesentlich getragen durch den Weltdrang der Nachkriegsgenerationen. Anstelle des ekstatischen «Nie wieder Krieg!» der zwanziger Jahre ist ein Internationalismus und neuer Kosmopolitismus getreten, ein neues, durch die technischen Entwicklungen und die interkontinentalen ökonomischen Verflechtungen getragenes Weltverständnis.

Es wäre sicher falsch, Max Frischs Verhältnis zu der Schweiz einfach als modebedingt zu bezeichnen, dafür ist er ein viel zu gründlicher und meist auch konsequenter Denker. Seine Ansätze sind eher in dem neuen Weltverständnis zu suchen. Auch für ihn hat die Technisierung der Welt einen neuen, übernationalen Lebensstil und ein neues Lebensbewusstsein geschaffen. Frisch wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Schweiz hinter diesen Entwicklungen zurückgeblieben sei. Ihre politische Grundstruktur mit Gemeindeautonomie und Föderalismus sei hoffnungslos veraltet, eine Vereinheitlichung, im Ökonomischen und Technischen international längst vollzogen, dränge sich der Eidgenossenschaft auch im Politischen gebieterisch auf. Dann fordert Frisch einen radikalen Abbau des nationalen Denkens. Das Soziale etwa, als internationales Problem, hat für ihn Bedeutung vor allem Nationalen. So entsteht eine neue Vaterlandslosigkeit als völlige Freiheit dem eigenen Land und Volk gegenüber, eine Haltung, die schließlich zum totalen Unbeteiligtsein führt. Dann könnte Frisch doch eigentlich dieser Schweiz, die ihm nichts Besonderes mehr bedeutet und in verschiedener Hinsicht sogar widerlich ist, den Rücken kehren und in die Emigration gehen? Aber das tut er auch nicht, diesen Schritt kann und will er nicht tun: Er ist von Rom und von Berlin wieder in die Schweiz zurückgekehrt, und sicher nicht nur, weil sie ein angenehmes Domizil bietet, sondern weil er nicht loskommt von ihr.

Nach seiner Rückkehr von Rom im Jahre 1966 fasste er den Vorsatz, «über die Schweiz mindestens öffentlich keine Äusserungen mehr zu machen» 19. Trotzdem erscheinen 1970 «Wilhelm Teil für die Schule», 1973 das «Dienstbüchlein», und 1974 hält er den Vortrag über «Heimat»: Die Kritik ist schärfer, die Ablehnung heftiger geworden als je zuvor. Die Ursachen müssen also tiefer liegen.

«Alles Lebendige hat es in sich, Widerspruch zu sein 20 .» Der Geist des Widerspruchs ist bei Max Frisch außerordentlich stark, gleichsam apriorisch Er richtet sich gegen alles Festgelegte, nicht mehr Veränderbare, das für ihn sofort zum Gefängnis wird. Das Fertige ist trostlos und unheimlich, «alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein; aber das Werden ist köstlich» 21. Die Schweiz aber ist für Frisch Inbegriff des Fertigen, im Festgelegtsein völlig Erstarrten, das jede Weiterbewegung verhindert. So sieht er etwa die Hauptursache des Zürcher «Globus»-Krawalles von 1968 in der Unbeweglichkeit unserer Institutionen: «Diese Unbeweglichkeit wendet sich gegen den Menschen. Sie verhindert die Anpassung an die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen und die Entfaltung schöpferischer Minderheiten 22 ,» Die Erfahrungstatsache, dass auch der liberale Rechtsstaat, hier unsere im ganzen doch sehr humane Demokratie, sich gegen gewaltanwendende Revolutionäre schützen muß. wenn er nicht an der schrankenlos gewährten Freiheit zugrunde gehen will, diese Tatsache wird von Max Frisch überhaupt nicht erwogen 23. Er widerspricht allem Fertigen und sucht ihm immer wieder zu entfliehen, hinaus in die Offenheit und Weite eines Reiches der blossen Möglichkeit. Seit Beginn seines Schaffens steht Frisch unter der entfesselnden Wirkung der Sehnsucht und des Fernwehs. Die ewig offene Ferne als ständige Lockung erscheint in seinem

Werk als blaue Weite des Meeres, als Peking, Santa Cruz, Santorin... Alle diese Ortsbezeichnungen sind natürlich letztlich ortlos, Ferne an sich; denn wenn sie erreicht werden könnten, so würden sie ja Nähe, hörten auf, Ferne zu sein und würden sich verfestigen zu fertiger, widerlicher Wirklichkeit. Gegenüber dem mechanisierten Alltagsleben mit seinen ewigen Wiederholungen steht verlockend das Leben im Reiche des ganz anderen, jenseits der Grenze. Dieses andere Leben schöpft seine Kraft aus ewig sich erneuerndem Ursprung, es ist das Paradies. Die Sehnsucht zieht vorwärts und rückwärts: in das verlorene Paradies der Jugend, wo noch alle Möglichkeiten offenstanden, und in das künftige in einer blauen Ferne, wo alles sich wieder öffnet. Das Wesen solcher Ferne besteht in ihrer Unerreichbarkeit. Aus diesem paradiesischen Bereich stammen die Gedanken für eine Verwandlung der bestehenden Wirklichkeit, sie haben daher fast immer etwas Utopisches an sich. Gerade nach dem Kriege, nach dem Abwurf der ersten Atombomben erhoffte Max Frisch eine totale Erneuerung des Lebens; seine Erwartungen spannten sich nach einem utopischen Ziel und rechneten zu wenig mit der Gebrechlichkeit des Irdischen. Als sich dann die Erwartungen nicht erfüllten, erschien die Wirklichkeit um so enttäuschender.

Aus der Optik dieser utopischen Sehnsuchtsräume ist Frischs Bild der Schweiz als einer widerwärtigen Wirklichkeit entstanden, einer Schweiz, wie sie im «Stiller», im «Teil für die Schule» und im «Dienstbüchlein» erscheint. «Du sollst dir kein Bildnis machen», das ist Max Frischs oberstes Gebot; kein Bildnis von einem Menschen, einem Zustand oder einem Geschehen, denn im Bilde gerinnt das Werden, das bewegte Leben erstarrt zum Klischee und stirbt ab. Aber genau so ist Frisch die Schweiz zum Bildnis geronnen, das sie entstellt in einem Klischee von öder, schwarz-weißer Einförmigkeit. Damit hat er an ihr dasselbe Unrecht begangen wie die Andorraner am vermeintlichen Juden Andri: er hat die Schweiz erstarren und absterben lassen und fesselt sie dadurch in all jenen Köpfen, weiche kritiklos das fertige Bild vom berühmten Bildner übernehmen.

Max Frisch bleibt in der Schweiz, aber er bleibt mit einem Gefühl der Unzugehörigkeit und der Fremde. Auch das ist eine Art von Emigration, deren Stationen von Frisch bezeichnet werden: die Ironie und die Arbeit. Diese Emigration ist die «produktiv-stillschweigende Absage an die Vaterländer überhaupt» 24. Sie ist der Rückzug ins Private und Geschichtslose. Das bestätigt sich auch in den letzten großen dichterischen Werken «Mein Name sei Gantenbein» und «Biografie»: Im «Gantenbein» erfindet ein fabulierendes Ich Geschichten, es läßt fiktive Welten erscheinen und wieder verschwinden und schafft sich willkürlich und selbstherrlich eine selbstzweckliche Spielwelt jenseits von Zeit und Geschichte; und in der «Biografie» entsteht das Spiel von der unbegrenzten Offenheit der Möglichkeiten und den beliebig vertauschbaren Lebensvarianten.

Dem Rückzug in das Private der Arbeit entspricht wohl äusserlich der Rückzug in das tessinische Paradies von Berzona. Aber trotz dieser «Reprivatisierung» kann Max Frisch nicht schweigen zum Thema «Schweiz», die Pamphlete der vergangenen Jahre beweisen es. Es ergibt sich ein Zustand von merkwürdiger Dialektik: Frisch kommt nicht los von der Schweiz, kann sich aber auch nicht aus der Bejahung zu ihr bekennen, nur aus der Negation fühlt er sich ihr als Heimat verbunden «in Zorn und Scham». Ein Antimodell zu «Andorra», ein Vorbild, die Vision einer neuen Schweiz: sie verweigert er auch. Darin, wie auch in der Einseitigkeit ihrer Kritik und der oft genug utopischen Unerreichbarkeit ihrer Ziele, unterscheiden sich Frisch und viele seiner jüngeren Zeitgenossen von Gottfried Keller, aber auch von Meinrad Inglin und Kurt Guggenheim.

Als Gottfried Keller Berthold Auerbach das Manuskript des «Fähnleins der sieben Aufrechten» geschickt hatte, schrieb er ihm noch dazu: «Ich halte es für Pflicht eines Poeten, nicht nur das Vergangene zu verklären, sondern das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft so weit zu verstärken und zu verschönern, dass die Leute noch glauben können, ja, so seien sie

und so gehe es zu! ... Man muss, wie man schwangeren Frauen etwa schöne Bildwerke vorhält, dem allezeit trächtigen Nationalgrundstock stets etwas Besseres zeigen, als er schon ist; dafür kann man ihn auch um so kecker tadeln, wo er es verdient 25 .» Der schweizerische Bundesstaat ist für ihn nicht ein vollendetes Gebilde, sondern gleichsam ein Baumodell, das nach besseren Plänen immer wieder erneuert werden kann. Gerade deswegen braucht der Staatsbürger Vorbilder, Verbesserungsmuster, und von wem sollte er sie erwarten, wenn nicht vom Schweizer Dichter, der immer auch ein wenig Staats-Schreiber sein soll!

Friedrich Schiller ist für Frisch der Begründer eines schweizerischen Selbstmißverständnisses, er hat der Schweiz das fragwürdige Geschenk «eines importierten Nationaldramas» gemacht. Inwiefern ist denn «Wilhelm Teil» überhaupt ein nationales Schauspiel? «Wilhelm Tell» handelt von sittlichen Entscheidungen, von der Entstehung eines neuen Staates und seinen ethischen Voraussetzungen. Und schließlich erscheint in diesem Drama die Vision jenes Staates, den Schiller den ästhetischen Staat nennt. Er versteht darunter eine vernünftig geordnete Gemeinschaft, in der alle Teile freiwillig und wie im Spiel und doch in schönster Ordnung zusammenwirken und sich gegenseitig ergänzen; der ästhetische Staat ist die vollkommene Demokratie, in der «Freiheit zu geben durch Freiheit» das Grundgesetz ist 26. Dieser Staat ist nicht eine Ideologie, auch nicht eine Utopie, sondern ein ideales Vorbild, das schöne Bildwerk, von dem Gottfried Keller spricht. In seinem «Prolog zur Schillerfeier in Bern» rühmt Keiler Schillers Gesamtwerk als grossen Torso:

Doch jeder Teil von ihm, der uns geblieben,
Birgt in sich eine Welt unweiser Schönheit,
Vollendet ans Unendliche sich knüpfend,
Und lehrt uns so zu handeln, dass, wenn morgen
Ein Gott uns jählings aus dem Dasein triebe,
Ein fertig Geistesbild bestehen bliebe.
Was unerreichbar ist, das rührt uns nicht,
Doch was erreichbar, sei uns goldne Pflicht! (I, 272)