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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Der Beruf des Geologen in der Gegenwart

Rektoratsrede von

Prof. Dr. phil. Walter Nabholz

Bericht über das Studienjahr 1975/76 1. Oktober 1975 bis 30. September 1976 erstattet vom abtretenden Rektor Prof. Dr. Hans Jürg Lüthi

Inhaltsverzeichnis
A. Rektoratsrede
Prof. Dr. phil. Walter Nabholz: Der Beruf des Geologen in der Gegenwart 5
B. Bericht über das Studienjahr 1975/76
I. Rechenschaftsbericht des abtretenden Rektors, Prof. Dr. Hans Jürg Lüthi 21
Il. Tätigkeitsbericht 32
1. Chronologischer Rückblick auf das Studienjahr 1975/76 32
2. Berichte der Fakultäten 34
a) Evangelisch-theologische Fakultät 34
b) Christkatholisch-theologische Fakultät 35
c) Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät 35
d) Medizinische Fakultät 37
e) Veterinär-medizinische Fakultät 38
f) Philosophisch-historische Fakultät 39
g) Philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät 41
3. Sekundarlehramt 42
4. Centre du brevet d'enseignement secondaire 43
5. Institut für Leibeserziehung und Sport 44
6. Collegium generale 46
7. Kommission für kulturhistorische Vorlesungen 49
8. Kreditkommission 49
9. Forschungskommission des Schweizerischen Nationalfonds an der
Universität Bern 50
10. Baukommissionen 53
11. Besoldungskommission 55
12. Kommission für Bibliotheksfragen 56
13. Kantonale Immatrikulationskommission 57
14. Kommission zur Verwaltung der Kasse für studentische Zwecke 59
15. International Neighbours der Universität Bern 60
16. Kommission zur Verwaltung der Sozialkasse 61
17. Pressekommission 62

IIL Lehrkörper . 64 1. Bestand 64 2. Lehrtätigkeit und Prüfungen 71 3. Gastvorlesungen und Vorträge von Berner Dozenten im Ausland 73 4. Ehrungen 83 VI. Studentenschaft 87 1. Bestand 87 2. Todesfälle 88 3. Statistik der letzten fünfzehn Jahre 88 4. Bericht des Vorstandes der Studentenschaft 89 5. Berner Studentenheim 91 6. Studentenlogierhäuser Tscharnergut und Fellergut 92 7. Studentenkinderkrippe 93 8. Evangelische Universitätsgemeinde (EUG) 94 9. Katholische Universitätsgemeinde (KUG) 95 V. Stipendien, Stiftungen, Forschungsbeiträge 97 1. Forschungsbeiträge des Schweizerischen Nationalfonds an Dozenten der Universität Bern 97 2. Stiftung zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung an der Universität Bern 97 3. Bernischer Hochschulverein 97 4. Bundes- und Austauschstipendien 98 5. Verschiedene Forschungsbeiträge 98 C. Ehrenpromotionen Dies academicus 1976 101 D. Weitere Ehrungen Dies academicus 1976 114 E. Preisaufgaben, Fakultäts- und Seminarpreise Dies academicus 1976 117

A. Der Beruf des Geologen in der Gegenwart

Rektoratsrede von Prof. Dr. phil. Walter Nabholz

Geologen als Rektoren der Berner Universität

Nur selten will es das Schicksal, das einem Geologen die Aufgabe und die Ehre zufallen, unserer Universität als Rektor zu dienen. Der erste Geologe, der Rektor wurde, war Bernhard Studer, und zwar für das Studienjahr 1843/44. Zu jenem mehr als 130 Jahre zurückliegenden Zeitpunkt betreute er zwar ein viel umfassenderes Gebiet als nur die Geologie, nämlich eine Professur für Mathematik und Naturwissenschaften. Dementsprechend widmete er seine am Dies academicus 1843 gehaltene Rektoratsrede dem Thema «Aus der Geschichte unserer höheren Lehranstalten in Beziehung auf die Naturwissenschaft». 1848 wurde sein Lehrauftrag, zusammen mit der wohlverdienten Beförderung zum Ordinarius, auf Geologie beschränkt, und somit bekleidete er die erste Geologieprofessur in Bern. Er gehört zu den großen Pionieren schweizerischer Geologie, und seine Schriften werden auch heute noch in Fachkreisen zitiert 1. Dem Berner Volk wird er durch den Bernhard-Studer-Stein in Erinnerung gerufen, einem Gneisfindling, der in der Parkanlage der Großen Schanze 100 m westlich des Universitätshauptgebäudes steht. Erst 89 Jahre nach Bernhard Studer, für das Studienjahr 1932/33, sehen wir wieder einen Geologen als Rektor, nämlich Paul Arbenz. Aus meiner

Zürcher Studienzeit bleibt mir die erste Begegnung mit ihm eindrücklich in Erinnerung, als er auf dem Gipfel des Mythen, im Sommer 1938, einer Berner Studentenexkursion die Geologie der Rundsicht über die Vierwaldstätterseeregion erläuterte. Paul Arbenz war als Alpengeologe und besonders durch seine Forschungen in der helvetischen Zone weitherum bekannt geworden 2. Seine Rektoratsrede vor 44 Jahren widmete er dem auch heute noch verlockenden Thema «Die Rolle der Alpenforschung in der Geologie» und begann sie mit folgendem einleitenden Satze: «Kaum eine zweite Wissenschaft ist so sehr wie die Geologie an den Boden gebunden, auf dem sie gewachsen ist.»

Der dritte Geologe, der Rektor wurde, ist mein verehrter Vorgänger, Joos Cadisch 3, dem es heute sein hohes Alter leider nicht erlaubt, unter

uns im Saal zu wellen. 1957 hielt er seine Rektoratsrede über «Geologische Probleme der Berner Alpen» und stellte in seiner Einleitung fest, er finde sich bei Behandlung dieses Themas in die schwierige Lage versetzt, auf die Verwendung des für Geologen üblichen Anschauungsmaterials wie Karten, Profile, Diapositive verzichten zu müssen.

So bin ich heute nun also der vierte Geologe, der seit der Gründung unserer Universität im Jahre 1834 Rektor geworden ist. Traditionsgemäß erwarten Sie von mir, daß ich vor diesem erlesenen Publikum, dem die Vertreter unserer hohen Behörden, die Freunde und Gönner, die Kollegen und Studenten unserer Universität angehören, über mein Fachgebiet berichte. Sie erwarten ferner, dass ich mich an den Spruch halte, der früher im Rathaus von Heilbronn in Württemberg zu lesen war: «Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör bald auf.»

Wie die Geologie und die Geologen von außen betrachtet werden

In der Geologie bedient sich der Forscher üblicherweise einer Sprache, die wie in den übrigen naturwissenschaftlichen Disziplinen mit Fachausdrücken gespickt ist. Neuere geologische Erkenntnisse einem grösseren Hörerkreis näherzubringen, wäre deshalb ein heikles didaktisches Unternehmen. Dies um so mehr, als selbst ein Publikum mit umfassender Allgemeinbildung heute in Westeuropa mit der geologischen Denkweise kaum vertraut ist und der Geologie in ihrer praktischen Bedeutung weitgehend fremd gegenübersteht. Noch gehört es zum täglichen Erlebnis eines Geologen, der mit Hammer, Geologenkompaß, Lupe und Karte im Gelände arbeitet, das er von Passanten und Einheimischen gefragt wird, ob er nach Gold suche. Die Anspielung auf den Wünschelrutengänger liegt nicht allzu selten spürbar in der Luft. Selbst Unternehmer, beispielsweise geschulte Bauingenieure, die einen Geologen zur

Beratung beiziehen, lassen diesem gegenüber oft merkwürdige Empfindungen erkennen. Zwar interessieren sie sich für die Geologie, betrachten den Geologen aber mit einem gewissen belustigten Neid als Steinklopfer, der — statt im Büro zu sitzen — im Gelände herumstreift, grosse Theorien entwickelt und gute Ratschläge erteilt 4. Damit mag erklärt werden, das gegenüber der praktischen Anwendung der Geologie hie und da eine gewisse Skepsis zu spüren ist. Wenn ich kurz versuchen will, den Wurzeln solcher Empfindungen nachzugehen, sind vor allem zwei Ursachen zu nennen:

Erstens: Teile der Geologie sind als historische Wissenschaften entstanden. Die Frage nach der historischen Entwicklung unserer Erde, der Kontinente, der Meere, der Gebirge, umfaßte in früheren Jahrzehnten einen umfangreicheren Teil geologischer Forschungsarbeit als heute. Wie der Historiker, der sich mit Menschheitsgeschichte befaßt, sich nicht damit zufrieden gibt, nur Fakten aus seinen Quellenstudien wiederzugeben, sondern nach den Ursachen der Entwicklungen fragt, so hat auch der Geologe seit eh und je versucht, den Ursachen der Entwicklungen nachzugehen, die das Antlitz unseres Planeten seit seiner Entstehung vor 4 1/2 Milliarden Jahren so sehr verändert haben. Hiebei aber sind Modellvorstellungen, oft sogar Spekulationen angewandt worden, die nicht in allen Teilen exakt zu beweisen sind. — Das neben solchen historischen Betrachtungen in der Geologie während der letzten Jahrzehnte die Forschungsarbeiten, die sich exakter naturwissenschaftlicher Methoden bedienen, an Umfang gewaltig zugenommen haben, ist nur rudimentär ins tägliche Allgemeinwissen eingegangen. Mit dem Stichwort «spekulative Modellvorstellungen» ist damit die erste Ursache des Unbehagens umrissen, mit dem sich der Geologe hie und da konfrontiert sieht.

Die zweite Ursache dieses Unbehagens wurzelt in der Art, wie gegenwärtig an den Mittelschulen, vorab den Gymnasien, Geologie unterrichtet

wird. Geologie ist kein eigenes Schulfach, im Unterschied etwa — um nur ein Beispiel zu nennen — zu Althebräisch. Teils wird sie von den Geographie-, teils von den Naturgeschichtelehrern im Rahmen ihrer im Zeugnis erscheinenden Fächer erteilt. War es bis vor kurzem in Bern möglich, mit Geologie als Hauptfach das Sekundarlehrer- oder das Gymnasiallehrerdiplom zu erwerben, so wurde diese Möglichkeit im Zuge der heutigen Reformen und der jetzt gültigen Reglemente abgeschafft. Diese Reform ist bedauerlich, nicht etwa deshalb, weil den jungen Geologen eine Berufschance verloren geht, denn nur ganz vereinzelt entschieden sich in den letzten Jahren junge Geologen nach Abschluß ihres Studiums für den Beruf eines Lehrers. Viele andere Möglichkeiten standen ihnen ebenfalls offen, um mit dem gelernten Beruf den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Reform wird deshalb unerfreuliche Konsequenzen haben, weil sie die Möglichkeit verstärkt, dass der künftige Akademiker der Geologie fremd gegenübersteht und wenig weiss von der praktischen Tätigkeit der Geologen. Man mag einwenden, nach der neuen Studienordnung für Geographen sei nun die Geologie im Grundstudium bis zum Abschluß als Ergänzungs- oder Nebenfach obligatorisch eingebaut. Wie sich diese Massnahme im Schulbetrieb auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Mit diesen Ausführungen, die als Einleitung gedacht sind, wollte ich darauf hinweisen, das eine gewisse Fremdheit gegenüber der Geologie und eine gewisse Unkenntnis gegenüber praktischer geologischer Arbeit in der Schweiz weiter verbreitet ist, als es uns Geologen lieb sein kann. Ein Zürcher Fachkollege aus der Praxis drückte dies 1970 in folgender Kurzfassung aus: «Der Beruf des Geologen erscheint für den Nichtgeologen nicht immer von jener kristallenen Durchsichtigkeit und Winkelkonstanz, die eigentlich beide wünschen müssten und meist tatsächlich auch wünschen 5 .»

Die Geologen mit Schweizer Domizil im Jahre 1976

Wenn ich mich nun heute als Rektor an eine breitere Öffentlichkeit wenden darf, scheint es mir sinnvoll, in der genannten Hinsicht aufklärend zu wirken. Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, wieviele Geologen heute in der Schweiz tätig sind, und welchen Wirkungskreis des Fachgebietes sie sich widmen. Dann soll kurz skizziert werden, wie die geologischen Grundlagen für die Öffentlichkeit oder für private Auftraggeber beschafft werden. Ein Hinweis soll den sieben Hochschulinstituten gelten, die in der Schweiz Geologen ausbilden, und schließlich sei ein Ausblick auf die künftige Entwicklung angefügt. Die im folgenden genannten Zahlen beruhen — wo nötig — auf persönlichen Erkundigungen, die ich im Verlaufe der letzten Monate unternommen habe 6. Unter die Geologen zähle ich auch die Petrographen und die Paläontologen, die sich mit Arbeiten befassen, die der Geologie dienen, Geologie also, im umfassenden Sinn dieses Begriffs.

Abgesehen von den Geologiestudenten und jungen, an ihrer Dissertation arbeitenden Diplomgeologen, auf die ich später zu sprechen komme, haben heute rund 430 Geologen in der Schweiz ihren Wohnsitz. Etwa gleich viele Schweizer Geologen und solche, die an Schweizer Hochschulen studiert haben, sind im Ausland tätig. Dieses Verhältnis, dass etwa gleich viel der in der Schweiz ausgebildeten Geologen im eigenen Land wie im Ausland tätig sind, sah bis zum Zweiten Weltkrieg völlig anders aus. Damals fanden Geologen in der Schweiz praktisch nur im Lehrerberuf oder an Hochschulen ihr Auskommen, rund 90 % suchten damals bei ihrem Studienabschluß meist mit Erfolg eine Stelle im Ausland.

Die Tätigkeit der geologischen Beratungsbüros (Baugrund, unterirdische Bauten, Hydrogeologie usw.)

Betrachten wir nun die 430 in der Schweiz tätigen Geologen. Ihr größter Anteil, etwa 130 (30%) ist in geologischen Beratungsbüros tätig: meist sind dies kleine, durch private Initiative gegründete Betriebe, vom Einmannbüro mit temporären Hilfskräften bis höchstens zum 25-Mann-Betrieb reichend, vergleichbar mit Ingenieurbüros, aber eine deutliche Größenordnung kleiner. Die meisten Fragestellungen, die von diesen Beratungsbüros bearbeitet werden, betreffen zwei Sparten: einerseits die Geologie des Baugrunds, anderseits die Hydrogeologie. Hinzu kommen Fragen nach nutzbaren Rohstoffen, vor allem nach unseren Kies- und Sandvorkommen, nach Vorkommen von Tonen oder andern nutzbaren mineralischen Rohstoffen, Fragen der Steinbruchindustrie usw. Die Fragen nach dem Baugrund gelangen gewöhnlich auf dem Wege über einen Bauingenieur an den Geologen. Es sei mir hiezu ein stark simplifizierendes Bild gestattet: Bauten sich unsere Urgroßväter ein Haus, beauftragten sie damit einen Baumeister; er kannte den Baugrund seines Wirkungskreises aus althergebrachter lokaler Erfahrung, Platzreserven waren vorhanden, und er baute das Haus dort, wo es der Untergrund problemlos zuliess. Zur Zeit unserer Grossväter wurde es üblich, über dem Baumeister einen Architekten einzusetzen. Zur Zeit unserer Väter begannen die Architekten, mit Fragen und Berechnungen der Statik, die über das Alltägliche hinausgingen und die insbesondere auch die Fundamente betrafen, sich an die Bauingenieure zu wenden. Damit setzte die Blütezeit der Ingenieurbüros ein, deren Firmenschilder im Strassenbild unserer Städte nichts Ungewohntes darstellen, In unserer Generation nun ist die technische Entwicklung wieder einen Schritt weiter gegangen: Durch die Bauingenieure gelangen Fragen, die den Baugrund betreffen, an die geologischen Beratungsbüros, das heie! also an die freierwerbenden beratenden Geologen. Dies hängt zum Teil damit zusammen, das der gute Baugrund — besonders in unserem dicht besiedelten Mittelland — seit der Zeit unserer Urgrossväter

wesentlich rarer geworden ist, zum Teil ist es aber auch durch den allgemeinen Trend zur Spezialisierung begründet.

Betrachten wir nun den Aufgabenkreis Baugrund etwas spezifizierter: Für die Fundation von Hochbauten wie Häusern, Straßen, Seilbahn- oder Hochspannungsmasten, Dämmen, möchte der Ingenieur oder Architekt wissen, wie sich der Baugrund zusammensetzt, in welcher Tiefe mit welchen zulässigen Bodenpressungen zu rechnen ist und wo der Grundwasserspiegel liegt. Bei solchen Fragestellungen überschneidet sich die Geologie mit der Erdbaumechanik. In etlichen geologischen Beratungsbüros arbeiten deshalb zusammen mit den Geologen Erdbaumechaniker, die sich im Anschluß an das Bauingenieurstudium auf Erdbaumechanik und Felsmechanik spezialisiert haben. Als Hilfsmittel werden oft einfache Sondiergeräte eingesetzt, beispielsweise Schlagsonden oder einfache geophysikalische Apparate. Erweisen sich größere Sondierbohrungen als notwendig, werden Bohrfirmen zugezogen. Neben den Einzelobjekten spielen seit den sechziger Jahren die von den Planern und Planungsämtern geforderten Grundlagen eine zunehmend größere Rolle: es geht dabei um die kartographische Darstellung der Baugrundverhältnisse von Gemeinden oder von ganzen Regionen. Mit der Projektierung der Nationalstraßen, etwa seit Ende der fünfziger Jahre, wurde es üblich, die geologischen Verhältnisse künftiger Straßentrassen abklären zu lassen, auch dann, wenn sie nicht mit Tunnelbauten verknüpft waren. Diese vorsorgliche Masnahme erwies sich als nützlich, besonders etwa, wenn dabei frühzeitig rutschgefährdete Zonen erkannt werden: Man denke an die aufwendigen und umfangreichen Hangsicherungen, die das Autobahnteilstück Sissach-Eptingen, die Strass auf der Nordseite des Bielersees oder die Strecke Lausanne-Montreux kennzeichnen. Mit derartigen Aufgaben ist heute eine Reihe geologischer Beratungsbüros betraut.

Noch neueren Datums sind bei uns Pipelines, die quer durch die Schweiz, ferner an die Verbraucherzentren führen, wo früher die Gaswerke standen. Größtenteils sind die Pipelines in offenem Schlitz eingegraben worden; für die Projektierung ihrer linienförmigen Trassen

bedurfte es geologischer Beratung über die Grabbarkeit des Bodens, über seine Rutschgefährdung, über allfällige Quellen und Grundwasser, die beeinträchtigt werden könnten. Gerade hinsichtlich der Grabbarkeit des Bodens unterlaufen dem Nichtgeologen oft schwerwiegende Fehleinschätzungen: ich denke an frühere militärische Übungen, bei denen die Truppe den Auftrag erhielt, sich mit ihrem Schanzwerkzeug einzugraben. Aber unter den fetten Wiesen, die sich im Südteil unseres Mittellandes in milder Hügellandschaft ausbreiten, kam nach dem Abheben der Humusdecke, nur 20 bis 50 cm unter der Oberfläche, der harte Sprengfels der Molassenagelfluh hervor. Damals wurde die Übung abgebrochen, genauer gesagt umdisponiert, heute sollte sie theoretisch zum voraus richtig disponiert sein, weil in den allerletzten Jahren die militärgeologische Übersichtskarte der Grabbarkeit entstanden ist.

Bei meinen vorangegangenen Betrachtungen verweilte ich zuerst kurz bei den Fundationsfragen für den Hochbau und ging dann zu den Problemen über, die der Tiefbau dem Geologen stellt. Geologisch ausgedrückt, ich geriet vom Hangenden ins Liegende. Damit komme ich zum Untertagebau mit den Stollen und Tunnels. Geeignete Stollentrassen suchen, geologische Tunnelprognosen ausarbeiten, beim Ausbruch dem Ingenieur und Unternehmer beratend zur Seite zu stehen, ist für viele Schweizer Geologen die hohe Schule der Geologie, und dies seit der Zeit des Baus des Gotthardbahntunnels vor 100 Jahren, als F. M. Stapf die geologische Aufnahme des Tunnels in einem 75 m langen Profil darstellte und veröffentlichte. Der Bundesrat hatte damals, vor allem auf Betreiben von Bernhard Studer, eine geologische Tunnelaufnahme von der Gotthardbahngesellschaft verlangt. Gibt man sich über die vielen seither fertiggestellten Stollen- und Tunnelbauten Rechenschaft, kommt man allein schon bei den Wasserkraftwerkstollen unseres Landes auf rund 2000 km zusammengezählter Länge 7. Nicht nur für den Geologen erfreulich ist die Haltbarkeit der Stollen und Tunnels über lange Zeiträume. Auf lange Sicht haben sie sich als gute Kapitalinvestitionen

erwiesen, auch wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Erstellung teuer erschienen; in einigen spektakulären Fällen auch teurer als der Kostenvoranschlag und dies in einigen Fällen wiederum deshalb, weil die geologischen Verhältnisse zum voraus nicht als konkrete Realität, sondern durch die Brille des an Wunder glaubenden Optimisten kalkuliert worden waren. Bei derartigem denkt der Geologe still für sich: wie kurz währt die Aufregung um die Finanzen im Vergleich zu den hundert oder mehr Jahren, während denen das unterirdische Bauwerk seinen Nutzen erfüllt.

Soviel zum Aufgabenkreis Baugrund bis hinunter zu den Tunnelbauten. Nun hat seit Beginn der sechziger Jahre eine Entwicklung eingesetzt, die dem Ziel gilt, die Grundwasservorkommen unseres Landes besser kennenzulernen und besser zu schützen. Die hydrogeologischen Fragestellungen nahmen rapid zu, die privaten geologischen Beratungsbüros stellten sich darauf um, und manche Büros widmeten bis vor kurzem oder auch jetzt noch mehr als die Hälfte der Arbeitskapazität dem Grundwasser. Dabei gilt es, Grundwasservorkommen zu studieren, Grundwasserfassungen zu beurteilen und im besondern auch, Grundwasserschutzzonen auszuscheiden und kartographisch darzustellen. Hiefür verlangt ja die eidgenössische Gewässerschutzverordnung ausdrücklich die Mitarbeit des Geologen.

Damit habe ich ziemlich eingehend die Tätigkeit unserer privaten geologischen Gutachterbüros beleuchtet, denen bei uns eine wichtige Funktion zukommt. Die Zahl von 130 Geologen, die derart ihr Brot verdienen, mag je nach Betrachtungsweise gross oder klein erscheinen, beachtlich ist immerhin, das diese Art akademischen Gewerbes die jüngsten Jahre der Rezession widerstandskräftig und ohne Subvention überlebt.

Prospektion nach Erdöl, Erdgas, Erzen und Kohle

Die zweitgrösste Gruppe von Geologen, die in der Schweiz Wohnsitz haben, nämlich etwa 90 (20 %verdienen ihren Lebensunterhalt mit der

Prospektion nach Erdöl, Erdgas, Erz und Kohle. Diese Bodenschätze spielen zur Zeit in der Schweiz eine geringe Rolle. Dementsprechend liegen auch die Arbeitsobjekte dieser Geologen rund um die Welt verteilt, und die Zahl der Schweizer Geologen mit Wohnsitz im Ausland dürfte wohl über 400 betragen. Da man als Shell-Geologe oft schon mit 55 Jahren pensioniert wird, kehren diese Geologen mit reichen Erfahrungen in die Schweiz zurück. Deshalb finden sich in dieser Geologengruppe am meisten Pensionierte; sie leben indessen nach dem Grundsatz, dass der Beruf auch Berufung sein sollte, und bleiben meistens weiterhin in beratender Funktion tätig.

Geologen an unseren Hochschulen

Als nächstes sind die rund 80 Geologen (weniger als 20 %) zu erwähnen, die an den sieben Hochschulen der Schweiz, die mit je einem geologisch-paläontologischen und einem mineralogisch-petrographischen Institut equipiert sind, sich dem Unterricht und der Forschung widmen. Neben den Studenten der übrigen naturwissenschaftlichen Fachrichtungen, ferner neben den Ingenieur-, Agronomie- und Forststudenten an unseren beiden technischen Hochschulen profitieren gegenwärtig etwa 400 Geologiestudenten von ihrem Unterricht. Dies sind also Studenten, die mit dem Diplom, in der deutschen Schweiz anschließend fast durchwegs mit dem Doktorat in Geologie-Paläontologie oder in Mineralogie-Petrographie abzuschliessen gedenken. Auf diese Hauptfachstudenten komme ich am Schluß noch einmal zurück.

Geologen, die als Lehrer oder in einheimischen Industrieunternehmungen oder als Beamte in öffentlichen Institutionen tätig sind

Bleiben wir vorerst bei den berufstätigen Geologen in der Schweiz. In den vorangegangenen Schilderungen ihrer Tätigkeit habe ich sie zu

etwa 70 % erfasst. Für die restlichen 30% bleiben drei weitere Sparten der Berufsausübung zu erwähnen: die Lehrer, die bei einheimischen Industrieunternehmungen angestellten Geologen und schließlich Geologen, die als Beamte im Bund, bei den Kantonen oder in andern öffentlichen Institutionen wirken. In jeder dieser drei Gruppen sind etwa je 10 % der in der Schweiz lebenden Geologen tätig.

Als Lehrer verdienen leider nur noch etwa 40 Geologen ihren Unterhalt; wie ich eingangs erwähnte, leider viel zu wenig, um die künftige Generation mit dem Wirken der Geologen auch nur einigermaßen vertraut zu machen. Wie wenig weiss man etwa über die Tätigkeit der Geologen in unseren einheimischen lndustrieunternehmungen — und damit bin ich bereits bei der nächsten Gruppe, nämlich bei den etwa 40 in dieser Sparte beschäftigten Geologen. Wir finden sie in den Steinzeug-, Keramik- und Tonwaren-Produktionsbetrieben, in Laboratorien für Gießereisande und -formstoffe, in der Zementindustrie, in Bohrfirmen, in der Salz- und in der Gipsgewinnung, in Steinbruchbetrieben und vereinzelt bei den grösseren Kraftwerkgesellschaften.

Als letzte Gruppe seien die etwa 50 Geologen erwähnt, die als Beamte im Bund, bei den Kantonen oder in andern öffentlichen Institutionen wirken. In den eidgenössischen Ämtern für Wasserwirtschaft, für Umweltschutz, für Energiewirtschaft, für Wissenschaft und Forschung — um nur einige Beispiele zu nennen — sind Geologen angestellt, ferner in der eidgenössischen Anstalt für Wasser und Abwasser, in dem der ETH angeschlossenen Institut für Grundbau und Bodenmechanik und in der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie. Auf wichtigsten Generalsekretariatsposten im Nationalfonds und beim Wissenschaftsrat finden wir je einen Geologen, wohl weniger in Anerkennung der Geologie als vielmehr der Persönlichkeit mit umfassenden Kenntnissen. Unter den Geologen der kantonalen Verwaltungen sei mir gestattet, Bern als Beispiel zu nennen: Die Direktion für Verkehr, Energie- und Wasserwirtschaft zählt zu ihrem Beamtenstab vier Geologen, die sich hauptsächlich mit dem Grundwasser und mit den Deponiren befassen. Auf die an den Museen wirkenden Geologen brauche ich hier

nicht näher einzugehen, wohl aber auf die Institutionen, die bei uns mit der geologischen Landesaufnahme betraut sind. Es sind dies die unter dem geologischen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft stehenden drei Geokommissionen: Die 1860 von Bernhard Studer gegründete Geologische Kommission, die seit 1899 bestehende Geotechnische Kommission, die von diesen beiden Kommissionen 1964 ins Leben gerufene Schweizerische Sammelstelle geologischer Dokumente und schließlich die 1971 gegründete Geophysikalische Kommission.

Die geologische Landesaufnahme der Schweiz

Es sei hier nur einiges von der Tätigkeit der Schweizerischen Geologischen Kommission gesagt, mit deren Arbeiten ich am besten vertraut bin, bin ich doch seit 1970 ihr Präsident. Als Hauptaufgabe verfolgt die Geologische Kommission das Ziel, eine möglichst umfassende geologische Karte der Schweiz herauszugeben. 1860 erhielt Bernhard Studer vom Bundesrat hiefür eine jährliche Subvention von 3000 Franken, heute ist dieser Betrag auf 735000 Franken gestiegen, aber immer noch in Form einer Subvention, behaftet mit den Unsicherheiten, die für alle Bundessubventionen gelten. Bernhard Studer brachte in seinem langen Leben die erste geologische Karte der Schweiz im Maßstab 1:100000 zum Abschluß, heute beschäftigt uns in erster Linie der Geologische Atlas der Schweiz im beschäftigt 1:25000, der in ferner Zukunft etwa 230 Blätter umfassen sollte; aber erst 65 Blätter sind erschienen, seit man 1930 mit diesem Kartenwerk begonnen hat. Seien wir uns bewußt, daß dieser Geologische Atlas 1:25000 eine unentbehrliche Grundlage bildet für die geologischen Fragen, mit denen unsere Industrie, Wirtschaft, unsere Verwaltungen und die Öffentlichkeit konfrontiert sind. Wie diese geologischen Fragen lauten, sollte sich in meinem vorangegangenen Bericht über die Tätigkeit der Schweizer Geologen herauskristallisiert haben.

Ganz kurz sei auch die Arbeitsweise der Geologischen Kommission beleuchtet 8: sie arbeitet im Milizsystem, gegenwärtig mit 68 freiwilligen Mitarbeitern, die ihren Lebensunterhalt in den vorher skizzierten Positionen bestreiten; in ihren Ferien und an freien Tagen führen sie die Feldaufnahmen ehrenamtlich mit einer bescheidenen Spesenentschädigung aus und zeichnen dann nach den Jahren der Geländearbeit ein Kartenoriginal, zu dem sie ferner den Text eines Erläuterungsheftes zu schreiben haben. Alles ehrenamtlich und in der Freizeit. Im Büro der Geologischen Kommission, bestehend aus drei festangestellten Geologen, einer Sekretärin und einem Kartographen, werden Kartenoriginal und Erläuterungstext auf die Qualität getrimmt, die der helvetische Perfektionismus fordert, und die unsere Karten weltweit bekannt macht. Dies war Bernhard Studer dem Ansehen der Dufourkarte und das sind wir heute der Landestopographie schuldig, die uns die einzigartige topographische Grundlage liefert. Mit diesem nach dem Milizsystem funktionierenden Apparat bilden wir heute eine Oase in der Welt, sowohl unter den technisch entwickelten wie auch unterentwickelten Nationen. Überall sonst sind staatliche geologische Landesanstalten unser Gegenpart: in Frankreich das Bureau de Recherches géologiques et Minières (BRGM) mit dem angeschlossenen Service de la Carte géologique de la France, ein Betrieb mit 2300 Angestellten; in Deutschland die in einem riesigen Neubau untergebrachte Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, oder, nach Landesgröße mit uns vergleichbar, das Geologische Landesamt Baden-Württemberg mit 45 beamteten Geologen und 52 weiteren Festangestellten. Wenn ich noch hinzufüge, das der U.S. Geological Survey heute allein für die Sparte Hydrogeologie 3000 Geologen beschäftigt, dürfte wohl das mit vergleichenden Geologenzahlen angefüllte Faß voll sein. Bei allen diesen Vergleichen, mit denen ich nun nicht mehr fortfahren will, müssen wir in aller Deutlichkeit hervorheben, das die genannten staatlichen

geologischen Institutionen weitgehend auch jene Aufgaben erfüllen, die bei uns den privaten geologischen Gutachterbüros zufallen. Hinsichtlich unserer Gutachterbüros stelle ich mit Überzeugung fest, dass sie im Sinne der freien Wirtschaft gut funktionieren, und dass sie für den Staat keine finanzielle Belastung bilden. Auch der nach dem Milizsystem aufgebaute Apparat der geologischen Landesaufnahme hat bei uns bis heute noch funktioniert, und ich möchte nicht verhehlen, dass meiner Meinung nach befruchtende geistige Kräfte im Milizsystem oft größere Durchschlagskraft haben als in einem grossen Beamtenstab. Aber unser Milizsystem erfordert für die Zukunft sorgfältige Planung zur Anpassung an die veränderten Verhältnisse. So halte ich es beispielsweise für wichtig, das die Geologische Kommission beim Bund in vermehrtem Ausmaß institutionalisierten Rückhalt erhält, etwa in dem Sinn, dass nicht allein die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft unser Schirmherr wäre, sondern der Bund oder das Departement des Innern, die dann gleichzeitig ihre Vertreter direkt zu uns delegieren könnten. Das Zusammenwirken auf allen Linien, zu den Amtsstellen, zu den geologischen Hochschulinstituten und zu den Kreisen der Gutachter- und Industriegeologen, das heute nach pragmatischem System funktioniert, bedarf sorgfältiger Pflege, besonders im Hinblick auf die zunehmende Zahl junger Geologen.

400 Geologiestudenten an den schweizerischen Hochschulen

Und damit komme ich zum Schluss nochmals auf die Zahl von 400 Studenten, die gegenwärtig in der Schweiz Geologie studieren. In der Bundesrepublik Deutschland waren es im Winter 1973/74 2500, im Winter 1975/76 4200. In Deutschland bereiten diese Zahlen Sorgen; sie sind zehnmal höher als bei uns. Aber diesem Faktor 10 entspricht ja auch die zehnmal größere Bevölkerungszahl der Bundesrepublik. Ich hoffe, aus meinen vorangegangenen Betrachtungen sei hervorgegangen, dass folgende Aussichten für angehende Geologen bestehen. In der Schweiz

wäre an sich vielerorts das Bedürfnis nach modernen geologischen Grundlagen gross, um Fragen zu beantworten, an denen die Öffentlichkeit und die Industrie interessiert sind. Ich erwähne nochmals unsere wichtigen Grundwasserreserven, die auf lange Sicht erkundet und planvoll bewirtschaftet werden müssen. Ich denke ferner — um ein Beispiel zu nennen — an die Raumplanung, für die noch viele geologische Fragen zu beantworten sind. Da aber das Raumplanungsgesetz am 13. Juni dieses Jahres vom Schweizervolk abgelehnt worden ist, wird es von der Konjunktur, zum Teil im Spiegel der Baukonjunktur, abhängen, wie viele neue Geologenstellen entstehen werden. Im Ausland, besonders für die Prospektion nach Erdöl, Erdgas, Erzen, Kohle und nach Grundwasserreserven, werden wohl viele der jungen Schweizer Geologen zeigen müssen, ob sie die Konkurrenz mit den vielen, anderorts ausgebildeten Geologen immer noch so gut bestehen, wie dies früher der Fall war, als 90 % der in der Schweiz ausgebildeten Geologen ihren Lebensunterhalt im Ausland verdient haben. Heute wie damals gilt für den im Gelände beobachtenden und messenden Geologen, das er in der Schweiz, auf engstem Raum, eine seltene Vielfalt geologischer Erscheinungsformen studieren kann. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb die in der Schweiz ausgebildeten Geologen in der Welt draußen die Konkurrenz durch andere Fachkollegen seit eh und je recht gut, fast möchte ich sagen, überraschend gut bestanden haben. Ich hoffe, diese bisherige Erfahrung möge auch künftig gültig sein und möge für die grosse Zahl unserer heutigen Geologiestudenten zutreffen, In dieser Hinsicht scheint mir gedämpfter Optimismus berechtigt zu sein. An den jetzigen Studenten liegt es, diesen Optimismus später im Berufsleben zu rechtfertigen.