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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Vertrauen in die Wissenschaft?

Von der Wissenschaft vom Leben —vom Leben der Wissenschaft

Rektoratsrede von

Prof. Dr. Ewald R. Weibel

Verlag Paul Haupt Bern 1984

Vertrauen in die Wissenschaft?

Von der Wissenschaft vom Leben - vom Leben der Wissenschaft

Rektoratsrede von Prof. Dr. med. Ewald R. Weibel

Der Grosse Rat der jungen Republik Bern gründete 1834 seine Hochschule «in Betrachtung, dass es der Pflicht und der Ehre, sowie dem Interesse des Staates angemessen ist, alles dasjenige zu tun, was in seinen Kräften steht, um die Wissenschaft zu fördern». Ein Politiker aus jener Gründerzeit hätte denn auch ohne zu zögern hinter den Titel meiner Rede stolz ein Ausrufzeichen gesetzt: «Vertrauen in die Wissenschaft!». Heute komme ich der landläufigen Skepsis gegenüber allem, was mit Wissenschaft, Technik, Zivilisation zu tun hat, entgegen, wenn ich diese hochgemute Haltung in Frage stelle. Es ist ja im vergangenen Jahrzehnt auch sehr viel über die Verantwortung der Wissenschaft geschrieben und geredet worden 1. mahnende Worte der Kritik, die einen, der sein Leben der Wissenschaft verschrieben hat, treffen müssen, die ihn zum Nachdenken anregen müssen — vor allem, wenn er für eine beschränkte Zeit sein Laboratorium verlässt, um Verantwortung für die Universität als Stätte der Wissenschaft zu übernehmen.

Es besteht kein Zweifel: in den vergangenen 150 Jahren hat die Wissenschaft unserer Welt viel Gutes gebracht. Man braucht nur Gotthelf zu lesen, um sich ein Bild zu machen von der Armut der ländlichen Bevölkerung zur Gründungszeit unserer Hochschule, ihrer Bedrohung durch Seuchen, und ihrer verzweifelten Flucht in Aberglauben 2. Heute ist die «schwarze Spinne> bekämpft, ja ausgerottet, und mit ihr die meisten andern Seuchen. Die Armut, der Hunger sind bei uns verschwunden, und unsere Lebenserwartung ist länger denn je. All das nimmt man als selbstverständlich hin, verurteilt aber die Wissenschaft, weil sie es nicht verhindern kann, dass dem Guten, das ihr entspringt, so oft die Möglichkeit zum Schlechten, zum Fragwürdigen oder gar zum Bösen, anhaftet. Der modernen Medizin hat sie ausserordentlich starke Mittel zur Bekämpfung von Leiden in die Hand gegeben — von der Transplantation von Organen bis hin zu Eingriffen in die Erbsubstanz — Heil-Mittel, die dem Menschen zum, Unheil werden können, wenn in ihrer Anwendung das menschliche Mass verlorengeht. Das Problem ist zwar nicht neu, denn schon Parcelsus lehrte, dass jedes Heilmittel zugleich Gift sei, dass nur die Dosis, das rechte Mass, den Unterschied mache.

Doch nicht davon will ich reden, wie die Grenzen der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse anzusetzen sind. Ich möchte vielmehr der Frage nachgehen, ob die Ursache der gegenwärtigen Vertrauenskrise der Wissenschaft

wenigstens teilweise in der Wissenschaft selbst liegt; ob es Gründe gibt, anzunehmen, dass sie sich zu sehr zu einem Selbstzweck entwickelt hat, fern von der Wirklichkeit unserer Gesellschaft und unter teilweiser Missachtung der legitimen Ansprüche an ein Unternehmen, das erhebliche öffentliche Mittel beansprucht. Mit anderen Worten, kümmert sich die moderne Wissenschaft zu wenig um ihren Sinn im Rahmen übergeordneter Werte und gerät sie deshalb in Konflikt mit den Interessen der Gesellschaft 3?

Die Dilemmas der Wissenschaft

Der hier angesprochene Konflikt ist, wie ich zeigen werde, in einer Reihe von unausweichlichen aber unzulänglich überwundenen Dilemmas der Wissenschaft begründet, aus welchen Erwartungsdiskrepanzen zwischen Gesellschaft und Wissenschaft folgen

Prof. Dr. Ewald R. Weibel

1929 im aargauischen Buchs geboren, absolvierte Prof. Weibe! Grund- und Mittelschulen in Aarau und studierte nach der Matura zunächst in Zürich, dann aber auch in Göttingen und Paris Medizin. Nach dem 1955 abgelegten Staatsexamen war er während drei Jahren Assistent am Anatomischen Institut der Universität Zürich. Es folgten — zwischen 1958 und 1962 — intensive Forschungsjahre in den USA an verschiedenen Universitäten, so Yale (Connecticut) und Columbia (New York) sowie am Rockefeller Institut in New York. Verbunden mit der Rückkehr in die Schweiz wurde Prof. Weibe! 1963 Assistenzprofessor an der Universität Zürich und 1966 als Ordinarius und Direktor des Anatomischen Instituts an die Universität berufen.

Nebst seiner Arbeit als Hochschullehrer blieb die Forschung Zentrum seines Engagements. Über zweihundertfünfzig Publikationen in führenden Fachzeitschriften sowie mehrere Buchveröffentlichungen legen Zeugnis davon ab. Professor Weibe! entwickelte neue Messmethoden, die eine vertiefende Erfassung der Vorgänge im Innern der Lunge erlaubten, wobei er Querverbindungen zur biochemischen und physiologischen Zellforschung besonders pflegte.

Er unterbrach seine Berner Tätigkeit 1975, um an der Yale Universität und Harvard Universität in Cambridge zu forschen.

Zu erwähnen ist schliesslich, nebst anderen Ehrungen, der Marcel-Benoist-Preis, den er 1974 zugesprochen erhielt, sowie seine Mitgliedschaft in der amerikanischen Akamedie der Wissenschaften. Von 1969 bis 1980 war er Mitglied den Nationalen Forschungsrates, dessen Abteilung Biologie und Medizin er während sechs Jahren präsidierte.

müssen. Die zunehmende Spezialisierung des Wissenschafters führt einerseits zu Verständigungsproblemen und birgt andererseits die Gefahr in sich, dass der Sinnzusammenhang verlorengeht; die methodisch bedingte Ziellosigkeit der Wissenschaft steht im Widerspruch zum Zielanspruch der Gesellschaft. Gerade dann, wenn die Wissenschaft ihre höchsten Triumphe feiert, läuft sie deshalb Gefahr, der Kritik der Gesellschaft anheimzufallen.

Dieser Konflikt trifft die verschiedenen Bereiche der Wissenschaft in unterschiedlichem Masse. Wissenschaft als Kunde (Naturkunde, Heilkunde, Geschichtskunde), das heisst als Sammeln, Beschreiben und Ordnen von Gegebenheiten vielfältiger Art, ist der Öffentlichkeit grundsätzlich gut zugänglich. Die Kunde wird ja in der Lehre systematisch weitergegeben, und sie hat in vielfältigen wissenschaftlichen Dienstleistungen sichtbare praktische Auswirkungen, an denen man landläufig den Erfolg der Wissenschaft misst.

Der Konflikt trifft besonders jene wissenschaftlichen Tätigkeiten, welche die Kunde weiterentwickeln wollen, die wissenschaftliche Forschung also. In ihrer höchsten Form ist Wissenschaft nämlich Theorie, das heisst der Versuch, eine Vielfalt von Beobachtungen, Tatsachen oder Normen, nicht nur zu ordnen, sondern zu verstehen, daraus Gesetzmässigkeiten abzulesen, die unsere Kenntnisse erklären.

Nun sind aber Theorien immer abstrakte Erfindungen, deren Wahrheitsgrad immer und grundsätzlich fragwürdig ist. Diese Einsicht begründet die Notwendigkeit empirischer Forschung, bei der es darum geht, bestimmte Theorien auf ihre Haltbarkeit zu prüfen, die abstrakten Vorstellungen der Theorie schliesslich in die Kunde überzuführen.

Forschung als zentrale Handlungsweise der Wissenschaft ist nicht leicht zu charakterisieren, weil sie recht verschiedene Formen annehmen kann. Zwei Punkte scheinen mir im Zusammenhang unserer Erörterungen aber von Bedeutung, weil sie die Entwicklung der Wissenschaft massgeblich bestimmen.

1. Wissenschaft entwickelt sich evolutiv in meist kleinen Schritten, mit nur gelegentlichen Revolutionen, die ein radikales Umdenken nötig machen. Das ist darin begründet, dass nicht jede beliebige Theorie wissenschaftlich fruchtbar ist. Um überprüfbar zu sein, müssen Theorien nahe an der bereits bekannten Wirklichkeit angelegt sein, und in Reichweite der verfügbaren Methoden der Wissenschaft 4.

2. Die wissenschaftliche Forschung orientiert ihr Vorgehen an dem, was Thomas Kuhn «Paradigmen» genannt hat 5. wissenschaftliche Leitbilder, die nicht nur Theorien, Arbeitsregeln und Vorgehensweisen umfassen, sondern auch die Kriterien, an denen der Wert wissenschaftlicher Arbeit gemessen wird. Da Paradigmen meist von Arbeiten ausgehen, die einen Weg in bestimmtes wissenschaftliches Neuland weisen, sind sie in ihrer Gültigkeit auf

bestimmte Zweige der Wissenschaft beschränkt, und einem sporadischen Wandel unterworfen.

Ich will im folgenden am Beispiel meines eigenen engeren Fachgebiets, der Zellbiologie, die Auswirkungen dieser Eigenschaften wissenschaftlichen Vorgehens auf die Entwicklung einer Wissenschaft aufzeigen.

Entwicklung zur modernen Zellbiologie

Bis etwa in die Gründungszeit unserer Hochschule hinein war die Wissenschaft vom Leben weitgehend eine beschreibende Wissenschaft, dominiert von der ehrwürdigen Anatomie, die sich befleissigte, die unerhörte Formenvielfalt in der belebten Natur aufzudecken und in grossen Systemen einzufangen, die schliesslich zu Darwins Evolutionstheorie führten. Mit der Erfindung des Mikroskops im 17. Jahrhundert wurde der Reichtum der göttlichen Schöpfung bis in unsichtbare Bereiche hinein offenbar. Die Reichweite wissenschaftlichen Handelns beschränkte sich nicht mehr nur auf das unmittelbar Erfassbare.

Seit dem 18. Jahrhundert hatten zahlreiche mikroskopische Beobachtungen auf die Existenz von Zellen als Untereinheiten lebender Organismen hingewiesen, in Pflanzen wie auch in tierischen Lebewesen. Der eigentliche Durchbruch auf die moderne Biologie

Die hervorragende Darstellung der Anatomie des Menschen durch Andreas Vesalius aufgrund eigener Untersuchungen war einer der ersten Marksteine auf eine wissenschaftliche Medizin und Biologie hin. (Aus Andreas Vesalius: De Humani Corporis Fabrica Libri Septem, Basel, 1542.

Theodor Schwanns Originalzeichnungen zum Vergleich von Pflanzenzellen (links) mit tierischen Zellen (rechts). (Aus Th. Schwann: Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen. Berlin, 1839.)

Theodor Boveris Darstellung der Vorgänge bei der geordneten Zellteilung am Beispiel des Wurmeis, einer grossen Zelle, die schon früh isoliert beobachtet werden konnte. (Aus Th. Boveri: Zellenstudien, Heft 2. G. Fischer, Jena, 1888.) hin erfolgte aber erst nach 1830, als der Botaniker Matthias Schleiden und der Zoologe Theodor Schwann die universale Theorie aufstellten, dass alle pflanzlichen und tierischen Gewebe aus Zellen aufgebaut seien 6. Kurz darauf setzte sich die Einsicht durch, dass Zellen nur durch geordnete Teilung aus vorbestehenden Zellen hervorgehen können, ja dass alle Lebewesen, auch ein Mensch, durch sequentielle Teilung aus einer einzigen befruchteten

Eizelle entstehen, dass also im Grunde genommen alles Leben in die Zelle als Einheit verpackt ist 7. Das war ein echter Durchbruch, eine wissenschaftliche Revolution, gefolgt von einem Paradigmenwechsel grosser Art, der auch die Medizin nachhaltig beeinflusst hat, denn etwa um die Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die alte Säftelehre durch Virchow's Zellularpathologie 8 verdrängt, die bis heute nachwirkt.

Auch die Biologie als umfassende Wissenschaft vom Leben wurde betroffen, hatte man doch mit der Zelle gleichzeitig den elementaren Baustein aller Lebewesen wie auch ihr vereinigendes Prinzip gefunden. Es zeigte sich, dass die Zellen des Menschen nicht grundsätzlich verschieden sind von jenen der Maus oder der Fliege. Darwins Evolutionstheorie erhielt damit eine materielle Basis, vor allem nachdem Pasteur 1860 die Theorie der Generatio spontanea, der Urzeugung aus unbelebter Materie auch von Mikroorganismen, widerlegt hatte 9. Ein grosser Teil der biologischen Grundlagenforschung hat sich seither mit der Aufklärung der Natur der Zellen beschäftigt, mit ihren Lebenseigenschaften und ihrer Organisation.

Man hat erkannt, dass Zellen tatsächlich alle Grundeigenschaften des Lebens besitzen 10. Sie betreiben Stoffwechsel und können sich bewegen. Sie brauchen Energie und sind — im allgemeinen — nur lebensfähig, wenn sie atmen können. Sie wachsen und können sich vermehren, wobei sie an ihre Töchter das vollständige Muster für ihre Organisation weitergeben. Obwohl alle Zellen eines Organismus im Grundmuster gleich sind, können sie sich im Sinne der Arbeitsteilung auf bestimmte Leistungen hin differenzieren, spezialisieren. So entstehen aus der Eizelle schliesslich Leberzellen, Muskelzellen, Nervenzellen, Abwehrzellen usw., und zwar alles nach einem strengen Plan, der durch Kommunikation zwischen den Zellen selbst geregelt wird. Das Leben eines Organismus ist also das geordnete Zusammenspiel von Millionen von Zellen, ein gut funktionierender Grossstaat.

Unter geeigneten Bedingungen sind einzelne Zellen aber auch ausserhalb des Organismus selbständig lebensfähig, können wachsen, sich teilen, Stoffe umsetzen, sich bewegen, und sich mit bestimmten andern Zellen verbinden. Die Theorie, dass Zellen die Grundeinheiten des Lebens sind, ist bisher nicht widerlegt worden; alle verfügbaren Kenntnisse stützen sie. Innerhalb der Biologie hat sich deshalb eine Zweigwissenschaft, die Zellbiologie, gebildet, mit ihrem eigenen Paradigma. Da die wesentlichen Lebensvorgänge auf chemische Reaktionen zurückgeführt werden können, betonte das Paradigma zunächst die vorrangige Bedeutung chemischer Analysen, was durch die grossen Fortschritte in den chemischen Verfahren begünstigt wurde. Die Zelle erschien als ein Säckchen mit einer reichen Ausstattung an Enzymen, die Reaktionen katalysieren und steuern, Reaktionen, welche mit dem Fortschritt der Wissenschaft immer komplexer wurden.

Mit der Einführung des Elektronenmikroskops

Das hohe Auflösungsvermögen des Elektronenmikroskops zeigt in einem Ausschnitt einer Leberzelle bei 12000facher Vergrösserung das komplexe Labyrinth von feinen Membrankompartimenten, die den Zelleib netzartig durchwirken. Das grosse Oval stellt den Zellkern dar, welcher die Erbsubstanz enthält. Die dunkleren Teilchen im umgebenden Zelleib sind grösstenteils Mitochondrien, wo Energie für die Zellarbeit freigesetzt wird. um 1950 eröffnete sich eine neue Dimension. Strukturen konnten bis auf molekulare Grössen hinunter sichtbar gemacht werden, und dabei erwies sich der Bau der Zelle als sehr viel reicher und komplexer, als man geahnt hatte. Das Paradigma der Zellbiologie erfuhr einen Wandel, weil ersichtlich wurde, dass auch innerhalb der Zelle ein hoher Grad von Ordnung herrscht, der bei der Aufschlüsselung der Zelleistungen zu beachten ist: Jede biochemische Funktion war einer bestimmten strukturellen Komponente zuzuordnen 11. Man fand dabei, dass alle Zellen, von den Bakterien bis zu jenen des Menschen, durch eine Membran begrenzt sind, so dass das Zellinnere, wo sich das Leben abspielt, vom Milieu der Umgebung weitgehend unabhängig wird, beziehungsweise mit ihm einen wohlkontrollierten, selektiven Austausch betreibt. Im Innern der Zelle wurde ein hochgradiges Ordnungsmuster aufgedeckt, indem mittels Membranen Kompartimente gebaut werden, in denen die Stoffwechselfunktionen geordnet ablaufen können. Einige dieser Organellen, zum Beispiel die Mitochondrien, welche durch Atmung Energie aufbereiten, haben gewisse wesentliche Eigenschaften mit Bakterien gemeinsam. Dies führte zur Theorie, die höhere Zelle sei durch Symbiose verschiedenartiger primitiver Zellen, Bakterien und Algen mit verschiedenen Fähigkeiten entstanden 12. Damit haben aber auch Organellen eine gewisse Eigenständigkeit erlangt. Das Phänomen Zelle

kann in seine Bestandteile zerlegt werden. Die Zellbiologie bricht in eine Gruppe von Zweigwissenschaften auf, deren Forschung vertieft, aber auch eingeengt wird.

Diese Entwicklung zeigte sich am stärksten mit Bezug auf jene Zellbestandteile, welche das Erbgut bewahren, und von wo her die Zelltätigkeiten gesteuert werden. Die alte Vermutung, dass die genetische Information in den Chromosomen des Zellkerns enthalten ist, führte in den 1950er Jahren zur Entdeckung der Struktur der Desoxyribonukleinsäure (DNA) und schliesslich zur Entschlüsselung des genetischen Codes, faszinierende und spektakuläre Arbeiten, welche die gemeinsame genetische Grundlage aller Lebewesen, Tieren, Pflanzen bis zu Bakterien, aufdeckten 7, 13. Es ist auch klar geworden, wie es den Zellen gelingt, das Muster ihrer Organisation über Generationen weiterzugeben, ohne dass das Material, das Molekül selbst, als Ganzes weitergegeben wird. Es entstand ein neues Paradigma, das kein altes zu ersetzen brauchte, weil es vorher kein gleichwertiges gab, und um dieses Paradigma formte sich eine neue Disziplin, die sich in aller Unbescheidenheit Molekularbiologie nannte — obwohl sie sich vornehmlich mit einem einzigen der Tausenden von biologischen Molekülen befasst.

Die Molekularbiologie hat eine aussergewöhnliche Eigendynamik entwickelt, die auch aussergewöhnlich fruchtbar war. Sie verdankt dies einer sehr starken Theorie, die physikalisch-chemisch und quanten-theoretisch begründet ist, wie auch die Tatsache, dass die molekulargenetischen Grundmechanismen universal sind und deshalb an einfachsten Zellen, an Bakterien und deren Viren, studiert werden konnten. Sie verdankt es aber auch der Tatsache, dass viele der besten jungen

In der Muskelzelle sind die fadenförmigen Eiweissmoleküle, welche Kraft erzeugen können, streng symmetrisch angeordnet. Elektronenmikroskopische Aufnahme bei 41000facher Vergrösserung.

Forscher sich von diesem faszinierenden neuen Forschungsgebiet angezogen fühlten. Die Erfolge sind bekannt. Dank der Entschlüsselung des genetischen Codes und der Aufklärung der Mechanismen, mit denen die genetische Information durch die Zelle ausgewertet wird, ist es möglich geworden, Zellen genetisch umzuprogrammieren, damit sie bestimmte Zellprodukte, zum Beispiel das Hormon Insulin, in grosser Menge herstellen 14. Biotechnologie ist machbar geworden. Man versucht sich heute auch schon in Molekularpathologie, um die molekulare Ursache gewisser Krankheiten aufzuklären und durch molekulare Eingriffe beherrschen zu lernen.

Infolge des evolutiven Charakters des wissenschaftlichen Fortschritts sind aber nicht alle Erwartungen in diesen Zweig der Wissenschaft erfüllt worden. Die Ergebnisse fallen mehr zufällig an, dann nämlich, wenn eine Frage reif ist; sie sind meist nicht geplant, sind auch nicht im grossen Rahmen planbar. Das Problem Krebs zum Beispiel ist nach wie vor ungelöst, obwohl es im Kern der Zellbiologie angehört, und obwohl die zellbiologische Forschung gewisse Eigenschaften von Krebszellen für ihre Untersuchungen ausgenützt hat. Nicht dass es am Willen und an echten Bemühungen, dieses Problem anzugehen, gefehlt hätte. Krebsforschungsinstitute sind auf der ganzen Welt errichtet worden. Die amerikanische Regierung hat vor nicht langer Zeit mehrere Milliarden Dollar für ein fünfjähriges intensives Krebsforschungsprogramm freigegeben; es hat uns nicht sehr viel weiter gebracht. Der Wissenschaft fehlen noch zuviele wesentliche Grundlagen, um herauszufinden, warum einzelne Zellen des komplexen Zellgefüges unseres Körpers sich plötzlich verselbständigen, um durch aggressives Wachstum unseren Körper zu zerstören.

Kritik der Wissenschaft

Die geschilderte Entwicklung der Wissenschaft vom Leben hat Probleme aufgedeckt, die im Rahmen einer Kritik der Wissenschaft von grundsätzlicher Bedeutung sind, weil sie die Dilemmas der Wissenschaft begründen, welche deren Beziehungen zur weiteren Gesellschaft belasten 15.

1. Das erste wissenschaftstheoretisch begründete Dilemma entspringt der Unerfüllbarkeit des Zielanspruchs der Gesellschaft infolge der methodisch begründeten Ziellosigkeit der Wissenschaft; diese ergibt sich daraus, dass der Wissenschaftsprozess der Theorienbildung und -kritik von den erworbenen Kenntnissen ausgehen muss, denn ein Widerspruch lässt sich erst lösen, wenn er auftritt. Unsere Kenntnisse und das Verständnis von Zusammenhängen werden meist in kleinen Schritten entwickelt; nur selten erfolgen Riesenschritte, wissenschaftliche Revolutionen, doch auch die sind das geniale Resultat einer kritischen Analyse von Widersprüchen im aktuell Bekannten. Thomas Kuhn 5 hat darauf hingewiesen, dass der Wissenschaftsprozess zu einer kulturellen Evolution führt,' die der Darwinschen Evolutionstheorie der Arten eng verwandt

ist: die Individuen innerhalb der Arten ändern sich und die am besten an die Wirklichkeit angepassten überleben, wodurch neue Arten entstehen. Wissenschaftliche Theorien entstehen auf ähnliche Weise. Darwins Zeitgenossen fiel es sehr schwer, anzunehmen, dass die Evolution nicht auf einen gottgegebenen höchsten Plan hin erfolgen soll 16. Dem Homo faber der heutigen Zeit fällt es schwer anzunehmen, dass auch die kulturelle und wissenschaftliche Evolution nicht auf ein höchstes Ziel ausgerichtet sein kann, sondern dass neue Erkenntnisse vom Bekannten ausgehen und mehr zufällig in nicht vorbestimmter Richtung anfallen. Wissenschaft muss eben machbar sein. Dieser evolutive Charakter der Wissenschaft ist die hauptsächliche Ursache für die paradox scheinende Feststellung, dass auf lange Sicht freie Grundlagenforschung die rentabelste Forschung ist, weil sie wirklich neue unerwartete Erkenntnisse hervorbringen kann. Die im Prozess selbst begründete Ziellosigkeit braucht aber nicht Orientierungslosigkeit zu bedeuten. In die Forschung eine ernsthafte Orientierung an übergeordneten Werten einzubringen, ohne dabei Wissenschaftlichkeit einzubüssen, stellt aber jeden Forscher vor ein schwer zu lösendes Dilemma.

2. Das «gesellschaftliche Dilemma» der Wissenschaft liegt in deren insularem Charakter, das heisst in der Tatsache, dass sich die eigentlich im öffentlichen Interesse stehende wissenschaftliche Forschung im engen Kreis der wissenschaftlichen Gemeinschaft abspielt. Wissenschaftliche Problemstellungen werden aus den Vorarbeiten dieser Gemeinschaft abgeleitet und die Ergebnisse werden derselben Gemeinschaft wieder mitgeteilt, die auch über deren Richtigkeit nach den Kriterien des geltenden Paradigmas urteilt. Es ist in der Wissenschaft nicht zulässig, das Urteil eines Staatsoberhauptes, eines Gerichtes oder gar der öffentlichen Meinung anzurufen. Die Wissenschaft stellt ihre eigenen Richter.

Man hat dieses Prinzip schon des öftern in Frage gestellt, vor allem wenn es um die Zuteilung von Forschungsmitteln geht, hat aber nie ein besseres Verfahren gefunden 17. Man kann sich in der Tat fragen, ob dies so sein muss, ob nicht durch den Beizug von —gebildeten — Laien eine zusätzliche Dimension, eine Orientierung' an äusseren Werten, in das Urteil eingeführt werden könnte, das die Wissenschafter zwingen würde, ihre Tendenz zur Insularisierung zu lockern. Allerdings ist nicht zu verkennen, dass Kritik der Wissenschaft ein hohes Mass an Kenntnissen und Einsichtsvermögen verlangt, vor allem aber, dass Kritik der Wissenschaft der eigentliche Prozess des wissenschaftlichen Fortschritts selbst ist und deshalb gar nicht ausserhalb der Wissenschaft stattfinden kann.

Ein besorgniserregender Aspekt dieser wissenschaftsinternen Wissenschaftskritik, der in den letzten Jahren das Vertrauen in die Wissenschaft erschüttert hat, sei aber nur am Rand erwähnt: die Tatsache, dass wissenschaftlicher Betrug leicht möglich ist 18. Wer das Paradigma seiner Wissenschaft gut kennt, kann zur Sicherung

seines Erfolges seine Befunde an die Erwartungen seiner Richter «anpassen» oder sie gleich ganz fabrizieren, was infolge der extremen Spezialisierung wissenschaftlicher Forschung meist nur von wenigen Fachkollegen erkannt werden könnte. Es ist deshalb die Pflicht der wissenschaftlichen Institutionen, auch die kleinste wissenschaftliche Lüge schonungslos zu ahnden, soll nicht die Wissenschaft als Ganzes ihren Wahrheitsanspruch und damit das Vertrauen einbüssen.

3. Das dritte Dilemma entspringt der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaft, der Zentrierung auf immer enger werdende Probleme, begründet in der Notwendigkeit des einzelnen Forschers, sich zu beschränken. Im Verlauf der Entwicklung der modernen Biologie wurde das Phänomen Leben zunächst auf Zellen als Grundelemente zurückgeschnitten, dann auf die einzelnen Zellbestandteile und ihren Chemismus, schliesslich auf Moleküle. Mit der Verselbständigung der Teilwissenschaften. verselbständigt sich auch die Zielsetzung, verengt sich der Sinn der Wissenschaft. Die Frage nach einem übergeordneten Sinn, etwa mit Bezug auf das Phänomen Leben als solches, braucht in der täglichen Arbeit nicht mehr gestellt zu werden; solange die vom Paradigma gesetzten Regeln eingehalten werden, ist der Erfolg gesichert. Die Wissenschaft bricht in ein System von geschlossenen Bereichen mit sektoriellen Eigengesetzlichkeiten auf, und Lücken in diesem System fallen nicht mehr auf. Die Folgen der fortschreitenden Insularisierung, mit den Kommunikationsproblemen sogar innerhalb der Biologie und erst recht nach aussen, bleiben nicht aus.

Rückgewinnung des Sinnzusammenhangs

Überdenken wir diese Situation kritisch, dann müssen wir in bezug auf die Zellbiologie feststellen, dass sich das Phänomen Leben nicht auf eine noch so grosse Vielfalt von Molekülen reduzieren lässt. Das, was das Leben ausmacht, ist bedeutend mehr als die einfache Summe aller Zelleistungen, ja es ist wohl gerade das, was diese Summe übersteigt. Es entspringt dem koordinierten Zusammenwirken von Molekülen, Organellen, Zellen in einem wohlgeordneten hierarchischen Zusammenhang von aussergewöhnlicher Komplexität. Wir haben begonnen, dieses Phänomen zu analysieren, indem wir es schrittweise in seine Komponenten zerlegt haben. Es geht jetzt darum, das Bild wieder schrittweise zusammenzufügen, mit den Methoden der Wissenschaft die Muster und Regeln zu entdecken, welche aus den Teilen ein Ganzes machen; ein Ganzes, dem die Teile antworten und das selbst den Teilen antwortet, in welchem Teil und Ganzes notwendig zueinander stehen, denn solch notwendiges Entsprechen ist erst Leben 19.

Aber es genügt nicht, die zellbiologischen Bausteine einfach einen nach dem andern wieder aufeinander zu schichten. Es geht ja darum, den Plan für das Gebäude zu enträtseln, den Plan für ein System von gegenseitigen Abhängigkeiten, die in mehrdimensionalen

Netzwerken verflochten sind, Abhängigkeiten, die wir nur erfassen können, wenn wir einerseits die Bausteine genau kennen und uns anderseits ein Bild vom Plan, vom Schaltschema, machen können.

Solche integrative Wissenschaft stösst auf zwei Hauptschwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, und die beide im traditionellen Vorgehen der Wissenschaft ihre Wurzel haben.

1. In einem gewissen Gegensatz zur analytischen Wissenschaft, welche ihre Probleme auf erste Prinzipien reduziert, wird man versuchen müssen, den Plan selbst, gewissermassen das weitgefasste übergeordnete Ziel, in die Theorie einzubeziehen. Die Biologie wird hier aus dem Erfahrungsschatz der Ingenieurwissenschaften schöpfen müssen, wo solche Fragestellungen an der Tagesordnung sind.

2. Die Eigenschaften aller in einem solchen System verbundenen Elemente müssen genau bekannt sein und in die Analyse einbezogen werden. Mit andern Worten, wer sich einer solchen Aufgabe annehmen will, müsste ein

Der Blick auf die innere Oberfläche eines menschlichen Lungenbläschens im Rasterelektronenmikroskop bei 3500facher Vergrösserung zeigt die wulstförmigen Blutkapillaren unter einem feinsten Deckhäutchen, sowie eine Fresszelle, die über die Oberfläche wandert, um sie von Staubteilchen zu reinigen.

Spezialist auf allen Gebieten sein, und das ist schlechthin nicht möglich. Es kann beim heutigen Stand der Wissenschaft kein Universalgenie mehr geben, das alle Gebiete in der vollen Tiefe überblickt, und alles andere wäre eine unverbindliche Halbheit ohne Aussicht auf Erfolg. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachleute, das integrierte interdisziplinäre Fachgespräch, dem aber die im Spezialisierungsprozess begründete progrediente Insularisierung der Wissenschafter entgegensteht.

In der modernen Biologie sind verschiedene Ansätze in Richtung solcher integrativer Forschung bereits vorhanden. In der Neurobiologie, zum Beispiel, versucht, man, die sehr eindrücklichen Ergebnisse der neurobiochemischen, der molekularbiologischen, der physiologischen und der morphologischen Forschung zusammenzuführen, um zu verstehen, wie unser so kompliziertes Nervensystem überhaupt entstehen und geordnet arbeiten kann 20. In unserer eigenen Arbeitsgruppe befassen wir uns mit der Organisation des Atmungssystems und seiner kontrollierten Arbeitsweise 21. Unsere analytische Forschung hatte sich ursprünglich vor allem auf die Frage ausgerichtet, welche Voraussetzungen zellbiologischer, morphologischer und funktioneller Art die Lunge erfüllen muss, um als Gasaustauschapparat ihre eindrückliche Wirksamkeit zu erlangen. Die Lunge ist aber nicht Selbstzweck, sondern sie erfüllt eine zentrale Aufgabe für unseren Körper, nämlich aus der Luft Sauerstoff zu sammeln, um ihn in ausreichender Menge den Zellen zuzuführen, damit diese Arbeit leisten können. Sie erhält ihren biologischen Sinn erst im Zusammenhang des Atmungssystems, das von der Lunge über das Blut als Sauerstoffträger und den Blutkreislauf bis zu den Mitochondrien der Zellen mit ihren Enzymkomplexen reicht, denn erst hier wird der Sauerstoff verbraucht, um durch Verbrennung von Zucker oder Fett Energie für die Zellarbeit freizusetzen. Das Netzwerk von Abhängigkeiten ist hier bedeutend weniger komplex als beispielsweise beim Nervensystem, und trotzdem verlangt seine Analyse die Kooperation einer grossen Zahl von Spezialisten, ja sogar von ganzen Arbeitsgruppen, die auf den verschiedenen Gebieten kompetente Arbeit leisten können: Morphologen, Physiologen, Biochemiker, Molekularbiologen und vergleichende Biologen. Die beiden erwähnten Hauptprobleme solcher Forschung erleben wir dabei in ihrer. vollen Schärfe. Die Prüfung der komplexen Theorien anhand von eingeschränkten Hypothesen erweist sich als sehr schwierig, wird aber mit Phantasie und Geduld schliesslich lösbar sein. Die Überwindung der Kommunikationsschranken zwischen Forschergruppen, die je in ihren eigenen Paradigmen verwurzelt sind, stellt ein grösseres Problem und schränkt insbesondere die Wahl der zur Kommunikation und damit zur Kooperation fähigen Gruppen stark ein. Es muss der starke Wille der einzelnen beteiligten Wissenschafter vorhanden sein, den geschlossenen Kreis ihres Paradigmas aufzubrechen, die

Fremdsprache der anderen Wissenschafter zu lernen, zwischen den Inseln der Wissenschaft tragfähige Brücken zu schlagen —ohne die im Paradigma gegebenen Regeln solider Forschung aufzugeben. Der Gewinn ist aber gross, indem die eigene spezialistische Arbeit in einen grösseren Sinnzusammenhang gestellt wird. Der Schritt zur Orientierung an den weiteren Zielansprüchen der Gesellschaft ist dann leichter zu vollziehen.

Ich meine deshalb, dass die Wissenschaft die ersten Schritte tun muss, um ihre Vertrauenswürdigkeit zu sichern oder wiederzugewinnen. Sie kann und soll dabei nicht etwa die Grundprinzipien des Wissenschaftsprozesses verlassen, etwa das ständige Infragestellen des Bekannten und das evolutive, scheinbar ziellose Vorgehen, die einzig verbindliche Leistungen gestatten. Die Universität als Institution der Wissenschaft ist auch nicht, sicher nicht in erster Linie, zur Popularisierung der Wissenschaft aufgerufen, nicht zur Abkehr vom Elitarismus, weder in der Forschung noch in der Bildung, denn in der Wissenschaft sind nur die besten Leistungen gut genug. Die Wissenschaft muss aber aus ihrem Inseldasein ausbrechen und insbesondere wieder eine gemeinsame Sprache entwickeln. Der Wissenschafter selbst muss, um zuverlässige Arbeit zu leisten, Spezialist sein und sich beschränken, denn nur auf einfache Fragen kann man

Schon in Vesals Darstellungen wurde klar, dass das Blutgefässsystem die Teile des Körpers, seine Organe und Gewebe, zu einem Ganzen zusammenfasst. Allerdings glaubte man damals noch, dass das Blut in der Leber gebildet und von dort durch die Venen in die Gewebe fliesst. Der Blutkreislauf wurde erst im 17. Jahrhundert entdeckt. (Aus A. Vesalius: De Humani Corporis Fabrica, Basel, 1542.)

schlüssige Antworten finden; um seiner Arbeit aber den Sinn nicht zu entziehen, kann er nicht darauf verzichten, sich auch ein gutes Mass an Generalistentum zu bewahren, damit er auch die Probleme der Welt noch spüren kann. Dem Studium generale unter Einschluss der Ethik muss deshalb auch bei der Ausbildung der jungen wissenschaftlichen Elite gebührende Aufmerksamkeit geliehen werden, und zwar nicht nur im Grundstudium.

Zügel statt Fesseln für Prometheus

Ich will schliesslich meinen Standort abrücken von der Wissenschaft, zum Konsumenten hin in der Gesellschaft, der nichts spürt vom kulturellen Prozess der Wissensergründung. Er sieht nur das Produkt der Wissenschaft — wenn er es nicht schon als selbstverständlich hinnimmt; zum Beispiel die Verfügbarkeit von Energie, von Insulin, von Herzschrittmachern usw. Er spürt wahrscheinlich vor allem die Lücken in der «Produktereihe»: man stirbt ja immer noch an Krebs —und er macht es uns zum Vorwurf, weil wir ihm noch nie zu sagen versucht haben, dass es solche Lücken immer geben wird, und warum wir sie nicht verhindern können.

Und er wirft uns weiter vor, dass aus der Wissenschaft nicht nur Gutes kommt, wie wenn dies in irgendeinem Bereich menschlichen Handelns überhaupt möglich wäre. Alles, was der Mensch tut, hat eine gute und eine schlechte Seite — auch alles, was die Wissenschaft zum Wohle der Menschheit hervorgebracht hat. Nur ein Beispiel: Wissenschaft und Zivilisation haben durch Seuchenbekämpfung, Verbesserung der Ernährung usw. die materiellen Lebenschancen für alle Menschen dieser Erde massiv verbessert, mit dem Erfolg, dass die Erdbevölkerung explosiv ansteigt. Die Absicht war sicher durchwegs eine gute: Leben zu retten, wo es die Natur vernichten würde. Aber eben: wieviele Menschen erträgt die Natur? Auch das Gute wird zum Problem, wenn ihm das richtige Mass abgeht 22. So formuliert es Hans Jonas: «Die Katastrophengefahr des Baconischen Ideals der Herrschaft über die Natur durch wissenschaftliche Technik liegt in der Grösse seines Erfolgs» 23.

Der Konflikt, vor dem wir stehen, ist tatsächlich gross. Wir können auf die Hilfe, die uns Wissen gewährt, nicht verzichten, es sei denn wir würden unsere Kultur und Zivilisation vollständig aufgeben, um in eine primitive Urkultur zurückzufallen, wo die harten Gesetze der Oekologie wirksam sein können, welche den Bestand der ganzen Natur sichern, aber dafür den Schwachen keinen besonderen Schutz gewähren.

Nur eben: lässt sich die Möglichkeit zum Schlechten verhindern oder eindämmen? «Der endgültig entfesselte Prometheus», schreibt Hans Jonas, «dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden» 23. Die Ethik

der freiwilligen Zügel, die er. hier postuliert, ist die der Verantwortung, die nicht etwa aus Furcht vom Handeln abrät, sondern im Gegenteil dazu auffordert. Die Macht über die Natur in eine Macht für die Natur umzusetzen; dass das «über» zum «für» wird, macht das Wesen der Verantwortung aus.

Doch wer soll diese Verantwortung wahrnehmen, wer die Zügel in der Hand halten, wer die Werte setzen? Die Gesellschaft, sagt man, weil keine private Einsicht an die Grösse der Aufgabe heranreicht. Heisst das, dass diese Verantwortung ausserhalb der Wissenschaft liegt? Wohl kaum, denn dann wäre das Prinzip Verantwortung falsch verstanden. Verantwortung kann nur tragen, wer zu Einsicht fähig ist, und so wird man unweigerlich fordern müssen, dass Verantwortung für Wissenschaft auch vom Wissenschafter mitzutragen sei. Allerdings gilt auch hier, hier ganz besonders, dass die private Einsicht des Einzelnen nicht an die Aufgabe heranreicht, vor allem weil die Wertvorstellungen des einzelnen Wissenschafters durch seine engagierte Beschäftigung mit einem partikularen Problem naturgemäss verzerrt sein können. An der Verantwortung für Wissenschaft müssen deshalb alle Wissenschafter gemeinschaftlich mittragen, woraus sich neuerlich die Forderung ableitet, dass die Gemeinschaft der Wissenschafter nicht nur Zweck- oder Schicksalsgemeinschaft, sondern Wissensgemeinschaft, Akademie, sein muss 24.

Wäre es überhaupt sinnvoll, der Wissenschaft das Vertrauen so weit abzusprechen, dass sie aus der Wahrnehmung dieser Verantwortung aus Gründen möglicher Befangenheit ausgeschlossen werden sollte? Wenn wir das fordern, verwechseln wir zwei Dinge, die wohl zusammenhängen, aber nicht dasselbe sind. Ich meine Wissenschaft als Kunde, welche Kenntnisse verfügbar macht, verfügbar ausserhalb ihrer eigenen Grenzen, beispielsweise in der Technik, zum Guten und zum Schlechten; und Wissenschaft als Methode, als Haltung des ständigen und grundsätzlichen Infragestellens. Gerade in dieser Haltung liegt die grösste Chance für die Wahrnehmung der angesprochenen Verantwortung in einer freien Gesellschaft.

Vertrauen in die Wissenschaft

Ist es heute, 150 Jahre nach der Gründung unserer Hochschule, nach wie vor «der Pflicht und der Ehre, sowie den Interessen des Staates angemessen, die Wissenschaft zu fördern?» In dieser Form, aus der Sicht unserer der Freiheit verschriebenen Gesellschaft gestellt, kann die Frage nur bejaht werden. Wissenschaft, als ständiges Infragestellen verstanden, hilft uns, Irrtümer der Gegenwart aufzudecken und unseren Einblick in die Natur des Menschen und der Welt schrittweise zu entwickeln. Sie hilft auch, den kommenden Generationen eine kritische Haltung gegenüber unserem Wissen mitzugeben und gehört so zu den Handlungsmitteln einer offenen Gesellschaft.

Die Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft

aber ist vor allem aus ihr selbst heraus zu begründen. Wir sagen gerne, Wissenschaft leiste bedeutende Beiträge zur Meisterung der Probleme der unbekannten Zukunft. Wir sagen auch gerne, Wissen sei Macht. Gerade vor dieser Macht schwindet aber das Vertrauen, wenn sie zügellos sich selbst überlassen erscheint. Wollen wir der Wissenschaft das Vertrauen zurückgewinnen, dann müssen wir Wissenschafter zunächst selbst die Zügel in die Hand nehmen.

Wir selbst müssen in unserem Tun die Frage nach dem Sinnzusammenhang stellen, müssen uns fragen, ob uns nicht der Blick, das Hören über die Grenzen der Wissenschaft hinweg not tut; ob sich dadurch nicht manche fragwürdigen Folgen der Wissenschaft, manche. Masslosigkeiten in ihrer Anwendung vermeiden liessen. Wir müssen auch bereit sein, aus unserem •Inseldasein auszubrechen, um nicht nur die selbstverständliche Verantwortung für unseren eigenen kleinen Beitrag zu tragen, sondern auch an der grösseren Verantwortung für alles, was die Wissenschaft tut, mitzutragen.

Ich habe gefordert, dass die Wissenschaft vom Leben wieder von den Teilen zum Ganzen streben soll, weil das Wesen des Lebens gerade das ist, was die einfache Summe der Teile übersteigt. Was vom Leben gesagt wurde, kann auch von der Wissenschaft —und besonders von der Universität als Organismus einer lebendigen Wissenschaft —gesagt werden: Dass nämlich ihr volles Wesen sich erst entfaltet, wenn aus den Teilen ein Ganzes wird, ein Ganzes, dem die Teile antworten und das selbst den Teilen antwortet, wo Teil und Ganzes notwendig zu einander stehen. Wenn eine solche Wissenschaft schliesslich sich selbst als Teil des grösseren Ganzen sieht, als Organ der Gesellschaft, das dem Ganzen antwortet — dann wird das Vertrauen in die Wissenschaft wiederhergestellt.

Literaturhinweise

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