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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Idee unserer Hochschule

Ansprache des Rektors der Hochschule St. Gallen,
Professor Dr. Alois Riklin

Lassen Sie mich die Idee unserer Hochschule in einem dreifachen Spannungsfeld Orten, im Spannungsfeld Wissenschafts- und Praxisbezug, im Spannungsfeld generalistische und spezialisierte Bildung sowie im Spannungsfeld geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Kultur.

Kollege Ulrich berichtete im jüngsten Orientierungsseminar unserer Weiterbildungsstufe von einer Begegnung in Japan. Als er einmal mehr auf eine dem Westler total unverständliche Widersprüchlichkeit stiess, fragte er seinen japanischen Begleiter: «Ich verstehe das nicht; ist es eigentlich so oder so?» Worauf der Japaner freundlich lächelnd zur Antwort gab: «Ja, ja, so ist es!»

Der Asienkenner Jean Gebser spricht von der asiatischen «Sowohl-als-auch-Denkstruktur» im Gegensatz zur abendländisch-aristotelischen «Entweder-oder-Logik».

Ich plädiere mit Blick auf alle drei Spannungsfelder für das «Sowohl-als-auch-Denken».

Wissenschafts- und Praxisbezug

Die Gründung unserer Hochschule im Jahre 1898 geschah nicht in universitärem Niemandsland. Denn das Benediktinerstift St. Gallen besass schon vor gut tausend Jahren in seiner Klosterschule eine Lehrstätte, die unser Hauschronist Georg Thürer zu recht als «Vorform der europäischen Universität» bezeichnet hat. Berühmte Lehrer waren nicht nur um die Bildung künftiger Mönche bemüht, sondern bereiteten auch Laien für Aufgaben in Wirtschaft und Verwaltung vor.

Aber die Gründung von 1898 erfolgte in bewusster Abgrenzung zur damaligen Universität. Die Universitäten des 19. Jahrhunderts boten der höheren technischen und kaufmännischen Bildung keinen Raum. Das humanistische Bildungsideal der Humboldt'schen Universitätsidee widersprach den Ansprüchen einer praxisorientierten Berufsausbildung. Die wirtschaftliche Tätigkeit galt zudem als eine geistig minderwertige Lebensweise, eine Auffassung, die sich bis zu Aristoteles und Platon zurückverfolgen lässt. Theodor Mommsen verteidigte 1874 in seiner Rektoratsrede die

Universitätsbildung gegen «die Erwerbung praktisch nützlicher Fertigkeiten». Und noch 1919 forderte Max Weber Wissenschaft um ihrer selbst willen und nicht, «weil andere damit geschäftliche oder technische Erfolge herbeiführen, sich besser nähren, kleiden, beleuchten, regieren können.»

Aufgrund dieser Abwehrhaltung der Universitäten entstanden im 19. Jahrhundert zunächst die Technischen Hochschulen und um die Jahrhundertwende die Handelshochschulen. Die St. Galler Gründung war also keine isolierte Erscheinung. Etwa zur gleichen Zeit wurden Handelsakademien in Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, England und den USA geschaffen. Ihr Ziel war die Ausbildung höherer Kaufleute. Die Vermittlung praktischen Kaufmannswissens stand im Vordergrund, umrankt von allgemeinbildenden Fächern. Akademische Titel zu verleihen, war nicht beabsichtigt. Nicht Wissenschafter wollte man ausbilden, sondern Praktiker. Die Forschung spielte eine untergeordnete Rolle. Die Professoren waren fast ausschliesslich Lehrer, in St. Gallen mit einer Lehrverpflichtung von 25 Wochenstunden.

Kennzeichnend für die Universitäten der Jahrhundertwende war der Wissenschaftsbezug, für die neu gegründeten Handelsakademien dagegen der Praxisbezug.

Seither hat eine beidseitige Annäherung stattgefunden. Die Universitäten haben den Praxisbezug verstärkt, die Berufsorientierung erhöht und die einst verpönte Betriebswirtschaftslehre integriert. Umgekehrt haben die Handelsakademien den Wissenschaftsbezug verstärkt, und sie nennen sich heute Hochschulen oder Universitäten. Auch unsere Hochschule hat diese Entwicklung mitgemacht, einerseits durch die Ausweitung der gelehrten Wissenschaften und der Berufsziele (1898 Diplomkaufmann, 1910 Handelslehrer, 1942 Staatsbeamte, 1968 Volkswirtschafter 1, 1978 Juristen), anderseits

durch die wissenschaftliche Vertiefung mit der Erhöhung der Semesterzahl 1926, der Verleihung des Habilitationsrechts 1934, des Promotionsrechts 1938, der Gründung von Forschungsinstituten ab 1938 und allgemein der Aufwertung der Forschung als der Lehre gleichrangige Aufgabe.

Abgesehen von jenen ausländischen Fachhochschulen, welche die Forschung vernachlässigen, ist der Gegensatz zwischen Universität und Hochschule heute obsolet. Die gegenseitigen Behinderungen und Eifersüchteleien sind vergessen oder dienen dem erzählerischen Amüsement. Unsere Hochschule versucht nicht mehr, die Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich abzuschiessen wie 1942 in einem Vorstoss des St. Galler Erziehungsdepartements. Und die Universität Zürich verlangt nicht mehr wie 1934 eine Intervention des Bundesrates und die Streichung der Bundessubvention, um das Promotionsrecht unserer Hochschule zu hintertreiben. Ebenso ist die Opposition der Zürcher und anderer juristischer Fakultäten aus der Zeit der fünfziger Jahre gegen die Einführung des Juristischen Lehrgangs in St. Gallen einer konstruktiven Zusammenarbeit gewichen. Der Juristische Lehrgang konnte 1978 mit zwanzigjährigem Verzug geschaffen werden, neckischerweise auf Wunsch der durch hohe Studentenzahlen arg bedrängten Zürcher Fakultät.

Heute besteht ein freundschaftlicher Qualitätswettbewerb zwischen Universitäten und Hochschulen hinsichtlich Wissenschafts- und Praxisbezug. Beide sitzen im selben Boot. Beide kämpfen um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wissenschafts- und Praxisorientierung. Beide müssen sich gegen einseitig-übertriebene Forderungen von Praktikern und Wissenschaftern zur Wehr setzen. Zu recht mahnt die Schweizerische Hochschulkonferenz in ihren Thesen «Hochschule und Arbeitsmarkt» (1983): «Das Pendel darf... weder in der einen noch in der andern Richtung zu sehr ausschlagen.» Unsere Professoren sind doppelt gefordert, im Kreis der Wissenschafter und der Praktiker zu bestehen. Nicht jeder ist zu beidem in gleicher Weise begabt. Nicht jede Disziplin erfordert den Praxisbezug in gleichem Mass. Es wäre Unfug, von jedem alles in gleicher Weise zu fordern. Forschung und Lehre gehören zusammen. Aber der eine neigt etwas mehr zum Forscher, der

andere etwas mehr zum Lehrer. Die einen eignen sich besser für die Grundstufe oder die Lizentiatsstufe oder die öffentlichen Vorlesungen im vergangenen akademischen Jahr stieg die Zahl der Hörer in den öffentlichen Vorlesungen auf über 3000 —, andere besser für die Doktorandenstufe oder die Weiterbildungsstufe. Die einen bewähren sich eher in den Massenveranstaltungen der Grundstufe, andere eher in der kleinen Seminargruppe, wieder andere in den Kursen für Praktiker. Die einen sind an der Mitgestaltung der Praxis interessiert, andere konzentrieren sich auf Lehre und Grundlagenforschung. Es geht um ein pluralistisches, ausgewogenes Verhältnis von wissenschafts- und praxisorientierten Forschern und Lehrern der verschiedenen Stufen.

Die Verhältnisse sind nach Ort, Abteilungen und Fakultäten verschieden. Wenn aber heute aufs Ganze gesehen ein Ungleichgewicht besteht, so ist es an den Universitäten und Hochschulen das Übergewicht der Lehre und der Dienstleistungen (Kurse, Expertisen, angewandte Forschung) auf Kosten der Grundlagenforschung. Der Professor droht, wenn nicht zum One-minute-manager, so doch zu einer Art One-hour-manager zu werden, der —bedingt durch die gestiegenen Studentenzahlen und den öffentlichen Nützlichkeitsdruck zwischen Lehrveranstaltungen, Prüfungen, Kursen und Sitzungen hin- und herrennt und kaum mehr die Musse zur langfristigen Grundlagenarbeit findet. Kants Tagewerk sah so aus: 0500 Tagwache, 0600 Teetrinken, Pfeiferauchen und kreatives Denken, 0700 bis 1245 Lehre und Forschung, 1300 bis 1700 Essen und Tischgespräch mit Gästen, 1700 Spaziergang, anschliessend leichte Lektüre, 2200 Lichterlöschen. Ich fürchte, Kant müsste heute angesichts dieses Tagwerks mit einer parlamentarischen Anfrage rechnen. Den Professor habe ich nur im Ausland gefunden, der zu Beginn des Semesters auf Reisen geht, weil er nach geltendem Recht mangels Transformation eines Kaisererlasses aus dem Jahre 1854 nur zur Vorlesung, nicht zur Präsenz verpflichtet sei und die Vorlesung in verkürztem Verfahren auf die zweite Semesterhälfte zusammendrängen könne. Die reinen Nützlichkeits- und Praxisanhänger möchte ich an Platon erinnern, der einmal die Frage aufwarf, warum die Griechen den Barbaren in der Wissenschaft so überlegen seien, und darauf die Antwort gab, die Barbaren

hätten die Wissenschaft dem Nützlichkeitskriterium unterworfen. Grundlagenforschung ist zweck frei, aber nicht zwecklos. Einstein hätte die Relativitätstheorie nicht entwickelt, wäre er auf praktischen Nutzen erpicht gewesen.

Wir wollen den Praxisbezug nicht schwächen. Deshalb halten wir ausgenommen für die Juristen am obligatorischen Praktikum fest. Deshalb exponieren sich unsere Dozenten in Kursen für Praktiker 6000 Kursteilnehmer im vergangenen Jahr und lassen sich von diesen benoten. Deshalb werden unsere Institute wie kleine Unternehmen auf eigenes Risiko autonom geführt. Deshalb erbringen unsere Institute Dienstleistungen zugunsten von öffentlicher Hand und Privatwirtschaft. Deshalb begrüssen wir in massvollem Rahmen die Einsitznahme von Professoren in Verwaltungsräte. Deshalb unterstützen wir das Internationale Management-Symposium, welches vor Monatsfrist zum 15. Mal 700 Praktiker, Dozenten und Studenten aus Europa und Übersee versammelte. Deshalb bemühen wir uns, bestausgewiesene Praktiker für Lehraufträge zu gewinnen, so beispielsweise im letzten Jahr alt Bundesrat Georges-André Chevallaz. Deshalb haben wir eine neue Stelle zur Bereitsstellung praxisorientierter Fallstudien für den Unterricht geschaffen. Deshalb pflegen wir regelmässig Firmenkontakte, so im vergangenen Jahr mit den St. Galler Unternehmen Gebrüder Bühler/Uznach und Wild/Heerbrugg. Deshalb wollen wir im nächsten Jahr neben den Aulavorträgen, in denen Wissenschafter und Künstler zu Wort kommen, und neben dem Zyklus «Politik aus erster Hand» ein weiteres öffentliches Gefäss «Unternehmensführung aus erster Hand» lancieren.

Wir wollen den Wissenschaftsbezug verstärken. Zu diesem Zweck haben wir im abgelaufenen akademischen Jahr das zweite und das dritte St. Galler Forschungsgespräch durchgeführt, das eine über Wirtschaftsethik, das andere über «Konstruktivismus und Management sozialer Systeme». Zu diesem Zweck haben wir die Institution der Gastprofessur verstärkt, im letzten Jahr mit den Professoren Peter Checkland aus Grossbritannien und Ken Gergen aus den USA. Zu diesem Zweck bemühen wir uns, wissenschaftliche Kongresse nach St. Gallen zu holen, so im vergangenen Jahr die Grossveranstaltung

der Deutschen Gesellschaft für Operations Research und das Symposium der Professoren des deutschsprachigen Raums für Personalwesen. Zu diesem Zweck wollen wir möglichst bald den seit 1971 anhaltenden Institutsgründungsstopp endlich durchbrechen. Zu diesem Zweck beantragen wir Jahr für Jahr in kleinen Schritten eine Aufstockung der Mittel für die Grundlagenforschung, wobei die Forscherstellen nicht blanko zugewiesen werden, sondern befristet und im Wettbewerb unter der Kontrolle der Forschungskommission. Schliesslich sind wir aus diesem Grunde dankbar und glücklich über die grosszügige Schenkung unseres Lehrbeauftragten Dr. Alfred Mohler, die unseren Dozenten ab morgen störungsfreie Studienaufenthalte in einem wunderschönen Asconeser Haus im lombardischen Stil des 14. bis 15. Jahrhunderts ermöglicht.

Die Casa antica in Ascona mit Cortiles, Loggien, ummauerten Gärten und mit Blick auf die Brissago-Inseln...

Generalistische und spezialisierte Bildung

Neben Wissenschafts- und Praxisbezug durchzieht die Suche nach dem richtigen Verhältnis von generalistischer und

spezialisierter Bildung wie ein roter Faden die Annalen unserer Hochschule. Aufgrund des ungeheuren Wachstums des Wissens und als Folge davon der immer engeren Spezialisierung ist die Lösung des Problems noch schwieriger und unzulänglicher geworden. Kant fand sich noch mit 500 Büchern zurecht, die er allesamt in seinem Schlafzimmer unterzubringen vermochte. Schon Jacob Burckhardt klagte im vorigen Jahrhundert, «der Morast des Wissenswürdigen und Wissensnötigen» werde immer breiter, der «Tatsachenschutt» immer grösser, dei Zwang zur Spezialisierung immer stärker. Die Universitäten hätten Mühe, jüngere Gelehrte zu finden, «die nicht in irgendeiner Specialforschung sich blind und taub gelesen haben». Was würde Jacob Burckhardt erst recht heute sagen!

Die Universitäten haben es nicht besser. Im Gegensatz zur Universitätsidee Humboldts, Schellings, Fichtes, Schleiermachers und Steffens musste Eduard Spranger schon 1913 feststellen, dass «der Universitätsbetrieb in eine Fülle von Einzelwissenschaften zersplittert» und «das, was die Universitätsverfassung eigentlich hindern sollte, die Entstehung von Spezialschulen, ... tatsächlich vielfach bereits eingetreten» war. «Die Universität ist ein Aggregat von Fachschulen», schrieb Karl Jaspers 1946. Und ETH-Rektor Karl Schmid sprach 1955 unverblümt von der in «Fakultäten aufgespaltenen Scheinuniversität».

Ein gewisser Zwang zur Entspezialisierung tut Hochschulen und Universitäten, Studenten und Dozenten not. «Wer nur etwas von Physik versteht, versteht zu wenig von Physik», so ähnlich sprach der Physiker Georg Lichtenberg. Wer nur etwas von Ökonomie versteht, versteht zu wenig von Ökonomie. Der Nur-Jurist ist ein schlechter Jurist.

Praxisbezug und Wissenschaftsbezug verlangen nach Entspezialisierung.

Der Praxisbezug verlangt die Entspezialisierung, weil die praktischen Probleme interdisziplinär sind. In der Wirklichkeit gibt es keine ausschliesslich ökonomischen oder juristischen Probleme. «Die Realität tut uns nicht den Gefallen, nach Disziplinen eingeteilt zu sein...» (Hans Ulrich). Die Erfahrung

bestätigt zudem, dass Spezialisten in ihrem beruflichen Fortkommen gefährdet sind.

Der Wissenschaftsbezug verlangt die Entspezialisierung, weil Spezialisierung erst durch Entspezialisierung fruchtbar wird. Der schöpferische Funke entspringt aus der Reibung von zwei Elementen. Arthur Koestler zeigt in seinem Buch «Der göttliche Funke» an Beispielen aus der Wissenschaftsgeschichte, wie durch Zusammenfügen bisher unverbundenen Wissens verschiedener Disziplinen plötzlich neue Erkenntnisse gewonnen werden. Jacob Burckhardt anerkennt zwar, dass die Spezialisierung unvermeidlich ist. «Nur noch in einem begrenzten Zweige (kann man) Meister sein, ... und irgendwo soll man dies sein. Soll man aber nicht die Fähigkeit der allgemeinen Übersicht... einbüssen, so sei man noch an möglichst vielen anderen Stellen Dilettant, ... zur Mehrung der eigenen Erkenntnis und Bereicherung an Gesichtspunkten.» Und Werner Näf fährt fort: «Voraussetzung des echten und edeln Dilettantismus ist Fachmannschaft an einer Stelle innerhalb der Universitas litterarum. Ich brauche den Heimatschein einer Wissensprovinz, um den Pass für Grenzüberschreitungen zu erlangen»; dieser Pass erweist, «dass ich reisen will, aus Lust und aus der Einsicht, dass Einkapselung zur Verkümmerung führt, sogar zur Verkümmerung der eigenen, besonderen Wissenschaft.»

Aber wie kann Entspezialisierung erreicht werden? Nicht durch die Entwicklung zur Fünf-Fakultäten-Universität; wir wollen nicht Universität werden. Auch nicht durch die Verengung zur Wirtschaftsuniversität. Wir sind heute mehr als eine Wirtschaftsuniversität, mehr auch als eine wirtschafts- und rechts wissenschaftliche Fakultät, nämlich eher dem amerikanischen Muster folgend die Verbindung von vier Schulen, einer Business School, einer School of Economics, einer School of Public Administration und neuerdings einer Law School. Aber diese Schulen führen kein getrenntes Eigenleben, sondern sind vielfältig miteinander verknüpft, verknüpft vor allem durch die überwiegend gemeinsame Grundstufe, durch die in die Lizentiatsstufe integrierten Kulturwissenschaften und Nachbarfächer und durch die in der Wissenschaftstheorie vereinte Doktorandenstufe. Das soll so bleiben.

Wir sollten dem Trend fortlaufender Zellteilung widerstehen und genau im gegenläufigen Sinne das Gemeinsame, das Interdisziplinäre, das Integrative, das Ganzheitliche und Entspezialisierende in Zukunft noch verstärken und zwar innerhalb und zwischen den verschiedenen Lehrgängen. Was ist Hans Ulrichs wegweisendes Plädoyer für ein ganzheitliches Denken anderes als Universitas, als die Wiederentdeckung der Universitas litterarum in zeitgemässer Form, als eine Renaissance der ganzheitlichen Universitätsidee eines Humboldt, Burckhardt, Näf oder Jaspers? Nur haben wir es leichter als die Universitäten, weil wir die Grenzüberschreitungen in die Studienpläne integrieren können. Ein Drittel unserer Professoren entstammt nicht den Kernbereichen Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und Recht. Aber sie sind nicht in die Phil. I- oder Phil. II-Fakultät verdrängt. Mit Genugtuung stelle ich fest, dass wir den Vorschlag des Berner Rektors Ewald Weibel für einen generalistischen Studiengang mit fünf Neben fächern im Staats wissenschaftlichen Lehrgang bereits verwirklicht haben!

Nach meiner persönlichen Meinung sollten wir inskünftig die Chancen der Einheit in der Vielfalt noch vermehrt nutzen. Diese Chancen haben wir in der letzten Grossen Studienreform von 1978 gemindert, indem wir die Spezialisierung wohl doch zu weit getrieben haben. Hier wird die nächste Grosse Studienreform ansetzen müssen, indem beispielsweise Integrationsseminare für die ganze Lizentiatsstufe eingeführt werden, indem die Betriebs wirtschafter auf Kosten der funktions- und branchenspezifischen Spezialisierung wieder stärker mit Volkswirtschaft und Recht konfrontiert werden und die Volkswirtschafter vice versa und indem alle Professoren angehalten werden, nicht nur ihr spezielles Schrebergärtchen zu pflegen, sondern sich periodisch in übergreifenden Lehrveranstaltungen zu engagieren, nach dem Vorbild eines Jacob Burckhardt, der noch die ganze Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart doziert hat. Ich darf das heisse Eisen meinem Nachfolger überlassen.

Geistes- und naturwissenschaftliche Kultur

Ganzheitliches Denken erfordert die Überwindung der Spaltung des wissenschaftlichen Weltbildes in die naturwissenschaftliche Kultur des exakten, logischen, quantifizierenden Erklärens und die geisteswissenschaftliche Kultur des hermeneutischen, einfühlenden, interpretierenden Verstehens. Das gilt ganz besonders für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, in denen in den letzten Jahrzehnten starke Kräfte darauf hinwirkten, das geisteswissenschaftliche Denken zugunsten des naturwissenschaftlichen zu verdrängen, getreu der Devise Galileis: «Alles messen, was messbar ist; alles messbar machen, das es noch nicht ist.» Diese Verkürzung ist für Wissenschaft und Praxis untauglich. Vor allem fällt ihr die Ethik, welche alles wissenschaftliche und praktische Tun durchdringt, zum Opfer.

Damit bin ich, werden einige denken, einmal mehr bei meinem Lieblingsthema angelangt: der Forderung nach Verstärkung der ethischen Dimensionen in Lehre und Forschung.

Die Forderung steht im Einklang mit der Tradition unserer Hochschule. Schon der erste Jahresbericht von 1899 zeugt davon. Vor allem aber hat mich beim Studium der Geschichte unserer Hochschule die Rede von Generaldirektor Paul Alther anlässlich der Überreichung der von ihm gestifteten Rektoratskette im Jahre 1939 gefreut, in der das Postulat der Wirtschaftsethik bereits ausdrücklich enthalten war.

Die Forderung steht im Einklang mit einer wachsenden Zahl von Praktikern. Louis von Planta plädiert für die Integration der Ethik in die Unternehmens führung. Gianni Rusca verlangt mehr «Manager mit dem Mut zur Moral». Adolf Wirz qualifiziert den Humanisten als den besseren Manager. Der Wirtschaftsredaktor einer bekannten Zürcher Zeitung hat unlängst geschrieben, Wirtschaftspolitiker ohne Werte seien wertlose Wirtschaftspolitiker, die wie aufgeregte Enten ziel- und richtungslos im Teich der Werte hin- und herschwadern. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat unlängst ein Referat für Wirtschaftsethik eingerichtet und die Skeptiker mit dem Argument überzeugt, die Hochschule St. Gallen tue es auch.

Die Forderung steht im Einklang mit der wachsenden Zahl der Stimmen aus Universitätskreisen. Rektor Akert von der Universität Zürich, Rektor Weibel von der Universität Bern, alt Rektor Lochmann von der Universität Basel, alt Rektor Andreae von der Universität Innsbruck, alt Rektor Lobkowicz von der Universität München, Rektor Böckle von der Universität Bonn, Rektor Falise von der Universität Lille, sie alle rufen nach einer Verstärkung der Ethik. Die Berner Ökonomie-Absolventen haben unlängst in einer Befragung das Fehlen einer Management-Ethik im Studienprogramm kritisiert. Professor Peisert von der Universität Konstanz hat in einer Befragung ermittelt, dass viele Studenten die Einbindung der Fachausbildung in fachübergreifende, moralisch-ethische Bezüge vermissten. Der Verein für Socialpolitik hat im Anschluss an das St. Galler Forschungsgespräch eine Arbeitsgruppe für Wirtschaftsethik eingesetzt. Die Universität Innsbruck hat in diesem Frühjahr ein Symposium über Wirtschaftsethik veranstaltet.

Der wichtigste, durchdachteste Beitrag in dieser Debatte scheint mir das Buch des Präsidenten der Harvard University, Derek Bok, «Beyond the Ivory Tower, Social Responsibilities of the Modern University». Bok bedauert das Abdriften von immer mehr sozialwissenschaftlichen Disziplinen weg von der Philosophie und hin zur Betonung wertfreier Forschung. Die ethisch-moralischen Lernziele für den Hochschulunterricht formuliert er so: 1) Entwicklung der Fähigkeit, moralische Probleme wahrzunehmen und zu definieren. 2) Entwicklung der Fähigkeit, über ethische Fragestellungen behutsam und differenziert nachzudenken und zu diskutieren. 3) Den Studenten zu helfen, den eigenen moralischen Standort zu klären, ihnen beizustehen beim Bedenken der Frage, wann sie gegenüber den Rechten und Interessen Dritter Rücksichtnahme üben sollten, in der Hoffnung, dass künftige Juristen, Geschäftsleute und Ärzte nach dieser Erfahrung höhere ethische Standards setzen werden. Mit aller Schärfe urteilt Derek Bok, eine Universität, welche die ernsthafte Auseinandersetzung über ethische Dilemmas verweigere, verletze ihre Grundverpflichtungen gegenüber der Gesellschaft. Sie nehme in Kauf, dass der ethische Diskurs zu Slogans und Simplifizierungen degeneriere, was einer Universität unwürdig sei. Einlässlich

behandelt Derek Bok die Einwände. Das Buch ist 1982 erschienen. Aber man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck, als ob der Harvard Präsident die St. Galler Diskussionen von 1982 bis 1985 vorausgeahnt hätte...

Im Sinne der Abschiedsvorlesung von Kollege Ulrich: Wir wollen unsere Absolventen nicht zu blossen Technikern im Dienste anderer ausbilden. Sie sollen die Technik beherrschen ja, aber sie sollen das Bestehende, das Gemachte und das Machbare kritisch beurteilen können. Wir wollen Absolventen, welche den Fragen nach sinnvollen Zwecken menschlichen Handelns nicht ausweichen und sich demzufolge weigern, nur nach Mitteln für beliebige Zwecke zu suchen. Wir wollen Absolventen, die fähig sind, nicht nur Wirklichkeiten zu analysieren, sondern kreativ mögliche Wirklichkeiten zu entwerfen, mit dem Willen, das Bestehende zu verbessern, aber auch im Bewusstsein der Unvollkommenheit allen menschlichen Tuns, der Lückenhaftigkeit allen menschlichen Wissens und der Irrtumsanfälligkeit aller Wissenschaft. *

Kehren wir zum Anfang zurück. Frage eines Westlers an einen Japaner: «Wie viel Prozent der japanischen Bevölkerung sind Schintoisten, wieviel Buddhisten?» Treuherzig antwortet der Japaner: «Etwa 80 Prozent Schintoisten, 60 Prozent Buddhisten!»

Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

Wissenschafts- oder Praxisbezug, generalistische oder spezialisierte Bildung, naturwissenschaftliche oder geisteswissenschaftliche Kultur sind falsche Alternativen.

Meine Empfehlungen:

1. 80 Prozent Wissenschaftsbezug, 60 Prozent Praxisbezug, also behutsame Gewichtsverlagerung Richtung Wissenschaftsbezug, genauer Grundlagenforschung,

2. 90 Prozent generalistische, 70 Prozent spezialisierte Bildung, also behutsame Gewichtsverlagerung Richtung Generalist, besser Integralist,

3. 100 Prozent naturwissenschaftliche Kultur und 100 Prozent geistes wissenschaftliche Kultur einschliesslich Ethik, also kräftige Gewichtsverlagerung Richtung Ethik.

Literatur

Ernst Anrich: Die Idee der deutschen Universität und die Reform der deutschen Universitäten, Darmstadt 1960

Derek Bok: Beyond the Ivory Tower, Social Responsibilities of the Modern University, Harvard University Press 1982

Josef Dolch: Lehrplan des Abendlandes, Zweieinhalb Jahrtausende seiner Geschichte, Ratingen 2 1965

Karl Jaspers: Die Idee der Universität, Berlin 1946

Karl Jaspers/Kurt Rottmann: Die Idee der Universität, Berlin 1961

Die Idee der deutschen Universität, Die fünf Grundschriften aus der Zeit ihrer Neugründung durch klassischen Idealismus und romantischen Realismus, Darmstadt 1956 (Schelling, Fichte, Schleiermacher, Steffens, Wilhelm von Humboldt)

Nikolaus Lobkowicz: Ziele und Ansätze zu einer neuen Universitätsidee, München 1980 (unveröffentlichtes Manuskript)

Nikolaus Lobkowicz: Die Zukunft der Universität, München 1982 (unveröffentlichtes Manuskript)

J. M. Lochmann: Die Idee der Universität, Basel 1984 (unveröffentlichtes Manuskript)

Arnd Morkel: Jacob Burckhardts Auffassung von der Universität, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 8. Dezember 1984

Werner Näf: Wesen und Aufgabe der Universität, Bern 1950

Hans-Werner Prahl/Ingrid Schmidt-Harzbach: Die Universität, Eine Kultur- und Sozialgeschichte, München 1981

Emil Reicke: Magister und Scholaren, Illustrierte Geschichte des Unterrichtswesens, Leipzig 1901 (Nachdruck Düsseldorf 1971)

Eduard Spranger: Wandlungen im Wesen der Universität seit 100 Jahren, Leipzig 1913

Georg Thürer: Hochschule St. Gallen für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 1899 bis 1974, St. Gallen 1974

Hans Ulrich: Umdenken im Management Konsequenzen für Lehre und Forschung, Referat anlässlich des Orientierungsseminars 1984 der Weiterbildungsstufe der Hochschule St. Gallen (unveröffentlichtes Manuskript)

Hans Ulrich: Plädoyer für ganzheitliches Denken, in: Aulavorträge Nr. 32, Hochschule St. Gallen 1985

Max Weber: Wissenschaft als Beruf, Berlin 1919

Ewald R. Weibel: Die Universität im Jahre Orwells, in: Neue Zürcher Zeitung 4./5. August 1984

Raumprobleme an der HSG auch bei der Informatik: Die Terminals für die Studenten sind in einem Kellergang untergebracht.