reden.arpa-docs.ch
Rektorats Reden © Prof. Schwinges

«Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein, benennt es treffend!»

Ansprache des neuen Rektors,

Professor Dr. Johannes Anderegg
«Die Welt, sie ist so gross und breit,
Der Himmel auch so hehr und weit,
Ich muss das alles mit Augen fassen,
Will sich aber nicht recht denken lassen.»
Angesichts der Weite des Himmels und seiner wechselvollen
Erscheinungen, erfährt der, der hier Klage führt, seine
Unfähigkeit zu fassen, zu begreifen, was er wahrnimmt. Er vermag
sich nicht zu orientieren, findet sich nicht zurecht und
muss fürchten, sich in der unabsehbaren Erscheinungsfülle
zu verlieren.

So wie der Himmel mit seinen wechselnden Erscheinungen in seiner buchstäblichen Unzugänglichkeit ist er besonders geeignet, das Nicht-Fassbare zu illustrieren für die unzugängliche, verwirrende Komplexität von Welt überhaupt steht, so steht der Klagende, eine Art von «Jedermann», stellvertretend für diejenigen, die angesichts der Komplexität der Welt diese nicht und das heisst auch: sich selbst nicht zu fassen vermögen.

Orientierung im Unendlichen

Aber dem Klagenden wird in der zweiten Strophe des Gedichts eine hilfreiche Antwort zuteil:

Dich ich im Unendlichen zu finden,
Musst unterscheiden und dann verbinden;

Orientierung «im Unendlichen» ist möglich, wenn es gelingt, zu unterscheiden. Der Begriff des «Unendlichen» meint hier nicht etwa nur das in der Ausdehnung Unbegrenzte, sondern meint die Welt in ihrer unendlich vielfältigen Bestimmbarkeit und Fassbarkeit, meint das Kontinuum von Welt, aus dem wir erst dadurch unsere Wirklichkeit machen, dass wir unterscheiden, und aus dem andere zu anderen Zeiten und in anderen Verhältnissen, durch anderes Unterscheiden andere Wirklichkeiten machen. Unendlich ist in unserem Gedicht der Himmel,

weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt, ihn und seine Erscheinungen zu begreifen. Im Unendlichen sich durch Unterscheidung zurechtfinden heisst deshalb auch: aus den unendlichen Möglichkeiten eine herausgreifen und festhalten, heisst: durch Abgrenzung oder Ausgrenzung bestimmen, was uns wichtig, was uns wirklich ist.

Treffendes Benennen

Auf eben diesen Vorgang der Unterscheidung zielen auch die beiden Verse, die ich zum Titel meiner Ausführungen gemacht habe, aber sie sagen überdies, wie solches Unterscheiden oder Abgrenzen möglich wird, wie sich das Unbestimmte bestimmen lässt: nämlich durch Benennung:

Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend!

Es sind die Benennungen, die Begriffe, die es uns ermöglichen, im Unendlichen zu unterscheiden, mit Hilfe von Begriffen machen wir aus Unbestimmtem Bestimmtes, entwerfen wir einen Zusammenhang zwischen dem, was wir herausgreifend bestimmt haben. Mit Begriffen schreiben wir eine Ordnung fest, die uns Orientierung ermöglicht. So findet sich, um noch einmal auf das Gedicht zurückzukommen, in der Weite und in den wechselvollen Erscheinungen des Himmels derjenige zurecht, der über meteorologische Begriffe verfügt, der also zum Beispiel mit Hilfe von Begriffen wie Stratus, Kumulus, Cirrus und Nimbus zwischen verschiedenen Wolkenbildungen zu unterscheiden weiss. Indem wir benennen, vollziehen wir eine Bestimmung, greifen wir aus der Fülle des noch Unbestimmten Bestimmtes heraus und bringen es, verbindend, in einen bestimmten Zusammenhang. Das, wofür wir Begriffe haben, haben wir im Griff; Begriffe dienen uns dazu, das Unbestimmte einzuschränken, das heisst hier: in Schranken zu halten, denn sobald wir eine Bestimmung vorgenommen haben, tritt das noch Unbestimmte gewissermassen in den Hintergrund; indem wir mit Hilfe von Begriffen begreifen, bringen wir Ordnung ins Unendliche, und darum erlauben uns die Begriffe, der Irritation Herr zu werden, die uns angesichts des Unendlichen befallen mag. Begriffe zur Verfügung haben, mit Begriffen begreifen, heisst darum auch immer: Sicherheit gewinnen.

Sprache der Wissenschaft

Bei alledem ist nicht von Begriffen im allgemeinen, nicht von der Sprache im allgemeinen die Rede, sondern von besonderen Begriffen, von einer besonderen Sprache, nämlich von der Sprache der Wissenschaft. Sowohl die eingangs zitierte Strophe als auch die Titelzeilen stammen aus einem Gedichtzyklus von Goethe, den dieser dem Meteorologen Howard gewidmet hat und in dem er insbesondere Howards sprachliche Leistung, die Begründung einer meteorologischen Terminologie, würdigt.

Wenn es nach Goethes Ansicht vor allem die Sprache der Wissenschaft ist, die uns durch treffendes Benennen Sicherheit verschafft, so wohl in erster Linie deshalb, weil wissenschaftliche Sprache festgelegte, festgeschriebene Sprache ist. Ein für allemal regelt die wissenschaftliche Terminologie, in welcher Weise wir zu unterscheiden, das Unbestimmte zu bestimmen haben. Wie sehr Goethe dieses Ein-für-allemal als Charakteristikum der wissenschaftlichen Sprache begreift, zeigt sich auch in einem Aufsatz über Howards Wolkenlehre:

Diese vier Hauptbestimmungen, Zirrus, Kumulus, Stratus und Nimbus habe unverändert beibehalten, überzeugt, dass im Wissenschaftlichen überhaupt eine entschiedene lakonische Terminologie, wodurch die Gegenstände gestempelt werden, zum grössten Vorteil gereiche. Denn wie ein Eigenname den Mann von einem jeden andern trennt, so trennen solche Termini technici das Bezeichnete ab von allem übrigen. Sind sie einmal gut gefunden, so soll man sie in alle Sprachen aufnehmen, man soll sie nicht übersetzen, weil man dadurch die erste Absicht des Erfinders und Begründers zerstört, der die Absicht hatte, etwas fertig zu machen und abzuschliessen. 1

Die Wertschätzung der wissenschaftlichen Terminologie und ihrer Unveränderbarkeit, wie sie hier zum Ausdruck kommt, stimmt mit den gegenwärtig üblichen Ansichten von

Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit durchaus überein. Auch nach heutiger Vorstellung gehört eine strenge Terminologie zum Kern einer jeden Wissenschaft, ja sie gilt als eigentlicher Ausweis von Wissenschaftlichkeit.

Nutzen der Terminologie

Der hohe Stellenwert einer streng geregelten wissenschaftlichen Terminologie lässt sich vielfältig begründen. So gewährleistet sie eine eindeutige und deshalb unproblematische Kommunikation und eine Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg: die Vertreter einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin verstehen sich auf Grund ihrer gemeinsamen Terminologie auch dann, wenn sie im übrigen verschiedene Sprachen sprechen.

Wichtiger als der Gesichtspunkt reibungsloser Kommunikation ist aber wohl die Überzeugung, dass mit Hilfe der Terminologie, bzw. der Definition, der Gegenstand ganz im Sinne Goethes genau bestimmt und eingegrenzt werden kann. Der durch Definition festgeschriebene Gegenstand wird freigehalten von alledem, was ihn «verunreinigt», was ihn undeutlich macht, insbesondere von allem, was der Emotionalität oder der subjektiven Befindlichkeit des Betrachters zuzuschreiben ist. So scheint in der Terminologie das verankert zu sein, was nach verbreiteter Ansicht die Wissenschaft zur Wissenschaft macht, ihre Rationalität. Und es ist die terminologisch geregelte wissenschaftliche Sprache, der wir die wissenschaftliche Objektivität oder Sachlichkeit verdanken.

Die eigentliche Bedeutung der wissenschaftlichen Terminologie liegt aber nicht in ihrer kommunikativen Leistung und auch nicht darin, dass sie die Rationalität oder Sachlichkeit einer Wissenschaft verbürgt. Im strengen Sinne grundlegend für eine Wissenschaft ist deren Sprache, deren Terminologie, weil sie festlegt, was begriffen werden soll und was ausserhalb des Begreifens bleiben muss: die wissenschaftliche Terminologie bestimmt, was der Wissenschaft als das Wirkliche gilt. Und insofern eine jede Terminologie ihrem Wesen nach auf Dauer angelegt ist, verbürgt sie die Stabilität der Wissenschaft: ein für allemal legt sie fest, was das Wirkliche ist, mit dem die Wissenschaft sich befasst.

Intermezzo

An dieser Stelle ist nun allerdings Einhalt geboten. Es gilt, eine kleine Schummelei zu gestehen. Ich habe bisher von den Titelzeilen so gesprochen, als handle es sich um einen Imperativ. Im Goetheschen Text aber haben die Verben nicht imperativischen Sinn, sondern sie stehen in der dritten Person des Indikativs. Von Howard ist die Rede, von ihm heisst es:

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn
unser neuer Lehre herrlichsten Gewinn.
Was sich nicht halten, nicht erreichen lässt,
Er fasst es an, er hält zuerst es fest;
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend! Sei die Ehre dein! 

Allzu gross scheint mein Vergehen allerdings nicht zu sein. Wenn das «treffende Benennen» Howard zu besonderer Ehre gereicht, so dürfen wir daraus wohl eine Zielvorgabe machen. Nur dann sind die Wissenschaften imstande, Sicherheit zu geben, wenn sie auf stabilen Terminologien gründen; darum scheint zu gelten:

Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
benennt es treffend!

Aufgebrochene Grenzen

Indes, so einfach liegen die Verhältnisse denn doch nicht. Goethe lobt zwar Howards «treffendes Benennen», und die Grundbegriffe Howards Stratus, Kumulus, Cirrus, Nimbus stehen als Überschriften über den folgenden Strophen. Was Goethe ader in diesen Strophen ausführt, ist alles andere als «treffendes Benennen» im Sinne wissenschaftlicher Terminologie.

Stratus
Wenn von dem stillen Wasserspiegelplan
Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,
Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,
Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
Erquickt', erfreute Kinder, o Natur!
Dann hebt sichs wohl am Berge, sammelnd breit
An Streife Streifen, so umdüsterts weit
Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,
Ob's fallend wässert oder luftig steigt.
Kumulus
Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
Der tüchtige Gehalt berufen wäre,
Steht Wolke hoch, zum herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
Und, was ihr fürchtet und auch wohl erlebt,
Wie's oben drohet, so es unten bebt.
Cirrus
Doch immer höher steigt der edle Drang!
Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.
Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich's auf,
Wie Schäflein trippelnd, leicht gekämmt zu Hauf.
So fliesst zuletzt, was unten leicht entstand,
Dem Vater oben still in Schoss und Hand.
Nimbus
Nun lasst auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hoch geballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! Der Erde tätig-leidendes Geschick!
Doch mit dem Bilde hebet euren Blick:
Die Rede geht herab, denn sie beschreibt;
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.

Zwar sind die wissenschaftlichen Termini Ausgangspunkt, aber die Sprache des Gedichts verwischt die Grenzen der Howardschen Kategorien, bricht ihre Abgeschlossenheit auf. Das Gedicht liefert nicht Definitionen oder Umschreibungen der wissenschaftlichen Termini, sondern thematisiert gerade das, was Howards Begriffssystem ausblendet: den Wandel zwischen verschiedenen Wolkengestalten, die permanente Bewegung des Himmels.

Das Fertige

Einigermassen irritiert werden wir nun auch schon Bekanntes mit anderen Augen lesen. Goethe hebt lobend hervor, dass die Terminologie einen Gegenstand ein für allemal abstempelt; könnte es nicht sein, dass im Wort «abstempeln» zumindest auch ein negatives Moment mitschwingt? Goethe attestiert Howard, dass er fasse und halte, was sich nicht halten, nicht erreichen lässt; könnte es nicht sein, dass Goethe diese Formulierung ernst meint, dass nach seiner Meinung wissenschaftliches Festhalten und Fassen nur ein scheinbares Festhalten ist? Solche Vermutungen werden dadurch gestärkt, dass sich Goethe über die Sprache der Wissenschaft keineswegs immer freundlich äussert. So verwirft er, in der Auseinandersetzung mit dem Botaniker Linné, gerade das, was er bei Howard lobt, nämlich das terminologische Vorgehen:

Soll ich nun über jene Zustände mit Bewusstsein deutlich werden, so denke man mich als einen gebornen Dichter, der seine Worte, seine Ausdrücke unmittelbar an den jedesmaligen Gegenständen zu bilden trachtet, um ihnen einigermassen genugzutun. Ein solcher sollte nun eine fertige Terminologie ins Gedächtnis aufnehmen, eine gewisse Anzahl Wörter und Beiwörter bereit haben, damit er, wenn ihm irgendeine Gestalt vorkäme, eine geschickte Auswahl treffend, sie zu charakteristischer Bezeichnung anzuwenden und zu ordnen wisse. Dergleichen Behandlung erschien mir immer als eine Art von Mosaik, wo man einen fertigen Stift neben den andern setzt, um aus tausend Einzelheiten endlich den Schein eines Bildes hervorzubringen;

und so war mir die Forderung in diesem Sinne gewissermassen widerlich. 2

Das Lebendige

Auch in unserem Gedichtzyklus zu Howards Wolkenlehre findet sich ein völlig unverhüllter Hinweis darauf, dass die Bedeutung des terminologisch abgrenzenden Verfahrens relativiert werden muss. Im letzten Teil der Trilogie heisst es:

Und wenn wir unterschieden haben,
Dann müssen wir lebendige Gaben
Dem Abgesonderten wieder verleihn
Und uns eines Folgelebens erfreun.

Nicht etwa, dass das terminologische Unterscheiden grundsätzlich zu verwerfen wäre, verschafft es doch, wie der Anfang der Trilogie deutlich macht, jene Sicherheit, deren man, konfrontiert mit dem Unendlichen, bedarf. Aber in der Stabilität der Wissenschaft geht Entscheidendes verloren: das Lebendige. Das genau Abgegrenzte, das Präzise, das die wissenschaftlichen Begriffe (be-)greifbar machen, ist, weil ein für allemal festgelegt, leblos. Darum will Goethe bei dem nicht stehen bleiben, was die wissenschaftliche Sprache leistet, will er das Festgeschriebene zu einem «Folgeleben» erwecken, lebendig machen.

Dazu bedarf es offenbar einer anderen Sprache. Halten wir uns weiterhin an Goethes Gedicht, so ist es der Künstler, der dieser anderen Sprache mächtig ist. Wo der Wissenschaftler trennt, da sucht der Künstler zu verbinden, wo der Wissenschaftler mit seiner Sprache ein für allemal festschreibt, da sucht der Künstler mit der seinigen das Lebendige zu fassen, das sich verwandelt.

Wissenschaft und Sprache

Die Verlockung ist gross, es bei Goethes Gegenüberstellung von Wissenschaftler und Künstler und bei der angedeuteten Aufgabentrennung bewenden zu lassen. Aber dürfen wir Wissenschaftler von heute es uns so leicht machen?

Gewiss, die fertige wissenschaftliche Terminologie ist ein nützliches Werkzeug, ermöglicht sie uns doch den reibungslosen Umgang mit dem, was wir schon begriffen haben. Und sie ist ein unentbehrliches Werkzeug, weil ihre stabile Struktur Orientierung ermöglicht und Sicherheit gibt.

Aber es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaften, bei dem zu verweilen, was schon begriffen ist, vielmehr gilt es, auf das noch nicht Begriffene hin in Bewegung zu sein. Nicht das Gesicherte sollte das Arbeitsfeld der Wissenschaften sein, sondern das noch Ungesicherte.

Was eine Wissenschaft mit ihrer Terminologie zu fassen vermag, ist, verglichen mit dem lebendigen Wirklichen, ein blosses Phantom. Indem sie Wirkliches festschreiben will, schreibt sie an dem vorbei, was sie einholen möchte: am Lebendigen. Wer dieses entdecken will, wer auf seiner Spur bleiben will, kann die terminologischen Festschreibungen immer nur als Durchgangsstationen nehmen. Er wird ihrer nicht gänzlich entbehren können, weil auch er sich zuweilen absichern muss. Aber er wird solche Sicherheit nicht als das Ziel nehmen, wird sie immer wieder eintauschen gegen das Ungesicherte, wird im Ungesicherten auf Entdeckung gehen.

Wer bei der terminologisch vermittelten Sicherheit als einem Ziel stehen bleibt, verfällt einer Täuschung. Die Terminologie macht uns glauben, dass wir das Wirkliche beherrschen, aber doch nur deshalb, weil wir mit ihrer Hilfe festgelegt haben, was als das Wirkliche gelten soll. Wir begreifen mit der wissenschaftlichen Terminologie immer nur Aspekte, immer nur Teile des Wirklichen und glauben das Ganze im Griff zu haben, weil wir nämlich all das ausblenden, was wir nicht begriffen haben. Nicht, dass das Ganze jemals fassbar wäre. Aber indem wir uns auf das noch nicht Begriffene hin bewegen und das heisst: indem wir über die bestehende Terminologie hinausgehen und unsere überlieferten begrifflichen Kategorien aufbrechen machen wir uns zumindest deutlich, dass das, was wir haben, nicht schon das Ganze ist.

Die Verantwortung gegenüber dem lebendigen Ganzen kann die Wissenschaft nicht auf die Künstler abwälzen: Auch

die Sprache der Wissenschaft muss mehr und anderes leisten als präzises Bestimmen und genaues Benennen.

Ob eine Wissenschaft das Lebendige ernst nimmt, ob sie selbst lebendig ist, zeigt sich darin, dass sie es wagt, über das hinauszugehen, was sie schon hat: dass sie wagt, ihre abgesicherten und absichernden Strukturen zu sprengen, ins sprachliche Neuland vorzudringen.

Trilogie zu Howards Wolkenlehre

Atmosphäre
«Die Welt, sie ist so gross und breit,
Der Himmel auch so hehr und weit,
Ich muss das alles mit Augen fassen,
Will sich aber nicht recht denken lassen.»
Dich im Unendlichen zu finden,
Musst unterscheiden und dann verbinden;
Drum danket mein beflügelt Lied
Dem Manne, der Wolken unterschied.
Howards Ehrengedächtnis
Wenn Gottheit Camarupa, hoch und hehr,
Durch Lüfte schwankend wandelt leicht und schwer,
Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,
Am Wechsel der Gestalten sich erfreut,
Jetzt starr sich hält, dann schwindet wie ein Traum,
Da staunen wir und traun dem Auge kaum;
Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft,
Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft;
Da droht ein Leu, dort wogt ein Elefant,
Kameles Hals, zum Drachen umgewandt,
Ein Heer zieht an, doch triumphiert es nicht,
Da es die Macht am steilen Felsen bricht;
Der treuste Wolkenbote selbst zerstiebt,
Eh' er die Fern' erreicht, wohin man liebt.

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn. Was sich nicht halten, nicht erreichen lässt, Er fasst es an, er hält zuerst es fest; Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein, Benennt es treffend! Sei die Ehre dein! Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt, Erinnre dankbar deiner sich die Welt.

Stratus
Wenn von dem stillen Wasserspiegelplan
Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
Der Mond, dem Wallen das Erscheins vereint,
Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,
Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
Erquickt', erfreute Kinder, o Natur!
Dann hebt sich's wohl am Berge, sammelnd breit
An Streife Streifen, so umdüstert's weit
Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,
Ob's fallend wässert oder luftig steigt.
Kumulus
Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
Der tüchtige Gehalt berufen wäre,
Steht Wolke hoch, zum Herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
Und, was ihr fürchtet und auch wohl erlebt,
Wie's oben drohet, so es unten bebt.
Cirrus
Doch immer höher steigt der edle Drang!
Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.
Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich's auf,
Wie Schäflein trippelnd, leicht gekämmt zu Hauf.
So fliesst zuletzt, was unten leicht entstand,
Dem Vater oben still in Schoss und Hand.

Nimbus
Nun lasst auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hoch geballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! Der Erde tätig-leidendes Geschick!
Doch mit dem Bilde hebet euren Blick:
Die Rede geht herab, denn sie beschreibt,
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.
Wohl zu merken
Und wenn wir unterschieden haben,
Dann müssen wir lebendige Gaben
Dem Abgesonderten wieder verleihn
Und uns eines Folgelebens erfreun.
So, wenn der Maler, der Poet,
Mit Howards Sondrung wohl vertraut,
Des Morgens früh, am Abend spät
Die Atmosphäre prüfend schaut,
Da lässt er den Charakter gelten,
Doch ihm erteilen luftige Welten
Das Übergängliche, das Milde,
Dass er es fasse, fühle, bilde.

Anmerkungen