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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Wissenschaft und Politik

Jedermann weiss es: Die Wissenschaft ist längst zu einem Politikum geworden. Das liegt nicht nur an dem grossen und weiter rasch wachsenden Umfang der Staatsausgaben für Hochschulen und Forschung. Es ist auch mit dem weitverbreiteten und tief verwurzelten Glauben verbunden, dass die Wohlfahrt unseres Volkes entscheidend vom Fortschritt der Wissenschaft abhängt. Dazu kommt, dass sich die Politik selber bei ihren Problemlösungen zunehmend wissenschaftlicher Erkenntnisse, Experten und Gutachten bedient. Diese zunehmende Verschwägerung zwischen Wissenschaft und Politik hat längst auch ins Personelle übergegriffen. Politisierende Professoren sind in unserem Land keine Seltenheit und viele Politiker pflegen ihre Stellungnahmen wissenschaftlich zu untermauern. Zeichnet sich also gar eine eigentliche Symbiose zwischen Wissenschaft und Politik ab?

Dies anzunehmen oder gar zu propagieren wäre vorschnell. Denn es fehlt auch nicht an Gegenläufigkeiten. Die Wissenschaftsgläubigkeit in jenem absoluten Sinne, dass man bei jedem gesellschaftlichen Problem nur das tun müsste, was die Wissenschaft sagt, gehört, wenn es sie überhaupt je gegeben hat, im allgemeinen Volksbewusstsein wie in der Politik bereits der Vergangenheit an und hat einer viel differenzierteren Haltung Platz gemacht, die zwar die Stimme oder besser die Stimmen der Wissenschaft auch hören möchte, aber sie nicht weiter als die alleinseligmachende gelten lässt. Zudem ist mir, wenn ich Ihnen eine persönliche Erfahrung mitteilen darf, in den Jahren, da ich sowohl dem wissenschaftlichen wie dem politischen Lager angehörte, immer wieder aufgefallen, wieviele dezidierte gegenseitige Vorurteile zwischen Wissenschaftern und Politikern nach wie vor bestehen. Allzuviele Wissenschafter neigen immer noch dazu, in der Politik ein garstig Geschäft zu sehen, das im besten Fall mit viel Schlaumeierei zu betreiben sei und aus dem man sich daher am besten heraushalte. Dem entsprechen in den Köpfen von allzu vielen Politikern jene bekannten Karikaturen der weltfremden, wenig lebenstüchtigen Wissenschafter oder gar in der noch schlimmem, aber nicht weniger weit verbreiteten Form, dass Wissenschafter vor allem nützliche Werkzeuge in den Händen zielbewusster Politiker seien.

Trotz solcher Imponderabilien wird aber, daran besteht für mich kein Zweifel, die gegenseitige Durchdringung von Wissenschaft und Politik sich in

Zukunft noch verstärken. Wissenschaft und Politik werden daher, ob ihnen das gefällt oder nicht, immer mehr gegenseitig aufeinander angewiesen sein. Es dürfte sich daher lohnen, hier über ihr gegenseitiges Verhältnis gemeinsam ein paar Gedanken anzustellen. Ich tue es als einer, der während immerhin rund fünfzehn Jahren beiden Lagern angehörte, oder besser: in beiden Lebensbereichen sich betätigte. Richten wir unseren Blick zunächst auf einige Wesensmerkmale wissenschaftlicher und politischer Tätigkeit.

Merkmale der Wissenschaft

Es wird mir sicher niemand übel nehmen, wenn ich auf eine eingehende Darstellung der verschiedenen Schulen der Wissenschaftstheorie verzichte und die wissenschaftliche Tätigkeit anhand lediglich zweier Merkmale kurz charakterisiere, nämlich: Wissenschaftliches Denken heisst Fragen und Folgern.

Zunächst ist der Wissenschafter also, und dies kann nicht genug betont werden, ein Fragender. Er fragt danach, wie die Gegenstände seiner Forschung beschaffen sind und warum sie so und nicht anders sind. Im Fragen, Hinterfragen, im Infragestellen, im intuitiven Erfassen und bewussten Formulieren neuer Fragen und damit im Eröffnen des noch nicht Gedachten liegt die ureigenste Berufung der Wissenschaft. Alle Kreativität hängt in der Wissenschaft von neuen Fragestellungen ab. Der grosse, wortkarge Philosoph Ludwig Wittgenstein hat meines Erachtens zu Recht erklärt: «Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden».

Um eine Antwort auf eine Frage zu erhalten, stützt sich der Wissenschafter einerseits auf die sinnliche Wahrnehmung, anderseits gewinnt er aber auch durch Folgern neue Erkenntnisse. Derart erkennt er Allgemeingültiges, eine Ordnung, ein System, die es ihm schliesslich erlauben, eine Regel, eine Theorie aufzustellen. Deren Gültigkeit kann und soll er — wenn immer möglich —empirisch überprüfen und die Theorie gestützt darauf anpassen und weiterentwickeln. Wenn auch dieser Vorgang wissenschaftlichen Denkens oder Fragens und Folgerns von den grossen Wissenschaftstheoretikern im einzelnen sehr verschieden beschrieben wird, so ist doch eines allen gemeinsam, nämlich dieses Hin und Her zwischen Theoriebildung und Theorieprüfung.

Merkmale der Politik

Wenden wir uns nun der Politik zu. Ich mächte auch die politische Tätigkeit durch bloss zwei Merkmale kennzeichnen: Entscheiden und Durchsetzen. Zwar beginnt die politische Tätigkeit, so wollen wir hoffen, sehr wohl auch beim Denken, also beim Fragen und Folgern. Aber dabei bleibt es eben nicht: Dem Denken folgt die Tat, die Handlung. «La politique c'est l'action, et l'action c'est prendre des décisions et de faire des choses», hat Raymond Aron die Politik einmal umschrieben.

Politik ist also zielgerichtetes Handeln, um eine Gemeinschaft, sei dies ein staatliches Gemeinwesen, ein Unternehmen oder sonst irgendeinen gesellschaftlichen Verband zu gestalten. Die Gestaltungsziele des Politikers ergeben sich einerseits aus den in der Wirklichkeit vorliegenden Problemen, die zu lösen der Politik aufgetragen sind, und anderseits aus den Wertvorstellungen, die der Politiker hat. Was diese politischen Ziele anbelangt, so können (und müssen) sie zwar von Zeit zu Zeit in Frage gestellt, überprüft, angepasst oder gar geändert werden. Voraussetzung dafür, dass die Politik ihre Gestaltungsaufgabe wahrnehmen kann, ist aber, dass die als erstrebenswert erkannten Ziele für eine gewisse Zeit als gültig akzeptiert werden. In der Politik, die wesentliche Handlung ist, zahlt sich —ob zu Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt —aktives Handeln denn auch regelmässig besser aus als passives Abwarten und dies sogar im Negativen, wie viele historische Beispiele zeigen.

Auf der andern Seite muss Politik stets offen bleiben, um Veränderungen wahrzunehmen und seine Ziele gegebenenfalls anpassen zu können. Denn ideologische Verhärtung ist dem politischen Erfolg ebenso abträglich wie fehlende Entschlossen- und Zielsicherheit. «Politik fordert vor allem die Fähigkeit, intuitiv zu erkennen, wohin der richtige Weg führt», erklärte schon Bismarck. Politik ist daher oft eine Gratwanderung zwischen Beharrlichkeit und Flexibilität. Max Weber hat das in seinem Aufsatz «Politik als Beruf» ebenfalls beschrieben, indem er unter den Politikern zwischen dem Typus des Gesinnungsethikers und dem des Verantwortungsethikers unterschied. Der eine tut unbeirrbar das, was er einmal als richtig erkannt hat, und vertraut darauf, dass der Erfolg sich mit Gewissheit einstellen werde, solange er nur nicht vom einmal als richtig erkannten Weg abweiche. Der andere, der Verantwortungsethiker, fragt immerwährend, selbstkritisch,

nach den Folgen seines Tuns. Während der erste zu begeistern, Massen mitzureissen vermag, wird der zweite oft weniger gehört, obwohl seine Ziele vielfach realistischer und daher auch leichter zu verwirklichen wären. Zwischen diesen beiden Polen muss jeder Politiker, der etwas bewirken, aber auch seiner Weltanschauung treu bleiben möchte, seinen Standort finden.

Unterschiedliche Bedeutung des Faktors Zeit

Ein weiteres Dilemma des Politikers liegt sodann darin, dass er —im Gegensatz zum Wissenschafter — entscheiden und mit allen Kräften danach trachten muss, den gefällten Entscheid auch durchzusetzen, und zwar unbesehen aller noch übriggebliebenen Zweifel. Die Politik steht fast konstitutionell immer unter Zeitdruck. Denn wie der Unternehmer im Wettbewerb steht, muss der Politiker, um neue Wähler zu gewinnen, auf neue Probleme schnell reagieren und handeln, um zu beweisen, dass er und seine Partei die besseren Problemlöser als die anderen sind. Er darf deshalb nicht der Versuchung unterliegen, perfekte Lösungen entwickeln zu wollen, deren Verwirklichung zu zeitaufwendig wäre. Er muss, so unbefriedigend dies gelegentlich auch sein mag, sich damit zufrieden geben, bloss taugliche Entscheide zu fällen und diese dafür zeitgerecht durchzusetzen. Überhaupt spielt der Faktor Zeit in der Politik fast immer eine ganz entscheidende Rolle. Der britische Ex-Premier Harold Wilson hat durchaus zu Recht gesagt: «In politics, everything is a matter of timing». Dies gilt sowohl im Sachlichen wie im Taktischen. Denn bekanntlich geht mindestens in Demokratien fast gar nichts, bis ein Ubel eine gewisse Schwere und Bekanntheit erreicht hat. Dann aber gilt es zu handeln, auch wenn noch nicht alle Kausalbezüge erforscht sind. Immanuel Kant hat diese «condition politique» treffend wie folgt umschrieben: «Die Notwendigkeit zu entscheiden, reicht weiter als die Möglichkeit zu erkennen.»

An aktuellen Beispielen für diesen Sachverhalt fehlt es auch in unserer so wissenschaftlich orientierten Zeit nicht. Die Stichworte Waldsterben, Aids oder Gentechnologie mögen zur Verdeutlichung genügen.

Im übrigen hat Henri Kissinger zu Recht darauf hingewiesen, dass das eigentliche Dilemma moderner Staatsführung darin bestehe, dass die Männer in den Schlüsselpositionen staatlicher Macht kaum soviele Stunden zum Studium eines Problems hätten wie die Fachleute Jahre.

Ganz anders verhält sich bekanntlich die Wissenschaft gegenüber dem Faktor Zeit, obwohl ich mir bewusst bin, dass heutzutage oft auch Professoren über Termindruck klagen. Denn in der Wissenschaft kommt es in zentralem Unterschied zur Politik meistens gerade auf die letzte Einheit der geistigen Anstrengung an. Diese bringt oft erst den entscheidenden Fortschritt. Die Unbegrenztheit der Zeitpläne ist daher der Wissenschaft irgendwie inhärent. Und ich wünschte mir eigentlich, dass noch mehr Wissenschafter und Geldgeber den Mut dazu hätten. Denn das blosse immer neue Aufbereiten des schon Gedachten bringt die Wissenschaft ja nicht weiter.

Diese kurzen Ausführungen dürften hinreichend klargemacht haben, dass Wissenschaft und Politik trotz allem Gerede von der Politisierung der Wissenschaft und der Verwissenschaftlichung der Politik zwei durchaus verschiedene Welten bleiben.

Wissenschaft bleibt eben wesensgemäss auf Erkennen, Politik auf Handeln angelegt. Es verwundert daher nicht, wenn Ralf Dahrendorf, der sich mit diesen Problemen aus praktischer Erfahrung auseinandergesetzt hat, jüngst schrieb: «Ich war nie als Soziologe Politiker oder als Politiker Soziologe. Wenn von der Wissenschaft in der Politik etwas hilfreich war, dann war es das Sekundäre, frei sprechen, Formulierungen finden, Zusammenhänge erkennen können. Dies verlangt indes keinen Professor.»

Verbindungen zwischen Politik und Wissenschaft

Diese schon fast idealtypische Betonung der Unterschiede zwischen Wissenschaft und Politik sollte nun aber nicht dazu führen, dass man die mannigfachen und zunehmend engen Beziehungen zwischen diesen beiden Lebensbereichen übersieht. Denn sie sind in der Tat unübersehbar, haben doch beispielsweise die Eidgenössischen Räte in der Juni-Session 1987 zur Förderung der Hochschulen rund 750 Millionen und zur Förderung der Forschung über eine Milliarde Franken gesprochen. Ich denke aber nicht nur an die weitgehende Finanzierung der Wissenschaft durch die öffentliche Hand und an den Anspruch des Staates über die Verwendung dieser Mittel mitzubestimmen. Die Berührungspunkte, ja Gemeinsamkeiten, gehen zum Teil bis ins Methodische.

Das von Max Weber mit Vehemenz verfochtene Postulat von der Verbannung der Politik aus der Wissenschaft hat inzwischen viel von seinem Glanz verloren. Gerade in den Sozialwissenschaften ist man sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr bewusst geworden, dass der Einfluss von Wertvorstellungen, von sozialen und politischen Ideen, auf die wissenschaftliche Arbeit nicht einfach den Charakter eines unvermeidbaren Übels hat. Die im Gefolge des zweiten Weltkrieges einsetzende rasante technische Entwicklung und insbesondere der Abwurf der ersten Atombombe haben die Frage nach der Verantwortlichkeit des Wissenschafters für diese Entwicklung aufgeworfen. Wir haben erkannt, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis, auch im Bereich rein theoretischer, sogenannter Grundlagenforschung, ein Baustein für eine Erfindung sein kann, die sich für politische Zwecke nutzen und damit auch missbrauchen lässt. Wir fragen uns deshalb, ob und inwiefern der Wissenschafter verantwortlich sei für die praktische Verwendung seiner theoretischen Erkenntnisse.

Wenn es wahr ist, und darüber gibt es für viele Wissenschaftsbereiche kaum mehr Zweifel, dass wissenschaftliche Arbeit nicht frei von Wertungen vonstatten gehen kann, muss dies nicht notwendigerweise bedeuten, dass die wissenschaftliche Arbeit mehr und mehr verpolitisiert werde. Dieser Gefahr können die Wissenschafter bekanntlich dadurch begegnen, dass sie ihre Wertungen offenlegen, also Wertungstransparenz schaffen, und vor allem ihre geistige Unabhängigkeit bewahren, was dann freilich Sache des Charakters und nicht mehr des Wissens ist.

Verwissenschaftlichung der Politik

Die Annäherung zwischen Wissenschaft und Politik ist vor allem von der Politik gefördert worden. Diese hat sich, ursprünglich auf Aussenpolitik samt Kriegführung und Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung beschränkt, zunehmend aller Lebensgebiete angenommen.

Die Ausweitung der Politik auf fast alle gesellschaftlichen Bereiche hat zur Folge gehabt, dass die Sozialwissenschaften als Lieferant von Informationen vor allem über Zweck-Mittel-Relationen immer bedeutsamer wurden. Damit setzte ein bemerkenswerter Prozess der Verwissenschaftlichung der Politik ein.

Darüber hinaus begann sich nicht zuletzt unter dem Einfluss der OECD in allen Industriestaaten die Einsicht durchzusetzen, dass es zwischen den Aufwendungen des Staates für Bildung, Wissenschaft und Forschung und der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes einen Zusammenhang gibt. Der Wunsch nach grösserer Chancengleichheit im Bildungswesen und die Notwendigkeit einer erhöhten beruflichen Qualifizierung für immer mehr Menschen trugen in unserem Land zur Entwicklung eines breiten politischen Einvernehmens bei, wonach sich die öffentliche Hand — und insbesondere der Bund —im Bildungsbereich und in der Forschungsförderung wesentlich stärker engagieren müsse. Die Gründung des Schweizerischen Wissenschaftsrates als Konsultativorgan der Landesregierung im Jahre 1965, die Übernahme der Ecole polytechnique de l'Université de Lausanne durch den Bund und deren Ausbau zur zweiten Eidgenössischen Technischen Hochschule, die stetige Erhöhung der Mittel für den Nationalfonds, der rasche Ausbau der kantonalen Mittel- und Hochschulen sind eindrucksvolle Stationen auf jenem Weg, Bildung, Wissenschaft und Forschung vermehrt zur Lösung der Probleme und Aufgaben von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft heranzuziehen.

Die sechsziger und siebziger Jahre waren auch die Jahre der Gesamtkonzeptionen. Mit Hilfe der Wissenschaft versuchte der Staat, in verschiedenen Politikbereichen umfassende Konzeptionen und komplexe Planungen (angefangen vom Verkehr, von der Energie, den Medien und bis hin zur Totalrevision der Bundesverfassung) zu entwickeln.

Inzwischen hat jene fast enthusiastische Indienstnahme der Wissenschaft durch die Politik mehr oder weniger starker Ernüchterung Platz gemacht. Warum und wie konnte das geschehen? Es war sicher eine Vielzahl von Gründen, die ab Mitte der siebziger Jahre gerade auch in unserem Land eine Art Wende im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik bewirkten. Da kam nach jahrzehntelangem Wirtschaftswachstum erstmals wieder die Erfahrung der Rezessionen, welche dem früheren Glauben an die staatliche Machbarkeit aller Dinge, wenn man nur die Erkenntnisse der Wissenschaften richtig nutze, arg zusetzte. Zudem wurden auf manchem Gebiet die Grenzen des Wachstums und der Wissenschaften erkannt. Ich glaube, dass sich die Politiker aber auch wieder vermehrt bewusst wurden, dass die Wissenschaft ihrem Wesen nach ahistorisch und anational ist und dass nach einer Formulierung von Karl Schmid die Geschichte und die nationalen Gegebenheiten

zu bedenken, zu den ureigensten Aufgaben der Politiker gehört. Kurz man zieht die Aussagen der Wissenschaft zwar nach wie vor gerne zu Rate, ist sich aber wohl bewusst, dass diese den politischen Entscheid nicht zu ersetzen vermögen.

Möglichkeiten und Grenzen der wissenschaftlichen Politikberatung

Möglichkeiten und Grenzen einer wissenschaftlichen Politikberatung werden nicht zuletzt durch die Art und Weise bestimmt, wie sie praktisch erfolgt. Es ist schon wiederholt festgestellt worden, dass sich diese in unserem Land nicht von den besonderen Gegebenheiten trennen lässt, die sich aus unserem föderativen, pluralistischen Kleinstaat mit seiner direkten Demokratie und der auf Konkordanz aller grösseren Parteien bedachten Regierungsform ergeben. Eine wichtige Nahtstelle zwischen den beiden Bereichen bilden die zahlreichen Expertenkommissionen. Deren Zusammensetzung und -wirken ergeben indessen gerade nicht das Modell: hier Wissenschaft, da Politik. Für sie ist vielmehr charakteristisch, dass in ihnen unabhängige Wissenschafter, stets einer Mehrzahl von Fachleuten der Sozialpartner, der politischen Behörden, der betroffenen Verbände und häufig auch des Parlaments gegenübersitzen. Dieses unmittelbare und direkte Zusammenwirken von Interessenvertretern und unabhängigem Sachverstand hat verschiedene und teils sehr kritische Würdigungen gefunden. Der Schweizerische Wissenschaftsrat hält fest, dass diese Kooperation von Wissenschaft und Politik in Verbindung mit den anderen Elementen unserer politischen Kultur kompromissträchtige und praxisbewährte Lösungen begünstige, was zwar die Wirkungsmöglichkeiten der Betroffenen tendenziell erhöhe, aufklärerisch-rationale Argumentation oft aber verhindere. Sicher gilt, dass die Wissenschaft gerade in diesem Rahmen schon wichtige Beiträge zur Politikvorbereitung geleistet hat und weiterhin leistet.

Ergebnisse der Forschung und der wissenschaftlichen Arbeit fliessen aber noch in vielen andern Formen in die Tätigkeit von Politik und Verwaltung ein. Mit der allgemeinen Ausweitung der Staatstätigkeit ging auch eine verstärkte Spezialisierung der Verwaltung einher, welche die Bereitstellung eines hohen Sachwissens innerhalb der Verwaltung erforderte und gleichzeitig den Bedarf an wissenschaftlichen Erkenntnissen für einen sachgerechten Vollzug der Staatsaufgaben in den verschiedensten Bereichen gewaltig

ansteigen liess. So verzeichnet heute eine Reihe von Bundesstellen erhebliche eigene Forschungsaktivitäten, oder sie vergeben Forschungsaufträge an Hochschulen und Forschungsinstitute. Schon 1983 wendete die Bundesverwaltung für diese sogenannte Ressortforschung rund 215 Millionen Franken auf. Noch nicht zu befriedigen vermag, dass der Forschungsaufwand als Instrument der Politikvorbereitung und des -vollzugs bis heute in den einzelnen Politikbereichen sehr unterschiedlich und oft recht zufällig ist, und gerade in so wichtigen Sektoren wie etwa der Sicherheitspolitik, der Aussen- und Sozialpolitik, der Wirtschafts- und Regionalpolitik, der Kultur- und Bildungspolitik noch ungenügend bleibt. Ebenso sind die meisten der bestehenden verwaltungsinternen Forschungsaktivitäten vorwiegend sektoriell angelegt.

Um wissenschaftliche Erkenntnisse zur Lösung von Aufgaben im Dienste der Allgemeinheit gezielter und systematischer heranzuziehen, wurden 1975 die nationalen Forschungsprogramme geschaffen. Vom Bundesrat beschlossen und vom Nationalfonds betreut bezwecken sie «die Durchführung von Forschungen, die zur Lösung von Aufgaben im nationalen Interesse benötigt werden». Ihre inhaltliche Spannweite ist sehr gross. Sie reicht von der Erforschung der geologischen Tiefenstruktur der Schweiz bis zur Bearbeitung von Problemen der nationalen Identität und kulturellen Vielfalt. Mehr als die Hälfte der zweiundzwanzig bisherigen Programme sind inzwischen abgeschlossen. Einzelne ihrer Ergebnisse wie etwa jener der bekannten AHV-Studie haben die Tagespolitik nachhaltig beschäftigt. Viele andere haben zu direkten konkreten Massnahmen geführt. So fanden beispielsweise die im Rahmen des Programmes «Probleme des schweizerischen Wasserhaushaltes» gewonnenen Erkenntnisse unmittelbar Eingang in die Praxis der Grundwasserexploration und der schweizerischen Seesanierung.

Einem Beschluss des Bundesrates zufolge sollen die Ergebnisse des Programmes «Regionalprobleme der Schweiz» eine wichtige Grundlage für die Regierungsrichtlinien der kommenden Legislaturperiode bilden. Soviel als Hinweis darauf, mit welchen Mitteln Politik und Verwaltung in unserem Land sich Wissenschaft und Forschung für ihr Handeln nutzbar zu machen suchen. Charakteristisch dabei bleibt einerseits die äusserst pragmatische Ausrichtung, anderseits aber auch das direkte Zusammenwirken von Forschern und Anwendern der wissenschaftlichen Ergebnisse mit all den damit verbundenen Vor- und Nachteilen.

Schlussfolgerungen

Wir können und wollen nicht zu Max Weber und seiner rigorosen Trennung zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen Erkenntnissen und Handeln zurück. Wir wollen und dürfen auf der andern Seite politische Entscheidungen nicht wissenschaftlichen Experten überlassen, die weder demokratisch legitimiert noch kontrolliert sind.

Eine «Verwissenschaftlichung» der Politik ist insofern notwendig, als die Wissenschaft den Politikern Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung stellen muss. Dies geschieht auch bei uns bereits in vielfältigen Formen. Für die Zukunft wird es jedoch wichtig sein, dass dieser Beitrag der Wissenschaft weniger punktuell, sondern systematischer und umfassender erfolgt. Mit dem neuen Forschungsgesetz verfügt der Bund hierfür seit 1984 über ein wichtiges Instrumentarium. Dieses gibt ihm nicht nur die Möglichkeit, Institutionen der Forschungsförderung Mittel zur Verfügung zu stellen, sondern es ermächtigt den Bundesrat auch — unter Wahrung der Freiheit von Lehre und Forschung — Ziele und Dringlichkeiten der Forschungspolitik festzulegen. In diesem Sinne hat er denn auch am 22. Oktober 1985 unter anderem beschlossen, dass der Einsatz der Forschung für die Verbreitung, den Vollzug und die längerfristige Planung der Politik in den nächsten Jahren zu verstärken sei. Dazu wird es nicht nur mehr finanzielle Mittel brauchen, sondern auch eine verbesserte Nutzung und Umsetzung vorhandener Forschungsergebnisse und eine noch stärkere, ämter- und departementsübergreifende Koordination innerhalb der verschiedenen Politikbereiche. In diesem Sinne kann Politik nicht wissenschaftlich genug sein.

Für ein erfolgreiches Zusammenwirken von Wissenschaft und Politik nicht weniger bedeutsam ist ein frühzeitiges Erkennen von neuen Tendenzen in der Forschung, die als Basis für künftige forschungspolitische Zielsetzungen dienen können. Wir haben alles Interesse, dass sich jenes Beispiel aus den fünfziger Jahren nicht wiederholt, als die ETH Zürich eine elektronische Rechenmaschine entwickelte und über ein führendes Computerwissen verfügte, kaum jemand aber auf der Anwenderseite in unserem Land die Bedeutung dieser Arbeiten erkannte. Aber auch das Umgekehrte darf nicht vorkommen — nämlich, dass unsere Hochschulen eminente Anwendungsbedürfnisse moderner wissenschaftlicher Methoden nicht rechtzeitig in ihre Lehrprogramme aufnehmen. Im Auftrag des Bundesrates hat der Wissenschaftsrat

deshalb ein System der forschungspolitischen Früherkennung entwickelt, das Organen und Personen, die mit der Forschungsförderung betraut sind, jene zusätzlichen Informationen zur Verfügung stellen wird, die ihnen in Zukunft helfen sollen, Voraussetzungen und Folgen ihres Handelns längerfristig besser abschätzen zu können.

Wenn es den Wissenschaftern gelingt, den Politikern vermehrt Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung zu stellen, Zweck-Mittelrelationen und neue Handlungsalternativen aufzuzeigen, ferner die Folgen früher getroffener Entscheidungen wissenschaftlich zu analysieren und der Politik so einen Feedback zu geben, so wird der politische Handlungsspielraum wieder grösser und das Risiko von Fehlentscheiden kleiner.

Die Politiker müssen sich anderseits bewusst bleiben, dass wissenschaftliche Beratung zwar hilfreich sein kann, den politischen Entscheid jedoch nie zu ersetzen vermag. Fatal wäre auch, wenn die Politik die Wissenschaft allzusehr zu domestizieren versuchte —Wissenschaft kann nur in Freiheit gedeihen. Der Geist sperrt sich gegen die Organisation (Paul Valéry).

Und schliesslich müssen wir uns alle, Wissenschafter und Politiker, bewusst bleiben, dass wir in einer Welt der Ungewissheit leben. Wissenschafter wissen nie, wie lange die von ihnen aufgestellten Theorien Gültigkeit behalten. Noch weniger ist in der Politik mit Sicherheit vorauszusehen, wie sich Entscheide letztlich auswirken. Zum Glück, möchte ich sagen, denn diese Ungewissheit bedeutet gleichzeitig Freiraum, Offenheit für neue Fragen und neue Antworten. Nur so wird es Politik und Wissenschaft gemeinsam gelingen, die grossen Herausforderungen unserer Zeit zum Wohl aller zu bestehen.