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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Hochschule zwischen Politik und Wirtschaft

Ansprache von Rektor

Professor Dr. Johannes Anderegg

Wer in weit zurückreichenden Universitätsgeschichten blättert oder sich durch literarische und bildliche Darstellungen an die Frühzeit der Universität erinnern lässt, wird den Eindruck gewinnen, es sei die Universität am Anfang ihrer Geschichte ein in sich geschlossener, nach aussen weitgehend abgedichteter Hort gewesen, ein Hort ungestörten Nachdenkens und experimentierenden Erkundens, weit entfernt vom alltäglichen Leben, Aufenthalt einiger weniger, vielleicht auserwählter, aber doch vor allem absonderlicher und etwas weltabgewandter Forscher, eine Institution, deren äusseres Erscheinungsbild nicht selten Zeugnis ablegte von ihrer klösterlichen Abstammung und deren Für-sich-Sein auch darin zum Ausdruck kam, dass sie nicht nur eine eigene Legislative und Exekutive, sondern auch eine eigene Gerichtsbarkeit und noch wichtiger: ein eigenes Rechtsempfinden besass.

Seither haben sich die Verhältnisse grundlegend verändert. Aus einer kleinen Zahl von Wissenschaften hat sich eine Fülle verschiedener Wissenschaftsdisziplinen entwickelt. Diese scheinen ein frühes Stadium blossen Beschreibens schnell durchlaufen zu haben. Als erklärende haben sich vor allem die Naturwissenschaften, aber in ihrem Gefolge auch andere Disziplinen Prestige erworben: Es galt, Antwort zu geben auf die Frage nach Grund oder Ursache. Heute freilich haben die meisten Wissenschaften auch dieses Stadium hinter sich gelassen. Es geht ihnen kaum mehr darum, zu erklären was ist, sondern darum, Noch-nicht-Vorhandenes zu produzieren. Ziel ist nicht mehr die Ergründung von Wirklichkeit, sondern das Herstellen von Wirklichkeit. Orientiert am Fortschritt und Erfolg der Naturwissenschaften sind die Wissenschaften generell zu den grossen Machern geworden. Als solche haben sie den geschlossenen Laborraum ebenso verlassen, wie den gedanklichen Experimentierraum: Sie greifen unmittelbar ein in den Lebensraum von Natur und Gesellschaft.

Als Ort dieser modernen Wissenschaften hat auch die Universität ihr Gesicht völlig verändert. Sie ist nicht mehr ein Ort beschaulichen Nachdenkens abseits des sogenannten eigentlichen Lebens und seiner Probleme. Sie besteht nicht mehr für sich, sondern als ein Teil der allgemeinen gesellschaftlichen Struktur,

als Produktionsfaktor geradezu, als eine Institution, die Leistungen erbringt und dafür finanziert werden muss. Sie ist nicht mehr ein Ort für wenige, sondern Ausbildungsstätte für viele, und in dem Masse als die Wissenschaft unser Leben zu durchdringen vermocht hat, ist die Universität zur Massenuniversität geworden.

Dass die moderne Universität in vielfältiger Weise mit ihrem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Umfeld verflochten ist, nehmen wir heute als selbstverständliche Tatsache zur Kenntnis. Aber das heisst nicht, dass diese Verflechtung problemlos wäre. Vielmehr steht die Universität in einem Spannungsfeld, das zwar anregend sein kann, das aber auch irritiert und das zuweilen nicht ohne Gefahren ist. Im Blick auf die Hochschule St. Gallen sollen im folgenden einige wenige Probleme aus diesem Spannungsfeld skizziert werden.

Augenfällig wird die Verflechtung der Hochschule St. Gallen mit ihrem politischen und wirtschaftlichen Umfeld in der Struktur ihrer Institute. Diese begreifen sich nicht nur als Forschungszentren, sondern auch als Zentren der Vermittlung, des Kontakts zur Praxis, zur wirtschaftlichen ebenso wie zur politischen und juristischen. Es sei daran erinnert, dass dieser Sachverhalt auch bei der Finanzierung der Institute seinen Niederschlag findet: Sie werden im Durchschnitt nur zu 15% vom Staatshaushalt getragen und erhalten sich im übrigen durch ihre auf die Praxis gerichtete Forschungstätigkeit selbst. Diese Institutsstruktur ist keineswegs unproblematisch; sie verlangt insbesondere von den Institutsleitern zuweilen mehr als das Menschenmögliche, weil sie zugleich Lehrer, Forscher und Manager sein müssen. Die Frage der angemessenen Dimensionierung und das Problem der inneren Strukturierung haben denn auch während des letzten Jahres die Hochschulleitung intensiv beschäftigt. Dass die Hochschule aber grundsätzlich auf dem bisher eingeschlagenen Weg weitergehen will, kommt darin zum Ausdruck, dass im vergangenen Jahr zwei neue Institute das «Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht» und das «Institut für Politikwissenschaft» gegründet wurden.

Augenfällig wird die Verflechtung der HSG mit ihrer Umwelt auch in ihrer gegenwärtigen Expansion. Bei mehr als 800 Neueintritten

ist die Zahl der Studenten auf über 3200 angestiegen. Die Zahlen der Dozenten und der Verwaltungsmitarbeiter haben mit dieser Ausweitung nicht schritthalten können. Immerhin konnten im vergangenen Jahr zwei Professuren im Bereich der Volkswirtschaft besetzt werden. Mit zahlreichen Massnahmen hat die Hochschule versucht, dem Problem der grossen Zahl Herr zu werden: mit der doppelten Führung von Hauptvorlesungen, mit der zwölffachen Führung von Übungsgruppen, mit der Einbeziehung der Mittagszeit, der Abendstunden und des Samstagmorgens in die Unterrichtszeit. Was die Unterrichtsräume betrifft, so wird der Ergänzungsbau leider aber erst ab 1989 eine Verbesserung bringen. Für dessen reibungslosen Fortschritt sei an dieser Stelle insbesondere dem Hauptverantwortlichen, Herrn Kantonsbaumeister Arnold Bamert, Dank gesagt.

Hochschule und Politik

Internationalität

Als wissenschaftliche Hochschule lebt die Hochschule St. Gallen in einem internationalen Feld. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen halten sich nicht an Landes grenzen, wissenschaftliche Qualitätsmassstäbe sind von internationaler Gültigkeit, und international ist auch der Wettbewerb, dem sich die Wissenschaftler und die Hochschule als ganze zu stellen haben.

Die Hochschule St. Gallen ist aber auch insofern international ausgerichtet, als die meisten Probleme, mit denen sie sich lehrend und forschend befasst, international sind. Die grossen wirtschaftlichen, politischen und wirtschaftspolitischen Probleme der Gegenwart halten sich nicht an Landes grenzen. Die meisten Unternehmungen, nicht nur die grossen Konzerne, sondern auch die modernen Klein- und Mittelbetriebe, sind international ausgerichtet, und die Berufe, auf die die Hochschule vorbereitet, verlangen internationale Beweglichkeit.

Die Hochschule unternimmt erhebliche Anstrengungen, um in verschiedenen Hinsichten der Forderung nach Internationalität gerecht zu werden. Sie berücksichtigt sie bei der Berufung von Professoren und Gastprofessoren, und sie hat im vergangenen Jahr ein neues Stellenkonzept verabschiedet, das die Bedingungen für den eigenen Nachwuchs im internationalen Wettbewerb

verbessern und zugleich der Hochschule die Möglichkeit geben soll, im internationalen Wettbewerb um Nachwuchsleute mitzuhalten. Die Hochschule bemüht sich, die Bibliothek den internationalen Standards entsprechend auszubauen und zu modernisieren und den Anschluss an wichtige internationale Datenbanken herzustellen. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch die international ausgerichteten «St. Galler Forschungsgespräche» sowie die vielfältige Zusammenarbeit der Hochschule und ihrer Institute mit ausländischen Institutionen. Besonderes Augenmerk hat das Rektorat im vergangenen akademischen Jahr dem Kontakt zu Partneruniversitäten und dem Studentenaustausch zuteil werden lassen. Mit der Universität Chicago konnte eine neue Regelung getroffen werden, der Vertrag mit der Wirtschaftsuniversität Wien wurde ausgeweitet, mit der Ecole Supérieure de Commerce de Paris (ESCP) konnte ein Austauschvertrag unterzeichnet werden.

Die Internationalität, die dem Wissenschaftler selbstverständlich ist und selbstverständlich sein muss, wird nun aber dem Politiker eher fragwürdig erscheinen. Seine Sorge gilt dem gesellschaftlichen Zusammenleben in der Gemeinde, in der Region, im Staat, den er vertritt. Ihn beschäftigt vielleicht die Wohnungsmarktfrage in der Gemeinde mehr als die Raumnot der Hochschule, ihm geht es um die Belebung seiner Region, «seinen» Studenten möchte er vor allem einen Studienplatz sichern, in seinem Verantwortungsbereich will er die Arbeitsplätze gesichert, das Steueraufkommen vermehrt sehen; was die Personalpolitik betrifft, so möchte er vor allem jene Verdienste gewürdigt wissen, die ihm sichtbar geworden sind, und die Hochschule als ganze sieht er nicht so sehr im Zusammenhang mit ihren internationalen Konkurrenten oder Partnern, als vielmehr im Zusammenhang mit den anderen Schulen in Gemeinde oder Kanton. Erst in zweiter Linie wird sich der Politiker daran erinnern, dass die internationale Attraktivität seiner Hochschule dem Steuerzahler zum Vorteil gereicht, dass eine qualitativ hochstehende Forschung, sowohl direkt wie indirekt der Region und dem Kanton zugute kommt und dass ein st. gallisches Engagement für die gesamtschweizerische Aufgabe der Aus- und Weiterbildung aus der Sicht der übrigen Kantone dringende Verpflichtung ist.

Kreativität und Kontrolle

Es ist die Aufgabe des Politikers, in seinem Zuständigkeitsbereich bestimmend einzuwirken. Er will deshalb reglementieren und kontrollieren. Der Politiker möchte die Dinge, die Verhältnisse «im Griff haben», und er will dafür sorgen, dass die «Bäume nicht in den Himmel wachsen».

Die Perspektive des Rektors dieser (und jeder anderen) Hochschule ist davon ziemlich verschieden. Er fürchtet sich nicht davor, dass «Bäume in den Himmel wachsen» könnten, seine Sorge ist es vielmehr, dass sie überhaupt wachsen, dass sie nicht verdorren und dass zuweilen neue gesetzt werden. Auch kann er in zentralen Bereichen die Dinge nicht «in den Griff nehmen» wollen, denn das, was die Hochschule vor allem anderen braucht, lässt sich durch reglementierenden Zugriff nicht fördern: die Fähigkeit zur Innovation. Entdeckungen und Ideen kann man nicht anordnen, und weder die Quantität noch die Qualität wissenschaftlicher Leistungen lässt sich vorschreiben. Nicht einmal die Qualität der Lehre lässt sich durch Reglementierung halten; gesichert ist sie nur, wenn jeder einzelne Lehrende breit ist und die Möglichkeit hat, sein bestes zu geben. Möglich, dass solche Überlegungen für eine Wirtschaftshochschule von besonderem Gewicht sind: Sie muss auf die Veränderungen ihrer Umwelt schnell reagieren, und sie muss die Fähigkeit, schnell zu reagieren, vermitteln, sie muss flexibel sein und Flexibilität lehren, und weder das eine noch das andere lässt sich durch Vorschriften erreichen.

Der Wunsch des Politikers, zu kontrollieren, ist legitim dann jeden falls, wenn die Kontrollkriterien klar und wechselseitig anerkannt sind, und so lange jeden falls, als das Bestreben zu kontrollieren einhergeht mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Im Felde der Wissenschaft sieht er sich diesbezüglich mit Schwierigkeiten konfrontiert. Die Kriterien zur Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen sind nicht politische, sondern wissenschaftliche Kriterien; weder in der Forschung noch in der Lehre lassen sich wissenschaftliche Leistungen quantifizieren, und der Zeitfaktor bringt eine zusätzliche Irritation: Erfolg und Misserfolg zeigen sich oft erst mit erheblicher Verzögerung.

So ist die Begegnung zwischen Politiker und Wissenschaftler oft nicht unproblematisch. Der Wissenschaftler fühlt sich leicht missverstanden; er kann das, worum es ihm eigentlich geht, kaum darstellen, und das, was zur Sprache kommt, erscheint ihm oft eher peripher. Der Politiker neigt dazu, dem ganzen Bereich der Wissenschaft mit Misstrauen zu begegnen; er vermisst beim Wissenschaftler das Verständnis für die Probleme des Tages und den Sinn für die Grenzen dessen, was er als machbar erachtet; der Härte des wissenschaftsinternen Wettbewerbs, der wissenschaftsinternen Kontrolle wird er kaum gewahr, und so fürchtet er, dass der Wissenschaftler die Freiheiten missbrauche, die er ihm einräumt. Um so erfreulicher ist es, dass die Hochschule St. Gallen auch im vergangenen Jahr in vielen Fällen auf das Verständnis und die Hilfe verantwortlicher Politiker zählen durfte und dass sie in einem ihr besonders wesentlichen Bereich dem des Technologiemanagements auf nachhaltige Unterstützung von politischer Seite zählen darf.

Die Hochschule ihrerseits bemüht sich in mancherlei Hinsicht, Beiträge zum gegenseitigen Verständnis zu leisten. Mit wichtigen Teilen ihres Kurs wesens und anderer Dienstleistungsangebote richtet sie sich an Kanton und Region, die auf diese Weise an den Forschungen der Hochschule partizipieren. Das öffentliche Programm es steht seit dem Frühjahr 1986 unter der Leitung von Prorektor Professor Heinz Hauser gibt einer breiten Öffentlichkeit (im vergangenen Jahr haben sich wieder über 3000 Hörer eingeschrieben) die Gelegenheit, sich über den Stand der Forschung und über Forschungs weisen in verschiedensten Disziplinen zu in formieren, und für mehrere Berufsgruppen ist es im eigentlichen Sinne ein Weiterbildungsangebot. Schliesslich bemüht sich das Rektorat, mit einer vielfältigen und offenen Informationspolitik über die Erfolge, die Probleme, die Schwierigkeiten und ganz generell über das Leben an der Hochschule zu orientieren.

Spannungen zwischen Wissenschaft und Politik liegen in der Natur der beiden Bereiche, und im glücklichen Fall sind diese Spannungen fruchtbar. Dafür, dass diese Spannungen nicht lähmend werden, hat der Gesetzgeber selbst gesorgt: zwischen die politischen Organe einerseits und die akademischen andererseits hat er den Hochschulrat gestellt. Aus dem natürlichen

Spannungsfeld zwischen Politik und Wissenschaft heraus erwachsen die Erwartungen, die von beiden Seiten an ihn gerichtet werden. Konzipiert als ein Organ, welches das Vertrauen von beiden Seiten haben soll, kommt ihm eine entscheidende Vermittlungs- und Umsetzungsaufgabe zu. Nicht einfach der verlängerte Arm von Regierung oder Parlament und auch nicht ein vom inneren Leben der Hochschule bestimmtes Organ, hat der Hochschulrat die Möglichkeit, die grossen und wesentlichen, gesamthaften Anliegen der Hochschule nach aussen zu vertreten und nach innen, im Rahmen der politischen Möglichkeiten, jene Bedingungen zu schaffen, die es der Hochschule ermöglichen, ihren Auftrag zu erfüllen.

Nur in einem freien Raum kann sich jene Kreativität entfalten, die für die Wissenschaft, für die Lehre und für die Forschung und auch bei der Führung der Hochschule grundlegend ist. In totalitären Regimen müssen sich kreative Persönlichkeiten ihre Freiräume in versteckten Nischen suchen; im demokratischen Staat dagegen entsteht der Freiraum für die Kreativität der Wissenschaft (und übrigens auch der Kunst) durch bewussten Verzicht auf Machtausübung. Einen solchen Freiraum durch Machtverzicht herzustellen das erscheint mir als die vornehmste Aufgabe des Hochschulrats.

Hochschule und Wirtschaft

Spannungsreich ist auch das Beziehungsgeflecht, das die Hochschule mit der Wirtschaft verbindet. Politiker mögen zuweilen dazu neigen, die Hochschule als eine Verwaltungseinheit zu begreifen; Vertreter der Wirtschaft dagegen sehen die Hochschule gerne als eine Unternehmung. Sie erwarten von ihr unternehmerische Risikofreude und Flexibilität und zwar in einem Masse, dem selbst eine wirkliche Unternehmung nicht leicht zu entsprechen vermöchte und das demnach, zieht man die innere Struktur und die politische Abhängigkeit in Betracht, meist jenseits der Möglichkeiten einer Hochschule liegt.

Gross sind auf Seiten der Wirtschaft die Erwartungen im Hinblick auf die Resultate der Forschung. In Betracht gezogen wird dabei fast ausschliesslich die sogenannte angewandte Forschung;

aber gerade in diesem Bereich sieht sich die Hochschule (von der man nicht selten erwartet, dass sie ihre Leistungen zu besonders günstigen Bedingungen erbringe) in scharfer Konkurrenz mit hochdotierten unternehmenseigenen Forschergruppen. Die für die Gesamtheit der Hochschule und die Erfüllung des Auftrags wesentliche Grundlagenforschung findet auf Seiten der Wirtschaft wenig Beachtung und nur sehr selten Unterstützung.

Was die Ausbildung betrifft, so erwartet die Wirtschaft von der Hochschule ein hohes, zuweilen auch ein höchstes Niveau. Als eine staatliche Hochschule ohne Numerus clausus kann die Hochschule St. Gallen aber, auch bei streng selektionierendem Prüfungswesen, nicht nur Spitzenkräfte ausbilden. Auch gilt es zu bedenken, dass die Wirtschaft gerne und mit Leichtigkeit gerade jene hochqualifizierten Nachwuchskräfte abwirbt, deren die Hochschule bedarf, wenn sie den fremden und eigenen Ansprüchen an Forschung und Lehre gerecht werden will.

Während langer Zeit haben die verschiedensten Wissenschaften durchaus bewusst den Eindruck erweckt, sie seien im Stande, der anfallenden Probleme Herr zu werden und jene Sicherheit zu gewährleisten, nach der sich die Gesellschaft sehnt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Wirtschaft auch heute noch dazu neigt, von der Wissenschaft jene Absicherungen, jene Gewissheiten zu erhoffen, die sie selbst nicht hervorbringen kann, dass sie von der Wissenschaft Rezepte erwartet, mit deren Hilfe sich gegenwärtige und künftige Krisen bewältigen lassen sollen. Rezepte aber sind nicht geeignet, die veränderliche Wirklichkeit zu bewältigen, und was die Hochschule bieten kann, ist ein Training in Skepsis eher als gesichertes Wissen. Im besten Fall können die Wirtschaftswissenschaften durch Forschung und Lehre zur Flexibilität erziehen, können sie die Fähigkeit fördern, mit dem Nicht-Vorhergesehenen umzugehen.

Es darf hier freilich nicht der Eindruck entstehen, es sei das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Hochschule von Missverständnissen geprägt. Vielmehr ist der Dialog zwischen der Hochschule und der Wirtschaft seit Jahren lebendig, spannungsreich gewiss, aber fruchtbar, und ohne die materielle und ideelle

Unterstützung von Seiten der Wirtschaft könnte die Hochschule ihren Auftrag nicht erfüllen. Vielfach kommen Vertreter der Wirtschaft im Studienbetrieb und im öffentlichen Programm zu Wort, und in den Beiräten und geschäftsleitenden Ausschüssen der Institute und der Weiterbildungsstufe wirken sie unmittelbar mit bei der Lösung anstehender Aufgaben. Im Bewusstsein, dass die alte Forderung nach Praxisbezug eine permanente und wesentliche Herausforderung für die Hochschule darstellt, hat das Rektorat sich im vergangenen Jahr bemüht, die Kontakte zur Wirtschaft zu vertiefen. Besuche des erweiterten Rektorats bei Konzernleitungen und Gegenbesuche an der Hochschule, sowie Gespräche mit einzelnen Vertretern der Wirtschaft fanden vielfältigen Niederschlag: bei der Ausarbeitung des Nachdiplomstudiums in Unternehmungsführung, bei der Konzeption einer Weiterbildung für Führungskräfte aus kleinen und mittleren Unternehmungen und nicht zuletzt auch bei der Arbeit an der vor gut einem Jahr begonnenen Studienreform, zu deren Ziel es gehört, eine generalistische Ausbildung zu sichern und die Selbständigkeit der Studierenden zu fördern.

Hochschulautonomie

In vielerlei Hinsicht ist die Hochschule von ihrem politischen und wirtschaftlichen Umfeld abhängig. Ihrem Auftrag kann sie nur dann gerecht werden, wenn sie auf seiten der Politik so viel Vertrauen findet, dass ihr der für Forschung und Lehre unentbehrliche Freiraum eingeräumt wird, und wenn sie auf Seiten der Wirtschaft so ernstgenommen wird, dass ein konstruktiver Dialog, auch mit kritischen Einschlägen, durchgehalten werden kann. Die Einsicht in solche Abhängigkeiten darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hochschule ihre Aufgabe allemal selbst lösen muss, dass sie es ist, die den Freiraum initiativ und innovativ ausfüllen und die Anregungen und Herausforderungen des Dialogs mit der Wirtschaft in die Tat Umsetzen muss. Es genügt nicht, sich unter Berufung auf die Praxis zu einer generalistischen Ausbildung und zu einer ganzheitlichen Forschung zu bekennen; vielmehr muss sich in Lehre und Forschung zeigen, dass die Hochschule bereit und im Stande ist, der heute üblichen Partikularisierung des Weltbilds, der konventionellen

Segmentierung des Wissens entgegenzuwirken und die Integration der an der Hochschule vertretenen Wissenschaften voranzutreiben.

Praxisbezug ist mehr als gelegentliche Praxiskontakte; Praxisbezug das ist eine bestimmte Art und Weise, Wissenschaft zu betreiben. Praxisbezug meint zum Beispiel die Bereitschaft, ein keimfreies Theoriegebäude zu verlassen, wenn die tatsächlich drängenden Probleme dies erfordern. Allzu oft klafft eine Lücke zwischen dem, was konventionelle Wissenschaft zu leisten vermag und dem, was zur Bewältigung wirklicher Probleme notwendig wäre. Die Wirklichkeit wird sich den Möglichkeiten der Wissenschaften nicht anpassen; Praxisbezug zeigt sich deshalb im Ernstnehmen der wirklichen Probleme, auch wenn dies ein Abweichen von konventionellen, von liebgewordenen Denkmustern erfordert. Hier, innerhalb der Wissenschaft selbst, gilt es, die so oft geforderte Flexibilität und vor allem Risikobereitschaft zu zeigen.

Aufgaben der skizzierten Art lassen sich nicht von einzelnen lösen, und ihre Lösung lässt sich nicht durch Anordnungen erwirken; nicht als eine Summe von einzelnen, sondern nur als Gemeinschaft kann die Hochschule ihren Auftrag erfüllen. Rückblickend auf das vergangene Jahr darf sie sich in dieser Hinsicht einiger Erfolge erfreuen: Ein Nachwuchs- und Personalkonzept fand breite Zustimmung; in der Studienreform ist die Suche nach einer gemeinsamen Basis weit gediehen; für das Nachdiplomstudium konnte, unter der Leitung von Prorektor Professor Rolf Dubs, eine breite Abstützung in der Dozentenschaft gefunden werden. Aber immer wieder von Neuem geht es darum, den gemeinschaftlichen Willen zu Neuem so sehr zu stärken und zu entfalten, dass die natürlichen beharrenden Kräfte jedes einzelnen überwunden werden können.

Die Kultur eines Staates zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er Lind wie er jenen Freiraum schafft, in dem sich die Wissenschaften entfalten können. Die Kultur einer Hochschule zeigt sich darin, dass es und wie es ihr gelingt, diesen Freiraum in der Verantwortung vor der Gesellschaft gemeinschaftlich handelnd auszufüllen.