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Medizin und Universität — Medizin und Gesellschaft

Eine programmatische Rede

Rektoratsrede von

Prof. Dr. Marco Mumenthaler
Verlag Paul Haupt Bern 1989

CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Mumenthaler, Marco:
Medizin und Universität —Medizin und Gesellschaft:
eine programmatische Rede; Rektoratsrede / von Marco
Mumenthaler. —Bern; Stuttgart: Haupt, 1989
(Berner Rektoratsreden; 1989)
ISBN 3-258-04143-l
NE: GT
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 1989 by Paul Haupt Berne
Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig
Printed in Switzerland

Medizin und Universität — Medizin und Gesellschaft

Eine programmatische Rede

Rektoratsrede von Prof. Dr. Marco Mumenthaler

1. Einleitend

Es gehört zur Tradition bernischer Rektoratsreden, dass der sein Amt antretende neue Rektor aus seinem eigenen Fachgebiet vorträgt. Dies haben weitgehend auch 15 Mediziner getan, welche in den vergangenen 80 Jahren bereits eine Rektoratsrede hielten. Folgerichtig müsste ich Ihnen also etwas über die Neurologie, ihre Errungenschaften, ihre Entwicklungstendenzen, ihren Beitrag zum Fortschritt der Medizin oder ähnliches berichten. Ich will dies nicht tun, und zwar aus mehreren Gründen. Wenn ich also von der Tradition abweiche, so nicht etwa aus grundsätzlicher Ablehnung der Tradition — was Erleichterung bei einigen erzeugen mag! Aber auch nicht etwa, weil ich glaube, dass alles Neue und Andersartige besser als das Frühere wäre — was Enttäuschung bei anderen bewirken dürfte! Die Gründe für die Wahl eines nicht ganz der Tradition verpflichteten Titels dieser Rektoratsrede sind vielmehr durchaus rationale und sollen wie folgt umschrieben werden: In fast 40 Jahren der Ausübung des Berufes eines Neurologen, in 27 Jahren meiner Zugehörigkeit zu einer Medizinischen Fakultät, sind immer mehr Zweifel an der Bedeutsamkeit des eigenen engeren Fachbereiches aufgekommen. Immer deutlicher wurde hingegen die Erkenntnis, dass wir einen wesentlichen Teil unserer ärztlichen Aufgabe nur dann erfüllen können, wenn wir ein engeres Fachgebiet in ständiger Beziehung mit der ganzen Medizin sehen. Daher werde ich nicht über die Neurologie, sondern über Medizin reden.

Ein weiteres Noch drängte sich mir seit der Habilitation vor fast 30 Jahren auf: Der ungeheure Wissenszuwachs in der Medizin, der zunehmende technologische Aspekt, die zunehmende Zahl Auszubildender drängte mich immer unerbittlicher in die Rolle des Wissensvermittlers und Fachlehrers und immer mehr weg von der Funktion des Dozenten im Sinne des akademischen Lehrers an einer Universität. Daher werde ich also über Medizin und Universität reden.

Ein weiterer Grund kommt hinzu: Vor allem in den vergangenen 20 Jahren etwa hat eine grundlegende Wandlung der Wechselwirkung zwischen dem Menschen in seiner Berufsausübung

Prof. Dr. med. Marco Mumenthaler

Prof. Marco Mumenthaler ist 1925 geboren und wuchs als Auslandschweizer in Mailand auf, wo er die Mittelschule absolvierte und die Maturität ablegte. Das Medizinstudium in Zürich, Paris und Amsterdam schloss er 1950 in Basel mit dem Staatsexamen ab. Er bildete sich dann in Paris und in der Schweiz zum Spezialarzt aus und habilitierte sich 1960 in Zürich für das Fach Neurologie. Er war zunächst Oberarzt der Neurologischen Universitätspoliklinik und dann Leiter der Forschungsabteilung jener Klinik in Zürich, arbeitete während eines Jahres am National Institute of Health in Bethesda, Md., in den USA. Seit 1962 leitet er, zunächst als vollamtlicher Extraordinarius, seit 1966 als Ordinarius die Neurologische Klinik der Universität Bern.

Im Rahmen der Medizinischen Fakultät fungierte er als Fachgruppenpräsident, als Fakultätssekretär und als Vorsitzender des Ärztekollegiums des Universitätsspitals. In gesundheitspolitischen Belangen hat sich Prof. Mumenthaler für die Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegepersonal sowie für die Weiterbildung der Ärzte eingesetzt und ist zurzeit Vorsitzender der Weiterbildungskonferenz für Ärzte. Nicht zuletzt seine im Ausland erworbenen Sprachkenntnisse haben es ihm auch immer wieder ermöglicht, Funktionen in ausländischen Fachverbänden, im Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und anderen internationalen Gremien auszuüben.

Sein spezielles Forschungsgebiet umfasst die Erkrankungen der peripheren Nerven, die Muskelkrankheiten sowie die Kopfschmerzen. Prof. Mumenthaler hat immer ein reges Interesse an der Didaktik im Hochschulbereich gezeigt. Er hat sich im Rahmen der Studienreform der Berner Medizinischen Fakultät für die Bereitstellung neuer Unterrichtsmittel engagiert und zahlreiche Lehrbücher für Ärzte und Studierende verfasst, die in insgesamt elf Sprachen erschienen sind. einerseits und der Umwelt andererseits stattgefunden. Während noch vor 30 Jahren eine weitgehende Autonomie in der Entwicklung einzelner Wissenschaftsbereiche und Fachgebiete durch günstige ökonomische Bedingungen und durch rasante technologische Errungenschaften ermöglicht wurde, und übrigens durch unerschütterlichen Glauben an den Segen des Fortschrittes legitimiert wurde, haben sich diesbezüglich die Voraussetzungen gründlich geändert:

— Knappere Mittel zwingen die Gesellschaft und uns selber zum selektiven Einsetzen derselben.

— Die zunehmende Dichte der Weltbevölkerung hat das Problem der Umweltbelastung und die Grenzen des Wachstums ins Bewusstsein gebracht.

— Der trotz technologischem Fortschritt nicht erreichte Glückszustand einer von Hunger, Krieg und Unrecht geplagten Menschheit zwingen uns zur Revision unserer Wertmassstäbe

und zu neuen Zielsetzungen.

Dies alles konvergiert in der Forderung, dass wir alle bei der Verfolgung unserer durchaus legitimen fachbezogenen Arbeits- und Entwicklungsziele mehr und mehr auch die Beziehung zur Umwelt und zu den Mitmenschen, zur Gesellschaft also, in der wir eingebettet sind, mit im Auge behalten sollen. Daher also muss ich auch zum Thema Medizin und Gesellschaft sprechen.

Und schliesslich noch ein Letztes: Am heutigen Tag spricht erstmals ein Rektor, dessen Amtsdauer nicht nur ein Jahr, sondern ein wenig länger — wenn auch nicht viel länger —betragen wird. Dies bringt rein theoretisch die Möglichkeit mit sich, gestaltend und prägend zu wirken. Gewiss sind die Randbedingungen kaum verändert, gewiss sind realiter die Möglichkeiten zum Wandeln sehr begrenzt. Ohne also einer unkritischen und unrealistischen Planungseuphorie sich hinzugeben, legitimiert die etwas längere Rektoratszeit immerhin die Andeutung eines Programmes. Daher werde ich eine programmatische Rede halten.

2. Medizin und Universität

2.1 Fragen

Und nun zur Sache. Zum Thema der Beziehungen der Medizin zur Universität drängen sich zunächst einige —zugegebenermassen zum Teil provokatorische —Fragen auf. Welches ist die Stellung einer Medizinischen Fakultät im Vergleich zu den anderen Fakultäten unserer Hochschule? Hat unsere Fachschule für Ärzte überhaupt einen Platz im Gefüge einer auf Forschung, auf Querverbindungen und Horizonterweiterung basierenden Universität? Kann man noch zur Forschung in der Medizin stehen, wenn man Aspekte wie die Tierversuche, Medikamentennebenwirkungen, extracorporelle Befruchtung, künstliche Lebensverlängerung und Genmanipulation berücksichtigt? Gehört eine Medizinische Fakultät noch in den Verband der Universität, wenn man weiss, dass laut Jahresbericht 1987/88 die 662 Assistenzärzte und Oberärzte zwar 54% der 1228 Universitätsassistenten und Oberassistenten ausmachen, dass aber die allermeisten dieser Medizinassistenten sich lediglich eine fachliche Weiterbildung im Hinblick auf die Ausübung des Arztberufes am Universitätsspital zulegen wollen und keineswegs akademische Ambitionen haben? Im Gegensatz zu jenen der anderen Fakultäten erfüllen sie nur sehr begrenzt Forschungs- und Lehraufgaben, und eine der jährlich etwa 900 medizinischen Dissertationen unseres Landes kann beispielsweise nicht mit den gleichen Massstäben wie in anderen Fakultäten gemessen werden. Kann man die Angehörigen der Medizinischen Fakultät, die vollamtlichen Professoren, ernstlich mit den gleichen Massstäben wie die Hochschullehrer

anderer Fakultäten messen? Vergessen wir nicht, dass vornehmlich die zahlreichen Klinikleiter unter Ihnen zu einem Übermass an Administration und Dienstleistung als Direktor einer Institution mit bis zu 200 Mitarbeitern verpflichtet sind, dass sie, als oberste praktisch-ärztliche Instanz, täglich persönlich Verantwortung für zahlreiche Menschenleben mitzuübernehmen haben, dass viele in Spitalgremien oder im Rahmen der Ärzteorganisation oder gesundheitspolitischer Gruppierungen mitzuwirken haben und gewissermassen daneben dann noch recht ausgedehnt Lehre und auch Forschung betreiben sollten. Wen wundert es, dass der eine oder andere den Blick für das Übergeordnete universitäre Ganze verliert oder seine Akzente falsch setzt? Aber gehört dann diese Tätigkeit noch in den universitären Rahmen?

2.2. Historisch

Historisch gesehen besteht ja wohl kein Zweifel: Zusammen mit Philosophie, mit Jurisprudenz und mit der Theologie betrachtete man als eine der vier Fakultäten einer Universität seit alters her die Medizin. Ohne Faustens Monolog zu zitieren sei daran erinnert, dass es diese vier Fakultäten waren, welche im Abendland schon im Mittelalter die ersten Säulen der Universität darstellten. Die Medizin war die erste, für welche die Verpflichtung zur Wissenschaftlichkeit im Sinne naturwissenschaftlichen Grundlagenstudiums stipuliert wurde: 1240 erliess der Hohenstaufer-Kaiser Friedrich der Zweite ein Gesetz, welches die Teilnahme an der Sektion einer menschlichen Leiche im Rahmen der Ausbildung an einer medizinischen Fakultät der Universitäten Süditaliens und Siziliens vorschrieb. Dass dennoch über Jahrhunderte vorgefasste Meinungen und Dogmen die Lehren der Medizin beherrschten, zeigt höchstens, dass Naturbeobachtung alleine nicht Erkenntnisse schafft, wenn sie nicht von kritischer Aufmerksamkeit, von logisch deduktivem Denken, von der Bereitschaft, Geglaubtes in Frage zu stellen, und von Unvoreingenommenheit begleitet wird.

2.3 Naturwissenschaftliche Ära

Dieser Übergang von der Doktrin zur Forschung vollzog sich auch für die Medizin im Rahmen der Universitätsreform durch Wilhelm von Humboldt. Die industrielle Entwicklung und damit verbunden der technische Fortschritt in der Mitte des letzten Jahrhunderts stellten auch für die Medizin Erkenntnisse und Arbeitsinstrumente zur Verfügung, welche der Entfaltung des Wissens und dem Aufbau systematischer Kenntnisse über Anatomie und Funktion des menschlichen Organismus dienten. Das Experiment hielt in der Physiologie Einzug, die Biochemie, die Erforschung der Infrastruktur mit dem Mikroskop — seit 1933 mit dem 60000fach vergrössernden Elektronenmikroskop — trugen ihren Teil bei. Die Molekularbiologie schliesslich,

die einen grossen Teil dieser Einzelbereiche wieder synthetisch zusammenfasst, hat die Medizin als Wissenschaft immer exklusiver in den Bereich des Messbaren und Steuerbaren, in den Baupreis also, und auch in die Abhängigkeit der Naturwissenschaften gebracht. Insofern also ist und bleibt Medizin eine Wissenschaft, und als solche ist sie auch als Teil der Universität legitimiert. Trotz dieser grundsätzlichen und klaren Bejahung der Universitätszugehörigkeit auch der Medizinischen Fakultät bleiben eine Reihe der eingangs aufgeworfenen Fragen und problematischen Aspekte unbeantwortet, namentlich die Mehrfachfunktionen der medizinischen Fakultätsangehörigen betreffend.

2.4 Weg von den Naturwissenschaften?

Mehr und mehr hat in letzter Zeit die ausschliesslich naturwissenschaftliche Bindung der Medizin zu Gegenbewegungen geführt. Dies aus sehr unterschiedlichen Gründen. Sie sind zum Teil in der Ausübung der Medizin durch uns Arzte selber zu suchen, zum Teil aber in einem allgemeineren gesellschaftlichen Wandel und in Wertverschiebungen. Erwähnt seien nur einige der Ursachen: Das Versagen naturwissenschaftlich-kausaler Betrachtungsweisen bei der Betreuung der zahlreichen psychosomatisch bedingten Beschwedebilder begründete entsprechende neue Schulen und Institutionen. Die technisch mögliche Stützung der vitalen Funktionen beim Hirntoten, die im Extremfall zur Erhaltung eines vegetativen Daseins ohne menschenspezifische Qualität führen kann, rief EXIT-Erklärungen und Juristen auf den Plan. Die nicht immer vermeidbaren Nebenwirkungen stark wirksamer Medikamente liessen den Ruf nach homöopathischen Medikamenten und überhaupt nach Alternativmethoden laut werden: Gemäss einer Umfrage bei Mitgliedern der Bernischen Ärztegesellschaft im Frühjahr 1988 wandten nicht weniger als 60% solche Methoden selber an oder überwiesen die Patienten für solche Behandlungen. Die Sorge um einen kritiklosen Missbrauch von Laboratoriumstieren zu Versuchszwecken bewirkte Tierschutzgesetze, die Angst vor unverantwortbaren Untersuchungen und Versuchen am Menschen zum Gewinnen neuer wissenschaftlicher Daten hat ethische Kommissionen — auch an der Medizinischen Fakultät Bern —einsetzen lassen. Die Möglichkeit, durch Eingriffe an Chromosomen das Genom zu verändern und damit das Erscheinungsbild von Pflanze und Tier gezielt zu beeinflussen, hat zur Angstvorstellung des von Menschen fabrizierten Ungeheuers und zur Kampfansage gegen die Gentechnologie geführt. Steigende Kosten im Gesundheitswesen und finanzielle Missbräuche einzelner veranlassten staatliche Eingriffe und Kontrollen. Darüber hinaus aber erzeugten Fehlverhalten einzelner einerseits sowie die dem Wirken des Arztes immanente Machtposition

andererseits Misstrauen und Ablehnung. Und dies alles hat auf die Medizin an sich, also auch auf die Medizin als Teil der Universität und somit auf die Universität selber, zumindest indirekt Auswirkungen.

3. Medizin und Gesellschaft

Gerade am Beispiel der Medizin wird klar, wie diese und damit die Universität, der sie angehört, in einem sehr dynamischen Verhältnis zur Gesellschaft, ihren Forderungen sowie ihren Entwicklungen und Wandlungen steht. Wenn die bisherigen Ausführungen vom Beispiel der Medizin ausgingen, so kann uns dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass ähnliches auch für so gut wie alle anderen Bereiche der Wissenschaft gilt, die an unserer Universität gepflegt werden, vielleicht mit Ausnahme vereinzelter Orchideenfächer. Dies aber, dieser immer deutlichere Anspruch der Gesellschaft an die Universität, fordert von uns vier Dinge:

— das Hören dieses Aufrufes

— das Offenbleiben für Wandlungen — die Fähigkeit, unser Reagieren in angemessene Strategien zu kleiden

— und schliesslich und vielleicht vor allem: die Haltungen und Strukturen der Gesellschaft durch unser eigenes initiatives Wirken aufgrund unserer Forschungs- und Lehrtätigkeit aktiv und konstruktiv mitzugestalten.

4. Strategien einer Wandlung —programmatische Schlussfolgerungen

Und damit komme ich zum letzten programmatischen Abschnitt meiner Ausführungen, nämlich zur Frage einer Strategie einer gesellschaftsgerechten Wandlung der Universität in der Zukunft. Lassen Sie mich zunächst einmal eine andere Gruppe unter Ihnen enttäuschen: Jene nämlich, die sich nach den bisherigen Ausführungen vom ersten mehrjährigen Rektor ein kritikloses Eingehen auf alle Appelle und Änderungswünsche um ihrer selbst willen erwarten. Nicht alles, was neu ist, ist besser. Die Zukunft in Freiheit wurde im Europa des beginnenden 19. Jahrhunderts wesentlich von Universitätsangehörigen, Studenten und Dozenten gestaltet. Auch heute gehen in vielen Ländern aller Kontinente von den Universitäten gesellschaftsrelevante Erneuerungen aus. Es ist bitter, erfahren zu müssen, dass diese gelegentlich zunächst mit Gewalt unterdrückt werden. Auf die Dauer aber lässt sich demokratische Freiheit nie verhindern. Nichts verbietet uns, auch in einem friedlichen und etwas satten Lande, als Universität aktiv an einer Evolution unserer Gesellschaft teilzunehmen und diese mitzugestalten. Wenn dabei keine Molotowcocktails zum Einsatz kommen, so mag dies der eine oder andere vielleicht bedauern — dem Erreichen eines konstruktiven Zieles muss dies aber nicht unbedingt abträglich sein.

An dieser Stelle könnte ich der Versuchung erliegen, Ziele der neuen Universitätsleitung für die kommenden zwei Jahre im Detail zu formulieren, ein politisches Programm gewissermassen zu umschreiben. Ich will mich auf die Skizzierung einiger Probleme beschränken, die uns in allernächster Zeit beschäftigen müssen. Es könnte diese Liste übrigens schon eine Themensammlung für eine nächstjährige Rektoratsrede sein. Welche Probleme also müssen wir in den kommenden Jahren lösen? Welche Prioritäten werden wir setzen? Lassen wir diese letztere Frage, die zum Teil auch von ausseruniversitären Faktoren abhängt, noch offen, und zählen wir die Probleme zunächst auf:

— Im Rahmen der neuen Universitätsstrukturen müssen

•die Fakultäten und die neue Universitätsleitung ein unverkrampftes, angstfreies Verhältnis zueinander finden. Dies im Dienste einer Wahrung der legitimen föderalistischen Ansprüche der Fakultäten einerseits, jedoch unter Schaffung der notwendigen Stärke und Einheitlichkeit übergeordneter universitärer Ansprüche andererseits. Gelingt dies nicht und behalten Partikularinteressen immer die Oberhand, dann wird die Universität immer mehr zum Spielball äusserer Einflüsse werden.

• Innerhalb der Universitätsleitung müssen die Aufgabenverteilungen sich einspielen. Vor allem muss die Art der Zusammenarbeit geübt werden. Die sechs Mitglieder der Universitätsleitung dürfen nicht eine lose Gruppe von Einzelkämpfern sein, sondern müssen über ihre individuelle Haltung hinaus in wesentlichen Belangen einen gemeinsamen Standpunkt wirksam vertreten.

— Über die formalen Strukturen hinaus muss das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Universitätsangehörigen gefördert werden. Ich betone: aller, also nicht nur der mit administrativen Funktionen ausdrücklich betrauten, sondern aller Mitglieder sowohl der Angehörigen des Lehrkörpers wie auch der Studenten, welcher Richtung und Gruppierung sie auch immer angehören mögen. Die nötige Offenheit und Toleranz, um auch Heterogenes zu vereinen, sollte gerade die Universität bei Gott doch aufbringen können. Es soll unsere Universität sein, die jeden von uns angeht und der sich jeder von uns verpflichtet und verbunden fühlt.

Die Stellung der kantonalen Universitäten im schweizerischen und europäischen Verband wird in allernächster Zukunft grossen Wandlungen unterworfen sein. Das Stichwort ist hier Freizügigkeit. Die Leitgedanken, nämlich die gegenseitige Anerkennung der Diplome, Prüfungszeugnisse und anderer Befähigungsausweise, sind schon 1957 im Gründungsvertrag der EG enthalten und in den Hochschulkonventionen

des Europarates in Strassburg bestätigt worden. Ohne die problematischen Aspekte — z.B. jenen der Niederlassungsfreiheit — ignorieren zu wollen, würde es einer Institution, die in ihrem Namen sogar das Universale postuliert, sehr schlecht anstehen, wenn sie in ängstlicher Abkapselung die Zukunft verweigern würde.

— Ein weiterer Problemkreis betrifft die Stellung der Universität im Verhältnis zu politischen Instanzen und den vorgesetzten Behörden. Das Stichwort lautet hier Autonomie. Unter Autonomie versteht die Universität keineswegs Willkür, gesellschaftliche Unverbindlichkeit, Herauslösung aus jeglichem Bezugssystem oder gar Narrenfreiheit. Jedoch ist die Erfüllung einer fundamentalen Aufgabe der Universität, nämlich die Forschung im Sinne der Wahrheitsfindung, nur in einem Umfeld mit sehr viel Freiheit möglich. Wo Misstrauen und Kontrolle vorherrschen, kann fruchtbare Forschung nicht stattfinden. Es ist dann jener Zustand erreicht, den der Musikkritiker Volkmar Braunbehrens in seiner Mozart-Biographie für das letzte Viertel des 18. Jahrhundets in Wien schildert: «Zwar war der kirchliche Einfluss (vor allem der der Jesuiten) vollständig gebrochen, aber die Universitäten verloren zugleich auch ihre Autonomie und standen gänzlich unter staatlichem Zwang. Das Unterrichtswesen wurde völlig verschult..., eine Erfolgskontrolle eingeführt und die Studiendauer dadurch beträchtlich verkürzt. Die Folge war eine Entwissenschaftlichung der Universität, die ihren Stellenwert als Forschungsanstalt fast gänzlich verlor;... Die Universität war nicht mehr ein Teil der Gelehrtenrepublik, sondern ein in jeder Weise unselbständiges, staatlich kontrolliertes Ausbildungsinstitut.» Das Vertrauen in die Universität zu rechtfertigen ist unsere Aufgabe. Den vertrauensvollen Freiraum nicht zu zerstören, in dem allein Forschung und Fortschritt gedeihen können, ist jedoch Aufgabe unserer politischen Instanzen und vorgesetzten Behörden. Der Ruf nach dem Nutzen und der Anwendung darf nie an den Anfang der Forschung gestellt werden. Ebenso wenig darf Forschung aber zum Selbstzweck werden, da sie sonst, wie dies Jaspers ausdrückte, «...in die Endlosigkeit des bloss Richtigen...» entgleist.

In diesem Bereiche kann niemals ein Diktat, sondern nur der offene Dialog mit den Regierungsinstanzen und der Öffentlichkeit zu einer konstruktiven Lösung echter Probleme führen. Hierbei sind die legitimen Ansprüche beider Seiten zu berücksichtigen, jedoch auch den Sachkompetenzen Rechnung zu tragen.

Doch genug der Problemlisten. Werden wir wieder konkret in bezug auf die Strategie der Schritte zum Wandel. Eine Wandlung muss im Sinne der Wissenschaft mit der Definition der Ziele und Prioritäten beginnen und

unter Berücksichtigung der Prinzipien der Logik und der Machbarkeit vor sich gehen. Beginnen wir mit einigen praktischen Randbedingungen unserer ökonomischen und strukturellen Gegebenheiten:

— Die notwendigen Mittel müssen beschafft werden.

— Die schlussendlich vorhandenen Mittel müssen optimal genutzt und wenn nötig selektiv für die zu erreichenden Ziele eingesetzt werden.

— Es muss Kongruenz zwischen den vorhandenen und optimal genutzten Mitteln einerseits und den gestellten Aufgaben andererseits herrschen. Dies bedingt für die Universität u.a. auch die Freiheit, Aufgaben zu verweigern.

— Wir müssen einen Verwaltungsapparat und vor allem eine Führungsstruktur in der Universität haben, welche das permanente Schritthalten mit den notwendigen Wandlungen ermöglichen. Das neue Universitätsgesetz hat gewisse Voraussetzungen hierfür geschaffen — wenn auch nur bruchstückhaft.

— Dies alles ist wertlos, wenn nicht jeder Universitätsangehörige motiviert und engagiert für die übergeordneten Interessen mitzuwirken gewillt ist. Er muss dies als Pflicht und Ehre und nicht als lästige Zusatzaufgabe empfinden. Dies sei als Warnung für viele von Euch ganz klar gesagt: Trotz sogenannt stärkerer Universitätsleitung ist und bleibt unsere Universität eine Milizorganisation, die nur bei gewissermassen ausserdienstlichem Einsatz aller überleben kann. Dies gilt für Dozenten und für Studenten.

— Die Geisteshaltung, in welcher die Universität neue Aufgaben im Rahmen einer sich wandelnden Gesellschaft bewältigt, muss im ursprünglichen und echten Sinn des Wortes wissenschaftlich sein. Dies bedeutet

• klare Fragestellung bzw. Zielsetzung,

• beste Information,

• vorurteilsfreie Analyse der Fakten,

• Suche nach kausalen Zusammenhängen,

• und Formulierung einer Strategie zum Erreichen der gesteckten Ziele.

In die Definition dieser letzteren dürfen ruhig auch wertende Momente mit einfliessen.

Wichtiger aber als diese formalen und das intellektuelle Instrument betreffende Prämissen sind einige weitere Voraussetzungen einer gesellschaftsgerechten Strategie für die Universität. Zunächst einmal ein offener Geist für das Neue und das Andersartige.

Et c'est bien ce mot-clé «d'esprit ouvert», Mesdames et Messieurs, qui me donne l'occasion de poursuivre dans une autre langue, langue qui d'ailleurs n'est, comme l'allemand, pas la mienne. Ces quelques mots en français représentent un acte symbolique: Ils documentent l'ouverture de notre université

vers ce qui est different et vers tous ceux qui représentent une minorité C'est aussi pour confirmer que notre canton n'est pas seulement bilingue, mais, qu'en plus les portes de notre université restent largement ouvertes aux romands désirant y entrer. Qu'ils emploient leur langue, qu'ils comprennent la nôtre et qu'ils soient les bienvenus.

Berne a eut depuis toujours cette fonction de pont entre la culture et langue alémanique d'une part et les régions romandes de notre pays d'autre part. Notre université se doit d'assumer cette part de responsabilité.

E se già stiamo parlando di apertura, permettetemi di aggiungere due parole in quella che è in realtà la mia madre lingua. Lo faccio in onore della terza regione del nostro paese quella italiana e cioè del Ticino. Lo faccio però anche per quella che fu per me la prima patria, l'Italia. Sopratutto vorrei incoraggiare gli studenti Ticinesi a venire a fare i loro studi universitari a Berna. Come ne ha dato prova il mio predecessore ed amico, Prof. Caroni, hanno persino la possibilità di diventare rettori di questa università!

Keine Angst, meine Damen und Herren: Ich werde nicht auf Romantsch weiterfahren und auch nicht in der internationalen Sprache der Mediziner, auf Englisch. Lassen Sie mich vielmehr mit dem Hinweis auf eine letzte Voraussetzung schliessen, die ich als unabdinglich für eine fruchtbare gesellschaftsgerechte Arbeit an der Universität erachte: Wir müssen unsere Arbeit mit Begeisterung tun, denn nur dann können wir aus der Leistung auch die volle Befriedigung schöpfen. Wir müssen die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, um ihrer Qualitäten willen gerne haben und nicht um ihrer Fehler willen, die jeder auch hat, ablehnen. Dies gilt übrigens sogar gegenüber unserer vorgesetzten Behörde und den Politikern. Wir müssen die jungen Menschen, die sich uns anvertrauen, von Herzen mögen, auch wenn sie ruspetieren, denn nur dann können wir —mit etwas Glück —ihren Ansprüchen wirklich genügen.

Schlussendlich aber sollen wir, trotz aller Anerkennung der geistigen und emotionalen Sphäre unseres Handelns, uns nicht von realitätsfernen Illusionen lenken lassen. Ohne klare wissenschaftliche Analyse der Situation und der Ziele geht es nicht. Wenn wir alle aber —und ich meine auch Sie alle, die Mitglieder und die Freunde der Universität —in diesem Geiste mitwirken, dann können wir auch dieses neue, das 155. akademische Jahr der Universität Bern, getrost gemeinsam anpacken.