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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Universitäten oder Fachschulen?

Rede bei Antritt des Rectorats der Hochschule Zürich

am 29. April 1870
gehalten von
Ä. Gusserow,
o. ö. Professor der Geburtshilfe und Director der gynäkologischen Klinik.
Zürich.
Verlag von Meyer & Zeller. 1870.

Druck von David Bürkli.

Seinem lieben Freunde und Collegen
Herrn Professor Dr. E. Rose gewidmet
am 10. Mai 1870.

Vorbemerkung.

Gelegenheitsreden wie die vorliegende zu veröffentlichen, erachte ich eigentlich für eine Unsitte. Was für den Augenblick bestimmt war, sollte mit demselben verschwinden. Auf den folgenden Blättern wird man vielleicht nicht einen neuen Gedanken finden — Alles ist schon oft in gleicher Weise gesagt, gesagt von Berufenem und Erfahrenem.

Wenn ich trotzdem, allerdings mit Widerstreben, die kleine Rede zu Druck befördere, so geschieht es nicht sowohl wegen der ehrenden und freundlichen Aufforderungen dazu, als aus dem nämlichen Grunde, der mich veranlasste, das so oft besprochene Thema überhaupt zu wählen: der Gedanke, dass meine Worte eine lokale Bedeutung für die Unterrichtsverhältnisse der Schweiz vielleicht im gegebenen Augenblicke gewinnen könnten. Ist dieser Gedanke nicht ganz unrichtig, dann musste ich dem Folgenden eine Verbreitung über die Grenzen des gesprochenen Wortes hinaus wünschen. Nebenbei wirkte hierzu noch der

Umstand mit, dass meine Worte Missdeutungen ausgesetzt waren, die ebenfalls in örtlichen Verhältnissen beruhen und die am besten durch die Veröffentlichung selbst getilgt werden können.

Ich habe es vermieden durch genaue Citate den folgenden Blättern den Schein eines gelehrten Schmuckes zu geben, und bemerke nur, dass ich ausser den im Texte selbst erwähnten Quellen noch benutzt habe:

Alexander Braun: Rectoratsrede 15. October 1865 zu Berlin.

Helmholtz: Ueber das Verhältniss der Naturwissenschaften zur Gesammtheit der Wissenschaften. (Populäre wissenschaftliche Vorträge. Braunschweig 1865.)

Von deutschen Hochschulen Allerlei u. s. w. Berlin 1869.

Es wäre mir unlieb, auch nur den Schein zu erwecken, als wolle ich mit Fremdem prunken.

Hochgeehrte Versammlung!

Wer wird es leugnen wollen, dass unsere Zeit seit etwa dreissig Jahren nach neuer Gestaltung und neuen Formen der Gesammtexistenz, aller und jeder Verhältnisse ringt, ringt in einem Grade, wie wohl in wenig Epochen menschlicher Geschichte.

Wie zur Zeit der grossen ersten französischen Revolution, ausgehend von der philosophischen Spekulation, wenn Sie wollen, weniger Köpfe, eine sociale und politische Umwälzung Europa's entstand, so sehen wir in unsern Tagen nicht minder gewaltig, wenn auch weniger schreckenerregend, eine ebenso tiefe und gründliche Umwälzung der meisten socialen und politischen Verhältnisse der gesammten civilisirten Welt und diese umfasst heutzutage viel grössere Bezirke als nur das alte Europa, vor sich gehen! Grade in diesem räumlichen Unterschiede, gegenüber den Bewegungen am Ende des vorigen Jahrhunderts, habe ich gleichzeitig, meines Erachtens nach, den Ursprung und die Bedeutung unserer jetzigen Umwälzung zum Theil angedeutet. Die Civilisation, wenn wir darunter einmal wahre Bildung, Wissen und Können verstehen, ist in den letzten Jahrzehnten unsers Jahrhunderts nicht nur unleugbar räumlich viel weiter ausgedehnt, sondern auch in immer tiefere Schichten des Volkes hinabgedrungen.

Dass an dieser Verallgemeinerung des Wissens und an dem wunderbaren Schauspiel des Zusammenschmelzens der Völker und ihrer Interessen, das mit der Verallgemeinerung der Civilisation Hand in Hand geht -— dass hieran wesentlich die Naturwissenschaften Antheil haben, wer möchte dies bezweifein nur im Hinblick auf die Erfindung der Eisenbahnen und Telegraphen, deren civilisatorische Macht zu preisen fast abgedroschen erscheinen mag. Die natürliche Folge der gänzlich umgestalteten äussern Lebensverhältnisse, der veränderten und der vor allen Dingen verallgemeinerten Anschauungen ist nun eben jene Umwälzung, jene Revolution, in der wir seit nahezu 30 Jahren leben. Nicht nur im kleinsten Gemeinwesen, sondern auch in den stabilsten Reichen — Alles weicht, bricht in seinen Fugen — Alles und Jedes wird in Frage gestellt.

Viele der Jetztlebenden trauern darüber, noch mehr suchen sich mit aller Gewalt ihres Geistes und ihrer Stellung dagegen zu stemmen — über die Thatsache des Umschwunges oder des Umsturzes — darüber sind wohl Alle einig. Mag sich in diese Bewegungen, die etwas chaotisches haben, für Viele selbstverständlich Betrübendes hineinmischen, mögen manche Einrichtungen hinweggefegt werden, die man gerne erhalten sähe, mögen unreife und unklare Ideen in diesem grossen Kampfe sich vorübergehend zur Geltung bringen, mag im Einzelnen Manches als Rückschritt oder als Verderben drohend erscheinen, ja mögen die 'wildesten Leidenschaften in diesem Wirrwar Manches als hässlich und widrig erscheinen lassen — trotz alledem dürfen wir nun und nimmer an dem Einen, dem Grossen, zweifeln, daran nämlich, dass die Menschheit stetig fortschreitet, dass es auf Erden nimmer besser wird. Es ist nicht meine Absicht, diess im Einzelnen nachweisen zu wollen, aber vergleichen Sie hauptsächlich in Bezug auf

den Zustand der grossen Massen, deren Intelligenz und Moral, irgend ein Land der weiten Erde, wo finden Sie nicht einen Fortschritt im Vergleich nur zu dem Zustand von 1840?

Jedenfalls ist es meine persönliche innerste Ueberzeugung, dass es ein überaus trauriges Geschäft wäre, sich um die Einrichtungen der Menschen, ja überhaupt um seine Mitmenschen zu kümmern, wenn man nicht von dem stetigen Fortschritt und von der Veredlung unseres Geschlechts durchdrungen wäre! Es ist mir auch keine einzige menschliche Thätigkeit überhaupt nur denkbar ohne diese Voraussetzung, wenn auch die Ansichten über die Wege, auf denen die Menschen fortschreiten sollen und fortschreiten, noch so unendlich getheilt sind. Der grösste lebende Idealist, der zugleich, indem er Staaten gestürzt und Staaten erhoben, gezeigt hat, welche unendliche Macht im Idealen liegt — Garibaldi — sagt in seinem kürzlich erschienenen wunderlichen Roman: »Ich bin von der Wahrheit der fortschreitenden Veredlung des Menschengeschlechts fest überzeugt; ich glaube mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele an das Gesetz des menschlichen Fortschrittes auf verschiedenen Wegen, unter vielen Gestalten und mit vielen nothwendigen Unterbrechungen«.

Man möge mir verzeihen, hier mit einem persönlichen ,Glaubensbekenntniss zu beginnen, allein ich hielt dasselbe für nöthig zum richtigen Verständnisse dessen, wofür ich Ihre Aufmerksamkeit kurze Zeit in Anspruch nehmen möchte — es könnte nämlich im Folgenden scheinen, als wenn ich von dem eminenten Fortschritte meiner Zeit wenig durchdrungen wäre, ja als wenn ich ein Laudator temporis acti wäre — nichts liegt mir ferner!

Unter allen Fragen, die die Welt jetzt bewegen, ist die Unterrichtsfrage nicht nur eine der wichtigsten —hängt doch von ihr wesentlich die Gestaltung der Zukunft, das Wohl

der nächsten Generation ab — sondern sie ist auch diejenige, die jetzt augenblicklich mit am meisten diskutirt wird.

Gewiss ist es kein Zufall, wenn jetzt fast gleichzeitig in Italien und noch mehr in Frankreich die Umformung des Unterrichtes von der Volksschule bis zu den höchsten Lehranstalten lebhaft debattirt wird, wenn sogar in England, wo sonst die Regierung principiell, resp. durch Usus geleitet, sich stets von derartigen Fragen fern hielt, dieselbe dem gegenwärtigen Parlament eine Bill über das Schulwesen einreicht, während gleichzeitig in Preussen ein den gesammten Unterricht umfassendes Gesetz, allerdings wie es scheint in unannehmbarer Gestalt, den Kammern vorgelegt wird. Und dass in der Schweiz, dem Vaterlande Pestalozzi's, die Umgestaltung des Unterrichts an mehr als einer Stelle ins Auge gefasst wird, wissen wir ja Alle. Ich sage, dass die Gleichzeitigkeit dieser Bestrebungen gewiss kein Zufall ist, sondern innig zusammenhängt mit den Umwälzungen, die unsere Gesammtexistenz in unserer Zeit erfährt und die naturgemäss darauf hindrängt, den heranwachsenden Geschlechtern die Frucht dieser Veränderung einerseits so viel als möglich zukommen zu lassen, und andrerseits denselben die Fähigkeit zu verleihen, die Veränderungen zu verstehen und zu benutzen. Mit dem angedeuteten Charakter unserer gegenwärtigen Umwälzungsperiode, der Verallgemeinerung des Wissens und Könnens, ist es innigst verknüpft, dass der Schwerpunkt der Bewegung in der Unterrichtsfrage in den untern Schulen, in der Volksschule, liegt, und dass die Meinungen weit auseinander gehen, über das Mass dessen, was hier gelehrt werden soll und wie es gelehrt werden soll, über Unentgeltlichkeit und über Zwang zum Unterricht u. s. f. Schon weniger werden bei der jetzigen europäischen Bewegung die eigentlichen Gelehrtenschulen, Gymnasien, in Frage gezogen,

doch auch hier taucht immer wieder die Kardinalfrage auf, sollen die alten Sprachen in dem frühern Umfange und der alten Weise, ja sollen sie überhaupt gelehrt werden. Ueber alle oder einzelne dieser Punkte zu sprechen, kann um so weniger meines Amtes sein, da ich vielleicht unter sämmtlichen Anwesenden am wenigsten dazu kompetent sein dürfte; nur diess möge man mir erlauben, als meine persönliche Ueberzeugung an dieser Stelle auszusprechen, dass ich als Mediziner den Wegfall des Unterrichtes in den classischen Sprachen als ein bedauernswerthes und durch Nichts zu ersetzendes Unheil für das medizinische Studium ansehen würde — die hierdurch erlangte Schulung des Geistes, mag auch bald jedes Wort Latein und Griechisch vergessen sein, ist gerade in der Medizin kaum zu entbehren. Die dem Mediziner so nothwendige Kenntniss der Physik und Chemie kann heutzutage nicht etwa erreicht werden dadurch, dass hierfür auf dem Gymnasium mehr Zeit verwendet würde, sondern sie erfordert nur einfach eine längere Studienzeit als die bisher übliche.

Wenn in den Ländern deutscher Zunge die Universitäten und ihre Einrichtungen relativ am wenigsten scheinbar bei den Aenderungen des Unterrichtswesens in Betracht gezogen werden, so liegt dies gewiss nur daran, dass die deutschen Universitäten (ich meine hiermit alle nach deutscher Weise eingerichteten) glücklicherweise so eng mit der Wissenschaft selbst verflochten sind, dass an ihnen sich eben nicht viel durch Verordnungen oder dergleichen modeln lässt, da eben die Wissenschaft selbst in ihrer Entwicklung allen äussern Einflüssen spottet. Ich betrachte die glückliche Verbindung zwischen Wissenschaft und Lehre als ein Hauptpalladium, als den Kernpunkt, als die Seele unserer Universitäten, und dadurch glaube ich auch stehen dieselben vielfach so isolirt vom

Staate, so gleichsam als ein Staat im Staate da und müssen so dastehen, daher erkläre ich mir auch, dass in Frankreich z. B., wo die Universitäten so vielfach nicht nur, sondern so total von, den unsrigen abweichen, dass dort von Seiten der Gesetzgeber so viel mehr darüber debattirt und verfügt wird.

Wo daher in deutschen Landen gelegentlich der Umgestaltung des Unterrichts die Universitäten mit in Betrachtung gezogen werden, da legt man, abgesehen von unbedeutenden, mehr äusserlichen Einzelnheiten, meist auch, zum Glück bis jetzt nur, und hoffentlich für immer nur theoretisch fragend, die Axt gleichsam an den Stamm und fragt einfach, ist es zweckmässig überhaupt noch die Universitäten in der bisherigen Weise bestehen zu lassen? Ist nicht die Einrichtung derselben, besonders der Verband der vier Fakultäten nichts anderes als ein mittelalterlicher Zopf, der gar keine Bedeutung in der Gegenwart hat — warum trennt man nicht die Fakultäten, mit einem Wort, warum löst man nicht die Universitäten in Fachschulen auf?

Diese Fragen und diese Vorschläge gehen keineswegs von Männern aus, die den Universitäten resp. den höhern Bildungsanstalten feindlich wären, sondern im Gegentheil, man glaubt dadurch dem wahren Nutzen des höhern Unterrichts besser genügen zu können, man glaubt dadurch einen wirklichen Fortschritt, dem Zeitgeist entsprechend, zu machen. Wenn es auch schon auf den ersten Blick etwas stutzig machen muss, dass man in Frankreich, wo wie wir noch sehen werden, eigentlich nur Fachschulen existiren, dass man dort sich bestrebt, mehr dem deutschen System sich zu nähern und dass der verstorbene hochbegabte Unterrichtsminister Italiens, Mateucci, bei der Frage, ob die Universitäten Italiens mehr nach französischem Muster oder deutschem zu regeneriren

wären, entschieden im letztem Sinne wirkte — wenn diess auch gegen das System der Fachschulen von Hause aus etwas einnehmen könnte, so muss man doch ohne Zweifel den Vertheidigern desselben eine gewisse Berechtigung zugestehen. Diese Berechtigung dürfte zunächst von dem Umfang unseres Wissens heutzutage herzunehmen sein. Wie schön sagt Jakob Grimm in seiner Abhandlung über Schule, Universität, Akademie: »Alles Wissen hat eine elementarische Kraft und gleicht dem entsprungenen Wasser, das unablässig fortrinnt; der Flamme, die einmal geweckt, Ströme von Licht und Wärme aus sich ergiesst. So lang es Menschen giebt, kann dieser lechzende Durst nach Wissen, wie vielfach er gestillt wurde, nie völlig erlöschen. Eigenheit der Elemente ist es aber, aller Enden hin in ungemessene Weite zu wirken, und darum verdriesst es die Wissenschaft, jeder ihr in den Weg gerückten Schranke, und sie findet sich nicht eher zufrieden gestellt, bis sie eine nach der andern überstiegen hat. Dieser reiche, unabschliessende Gehalt der Wissenschaft äussert sich auch darin, dass aus ihrem Schosse Zweige und Aeste, wie aus der Pflanze, entspriessen und treiben, die sich bald ihr neues Gesetz schreiben und dann gesondert als einzelne Wissenschaften neue Früchte bringen.«

Während nun noch lange nach Stiftung der ersten Universitäten das gelehrte Wissen ein einheitliches, leicht zusammenzufassendes war, hat dann besonders seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die elementarische Kraft der Wissenschaft, wie Grimm sie nennt, eine film den Einzelnen auch nicht mehr in der Uebersicht zu bewältigende Fülle des Wissens hervorgebracht. Muss man nicht wie über eine Naivität vergangener Kindertage lächeln, wenn wir hören, dass Boerhave zu Leiden Botanik, Chemie und Klinik lehrte, oder gar dass von 1725-1754 Johann van Gorter, Professor

zu Harderwyck, die ganze medizinische Fakultät in sich vereinigte und Anatomie, Physiologie, Chemie, Botanik, allgemeine Pathologie, praktische Medizin, Klinik und Chirurgie docirte und zwar so docirte, dass diese kleine Universität bis zu seiner Berufung nach Petersburg als Leibarzt 1754 eine vorübergehende Berühmtheit genoss und zahlreich besucht war. Allerdings begreift man die Möglichkeit, dies Alles zu dociren, wenn man liest, dass er alle Theile der theoretischen Medizin bereits für so ausgebildet hielt, »ut vix aliquid videatur restare«!

Es haben sich eben in unserm Jahrhundert, und man möchte sagen täglich vor unsern Augen nicht nur eine Menge neuer Wissenschaftszweige ausgebildet, sondern der Umfang einer jeden Wissenschaft ist ein so unendlicher fast geworden, dass eine Arbeitstheilung auf dem Gebiete der Forschung und Lehre eingetreten ist, von der unsere Voreltern keine Ahnung hatten. Hierdurch sind die Beziehungen der einzelnen Wissenschaften zu einander in dem Grade gelockert, dass die Vertreter der meisten Wissenszweige sich kaum mit einander verständigen können. Diese Zersplitterung und Spaltung des gesammten menschlichen Wissens lässt nun für Viele den Zusammenhang der Fakultäten auf der Universität um so mehr für eine alte abgelebte Formalität ansehen, als allerdings eine ganze Reihe nicht unwichtiger Wissenszweige auf den meisten Universitäten keine Vertreter finden, ich erinnere nur an die sogenannten polytechnischen Fächer.

Aus der Vervielfältigung der Wissenschaften, aus dein täglich zunehmenden Umfang derselben sind nun aber ausserdem nothwendig die Forderungen an die Einrichtungen einer Universität, sowohl in Betreff des Lehrerpersonals, als besonders in Betreff der nothwendigen Institute, in dem Grade gestiegen, dass die anderweitig aufgestellte Behauptung, es

gebe gar keine einzige Universität mehr, die allen diesen Anforderungen ausreichend nachkäme, gewiss richtig ist. So erscheint es denn Vielen besser, statt einer Reihe mangelhaft ausgestatteter Universitäten eine Reihe vollkommen dem Stande der Wissenschaft entsprechend eingerichteter Fachschulen zu gründen. Auf diese Weise dürfte es auch kleineren Gemeinwesen möglich werden, eine gut eingerichtete höhere Lehranstalt zu erhalten, als trotz der grössten pekuniären Opfer eine doch immerhin mangelhaft ausgestattete Universität. Gerade in diesem Sinne ist erst ganz kürzlich in unserer Stadt von einer gewiss hochachtbaren Seite, deren Interesse für die Hochschule zu bezweifeln gewiss Undank wäre, angedeutet worden, ob es nicht speziell für die Schweiz von Vortheil wäre, die für einzelne Kantone vielleicht zu grosse Last der Universitäten denselben abzunehmen und auf die gesammte Eidgenossenschaft zu übertragen, aber gleichzeitig, um die Nachtheile und Missstände der Centralisation zu vermeiden, die eidgenössische Hochschule in einzelne Fachschulen an verschiedenen Orten zu zerlegen.

Wenn ich es unternehme, mit wenigen Worten diesen Anschauungen entgegenzutreten, und es versuchen will, den Zusammenhang der Fakultäten als etwas absolut Nothwendiges für die Universität hinzustellen, so bin ich mir wohl bewusst, dass ich nur Allbekanntes vorzubringen im Stande bin, dass die Gründe und die Betrachtungen, die ich vorbringe, schon vielfach vor mir gesagt und aufgestellt sind, ich bin mir ferner bewusst, dass die meisten von Ihnen das, was ich hier zu sagen habe, besser und gründlicher zu sagen wissen, als ich es vermag. Dafür entschädigt mich aber die Ueberzeugung, dass ich mich mit den meisten von Ihnen wohl in vollster Uebereinstimmung weiss und fühle, dass ich somit mein neues Amt im wahren Sinne nur als Dolmetscher Ihrer

Anschauungen antrete. In diesem Sinn glaube ich auch keiner Rechtfertigung zu bedürfen, dass ich mich gerade an dieser Stelle zu diesem Thema gleichsam verpflichtet fühlte.

Zum Schluss möchte ich dann noch von meinem mehr speziellen Standpunkt als Mediziner den Versuch machen, die Uebelstände und das Zweckwidrige, ja Schädliche einer Fachschule für die Medizin, wofür eine solche meist in erster Linie empfohlen wird, nachzuweisen.

Das, was ich vorhin als Hauptvortheil und Haupteigenschaft der deutschen Universitäten hervorhob, die Verbindung von Lehre und Wissenschaft, scheint mir auch dasjenige Moment zu sein, welches für den Zusammenhang der Fakultäten am meisten spricht — bei blossen Lehranstalten wird gar leicht die Wissenschaft, das Forschen nach Wahrheit verloren gehen. Dass dieser Zusammenhang von Lehren und Forschen nicht zufällig entstanden ist, sondern schon bei Stiftung der alten Hochschulen lebhaft erkannt und hervorgehoben wurde, beweisen die Worte der Stiftungsurkunde der Universität Freiburg im Jahr 1456, wo Albrecht VI., Erzherzog von Oesterreich, sagt: »Die Universitäten sollen helfen graben den Brunnen des Lebens, daraus von allen Enden der Welt unaussetzlich geschöpft werden möge erleuchtendes Wasser tröstlicher und heilsamer Weisheit zur Erlöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit.« Dasselbe, womöglich noch bestimmter und klarer, spricht fast 400 Jahre später Schleiermacher aus, wenn er sagt: »Die Idee der Wissenschaft in den edlem, mit Kenntnissen mancher Art schon ausgerüsteten Jünglingen zu erwecken, ihr zur Herrschaft über sie zu verhelfen auf demjenigen Gebiete der Erkenntniss, dem Jeder sich besonders widmen will, so dass ihm zur Natur werde, Alles aus dem Gesichtspunkte der Wissenschaft zu betrachten, alles Einzelne nicht für sich,

sondern in seinen nächsten wissenschaftlichen Verbindungen anzuschauen und in einen grossen Zusammenhang einzutragen, in beständiger Beziehung auf die Einheit und Allheit der Erkenntniss, dass sie lernen in jedem Denken sich der Grundgesetze der Wissenschaften bewusst zu werden und eben dadurch das Vermögen, selbst zu forschen, zu erfinden und darzustellen allmälig in sich herausarbeiten — das ist das Geschäft der Universität.«

Die Wissenschaft also muss die Grundlage und die Hauptsache der Universität sein und danach muss sich alles Andere an ihr richten und schicken. Es sollen nicht allein auf der Universität einzelne Kenntnisse und einzelne Fertigkeiten erlernt werden, sondern es soll vor allen Dingen dem heranwachsenden Geschlecht in Fleisch und Blut übergeführt werden, dass es nur eine grosse Wissenschaft giebt, die als gemeinsamen Zweck hat, den Geist des Menschen über die Welt, über die Materie herrschen zu machen und so den Menschen und das ganze Geschlecht zu adeln, zu erheben. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass die lebendige Wissenschaft den Vortheilen des gemeinen Lebens dient, aber, wie Boekh sagt, nicht als Endzweck, sondern als Folge. Dieses Erkennen, wie man die einzelnen Zweige der Wissenschaft nur in ihrem grossen innern Zusammenhang betrachten und verstehen kann, also das Lernen des Erkennens oder das Lernen lernen, das ist die Aufgabe, welche die Universität erfüllt. Gerade für die grosse Menge ist dieses Hineingiessen wissenschaftlicher Idealität in das Leben von unendlich grösserer Wichtigkeit, als das Erlangen einer noch so grossen Summe positiven Wissens. Die Wissenschaft in diesem Sinne aufgefasst ist aber niemals eine fertige und so folgt aus dieser Auffassung nothwendig der Begriff des Weitersuchens, der Forschung. Die einfache Lehre, die Ueberlieferung des Einzelnen kann aber

nur eine Uebertragung fertiger Lehren von dem Lehrer auf den Schüler sein, sie muss unabänderlich, wenn man von ihr die Idee der Wissenschaft als höchste Einheit trennt, vom Forschen abführen, und so sehen wir überall, dass die ausschliessliche Bevorzugung der Lehre an den Universitäten zu einer Erniedrigung und zu einem Herabsinken derselben führt.

Wenn also auf der Universität vor Allem in gemeinsamer Arbeit des Lehrers und Schülers gelernt werden soll, den Weg selbstständigen Denkens und selbsteigener Forschung zu betreten und damit selbst an der Weiterentwicklung des menschlichen Geistes zu arbeiten befähigt werden soll, dann darf die Universität keine Schule fertiger Lehren sein, das Lehren nicht an ihr bevorzugt werden; dann darf es mit andern Worten keine Fachschulen geben, sonst verfällt die Jugend unrettbar in die geisttödtende Arbeit des Brotstudiums.

Nicht schöner und klarer vermag ich es auszudrücken, als wie ich es aus Boekh's beredtem Munde zur Feier der 50jährigen Stiftung der Berliner Universität einst vernahm: Anknüpfend an die Worte W. v. Humboldt's bei Gründung der Berliner Universität, dass sieh an ihr ohne Vernachlässigung der Fachgelehrsamkeit das höchst Allgemein-Menschliche in Einem Brennpunkte sammeln und nicht die wissenschaftliche Bildung nach äussern Zwecken und Bedingungen ins Einzelne sich zersplittern solle, fährt Boekh fort: »Also sagt Einer vielleicht, ein phantastisches Luftschloss wollte man bauen, worin keine Werkstatt Raum hat, für die Bedürfnisse des Staates und des Lebens, für das eigentlich Praktische und für die Technik die Wunder wirkend Zeit und Raum überflügelt! Keineswegs! Das ist das wahrhaft Praktische, dass der Gedanke, in seiner Idealität ausgeprägt, sich Bahn breche durch das Leben, die Idee, die niemals und

nirgends im Irdischen vollkommen erreicht wird, in diesem sich annäherungsweise verwirkliche: dadurch wird in die Räder des Lebens eingegriffen, nicht aber dadurch, dass die Jugend geschult wird, sich in dem gewohnten Geleise der herkömmlichen Geschäftsthätigkeit mechanisch fortzubewegen oder vielmehr forttreiben zu lassen, statt mit der Kraft und Fülle des Geistes das Triebwerk in Bewegung zu setzen.«

Wenn ich anders die Aufgabe der Universität richtig verstanden habe, oder besser gesagt, wenn ich mich den Ansichten W. v. Humboldt's und Boekh's bescheiden anschliessen darf, dann gehören eben in dein Sinne, dass es nur eine ungetheilte Wissenschaft gibt, alle Fakultäten zusammen, und das Auseinanderfallen derselben in Fachschulen muss nothwendig von dieser Idee abführen und damit gleichzeitig von der Forschung.

Es wäre gewiss nur ein geringer, meist ein lokaler Schaden, wenn einmal irgendwo eine bestehende Universität aufgehoben wurde. Für einen Frevel an der Zukunft des Geschlechtes hielte ich es aber, wenn man die Universitäten in Fachschulen auflösen wollte.

Neben diesem fundamentalen Gegengrund gegen Fachschulen, der im Wesen der Universität liegt, könnte der formelle Nutzen des Zusammenwirkens der vier Fakultäten fast unbedeutend erscheinen und doch möchte ich denselben nicht gering anschlagen. Gerade die oben erwähnte Zersplitterung der Wissenschaft in hundert und aber hundert kleine minutiöse Gebiete macht es für Lehrer und Schüler ganz unentbehrlich, Tag für Tag und Stunde für Stunde mit Commilitonen und Gesinnungsgenossen zu verkehren, die auf verschiedenen Gebieten geistiger Arbeit thätig sind. Nur so vermag sich der Einzelne und die einzelnen Wissensbranchen vor Einseitigkeit, vor Selbstüberhebung zu beschützen, und andrerseits

wird nur durch einen solchen Verkehr die Anregung möglich, die ein Wissenszweig vom andern empfängt.

Die Einrichtung von Fachschulen ist nun besonders von jeher für das Studium der Medicin in Anregung gekommen. Hiefür werden einerseits die grossen und vielfachen Bedürfnisse der medicinischen Fakultäten angeführt, die Institute, die Krankenhäuser und endlich die so durchaus nöthige grosse Anzahl von Kranken — alles Erfordernisse, wie man sie fast nur in grossen Städten oder einzelnen dicht bevölkerten Gegenden erfüllt sehen kann. Neben diesen äussern Gründen wird dann auch hervorgehoben, dass für das medicinische Studium die Fachschule um so mehr nöthig sei, als unbestritten gerade für den Arzt das Wissen ein so ungemein umfangreiches ist und tagtäglich wächst, so dass der mehr sich selbst überlassene Student kaum noch darin sich orientieren, geschweige denn die nöthigen von den weniger nöthigen Kenntnissen unterscheiden könne. Aber noch mehr: es handelt sich beim Arzte ja nicht allein um eine grosse Summe von Wissen, sondern um eine fast eben so grosse Menge von Fertigkeiten. Die Medicin ist eben nicht nur eine Wissenschaft, sondern sie ist auch in hervorragendem Sinne eine Kunst, ein technisches Vermögen. Dieser Umstand ist allerdings nun für den Unterricht in einem gewissen Grade bestimmend und unsere sokratische Methode in den Kliniken und den praktischen Uebungen hat ja schon jetzt einen kleinen Beigeschmack nach der Schule, der Vielen nicht gar angenehm, Andern als Würze des medicinischen Studiums erscheint. Diesen Betrachtungen gegenüber will ich zunächst gern zugestehen, dass für eine gewisse Anzahl der Durchschnittsstudenten, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, eine geregeltere Schulung vielleicht wünschenswerth scheint; allein, abgesehen dass diese sich je nach der Individualität des Lehrers

leicht unter allen Umständen erzielen lässt, so ist gerade für die mittelmässigen Köpfe, für die Menge der Durchschnittsmenschen jene Durchgeistigung des Lebens, jene wissenschaftliche Charakterbildung, wie ich sie oben als Hauptaufgabe des Universitätsstudiums hingestellt habe, noch nöthiger und geradezu unentbehrlich. Wenn nicht der Mehrzahl der jungen Aerzte ein gewisser Grad ächter Wissenschaftlichkeit, ja sagen wir es nur frei heraus, von Idealität mit in das Leben hineingegeben würde, dann würde die ärztliche Kunst bald tief sinken. Nichts Kläglicheres und. nichts Niedrigeres kann es geben, als wenn die Kunst des Arztes zum Geschäft, zum Handwerk herabsinkt und das muss sie von dem Augenblick an, wo der Arzt der Wissenschaft den Scheidebrief gegeben oder wo derselbe gar nie von Wissenschaft durchdrungen war. Dann muss der Arzt entweder Charlatan oder ein unglücklicher unbefriedigter Mensch werden. Nirgends ist der Abstand zwischen Wollen und Können grösser als in der praktischen Medizin, und nirgends tritt uns unsere Ohnmacht in so entsetzlicher, so niederschmetternder Weise entgegen als gegenüber den Anforderungen, die von der leidenden Menschheit an den Arzt gestellt werden. Wenn hier nicht die Wissenschaft uns leitet und hält, wenn sie uns nicht über die Grenzen unseres Könnens aufklärt, dann bleibt nur die Charlatanerie, die Verzweiflung oder geistesöde Gleichgültigkeit unser Loos. Die Praxis wird zur melkenden Kuh, die, ach! nur im Verhältniss zu den äusserlichen Mühen und Beschwerden des Arztes meist so spärliche, dürftige Milch giebt. »La médecine est la plus noble des professions et la plus triste des métiers.« Wissen wir, was wir können und warum wir nicht mehr können, wissen wir, an welchem Punkte und auf welchem Wege unsere Kenntnisse sich erweitern, neue Gesichtspunkte sich anknüpfen lassen, dann werden wir auch unter den

traurigsten Umständen, durch das wissenschaftliche Interesse gehoben, gleichzeitig dem Kranken besser Trost und Hülfe spenden können. Ist diese Wissenschaftlichkeit das A und das O des Arztes, dann werden wir weniger missmuthig Verzweifelnde unter den Aerzten finden, dann werden wir weniger blindes Herumtappen mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln erleben.

Für die wissenschaftliche Ausübung der medizinischen Praxis ist nun ferner im höchsten Grade noch die Fähigkeit selbstständiger Forschung nöthig; es muss der Mediziner gelernt haben, selbstständig zu denken und zu forschen. Nicht sowohl wegen der grossen Anzahl dunkler Probleme, die in der Medizin noch vor uns liegen, die Lösung oder Klärung dieser könnte der einfache Arzt getrost den Gelehrten, den Spitalärzten u. s. w. überlassen, sondern hauptsächlich weil jeder einzelne Krankheitsfall selbst mehr oder weniger ein Problem ist, das nur derjenige richtig aufzufassen vermag, der zum Forschen und Combiniren geschult ist, nicht derjenige, der nach gewissen Formeln in schematischer schulgerechter Weise verfährt.

Mit der Einrichtung medizinischer Fachschulen sind nun aber eine Reihe von nothwendigen Folgen verknüpft, die man anfangs gewiss vermeiden und perhorresciren würde, die aber sehr schnell ohne weiteres sich ergeben würden. Es liegt im Begriffe der Fachschule, dass eine gewisse Summe von Wissen in einer gewissen bestimmten Zeit erlernt werden muss; daher muss auf die Gleichmässigkeit und den Inhalt der Vorbildung grösseres Gewicht gelegt werden und daher dieselbe ganz anders beeinflusst werden, als das bis jetzt von Seiten der Universität mit der Gymnasialvorbildung geschehen ist. Es wird in ganz kurzer Zeit dahin kommen, dass die Schüler einer medizinischen Fachschule ein Eintrittsexamen ablegen müssten, in welchem

sie eine grössere Vorbildung in den Naturwissenschaften nachweisen müssten, und somit würde sofort auf den so nothwendigen Unterricht in den klassischen Sprachen zurückgewirkt werden. Ein ähnliches Schicksal würde überhaupt die Naturwissenschaften an dieser Fachschule treffen; es müssten für Chemie, Physik, wie an der École de médecine zu Paris, dem Muster einer medizinischen Fachschule, besondere Lehrstühle eingerichtet werden. Hier würden diese Wissenschaften mit stetem Hinblick auf ihre praktische Verwerthung in der Medizin vorgetragen werden, mit welchem Nutzen für die allgemeine und spezielle naturwissenschaftliche Bildung des angehenden Arztes, ist leicht einzusehen. Wer weiss, ob nicht auch bald aus der vergleichenden Anatomie und gar der Physiologie nur noch das vorgetragen werden würde, was direkt mit der Medizin in Verbindung stände! Noch tiefer würde aber der Schaden sein, der auch nothwendig im Gefolge der Fachschulen auftreten muss, nämlich die Beschränkung des Hauptvorzuges unserer deutschen Hochschulen, der unbeschränkten Lehr- und Lernfreiheit. Die Freiheit des Schülers, zu hören was und bei wem man will, die Freiheit des Lehrers, seine Wissenschaft zu behandeln wie er will, wird unmöglich, wenn zu einem bestimmten Ziel und Zweck, das in einer bestimmten Zeit erreicht werden soll, gearbeitet wird. Es wurde sich bald das eigenthümliche Schauspiel herausstellen, dass man einen allgemeinen Studienzwang einführen müsste, während man jetzt glücklicherweise die Zwangskollegien als letzten Rest früherer Examenseinrichtungen aufhebt. Wie wichtig aber die akademische Lehr- und Lernfreiheit für die Charakterausbildung ist, brauche ich nicht auseinanderzusetzen.

Das Ziel und der Zweck einer Fachschule kann nie die Wissenschaft sein, sondern die Ausbildung einer gewissen

Summe von Wissen und Können, deren Erlangung natürlich nur in einem Examen bewiesen werden kann, und so stellt sich, ohne unser Zuthun, gleichsam unter unsern Händen, als Endzweck und Endziel einer jeden Fachschule das Examen heraus; die Fachschule wird schliesslich nie etwas anderes sein als eine Vorbereitungsschule für ein Examen. Hieraus folgt dann schliesslich wiederum als nothwendige Consequenz, um Lehrer, Schüler und Angehörige am Ende der Studienzeit vor der unangenehmen Ueberraschung zu sichern, dass möglicherweise die ganze Studienzeit verloren gegangen, daraus folgt jene schöne Einrichtung von Semestralexamen oder Concours, wodurch die Fortschritte resp. die Lücken des Schülers gehörig controllirt werden können.

Dass dieses Bild einer medizinischen Fachschule kein Phantasiegemälde ist, beweist am besten das Muster einer medizinischen Fachschule, die École de médecine zu Paris, und die französischen Fachschulen überhaupt, wo alle diese Dinge in üppiger Blüthe stehen, wo der Schüler vom Beginne seiner Studien gedrillt und einexercirt wird, wie ein preussischer Rekrut, wo er vor Concours und wieder Concours nicht zur Besinnung kommt. Als warnendes Beispiel möchte ich hier aber gleich anführen, dass nirgends das Mangelhafte dieser Einrichtung gegenwärtig mehr gefühlt wird, als in Frankreich selbst, was bei dem bekannten Nationalstolz und der bekannten Eigenliebe der Franzosen gewiss viel sagen will. Man steckt aber in dem Unheil der Fachschulen so tief, dass man kaum eine Ahnung hat, wie hinauszukommen. Niemand hat bekanntlich die Mangelhaftigkeit der höhern Studien wiederholter und energischer betont, als der frühere Cultusminister Frankreichs, Duruy. Die Folgen der medizinischen Fachschulen, wie sie vor allen Dingen in Frankreich und, wenn auch wesentlich modificirt, in England bestehen,

wird man am besten beurtheilen, wenn man den Stand der Medizin resp. des ärztlichen Wissens in diesen Ländern betrachtet. Diess ist allerdings sehr schwer und nur annäherungsweise möglich. Selbstverständlich kann eine noch so umfangreiche persönliche Anschauung nicht massgebend sein für die Beurtheilung einer Wissenschaft und eines ganzen Standes in fremdem Lande; aber ebensowenig dürfen und können die einzelnen hervorragenden Männer und deren Leistungen allein das Urtheil bedingen. Man muss sich eben an den etwas unbestimmten und wenig definirbaren Begriff des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft halten, den man am ehesten herstellen kann, wenn man die Fachliteratur, die Leistungen der hervorragenden Männer und vor allen Dingen die im gegebenen Augenblicke herrschenden medizinischen Anschauungen in's Auge fasst.

Es kann nun wohl kaum einem Zweifel unterliegen, dass die deutsche Medizin gegenwärtig seit mehr als zwei Jahrzehnten die französische weit überragt, dass sowohl in Deutschland viel mehr für den Fortschritt der medizinischen Wissenschaften geschehen ist, als dass auch die allgemeine wissenschaftliche Bildung der Aerzte bei uns wohl höher steht. Es könnte diess vielleicht Vielen als eine Aeusserung der Anmassung und des Nationaldünkels erscheinen und zwar um so mehr erscheinen, als ich an dieser Stelle unmöglich meine Behauptung im Einzelnen beweisen kann; allein ich bin dieses Beweises überhoben, da die genannte Thatsache so ziemlich von den Franzosen selbst anerkannt wird, wie oben gesagt. Diese Anerkennung der deutschen Medizin finden wir nicht nur in der Literatur, sondern auch in dem Umstande, dass während sonst die deutschen Aerzte nach Paris, als der hohen medizinischen Schule, pilgerten, jetzt umgekehrt mehr und mehr Franzosen nach Deutschland zum Studium kommen —

öffentlich wird dieses Zurückbleiben der medizinischen Wissenschaft und des ärztlichen Studiums anerkannt von der Regierung, die Commissionen über Commissionen nach Deutschland schickt, um über den medizinischen Unterricht daselbst Bericht zu erstatten. In dieser Thatsache liegt gleichzeitig der Beweis, dass die Mängel der französischen Medizin von den Franzosen selbst in der Methode, im Unterricht gesucht werden, und Duruy hat es noch kürzlich in der Revue des deux Mondes öffentlich ausgesprochen, dass das System der Fachschulen die freie Wissenschaft und die freie Lehre, die beiden Hauptvorzüge deutscher Universitäten, wie er sagt, erdrückt hat oder vielmehr gar nicht zur Entwicklung hat kommen lassen. Wer kann aber an der Wahrheit dieser Behauptung zweifeln, wenn man die endlose Kette von Examen und Concourse sieht, der sich die Schüler in immer wiederkehrender Menge unterziehen müssen, und die ja auch, wie oben angedeutet, auf den Unterricht zurückwirken müssen. Zuerst muss, unserm Maturitätsexamen entsprechend, das Diplom eines Baccalaureus ès lettres beigebracht werden, am Ende des ersten Studienjahres das Baccalaureat ès sciences physiques, dann kommt am Ende des zweiten und dritten Studienjahres wieder je ein Examen, endlich drei Concourse für diejenigen, die sich an der École pratique betheiligen wollen, ferner Concourse für die Externen in den Spitälern und zwar um Externe zu werden und dann am Ende eines jeden Jahres noch ein Concours, um es zu bleiben. Diese Kette von Concoursen besteht dann wiederum bei dem Amte der Internes. Daran schliesst sich dann noch die Doctorprüfung. Glauben Sie, dass ein so vielfach, wenn auch wohl nicht immer sehr schwer Geprüfter noch grosse Lust und Liebe zu eigentlich wissenschaftlichem Studium für sein späteres Leben behalten wird? So erklärt sich der augenblicklich auffallende

Mangel hervorragender Leistungen auf medizinischem Gebiete in Frankreich, und so erklären sich die öden und inhaltslosen Debatten, die in der Académie de médicine den Fremden so seltsam beim Lesen oder Anhören überraschen. Frankreich war nur so lange, trotz der schlechten Methode des Unterrichtes, massgebend in der Medizin, als Deutschland sich abgewendet von der einfachen Naturbeobachtung und in mehr oder weniger mystischen philosophischen Betrachtungen auf medizinischem und naturwissenschaftlichem Gebiete verloren war. Ob nicht zu dieser Abirrung der Medizin in Deutschland der Zusammenhang der Fakultäten etwas beigetragen, so dass der Einfluss philosophischer Systeme auf die Medizin eine Zeit lang ein zu grosser war, will ich hier nur andeuten. Es würde eben nur den trivialen Spruch bestätigen, dass eben jedes Ding zwei Seiten hat. Nachdem unsere Wissenschaft aber einmal den Irrthum, der vielleicht durch die Methode bedingt war, überwunden, wäre es doppelt thöricht, diese aufzugeben zu einer Zeit, wo die Vortheile derselben so eclatant hervortreten. -

Den Einfluss, den das System der medizinischen Fachschulen auf die Entwicklung der englischen Medizin gehabt, ist viel weniger leicht auseinanderzusetzen, als bei der französischen. Einmal weil die Verhältnisse Grossbrittaniens in ihrer ganzen sozialen und geschichtlichen Entwicklung so total abweichend von den continentalen sind und daher beide nur schlecht mit einander zu vergleichen — andrerseits weil der praktische gesunde Sinn der englischen Nation und die Selbstständigkeit jedes einzelnen Individuums die englischen Fachschulen vor vielen Uebelständen bewahrt haben, die in Frankreich so grell hervortreten. Gleichwohl will ich schon hier anführen, dass die englische Regierung vor etwa 8-10 Jahren sich in die Examen- und Praxis-Verhältnisse der Aerzte

hat einmischen müssen, weil dieselben heillose waren, das erste Mal, wo die Regierung seit Bestand eines grossbrittanischen Reiches sich um diese Verhältnisse bekümmert hat. Noch mehr jedoch — erst vor wenigen Wochen brachte die Times einen Leitartikel, worin sie auf die grossen Uebelstände der medizinischen Praxis und des medizinischen Studiums in England aufmerksam machte und von der Regierung ein weiteres Einschreiten verlangte — aber nicht genug damit: ebenfalls vor wenigen Wochen wurde dem Ministerium eine Petition von nahezu zehntausend der namhaftesten Aerzte in England überreicht, in welcher dieselben von der Regierung, im Lande des Selfgovernment ein unerhörter Vorgang, Abhülfe verlangten in Bezug auf das System des medizinischen Unterrichtes — also wiederum von competentester Seite eine Anerkennung der überaus grossen Mängel der jetzigen betreffenden Einrichtungen. Eine Anerkennung, die mir natürlich mein Urtheil wesentlich erleichtert. Unzweifelhaft verdankt die medizinische Wissenschaft gerade den Engländern einige der glänzendsten Entdeckungen und Erfindungen, die überhaupt je auf rein praktischem Gebiete gemacht worden sind, ich erinnere an die Impfung der Kuhpocken, die Erfindung Chamberlens, die Anwendung des Chloroforms u. s. w., es zeichnet sich die englische Medizin von jeher durch ihre ruhige sorgfältige Beobachtung aus und durch ihre stete Verbindung mit dem endlichen Hauptzweck unseres ganzen ärztlichen Wirkens, dem Heilen. Gerade in meinem Spezialfach ist von jenseits des Kanals unendlich viel geleistet worden und ich selbst habe durch wiederholte persönliche Anschauungen die grösste Hochachtung vor den Leistungen der englischen Aerzte gewonnen, der ich auch wiederholt an anderer Stelle öffentlich Ausdruck verliehen habe, — um so schwerer wird es mir daher, und doch um so eher

ist es mir erlaubt, als vorurtheilsfreier Beobachter es auszusprechen, dass die englische Medizin, besonders wie sie von der grossen Menge der Aerzte geübt wird, heutzutage an ungemeiner Einseitigkeit und einem gewissen schablonenartigen Wesen leidet. Mit wenigen Ausnahmen, und diese finden sich meist in Schottland, dessen Universitätseinrichtungen den deutschen sehr ähnlich, beschäftigen sich die hervorragenden Aerzte Englands immer wieder und wieder mit Erfindung neuer Instrumente, Verbesserung alter, jagen nach neuen Mitteln u. s. w., in oft höchst unwissenschaftlicher Weise. Die grosse Masse der Aerzte theilt diese Neigung auf das Lebhafteste und verfährt dabei aber bei Untersuchung, Diagnose und Therapie in der Praxis auf eine unglaublich schematische, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, handwerksmässige Weise. Diese Zustände sind gewiss nur Folgen der medizinischen Ausbildung in Fachschulen. Wenn in Frankreich der Nachtheil derselben sich besonders in dem Einfluss der Examina, in der, möchte ich sagen, gleichmässigen Dressur der Mediziner kund giebt, so findet diess in England und Irland, Schottland muss, wie schon angeführt, seiner entschieden bessern Zustände wegen, hier ausgenommen bleiben, nicht so sehr statt. Vor diesem Uebelstand ist man in England, durch die Selbstständigkeit seiner Institutionen beschützt geblieben, indem der Staat mit den Dingen des wissenschaftlichen Unterrichtes und der Praxis-Ertheilung bis vor ganz kurzer Zeit gar nichts zu thun hatte. Dagegen macht sich der Einfluss der medizinischen Fachschulen, abgesehen von dem oben Angeführten, sehr übel geltend dadurch, dass eine ganze Reihe verschiedener Sorten von Aerzten besteht, deren Ausbildung eine höchst ungleiche und meist ganz handwerksmässige ist. Bekanntlich sind die englischen Universitäten Anstalten ganz anderer Art. als unsere Universitäten,

sie beschäftigen sich fast nur mit dem Studium der Humaniora, und leisten für die Mehrzahl der Studirenden etwa das, was in Deutschland und hier in der Prima des Gymnasiums gelehrt wird. Medizin an denselben zu studiren, ist bei den meisten ein Ding der Unmöglichkeit, indem gewöhnlich nur so viel medizinische Professoren vorhanden sind, als zum Abnehmen des Doctorexamens nöthig sind, denn den Titel Med. Doctor kann man nur an einer Universität erwerben, ausgenommen hiervon ist allerdings das College of Physicians in Dublin, welches die Doctorwürde verleiht. Ferner hat der Erzbischof von Canterbury das Recht, jede beliebige Persönlichkeit ohne Weiteres zum Doctor Medicinae et artis obstetriciae zu ernennen.

Ein Studium der praktischen Medizin ist an den Universitäten unmöglich. Dieses Studium kann nun in der verschiedensten Weise getrieben werden. Viele fangen als Laufbursche bei einem Apothecary an, bei welchem sie zunächst die Gläser und den Laden reinigen, dann Medizinen zu mischen lernen und endlich von dem Herrn eingeweiht werden in das Geheimniss, wozu diese Tränke dienen. Um dann Mitglieder der Society of Apothecaries zu werden und damit das Recht zur Praxis zu erlangen, müssen sie noch eine kurze Zeit in einem Spital gewesen sein und dann ein Examen vor der Examenskommission des Colleges der Apotheker machen. Das ist der Bildungsgang der untersten Klasse der Aerzte. Die höher stehenden ärztlichen Körperschaften sind die College of Surgeons und College of Physicians. Die Mitgliedschaft einer dieser Zünfte giebt das Recht zur Praxis. Um hier Mitglied zu werden, muss man ein Examen vor der Kommission, die aus der Mitte des Colleges gewählt wird,' ablegen und sich dazu vorher ausweisen über eine gewisse Zahl von Studienjahren in einem Hospital von über hundert Betten

und ausserdem für das College of Physicians noch den Doctortitel einer Universität erlangt haben. Dass diese Anforderungen und die Examina äusserst verschieden sind, geht allein aus dem Umstand hervor, dass in Grossbrittanien nicht weniger als 19 verschiedene licensing bodies, d. h. 19 Körperschaften existiren, die das Recht zur Praxis zu verleihen haben, und diese verleihen noch 23 verschiedene Qualificationen. Wenn man die Anforderungen und besonders die beim Examen gestellten Fragen durchliest, so erscheinen diese alle auf der Höhe der Wissenschaft zu stehen, aber die Times sagt hierbei sehr wahr: Auf die Fragen komme im Examen wenig an, wenn man die Antworten als gleichgültig betrachte.

Wie wenig gewissenhaft aber selbst die hochstehenden Colleges diesen Punkt betrachten, geht noch daraus hervor, dass viele derselben von Zeit zu Zeit ein Year of grace ausschreiben, d. h. nichts anderes, als in dem Jahre kann Jeder, der eine gewisse Studienzeit nachweist, gegen Bezahlung von so und so viel Pfund Sterling Mitglied des College werden ohne Examen. Solche Saturnalien of licensing, wie der Timesartikel dieses Verfahren nennt, werden nun je nach Geldbedürfniss ausgeschrieben. Hat doch ein College of surgeons auf diese Weise in einem Jahr 350,000 Frcs. eingenommen, so dass diejenigen Mitglieder, die durch Examen die Mitgliedschaft erworben haben, gewöhnlich sich schreiben M. R. C. S. by Exam. Aehnlich wie mit den Examenseinrichtungen ist es nun mit dem Studium der Medizin selbst. Be! fast allen grösseren Spitälern haben sich die Aerzte zu einer medizinischen Fachschule zusammengethan und hier findet sich dann schon die grösste Mannigfaltigkeit in Bezug auf die Art, Ausdehnung des Unterrichts, von den ausgezeichnetsten Schulen des Bartholomews, Thomas, Guy's Hospital zu London, die wahre Musteranstalten von Fachschulen sind,

bis zu den dürftigsten und mangelhaftesten Einrichtungen finden wir alle Nüancen des ärztlichen Unterrichts vertreten. In allen aber herrscht mehr oder weniger eine Art Abrichtungssystem vor, es fehlt das eigentliche Studium; der Schüler lernt nicht vom Lehrer, wie man am Objekt lernt und beobachtet, sondern er lernt vom ersten Tage an seinem Lehrer ab, was ihm etwa später von Nutzen sein könnte, oft ohne die Gründe für diese oder jene Handlungsweise kennen zu lernen.

Ich glaube, soweit Zeit und Ort diess erlaubten, bewiesen zu haben, dass die Ablösung der medizinischen Fakultäten aus dem Verband der Hochschulen und ihre Umwandlung in Fachschulen zum grössten Schaden der medizinischen Wissenschaft und vor allen Dingen zum grössten Verderben der ärztlichen Bildung überhaupt gereichen würde. Wenn man diess aber vereinzelt an einem Orte thun würde, so bin ich fest überzeugt, eine solche Fachschule würde bald von Schülern und Lehrern gleichmässig gemieden und in einsamer öder Sterilität dahinsiechen. Vergessen wir doch nicht, dass an allen Orten, so auch hier und zuletzt noch in Oesterreich, alle jene alten medizinisch chirurgischen Akademieen, wenn sie Bestand haben sollten und im Sinne der Neuzeit wirken, in medizinische Fakultäten umgewandelt sind. Sollten wir auf den Standpunkt gewaltsam zurückkehren wollen, den unsere Voreltern bereits als veraltet betrachteten?

Darum wirke, Jeder an seiner Stelle, dahin, dass der uralte Verband der Fakultäten an den Hochschulen nicht gelockert, nein, immer enger und enger werde. Viel, sehr viel kann aber hierzu auch die studirende Jugend selbst beitragen, wenn sie sich eben stets so viel als möglich vom einseitigen Brotstudium ferne hält und immer den höchsten Werth auf die wissenschaftliche Durchbildung legt.

In diesem Sinne heisse ich Sie, meine Herren Studirenden,

bei Beginn des neuen Semesters willkommen und besonders und vor Allen begrüsse ich die Glücklichen von Ihnen mit warmem Herzenswunsche, die Sie, der Schule und ihren Fesseln, der dumpfen Luft eines noch so heilsamen Schulzwanges entronnen, zum ersten Male sich frei fühlend das höchste Recht des Menschen, die Selbstbestimmung, ausüben!

Wer vergässe gern diese erste Zeit der Jugendherrlichkeit, wo man geblendet ist von all' dem Schönen, Wissenswerthen, was das Leben und die Welt in ungeahntem Glanze und in sinnbethörender Fülle uns scheinbar entgegenträgt! Benutzen Sie die kurze Spanne Zeit, die Ihnen gegönnt ist, wo Sie mit allen Idealen des Jugendmuthes und der Jugendfrische in die Welt treten, von der Sie bald sehen werden, wie manche Ideale zerrinnen. Vergessen Sie aber nicht, dass durch den rechten Gebrauch dieser Zeit Sie alle jene Ideale in sich verlegen sollen, die Sie jetzt noch ausser sich in der Welt suchen. Thun Sie das in der rechten Weise, dann werden Sie niemals schwächlich zu trauern brauchen über den Verlust Ihrer Jugendideale, dann werden Sie niemals missmuthige Alltagsmenschen werden; Sie werden in sich stets einen David tragen, der den Philister erschlägt. Geniessen Sie vollauf, was Ihnen an Freiheit geboten, aber vergessen Sie keinen Augenblick, dass mit dem Recht freier Selbstbestimmung und der Freiheit überhaupt jene schwer wiegende Verantwortung Ihnen überkommen ist, Ihr eigenes Geschick nicht nur zu lenken, sondern in diesen wenigen Jahren des Studiums allein, ganz allein in Ihre Hände und in Ihre Seele die Gestaltung Ihres ganzen künftigen Lebens gelegt ist, theilweise sogar das Geschick des äusseren Lebens, wesentlich aber Ihres wissenschaftlichen Charakters und der Anschauungen, die Ihnen Stütze, Leitung und Trost im Leben sein müssen.

Uebertragen Sie nicht den Zwang der Schule in falscher

Gewissenhaftigkeit auf Ihr jetziges Studium; glauben Sie nicht, wenn Sie regelmässig die Vorlesungen besuchen, dann hätten Sie geleistet, was man von einem sogenannten fleissigen Studenten verlangt, und könnten den Bündel des Wissens und der Wissenschaft hinter sich werfen wie eine Last und zu den Genüssen eilen, die gerade in Ihrem Alter die Welt so verlockend gestalten, um so verlockender, als glücklicherweise bei den Studenten unserer Tage die Erholungen noch nicht ganz frei von ideellem Schwung sind. Nein, an Stelle dieser Auffassung Ihres Studiums benutzen Sie lieber immerhin, so oft Sie wollen, das Recht eines jeden Menschen, wie Grimm sagt, faul zu sein oder faul zu scheinen, wenn es ihm beliebt; verlieren Sie nur den wissenschaftlichen Sinn nicht und vergessen Sie das Eine nicht, dass, was vielleicht in Erreichung einzelner Kenntnisse versäumt wird, immer wieder nachgeholt werden kann; niemals vermögen Sie aber nachzuholen, was Sie jetzt versäumen an allgemein menschlicher Ausbildung, an wissenschaftlicher Charakterbildung. Der Glaube an die veredelnde und durchleuchtende Kraft der Wissenschaft sei die Frucht, die Sie in diesen Jahren für Ihr ganzes Leben ernten mögen! Dann wird die Erinnerung an Ihre Studienjahre Ihnen noch im späten Alter als der Glanzpunkt Ihres Lebens erscheinen.

In diesem Sinne werden wir Lehrer Ihnen zu jeder Zeit das Beste, was wir besitzen, hingeben, unser Wissen und unser Können, dafür von Ihnen aber als Gegengeschenk jene dauernde Jugendfrische des Geistes empfangen, die als ein Hauptglück des akademischen Lehrers so oft gepriesen wird.

In diesem Sinne möge das ungetrübte Wechselverhältniss zwischen Lehrer und Schüler auch in diesem Semester und für alle kommenden unserer Hochschule erhalten bleiben.