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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Universität, Öffentlichkeit und Staat 150 Jahre Zürcher Wirren um David Friedrich Strauss

Da erstens die Universität die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hat und zweitens die Lehrfreiheit im Unterrichtsgesetz zwar genannt, aber durch die Ereignisse der jüngsten Zeit zerstört ist und so die Universität ihre Aufgabe nicht weiter wahrnehmen kann, wird die Universität Zürich mit Ende September aufgehoben.

Verehrte Festversammlung, meine Damen und Herren,

So lautete —sinngemäss —der Antrag auf Aufhebung der Universität, der vor 150 Jahren, am 18. März 1839, im Grossen Rat unseres Kantons eingebracht wurde. Der Vorstoss markiert einen der Höhepunkte jener Auseinandersetzungen des Jahres 1839, die unter dem Begriff «Straussenhandel» in die Zürcher Geschichte eingegangen sind. Es war der .erbitterte Streit um die Wahl eines Professors der Theologie, der die erst sechs Jahre alte Universität Zürich in ihre erste schwere Krise brachte; mehr noch: der das Zürcher Volk in offenen Aufruhr versetzte, im Zürichputsch vom 6. September desselben Jahres zu einem Bürgerkrieg mit Toten und Verletzten führte und die erste liberale Regierung Zürichs zum Rücktritt zwang.

Was sich in jenen Monaten in Zürich im Ineinander von Universität, Öffentlichkeit und Staat abspielte, hat —trotz manch grotesker Züge —grösste Beachtung weit über die Grenzen Zürichs hinaus gefunden. Es war und ist ein Lehrstück für das politische Geschick des Aufbruchs aufgeklärten Denkens und der mit ihm verbundenen Wissenschaft.

Die Vorgänge im einzelnen sind in jeder Geschichte des Kantons Zürich nachzulesen. Im Vordergrund des Interesses steht weniger, was sich ereignet hat, als vielmehr das, was im Zusammenhang dieser Ereignisse gedacht worden ist, welche geistigen und politischen Kräfte diese Eruption bewirkten.

I

Anlass der Auseinandersetzung war der Beschluss des Erziehungsrates vom 26. Januar, den ebenso berühmten wie umstrittenen Privatgelehrten Dr. David Friedrich

Strauss aus Ludwigsburg auf den hiesigen Lehrstuhl für christliche Glaubenslehre und Kirchengeschichte zu berufen.

Nach wie vor lagen die Theologen im Streit um die Frage nach dem Verhältnis von Aufklärung und biblischem Glauben. Einander gegenüber standen die Rationalisten, die eine Übereinstimmung von Offenbarung und Vernunft postulierten, und die Supranaturalisten, die aus der gleichen Vernunft gerade die Notwendigkeit einer zusätzlichen Offenbarung begründeten.

Mit seinem aufsehenerregenden Buch «Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet» hatte Strauss beansprucht, diesen Gegensatz zu überwinden. Dazu führte er zunächst die rationalistische Evangelien-Kritik zu ihrem konsequenten Ende: Die Geschichte kennt keine Wunder; der historische Jesus war kein Gottmensch, sondern nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Darstellung Jesu in den Evangelien ist nicht Historie, sondern die mythisch verklärte «Vorstellung», die sich die erste Christenheit von ihrem entrissenen Meister machte.

«Damit ist, wie es scheint, alles, was der Christ von seinem Jesus glaubt, vernichtet.» Dieser Schluss-Satz seines Buches war es, der Strauss für viele zum Antichristen stempelte: Strauss glaubt keinen Christus, keine Auferstehung, keine Unsterblichkeit.

Kaum zur Kenntnis genommen wurde in diesem Spitzensatz von Strauss die kleine Wendung «wie es scheint», die Strauss allerdings erst im Zusammenhang der Zürcher Ereignisse in der zweiten Auflage des Buches und in einigen «friedlichen Blättern» verdeutlichte: dass nämlich der Begriff der «Vorstellung» keineswegs nur negativ zu verstehen sei. Im Gegenteil: Auf den «Begriff» gebracht zeige sich, dass das, was im neutestamentlichen Bild des Christus mythisch «vorgestellt» wird, von hohem Werte sei: Es sei nichts anderes als das, was Hegel als die «Idee» bezeichnete.

Die «Idee» war für Hegel der Hintergrund allen Seins, jener «Geist», jene «göttliche Allvernunft», die aller Weltwirklichkeit zugrundeliegt. Dieser Geist verwirklicht sich in der Natur und in der Geschichte, durch ihn findet die Wirklichkeit ihre Einheit; und im menschlichen Denken wird sich dieser Geist seiner selbst bewusst. Diese eine Idee, diesen Geist, der alle Wirklichkeit bestimmt, sehen nach Strauss die neutestamentlichen Zeugen in Jesus exemplarisch realisiert.

Eines allerdings war für Strauss undenkbar: Dass sich die Idee ein für allemal und nur in Jesus inkarniert habe. Die Idee realisiere sich vielmehr in der Menschheit als ganzer: Nicht ein Individuum, sondern «die Menschheit ist die Vereinigung der beiden Naturen, der menschgewordene Gott». Die neutestamentliche Beziehung des Geistes auf ein Individuum gehöre «nur zur zeit- und volksmässigen Form» dieser Lehre.

Diese Auflösung der Einmaligkeit Jesu traf abermals in ein Herzstück der kirchlichen Tradition.

Wichtiger aber als das damit gegebene kirchliche und theologische Problem war für Strauss dessen philosophischer Gewinn: Mit dieser Sicht ist die Kluft zwischen Denken und Glauben «aufgehoben»: Das Absolute, das die Religion als Gegenstand des Glaubens «vorstellt», ist identisch mit dem, was die Philosophie «denkt». Die Wahrheit ist eine, Rationalismus und Supranaturalismus, Philosophie und Theologie, ja sogar Natur und Geschichte sind miteinander versöhnt.

II

Auch wenn nur wenige Zürcher die 1500 Seiten des Straussschen Buches gelesen haben, und auch wenn Strauss im Gang der Zürcher Vorkommnisse —hüben wie drüben —zunehmend zur Symbolfigur innerzürcherischer politischer Auseinandersetzung wurde, war der Kampf um Strauss, wie sich zeigen wird, im letzten doch ein Streit um seine Wissenschaft.

Schon im Erziehungsrat war die Wahl von Strauss umstritten: Der Beschluss fiel durch den Stichentscheid des Präsidenten. Welches waren die massgebenden Gesichtspunkte?

Der erste, der Strauss für eine Berufung nach Zürich in Vorschlag brachte, war Erziehungsrat und Professor Johann Caspar von Orelli —jener Orelli, der mit gutem Grund als der geistige Vater unserer Alma Mater gilt.

Orelli, gleichzeitig Theologe und klassischer Philologe, tief beeindruckt von Pestalozzi und eng mit der italienischen Literatur vertraut, war stark vom Neo-Humanismus des 19. Jahrhunderts geprägt. Der neue, aufgeklärte Geist, der sich seit 1830 in Zürich regte, sollte durch die freie, vorurteilslose Wissenschaft gestärkt und auf die Gesellschaft und den Staat übertragen werden —das Erbe platonischen Denkens ist unverkennbar. In dieses Bild Orellis von der Universität als einer humanistischen universitas litterarum rund um die Philosophische Fakultät passte Strauss wie kaum ein zweiter: als Förderer eines ganzheitlichen, Theologie und Philosophie, Natur und Geschichte umgreifenden Humanismus neuer Gestalt.

Ein anderer Gesichtspunkt bewog den Präsidenten des Erziehungsrates, Bürgermeister Konrad Melchior Hirzel, zum Stichentscheid für Strauss.

Seit 1830 hatte Hirzel als Politiker entscheidend an der Umgestaltung des Zürcher Staatswesens, auch an der politischen Durchsetzung der Universitätsgründung, mitgewirkt. Nur die Kirche stand noch abseits der Wende zur neuen Zeit. Zwar hatte 1831 der Rat ein liberales Kirchengesetz in Kraft gesetzt, doch das innere Leben der Kirche war davon unberührt geblieben. So war es denn in erster Linie der Blick auf die Kirche, der den damaligen Vorsteher des Erziehungswesens veranlasste, sich für Strauss einzusetzen.

«Die Kirche bedarf der Reform» postulierte Hirzel im Grossen Rat. Doch die Kirche selbst ist zur Reform nicht fähig. «Glauben Sie, die Priester seien es gewesen, die die

Götzen zuerst zerstörten ... War es die Kirche, die Zwingli und Luther zum Siege verhalf? ... Strauss ist ein ächter Christ. Er ist ein Reformer», und: «Schon einmal war ein Tag, wo auch der Rath von Zürich ..., am 29. Januar 1523, hier erkannte: Meister Zwingli soll fürfahren, das Evangelium nach dem Geiste Gottes ... zu verkünden».

«Ich will Glaubensfreiheit!» Wenn der Supranaturalist, der Rationalist und der Mystiker «Glaubensfreiheit für die dunkele Seite haben will, so wollen wir sie für die Helle. Wir wollen einen Denkglauben, einen vernünftigen Glauben. Daher halte ich die Berufung von Strauss nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Kirche für vortheilhaft».

Nicht das humanistische Konzept der Universität im Sinne Orellis, auch nicht die Reform der Kirche wie bei Hirzel, sondern der politische Blick auf den Staat bestimmte das dritte prominente Mitglied des Erziehungsrates zum Votum für Strauss, Friedrich Ludwig Keller, Professor für zürcherisches Privat- und Zivilprozessrecht und gleichzeitig Mitglied des Grossen Rates.

Keller, ein ausgezeichneter Jurist, war eine der entscheidendsten Gestalten der jungen liberalen Bewegung, konsequenter Vertreter allerdings ihres radikalen Flügels. Nichts ging im Zürich jener Jahre ohne ihn. Doch so einflussreich er war, erregte er ebenso grossen Anstoss. Nicht nur wurden ihm sein auffälliger Lebenswandel, sein Reichtum und seine Geldgier zum Vorwurf gemacht, zum Anstoss wurde vor allem sein tyrannisches, diktatorisches Gehabe. «Alkibiades des Limmatathen», «Peisistratos des Radikalismus» wurde er genannt. Nicht zuletzt der kompromisslose Radikalismus Kellers führte dazu, dass sich, 1832 bereits, der Zürcher Liberalismus spaltete und dann, im Gefolge des Straussenhandels, vorübergehend sogar unterging.

Politisch radikale Gründe waren es denn auch, die Keller zum radikalen Befürworter Straussens machten. Noch war ihm der Neuaufbruch nicht konsequent genug. Sein Einsatz für Strauss zielte darauf, den revolutionären Umbruch Zürichs zu fördern; jenen Umbruch, der am Schluss auch die Kirche treffen und sie ihrer Auflösung entgegenbringen sollte. Wohl unnötig, anzufügen, dass die Studenten mehrheitlich auf der Seite Kellers standen.

Drei unterschiedliche, nur zum Teil miteinander zu vereinbarende Konzepte von Wissenschaft wirkten so zusammen zum —knappen —Beschluss «Strauss kommt». Bei Orelli: die freie Wissenschaft als Ort der umfassenden Bildung des einzelnen, die dann durch deren Träger auch der Gesellschaft und dem Staat zugutekommt. Bei Hirzel: Die Wissenschaft in ihrer gesellschaftlichen Funktion, mit der Aufgabe, der politischen Entwicklung auch die geistige —und geistliche —Neuorientierung folgen zu lassen. Bei Keller: die Wissenschaft als Mittel zur Erreichung politisch fortschrittlicher Ziele.

Es wird sich zeigen, dass nicht nur die Wissenschaft von Strauss der Anlass der kommenden Auseinandersetzungen war, sondern auch der Widerstreit dieser drei Wissenschaftsverständnisse.

III

Vor seinem Beschluss hatte der Erziehungsrat die Theologische Fakultät zur Stellungnahme eingeladen. Diese fiel —bei nur einer Gegenstimme —ablehnend aus.

Verfasst wurde das Gutachten von Alexander Schweizer, Professor für Praktische Theologie und Kirchenrat. Dem neuen Geist aufgeschlossen und doch allen Extremen abhold und gut zürcherisch nüchtern, war Schweizer sowohl theologisch als auch politisch ein Mann der Vermittlung.

Den wissenschaftlichen Ansatz von Strauss hatte Schweizer schon 1836 verteidigt, auch wenn er ihn durchaus nicht in allem teilte. Mehr noch: Er hatte Strauss sogar zur Berufung als Vertreter der Hegelschen Philosophie an der Philosophischen Fakultät vorgeschlagen. Doch von einer Wahl an die Theologische Fakultät riet er ab. Er sah voraus, dass die bisher erst negative Entfaltung des theologischen Entwurfs bei Strauss dem Bewusstsein und Glauben der Kirche notwendig als Kriegserklärung erscheinen musste und zu einer Gefährdung des Fortbestandes der Universität werden könnte. Eine Berufung von Strauss wäre grundsätzlich wohl möglich, doch im Blick auf die Gesellschaft nicht zu verantworten. «Ich bin ein Feind von Unternehmungen, die mit mehr als Muth begonnen, dann aber nicht durchgeführt werden können».

Noch bevor der Regierungrat Gelegenheit hatte, den Wahlbeschluss des Erziehungsrates zu bestätigen, brachte der Antistes der Zürcher Kirche, Johann Jakob Füssli, die Angelegenheit vor den Grossen Rat. In Füssli erhob sich die Stimme jener institutionellen Kirche, die die Wende zur neuen Zeit noch nicht vollzogen hatte.

Für Füssli waren bei Strauss Theologie und Kirche unheilbar auseinandergebrochen. Laut Unterrichtsgesetz habe die Universität nicht nur die Aufgabe, das Gesamtgebiet der Wissenschaft zu bearbeiten, sondern auch die Pflicht, «die Zwecke des Staates und der Kirche durch höhere wissenschaftliche Berufsausbildung zu fördern». Die Hochschule Zürichs sei doch keine Weltuniversität, «die sich's zur Aufgabe zu machen habe, jeder, auch der extremsten, die christliche Lehre selbst aufhebenden, Richtung ein Feld zu eröffnen», und: «Wenn der Erziehungsrat bei der betreffenden Wahl wohl nur vom wissenschaftlichen Standpunkte ausgegangen ist, so gibt es für den Staat hier noch höhere und umfassendere Rücksichten, nämlich auf die Zwecke der Kirche und die Bedürfnisse des Volkes». Hat die Lehrfreiheit der Universität Grenzen?

Der Rat war aufgeschlossener als die Kirche. Füsslis Antrag, theologische Berufungen seien zuerst dem Kirchenrat zur Begutachtung vorzulegen, wird —nach neunstündiger Debatte —abgelehnt, die Berufung Strauss' damit implizit gebilligt. Die Regierung bestätigt die Wahl.

IV

Doch nun erhebt sich das Zürcher Volk. Gemeinde-, Bezirks- und Kantonalvereine bilden sich. Versammlungen mit Tausenden von Teilnehmern finden statt. Eine parastaatliche Organisation entsteht, die bald mehr Vertrauen geniesst als die Regierung. In einer Volksbefragung spricht sich eine erdrückende Mehrheit von über 39000 Stimmen gegen die Berufung aus. Zeitungsartikel, Flugblätter und Pamphlete überschwemmen den Kanton, Petitionen und Motionen werden eingereicht: Strauss soll und darf nicht kommen.

Dann der Rückzug der verunsicherten Regierung: Strauss soll pensioniert werden. Von radikaler Seite inspiriert wird dem im Rat der Antrag auf Aufhebung der Universität entgegengestellt: Wenn schon kein Strauss, dann auch keine Universität.

Die Pensionierung wird beschlossen, dem 32jährigen Strauss wird eine Rente von jährlich 1000 Franken zugesprochen. Die Universität bleibt bestehen —eine Kommission hatte befunden, dass Organismus und Ausgaben der Hochschule bereits auf das knappeste bemessen seien und dass durch Verstümmelung oder Aufhebung der Universität nichts zu gewinnen wäre.

Doch auch das vermag die tiefe Kluft zwischen dem Volk und der in sich zerstrittenen Regierung nicht zu überbrücken. Auf das Gerücht hin, dass 30000 Mann des Siebenerkonkordates radikaler Kantone im Anmarsch auf Zürich seien, löst das Sturmläuten des Pfarrers von Pfäffikon den «Zürichputsch» aus. Ein Freischarenzug aus dem Oberland und vom See zieht gegen die Stadt. «Militärisch» zwar ein Fiasko, erreicht er doch sein politisches Ziel: Die Regierung tritt zurück und der Grosse Rat löst sich auf.

Bei seinen ersten Chronisten findet dieser Aufstand des Volkes unterschiedliche Beurteilung: Für die einen war er nicht mehr als Ausdruck der kirchlichen, agrarischen und manchesterlichen Reaktion der durch die Geistlichen aufgehetzten Massen. Die anderen aber sahen in ihm den Aufbruch der tief reinen christlichen Herzen, die das sittlich Lebendige, das heiligste nationale Gemeingut gegen die zerstörende Axt der abstrakten Verstandes-Autoritäten verteidigten.

Aus der Distanz von 150 Jahren stellen sich die Dinge komplexer dar. Natürlich wurde der Aufstand auch zum Sammelbecken von konservativ oder reaktionär Gesinnten, auch von Vertretern des Ancien Régime, die durch den politischen Umschwung an Einfluss und Einkünften verloren hatten. Doch die Grosszahl derer, die sich in den Glaubensvereinen trafen und zu den Volksversammlungen strömten, war anders gesinnt. Sie teilten den Geist jener, die am 22. November 1830 in Uster zusammengetreten waren und dort den Grundstein zur Regeneration gelegt hatten; alle drei Redner des Ustertages gehörten den Strauss-Gegnern an. Im religiösen Bereich allerdings lag diese grosse Gruppe hinter ihrer Zeit noch zurück; die neueren Tendenzen innerhalb der Theologie waren unbekannt. Man lebte in und aus einer weitgehend pietistisch geprägten Volksfrömmigkeit.

Diese gemässigten Liberalen fühlten sich überrannt vom rasanten Tempo der Neuerungen und der zunehmend radikaleren Gangart der Neuerer: Bereits zuvor hatte sich Widerstand gegen die aufgeklärte Schule erhoben, gegen die «gottlosen» Lehrmittel und vor allem gegen den radikalen Direktor des Lehrerseminars Küsnacht, Ignaz Thomas Scherr — ein Landsmann von Strauss. Nun sollte auch die Kirche in diesen Strudel hineingerissen werden. Dass dies in eine Krise aller Werte führen würde, glaubte man durch das Verhalten der Freigeister und Libertinisten vom Zuschnitt Kellers schon jetzt bewiesen zu sehen. Das war dem politisch zwar aufgeschlossenen, religiös aber noch traditionell gebliebenen Volk zuviel. Dass sich gerade die Radikalen so vehement für die Berufung einsetzten, machte Strauss dem Volk nur umso verdächtiger.

V

Mit der Farce des Zürichputsches und dem Rücktritt der Regierung fand der Straussenhandel sein Ende; er hatte aber tiefe Wunden geschlagen.

Strauss war ein gebrochener Mann; eine feste Anstellung fand er nie wieder. Er widerrief alle Zugeständnisse, die er im Blick auf die Zürcher Berufung gemacht hatte, verstummte als theologischer Schriftsteller für 20 Jahre und gab in seinem letzten Werk dem Christentum und der Theologie vollends den Abschied.

In Zürich an die Macht kam eine konservative Regierung, die allerdings in der Person des Juristen Johann Caspar Bluntschli einen gemässigten Wortführer hatte. Dennoch kam es zu einer Säuberung der Gerichte und Behörden. Orelli und Hirzel verloren ihre Sitze im Erziehungsrat; Alexander Schweizer schied aus dem Grossen Rat aus. Keller floh am Tag des Zürichputsches verkleidet nach Baden und beendete seinen akademischen Lebensweg in Halle und Berlin —im Lager der Konservativen.

Dass Seminardirektor Scherr gehen musste, lag auf der Hand. Doch auch andere wurden in den Wirbel hineingezogen, so etwa die Direktorin des «Actientheaters», Charlotte Birch-Pfeiffer; in einem von ihr selbst geschriebenen Stück «Ulrich Zwinglis Tod» hatte sie die Rolle eines schuftigen Jesuiten in der Maske des Glaubenscomité-Präsidenten spielen lassen.

Für die Universität brachen drei schwere Jahre an. Die neuen Behörden liessen die Hochschule zwar nicht fallen, behandelten sie aber wie ein fremdes Kind. Einschränkende Regelungen sollten ihr auferlegt werden: eine massive Verschlechterung der Pensionsregelung, Restriktionen hinsichtlich der Berufung von Ausländern, Einschränkungen der Lehrfreiheit. Verschiedene Professoren verliessen Zürich, allen voran der unbestrittene «Star» jener Jahre, der Mediziner Johann Lukas Schönlein; und manche ausgeschriebene Stelle konnte nicht wieder besetzt werden. Die Zahl der Studierenden fiel um 44%, von 173 auf 97, den tiefsten Stand, den die Universität Zürich je aufwies. Dass 1844

Regierungsrat Bluntschli selbst noch das Rektorat übernahm, war dem Ganzen auch nicht eben förderlich.

VI

Doch dies blieb ein Zwischenspiel —auch das ist in unserem Zusammenhang von Bedeutung.

Von 1842 bis 1845 erstarkten die liberalen Kräfte erneut, gestützt durch die Winterthurer Demokraten, die 1869 die noch heute geltende Verfassung des Standes Zürich schufen.

An die Spitze des Zürcher Staates trat Jonas Furrer, der nach dem Zürichputsch ebenfalls aus dem Grossen Rat und dem Erziehungsrat verdrängt worden war und der später der erste Bundespräsident der erneuerten Eidgenossenschaft werden sollte. Erziehungsdirektor wurde kein Geringerer als Alfred Escher, der die Universität autark leitete, sich dabei allerdings auch hie und da vergriff.

Selbst Strauss erfuhr —zumindest indirekt —eine Rehabilitation: 1850 kam Aloys Emanuel Biedermann an die Theologische Fakultät, der sich in seiner Rektoratsrede von 1875 ausdrücklich zu Strauss bekannte, den Straussschen Ansatz aufnahm und ihn — gegenüber Strauss allerdings umsichtiger — zur bislang fehlenden positiven Entfaltung brachte.

Die historische Kritik des «Leben Jesu» von Strauss ist inzwischen als markanter Wendepunkt neutestamentlicher Forschung anerkannt, gleichzeitig aber auch theologisch auf eine neue Ebene gehoben worden. Die von Strauss so scharf artikulierte Frage nach dem Verhältnis von Mythos und Rationalität begleitet die Theologie bis heute, wenngleich sich ihre Form in der Zwischenzeit erheblich modifiziert hat. Die Strausssche Verbindung der Theologie mit der Philosophie Hegels blieb eine fundamentale Herausforderung der Theologie, auch wenn sie heute von den meisten aufgegeben ist.

Im Rahmen des neuen Klimas der 60er Jahre hat Biedermann überdies massgeblich dazu beigetragen, dass sich nun, wenngleich unter neuen Kämpfen, aus der Theologie heraus doch jene Reform der Kirche vollzog, die damals Bürgermeister Hirzel angestrebt hatte. Das unter der September-Regierung 1840 dann doch eingeführte Begutachtungsrecht des Kirchenrates für Berufungen an die Theologische Fakultät, das noch heute besteht, bedeutet seither faktisch keine Einschränkung der Lehrfreiheit mehr —jener Lehrfreiheit, die unserer Universität seit ihrer Gründung bis auf den heutigen Tag gesetzlich gewährleistet ist.

VII

Meine Damen und Herren, zu Beginn habe ich die Ereignisse des Jahres 1839 als ein «Lehrstück» bezeichnet. Inwiefern ist dies berechtigt? Was hat sich in diesen Vorgängen vollzogen?

An einem offensichtlichen Wendepunkt der Wissenschaft in einer Situation gesellschaftlicher und politischer Gärung wurde unversehens die gesamte Wissenschaft und mit ihr die Universität zum grundsätzlichen Problem. Am Fall Strauss wurde schlagartig deutlich, in welche Gefährdung die Vernunft, die Wissenschaft und sogar der Staat geraten können, wenn sie nicht —oder nicht mehr — von einem geistig-emotionalen Konsens der Öffentlichkeit getragen werden, wenn die Rationalität und die Wissenschaft, losgelöst vom geistigen Gesamtkontext, sich selbst, ihr eigenes Denken und Tun, zum alleinigen Mass der Dinge macht. Der Öffentlichkeit kann die Wissenschaft offenbar nur dann förderlich sein, wenn der Ansatz ihres Denkens und Wirkens gesamtgesellschaftlich vermittelbar ist und gesamtgesellschaftlich getragen wird. Vernachlässigt die Wissenschaft diesen Gesichtspunkt und trägt sie nicht selbst zu solcher Vermittlung, zur Schaffung geistiger Heimat bei, kann ihr Ähnliches widerfahren, wie es Strauss widerfuhr.

Kompliziert wird die Situation dadurch, dass in einer solchen Lage das Verhältnis zur Wissenschaft uneindeutig, sogar strittig wird. So beobachteten wir bei Orelli das Vertrauen in die Wissenschaft, bei Hirzel und vor allem bei Keller ein Verständnis der Wissenschaft als Mittel zum Zweck, bei Alexander Schweizer den Versuch, die Wissenschaft öffentlich zu verantworten, bei Füssli die Vorbehalte und beim Zürcher Volk die Angst vor der Wissenschaft. Der Fall Strauss zeigt, wie schnell ein solcher Dissens um die Wissenschaft zum Konflikt führen kann.

Ein Grund für die Schwierigkeit solcher Vermittlung war im Fall Strauss auch inhaltlicher Art: Sein so übergreifendes und dadurch so allgemeines Konzept, das zwar die gesamte Wirklichkeit umschloss, Gott und die ganze Welt, führte, gemessen am alltäglichen Einzelnen, in die Ferne und die Fremde. Wissenschaft und Erfahrungswirklichkeit sind offensichtlich aufeinander gegenseitig angewiesen. In eine ähnliche Schwierigkeit könnte wohl umgekehrt auch eine Wissenschaft geraten, die sich nurmehr dem Einzelnen und den kleinsten Einheiten der Wirklichkeit zuwendet und von dieser Seite her den Kontakt mit der unmittelbaren Erfahrungswelt zu verlieren droht.

Das Problem greift sogar noch tiefer: Der Fall Strauss verweist auf ein Dilemma, in das jede Wissenschaft geraten kann: Die Wissenschaft, die ihrem Wesen und ihrer Aufgabe nach kritisch ist, kann an einen Punkt gelangen, an dem sie die Lebensgrundlagen zu zerstören droht. An diesem Punkt hat sich immer wieder die Frage nach der Lehrfreiheit erhoben. Wo dieser Punkt liegt, ist nie im voraus zu bestimmen. Sein Ort hängt von beidem ab: von der Art der Wissenschaft und vom geistigen Gesamtkontext der Zeit — und in

beidem von den Grundwerten, zu denen sich der Mensch bekennt. Hier stellt sich die Frage nach der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ganz fundamental.

Die Vorgänge jenes Jahres sind auch exemplarisch dafür, was das Fehlen solcher Vermittlung bewirken kann. Der auf den Fortgang der Wissenschaft nicht vorbereiteten Öffentlichkeit wurde die Theologie von Strauss zum Symbol einer Wissenschaft, die alle bestehenden Bindungen hinter sich lässt, die eine Entwicklung in Gang zu setzen vermag, deren Konsequenzen unabsehbar sind, und die so statt Hoffnung Angst vor der Zukunft bewirkt. Diese Angst führte zur Reaktion —und in die Reaktion. Die Reaktion wurde stark, weil sich in ihr unterschiedliche Gruppen verbanden: Zu den wenigen eigentlich Reaktionären traten nicht nur die zurückhaltend Konservativen, sondern auch die vielen Redlichgesinnten und Aufgeschlossenen, die, durch die machtvolle Stosskraft der Radikalen verunsichert, sich —gegen ihren eigenen Willen — nun nach hinten orientierten.

Darin zeigt der Fall Strauss auch die grosse Problematik einer Wissenschaft und Politik, die allzu sicher im Interesse Andersdenkender meint agieren zu können und dadurch ideologisch wird. Problematisch wird jene Politik und jene Wissenschaft, die zu genau weiss, wie die Geschichte weitergehen soll und wird und die andere zu ihrem Glück zwingen will.

Wie sich an der Nachgeschichte des Straussenhandels erweist, sind allerdings auch Korrekturen problematischer Entwicklungen nicht ausgeschlossen. Die Folgezeit hat einiges von dem nachgeholt, was zur Zeit von Strauss noch fehlte: Es wuchs ein neuer Konsens, der die Angst zu bannen vermochte und der dann die Wissenschaft sich weiter entfalten liess. Und es war nicht zuletzt die Wissenschaft, die solche Weiter-Bildung des öffentlichen Bewusstseins vermittelte. Doch in diesem Prozess wandelte sich auch die Wissenschaft. Gegenüber dem ersten Aufbruch der selbstbewussten Aufklärung hat die Wissenschaft lernen müssen, dass nicht alles, was ihr denkbar erscheint, auch wahr und heilsam ist. Sie musste sich dem Anspruch stellen, sich selbst stets auf ihre Verantwortbarkeit hin zu befragen.

In diesem komplexen Vorgang und in diesem Sinne gab die Zeit schliesslich doch jenen Recht, die überzeugt waren, dass die Universität in ihrem Dienst an der Öffentlichkeit und am Staat auch trotz einzelner Krisen ihre Zukunft hat.

Meine Damen und Herren, wir sind nicht Richter über die Geschichte. Denn diese Geschichte ist auch unsere Geschichte. Sie könnte auch wieder neu unsere Geschichte werden. Darum lohnt es sich sehr wohl, sich dieser Geschichte zu erinnern.