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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Immunologie oder «Wie sich unser Organismus mit der Umwelt auseinandersetzt»

Akademische Rede von

Prof. Dr. Max Hess
Vizerektor

Die Immunologie beschäftigt sich mit den Mechanismen, mit deren Hilfe sich der Organismus mit der inneren und der äusseren Umwelt auseinandersetzt. Bei der Immunologie handelt es sich demnach um ein Fachgebiet, das die Hintergründe der Prinzipien erforscht, die — im menschlichen Organismus eingebaut —Individualeigenschaften und Überleben sichern. Mit dem Immunsystem verfügt der Körper über hochspezialisierte Zellen und deren Produkte, die in erster Linie den allgemeinen Schutzfunktionen, die durch Haut, Schleimhaut und bewegliche Abwehrzellen des Blutes sowie der Gewebe gewährleistet werden, Spezifität sowie Anpassungs- und Erinnerungsvermögen verleihen.

Das Immunsystem des Säugerorganismus ist derart komplex aufgebaut, dass sich fast zwangsläufig allerlei Störungen und Fehlleistungen einstellen und sich als Krankheiten äussern. Man denke an die im Steigen begriffene Zahl allergischer Erkrankungen, an angeborene oder erworbene Störungen der spezifischen Abwehr — Stichwort AIDS —sowie an Abwehrreaktionen, die sich gegen eigene Gewebe richten, Autoimmunkrankheiten genannt. Wie gelingt es dem Organismus, seine —im eigentlichen Sinne ökologische —Schutzfunktion erfolgreich zu erfüllen? Die Auseinandersetzung mit Umweltfaktoren bedingt, dass körperfremde Substanzen erkannt und gleichzeitig von körpereigenen unterschieden werden können Gerade auf dem Gebiet der spezifischen immunologischen Erkennung wurden in den letzten Jahrzehnten als Resultat immunologischer und molekularbiologischer Forschung gewaltige Fortschritte erzielt. Man besitzt heute recht konkrete Vorstellungen darüber, auf welche Weise Millionen von chemischen Verbindungen, wie sie in Infektionserregern, allergisierenden Substanzen oder anderen Produkten unserer Umwelt vorkommen, erkannt werden. Man weiss auch, wie diese Vielfalt zustande kommt und ahnt mindestens die Grenzen der Reaktionsmöglichkeiten. Eine Zusammenfassung der heutigen Vorstellungen über die Hintergründe der spezifischen Immunreaktionen ist jedoch nur sinnvoll, wenn die beteiligten Zellen und ihre wesentlichen Produkte kurz vorgestellt werden.

Beteiligte Zellen

Das Immunsystem ist so aufgebaut, dass jedes seiner Organe über das Blut- oder Lymphgefässsystem mit einem genau begrenzten Gewebebezirk in Beziehung steht. Diese lymphatischen Organe stehen ihrerseits über ein Netz von Lymph- und Blutgefässen untereinander in Verbindung. Dies ermöglicht den immunologisch reaktiven Zellen einen mehr oder minder freien, wenn auch geordneten Austausch innerhalb des ganzen Körpers. Damit besteht Gewähr dafür dass Fremdmaterial —

Antigen genannt —, das an irgendeiner Stelle in den Körper eindringt, zum zugehörigen lymphatischen Organ transportiert wird und durch Kontakt mit den dort vorhandenen Zellen eine zunächst lokale Immunantwort auslöst.

Bei den beteiligten Zellen handelt es sich im wesentlichen um T- und B-Lymphozyten und um «Antigen-präsentierende Zellen», deren prominenteste Vertreter die Makrophagen (spezialisierte Fresszellen) sind.

Die meisten Lymphozyten zirkulieren fast ununterbrochen innerhalb des Verbundes der lymphatischen Organe. Unter normalen Bedingungen wird die geschätzte Gesamtzahl von 10 12 Lymphozyten, was ein Gewicht von ungefähr einem Kilogramm ausmacht, durch die tägliche Neuproduktion von etwa 10 9 Zellen bei entsprechendem Zellverlust aufrechterhalten. Lymphozyten im Blut, deren Zahl einer Tagesproduktion entspricht (ungefähr ein Tausendstel des Gesamtbestandes), können beispielsweise jedes einzelne lymphatische Organ mehrmals passieren. Auf diese Weise wird ein Antigen, wo auch immer es in den Körper eindringt, dem gesamten Repertoire der reaktionsfähigen Zellen ausgesetzt.

Die
antigen-präsentierenden Zellen im Gewebe und im Blut, zu denen neben den Makrophagen weitere spezialisierte Zellen gehören, verarbeiten Antigene und bieten diese an ihrer Oberfläche in einer Form dar, dass Lymphozyten mit entsprechender Spezifität die Immunantwort in Gang setzen können. Nicht reaktionsfähige Lymphozyten setzen ihre Wanderschaft ungehemmt fort, gelangen in der Grössenordnung von wenigen Stunden zurück ins Blut und befinden sich dann innerhalb von Minuten in einem anderen Gewebe.

Erkennungsmechanismen und Erkennungsmoleküle

Die Fähigkeit der Lymphozyten, Antigene auf spezifische Weise erkennen zu können, bildet das Rückgrat der aussergewöhnlich feinen Unterscheidungsmöglichkeiten, über die das Immunsystem verfügt. Sie beruht auf dem Vorhandensein von Oberflächenstrukturen —Rezeptoren genannt — in Form von Molekülen, die in der Zellmembran verankert sind, und deren nach aussen gerichteter Teil mit korrekt angebotenem Fremdmaterial reagiert. Diese Reaktion wird als Antigenerkennung bezeichnet und wirkt als Auslöser für die Übermittlung einer Kette von Signalen, als deren Folge ein Lymphozyt mit dem ihm eigenen Verhaltensmuster, wie Zellteilung, Reifung oder Ausschüttung verschiedener Zellprodukte, reagiert: B-Zellen werden zu antikörperproduzierenden Plasmazellen, T-Zellen setzen Mittlersubstanzen — Lymphokine — frei oder verwandeln sich in «Killer»-Zellen, die zum Beispiel Krebszellen oder Zellen eines fremden Transplantates in direktem Kontakt abtöten können.

Abbildung 1 A: B-Zellrezeptor: membranständiger Antikörper (Immunglobulin), bestehend aus je zwei schweren (langen) und leichten (kurzen) Polypeptidketten und assoziiert mit Transmembranmolekülen, die intrazelluläre Tyrosinaseaktivität aufweisen.

Der Antigenrezeptor der B-Zellen (siehe Abb. 1 A) entspricht im wesentlichen einem membranständigen Immunglobulin oder Antikörper. Obschon Antikörper bereits seit 100 Jahren bekannt sind, und obschon die Immunglobuline wahrscheinlich zu den am besten untersuchten Proteinen in der Immunologie gehören, hat erst die molekularbiologische Forschung der letzten Jahrzehnte dazu beigetragen, die Hintergründe ihrer Variabilität und ihrer Integration als Rezeptoren in die Zellmembran besser zu verstehen. Die Gene, die für schwere und leichte Immunglobulinketten eines einzelnen Immunglobulinmoleküls kodieren, liegen weit auseinander, diejenigen für K- und λ-Leichtketten desselben Moleküls zudem auf verschiedenen Chromosomen. In der Entwicklung der B-Zellen findet daher ein komplexes Rearrangement von Gensegmenten statt, als dessen Resultat der variable Anteil des gebildeten Rezeptormoleküls eine fast beliebige Anzahl verschiedener Antikörperspezifitäten aufweisen kann. Man hat berechnet, dass um die 10 12 unterschiedliche Konfigurationen möglich sind. Der in der Zellmembran integrierte Teil des B-Zellrezeptors scheint mit einer Tyrosinkinase assoziiert zu sein, ein Enzym, dessen Funktion als intrazellulärer Signalübermittler
auch in anderen Zellsystemen bestens bekannt ist.

Die Natur des Antigenrezeptors der T-Zellen blieb lange Zeit ein Rätsel. Heute sind seine Bestandteile isoliert und identifiziert, und auch die entsprechenden Gen-Segmente sind bekannt. Der T-Zellrezeptor (Abb. 1 B, C) weist grosse Ähnlichkeiten mit einem membranständigen Immunglobulin auf: Er besteht aus einem Paar hochvariabler Glykoproteine, entweder als α β- oder oder γδ-Heterodimer angeordnet, das mit fünf weiteren, nicht variablen Molekülen — dem CD3-Komplex —assoziiert ist. Für die eigentliche Antigenerkennung sind die α, β, γ und δ-Ketten verantwortlich, die, wie im Falle der schweren und leichten Ketten der Immunglobuline, das Produkt eines Rearrangements verschiedener Gensegmente darstellen. Die Variabilität des Rezeptors scheint in der Grössenordnung von derjenigen der Immunglobuline zu liegen. Fremdmaterial wird von T-Zellen nicht in beliebiger Form als Antigen erkannt. In den meisten Fällen ist ein teilweiser Abbau in Bruchstücke durch bereits erwähnte antigenpräsentierende Zellen erforderlich. Die eigentliche Präsentation, das heisst das Darbieten der Antigene in reaktionsfähiger

Abbildung 1 B: MHC-Klasse-I-Molekül (bestehend aus α-Kette und β2-Mikroglobulin), das Peptidantigene für die Rezeptoren (bestehend aus αβ-Heterodimer) von CD8-positiven T-Lymphozyten präsentiert.Abbildung 1 C: MHC-Klasse-II-Molekül (bestehend aus α β-Heterodimer), das Peptidantigene für Rezeptoren (ebenfalls α β-Heterodimer) CD4-positiver T-Lymphozyten präsentiert.

Konfiguration, spielt sich unter Mitwirkung weiterer Erkennungsmoleküle an der Zelloberfläche ab. Diese Moleküle wurden ursprünglich als Transplantationsantigene bezeichnet, da sie für die Abstossung von transplantiertem Fremdgewebe verantwortlich sind. Sie sind bei jedem Menschen in individueller Zusammensetzung vorhanden und werden denn auch bei der «Typisierung» vor einer Gewebe- oder Organübertragung bestimmt. Erst später stellte sich heraus, dass die Bedeutung dieser individualspezifischen Genprodukte viel weiter reicht, und dass diese Moleküle beispielsweise bei der Präsentation von Peptidantigenen für T-Zellen eine Schlüsselrolle spielen.

Man unterscheidet im wesentlichen zwei Gruppen von Antigenmustern, die beim Menschen unter der genetischen Kontrolle des HLA-Systems stehen und im Jargon der Immunologen als MHC Klasse I und MHC Klasse II bezeichnet werden; «MHC» steht dabei für «major histocompatibility complex», was zu deutsch etwa «Haupt-Gengruppe der Gewebeverträglichkeit» heissen könnte. MHC-I-Produkte finden sich auf allen kernhaltigen Zellen des Organismus, während das Vorhandensein von MHC-Produkten der Klasse II auf B-Lymphozyten, gewisse T-Zellen und antigenpräsentierende Zellen beschränkt ist. Die Beteiligung von individuellen MHC-Produkten am Zustandekommen der Immunantwort ist auch für die Ausschaltung aller T-Lymphozyten wichtig, die zufällig mit körpereigenen Strukturen oder Zellen reagieren würden. Im Knochenmark gebildete T-Zellvorläufer reifen während einer Passage durch den Thymus zu immunologisch aktiven Lymphozyten aus, und während dieser Phase werden «autoreaktive» Zellen eliminiert. Eine unvollständige Ausschaltung von T-Lymphozyten mit einer gegen körpereigene Antigene gerichteten Spezifität kann die Entstehung von Autoimmunkrankheiten zur Folge haben.

Der Aufbau der MHC-Antigene geht aus den Abb. 1 B und 1 C hervor, in denen auch die Antigenpräsentation schematisch dargestellt ist. Produkte der MHC Klasse I bestehen aus einer α-Polypeptidkette, die das Antigen trägt, und einem β2-Mikroglobulin-Molekül. In dieser Form präsentierte Antigene werden durch eine Untergruppe von T-Zellen erkannt, deren Rezeptor mit einem «CD8» genannten Membranprotein assoziiert ist. Derartige CD8-positive T-Lymphozyten erlangen durch den Erkennungsvorgang die Fähigkeit, die antigentragende Zelle abzutöten. Dieser Mechanismus spielt beispielsweise bei der Zerstörung virusinfizierter Zellen sowie bei der Abstossung von Fremdgewebe eine zentrale Rolle. Beim Produkt des MHC Klasse Il handelt es sich um ein antigenpräsentierendes αβ-Heterodimer, das mit T-Zellen reagiert, die den Korezeptor «CD4» besitzen. In diesem Fall löst der Erkennungsprozess im CD4-positiven T-Lymphozyten die Bildung zahlreicher Produkte —Lymphokine genannt — aus. Diese Wirkstoffe beeinflussen die Aktivität weiterer T-, besonders aber von B-Zellen und Makrophagen, jedoch auch nicht dem Immunsystem angehörender Zellen, die ihrerseits zur Abgabe von Botenstoffen an die Umgebung aktiviert werden. Entsprechend der äusserst vielfältigen Wirkung dieser Zellprodukte, die in ihrer Gesamtheit als Zytokine bezeichnet werden und zu denen Interleukine, Interferone und verschiedene Wachstumsfaktoren zählen, wurden bereits weit mehr als 20 derartige Signalstoffe beschrieben und zum Teil charakterisiert.

zum Beispiel, die Elimination intrazellulärer Tuberkulosebakterien ermöglichen. CD8-positive T-Lymphozyten bilden und sezernieren nach der Erkennung von Antigen auf MHC-Klasse-I-positiven Zellen Substanzen, welche die Membran von Zellen mit entsprechenden Antigenen zerstören;

Die Immunantwort als Resultat von Zellkooperationen

Der Antigenkontakt löst in den beteiligten B- und T-Lymphozyten intrazelluläre Signale aus, unter deren Einfluss diese Zellen «aktiviert» werden. Diese Aktivierung äussert sich zunächst als Teilungs- und Differenzierungstätigkeit. Dadurch wird 1. die Zahl spezifisch reagierender Lymphozyten vergrössert; 2. entstehen die eigentlichen Effektorzellen der Immunantwort; und 3. bilden sich Gedächtniszellen, die bei späterer Begegnung mit dem gleichen Antigen sehr rasch reagieren können. Die Differenzierung der B- und T-Lymphozyten steht unter der Kontrolle löslicher Zellprodukte und verläuft entsprechend der Funktion der verschiedenen beteiligten Zellen unterschiedlich.

Für die Aktivierung, die Einleitung der Teilungstätigkeit und die Differenzierung der B-Zellen zu antikörperproduzierenden Plasmazellen sind Zytokine verantwortlich, die aus antigenpräsentierenden Zellen und CD4-positiven Lymphozyten stammen. Die gebildeten Antikörper sind beispielsweise imstande, bakterielle Toxine zu neutralisieren, Viren am Eindringen in den Organismus zu verhindern oder Krankheitserreger so zu verändern, dass sie von Fresszellen aufgenommen und vernichtet werden.

Die T-Lymphozyten regulieren sich durch Lymphokine gegenseitig in ihrer Aktivität und Differenzierung, stehen jedoch auch unter dem Einfluss von Makrophagenprodukten. CD4-positive T-Zellen, die Antigene in Assoziation mit MHC-Klasse-Il-Produkten erkennen, werden als «Helfer» oder «Induktoren» bezeichnet: sie produzieren nämlich Lymphokine, unter deren Einfluss B-Zellen zu Plasmazellen werden, die aber auch andere T-Zellen und Makrophagen aktivieren und dadurch,

Abbildung 2: Vereinfachte Darstellung der Zellkooperationen im Immunsystem. Die gegenseitige Beeinflussung der Zellen (Stimulierung und Hemmung) ist durch Pfeile dargestellt. Die löslichen Endprodukte (Zytokine, Antikörper) wirken in der Regel im Sinne einer negativen Rückkopplung. APZ = antigenpräsentierende Zelle; Th =CD4-positive Helfer-T-Zelle; Ts = (CD4- oder) CD8-positive Suppressor-T-Zelle; Tc =zytotoxische (d. h. zellzerstörende T-Zelle; M φ =Makrophage; Pz = Plasmazelle.

auf diese Weise werden virushaltige Körperzellen und wahrscheinlich zum Teil auch Krebszellen ausgeschaltet. Schliesslich scheint einer weiteren Untergruppe aktivierter T-Zellen die regulatorische Funktion einer Unterdrückung spezifischer Immunreaktionen zuzukommen. Diese Zusammenhänge sind in stark vereinfachter Form in Abb. 2 dargestellt.

Störungen und Fehlleistungen des Immunsystems

Beim komplizierten Aufbau dieses Abwehrsystems, das sich zudem durch vielfältige Endprodukte selbst reguliert, sind Störungen fast unvermeidlich.

Jedermann kennt den Begriff der allergischen Erkrankungen. Bei einer Form dieser Krankheiten besteht die Fehlleistung in der Überproduktion eines speziellen Typs von Antikörper, der für die Auslösung von lokalen Entzündungsreaktionen verantwortlich ist. In Abhängigkeit vom Ort dieser Reaktion entsteht ein ganzes Spektrum von Krankheitsbildern: vom unangenehmen, aber harmlosen Heuschnupfen über Atembeschwerden (Asthma) bis zum manchmal tödlichen anaphylaktischen Schock. Bei einer weiteren Form spielt sich die Entzündung in den Wänden von Blutgefässen ab und äussert sich infolge der eingeschränkten Blutversorgung als Funktionsstörung bestimmter Organe (z.B. Nierenversagen). Schliesslich kann auch eine übermässige, lokale Stimulierung von T-Lymphozyten zur Krankheit führen; ein Beispiel dafür ist das Kontaktekzem, bei dem gewisse Substanzen in Werkstoffen (z.B. Zement) oder in Hautsalben sowie Waschmitteln zu T-Zellvermittelten Hautentzündungen führen. Ebenfalls einen hohen Bekanntheitsgrad weisen heute wegen der Bedrohung durch das HIV-Virus die Immundefekte auf. Krankheiten dieser Art beruhen auf dem Ausfall einer oder mehrerer Komponenten im Mosaik der Immunantwort. Man kennt eine Reihe von Krankheitsbildern, bei denen der Defekt genetisch definiert oder infolge einer fehlerhaften Entwicklung auftritt. Die Störungen reichen von der Unfähigkeit zur Bildung bestimmter Antikörper bis zur fehlenden oder ungenügenden Entwicklung des T- oder B-Zell-Systems. Viel häufiger sind jedoch erworbene Mangelzustände, bei denen durch ein Grundleiden, eine Infektion oder die Verabreichung bestimmter Medikamente eine Immunantwort beeinträchtigt oder verunmöglicht wird. HIV-Viren infizieren vor allem CD4-positive T-Lymphozyten und antigenpräsentierende Zellen: dieser Eingriff an zentraler Stelle der Immunregulation erklärt den vollständigen Abwehrkollaps bei AIDS-Patienten.

Der Schutz der Individualeigenschaften steht im Pflichtenheft der Immunreaktion an erster Stelle. Voraussetzung dafür ist die Ausschaltung der immunologischen Reaktionsmöglichkeiten gegen körpereigene Zellen und Substanzen. Das Auftreten von Autoimmunkrankheiten, bei denen der Körper einem Angriff des eigenen Immunsystems ausgesetzt wird, demonstriert, dass auch in diesem Zusammenhang Fehler auftreten. Die Toleranz, das heisst das Ausbleiben einer Immunantwort, gegenüber individuellen Eigenantigenen wird auf verschiedene Weise durchbrochen. In jedem Falle wirkt eine fehlerhafte Antigenerkennung auslösend für die Autoimmunisierung, die sich auf ein Organ beschränkt (Beispiel: Schilddrüsenentzündung) oder den Gesamtorganismus beeinträchtigt (Beispiel: bestimmte rheumatische Krankheiten).

Noch wenig bekannt ist eine weitere Fehlleistung der Antigenerkennung. Nach

Kontakt des Immunsystems mit einem körperfremden Antigen werden normalerweise nur die T- und B-Zellen aktiviert, die an ihrer Oberfläche einen passenden Antigenrezeptor (T-Zellrezeptor oder Membranimmunglobulin) aufweisen und betrifft nur einen verschwindend kleinen Anteil aller Lymphozyten (weniger als 1%). Die nach Antigenkontakt in den aktivierten Zellen ablaufenden Vorgänge sind in der Regel geordnet, wohlorchestriert und gipfeln in der erfolgreichen Elimination des Antigens oder der antigentragenden Zelle. Bei Kontakt mit bestimmten Eiweissen beobachtet man jedoch ein völlig anderes Reaktionsmuster: Ein grosser Anteil der T-Zellen (bis zu 50%) wird durch diese als Superantigene bezeichneten Proteine stimuliert. Die scheinbar unkontrollierte Produktion verschiedener Lymphokine kann ernsthafte Krankheitszustände auslösen. In den letzten Jahren gelang es, die Hintergründe dieser ungeordneten und exzessiven T-Zell-Stimulierung auszuleuchten. Zur Aufklärung beigetragen haben insbesondere die Untersuchungen verschiedener Forschergruppen an Enterotoxinen bestimmter Staphylokokkenstämme, die als Superantigene wirken

Abbildung 1 D: Stimulierung CD4-positiver T-Lymphozyten durch Superantigen, das ausserhalb des üblichen Reaktionsortes an MHC-Klasse-II-Molekül und T-Zellrezeptor bindet. und für explosionsartige Ausbrüche von Lebensmittelvergiftungen verantwortlich sind. Dabei stellte sich heraus, dass diese Superantigene die üblichen Präsentations- und Erkennungsmechanismen zwischen antigenpräsentierenden Zellen und T-Lymphozyten umgehen (Abb. 1 D): Das Superantigen bindet sich ausserhalb der klassischen Erkennungsstelle an eine Kette des MHC-Klasse-II-Produkts sowie an bestimmte Regionen bestimmter β-Ketten des T-Zell-Rezeptors. Als Folge davon werden unverhältnismässig grosse Mengen an Lymphokinen, insbesondere Interleukin-2, produziert, die für die klinischen Symptome —Fieber, Unwohlsein, Erbrechen, Durchfall oder Schock —verantwortlich sind.

Praktische Konsequenzen

Die gewonnenen Erkenntnisse über die grundlegenden Mechanismen der Immunfunktionen und ihrer Störungen wurden und werden erfolgreich für die Erkennung, Verhütung und Behandlung von krankhaften Zuständen eingesetzt. Beispiele dafür sind der Einsatz monoklonaler Antikörper in der Krankheitsdiagnostik, aktive Immunisierungen zum Schutz vor Virusinfekten oder vor der Wirkung bakterieller Toxine, die Desensibilisierung zur Behandlung von Allergien sowie die erfolgreiche Substitution mit Antikörpern und Zellen bei gewissen Immundefekten. Auch die Verhinderung von Abstossungsreaktionen nach Organtransplantation kann heute recht gezielt kontrolliert werden.

Während sich die Verabreichung von Antikörpern in Form von Gammaglobulinpräparaten in vielen Fällen als lebensrettend erweist, kommt es beim therapeutischen Einsatz von Zytokinen zu recht ausgeprägten und unerwünschten Nebenwirkungen.

Schwierigkeiten tauchen auch auf bei der Behandlung von Immundefekten durch Ersatz der fehlenden Zellen mit immunologisch kompetenten Lymphozyten: die mit individualspezifischen Rezeptoren ausgestatteten T-Zellen lösen im abwehrgeschwächten Empfänger eine Immunreaktion aus, deren Verhinderung mit beträchtlichem technischem Aufwand verbunden ist.

Wie immer bei neuen Erkenntnissen, lösten die Fortschritte der Kenntnisse der Funktion von Zytokinen und deren Verfügbarkeit in gereinigter Form und genügender Menge neue Hoffnungen aus, das Immun-System mit körpereigenen Stoffen steuern zu können. Zu Beginn der siebziger Jahre schien insbesondere die Entdeckung, dass Interferone und weitere T-Zell- und Makrophagenprodukte im Tierversuch und in der Zellkultur das Wachstum von Krebszellen hemmen können, eine neue Ära der Tumortherapie einzuläuten. Einmal mehr erwies sich dies als verfrühte Hoffnung. Man hat zu wenig berücksichtigt — und damals auch noch nicht gewusst —, dass Zytokine streng lokal wirken, und dass ihre Wirkung in Abhängigkeit von der Zielzelle, mit der sie reagieren, sehr unterschiedlich ausfällt. Wird der Gesamtorganismus mit einer dieser Substanzen überschwemmt, stellt sich der erwartete Effekt zwar an bestimmten Stellen ein, die Reaktion mit anderen jedoch kann höchst unerfreuliche und gefährliche Nebenwirkungen —ähnlich wie bei Stimulation mit den erwähnten Superantigenen — auslösen.

Trotz aller Fortschritte in der Forschung sind Zytokine vorerst nur als ungezielte Wirkstoffe einsetzbar. α-Interferon hat sich beispielsweise bei der Behandlung von zwei seltenen Formen von Leukämien bewährt: mit gutem Erfolg bei der Haarzell-Leukämie, begrenzt bei der chronischen myeloischen Leukämie. In beiden Fällen ist die Wirkungsweise jedoch weitgehend unklar. Weiter hoffte man vor einigen Jahren, mit Hilfe von Interleukin-2 die Metastasierung einer bestimmten Form von Hautkrebs hemmen zu können. Diese Hoffnung hat sich jedoch vorläufig nicht erfüllt.

In der Situation einer weltweiten wissenschaftlichen Konkurrenz und unter dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit werden heute allzu früh Hoffnungen geweckt, denen fast zwangsläufig Ernüchterung und Skepsis folgen. Das fein abgestimmte Zusammenspiel der beteiligten Zellen und der von ihnen gebildeten Regulatorsubstanzen erträgt keine groben Eingriffe. Wir werden uns noch während längerer Zeit mit kleinen Teilerfolgen begnügen müssen, bis das Immunsystem zum Wohle des Patienten gezielt beeinflusst werden kann.

Literatur

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