reden.arpa-docs.ch
Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die französische Trojalegende im Mittelalter

Neulich war im British Museum eine faszinierende und informative Ausstellung zu sehen. Ihr Thema war: Fälschungen, Fakes or the art of deception. Unter den zahlreichen Ausstellungsgegenständen —Skulpturen, Bilder, Bücher, Handschriften, Objekte verschiedenster Art — zeigte eine Vitrine Ossians Dichtung über Fingal, die MacPherson so glücklich war, aus dem Gälischen zu übersetzen und herauszugeben, sowie die legendäre Historia region Britanniae des Geoffroy of Monmouth. Zwischen diesen Fälschungen war eine reich illustrierte napoletanische Handschrift aus dem 14. Jh. mit einer französischen Trojageschichte in Prosa ausgestellt. Wie kam diese Handschrift in eine Ausstellung von Fälschungen? Ein kurzer Kommentar klärte den interessierten Besucher auf. Die mittelalterliche Trojalegende wird bekanntlich nach zwei spätantiken Autoren erzählt, dem Phrygier Dares und dem Kreter Diktys. In den Einleitungsepisteln zu diesen Texten wird gesagt, so war in London zu lesen, es handle sich in beiden Fällen um Augenzeugenberichte: Die erste Epistel von Cornelius Nepos an Sallust behauptet, der Text von Dares sei in Athen gefunden worden, während in der zweiten Epistel Lucius Septimius erklärt, er habe Diktys aus einer griechischen, aber in phönizischen Buchstaben geschriebenen Handschrift übersetzt, die er im Grab des Diktys in Knossos auf Kreta entdeckt und dann dem Kaiser Nero gebracht habe. Dares und Diktys geben beide vor, beim trojanischen Krieg dabeigewesen zu sein. Da nun diese beiden Autoren die Quelle der französischen und dann der ganzen mittelalterlichen Trojalegende sind, kann die mittelalterliche Trojageschichte somit der Wahrheit nicht entsprechen und muss demnach eine Fälschung sein. Fake. Der immer noch interessierte Besucher der Ausstellung konnte dann noch

lesen, dass die Trojageschichte im Mittelalter nicht auf Homer und Vergil zurückgeht. Diese Information stimmt natürlich, doch implizit wird damit suggeriert, dass die wahre Trojageschichte bei diesen beiden Autoren zu lesen ist. Soviel mir bekannt ist, sind nun aber weder Homer noch Vergil Augenzeugen des Geschehens gewesen. Das Kriterium des Augenzeugen scheint offenbar kein besonders gutes Kriterium zu sein, besonders wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass moderne Historiker und Archäologen sich zum Teil ernstlich fragen, ob der trojanische Krieg wirklich je stattgefunden hat.

Stattgefunden haben jedoch, um es so zu sagen, unzählige Texte aus dem Altertum, dem Mittelalter und aus der Neuzeit, bei denen ein Bezug auf eine wie auch immer geartete historische Wahrheit ohne Belang ist. Noch ein Letztes zur Londoner Handschrift. Sie gibt tatsächlich vor, die vraie histoire de Troie zu berichten, doch fehlen in dieser Version der französischen Trojageschichte die Hinweise auf die Einleitungsepisteln zu Dares und Diktys, womit das schöne Exponat für den nicht informierten Besucher zu einer Art fake of a fake geworden ist.

Die Handschriften der französischen Trojalegende sind heute über die ganze Welt verstreut. Es gibt deren etwa 300 in gegen zwanzig verschiedenen Versionen. Nicht ohne Neid habe ich kürzlich erfahren, dass ein japanischer Kollege für seine Universitätsbibliothek bei Sotheby's eine französische Trojahandschrift hat erwerben können. In Zürich gäbe es natürlich nur Geld, wenn überhaupt, für den Erwerb von Turicensia, wozu französische Handschriften zur alten Geschichte wohl kaum gehören.

Doch bleiben wir bei der Sache. Die Fülle des Materials zwingt mich, in der folgenden kurzen Übersicht stark zu vereinfachen und nur einige wenige Gesichtspunkte zu berücksichtigen.

Der Fall Trojas ist ein wichtiger Einschnitt in der Weltgeschichte, wie sie damals verstanden wurde. In der für das ganze Mittelalter gültigen lateinischen Fassung der Chronologie des Eusebius, den Chronici canones, gibt es nur zwei besonders hervorgehobene Zeitabschnitte, nämlich im Weltjahr 2015 die Geburt des Gottessohnes Jesus Christus, und im Jahr 835 den Fall Trojas, Troja capta. Troja wird damit zum weltgeschichtlichen Ereignis erster Grösse. Es ist deshalb von Bedeutung, ob die Trojatexte in einer Weltchronik eingebaut werden oder ob sie für sich allein tradiert werden. Die französische Dares-Übersetzung vom Anfang des 13. Jahrhunderts ist z.B. ein Bestandteil einer Universalchronik, die in Frankreich als Histoire ancienne jusqu'à César bekannt ist. Dieser vor gut hundert Jahren vorgeschlagene Titel ist aber unglücklich gewählt, denn die so bezeichnete Histoire ancienne beginnt mit der Schöpfung und der Geschichte der Hebräer, ist also eine Universalgeschichte, eine histoire universelle. Die eigentliche Histoire ancienne lässt die Geschichte der Hebräer weg und beginnt mit Ninus, dem Erbauer von Ninive, und seiner Frau Semiramis. Ninus war der erste Mensch der Weltgeschichte, der Waffen trug (primus inventor) und ist demnach der Begründer der chevalerie. Einige Handschriften

der Histoire ancienne lassen auch den Orientalen Ninus weg und beginnen die «alte Geschichte» erst mit der Zerstörung Thebens, also mit den Griechen. Die Histoires anciennes erzählen aber in jedem Fall nur noch «profane» Geschichte.

Der Einbau der Trojageschichte in eine Histoire universelle bedeutet, dass sie in die von der Schöpfung ausgehende lineare Weltzeit integriert wird. Nun ist aber diese eschatologische Zeit, von der Schöpfung über die Inkarnation bis zum Jüngsten Gericht, eine von Intellektuellen konstruierte Zeit. Stehen die Trojatexte in anderem Zusammenhang oder gar für sich allein, ist die gedachte Weltzeit nur noch potentiell präsent.

Die volkssprachlichen Texte erzählen history in Form einer story. Sie waren für ein Laienpublikum bestimmt, welches im Augenblick des Zuhörens oder, später, des eigenen Lesens diese story kaum in die eschatologische Zeit einbaute. Der materielle Aspekt der Textüberlieferung spielt somit eine wichtige Rolle für die Beurteilung des Stellenwertes, den die geschichtliche Erzählung beim damaligen Publikum einnahm.

Der handschriftliche Befund ist folgender:

— Die Histoires universelles enthalten, mit zwei Ausnahmen aus dem 15. Jahrhundert, nur die trockene Dares-Übersetzung (13.-15. Jahrhundert).

— Einige Handschriften geben eine Histoire ancienne in Versen. Darin findet sich der Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure zusammen mit anderen romans antiques, manchmal noch mit «bretonischen» Texten (13. bis erste Hälfte des 14. Jahrhunderts).

Histoire ancienne in Prosa (14.-15. Jahrhundert). Die Dares-Übersetzung des Trojateils ist hier ersetzt durch eine Prosaumsetzung des Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure, erweitert durch mythologische Zusätze und Übersetzungen der Heroiden Ovids. Die eingangs erwähnte napoletanische Handschrift der British Library ist die älteste dieser Handschriften. Sie beginnt mit dem nach Statius erzählten Thebenroman. Nach der Rubrik Ci commence la vraie ystoire de Troie steht ein interessanter Abschnitt, der z. T dem Anfang der Histoire universelle entnommen ist. Darin wird kurz über die Ursachen der Sintflut berichtet, dann lesen wir: ... tant que Noé trespassa de cest siecle. Adonc se partirent si .iij.fil Sem, Cham et Japhet, et s'en alerent habiter par diversses parties du monde. Car la terre est devisee en trois parties, et l'une des trois parties est ausi grant par li comme les autres .ij. sont ensemble. Aise a nom la plus grant, et les autres .ij. Europe et Aufrique. Sem li filz Noé habita toute Aise; Cham tint Aufrique; Japhet tint Europe (BL Roy.20.D.I., f.27c.) Nun folgt eine Genealogie, aber nicht von allen drei Söhnen Noas, sondern nur diejenige des Japhet, welche über Frigus, Dardanus und Erictonius zu Tros und Ylus geht, d.h. zu den Gründern Trojas, dann weiter bis Odysseus. Zweierlei fällt hier auf. Zum einen sind die Nachfolger Sems, die Semiten, wohl als die Bewohner Asiens vorgestellt, Troja hingegen, das auch in Asien liegt, ist vom Japhetiten Tros

gegründet worden, der über Dardanus und Erictonius ja auch mit den Griechen verwandt ist. Zum zweiten bedeutet die Ausschaltung der Semiten und Hamiten, dass es nur um die Geschichte der Japhetiten geht, also um die Geschichte Europas. Damit ist diese Histoire ancienne die erste Sammlung von Texten zur alten Geschichte, die sich explizit als europäische Geschichte versteht.

— Die Handschrift enthält nur den Trojaroman. Das trifft zu für die meisten Handschriften des Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure sowie für die Handschriften der Prosa 1,2 und 3 und für die Übersetzungen A B C E der Historia destructionis Troiae von Guido delle Colonne. Das Theaterstück von Jacques Milet ist immer allein überliefert.

Zur Erläuterung der verschiedenen Bezeichnungen gebe ich eine kurze tabellarische Übersicht über die wichtigsten Texte, die direkt oder indirekt auf den Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure zurückgehen.

2.H.12.Jh. Benoît de Sainte-Maure, Roman de Troie (ca. 1165, Anjou); 57 Hss.

2.H.13.Jh. Prosa 1 (Korinth); 19 Hss.
Prosa 2 (Norditalien); 3 Hss.
Prosa 3 (Toscana?); 3 Hss.
Prosa 4 (Frankreich); 1 Hs.
Guido de Columnis, Historia destructionis Troiae
(1287, Süditalien); ca. 240 Hss.
14.Jh. Prosa 5 in Histoire ancienne (Neapel); 13 Hss.
Übersetzungen oder Adaptationen von Guido:
Guido A (1380, Beauvais); 6 Hss.
15.Jh. Guido B (1453, Burgund); 2 Hss.
Guido C (1459, Burgund); 25 Hss.
L'Abrégé de Troie in Alexandrinern, nach Guido C
(um 1460, Burgund); 28 Hss.
Guido E (Paris); 1 Hs.
Guido E (Paris); 1 Hs.

Jacques Milet, Istoire de la destruction de Troie la grant par personnages (1450-1452, Orléans); 13 Hss. und 12 alte Drucke.

Diese Übersicht zeigt, dass mit einer Ausnahme, die kein Erfolg war, alle Prosaumsetzungen des Trojaromans ausserhalb Frankreichs entstanden sind, eine im damals französischen Morea, die andern in Italien. Die meisten Handschriften von Prosa 1 und Prosa 5 stammen jedoch aus dem 15. Jahrhundert und sind in Frankreich geschrieben worden. Der «regionale» Befund müsste demnach synchron und diachron erläutert werden, was hier nicht zu leisten ist. Weiter wird aus der Tabelle ersichtlich, dass eine zweite Verbreitung des französischen Trojaromans mit der lateinischen Version des Guido delle Colonne einsetzt, dessen Text vom 14. Jahrhundert an nicht nur ins Französische, sondern in fast alle europäischen Sprachen übersetzt worden ist. Das mittelalterliche Trojabild wurde somit für Jahrhunderte

vom französischen Roman de Troie aus dem 12. Jahrhundert geprägt.

Es ist Zeit, dass wir uns jetzt diesem Text zuwenden. Worum geht es darin? Zweifellos geht es um alte Geschichte, nämlich darum zu erzählen, wie Troja zweimal zerstört wurde. Die erste Zerstörung ist eine Rache am trojanischen König Laomedon, der den Argonauten die Landung vor Troja verweigert hatte, obschon diese sich nur mit frischem Wasser und neuem Proviant eindecken wollten. Laomedons Tun wurde als unfreundlicher Akt angesehen, wie es in der noch stark feudal geprägten Diplomatensprache heute heissen würde —und ein unfreundlicher Akt ist ein casus belli. Die Strafexpedition wurde von Herkules angeführt. Nach der Zerstörung der Stadt erhielt der Grieche Telamon Laomedons Tochter Hesiona, die Schwester des Priamus. Leider, so betont Benoît de Sainte-Maure, hat er sie nicht geheiratet, sondern nur als Konkubine gehalten. Ajax Telamon, der aus dieser Verbindung hervorgegangen ist, spielt dann im zweiten Trojanerkrieg eine wichtige Rolle.

Der zweite oder der eigentliche Trojanische Krieg knüpft an dieses Geschehen an. Nach dem Wiederaufbau der Stadt verlangt Priamus seine Schwester zurück, doch sein Gesandter Antenor wird von den Griechen nur mit Spott und Hohn bedacht. So fährt dann Paris aus. Er ist zuversichtlich, denn in einem Traum hat ihm Venus die schönste Frau der Welt versprochen (das Parisurteil wird als Traum vorgeführt). Es folgt der Raub der Helena, und die Dinge gehen ihren Lauf. Nach der definitiven Zerstörung Trojas wird nach Diktys noch die unglückliche Heimfahrt der Griechen erzählt.

So zusammengefasst, geht es im Roman de Troie um Zerstörung, um die Zerstörung einer blühenden Zivilisation, als deren Emblem die Stadt Troja zu gelten hat, und um die Zerstörung der heimkehrenden Griechen. Ist der Roman de Troie demnach ein Kriegsbuch? Weniger als es den Anschein hat, denn von den über 30300 Versen ist nur ein Drittel dem Kriegsgeschehen gewidmet. Mehr Raum, und damit offensichtlich auch mehr Bedeutung, nehmen Beschreibungen ein, z.B. Architekturbeschreibungen, wie etwa diejenige der überaus prächtigen Chambre de Beauté, des Prunksaals, den Priamus der schönen Helena schenkt und die offensichtlich, ungefähr in der Mitte des Romans, eine Allegorie der courtoisie ist, oder dann die Beschreibung von Hektors Grab, einem phantastischen Mausoleum, dessen Vorlage wohl zeitgenössische Ciborien waren, aber das vor der Erfindung des armierten Betons im richtigen Massstab nicht hätte gebaut werden können. Beschreibung auch von märchenhaften Zelten oder der wundersamen Geographie des Orients, welche dem Eingreifen Penthesileas und ihrer Amazonen vorausgeht. Weiter sind mehr als 16 %des Textes Beratungsszenen oder Gesandtschaftsreden gewidmet. Diese letzte Besonderheit hat einige Schreiber von Guido-Handschriften beeindruckt. Es ist nämlich zu lesen, dass Guidos Text für Gesandte besonders nützlich ist: Explicit hystoria troiana que utilis est ... illis qui exercent legaciones principum ac prelatorum. Und weiter haben wir, neben dem Kriegsgeschehen, eine ganze

Anzahl von Liebesgeschichten. Besonders eine dieser Liebesgeschichten, die in den alten Augenzeugenberichten von Dares und Diktys nicht verzeichnet wurde, demnach noch weniger wahr ist als die zugrundeliegenden angeblichen Fälschungen, ist eine Erfindung von Benoît de Sainte-Maure. Es ist die Geschichte von Troilus und Briseida, die über Boccaccio und Chaucer bis in die Neuzeit wiedererzählt worden ist, vielleicht die einzige Liebesgeschichte der mittelalterlichen Trojalegende, die überlebt hat. Auf jeden Fall ist bei Benoît de Sainte-Maure viel mehr als nur Krieg.

Natürlich gibt es in vielen andern literarischen Texten des Mittelalters zahlreiche Frauengestalten, doch bietet der Roman de Troie vielleicht dazu die reichste Palette in einem einzigen Text. Ich zähle rasch auf. Da ist zunächst Medea, die von Dares nicht einmal erwähnt wird. Kaum hat sie den Fremdling und Abenteurer Jason erblickt, verliebt sie sich in ihn. Benoît präsentiert Jasons Porträt durch die Augen der Frau und nennt die dadurch entflammte Liebe fin'amor. Dieser Ausdruck bezeichnet im 12. Jahrhundert das, was die heutige Kritik etwas unglücklich «höfische Liebe» nennt. Es sei hier gleich angemerkt, dass der Roman de Troie, trotz seiner zahlreichen Liebesgeschichten, keineswegs ein Traktat über die höfische Liebe ist. Nicht die Liebe ist der Anreiz zu den Heldentaten, sondern das Verlangen nach Ruhm und Ehre. Die fin'amor, die Medea für Jason empfindet, wird vom Autor eindeutig als Leidenschaft dargestellt, die nur eine folie sein kann, eine folie amoureuse, wie dies im Text auch mehrmals gesagt wird. Jason verspricht Medea, sie zu heiraten, worauf sich die Frau dem Mann hingibt und ihm verrät, wie er in den Besitz des goldenen Vlieses gelangen kann. Doch Jason ist ein treuloser Bursche: Laidement li menti sa foi, heisst es. Moderner und burschikoser könnte man sagen: Er ist ein Mann, der seine Karriere einer Frau verdankt, sie aber nach dem Erfolg treulos sitzen lässt. — Hesiona, eine Kriegsbeute, doch Mutter des Helden Ajax Telamon, wird von Telamon ungebührlich behandelt. Hätte er sie dem Priamus zurückgegeben, wäre der Krieg nicht ausgebrochen. —Dann Helena, femme fatale im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihretwegen wird sich das Fatum an Troja erfüllen. Benoît entwirft ein differenziertes Bild Helenas, doch am Schluss gibt er ihr das Wort nicht mehr, denn sie ist eine Sache geworden, die man ihrem Herrn und Meister, dem Menelaus, zurückgibt. — Weiter die zwei Töchter des Priamus: Cassandra, die Prophetin, die immer Recht hat, auf die jedoch die Männer nie hören wollen; einmal wird die lästige Mahnerin vom irritierten Priamus sogar für längere Zeit eingesperrt; dann die andere Tochter, Polixena, ebenso schön wie Helena, aber ein unschuldiges Mädchen, das am Schluss von Pyrrhus, dem Sohn Achills, der Staatsräson zuliebe grausam geopfert wird. —Weiter Briseida, der Inbegriff der femme volage. An der Stelle, wo sie den sie liebenden Troilus verlässt, ficht der Autor ein paar frauenfeindliche Verse ein zum Thema: La donna è mobile. Daraus schliessen zu wollen, Benoît de Sainte-Maure sei ein misogyner Autor, wäre völlig verkehrt. Die oft zitierten Verse, in denen er sich bei einer Königin, wohl bei Eleonore von Aquitanien, der Frau Heinrichs II. Plantagenêt,

für seinen Frauentadel entschuldigt, betreffen nur seinen Kommentar zum Verhalten einer einzigen seiner zahlreichen Frauengestalten, nämlich der Briseida, der femme volage. — Dann die Ehefrauen und Mütter: Hecuba, die einen ihrer Söhne nach dem andern verliert und schliesslich, die Mutterliebe und die Muttertrauer mit der Staatsräson identifizierend, ihren Sohn Paris zum Mord an Achilles überredet. Andromacha, auf die Hektor nicht hören will; der grosse Held verfällt gar der ira und beginnt, seine Frau zu hassen. Ein Traum hatte Andromacha eröffnet, dass der nächste Tag für Hektor fatal sein werde. Doch für Hektor ist dieser Traum eine reine folie. Hier ist anzumerken, dass die Vision oder der Traum des Paris, der einen glücklichen Ausgang der Piratenexpedition vorauszusagen schien, von den männlichen Helden positiv gewertet wurde. Nur Frauenträume sind folie. — Dann Penthesilea, die Amazonin, ebenso schön wie voller Rittertugend, eine unerhörte Figur in der Männerwelt, für die sie die letzte Hoffnung darstellt. Wir notieren: Trojas letzte Hoffnung ist eine Frau. —Schliesslich Circe, deren Liebe zu Odysseus stärker ist als ihre Zauberkunst und die wegen dieser Liebe zu einer tragischen Figur wird, denn Telegonus, ihr und des Odysseus Sohn, wird seinen Vater töten.

Diese vielen, je verschiedenen Frauengestalten des Trojaromans stehen alle in Situationen, die, so wage ich zu behaupten, besonders von Frauen nachempfunden werden können, womit das Kriegsbuch nicht ohne Paradox zu einem spannenden, ja ergreifenden Text für Leserinnen wird. Die Frauen sind im Trojaroman fast allesamt Opfer der Männerwelt. Einige unter ihnen sind leidenschaftliche Gestalten, doch sind nicht die weiblichen Leidenschaften der Grund des Krieges und der Zerstörung.

Der Krieg ist die Folge der männlichen Leidenschaften. Immer und immer wieder insistiert Benoît auf der ire und dem orgueil der Helden. Ire ist der Zorn in seiner extremsten Ausprägung. Im Mittelalter besitzen dazu die ira und die superbia noch eine im eigentlichen Sinn lasterhafte Konnotation. Der Zorn als Grundthema ruft unweigerlich den ersten Vers von Homers Ilias in Erinnerung: «Singe, Göttin, den Zorn des Peleiden Achilles.» Gewiss ist Homers mänis nicht mit der mittelalterlichen ira gleichzusetzen, doch scheint es irgendwo eine dem griechischen und dem mittelalterlichen Epos gemeinsame Ebene zu geben, die man im Deutschen mit einem Wortspiel bezeichnen könnte: Leidenschaften schaffen Leid. Im französischen Trojaroman zieht sich Achilles wegen seiner leidenschaftlichen Liebe zu Polixena aus dem Kampf zurück. In einer langen und wohl konstruierten Rede erklärt Achilles, der vom Autor Benoît im Vorspann der Rede als sage vorgestellt wird, es sei eine folie, allein wegen einer Frau sterben zu wollen. Recht hat er, ist man den Umständen entsprechend versucht zu denken. Allerdings sagt Achilles in einem Monolog kurz vor seiner Rede, wenn er je sage gewesen sei, so sei er jetzt der folie, nämlich der folie amoureuse, verfallen. Das Spiel des Autors ist mehrschichtig: Kann ein Mann wirklich die Wahrheit sagen, wenn er der folie verfallen ist? Oder: Welche sagesse und welche folie gelten nun, diejenige, die der Autor

in eigenem Namen einsetzt, oder diejenige, die von den Romanfiguren in ihren Reden gebraucht werden?

Benoît de Sainte-Maure wird auf jeden Fall nicht müde, immer wieder auf die Bedeutung der Leidenschaften in der menschlichen Geschichte hinzuweisen. Mehrmals betont er auch, aus wie geringem Anlass, si petite occasion, das ganze Unheil seinen Lauf genommen hat. Aber: La guerre de Troie a eu lieu. Die Figuren sind damit ganz der destinée und der Fortune ausgeliefert. Es ist jedoch die tiefe Verwurzelung in der feudalen Ideologie der Ehre, welche den freien Willen der Protagonisten einschränkt: Honneur ist der Begriff, der die männliche Freiheit begrenzt. Moderne Historiker und Theologen vertreten die Auffassung, dass im 12. Jahrhundert eine «profane» Geschichtsschreibung noch nicht möglich war, da die Geschichtsschreibung immer auch einen theologischen Bezug aufwies. Ich lade meine Kollegen von den andern Zünften ein, auch hin und wieder einen französischen Text aus dieser Zeit zu lesen. Nach meiner Überzeugung erzählt Benoît de Sainte-Maure eine profane Geschichte. Der Titel, Roman de Troie, ist nämlich mit «Trojaroman» ungenau übersetzt. Roman de Troie heisst: Geschichte Trojas in romanischer, d.h. französischer Sprache. Natürlich leben in diesem Text die heidnischen Helden fern von Gott, doch wird das von Benoît nie thematisiert. Die heidnische Götterwelt, wie sie vom Autor evoziert wird, signalisiert nur, dass die Erzählung längst Vergangenes berichtet. Eine Generation nach Benoît werden im ersten deutschen Trojaroman, dem Liet von Troye von Herbort von Fritzlar, die Götter dämonologisch gedeutet. Das war in Thüringen. Am Hof der Anjou-Plantagen& hat das Benoit nicht getan.

Im Gegensatz zu seinen Quellen beendet Benoît den Roman de Troie mit einem Hoffnungsschimmer. Er schildert die Zuneigung zwischen den beiden Söhnen der Andromacha. Der Vater des einen ist Hektor, des andern Vater ist Pyrrhus, der Sohn Achills. Somit herrscht am Ende Eintracht zwischen den Sippen oder lignages der Hektoriden und der Achilliden. Und ganz am Schluss des Textes versöhnt Odysseus seinen Sohn Telegonus, den ihm Circe geschenkt hat und von dem er versehentlich tödlich verwundet wurde, mit Telemach, dem Sohn der Penelope. Die beiden Halbbrüder scheiden in Minne. Die Gefahr eines Konfliktes auch innerhalb eines lignage ist damit ebenfalls gebannt. Das Ende des Textes ist somit offen und könnte ein neues principium sein, nämlich das Prinzip Hoffnung.

Meine Überzeugung, dass Benoit de Sainte-Maure bewusst nur «profane» Geschichte berichten wollte, wird indirekt gestützt durch die erste Prosaumsetzung (Prosa 1). An sechs Stellen nämlich fügt der Prosabearbeiter einen persönlichen Kommentar ein, der die ganze Geschichte in ein neues Licht rückt.

1. Nach der ersten Zerstörung Trojas mahnt er im Hinblick auf Laomedons Verhalten, man solle die Fremden stets höflich behandeln. Er singt das Lob der humilitas und tadelt ira und superbia. Soweit verdeutlicht der Kommentar nur, was schon seine Vorlage enthalten hat.

2. Nach der Orakelbefragung durch Achilles und Calchas lässt der Kommentator eine wahre Invektive gegen die falschen Götter und den falschen Glauben von Stapel. In den Götterbildern waren die Teufel verborgen. Heute allerdings, nach der Erlösung, liegt die Macht des Teufels einzig in den Sünden der Menschen.

3. Eine Glosse zum liebesentbrannten Achilles zieht gegen die folie amoureuse ins Feld. Es folgt die bekannte Liste derjenigen, die der Weiberlist erlegen sind: Adam, David, Salomon, Samson, Holophemes, Merlin und Vergil.

4. Nach einer Rede der Hecuba an Troilus bekennt der Autor, dass er sich nicht vorstellen könne (und, fügt er hinzu, er habe dies auch in keinem einzigen Buch gefunden), aufgrund welcher Sünde der Trojaner das Unheil zu begründen wäre.

5. Vor dem Tod Achills präzisiert der Kommentator, dass die Sünde den Helden blind gemacht hat, deshalb habe Gott die Bestrafung erlaubt.

6. Nach dem Tod Hecubas hält der Kommentator fest, dass das Recht auf seiten der Trojaner, das Unrecht auf griechischer Seite zu finden sind. Wenn Gott die Vernichtung der Trojaner zuliess, so nur deswegen, weil sie ihre Hoffnung auf den Teufel setzten.

Das ist fürwahr (wir sind im 13. Jahrhundert) eine Rückholung des Trojaromans ins «Mittelalter», d.h. eine traditionelle Moralisierung der Geschichte als history.

Der Verfasser der jüngsten Prosaversion des Roman de Troie (Prosa 5) kannte den eben resümierten Text der ersten Version. Er übernahm aber daraus nur den höfischen Kommentar und eliminierte sämtliche Anspielungen auf die falschen Götter, die Teufel, die Sünde, auf Recht und Unrecht; auch den lieben Gott liess er weg. Er kommentierte die Geschichte nicht mehr als history, sondern begnügte sich mit spärlichen Anmerkungen zur Erzählung, zur story. Der Hochadel am Hof der Anjou in Neapel stellte andere und neue Ansprüche.

Ich habe summarisch eine quantitative Verteilung der Textzeugen vorgestellt, dann auch auf regionale Besonderheiten hingewiesen. Man sollte jetzt endlich an den Text herangehen, um zu zeigen, wie lebendig die Überlieferung ist, denn: Abschreiben ist nicht gleich Abschreiben. In der Tat haben die Schreiber oder deren Auftraggeber auch Veränderungen am Text vorgenommen, die nicht einfach als zufällige Varianten zu werten sind, denn oft verändern sie die Konfiguration ganzer Textpassagen. Der Nachweis dieser Behauptung kann hier nicht erbracht werden, denn dazu brauchte es mehrere Seminarsitzungen. Nur soviel sei angemerkt: Eine neue, z. T. aus Übersee importierte Literaturtheorie der Mediävisten wird nicht müde, von der mouvance der Texte des Mittelalters zu sprechen. Sie vermögen sich unter mouvance vielleicht nichts vorzustellen. Das macht nichts, denn der Begriff taugt nichts, auch wenn er modisch ist.

Ich beschliesse deshalb meine Ausführungen mit ein paar Hinweisen darauf, wie sich der Text als Buch präsentiert. Als Beispiel dienen mir die

illustrierten Handschriften des Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure. In der Regel beginnen die einzelnen Textabschnitte mit einer grossen Initiale. Diese Initialen werden im 13. Jahrhundert immer häufiger mit bildlichen Darstellungen ausgemalt. Im Französischen nennt man das eine initiale historiée, denn mit histoire wird im älteren Französischen auch eine Miniatur bezeichnet, womit klar auf die narrative Komponente des Bildes verwiesen wird. Die Segmentierung des Textes durch die grossen Initialen orientiert sich zunächst am Romangeschehen. Es handelt sich um eine segmentation événementielle. Es lassen sich zwei Grundformen des lettrines historiées unterscheiden.

1. Oft wird einfach eine allgemeine Schlacht- oder Beratungsszene gezeigt. Manchmal begnügt man sich auch nur damit, den unmittelbar auf die Initiale folgenden Text zu illustrieren, was zu Missverständnissen geführt hat, etwa wenn es im Text heisst, die Armeen seien zum Klang der Hifthörner ausgerückt. Hifthorn heisst im Altfranzösischen olifant. Nun hat ein Miniator «Elefant» verstanden und einen Kriegselefanten dargestellt, obwohl im Trojaroman gar keine Kriegselefanten vorkommen!

2. Der zweite Illustrationstyp ist aufschlussreicher, denn die Bilder illustrieren nicht einfach den auf die Initiale folgenden Text, sondern eine zentrale Szene des Textsegments. Das bedeutet, dass der Verantwortliche des Illustrationsprogramms den Text zuerst genau gelesen hat und dann gleichsam emblematisch die in seinen Augen wichtigste Szene hat darstellen lassen. In diesem Fall haben wir es mit aktiver Rezeption zu tun. Aufgefallen ist mir hier, dass die lettrines historiées der französischen Handschriften kaum Frauen abbilden.

Besonders im 14. Jahrhundert halten sich jedoch die Miniatoren nicht mehr an die Initialen. Vor allem die italienischen Handschriften weisen ganze Illustrationszyklen auf, manchmal findet sich sogar ein Bild auf jeder Seite, womit der Text als Buch einen ganz andern Rhythmus erhält. Es werden auch Personen dargestellt, die an der betreffenden Textstelle gar nicht vorkommen, die aber durchaus glaubwürdig an dieser Stelle im Bild auftreten. Inschriften identifizieren die dargestellten Personen.

Die Unterschiede zwischen den französischen und den italienischen Handschriften sind besonders deutlich in der Darstellung des Monumentalen. Die ausführlichen Architekturdarstellungen des Textes aus dem 12. Jahrhundert werden in Frankreich erst ganz am Ende des 15. Jahrhunderts durch bildliche Darstellungen übertroffen. Ansonsten herrscht Trockenheit, d.h. ein ikonographisches Defizit. Nehmen wir die Klage um den toten Hektor und das Grabmal in den Handschriften der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. In einer in Paris illustrierten Handschrift (Bibliothèque nationale, fr. 60) begnügt man sich mit einer traditionellen Klageszene, auf der nur der mit einem Tuch bedeckte Sarg zu sehen ist. In einer etwa zur gleichen Zeit in Bologna oder Padua entstandenen Handschrift hingegen lässt der Illustrator seinem gusto monumentale freien Lauf (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 2571). Der Illustrationszyklus dieser italienischen

Handschrift ist darüber hinaus aber auch personenzentriert. Wir haben zwölf Miniaturen für die Argonauten, davon sieben mit Medea. Helena wird vom Illustrator nicht besonders ausgezeichnet, doch Briseida ist wie Medea siebenmal dargestellt und Troilus gleich vierzehnmal —ein beachtlicher Befund, zeigt er uns doch, dass in Italien das Interesse an diesem Liebespaar besonders ausgeprägt ist und damit Boccaccios wenig später entstandene Neufassung der Troilus-Geschichte wohl auch einem bestimmten Publikumsinteresse entgegenkam. Weiter erscheint in der norditalienischen Benoit-Handschrift Achilles vierundzwanzigmal, davon zwölfmal in Kampfszenen. Den Hektor sieht man vierundzwanzigmal lebend, während auf dem fünfundzwanzigsten Bild sein Tod dargestellt wird. Dieses Bild befindet sich genau in der Mitte der Handschrift, wenn man die Blätter zählt, und ebenfalls genau in der Mitte des Illustrationszyklus, ist es doch das 98. von 197 Bildern. Die Bilder verleihen dem Text somit eine ganz bestimmte Konfiguration. Dies gilt natürlich auch für manche andere Handschrift. Das mittelalterliche Buch wird damit, auch bei einer traditionellen Materie, zum je individuellen Bedeutungsträger. Das Dokument wird zum Individuum, man muss sich nur die Mühe nehmen, genau zu lesen und genau hinzusehen.