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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Ueber die Grenzen des historischen Wissens.

Cedo nulli, ich weiche Niemandem. Diese Umschrift um das Bild des Terminus, des Grenzgottes, hat bekanntlich einer der grössten Gelehrten, ein Gelehrter, der zu unsrer *) Stadt in den engsten Beziehungen gestanden, Erasmus von Rotterdam, auf seinem Siegel geführt. Es ist Erasmus durch eine zufällige Veranlassung iii den Besitz dieses Siegels gekommen, aber eine bewusste und richtige Einsicht hat ihn geleitet, als er sein ganzes Leben hindurch sich desselben bediente und das Bild des Terminus auch sonst, als Wahrzeichen in seiner Wohnung und auf den Titeln seiner Bücher anbringen liess. In der That sollten dieses Bild und diese Worte jedem Gelehrten fortwährend vor Augen stehen, damit er sich der festen und unabänderlichen Grenzen bewusst werde und bleibe, die jedem Wissen und jeder Art des Wissens gezogen sind, damit er sich nicht Aufgaben stelle, deren Lösung ihm doch ewig versagt bleiben wird. Gerade in unsrer Zeit, ioo das Wissen auf auen Gebieten sich steigert und die Kraft der Forschung aufs Höchste angespannt wird, liegt die Gefahr nahe, dass diese Grenzen übersehen werden, und die Forschung dadurch auf Jrrwege geräth. Um so nöthiger ist es, dass jede Wissenschaft sich genau Rechenschaft gebe über das, was sie leisten soll und kann, und über das, worauf sie verzichten muss. Gestatten Sie mir da-her, dass ich versuche, dies hier in Bezug auf die Wissenschaft zu thun, die ich an unsrer Universität zu vertreten die Ehre habe, in Bezug auf die Geschichte, dass ich klar darüber zu werden und es Ihnen klar zu machen suche, welches die Grenzen sind, die dem Wissen und damit auch aller Forschung auf ihrem Gebiete gezogen sind.

Was ist Geschichte? Das Wort bezeichnet seinem Ursprunge nach was geschieht, ist wesentlich gleichbedeutend mit Begebenheit, Ereigniss, es bezeichnet sodann weiter die Summe dessen, wag geschehen ist, und endlich die Wissenschaft, welche die Erforschung und Darstellung sowohl der Geschichten, d. h. der einzelnen Begebenheiten, als auch der Geschichte,

d. h. der Folge und des Zusammenhanges jener, zum Ziele hat, und zwar verbinden wir mit diesem Sprachgebrauch sofort eine Beschränkung des Begriffs, indem wir, wenn wir von Geschichte schlechthin sprechen, die Naturgeschichte ausschliessen und nur dasjenige umfassen, was durch den Menschen geschehen ist, was der Mensch als geistiges Wesen gethan und was er gelitten hat, denn alles Leiden ist ja auch ein Thun.

Wie werden wir in den Stand gesetzt, dem nachzukommen, was die Geschichte als Wissenschaft leisten will, wie wird uns die Erforschung und Darstellung dessen, was durch den Menschen geschehen ist, was der Mensch geleistet hat, möglich, sei es, dass wir die Geschichte eines einzelnen Menschen, sei es, dass wir die eines Volkes oder die der ganzen Menschheit oder einen Abschnitt aus dieser oder jener herausgreifen, zum Gegenstande unsrer Arbeit machen?

Zweierlei Quellen sind es, aus denen wir den Inhalt unsres Wissens zu schöpfen haben: es findet sich dieser einmal in dem, was uns als Ergebniss der Leistungen eines Einzelnen, eines Volkes vorliegt, sodann in dem, was uns durch eigene oder fremde Beobachtungen über den Gang seiner ganzen Entwicklung, über seinen Charakter bekannt ist.

Fassen wir zunächst diese zweite Art von Quellen ins Auge, und prüfen wir, inwiefern sie uns eine genaue Kenntniss und eine genaue Darstellung ermöglichen. Am sichersten werden wir uns ohne Zweifel auf das verlassen können, was wir selbst gesehen, beobachtet, erlebt haben. Allein eine in jeder Beziehung zuverlässige Kenntniss wird es uns nicht geben. Unsre eigene Beobachtung wird nie eine ganz vollständige sein sie wird Lücken enthalten und wir werden, um diese Lücken auszufüllen, um unsre Beobachtungen in den richtigen Zusammenhang zu bringen, zu einer combinirenden Thätigkeit unsres Verstandes unsre Zuflucht nehmen oder fremde Beobachtungen einschieben, am häufigsten wohl beides zugleich in Anwendung bringen. Sodann ist Niemand, der behaupten könnte, dass er in jedem einzelnen Falle richtig beobachte, ja in Dingen des geistigen Lebens wird eine absolut richtige Beobachtung überhaupt nicht möglich sein, es wird und muss unsre Beobachtung immer an einer gewissen Einseitigkeit leiden. Ferner werden eine Menge von einzelnen Zügen, und zwar in um so stärkerem Masse, je später unsre Erinnerungen schriftlich fixirt werden, dem Gedächtniss entschwinden, manche werden sich in ihrem Zusammenhang und in ihrer Reihenfolge verschieben, und die unablässig thätige Arbeit des Verstandes und der Phantasie werden aus den unvollkommenen im Gedächtniss noch festgehaltenen Resten unsrer Beobachtungen immer neue Bilder schaffen, von denen keines vollständig

demjenigen gleicht, das uns im vorhergegangenen Augenblicke vorgeschwebt hat. So unzuverlässig ist also selbst diejenige Quelle, die uns in unsern eigenen Beobachtungen und Erlebnissen fliesst.

Die Unsicherheit vermehrt sich, je mittelbarer uns die Beobachtungen zukommen, mit denen wir es zu thun haben. Den eigenen zunächst stehen diejenigen, die von andern Personen gemacht worden sind, aber von solchen, die das, worüber sie berichten, als Augenzeugen mit angesehen, die selbsthandelnd das, was sie erzählen, mit erlebt haben. Ungemein viel kommt vor Allem auf die Fähigkeit und auf den Charakter des Augenzeugen an: inwiefern ist er im Stande gewesen, genau, gewissenhaft, unbefangen zu beobachten, und inwiefern hat er das Ergebniss seiner Beobachtungen unverfälscht wiedergeben wollen? Nehmen wir an, es sei beides in höchst möglichem Grade bei ihm der Fall gewesen, so gilt eben auch hier wieder das, was wir vorhin über den Werth unsrer eigenen Beobachtungen gesagt haben: auch dann werden sie den Stempel des Unvollkommenen in hohem Grade an sich tragen: zwei Berichte, von noch so zuverlässigen Augenzeugen über dasselbe Ereigniss abgefasst, werden nie ganz übereinstimmen, sie werden bisweilen sogar in nicht unwesentlichen Punkten mehr oder weniger weit auseinandergehen. — Allein wie oft ist nicht der Augenzeuge unzuverlässig, und schon die Frage, ob er dies ist oder nicht, die in erster Linie entschieden werden muss, kann eine überaus schwierige sein, die von dein einen Geschichtsforscher so, von dem andern anders gelöst werden wird.

In vielen Fällen sind uns die Aufzeichnungen der Augenzeugen in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht mehr erhalten, sondern nur entweder in wortgetreuen Citaten oder in Bearbeitungen, welche uns andere überliefert haben. Bei den letztern ist die Unmittelbarkeit der Mittheilung dadurch abgeschwächt, dass der ursprüngliche Bericht schon durch die Auffassung eines andern hat hindurch gehen müssen und je nach derselben eine mehr oder weniger wesentliche Umgebung erfahren hat. Die ersteren haben den Vorzug, dass sie uns die eigenen Worte und Ausdrücke des Berichterstatters wiedergeben, allein wir erhalten sie nicht in ihrem vollen Zusammenhang, der Citirende, dessen Gedankengang ja mit demjenigen des Autors nicht in jedem Punkte zusammenfällt, und dem die Kenntniss von Manchem, was der letztere nicht ausdrücklich erwähnt, was ihm aber doch beim Niederschreiben vorschwebte und auf die Fassung seiner Niederschrift bestimmend einwirkte, fehlt, lässt Manches aus, durch dessen Weglassung das, was er uns mittheilt, den Zusammenhang verliert, in welchem der Niederschreibende es aufgefasst wissen wollte, und beeinträchtigt unsere Auffassung der Stelle dadurch, dass er sie uns in

einer Gestalt und in einem Zusammenhange mittheilt, die seiner eigenen Auffassung entsprungen sind. — Es ist klar, dass je mehr Zwischenglieder zwischen der Aufzeichnung des Augenzeugen und der Aufzeichnung, die wir besitzen, liegen, desto mehr die erstere Gefahr läuft, ihren ursprünglichen Gehalt umgeformt zu sehen. Zu dem, was der erste Bearbeiter von dem eigenen hinzugethan hat, kommt die Umgestaltung, welche der zweite mit der Arbeit des ersten vornimmt, und so immer weiter. Und eine solche Umgestaltung wird der Stoff erfahren, auch wenn die Bearbeiter alle mit möglichster Unbefangenheit, Treue und Gewissenhaftigkeit einerseits und mit möglichster Sachkenntniss andrerseits vorgehen. Wie oft kommen aber Entstellungen vor, hervorgegangen aus Unwissenheit und mangelhaftem Verständniss, aus vorgefassten Ansichten oder aus Parteizwecken, welche den Bearbeiter leiten.

Wir haben bis jetzt von Berichten gesprochen, die von Augenzeugen aufgezeichnet worden und entweder in ihrer ursprünglichen oder in einer abgeleiteten Gestalt auf uns gekommen sind. Allein in sehr vielen Fällen kann sich unsre Kunde von Begebenheiten weder unmittelbar noch mittelbar auf schriftliche Aufzeichnungen von Augenzeugen stützen, sondern was wir wissen, beruht auf mündlichen Berichten von solchen, die dann entweder von einem, der sie selbst angehört hat, aufgezeichnet worden find oder sich wiederum in mündlicher Ueberlieferung fortgepflanzt und erst später ihre schriftliche Fixirung erhalten haben oder aber auch noch fortwährend ausschliesslich in der mündlichen Ueberlieferung aufbewahrt bleiben und fortleben. Je länger diese mündliche Ueberlieferung fortdauert, desto mehr wird natürlich der Stoff sich umbilden. Was bei dem Einzelnen, der in spätern Jahren sich die frühern Ereignisse aus seinem Leben vergegenwärtigt oder sie andern erzählt, eintritt, dass eine Menge von Einzelheiten ihm entfallen sind, auseinanderliegende Thatsachen sich zusammenschieben und Manches sich in einem andern Zusammenhange darstellt als der, in welchem es sich wirklich zugetragen, das Alles wird sich in viel höherem Masse geltend machen, wo die Erinnerung an vergangene Zustände und Thatsachen lange Zeiträume hindurch in der mündlichen Ueberlieferung eines Volkes fortlebt. Dem aufmerksamen Beobachter werden eine Anzahl bestimmter Momente sich aufdrängen, welche bei einer solchen im Munde des Volkes fortlebenden Erinnerung an vergangene Zeiten massgebend einwirken und ihr die Gestalt geben, in der sie sich als Sage ausprägt.

Zunächst ist bekannt, dass die Erinnerung des Volks sich an concrete Thatsachen, Ereignisse, an Persönlichkeiten anzuschliessen liebt, das Abstracte, das Werdende, den langsamen Gang einer Entwicklung nicht fest

zuhalten vermag, für verwickelte, verschlungene Rechtsverhältnisse und dergleichen keinen Sinn hat, dass daher die Sage letzteres ignorirt, während sie den ersteren eine Bedeutung giebt, die oft weit über diejenige hinausgeht, welche sie in Wirklichkeit gehabt haben. Beispiele der Art zeigen sich uns allenthalben, wo wir im Stande sind, neben dem Bilde, das uns die Sage bietet, uns mit Hilfe urkundlicher Dokumente ein anderes zu construiren. Das nächstliegende gewährt uns die Vergleichung der Sage von der Entstehung der Eidgenossenschaft mit dem , was die kritische Forschung im Laufe der letzten Jahrzehnte zu Tage gefördert hat. Diese letztere führt uns eine lange Entwickelung vor Augen, ein beharrliches , zähes Ringen, das wir beinahe ein Jahrhundert hindurch verfolgen können, und dessen endliches Ergebniss die selbständige Stellung der Waldstädte ist, die sie sich dann durch den Sieg am Morgarten auf alle Zeiten gesichert haben. Die Sage dagegen zeigt uns statt einer solchen langen Entwicklung eine einmalige Erhebung, durch welche mit einem Schlage die Waldstädte aus trauriger Knechtschaft zur vollständigen Freiheit geführt werden, und an die Stelle der ausdauernden Arbeit, welche ganze Generationen an die immer völligere Befreiung ihrer Gemeinwesen gesetzt haben, treten die Unternehmungen eines Bundes von Verschworenen und die Kühnheit eines gewaltigen Schützen.

Hiebei wirkt noch mit ein zweites Moment, das für die Sagenbildung von grosser Bedeutung ist. Es reden und träumen die Menschen viel von bessern künftigen Tagen, sagt der Dichter; sie reden und träumen aber ebensoviel von bessern vergangenen Tagen. Die Ursache hievon liegt in dem Widerspruch zwischen der idealen Anlage des Menschen und seiner Unfähigkeit, dieselbe im Leben zum vollen Durchbruche zu bringen; es wird jedem Menschen, und je idealer er angelegt ist, in desto höherem Grade, sein Thun und Handeln und die ganze Gegenwart, in der er lebt und wirkt, unvollkommen erscheinen, da er sich aber bewusst ist, dass seine Ideale nicht blosser Trug und Schein sind, so kann er von dem Gedanken nicht ablassen, dass ihre Verwirklichung einmal in der Zukunft eintreten werde; dasselbe Gefühl der Unvollkommenheit der Gegenwart, verbunden mit dem Bewusstsein, dass der Mensch zu etwas höherem geschaffen und geboren ist, wird ihm aber die Gegenwart zugleich auch als Entartung einer bessern Vergangenheit erscheinen lassen, und unter dem Einflusse dieses Gefühls wird sich ihm das Bild der Vergangenheit, die er wirklich durchlebt hat, verklären, die Lichtseiten in demselben werden immer mehr hervor-, die Schatten immer mehr zurücktreten. Das wird der Fall sein beim einzelnen Menschen und bei ganzen Völkern. Und nun ist es ja sicher, dass gewisse Zeitperioden im Leben des Einzelnen sowohl

als im Leben der Völker Vorzuge vor andern voraus haben, die nicht nur auf Einbildung beruhen. Wenn der Greis sich nach der Thatkraft des Mannes zurücksehnt, der Mann nach der frischen Begeisterung des Jünglings und der Jüngling nach der Harmlosigkeit und Unbefangenheit des Kindes, so liegt seiner Sehnsucht die wirkliche Thatsache zu Grunde, dass er einmal etwas besessen hat, was ihm jetzt fehlt. Und wie beim einzelnen Menschen die Sehnsucht ganz besonders gerne nach der Jugendzeit, nach der Kindheit hinschweift, so auch im Leben der Völker: nach der Zeit, in welcher ein Volk, ein Staat, ein Gemeinwesen zuerst in seine Stellung eingetreten, und nach den ersten Zeiten, die es in dieser verlebt hat, wendet sich vorzugsweise die Erinnerung der späteren Geschlechter zurück, die Gestalten jener Zeiten verklären sich ihm zu Helden, gegen welche die Sterblichen, wie sie jetzt sind, als blosse Zwerge erscheinen.

Und um diese Heldengestalten noch gewaltiger erscheinen zu lassen, tritt ein drittes Moment hinzu, die Verbindung des Mythus mit der Sage. Bevor wir über diese Verbindung reden, haben wir uns über die Ausdrücke Mythus und Sage zu verständigen und über den Unterschied, den wir zwischen beiden machen. An die Etymologie der Worte selbst können wir uns hiebei nicht halten, denn der Unterschied in dieser Hinsicht besteht einfach darin, dass das eine griechisch und das andere deutsch ist. Es findet deshalb auch noch keine allgemeine Uebereinstimmung über ihren Gebrauch statt, und es hat sich jeder, der sie gebraucht, über die Art und Weise, in welcher er es thut, auszusprechen. Immerhin ist es nicht eine von mir willkürlich aufgestellte Unterscheidung, sondern ich folge einem Sprachgebrauche, der sich mehr oder weniger fest begründet hat, wenn ich unter Sage (dieses Wort im engern Sinne genommen, denn es hat auch eine weitere Bedeutung, in welcher es den Mythus in sich schliesst) die Umkleidung eines historischen Gehalts verstehe, während das, was ich als Mythus bezeichne, unter dem Gewande einer Erzählung eine religiöse Wahrheit zu versinnlichen sucht. Den Inhalt der Religion bildet unser Verhältniss zum Uebersinnlichen; weil wir aber hier in der Welt des Sinnlichen leben, so vermögen wir allen unsern Vorstellungen vom Uebersinnlichen nur Ausdruck zu geben, indem wir sie in ein sinnliches Gewand kleiden; sie werden damit allerdings sehr unvollkommen ausgedrückt, aber wenn wir es nicht thun, so vermögen wir sie überhaupt nicht zum Ausdruck und damit auch nicht zu irgend welcher Anschauung zu bringen.

Eine Religion ohne Mythus ist deshalb undenkbar. Eine Gefahr liegt allerdings in der Versinnlichung des Uebersinnlichen, die nämlich,

dass das sinnliche Bild nicht als Bild, sondern als das Wesen selbst aufgefasst werde, deshalb hat auch das Alte Testament derselben eine Grenze gesteckt, indem es die plastische Darstellung verbot, durch welche aus dem Gottesdienste leicht ein Götzendienst wird, aber dieselben Propheten und Psalmsänger, welche in den heftigsten Worten gegen den Götzendienst eifern, haben kein Bedenken gehabt, in ihren Reden und Gesängen in der anschaulichsten, sinnlich kräftigsten Weise von der Person Gottes und ihren Eigenschaften zu reden. Es gilt auch hier das Wort Christi: So ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen. Der Mythus muss in kindlicher, naiver Weise aufgefasst werden. Das Kind, das sich den lieben Gott als einen freundlichen alten Mann und den Himmel als einen schönen Garten mit einem prächtigen Palaste darin vorstellt, ist sich sehr wohl bewusst, dass dies blosse Vorstellungen, blosse Bilder sind, aber es hält gleichwohl daran fest, und so müssen auch wir uns stets vergegenwärtigen, dass auch unsere Vorstellungen von Gott und Unsterblichkeit, wenn wir sie auch so wenig sinnlich als möglich zu gestalten suchen, nur Vorstellungen und zwar sinnliche Vorstellungen sind, aber sehr thöricht wäre es, wenn wir darum solche Vorstellungen als unrichtig und schädlich verbieten und verwerfen würden; denn sonst müssten wir darauf verzichten, uns irgend welche Vorstellungen vom Göttlichen und Uebersinnlichen zu machen, und das kann nur derjenige, der überhaupt nicht an das Vorhandensein desselben glaubt. In welchem naiven Verhältnisse die Griechen, und zwar auch die tiefsten Denker dieses Volkes, zu ihrem Mythus standen, das zeigt uns am Schlagendsten das Wort, das einer der Nüchternsten unter ihnen in einem Augenblicke, wo ernste Männer keine schalen Witze zu machen pflegen, das Sokrates im Augenblicke seines Todes seinen Schülern zurief: Wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig, versäumt nicht, ihn zu opfern! — Keine Religion, so haben wir gesagt, kann eines Mythus entbehren, es kann sich derselbe aber in engeren oder weiteren Grenzen bewegen. Wo bei einem Volke die monotheistische Anschauung den Sieg davon trägt, wird er sich viel weniger entfalten als da, wo eine Vielheit von Göttern verehrt wird, deren Beziehungen zu einander, deren Thaten und Schicksale immer mehr ausgemalt werden, so dass nach und nach eine ganze Mythologie entsteht.

Dieser Mythus, die Sage von den göttlichen Dingen, und die historische Sage, die Erzählung von den Thaten der menschlichen Vorfahren, die sich beide neben einander im Munde des Volkes fortpflanzen, müssen nun unvermeidlich in enge Beziehungen zu einander gerathen. Eine Verbindung und Vermischung beider kann um so leichter eintreten,

als wie wir gesehn haben, die Helden der Vorzeit ohnedies in der Erinnerung der Nachwelt mit einem Glanze umgeben sind, der sie über gewöhnliche Sterbliche hinaushebt und göttlichen Wesen ähnlich erscheinen lässt. Da liegt es vor Allem nahe, diese Helden in der Weise mit den Göttern in Verbindung zu bringen, dass man ihnen göttlichen Ursprung, göttliche Abstammung zuschreibt, sie zu Göttersöhnen macht; eben so häufig aber als dieser Vorgang, durch welchen Helden der geschichtlichen Sage zu göttlichen Wesen gemacht werden, ist das Umgekehrte, dass Wesen, die der Mythologie angehören, ihren ursprünglichen Charakter abstreifen und dem Zusammenhang der historischen Sage eingefügt werden. Alle ausgebildeten Mythologien kennen ja göttliche Wesen verschiedenen Ranges, die unteren Klassen derselben stehen an sich den Helden der historischen Sage fast gleich, und sie werden sich um so eher mit diesen vermischen, als ihre Bedeutung sehr oft eine vorwiegend lokale oder doch ihre Verehrung durch lokale Beziehungen stark bedingt ist, mit der Lokalgeschichte von vornherein in engem Zusammenhange steht. Allein auch Götter ersten Ranges können dieses Schicksal haben, besonders wenn ihre Verehrung von einem andern Volke, von einem andern Stamme her eingeführt wird und deren eigentliche Bedeutung sich schon durch einen andern Mythus vertreten findet. So sinken sie dann, wie wir es bei dem griechischen Herakles sehn, der eine Umbildung des phönikischen Sonnengottes ist, zu Halbgöttern herab, die sich im Bewusstsein des Volkes von den Helden der historischen Sage in nichts mehr unterscheiden. Eine solche Vermenschlichung der Götter wird auch da eintreten, wo ein Volk seine alte Religion gegen eine andre vertauscht hat, und die Gestalten derselben, die doch noch in seiner Erinnerung festhaften, nun keine andre Unterkunft mehr finden, als indem sie den historischen Erinnerungen eingefügt und demgemäss umgebildet werden.

So sind es, wie wir gesehn, eine Reihe von Momenten, die auf die Sagenbildung bestimmend einwirken, das Hervortreten der That und das Zurücktreten der Entwicklung in der Erinnerung des Volkes, woraus weiter folgt einerseits die unmittelbare Verknüpfung wichtiger Ereignisse mit Wegfall der Zwischenglieder, andrerseits die Neigung, den Antheil an diesen Ereignissen auf bestimmte Persönlichkeiten zu concentriren, sodann der verklärende Schimmer, der sich in der Erinnerung über vergangene Zeiten verbreitet, und der uns diese Persönlichkeiten der Vorzeit als Helden von übermenschlicher Gestalt erscheinen lässt, und endlich die Vermischung mythischer Züge mit der historischen Sage. Einen äusserst interessanten Einblick in diese Entwicklung der Sagenbildung erhalten wir, wenn wir die Gestalt, welche die gewaltigen Kämpfe der Völkerwanderung

nach und nach in der Erinnerung des deutschen Volkes gewonnen haben, bis sie zuletzt in einer Anzahl von Epen, namentlich in dem Gedichte von der Nibelungen Noth ihren künstlerischen Abschluss gefunden, vergleichen mit den den Ereignissen mehr oder weniger gleichzeitigen Aufzeichnungen, wie sie uns in Rechts- und Geschichtsbüchern erhalten sind. Eine gründliche Untersuchung dieses Gegenstandes hat Müllenhoff im zehnten Bande von Haupts Zeitschrift für deutsches Alterthum geliefert.

Solche Zeiten, wie die Zeit der Völkerwanderung bei den Deutschen, wie bei den Griechen die Zeit der Kriege, die mit der dorischen Wanderung ihren Abschluss gefunden, Zeiten, in welchen ein Volk sich die Stellung erkämpft hat, die es von nun an in der Geschichte einnimmt, und über welche hinaus seine Erinnerung nicht reicht, sind es denn auch hauptsächlich, die den Gegenstand der reichsten Sagenbildinng hergeben, einer Sagenbildung, die zu den schönsten Blüthen epischer Dichtung geführt hat; allein ihr Walten beschränkt sich keineswegs auf solche Zeiten; wie schon vorhin bemerkt, sind es nicht nur die Anfänge ganzer Völker, sondern auch die Anfänge einzelner Staaten, ja kleinerer Gemeinwesen, deren sich die Sage mit Vorliebe bemächtigt; wie die griechischen Colonien alle ihre eigenen Gründersagen hatten, so haben wir Deutsche ein glänzendes Beispiel der Art an den schon einmal angeführten Sagen von der Entstehung der Eidgenossenschaft. Allein auch sonst wird jedes bedeutende Ereigniss, von dem sich das Volk wirklich unmittelbar betroffen fühlt, und dessen Bedeutung sich seinem Bewusstsein einprägt, auch in einer schreibseligen Zeit, allen gleichzeitigen historischen Aufzeichnungen zum Trotz, eben weil es im Volke wirklich fortlebt, eine sagenhafte Umgestaltung erhalten, bei welcher alle die vorhin angeführten Momente in mehr oder weniger hohem Grade sich geltend machen.

Wir haben bis jetzt von der Einen Grundlage unsres historischen Wissens gesprochen, von derjenigen, welche gebildet wird durch Nachrichten, die wir über historische Thatsachen besitzen, und wir haben gefunden, wie bei all diesen Nachrichten, von den Berichten des Augenzeugen an, und wären wir auch selbst dieser Augenzeuge, bis zu den Ueberlieferungen der Volkssage, eine umgestaltende Thätigkeit gewirkt hat, dass wir die Ereignisse nicht unmittelbar, sondern durch einen mehr oder minder gefärbten Spiegel zu Gesichte bekommen.

Nun besitzen wir aber eine zweite, wichtige Grundlage da, wo uns die Leistungen der Menschen, Einzelner oder ganzer Geschlechter und Völker noch selbst vorliegen und wir unmittelbar aus ihnen unsre Belehrung schöpfen können. Wir besitzen die Schriften eines Philosophen, eines Dichters, die Gemälde oder Bildwerke eines Künstlers, die Bauten sind


uns erhalten, die ein Gemeinwesen hat aufführen lassen, die Gesetze, noch denen es gelebt, die Verträge durch welche es die Verhältnisse mit seinen Nachbaren geregelt hat. Das sind nun feste und solide Grundlage, allein es springt sofort in die Augen, dass sie, für sich genommen, uns nicht die Mittel geben, ein vollständiges Gebäude historischen Wissens aufzuführen, unser Wissen bleibt ein durch und durch lückenhaftes, aus zusammenhangenden Bruchstücken hergestelltes, wenn wir nicht das zuerst besprochene Mittel historischer Kunde heranziehen, wenn wir neben da, was uns von den Leistungen und Schöpfungen der Menschen vorliest, nicht noch vernehmen, was über diese Schöpfungen und Leistungen berichtet wird. Wie können wir von der Entwicklung der Literatur eines Volkes eine irgendwie genügende Anschauung gewinnen, wenn wir mr eine Anzahl undatirter, anonymer Schriftwerke besitzen, wie von seiner politischen Entwicklung uns ein lebendiges Bild machen, wenn uns eine Menge von Bauten aller Art von ihm erhalten sind, aber ohne jede Nachricht über die Zeit und die Veranlassung ihrer Entstehung, Friedensverträge ohne jede Kenntniss der vorangegangenen Kriege, denn wohlgemerkt, was uns von all diesem die betreffenden Denkmäler selbst erzählen, fällt eben auch ganz in die Reihe jener Nachrichten, von denen wir vorhin gehandelt haben; wenn ein Schriftstück von sich aussagt, es sei von dem oder jenem Verfasser, so ist das eben auch eine Aussage, für die alles das gilt, was von den historischen Aussagen bemerkt worden ist, und wenn auf einem Bauwerke eingemeisselt steht, es sei zum Gedächtnisse dieses oder jenes Sieges errichtet, so erhält diese Behauptung dadurch keinen andern Charakter, dass sie in Stein gehauen ist; denn bekanntlich kann man eine Unwahrheit ebenso gut in Stein hauen als auf ein Blatt Papier schreiben. Es bedarf also auch der Kenntniss derjenigen Thatsachen, die uns in bleibenden Denkmälern noch selbst vorliegen, wenn sie vollständig verstanden und gewürdigt werden sollen, als nothwendiger Ergänzung des erzählenden Berichtes. Dieser letztere ist unentbehrlich für jede Geschichtsforschung und Geschichtsdarstellung.

Wie unvollkommen, wie unsicher er ist, haben wir zur Genüge gesehn. Um ihn zum richtigen Aufbau der Geschichte zu verwerthen, ist eine gewissenhafte und sorgfältige Arbeit von Nöthen. Wie diese Alheit beschaffen sein muss, ergiebt sich von selbst aus dem, was wir über die Natur aller Berichterstattung gesagt haben. Bei jedem Berichte muss untersucht werden, inwiefern der Berichterstatter die Wahrheit sagen konnte und wollte. Bei Augenzeugen und Zeitgenossen ist zu prüfen, wie nahe sie den Ereignissen gestanden haben, wie genau ihre Kenntniss derselben sein konnte, ferner, ob sie denselben bloss zugesehn oder ob sie, handelnd

oder leidend an ihnen betheiligt gewesen, welcher Art diese Betheiligung gewesen, und wie weit es ihnen in Folge davon möglich war, unbefangen sowohl zu beobachten als ihre Beobachtungen wiederzugeben, es ist ferner zu prüfen, was für Aufschluss uns über Fähigkeiten und Charakter des Berichterstatters aus seinen eigenen Aufzeichnungen und aus denen Anderer zu Theil wird, unter welchen Umständen sein Bericht abgefasst wurde, und daraus haben wir uns ein Urtheil darüber zu bilden, inwiefern er das, was er mitangesehn, auch richtig auffassen und richtig erzählen konnte, sowie darüber, ob es ihm darum zu thun war, die Wahrheit zu berichten oder ob er es vielmehr angemessen fand, sie nach der oder jener Seite hin zu entstellen. Bei abgeleiteten Berichten ist zu untersuchen, aus welchen Quellen der Berichterstatter geschöpft hat, welches die Natur dieser Quellen ist, und welchen Gebrauch er vermöge seiner Fähigkeiten, seines Charakters und der die Abfassung des Berichtes begleitenden Umstände von denselben gemacht hat. Wo verschiedene Berichte über dasselbe Ereigniss vorliegen, wird sich aus der Untersuchung herausstellen, inwiefern sie einander ergänzen oder ausschliessen, und im letztern Falle, an welche von ihnen wir uns zu halten haben. Es ist dasselbe Verfahren, allerdings in einer grossen Mannigfaltigkeit der Anwendung, das wir einzuschlagen haben bei der Prüfung und Verwerthung aller Geschichtserzählung vom Berichte des Augenzeugen an bis zu den Gestaltungen der Sagendichtung. Soll dieses Verfahren richtig in Anwendung gebracht werden, so bedarf es dazu, wie zu jeder tüchtigen Leistung auf dem Gebiete der Wissenschaft und überhaupt jeder tüchtigen Leistung auf irgend einem Gebiete, einer natürlichen Begabung, immerhin lässt sich eine gewisse Technik desselben durch Unterricht und durch Uebung erwerben. Diesem Zwecke dienen die historischen Uebungen, wie sie durch Ranke, den man ja selbst nächst Niebuhr als den Hauptbegründer der neueren kritischen Geschichtsbehandlung bezeichnen kann, in Aufnahme gekommen und jetzt wohl auf allen deutschen Universitäten zu finden sind. So zweckmässig diese Uebungen sind, und so wenig der Geschichtsforscher des Handwerkszeuges, zu dessen Erwerbung sie dienen sollen, entrathen kann, so bergen sie doch auch eine Gefahr in sich: die nämlich, dass das Handwerkszeug und die äussere Fertigkeit überschätzt werden, dass man glaubt, mit ihrer Aneignung sei Alles gethan, wer sie besitze, der sei ein gemachter .Historiker. Und besonders schädlich haben sie und hat die vorwiegende Pflege der äussern Seite der Geschichtsforschung dadurch gewirkt, dass bezüglich der Methode und der Sicherheit der wissenschaftlichen Forschung die Ansicht aufgekommen und von gewichtiger Seite ausgesprochen worden ist, die Gesetze der Forschung seien fur die Geschichte keine andern als für Mathematik

und Naturgeschichte, und die Sicherheit ihrer Ergebnisse keine geringere als bei diesen Wissenschaften, und dass nun in der That gar häufig der angehende Geschichtsbeflissene uns das Ergebniss seiner Doctordissertation mit einer Zuversicht präsentirt, als liesse es sich so leiche und so einfach beweisen, wie der Lehrsatz des Pythagoras. Sollte diese Ansicht richtig sein? Sollte, was für die Erforschung der ewigen Gesetze der Natur gilt, die in unmittelbarster Weise von unsrem Geiste erfasst werden können, auch massgebend sein für die Erforschung der menschlichen Thaten, die uns nur durch die tausend- und tausendmal verschiedenartig gestaltete Reflexion menschlichen Empfindens und Denkens vermittelt werden? Kann uns, nachdem wir uns vergegenwärtigt haben, welche Schranken die Unvollkommenheit der menschlichen Sinne, die Fähigkeit zum Irren und die Mangelhaftigkeit des menschlichen Charakters einer richtigen Auffassung und einer getreuen Ueberlieferung des Geschehenen gezogen haben, der allergeringste Zweifel daran bleiben, dass auf dem Gebiete des historischen Wissens keine absolute Sicherheit, dass nie mehr als eine blosse Wahrscheinlichkeit gewonnen werden kann, da ja auch die Daten, die wir als die allersichersten, als die allerzuverlässigsten anzunehmen gewohnt sind, nur auf dem Zeugniss intellectuell und sittlich unvollkommener, dem Irrthum unterworfener Menschen beruhen. .

Wird uns aber diese Einsicht entmuthigen? Wird uns das historische Wissen deshalb, weil wir es als ein unvollkommenes, nicht auf absoluter Sicherheit, sondern auf blosser Wahrscheinlichkeit beruhendes erkennen, als werthlos erscheinen? Keineswegs, und was auf der Einen Seite als Unvollkommenheit zugegeben werden mag, das erscheint uns auf der andern als ein Vorzug. Indem wir darauf verzichten, der Geschichte unter den exacten Wissenschaften einen Platz anzuweisen, nehmen wir für sie einen solchen unter den künstlerischen Thätigkeiten in Anspruch. Die Geschichtswissenschaft vermag die Thatsachen nicht in ihrer nackten Wirklichkeit, nicht in ihrer Vollständigkeit, nicht unvermittelt wiederzugeben, sondern nur das Bild, das sich dem an ihnen betheiligten oder dem sie beobachtenden Menschen eingeprägt, und das dieser, bewusst oder unbewusst, dichterisch, künstlerisch schaffend zum Ausdruck, zur Darstellung bringt. Jede, auch die zuverlässigste, die verhältnissmässig unmittelbarste Erzählung fällt somit in das Gebiet der Dichtung, der Sage. Eine scharfe Grenzlinie zwischen dem, was wir als beglaubigte Geschichte anzusehn pflegen, und dem, was wir im gewöhnlichen Sprachgebrauch als Sage bezeichnen, lässt sich schlechterdings nicht ziehen. Wird uns diese Erkenntniss aber nicht dahin führen, dass wir der letztern eine andere, höhere und wichtigere Bedeutung beimessen, als es namentlich in jüngster Zeit zu geschehen

pflegt? Die historische Thatsache interessirt uns nicht lediglich, auch nicht vorzugsweise um ihrer selbst willen, sondern um der Wirkung willen, die sie ausgeübt hat, um der Stellung willen, die sie in der Entwicklung eines Einzelnen, eines Volkes oder der gesammten Menschheit einnimmt, und deshalb werden wir es nicht bedauern, sondern als einen Vortheil empfinden, dass die historische Mittheilung den Charakter hat, den wir ihr haben zuerkennen müssen, dass sie die Thatsachen nicht unvermittelt giebt, sondern so, wie sie sich in dem Gemüthe dessen, der sie uns aufbewahrt hat, eingeprägt haben. Es kann ein Einzelner sein, durch den diese Aufbewahrung geschieht, es kann aber auch ein ganzes Volk sein, es kann die Zeit der Aufbewahrung eine kurze sein, sie kann sich aber auch durch Geschlechter, durch Jahrhunderte fortziehn, und je länger sie ist, desto mehr werden sich alle jene umgestaltenden Einflüsse geltend machen, von denen wir früher gesprochen haben, aber immer wird sich die Umgestaltung vollziehn unter dem Eindruck, den ein Geschlecht, den ein Volk von den fraglichen Thatsachen erhalten hat, und den es noch verspürt, es wird also die Ausbildung der Sage auf der Grundlage einer grossartigen historischen Wahrheit vor sich gehn und dadurch der Gehalt der Sage selbst und ihre Bedeutung eine eminent historische werden, ja dieser historische Gehalt und diese historische Bedeutung können unter Umständen wichtiger sein, als was wir gewinnen würden, wenn wir über dieselben Thatsachen genaue Berichte hätten und uns eine sogenannte beglaubigte Geschichte construiren könnten. Der Geschichtsforscher wird es ja immer als seine Pflicht erkennen, dies letztere soviel als möglich zu Stande zu bringen, er wird aber, sobald er die Aufgabe und die Bedeutung seiner Wissenschaft recht erfasst, es nicht bedauern, wenn er auf Ereignisse und auf Zeiträume stösst, bei denen es ihm nickt gelingt und bezüglich deren er sich mit sagenhafter Kunde begnügen muss, und er wird auch nicht, wenn er neben eine solche sagenhafte Kunde eine mehr oder weniger zusammenhängende beglaubigte Geschichte zu stellen vermag, die erstere über Bord werfen und wo sie noch im Bewusstsein eines Volkes oder einer Religionsgemeinschaft haftet, aus demselben herauszureissen trachten, vorausgesetzt dass er sie als eine ächte, aus dem Bewusstsein dieses Volkes, dieser Gemeinschaft auch wirklich herausgewachsene Sage erkennt. Es ist nichts weniger als Heuchelei oder feige Anbequemung, wenn Männer der strengsten kritischen Richtung sich scheuen, den unbefangenen Glauben an diese Sagen zu zerstören, es entspringt ihre Scheu auch nicht dem vornehmen Gefühle, dass die Bedürfnisse der Männer der Wissenschaft andre seien, als die des gemeinen Volkes, nein, sie selbst, die Männer der Wissenschaft, der strengen Kritik, welche diese Scheu empfinden, sie theilen

eben — so sonderbar dies vielleicht manchem klingen mag — mit dem Volke den Glauben an die Wahrheit jener Sagen, wenn sie sich auch in andrer Weise darüber Rechenschaft geben. Zur richtigen Auffassung der historischen Sage gehört eben wie zu der des Mythus die kindliche Unbefangenheit. Wie uns bei der Auffassung des Mythus das Bewusstsein leitet, dass wir uns Uebersinnliches in unvollkommenen sinnlichen Zeichen anzueignen suchen, so hier die Erkenntniss, dass alle und jede erzählende Darstellung des Geschehenen uns nicht mehr als nur ein annähernd richtiges Abbild davon geben kann.

Was ist das höchste Ziel aller historischen Forschung? Eine Masse von Wissensstoff aufzuhäufen? zur Kenntniss möglichst vieler Thatsachen zu gelangen? Keineswegs! Sie soll vielmehr den Menschen zur Kenntniss seiner selbst führen, durch sie wird eine Selbstprüfung des Menschengeschlechtes vollzogen, eine Selbstprüfung, deren dieses ebensowohl bedarf, als der einzelne Mensch, um sich über seine Bestimmung klar zu werden und über die Wege, die es einzuschlagen hat, wenn es derselben nachkommen soll. An der Verfolgung dieses Zieles aber wird die historische Forschung durch die Grenzen, die ihr gezogen sind, keineswegs gehemmt. Und wie sie selbst ihre Aufgaben nur erfüllen kann, wenn sie sich innerhalb dieser ihrer Schranken hält, so wird sie helfen es dem Menschengeschlechte zum Bewusstsein zu bringen, dass allem Schaffen und Wirken desselben bestimmte Schranken gezogen sind, und dass es, statt seine Kräfte zu vergeuden, indem es diese zu durchbrechen sucht, vielmehr darnach zu trachten hat, sie innerhalb derselben zusammenzuhalten und damit zu einem fruchtbringenden Schaffen tauglich zu machen. Und so wenden wir am Schlusse unserer Betrachtung unsre Blicke wieder zu dem Bilde des Terminus, von dem wir ausgegangen sind, des Terminus, der mit seinem Cedo nulli uns die Wahrheit verkündigen möge, dass nur die Erkenntniss der dem Menschen gezogenen Schranken und die aus dieser Erkenntniss hervorgegangene Selbstbeschränkung, was die Griechen σωφςοσΰνη, was unsre Vorfahren die mâze nannten, ihn befähigt, Grosses nicht nur zu unternehmen, sondern auch zu vollbringen.

W. Vischer.