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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Die Klinik und ihr Leben.

Rectoratsrede

gehalten
zum Jahresfeste der Universität Basel
am 11. November 1880
von
Dr. Hermann Immermann,
o. ö. Professor der klinischen Medicin zu Basel,
d. Z. Rector der Universität.
Basel.
Benno Schwabe, Verlagsbuchhandlung. 1881.

Hochansehnliche Versammlung!

Zu dem Jahresfeste der Universität, so wie es jeweilen in den Tagen des Herbstes uns an dieser ehrwürdigen Stätte vereinigt, heisse ich Sie Alle heute voll innigen Dankes willkommen! Vornehmlich und mit besonderer Erkenntlichkeit begrüsse ich Sie, meine hochgeachteten Herren Mitglieder unserer hohen Regierung, Mitglieder des Erziehungsrathes und Mitglieder der Curatel, deren treuer Obhut und Fürsorge das Wohl unserer Hochschule anvertraut ist, und die Sie mit nichtermüdender Liebe dieses Erbe der Vorfahren auch während des letztverflossenen Jahres verwalteten! — In zweiter Reihe gilt mein achtungsvoller Gruss und mein Dank Ihnen, den so zahlreich hier erschienenen Gönnern und Freunden der Universität, die Sie, hochgeehrte Herren, Ihr lebendiges Interesse an unserer Anstalt bereits so oft durch Wort und Werk bethätigten und uns durch Ihr persönliches Erscheinen zu der heutigen Jahresfeier auf's Neue Ihre Gewogenheit zu erkennen geben! — Endlich wende ich mich grüssend noch an die Mitgliederschaft der Universität selbst, — an Sie, meine werthen Herren Collegen, an Sie, meine lieben Herren Commilitonen, — an Beide, als an die Genossin der Arbeit, — mit dem herzlichen Wunsche, wir »Cives academici« möchten allesammt in das neu-begonnene Semester auch geistig-frisch und wohlgerüstet eingetreten sein, sowie den Muth in uns fühlen, der uns gewiesenen

schönen Aufgabe des Lehrens und des Lernens mit unseren besten Kräften fort und fort gerecht zu werden!

Wenn dann endlich noch persönlich mir, vermöge meines diesjährigen Amtes, die Ehre zu Theil wird, am heutigen Tage dieser hochansehnlichen Versammlung Rede stehen zu dürfen, — so werden Sie, meine Herren, es wohl natürlich und namentlich auch ganz am Platze finden, dass ich das Thema hierzu mir auf demjenigen Lebensgebiete gesucht habe, auf welchem meine hiesige academische Wirksamkeit fusst. — Für den Kliniker aber, und als solcher stehe ich ja vor Ihnen da, ist dieses Gebiet sicherlich die Klinik, — das heisst: das academische Wirken und Treiben am Krankenbette; gestatten Sie mir nun, auf eben nichts Anderes, denn auf dieses Leben der Klinik selbst, als Ganzes sowohl, wie in seiner dreifältigen Theiläusserung, als heilende, als lehrende und als forschende Thätigkeit, oder Function, für die Dauer dieser Stunde Ihre geneigte Aufmerksamkeit hinzulenken. Ich möchte dabei von allen jenen, im Principe völlig untergeordneten Differenzen absehen, die für das Leben der Klinik im Besondern und in der Gegenwart vermöge der Spaltung der einigen klinischen Medicin in die Separatfächer der internen Heilkunde, der Chirurgie, Geburtshilfe, Augenheilkunde u. s. w. sich nach und nach herausgebildet haben; mein Wunsch bei heutigem Anlasse ist im Gegentheile nur der, von der Klinik an sich, wie ich es wohl nennen darf, zu reden, wiewohl dieses Ding, dem eben Angedeuteten zufolge, in Wirklichkeit nicht mehr als »Ens simplex«, sondern nur noch als Complex von Fragmenten existirt. Bei alledem aber ist dieser Complex zum Glücke auch heute noch,

wenngleich nicht einfach, so doch in soweit einheitlich, dass er unbedenklich als Einheit der Betrachtung unterzogen werden darf; auch dürfte es wohl keinem Zweifel unterliegen, dass, gerade in solcher Allgemeinheit gefasst und losgelöst von allzu-enger beruflicher Specialistik, das Thema noch am Ehesten Anspruch auf allgemeineres Interesse hat.

Als ansprechendster Weg ferner, die Idee der modernen Klinik klar zu stellen, bietet sich nun wohl jedenfalls der historische dar, welcher zudem auch da ohne Scheu betreten werden kann, wo es gilt, sich über das Wesen der Institution ganz im Allgemeinen zu verständigen. — Denn die Entwickelungsgeschichte, oder, wenn ich so sagen darf, Embryologie der Klinik ist doch nicht lediglich der trockene Bericht von dem äusserlichen Hergange ihrer Disgregation in so und so viel Parcellen oder Specialkliniken, sondern weit mehr noch die Darlegung ihres Werdeganges überhaupt, oder die Beantwortung der Frage, wie auf practisch-ärztlichem Gebiete Hand in Hand mit der Ausübung der Kunst sich das Lehren und Lernen derselben, ferner auch die Forschung allmälig zu der Form gestaltet haben, unter welcher die Gesammtklinik, uns zur Zeit entgegentritt? — Diese Frage, grossentheils disparat von derjenigen nach den historischen Ursachen der vorerwähnten äusserlichen Disgregation, ist übrigens ganz, wie letztere, der historischen Behandlung zugänglich; total von beiden verschieden hingegen verhält sich hierin jenes schon seiner ganzen sonstigen Art nach völlig andere, philosophische Problem, warum nämlich eigentlich überhaupt die Klinik, — das heisst: jene Trias, oder Combination von heilender Thätigkeit einerseits, — practischer Lehre und

practischer Forschung auf dem Gebiete des Heilens anderseits, — irgendwann entstanden ist, und warum insbesondere die zuletzt genannten beiden Coëfficienten, Lehre und Forschung, in der Folge stets mit dem Hauptfactor, der Therapeutik, als solcher, einen gewissen gemeinsamen und zugleich erkennbaren Entwickelungsgang genommen haben? Hier nämlich stossen wir allerdings auf eine Thatsache und auf einen Process, die beide historisch und deductiv nicht zu fassen sind, dafür aber anthropologisch und inductiv, mittelst Betrachtung der menschlichen Natur, ihrer Leistungen und ihrer Strebungen, ohne Weiteres als nothwendig, — weil natürlich begriffen werden können! Denn eine solche Betrachtung lehrt, je allseitiger angestellt, auch desto zwingender, dass aus der factischen Existenz und Aeusserung irgendwelcher intellectuellen oder technischen Begabung immer auch erfahrungsgemäss das Bedürfniss der Mittheilung, beziehungsweise Erwerbung solcher Potenz: das Lehr- und das Lernbedürfniss entspringt, — und ferner, dass neben dieser mehr handwerksmässigen — banausischen — Auffassung des Berufes, als einer Fertigkeit, die da einfach nur auszuüben, oder von Anderen völlig abzulernen sei, allezeit auch noch jener andere, ideale Drang nach »Mehrung des Reiches«: der Forschungstrieb — sich regt und an die Pforten des Herzens klopft! — Das anthropologische Bürgerrecht der Klinik erhellt hieraus von selbst, als besonderer Fall eines allgemeinen anthropologischen Princips, und einer historischen Rechtfertigkeit ihres Daseins, wie ihrer Entwickelungsfähigkeit bedarf es nicht, sobald man nur überhaupt mit Krankheit und Heilkunde, als praehistorisch gegebenen Grössen rechnet. Dagegen ist es keineswegs überflüssig, ja für

ein gründliches Studium des dermaligen Standes der Klinik sogar eigentlich unerlässlich, den Modus ihrer zeitlichen und räumlichen Entwickelung, wie er den sonstigen Umständen gemäss verlief, an der Hand der Geschichte näher zu verfolgen.

Hier aber ergeben sich nun freilich der Stadien und Wandelungen im Einzelnen so viele, dass es unmöglich ist, sie alle, — schwierig, auch nur die wichtigeren derselben in den engen Rahmen eines Vortrages zu fassen, und es mir darum für meine heutige Aufgabe anfänglich sogar gerathener erschien, auf geschichtliche Evolution überhaupt zu verzichten. Wenn ich nun trotzdem es doch jetzt noch wage, der einfach-analytischen Betrachtung des Gegenstandes in der Gegenwart eine Art Entwickelungsgeschichte der Klinik vorauszuschicken, so geschieht es meinerseits aus der Empfindung, dass eine völlige Enthaltung von der Historie bei einer Herzensangelegenheit fast einem Mangel an Pietät gleichkommt, aus diesem Grunde also für mich nicht wohl statthaft ist! Anderseits darf ich aber wohl mich Ihnen gegenüber mit der Kürze der mir hier verfüglichen Zeit entschuldigen, wenn meine historische Beleuchtung der Klinik entsprechend kurz und summarisch ausfällt, und wenn ich namentlich mich begnüge, diese Beleuchtung vorwiegend äusserlich, das heisst, im Wiederscheine der Zeiten und der regionären Verhältnisse, augenblicklich hier vorzunehmen.

Kliniken, nach heutigen Begriffen, im concreten und zugleich vulgären Sinne dieses Wortes, das will sagen: ständige Krankenanstalten, in denen die zur Pflege und zur Heilung aufgenommenen Patienten auch gleichzeitig zu Unterrichts- und eventuell zu Forschungszwecken

benutzt worden wären, hat es begreiflicherweise nicht eher geben können, als überhaupt Krankenhäuser, Spitäler, existirten; die primären Gründungen solcher Häuser fallen aber erst in eine relativ-späte Periode menschlicher Cultur. Weder das Aegypten der Pharaonen, noch das brahmanische Indien vor dem Auftreten des Buddha Sakya-Muni, —weder die jüdische Theokratie, noch Hellas, noch endlich das völkerbezwingende Rom hatten, oder kannten das humane Institut geordneter Krankenpflege in Spitälern; es fehlte also damals und dort noch ganz und gar derjenige Grund und Boden, auf welchem, aus Opportunitätsrücksichten verschiedener Art, die Klinik später ihren Hauptsitz aufgeschlagen hat. Dieser Mangel war sicherlich ein schwerwiegendes Hemmniss, ebenso gewiss aber kein absolutes Hinderniss für klinische Forschung und klinischen Unterricht, wie nicht nur anthropologisch a priori gefolgert, sondern auch historisch, direct aus Quellen, nachgewiesen werden kann. Aelter nämlich um Vieles zunächst, als das Spital, älter aber anderseits auch wohl jedenfalls, als das mehr künstliche Destillat, des einfach-theoretischen Vortrages, oder der abstracten Disputation über medicinische Dinge, die beide später vielfach über Gebühr auf Kosten des klinischen Elementes sich breit gemacht haben, ist das durch und durch naturwüchsige Institut der Klinik an sich, das heisst, der Lehre und Forschung direct am kranken Menschen; freilich nur in derjenigen Form, für welche neuerdings im Gegensatze zur stationären Klinik des Spitals, oder »Klinik« schlechthin, mehr und mehr der Name Poliklinik (Stadtklinik) in Gebrauch gekommen ist. Diese ältere Poliklinik war ferner auch, im Gegensatze zu der spätem und heutigen, nicht sofort schon vorzugsweise

eine öffentliche, von der staatlichen Genossenschaft fundirte Anstalt, sondern, den einfacheren Verhältnissen ihres Entwickelungsbodens gemäss, rein private Angelegenheit der unmittelbar Betheiligten, — des ärztlichen Lehrers also, des Schülerkreises und der Patienten.

Historische Belege nun aber solcher privater poliklinischer Thätigkeit aus jenen Culturstadien und Culturregionen, denen die Spitalversorgung kranker Individuen noch gänzlich fern lag, gibt es, wie gesagt, in Menge, und zwar tritt uns in derselben die Poliklinik alsbald auch unter jenem doppelten Bilde entgegen, unter welchem sie überhaupt möglich ist und noch in der Gegenwart existirt: als poliklinischer Krankenbesuch nämlich in der Behausung des Patienten, und als poliklinische Sprechstunde (oder »Ambulatorium«) in der Wohnung des Arztes, beziehungsweise einer sonstigen passenden Localität. — Poliklinik war es zum Beispiele, wenn der heilkundige Brahmane des alten Indiens 1) seine Besuche bei den Patienten meist in Begleitung von Schülern machte und so die Gelegenheit wohlweislich benutzte, diesen sein Wissen und sein Können »ad hominem« zu demonstriren, — oder wenn er gar, in Gemeinschaft mit solchen lernbegierigen Zöglingen, Excursionen nach auswärtigen Gebieten hin unternahm, um fremde Krankheitsformen, — interessante Endemieen — an Ort und Stelle kennen zu lehren und selbst kennen zu lernen. — Poliklinischer Art und demjenigen der heutigen Ambulatorien analog, war auch vielfach das Treiben in jenen Empfangsräumen der altgriechischen Aerzte, welche unter dem Namen: bei Hippokrates 2), ferner bei Plato 3), Xenophon 4) und Aeschines 5) genannt und beschrieben werden, da es ausdrücklich von diesen Localen

heisst, sie seien nicht nur von Kranken und Heilbedürftigen, sondern auch häufig von Schülern der Medicin um der Belehrung willen aufgesucht worden. Ebenso aber, wie die poliklinische Sprechstunde, prosperirte auch der poliklinische Hausbesuch in Hellas, — und später fast noch mehr in Rom, — denn wiederholt verlautet, dass hervorragende griechische und namentlich römische Aerzte zu ihren Patienten nicht allein, sondern begleitet von einem ganzen Schwarme lern- und untersuchungseifriger Schüler, — wir würden sagen, poliklinischer Practicanten, — gekommen sind. Und dass schon damals nicht immer eitel Lust und Freude die Signatur des Empfanges ob solcher Begleiterschaft war, sondern mitunter wohl auch recht winterliches Missvergnügen die Seele des also Heimgesuchten und Ueberfallenen beschlich, dafür bürgt, — aus der Periode der flavischen Kaiser, — das noch erhaltene, aber nichts weniger denn liebenswürdig gehaltene Epigramm des Martialis 6) an Symmachus, den höchst-eigenen Hausarzt und damals sehr berühmten Practiker, in welchem sich der römische Dichter selbst als Opfer derartiger poliklinischer Heimtücke folgendermaassen beklagt:

» Languebam; sed tu, comitatus protinus ad me
Venisti centum, Symmache, discipulis.
Centum me tetigere manus, Aquilone gelatae,
Neque habui febrem, Symmache, nunc habeo!

Wer, der je selbst poliklinisch als Lehrer thätig war, oder als Studirender der Medicin poliklinischer Unterweisung am Krankenbette unter erschwerenden Verhältnissen beiwohnte, wird nicht die partielle Berechtigung dieses poetischen Stossseufzers bereitwilligst anerkennen, wer aber nicht auch die Gelassenheit dieser ärztlichen

Lehrer bewundern, — die, in Ermanglung augenscheinlich eines »Corporis vilioris«, mit frostiger Hand (»Aquilone gelatae!«) und doch so höchst unverfroren — sogar ihre vornehme Privatclientel poliklinisch ausnutzten!

Man könnte nun vielleicht glauben, dass mit Begründung der ersten öffentlichen Krankenanstalten, mit Anbruch also des Zeitalters der Spitäler, diese letzteren überall auch alsbald als die geeignetsten Orte für klinischen Unterricht erkannt und als solche fortan benutzt seien. Beherbergten doch diese Anstalten immer und überall seitdem vorwiegend solche Insassen, die, herausgerissen aus socialer Bedrängniss, und zugleich an geringe persönliche Ansprüche gewöhnt, voraussichtlich auch früher schon, gerade so wie jetzt, sich grösseren Theils ganz willig in die Rolle klinischer Patienten gefunden hätten! Und leuchtet es nicht anderseits einem jeden Unbefangenen heutzutage ohne Weiteres ein, dass auf dem geschlossenen Raume des Spitales die genaueste Untersuchung und Ueberwachung der Kranken, die schärfste Controle der Heilerfolge möglich ist, — Bedingungen also hier meist existiren, wie sie günstiger für Lehre und Forschung kaum gegeben sein können! Solchen Ueberlegungen gegenüber mag es auf den ersten Blick hin auffällig erscheinen, dass trotzdem nicht das Spital, sondern die Poliklinik — und zwar fast ausschliesslich immer noch die private, nicht die öffentliche, — auf viele Jahrhunderte hin der vornehmlichste Schauplatz practischer medicinischer Lehre und Forschung geblieben ist. Das Befremden verschwindet jedoch, wenn man erwägt, dass die von tiefstem religiösen Gefühle getragene barmherzige Liebe, welche die ersten Spitäler baute, in schlichter Einfalt nichts Anderes wusste und nichts Anderes

wünschte, als das in Krankheit und Armuth gegebene und vorhandene Elend zu lindern, und dass die mehr rationelle Idee ihr zunächst und auf sehr lange hin noch völlig transcendent war, es lasse sich an einem also Aufgenommenen auch noch in anderer Weise, als lediglich durch Pflege und Heilung seiner selbst, eine höchst humane Mission erfüllen. Den grossen, ja unermesslichen Segen der Spitäler, nach jener einfach-curativen Richtung hin, verdankt die Menschheit ursprünglich, wie schon erwähnt, nicht dem heidnischen Alterthume der Classicität, auch nicht dem Judenthums 7), sondern, wie jetzt hinzuzufügen ist, ausschliesslich dem mildern Walten jener zwei Religionen, die, weil sie beide ausdrücklich Liebe gegen die Mitgeschöpfe predigen, auch beide, unabhängig von einander, die Pflege der Armen und Kranken zum ausdrücklichen Gebote erhoben haben, — dem Geiste des Buddhismus und des Christenthumes! Der Buddhismus, der, beiläufig bemerkt, den Gedanken des Spitales nicht nur für den kranken Menschen, sondern in der Folge auch für das kranke Thier verwirklichte, hat als die ältere der beiden Religionen auch die älteren Spitäler gehabt. Schon 200 Jahre nach dem Auftreten des Buddha, also im fünften Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung, sollen auf Ceylon 8) öffentliche Krankenhäuser von menschenfreundlichen Fürsten gestiftet worden sein; zu Beginne der christlichen Aera existirten solche in ganz Hindostan, in Kashmir 9) und andern buddhistischen Ländern, während die Geschichte des christlichen Krankenhauses erst mit dem Jahre 370 nach Christi Geburt, mit der Gründung der Basilias, der ehrwürdigen Schöpfung des heiligen Basilius, Bischofs zu Caesarea in Cappadocien, ihren Anfang

nimmt 10). Dieses grossartige Werk christlicher Liebe war, der Beschreibung nach, nicht ein einzelnes Haus, sondern eine ganze Krankenstadt, jedenfalls aber das erste seiner Art in christlichen Landen; rasch breitete sich allerdings von nun an die einmal eingeleitete Bewegung für Errichtung solcher Anstalten der ganzen damaligen Christenheit mit, aber weder hier zunächst, noch auch früher auf buddhistischem Gebiete verlautet irgend etwas davon, dass die Spitäler auch gleichzeitig als Kliniken verwendet worden seien. Der in das Spital aufgenommene Kranke war und blieb vorderhand eben ausschliesslich Object liebevoller und heilender Bemühung, —also reines Passivum; — dass er ausserdem auch noch sehr wohl in gewissem Sinne Activum, oder richtiger gesagt, Medium, nämlich Vermittler heilkräftiger Lehre und Träger heilbegehrender Forschung sein könne, daran dachte von den frommen Stiftern und Erhaltern dieser Anstalten in der That noch lange Niemand!

Nur auf anderem Boden begegnen wir während des Mittelalters Beweisen dafür, dass die Spitäler, ausser ihrer eigentlichen Bestimmung, auch dem Unterrichte dienten und autorisirte Stätten wissenschaftlicher Forschung waren. Dieser Boden ist interessanter Weise geographisch so gelegen und nach Geschichte, wie Cultur so geartet, dass auf ihm christlich-griechische und buddhistisch-indische Einflüsse sehr leicht sich treffen, ja mit einander vermischen konnten, und dass er selbst trotzdem beiden gegenüber dauernd seine völlige Neutralität zu behaupten vermochte. Historisch handelt es sich kurz um folgende, etwas verwickelte Ereignisse:

Nestorianische Christen 11) werden um ihres Glaubens willen, weil sie die Einheit der göttlichen und der

menschlichen Natur Christi leugnen, namentlich aber der gebenedeiten Mutter des Herrn den Namen » Gottesgebärerin« versagen, auf der Synode zu Ephesus 431 nach Christo als Ketzer verdammt, daraufhin Jahrzehnte hindurch von den byzantinischen Kaisern auf das Heftigste verfolgt, und finden endlich, nach vielen Drangsalen, um die Wende des fünften Jahrhunderts gastfreie Aufnahme in Persien, das damals noch parsisch, das heisst noch nicht, wie jetzt, schiitisch-mahomedanisch war. Hier unter der letzten Sassaniden Herrschaft gründen die Fremdlinge, die grossentheils gelehrte Leute sind, Schulen, auf welchen sie vor Allem natürlich ihre Theologie, daneben aber auch allerlei profane Wissenschaft, — namentlich griechische Medicin — lehren. Hier entstehen aber auch auf ihren Antrieb hin Spitäler nach christlichem Muster, deren Leitung zwar vorzugsweise sie selbst übernehmen, an denen ausserdem jedoch in der Folge wiederholt auch noch buddhistische Aerzte aus dem benachbarten Indien 12) wirken und ihre heimische Medicin zu hohem Ansehen bringen. Das wichtigste dieser Spitäler ist dasjenige zu Dschondisapor 13) im heutigen Khuzistan, welches drei Jahrhunderte hindurch, unter wesentlich gleicher Verfassung, insbesondere unter christlich-nestorianischer Führung, fortbesteht und zur höchsten Blüthe gedeiht, als inzwischen Persien selbst bereits längst eine Beute der mahomedanischen Eroberung (unter Omar) geworden ist. Dort nun zu Dschondisapor, — auf ursprünglich parsischem Religionsgebiete der Zend-Avesta, aus gemeinsamer Beisteuer indessen von Christenthum und Buddhismus erstellt, aber wohl erst unter dem Scepter des Islam vollendet, — stand allem Anscheine nach die Wiege der Spitalklinik, denn

ausdrücklich heisst es von den Schülern der Medicin daselbst im achten Jahrhundert, dass sie, wohnend im Weichbilde des Krankenhauses, auch ihre medicinische Ausbildung im Spitale selbst 14) erhielten. Wäre nicht diese erste Begründung der Spitalklinik hier, im fernen Oriente, im Grunde genommen doch nur ein so höchst minimer Bruchtheil der gesammten menschlichen Culturarbeit, — ein Differential dieses gewaltigen Integrales, — und wäre nicht namentlich leider die damals erzielte Frucht nur von ziemlich vorübergehender Lebenskraft gewesen, man könnte wirklich, Angesichts einer so complicirten Assistenz bei ihrer Geburt an den Ausruf Virgil's 15) denken:

»Tantae molis erat, Romanam condere gentem!«

Ganz ephemer und räumlich eng-umgrenzt war übrigens ihr Dasein keineswegs, denn wesentlich diesen in Persien erhaltenen Eindrücken von dem Nutzen der Spitäler als Heil- und Lehranstalten ist es zuzuschreiben, dass sofort auch die Nachfolger des Propheten, die Khalifen, im richtigen Verständnisse dessen, was Noth that, mit Eifer selbst die Gründung von Krankenhäusern und medicinischen Schulen betrieben. So entstanden vom achten bis dreizehnten Jahrhunderte an den Hauptsitzen des weiten mahomedanischen Machtgebietes, zu Bagdad, Damaskus, Cairo und verschiedenen anderen Orten ziemlich zahlreiche, zum Theil grossartige Spitäler, von denen manche, namentlich das 1283 von El-mansur in Cairo gegründete 16), gleichzeitig auch Unterrichtsanstalten waren und sogar öffentliche poliklinische Ambulatorien besassen. Es erhellt demnach, dass während der Blüthezeit arabischer Cultur auf mahomedanischer Seite mancherorts Einrichtungen zu Stande kamen, die denjenigen

unserer heutigen öffentlichen Klinik und ambulatorischen Poliklinik wahrscheinlich in der Hauptsache glichen; im Uebrigen aber blieb auch bei den Arabern bis zum Niedergange ihrer Macht und Civilisation, der Privatunterricht ausserhalb des Spitals, also die rein-private Poliklinik die Hauptquelle practischer medicinischer Ausbildung.

Und vollends im christlichen Abendlande ist von einer Benutzung des Krankenhauses zu Unterrichtszwecken, ferner von öffentlichen poliklinischen Ambulatorien noch während des ganzen Mittelalters nicht merklich die Rede. Denn weder zu Salerno, noch zu Montpellier, — Namen, die der Mediciner und vornehmlich der Kliniker nie anders, denn mit Ehrfurcht nennen wird! — haben Spitalkliniken während dieser Periode existirt, wahrscheinlich auch nicht öffentliche Ambulatorien, so hoch man auch speciell dort, inmitten zunehmender Erstarrung ringsumher, das Banner klinischer Medicin in trüber Zeit hochgehalten hat, und so eifrig man, entgegen sonstiger Vernachlässigung, gerade an diesen beiden Sitzen mittelalterlich-ärztlicher Gelehrsamkeit und Kunst auf die practische Ausbildung ihrer Jünger Bedacht nahm. Von den übrigen Universitäten, soweit deren Stiftung noch in das eigentliche Mittelalter und in die Blüthezeit der Scholastik hinabreicht, ist medicinischerseits am Besten zu schweigen, Anderes wenigstens kaum zu vermelden, als dass Hippokrates daselbst beinahe vergessen, an seine Stelle Galen und des Letzteren allergetreuester Schildknappe Avicenna getreten war, und dass die rund in sich abgeschlossene Doctrin dieser Beiden fast das einzige Thema im Tretrade der Collegien und Disputationen bildete. Medicin

am Krankenbette zu treiben, oder gar zu lehren, galt hier als abgeschmackt und Sache geringerer Leute; wen dennoch unter der Jugend nach solchem minderen Tranke dürstete, der mied diese academischen Schankstätten des Wissens, ging privatim zum bescheidenen Medicus oder Chirurgus in die Lehre, oder versuchte wohl auch oft ohne jede Anleitung gleich selbstständig, als Naturarzt, sein Glück!

Dem Föhne gleich, der winterliches Eis bricht, braust nun die grosse Zeit der Renaissance heran und über die gealterte Welt; sie haucht auch der greisenhaft-gewordenen academischen Medicin frisches Leben, ihren Vertretern an Hochschulen vor Allem die Erkenntniss ein, dass sie selbst unwürdige Sclavenketten tragen und dass Befreiung Noth thue! An dem neuerwachten Studium des Hippokrates, des Altmeisters empirisch-ärztlicher Methode, entzündet sich lebhafter, denn je zuvor, der Forschungstrieb und wird zur brennenden Begierde nach neuer, nach möglichst gehäufter Erfahrung: Der Lehrer der Anatomie secirt, Anfangs heimlich, zum ersten Male wieder seit fast 2000 Jahren (nämlich seit der ägyptischen Ptolemäer Zeiten) menschliche Leichen, und fördert bei diesen Untersuchungen binnen Kurzem eine fast erschreckliche Fülle vordem unbekannter Thatsachen zu Tage; der Pathologe findet seinen Weg zum Kranken wieder, untersucht, publicirt, treibt sogar medicinische Statistik 17), — das ist die, baslerischem Gedächtnisse unvergessliche Zeit von Paracelsus, Vesal, Felix Platter, Bauhin, — das ist aber auch die Zeit, wo, jenseits unserer Alpen, das Krankenhaus auf einmal dem Unterrichte sich öffnet, und auf abendländischem Boden, sowie am Sitze einer Universität die erste Spitalklinik ersteht!

Aber, als habe zum Schmieden eines solchen Rüstzeuges das Feuer der Alten gewissermaassen doch nicht ausgereicht und sei noch frischere Gluth nöthig gewesen, das Werk. zu fördern, die Gründung dieser ersten Universitätsklinik erfolgt nicht etwa aus Erkenntniss der Lehrer, sondern auf Andringen der Schüler. Es ist die wissensdurstige academische Jugend, welche, der trockenen Kathederdiät satt, mit Ungestüm die Klinik heischt, — es sind deutsche Studenten — auf italischer Erde die Schmiede!

Im Jahre 1578 stellen nämlich die Studirenden der germanischen Nation zu Padua 18) das nicht misszuverstehende Gesuch, es möchten doch die beiden Herren Professoren der Medicin Albertino Bottoni und Marco degli Oddi, welche beide zuvor Aerzte am Hospitals des heiligen Franciscus geworden waren, ihnen die Vorträge über Krankheiten fortan am Krankenbette selbst, im Spitale, halten, — auch dann und wann wenigstens ihnen einmal eine Leiche öffnen, damit man doch den rechten Sitz der Krankheit sehe und erfahre! — Dem sonderbaren Begehren der nordischen Strudelköpfe wird, weil es im Grunde doch nicht so gar unvernünftig lautet, nach einigem Bedenken gewillfahrt, und die Klinik ist nun für's Erste da: Albertino Bottoni hält sie auf der Männerabtheilung, Marco degli Oddi auf der Weiberabtheilung des Spitales, — auch Sectionen werden kurze Zeit hindurch gemacht, bis leider der Nebenbuhler beider Docenten, Aemilio CampoIongo, welcher die gleiche Venia für sich erwirkt hatte, durch rücksichtsloses Heimtragen pathologisch-anatomischer Präparate vom Leichentische öffentliches Aergerniss erregt, und auf das Klagen einiger älterer Damen (»anicularum querelis ad praefectum

delatis«, wie es beim Gewährsmanne dieser Vorgänge, Tomasini, heisst) Seitens hoher Obrigkeit von Padua das Seciren den Herren Professoren wieder untersagt wird.

Und auch die Klinik selbst sollte vorerst noch nicht im Leben der Universitäten dauernd Fuss fassen; zwar bestand sie in Padua noch eine Weile fort, auch wurden sogar bald darauf noch in analoger Weise Spitalcurse zu Pavia und zu Genua eingerichtet, und es konnte demnach für den Moment vielleicht so scheinen, als wolle das Institut in Italien überhaupt sich einbürgern.. Aber das Feuer war dort leider doch nur Strohfeuer, die Zeit ferner zur sicheren Fundirung der Universitätsklinik wohl auch noch nicht ganz reif; mit einem Worte, der anfänglich so rege Eifer bei Lehrenden und Lernenden erkaltete allmälig wieder, und das endliche Schicksal dieser ersten italienischen Kliniken war bedauerlicher Weise Verkümmerung.

Durchschlagend hingegen und in seiner Nachwirkung ganz universell war der Erfolg, den die Einführung öffentlichen klinischen Unterrichtes etwa 60 Jahre später in Holland errang, —jenem Alluvium mit seinen Deichen und seinen dem Meere abgerungenen Marschen, seiner so thatkräftigen und vor Allem so zähen Bevölkerung, auf welchem, nach Abschüttlung des spanischen Joches, nach Erlangung der nationalen und religiösen Unabhängigkeit, alsbald auch eine so reiche und mannigfaltige Culturblüthe sich erschloss! Grosses war aber inzwischen auch anderswo auf dem Gebiete des Geistes geschehen, um die Gemüther einer Umgestaltung des ärztlichen Unterrichtes im Sinne der academischen Klinik günstig zu stimmen: In England hatte Baco von

Verulam's Lehre der inductiven Methode für alle Gebiete physischer Forschung den Sieg verschafft und den Sinn denkender Naturforscher und Aerzte von nun an definitiv auf Beobachtung und Versuch, als die ergiebigsten Quellen dieser Art von Erkenntniss, gelenkt; von England aus kam auch, gewissermaassen als erste Werthprobe des neuerrungenen Standpunktes, im zweiten Decennium des siebzehnten Jahrhunderts die staunenerregende Kunde von der fundamentalen physiologischen Entdeckung des Blutkreislaufes durch William Harwey und das gleichfalls durch Beobachtung gezeitigte, in seiner Einfachheit so grandiose Dictum des gleichen Forschers: »Omne vivum ex ovo!« — Kein Wunder darum wohl, wenn der von philosophischer, wie physiologischer Seite ergangene, so laute und eindringliche Appell: »Suchet und versuchet, achtet und beobachtet!« auch im Lager der Pathologen gehört wurde, und bei letzteren jetzt den Wunsch wachrief, für Lehre und Forschung auf dem Gebiete des kranken Lebens in der erneuten Begründung von Spitalkliniken ein möglichst geeignetes Uebungs- und Recognoscirungsterrain sich zu schaffen! Practische Gestalt nahm diese in eminentem Maasse damals zeitgemässe Idee wie gesagt, zuerst in den Niederlanden, — zu Lug dunum Batavorum, jenem Leyden, das erst vor nicht langer Zeit (1575) sich als Lohn für die mannhafte und siegreiche Vertheidigung seiner Bürger gegen die belagernden Truppen des spanischen Statthalters Requesenz von der holländischen Nation eine Universität ausgebeten hatte! Hier nun, auf doppelt geweihtem Boden, auf dieser Walstatt patriotischen Muthes und wissenschaftlicher Begeisterung hat um 1640 der Professor Otto Heurnius, zuerst unter

dem bescheideneren Namen »Collegium medicum practicum« die Klinik sammt Ambulatorium als integrirenden Bestandtheil des medicinischen Gesammtunterrichtes eingeführt und dann abwechselnd mit seinem Collegen Schrewelius geleitet 19)! Hier wirkten nach ihm Kyper und de le Boë Sylvius; hier aber ging alsdann um die Wende des Jahrhunderts der leuchtende Stern des grossen Hermann Boerhaave auf, dessen strahlendem Glanze die Leydener Klinik in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ihren Weltruf verdankt! Nicht minder aber verdankt ihm auch die gesammte wissenschaftliche Medicin die allmälige völlige Popularisirung der klinischen Idee an den Universitäten, wie bei den Regierungen; denn Boerhaave's hinreissender Persönlichkeit und ausserordentlichem Können in ärztlicher, wie ärztlich-lehrender Beziehung ist es ganz wesentlich zuzumessen, dass die von ihm verfochtene Idee von der Nothwendigkeit der Klinik zunächst bei seinen von ihm begeisterten Schülern, weiterhin aber durch einige derselben auch bei den eigentlich maassgebenden Kreisen Eingang fand. Und zwar ist als der weitaus wichtigste dieser secundären Impulse wohl zweifellos der von Boerhaave's grösstem und treuestem Schüler Gerhardt van Swieten, ausgegangene anzusehen, — dem Leibarzte und Vertrauten der Kaiserin Maria Theresia, dem kühnen und rücksichtslosen Reformator des österreichischen Medicinalwesens, — dem Begründer der Universitätsklinik zu Wien 20)! Denn nach Erringung dieses dominirenden Postens und nachdem einmal hier, auf dem Boden einer Weltstadt, die academische Klinik (seit 1753) feste Wurzeln geschlagen hatte, stand die Institution, als solche, auch anderswo immer im Vordergrunde der

Ueberlegungen, so oft man seitdem die Regeneration. oder neue Stiftung medicinischer Facultäten an Hochschulen ernstlich betrieb. Die Klinik gilt, lassen Sie mich hiermit die historische Uebersicht schliessen, heutzutage allgemein auf civilisirtem Boden als »Conditio sine qua non« des ärztlichen Universitätsunterrichtes und es sind lediglich Fragen untergeordneter Art, Erwägungen socialer und namentlich financieller Natur gewesen, ob man sie an den einzelnen Hochschulen im Laufe der letzten hundert Jahre zuerst nur als bescheidenere öffentliche Poliklinik, oder zuerst als vornehmere Spitalklinik, oder endlich auch sofort in beiderlei Form zugleich eingeführt hat?

Und um nun an letzteren Punkt hier unmittelbar anzuknüpfen, so, meine ich, lässt wohl der äusserliche Umstand, dass im Augenblicke selbst die kleinsten Universitäten fast ausnahmslos Beides, stationäre Klinik und Poliklinik besitzen, die Wünschbarkeit der Copulation Beider zu gemeinsamer Arbeit schon von vornherein erahnen. Spitalklinik und Poliklinik schliessen aber auch in der That einander nicht aus, am Allerwenigsten ist ferner letztere, die Poliklinik, ersterer gegenüber etwa nur eine Art Nothbehelf, beziehungsweise eine antiquarische Curiosität, vielmehr sind beide Schwesterinstitute des Entschiedensten auch heute noch dazu berufen, einander wechselseitig zu ergänzen! Denn, obwohl einerlei Stammes und darum im Grunde Eins, stellen sie doch das in sich einheitliche Leben der Klinik, — die Combination von Heilen, Lehren und Forschen — unter verschiedenen äussern Lebensbedingungen als entsprechend modificirte Leistung dar. Vermag die stationäre Klinik des Spitales auf ihrem räumlich-beschränkteren

Arbeitsfelde die curative Thätigkeit dem einzelnen Kranken allerdings wohl systematischer, mit grösserer Auswahl der Mittel und stricterer Benutzung der Gelegenheit, angedeihen zu lassen, und ist sie darum vorwiegend die gewünschte Zufluchtsstätte schwererer und complicirterer Erkrankungsfalle, so kann umgekehrt, aber in ebenso erwünschter Weise, die Poliklinik ihr mehr summarisches therapeutisches Verfahren auf eine weit grössere Zahl von leidenden Individuen, namentlich leichter Erkrankten ausdehnen. Und wenn es ferner der Spitalklinik vor Allem zukommt, auch die beiden anderen Actionen des klinischen Lebens — Lehre und Forschung — mehr zu vertiefen und im Einzelnen vollendeter zu gestalten, so ist dafür die Poliklinik der geeignetere Boden für solche Unterweisung und Erkenntniss, die sich auf Massenuntersuchung stützt und durch Massenbeobachtung gewinnen lässt. Speciell noch was den Unterricht anlangt, um dessentwillen ja vor allen Dingen beide Institute gegenwärtig als academisch-medicinische Anstalten an den Universitäten bestehen und vom Staate subventionirt werden, so lässt sich freilich nicht leugnen, dass die methodisch-strenge, mehr classische Schulung der stationären Klinik dem Jünger der Heilkunde, dem Studirenden, wohl in erster Reihe frommt; aber eben deswegen soll die Spitalklinik auch von ihm zuerst besucht und zugleich am längsten frequentirt werden. Dann jedoch, wenn bei ihm ein gewisses Fundament der Kenntniss und des Könnens bereits besteht, soll auch, wenn möglich, die Poliklinik kommen und das Werk klinischer Erudition an ihm vollenden helfen, nach ihrer bisher charakterisirten Richtung hin zunächst, aber weiterhin auch noch in einer ganz anderen, höchst wesentlichen

Beziehung! Denn endlich, — stellt die stationäre Klinik des Spitals das klinische Leben, geborgen unter dem sicheren Dache des wirthlichen und freundlichen Hauses dar, — so ist dafür die Poliklinik, vor Allem, wenn sie nicht bbs Sprechstunden ertheilt, sondern die Armen und Kranken auch in deren eigenen Wohnungen aufsucht, dieses nämliche klinische Leben als »Medicina militans«, im Kampfe mit socialem Elende und beschränkten Mitteln, — mit Unverstand häufig auch und Indolenz, — im Kampfe also mit allerlei feindlichen und finsteren Mächten, an denen aber der künftige Arzt schon während seiner Lehrzeit gut thut, seine Kraft und seine Gelenkigkeit recht fleissig zu üben!

»Theuer ist mir der Freund, — doch auch den Feind / kann ich nützen; Zeigt mir der Freund, was ich kann, — lehrt mich der Feind, was ich soll!«21)

Es liegt mir nunmehr noch ob, in Kürze auf die drei Lebensfunctionen der Klinik: Therapeutik als solche, klinische Lehre und klinische Forschung, der Reihe nach einzeln einzugehen, zugleich aber allerdings auch, dieselben in ihren gegenseitigen Beziehungen zu einander allgemein zu kennzeichnen. Da diese drei Thätigkeiten vermöge der harmonischeren Lebensbedingungen, unter denen die Spitalklinik arbeitet, auch in ihr zu einer mehr harmonischen Ausbildung gelangen, überdies ferner das Bild jener das übersichtlichere ist, so lege ich meiner weiteren Besprechung vornehmlich sie, — die stationäre Klinik, oder »Klinik« schlechthin, — zu Grunde:

Die curative Thätigkeit der Klinik, oder die klinische Therapeutik, ist das lebendige Substrat klinischen

Wesens, die Voraussetzung sonstiger klinischer Action überhaupt, wenn schon nicht in gleichem Maasse, wie zum Beispiele der Unterricht, das unterscheidende Merkmal der Klinik! Als Grundsätze der klinischen Therapie gelten nämlich ganz die gleichen, welche auch für das ärztliche Handeln sonst die maassgebenden sein sollen, im Allgemeinen also folgende:

Der neu in die Behandlung aufgenommene Patient wird zuvörderst bezüglich seines physischen Verhaltens sorgfältig ausgefragt und thunlichst genau untersucht. Die mündliche Nachfrage, oder Anamnese, erstreckt sich nicht allein auf das unmittelbar. Vorliegende, die Krankheit mit ihren Ursachen und bisherigem Verlaufe, sondern auch auf die gesammten Antecedentien und Accidentien des Falles; — die objective Untersuchung, oder Aufnahme des Status praesens, befasst sich desgleichen nicht allein mit dem muthmaasslich afficirten Theile, sondern, so weit dies irgend ausführbar, mit dem gesammten Individuum in allen dessen einzelnen Theilen; die Untersuchung selbst endlich geschieht mit Zuhilfenahme aller derjenigen Technicismen, die die neuere Medicin dem Arzte hierzu bekanntlich in so reicher Menge zur Verfügung stellt. Erst auf diesem Fundamente, gestützt ferner noch von Diagnose und prognostischer Erwägung, soll und kann in. der Regel überhaupt auch nur das intellectuelle Bauwerk der Therapie erstehen, als dessen leitende Ideen, oder Indicationen namentlich zu gelten haben: erstens, Bekämpfung der. erkannten Krankheitsursachen und Erhöhung der Widerständigkeit des Patienten gegenüber diesen Ursachen — »Indicatio causalis;« — zweitens, directe Ausgleichung der erkannten krankhaften Störung als solcher

und in ihrer Totalität — »Indicatio morbi;« —. lich drittens, Bekämpfung einzelner, besonders lästiger, oder besonders gefährlicher Krankheitssymptome — »Indicatio symptomatica,« »Indicatio vitalis.« Welchen von diesen Indicationen sodann im einzelnen Falle vornehmlich genügt werden muss, oder aber auch nur noch genügt werden kann, richtet sich begreiflicherweise ganz nach Form und Schwere der zu behandelnden Störung, ebenso auch die Wahl und die Zahl der zum Bau der Therapie aufzubietenden Mittel und Eingriffe, die in ihrer einsichtig gewählten Combination den concreten Curplan, in ihrer methodischen Anwendung aber die Cur ausmachen. Und was dann endlich noch diese Bausteine selbst, die einzelnen Heilagentien, anlangt, so beruht ihre Brauchbarkeit, oder ihr therapeutischer Werth, in letzter Instanz natürlich immer auf ihren natürlichen, das heisst: physicalischen, chemischen oder physiologischen Eigenschaften und Besonderheiten; eine andere Frage ist jedoch die, ob auch die Art des Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Anwendung des Heilagens und beobachtetem, beziehungsweise erhofftem Heileffecte, aus der sonstigen Natur des Mittels oder Eingriffes auf naturwissenschaftlichem Wege erklärbar, —oder die Heilwirkung als solche bis auf Weiteres rein nur Sache äusserlicher Erfahrung ist? Man unterscheidet hiernach rationelle und empirische Verordnungen, von denen die ersteren vor den letzteren den unbestreitbaren Vorzug besitzen, dass eben auch das »Wie?« und das »Warum?« der Wirkung bei jenen dem physicalischen, chemischen oder physiologischen Verständnisse bereits erschlossen ist, darum aber auch diese Wirkung selbst im Ganzen weit besser

für den Einzelfall zweckentsprechend modulirt werden kann. Bei den lediglich empirisch-erprobten Mitteln und Ordinationen hingegen ist nur die Thatsache des guten Effectes in häufigen und analogen Fällen, nicht jedoch der Modus und der Grund der Wirksamkeit festgestellt; die Empfehlung und der weitere Gebrauch solcher Agentien geschieht demnach vorläufig allein auf die Schlussfolgerung des: »Post hoc, propter hoc!« hin, und findet vorderhand auch nur eine gewisse logische, oder genauer gesagt, mathematische Rechtfertigung, nämlich in dem günstigen Facit des »Ad hoc« angestellten Wahrscheinlichkeitscalculs! Dass übrigens, wenn die mathematische Wahrscheinlichkeit des Heileffectes sehr gross ist, der sogenannte »reine Zufall« also für die Erklärung des Sachverhaltes ausgeschlossen werden darf, auch die einfach-empirischen Mittel ihren sehr positiven therapeutischen Werth haben, bedarf wohl nicht der Erwähnung; anderseits erhellt nicht minder, dass auch der Werth rationeller Verordnungen nach positiver Richtung hin stets gewinnt, wenn sie auch zugleich die Feuerprobe der methodischen Statistik mit Erfolg bestehen.

Insofern nun die Klinik thatsächlich meist einen sehr ansehnlichen Bruchtheil ihrer täglichen Arbeit den singulären Lösungen der vorhin kurz skizzirten therapeutischen Aufgaben zuwendet, ist sie auch thatsächlich Heilanstalt, gerade so gut, wie das einfache, nicht klinische Sanatorium, und der mitunter gehörte Vorwurf, es werde an den Kliniken der Gegenwart zwar sehr viel docirt und leider noch viel mehr geforscht, aber zu wenig an's Curiren gedacht, erscheint, in dieser Allgemeinheit ausgesprochen, völlig unzutreffend. Denn wenn auch Lehre und Forschung die Krankenanstalt an sich erst

zur Klinik erheben und ihr die entscheidenden Merkmale der letzteren aufdrücken, so ist doch von einer eigentlichen Verdrängung der Therapie durch Unterricht und Forschen schon um deswillen kaum die Rede, weil beide, direct oder wenigstens indirect, immer die Therapie zum Gegenstande und vor Augen behalten. Denn während am Krankenbette gelehrt und auseinander gesetzt wird, was curirt, und wie curirt werden soll, wird auch daneben stets gezeigt, dass und mit welchem Erfolge die Cur des Patienten wirklich betrieben wird! Und wenn anderseits die klinische Forschung auf Verbesserungen der Therapie sinnt und das Ergebniss grübelnder Speculation umsichtig am Krankenbette verwerthet, so thut sie das aus Erkenntniss der Mängel, die den bisherigen Curen anhafteten, arbeitet sie also gleichfalls auf therapeutisch-durchpflügtem Ackerfelde! Freilich dient nicht jede klinische Lehre und jede klinische Forschung unmittelbar der Therapie, insofern auch ein nicht geringer Theil dieser klinischen Arbeit auf Erörterung oder Ergründung der Krankheitsursachen und Krankheitsvorgänge verwendet wird; aber jede also geleistete Arbeit hat doch schliesslich die Therapie zum Endzwecke, insofern die Heilung oder Besserung der Störung das Wissen von ihren Ursachen und das Begreifen des Processes zu ihren jedenfalls höchst wünschbaren Praemissen zählt. Nur dann, und der Fall wäre ja allerdings auch denkbar, würde jener Vorwurf die Klinik mit Recht treffen, der Kliniker aber damit auch zugleich aufhören, Kliniker zu sein, wenn letzterer mit seiner Lehre und mit seiner Forschung sich dauernd der Therapeutik ganz entfremdete, um irgendwie sonst sich ein phantastisches Wolkenkukuksheim zu gründen. Er

gliche dann aber auch in der thörichten Vermessenheit seines Beginnens nicht einmal dem Ikarus der Sage, der in genialem Auffluge der Sonne zu nahe kam und jählings stürzte, sondern weit eher jenem sonderbaren Schwärmer und Ritter von der fragwürdigen Gestalt, der, auf hohem Baumaste reitend, diesen seinen eigenen Träger mit geschäftiger Hand und — mit bekanntem Erfolge vom Stamme loszusägen bemüht ist!

Ob freilich die Heilerfolge einer Klinik trotz richtiger Einsicht ihres Leiters und redlichster Bemühungen seiner Gehilfen grosse oder vielleicht doch nur kleine sind, ist eine völlig andere Frage. Denn die Grösse des überhaupt auf therapeutischem Wege Erreichbaren hängt natürlich nicht nur ab von der Güte der Behandlung und dem Verstande der Verständigen, sondern weit mehr leider noch von der Heilbarkeit des Heilobjectes, und wenn also zum Beispiele eine bestimmte Klinik vielleicht zeitweilig, oder dauernd der bevorzugte Sammelplatz desperater, oder wenigstens misslicher Fälle ist, so können auch ihre Heilerfolge nach Aussen hin keine besonders glänzenden sein. In eben dieser Situation befinden sich nun aber in Wahrheit dauernd recht viele Kliniken, namentlich viele Spitalkliniken, und zwar letztere zum Theile schon aus jenen allgemeinen Gründen ärztlicher Politik sowohl, wie, häufiger noch, völlig selbstloser ärztlicher Ueberlegung, vermöge welcher schlimme, complicirte, — namentlich aber von ihrer Umgebung vernachlässigte Erkrankungsfalle, — kurz Fälle mit schlechter oder dubiöser Prognose aus der Privatclientel und Poliklinik gar gern und oft zur weiteren Cur den Spitälern überwiesen werden! Es kommt aber noch ein durchaus anderer Grund hinzu, um diese Sachlage

zu schaffen, ein Grund, der nicht sowohl das Krankenhaus als therapeutisches Institut, vielmehr speciell die Klinik als Klinik angeht und mit den übrigen Aufgaben dieser letzteren innig zusammenhängt. Ist nämlich die Krankenanstalt zugleich Klinik, das heisst: Stätte des Unterrichts und der wissenschaftlichen Forschung, so darf sie die Zuweisung solcher Fälle mit schlechter Prognose nicht nur nicht beklagen, sondern muss sie sogar, innerhalb gewisser Grenzen wenigstens, bisweilen direct herbeizuführen suchen. Denn es soll ja, was zunächst den Unterricht betrifft, der junge Mediciner nicht allein die leichten und mühelos-heilbaren, sondern mindestens ebenso sehr auch die schweren und schwer-heilbaren Erkrankungen, ja endlich auch die vorläufig unheilbaren Störungen in der Klinik aus Erfahrung kennen lernen; es müssen demnach auch solche Fälle in der Klinik angemessen vertreten sein und gehörig zur Demonstration gelangen! — Und weiter endlich, wenn es als letzte Aufgabe academisch-klinischer Thätigkeit noch gilt und gelten muss, zu forschen, sowie die Hörer zur Forschung anzuregen, wo fänden sich wohl würdigere Reviere der Forschung, als jene, auf denen die bisherige Therapie noch keine Lorbeeren zu finden wusste? Solche Ueberlegungen stellen die bedingte Wünschbarkeit der Aufnahme so erkrankter Patienten in die Klinik wohl ausser jeden Zweifel; doch darf der hiermit angedeutete Satz natürlich nicht einfach verallgemeinert, oder die Unheilbarkeit eines Falles ohne Weiteres als wünschbare Vorbedingung für dessen Ueberweisung an eine Klinik — zu Unterrichts- und Forschungszwecken — proclamirt werden!

Ich komme hiermit zugleich noch direct zur

kurzen Beleuchtung dieser beiden anderen klinischen Functionen selbst, — Lehre und Forschung — zuvörderst zur Frage des klinischen Unterrichtes:

Dass der Lehrinhalt der Klinik kein anderer sein könne als der, an einzelnen Fällen fort und fort zu zeigen, wie man einen Kranken untersuchen müsse, um zu Diagnose und Prognose zu gelangen, wie ferner auf Grund des so gewonnenen Gesammteindruckes die passende Therapie des Falles theoretisch zu construiren sei, und wie man endlich ihre practische Durchführung zu betreiben habe, um zum Ziele zu gelangen, begreift sich von selbst! Soll indessen der Unterricht wirklich fruchtbringend sein, so bedarf er noch gewisser Vorbedingungen und Eigenschaften, als da namentlich sind: eines passend gewählten Krankenstandes erstens, — zweitens: einer zureichenden Vorbildung der klinischen Schüler oder Klinicisten, —endlich drittens: einer guten Unterrichtsmethode Seitens des klinischen Lehrers. Gestatten Sie mir über diese drei Punkte der Reihe nach einige erläuternde Bemerkungen:

Der klinische Krankenstand, oder das Material der Klinik, darf nicht zu spärlich, auch nicht zu monoton sein; denn Zweck der Klinik ist, dass in ihr der Klinicist während des üblichen Turnus der Semester seine Befähigung zum Arzte durch practische Einschulung an hinlänglich vielen und hinlänglich verschiedenartigen Erkrankungsfällen erwerbe. Es pflegen darum auch, in Hinblick auf diesen Zweck, dem klinischen Lehrer Seitens derjenigen Behörden, in deren Machtsphäre der klinische Unterricht sich abspielt, gewisse Freiheiten und Befugnisse eingeräumt zu sein, durch Vergabung von klinischen Freibetten zum Beispiele Patienten für den

Unterricht heranzuziehen und so den Krankenstand im Interesse der Lehre grösser und vielseitiger zu gestalten. Wunsch nur ist, dass diese dem Kliniker eingeräumten Rechte nicht zu kleine seien, dass er selbst sie ferner auch immer ausgiebig und zugleich wirklich verständig benutze, das heisst, was letzteren Punkt anbetrifft, bei der Auswahl der Fälle für die Klinik nicht allzu sehr von seinen persönlichen Liebhabereien sich treiben lasse! Anomal wäre es zum Beispiel, wenn auf einer internen Klinik, die das grosse Gebiet der sogenannten inneren Affectionen voll und ganz repräsentiren soll, vorwiegend nur Magenkrankheiten, oder aber Nervenkrankheiten vorgestellt würden, blos deswegen, weil sie etwa das Hauptstudium und therapeutische Steckenpferd des betreffenden klinischen Lehrers bildeten, — oder wenn auf einer chirurgischen, einer gynaecologischen Klinik mit einer sonst schwer-erklärlichen Consequenz nur ganz bestimmte Operationen müde geritten würden, — diejenigen nämlich, bei denen etwa der specielle klinische Operateur immer von Neuem wieder seine ganz besondere Virtuosität zu entfalten vermöchte! Solche und ähnliche kleine Schwächen und willkürliche Beschränkungen des zugewiesenen Machtgebietes sollen natürlich in der einzelnen Klinik nicht Platz greifen; eine jede soll vielmehr in der Wahl ihrer Fälle und in dem, was sie dem Schüler der Reihe nach bietet, sich möglichster Unparteilichkeit befleissigen, auf dass sie wenigstens dem Ausschnitte aus dem Gesammtgebiete der Heilkunde, dessen Namen sie selbst an ihrer Stirne trägt, einigermaassen vollständig und würdig zum Ausdrucke verhelfe!

Ein weiterer Wunsch endlich noch, der sich an den klinischen Krankenstand knüpft, ist der, dass die klinischen

Patienten den Klinicisten hinlänglich zugänglich, namentlich auch noch ausserhalb der klinischen Stunde zugänglich seien. Dieses Desiderat lässt sich am Allgemeinsten in der Poliklinik verwirklichen, dann nämlich, wenn die poliklinischen Practicanten nicht nur dem Ambulatorium beiwohnen, sondern angewiesen sind, für sich allein die ihnen speciell zugewiesenen Patienten auch noch in deren Wohnungen regelmässig, nach Arztes Art, zu besuchen. Vollkommener noch ermöglicht in den Spitalkliniken es das Institut der sogenannten Hilfsassistenten oder Famuli, einzelnen, aber immer nur wenigen Studirenden, für eine gewisse Zeit (gewöhnlich diejenige eines Semesters) ihre Thätigkeit ganz einer bestimmten Klinik zu widmen und in dieser Stellung das zu erringen, was den spätem Arzt so sehr empfiehlt: das absolute Vertrautsein mit den Intimitäten der Krankenuntersuchung und Krankenbehandlung. Aber freilich, diese Vergünstigung kann nicht Vielen zu Theil werden, und diesen gegenüber geht die Mehrzahl der Klinicisten aus der Spitalklinik fort und fort relativ leer aus, da im Uebrigen die Verhältnisse bezüglich der Zugänglichkeit klinischer Patienten auf den Krankenhäusern ziemlich schwierig liegen! Man befürchtet von einer allzu grossen Liberalität, nicht ganz mit Unrecht, allerlei Unzukömmlichkeiten, namentlich eine Uebervölkerung der Krankensäle durch untersuchungseifrige Practicanten, welche als störend für die Patienten, störend für die Hausordnung, — mit einem Worte, als inopportun bezeichnet wird, und es auch, bei unvorsichtig-gewährter Licenz, thatsächlich gar leicht sein würde. Hingegen glaube ich, dass der mehreren Orts gewagte Versuch, die klinischen Practicanten ausser zur Klinik, auch noch regelmässig, oder

wenigstens in gewissem Turnus, zu den abendlichen Visiten der Aerzte auf den Spitalabtheilungen zuzulassen, allgemeinere Beachtung verdient, da so die practische Durchbildung einer grösseren Anzahl jüngerer Mediciner zweifellos zu fördern wäre, ohne dass doch die Spitalordnung deswegen gross darunter Noth litte.

Aber selbst bei vollendeter Beschaffenheit und grösster Zugänglichkeit des klinischen Krankenstandes besteht doch nur dann die Möglichkeit eines erfolgreichen Unterrichtes, wenn es den Klinicisten nicht an der nöthigen allgemeinen und speciell-medicinischen Vorbildung gebricht. — Betreffs der allgemeinen Vorbildung des Mediciners geht meine persönliche Ansicht, conform übrigens derjenigen der Mehrzahl meiner ärztlichen Standesgenossen, des Entschiedensten dahin, dass, weil die Ueberwindung des medicinischen Studiums keine geringeren Ansprüche an die Gymnastik des Geistes und die seelische Energie erhebt, als diejenige zum Beispiele des juridischen oder theologischen, auch die Vorbildung des Mediciners keine mindere und keine andere sein dürfe, als die des Juristen oder Theologen, — mit anderen Worten also, dass sie, wie diese, für's Erste immer noch am Besten auf dem humanistischen Gymnasium zu suchen und bis zur vollendeten Maturität daselbst zu erholen sei! Für diese Forderung spricht am wenigsten der rein-äusserliche Nutzen, den die Kenntniss des Lateinischen und namentlich des Griechischen für das Verständniss der zahllosen medicinischen Kunstausdrücke dem Studirenden der Heilkunde gewährt, sondern weit mehr zunächst die lediglich ideale Mitgift, welche die also gebildete Seele des Knaben und Jünglings für das kommende Leben durch den Hauch der Antike empfängt, und die auch dem

Arzte, als Gegengewicht gegen die Realien seines Berufes, wahrlich nicht fehlen soll! Am meisten aber empfiehlt sich, meiner Meinung nach, die humanistische Art der Vorbildung für den künftigen Mediciner um der so eminent-gymnastischen Bedeutung willen, welche die gründliche grammatische Schulung in den beiden classischen Sprachen für den Geist des Heranwachsenden besitzt, und die, in gleicher Vollkommenheit und Handlichkeit, glaube ich, keinem anderen Pädagogicum innewohnt. Der nämliche Grad dieser Art geistiger Gymnastik liesse sich aber, — glaube ich ebenfalls — auf humanistischen Gymnasien auch erreichen mit etwas geringerem Zeitaufwande auf die Classenlectüre der antiken Schriftsteller, und es ergäbe sich dann die Möglichkeit, die so gewonnene Zeit in höchst erwünschter Weise auf die Completirung des Unterrichts in den Realfächern — vor Allem der Mathematik zu verwenden. Denn es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass, nächst den alten Sprachen, die Mathematik weitaus das wirksamste Gymnasticum des Intellectes ist; die durch sie erwerbbare Behendigkeit des Denkapparates ist aber zudem noch eine merklich andere, als die grammatische, darum aber auch in ihrer Besonderheit durch letztere nicht schlechthin zu ersetzen. Es will mir nun scheinen, als sei, speciell für den Mediciner, indessen wohl auch für den Juristen, den Nationaloeconomen und reinen Philosophen der mathematische Unterricht humanistischer Gymnasien nach heutigem Zuschnitte nicht völlig zureichend, aber als brauche derselbe an ihnen nur noch um ein Weniges weiter zu gedeihen, als jetzt, — nur noch die Elemente der Differentialrechnung, den Begriff des Integrales und den Wahrscheinlichkeitsbegriff in sich aufzunehmen, um der Mathematik

selbst sofort einen viel höheren und bleibenderen Werth für das Leben, als Hebel künftiger Denkarbeit und als Richtschnur practischer Entschliessung zu sichern! Zur näheren Begründung dieses Satzes gebricht es mir leider augenblicklich an Zeit; hingegen hielt ich es doch für Pflicht, auf jenen, wie ich meine, etwas wunden Punkt der allgemeinen Vorbildung zu gelehrten Berufsarten nach humanistischern Systeme hier wenigstens ganz ausdrücklich hinzuweisen.

Was sodann die speciell-medicinische Vorbildung des Klinicisten anlangt, so will ich mit den Einzelheiten Sie ebenfalls nicht behelligen. Als Hauptdesiderat gilt, dass die Klinik von dem Mediciner nicht zu früh, vielmehr erst dann betreten werde, wenn erstlich die naturwissenschaftlich-propaedeutischen Fächer, ferner zweitens die anatomischen und physiologischen Disciplinen theoretisch, wie practisch von ihm absolvirt sind, und wenn der Studirende endlich auch drittens noch dazu die pathologisch-therapeutischen Theoretica und die diagnostischen Practica bereits mit einigem Erfolge frequentirt hat. Nichts ist weniger angebracht, als jene Sucht, welche bisweilen junge Mediciner schon im vierten, oder gar im dritten Semester in die Kliniken treibt, nichts aber meistentheils zugleich ominöser für den gesammten späteren Studiengang dieser nämlichen Leute; denn es handelt sich bei ihnen in der Regel nicht (man verzeihe mir die Deutlichkeit der Ausdrücke) um ungewöhnliche Wissbegierde, oder auch nur um gewöhnliche Neugierde, sondern einfach um jene Art von völliger Verkennung der Verhältnisse, welche der Franzose sehr treffend als: »Mettre la charrue devant les boeufs!« bezeichnet!

Hat aber gegentheilig ein Studirender die erwähnten Präliminarien der Reihe nach und redlich erfüllt, und ist er demnach für den Eintritt in die Klinik reif, so soll er nunmehr auch nicht länger mit diesem Eintritte säumen, sich ferner namentlich auch nicht mehr lange damit begnügen, einfach nur Auscultant der Klinik zu sein. Je bälder er vielmehr jetzt ein Herz sich fasst und mit dem Practiciren beginnt, desto längere Zeit kann er es fortsetzen und desto besser für ihn. Hiess es früher, nicht unbedachtsam, so heisst es jetzt, nicht allzu bedenklich sein und den lebhaften Trieb empfinden, aus der klinischen Raupe baldmöglichst ein Schmetterling zu werden!

Und nun weiter noch der klinische Unterricht selbst, wie soll er auf Grund aller dieser Voraussetzungen vom Lehrer abgehalten werden? Dass letzterer das Fach, welches seiner Klinik ihren besonderen Namen gibt, mit seinem eigenen Wissen und Können ausfüllen müsse, versteht sich von selbst — ebenso auch, dass er mit dem Gesammtinhalte der Medicin fort und fort soweit in lebendiger Fühlung verbleiben solle, um nie den Namen eines bornirten Specialisten zu verdienen. Aber Alles dieses macht den klinischen Lehrer noch nicht aus; denn höchste Gelehrsamkeit und ausgezeichnete ärztliche Tüchtigkeit des Vorstandes machen die Klinik noch längst nicht instructiv! Dazu gehört eben noch Anderes, was unter Umständen umgekehrt sogar das Licht bescheidenerer wissenschaftlicher und technischer Potenz noch recht hell strahlen machen kann, — dazu gehört vor Allem die Lust am Lehren selbst, — ferner die Gabe und das künstlerisch-ausgebildete Geschick des geistigen Wehevaters, — das heisst: die souveräne Beherrschung

der maeeutischen, oder sokratischen Methode des Unterrichts! Es gilt, bei der Krankenuntersuchung sowohl, wie bei der Feststellung der Diagnose und schliesslich des Curplanes den klinischen Practicanten durch ein geschickt-geleitetes Frage- und Antwortspiel fort und fort in geistiger und manueller Activität zu erhalten, ihm in der zwanglosen Form des Dialoges und des gemeinsam mit ihm betriebenen Handwerkes sein Wissen und sein Können, soweit beide existiren, zu entlocken, und ihn daneben zwingen, ohne dass er es übel vermerkt oder eingeschüchtert wird, die Lücken dieses Wissens und Könnens selber aufzudecken. Es gilt ferner, fort und fort zugleich dem Schüler bei diesem Geburtsgeschäfte helfend und treibend mit dem eigenen Wissen und Können zur Seite zu stehen, Hindernisse behend hinwegzuräumen, die etwa momentan die weitere Entwickelung jenes Processes bei ihm hemmen, um sodann doch sofort wieder ihm, dem Schüler, scheinbar die Hauptrolle und die Handlung zu überlassen! So wird nicht nur der jeweilige Practicant, sondern mehr oder minder auch die ganze Hörerschaft in Spannung erhalten, ein jeder indirect zum Selbstdenken, zur privaten Beantwortung der gestellten Fragen und beständigen Controlle seines geistigen Machtbesitzes veranlasst, — und so der. klinische Unterricht belebt! — Weit weniger angebracht für die Klinik sind hingegen längere zusammenhängende Expectorationen des klinischen Lehrers allein, bei welchen letzterer für seiner Rede Silber das stumme Schweigen des Practicanten und der übrigen Hörer eintauscht, — ein Schweigen, das bei diesem Handel denn doch ganz gewiss nicht immer Goldes Werth besitzt! Solche sogenannte »klinische Vorträge«lesen sich im Allgemeinen

besser gedruckt, als dass sie in der Klinik selbst mündlich und allzu oft gehalten würden; sie passen für letztere nur dann, wenn ein ungewöhnlich complicirter oder schwieriger Fall einmal in allen seinen Einzelheiten klar und übersichtlich auseinander gelegt werden soll, — oder wenn gerade eine brennende Tagesfrage der practischen Medicin ihrer klinischen Erledigung harrt, die. gelegentlich einer concreten Demonstration bequem im Zusammenhange erörtert werden kann. Allzu ausgedehnt ist übrigens auch ein solcher, an sich völlig zeitgemässer Monolog des Lehrers immer misslich für die momentane Geistesfrische der Klinik, — denn dass eine jede Rede, auch die beste nicht ausgenommen, wenn sie bandwurmartig sich in die Länge zieht, auf das Auditorium schliesslich leicht als gelindes Narkoticum wirkt, gilt unter gebildeten Leuten bekanntlich stillschweigend als ausgemacht!

Um so mehr wird es natürlich jetzt auch für mich Zeit, an den Schluss zu denken; denn es erübrigt mir ja noch immer, auch von der dritten klinischen Thätigkeit —der forschenden — zu Ihnen zu reden! Lassen Sie mich ganz kurz sein und vor Allem constatiren, dass diese Aeusserung des klinischen Lebens sich unter allen dreien der geringsten Popularität erfreut. Dass an den armen Kranken in der Klinik das Curiren betrieben wird, ist Allen erwünscht und Allen genehm, — dass man sie zum Zwecke des Unterrichtes benutzt, gilt als ein nothwendiges Uebel, — dass sie aber eventuell dem Kliniker, oder seinen Assistenten auch gar noch zu Forschungszwecken als Objecte dienen sollen, erscheint Vielen als überflüssig, Manchen als unerlaubt! Zu betonen ist nun zunächst, dass, wie schon der klinische

Unterricht am Krankenbette stets in schonender Form und unter thunlichster Berücksichtigung berechtigter Eigenthümlichkeiten der Patienten abzuhalten ist, diese Rücksichten auch ebenso sehr von der Forschung innezuhalten sind. Diese Rücksichtsnahme soll freilich nicht so weit gehen, dass, wenn einmal gerade eine an sich seltene, aber zufällig gegebene Gelegenheit existirt, eine wichtige pathologisch-therapeutische Frage ihrer endgültigen Entscheidung um einen Schritt näher zu bringen, nicht dann und wann einmal auch eine Schrulle besiegt oder eine gewisse Beharrlichkeit gezeigt werden dürfte! Nur darf diese Rücksichtslosigkeit, wenn man »Festhalten am Project« so nennen will, ihrerseits auch wieder niemals so weit gehen, dass der Patient bei derselben irgendwie direct Schaden erlitte, oder auch nur die Last unverhältnissmässiger Unbequemlichkeiten auf sich nehmen müsste; sondern es muss im Gegentheil bei solchen Versuchen und Beobachtungen der klinische Forscher zuvor mit sich selbst des Genauesten darüber zu Rathe gehen, ob das Minimum des für die menschliche Gesellschaft zu erhoffenden Nutzens das Maximum des von dem einzelnen Patienten zu fordernden Einsatzes, nach ethischem Maasse gemessen, voraussichtlich erreicht, oder nicht? Ist nun aber bei einer solchen nüchternen Vorausberechnung das wahrscheinliche Facit für die Vornahme des Versuches, so ist das klinische Experiment ganz gewiss ebenso erlaubt, wie im analogen Falle das volkswirthschaftliche oder politische, ja wie das naturwissenschaftliche Experiment überhaupt, und es wäre unmännlich. und feige sogar, dasselbe wieder und immer wieder gegen bessere Einsicht aus blosser Furcht vor äusserlichen Conflicten zu unterlassen! Denn

wo gäbe es wohl noch mehr zum Wohle der Menschheit zu erforschen, als gerade auf dem so vielfach bescholtenen Gebiet der Heilkunde, und wem läge dementsprechend das der menschlichen Natur überhaupt so tief eingewurzelte, darum durchaus natürliche Bedürfniss zur Forschung an sich wohl näher, als gerade den Aerzten — unter diesen aber wiederum den Klinikern, als den wissenschaftlichen Vorposten des ärztlichen Standes? Es geht also einfach nicht an, zu wünschen oder gar zu verlangen, die Klinik solle sich mit ihrer heilenden und ihrer lehrenden Thätigkeit begnügen, auf das Experiment hingegen und auf methodische therapeutische Forschung aus Gründen schaaler Convenienz womöglich verzichten; — lächerlich aber wäre es vollends, wenn der Kliniker und seine Gehilfen etwa von vornherein freiwillig, oder auf solches Andringen hin sofort gutwillig sich in die höchst zweifelhafte Rolle fänden, simple Wächter des Harems der Tradition zu sein, — das heisst: sich schmucklos zu geistigen Eunuchen degradirten! Des Vorwurfes endlich noch, den man wohl hier und da hört: das klinische Forschen geschehe weniger aus der lautem Absicht, das gesundheitliche Wohl der Menschheit zu fördern, wie vielmehr meistens nur aus Motiven persönlicher Eitelkeit, — erwähne ich nur als eines Beispiel tugendsamer Extravaganz; — denn wer, ich frage, der solchen pharisäischen Tadel leichten Herzens ausspricht und unter die Leute bringt, weiss sich wohl, als Mensch, bei eigenem gutem Werke, eigener löblicher Stiftung von jeder, auch der kleinsten Dosis menschlicher Eitelkeit frei?

»Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!«

Dieses erhabene Wort der Schrift 22) — erhaben. über jeglicher menschlicher Splitterrichterei — passt sicherlich auch hier, — und soviel über die Ethik klinischer Forschung!

Die Zwecke klinischer Forschung. sind Erweiterung oder Befestigung des pathologisch-therapeutischen Machtbesitzes, je nachdem sie einfach auf neue Entdeckungen ausgeht, oder das angeblich anderswo Entdeckte auf seine reale Existenz prüft. — Der Mittel und Wege zu Beidem gibt es vorderhand drei, — der pathologisch-therapeutische Thierversuch, — der therapeutische Versuch am Menschen, — und die gehäufte klinische Beobachtung. Von diesen dreien fallen nur die letztem beide in das Bereich der Klinik; denn die erstgenannte Methode, der Thierversuch, gehört der Experimentalpathologie und -therapie an, — steht freilich dem Kliniker ebenfalls offen, soll ferner von ihm, wo ihn der Mensch zu kostbar dünkt, gleicher Weise ohne Bänglichkeit betreten werden, — ist aber nicht unmittelbar seines Amtes! Das Wesen des zweiten Modus klinischer Forschung, nämlich des klinisch-therapeutischen Versuches, lässt sich allgemein sehr leicht dahin definiren, dass, nach sorgfältigster Ausschaltung störender Nebenbedingungen, bald durch die Application eines therapeutischen Agens auf einen Kranken allein, — bald durch die parallele Application verschiedener Agentien auf mehrere Kranke gleicherlei Art, — bald endlich durch die parallele Application eines und desselben Agens auf Kranke verschiedener Art, — oder auf Kranke und Gesunde — der positive, negative oder indifferente Heileffect dieses, oder dieser Heilagentien so genau als möglich festgestellt werden soll! — Die dritte der genannten

Methoden, die der gehäuften Beobachtungen, ist synonym mit der streng-statistischen Methode überhaupt und bedarf demnach hier keiner genaueren Erläuterung; ihre Verwerthbarkeit zur Erzielung brauchbarer therapeutischer Schlüsse setzt zuvörderst eine sorgfältige klinische Analyse der in Frage kommenden Reihen homolog-behandelter Beobachtungsfälle voraus, — im Uebrigen ist sie eine mathematische Angelegenheit, nämlich Sache der Wahrscheinlichkeitsrechnung. 28) — Bedenkt man einerseits die Schwierigkeit, die für jede der beiden zuletzt genannten Methoden darin besteht, störende Einwirkungen von einem so complicirten Versuchs- oder Beobachtungsobjecte, wie dem kranken und gesunden Menschen, bei der Versuchsanordnung oder der fortlaufenden methodischen Beobachtung auch nur einigermaassen auszuschalten, — bedenkt man anderseits den transcendenten Werth dieses Objectes selbst, so erhellt ohne Weiteres, dass die klinische Forschung kein leichter, sondern ein dornenvoller Pfad ist, der zum Beispiele mit dem ebeneren Wege physikalischer oder chemischer Forschung hinsichtlich seiner Mühen, seiner ethischen Scrupel und seiner getäuschten Hoffnungen sich nur schwer vergleichen lässt! — Darum stimmt aber auch die klinische Forschung, ganz entgegen landläufiger Auffassung, weit eher bescheiden, als eitel oder übermüthig, — um so bescheidener und resignirter ferner, je länger sie betrieben wird, und je mehr sie, trotz aller Schmerzen, die sie ihm bringt, dennoch zur Herzenssache des klinischen Mannes wird. Denn mehr als auf jede andere Aeusserung klinischen Lebens passt auf sie der tiefe Ernst jener Quintessenz hippokratischer Weisheit, die sich ausgesprochen findet in dem ersten Aphorismus des ärztlichen

Patriarchen von Kos, — jenem Wahrspruche klinischer Medicin, der da handelt:

»von der Länge der Kunst, und der Kürze unseres Lebens, — von dem Fluge der Gelegenheit, der Trüglichkeit des Versuches und der Schwere der Entscheidung!«

Anmerkungen.: