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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Ferdinand Hitzig.

Rede bei der Stiftungsfeier der Zürcherischen Hochschule

am 29. April 1882
gehalten von
Prof. Dr. H. Steiner,
z. Z. Rector.
Zürich,
Druck und Verlag von F. Schulthess. 1882.

Hochansehnliche Versammlung!

Wenn ich für meine heutige Rede nicht, wie es sonst Uebung ist, ein allgemein wissenschaftliches Thema gewählt habe, so glaube ich mich deswegen nicht lange rechtfertigen zu müssen. Die für nächstes Jahr uns bevorstehende Jubiläumsfeier legte mir nahe, im Buch der Geschichte unserer Hochschule zu blättern, und da bin ich alsbald stehen geblieben bei einem Manne, dessen Bild zu zeichnen ich am meisten persönliche Veranlassung habe, von dem ich aber auch sagen darf, dass sein Name, Ferdinand Hitzig, längst mit goldenen Buchstaben in unseren Annalen verzeichnet steht. Füge ich noch hinzu, dass er während der 28 Jahre seiner hiesigen Wirksamkeit zwei Male das Rectorat bekleidet hat, das zweite Mal bei der Jubelfeier von 1858, so bedarf es wohl keiner Entschuldigung mehr, wenn ich Sie bitte, einer kurzen Schilderung seines Lebens und seiner Verdienste um die Wissenschaft und um unsere Hochschule Ihre Aufmerksamkeit schenken zu wollen.

Als gegen Ende des Jahres 1832 über die Besetzung der am 20. Oktober ausgeschriebenen Lehrstellen der jungen Hochschule entschieden werden musste, war der damals 25jährige Dr. Ferd. Hitzig unter den Ersten, die man zu gewinnen suchte. Was er bis dahin geleistet hatte, so namentlich seine Schrift über den "Begriff der Kritik, am Alten Testamente praktisch erörtert" (Heidelberg 1831) und eine zweite, betitelt "des Propheten Jonas Orakel über Moab" (Heidelberg 1831), zeugte von einer durchaus eigenartigen, bahnbrechenden Geisteskraft und einem in die Tiefe gehenden Forschungstrieb, der auf die Jugend anregend wirken musste. Eine glücklichere Wahl für die alttestamentliche Professur hätte die damalige Erziehungsbehörde in der That nicht treffen

können, um so mehr als durch diese Wahl der eminent begabte junge Gelehrte der wissenschaftlichen Laufbahn, die er zu verlassen beinahe im Begriffe stand, erhalten blieb.

Gestatten Sie mir nun zunächst, einiges Persönliche über den am 5. Januar 1833 ernannten ersten Professor der Theologie vorauszuschicken.

Die Heimat Hitzigs war das badische Oberland, sein Geburtsort das Dorf Hauingen, sein Geburtstag der 23. Juni 1807. Die Stätte, wo er die ersten Eindrücke der Kindheit erhielt, war das Landpfarrhaus seines Vaters, Ferdinand Sigmund Hitzig, eines ehrenwerthen Rationalisten alten Schlages, dessen Bruder Friedrich Wilhelm im benachbarten Lörrach als Dekan und Kirchenrath amtete. Von Haus aus war Hitzig zum Theologen gleichsam prädestinirt. Der Stammbaum seines Geschlechtes, der bis zum 17. Jahrhundert zurück verfolgt werden konnte, wies eine ununterbrochene Reihe würdiger Pfarrherren auf, aus der erst unser Ferdinand durch Uebergang zum akademischen Berufe heraustreten sollte. Den ersten Lateinunterricht erhielt er von seinem Vater, bis er das Pädagogium in Lörrach besuchen konnte, um hernach die letzten zwei Jahre der Gymnasialzeit am Lyceum in Karlsruhe zu absolviren. Hier wirkte als Director und als Lehrer des Deutschen, Griechischen und Hebräischen Johann Peter Hebel, Prälat der evangelischen Landeskirche Badens, der bekannte alemannische Dichter. Lehrer und Schüler fühlten sich gegenseitig angezogen, denn Beide hatten in ihrer Geistesart viel Verwandtes; zudem stand Hebel mit der Hitzig'schen Familie schon seit langem in guten freundschaftlichen Beziehungen. War nun auch das Hebräische nicht gerade die starke Seite Hebels, so verstand er es doch, seinen Schüler lebhaft anzuregen und letzterer überraschte ihn eines Tages mit einem Erstlingsversuche in biblischer Kritik (über Psalm 45). An

dem sonnenhellen Geiste Hebels hat Hitzig zeitlebens seine Freude gehabt und auch in spätem Jahren noch gar viel persönlich Anmuthiges von ihm zu erzählen gewusst.

Im Herbste 1824 verliess Hitzig das Lyceum, um an der Landesuniversität Heidelberg Theologie zu studiren. Mit welchem Eifer er seine, geistige Arbeit anpackte, zeigt eine Anzahl im Manuscript erhaltener Aufsätze, die in den zwei ersten Semestern in Heidelberg, zum Theil auch schon während der Gymnasialzeit geschrieben wurden, als Erstlinge selbständiger Forschung über hebräische Etymologie und über verschiedene Probleme alt- und neutestamentlicher Kritik. Den rechten Boden für seine theologischen Studien fand er jedoch erst in Halle, wohin er schon 1825 sich wandte, um zu den Füssen des Altmeisters W. Gesenius sitzend sich mehr und mehr auf das Alte Testament und die nächst verwandten Fächer zu concentriren. Das theologische Staatsexamen bestand er mit Auszeichnung im Herbste 1827 und konnte nun, durch die vom badischen Minister Winter ihm zugesagte Unterstützung ermuthigt, höherem Ziele zustreben. Der Weg zur akademischen Laufbahn, zu der er sich berufen fühlte und nach dein Urtheile Aller, die ihn kannten, berufen fühlen durfte, war für ihn kein glatt geebneter. Oekonomische Schwierigkeiten traten, da ihm eigene Mittel fehlten, hemmend entgegen und konnten durch die grossmüthige , aufopferungsvolle Unterstützung einer Tante, die ihren Neffen wie einen Sohn liebte, ihn verstand und wusste, welches die seinen Anlagen entsprechende Lebensstellung sein würde, nicht immer beseitigt werden *). Allein der tapfere Muth, die selbstbewusste Energie und der nie ermüdende Fleiss des jungen Mannes führten

den Kampf mit all den Widerwärtigkeiten und kleinlichen Sorgen des Lebens siegreich durch und machten es dem Candidaten möglich, seine Studien in Göttingen, wo H. Ewald als neu aufgegangener Stern glänzte, zu vervollständigen, dort nach einem Jahre zu promoviren (mit der Dissertation: de Cadyti urbe Herodotea) und dann (Herbst 1829) in Heidelberg die Laufbahn eines Privatdocenten zu beginnen, und zwar sofort mit durchschlagendem Erfolg. "Ich gehe, so schreibt er am 14. November 1829 an seine Tante, Frau C. Riemenschneider geb. Brodhag in Pforzheim, mit Freuden auf dell Katheder und habe alle Schüchternheit verloren. Die Studenten sind mit mir zufrieden. Ich hatte Anfangs fast keine Zuhörer; aber nach der ersten Stunde kamen sie. Jetzt habe ich eigentlich erst auch gesehen, dass wirklich die akademische Laufbahn die für mich passende ist ... Obschon ich nicht reich bin und keine Schätze sammeln will, so bin ich doch heiter und mit Gott und den Menschen zufrieden, immer idealisch gestimmt". Mit freudiger Genugthuung gibt er seiner mütterlichen Freundin jeweilen Nachricht von seinen Fortschritten und literarisch zu verwendenden Entdeckungen. Aus einem spätem Briefe (6. Januar 1830) möchte ich eine Stelle noch herausheben: "Wie gerne ergehe ich mich auf den Pfaden des Alterthums, das einst auch Gegenwart war und das ich mir wieder zur Gegenwart schaffe. Des Alterthums Sonne ist zwar gesunken; aber wie der Beobachter in stiller Mondnacht die versunkene Welt des lärmenden Tages noch einmal übersieht und ernst durchwandelt, so gehn wir durch die Welt des Alterthums beim Lichte der Kritik ernst und doch heiter auf einsamer Gedankenbahn."

Die hohe Anerkennung, welche die eben erwähnten Erstlingsschriften in der gelehrten Welt, so namentlich auch von Seite Ewalds fanden, war für ihm der schönste Lohn seiner Mühen und gab ihm Muth zu neuer Arbeit, so dass er schon im Winter

1831/1832 den Commentar zu Jesaja in Angriff zu nehmen wagte. Leider aber blieb die äussere Anerkennung, auf die er von Seite des Ministeriums rechnen zu dürfen glaubte, aus, und er hatte oft Mühe, seine bescheidenen Ausgaben zu bestreiten. Tapfer hielt er sich dennoch stets oben auf. "Wenn ich für Geld und nicht auch für Ehre schriebe, so wäre ich bald reich. So aber kann ich nicht immer und muss die gute Stunde abwarten. Unterdess behalte ich guten Muth, habe mein Gewissen frei und bin ja nicht verlassen. Gott wird enden und helfen!"*) An diesem Glauben musste er noch ein gutes Jahr lang sich aufrichten, da die Regierung nichts für ihn that und er schliesslich zur Ueberzeugung kam, es sei am besten, er "schreibe sich von Heidelberg weg". Da alles nichts helfen wollte, musste sogar der Gedanke der Uebernahme eines Vicariates in Erwägung gezogen werden. Da mit einem Male gieng ein neuer Hoffnungsstern auf, als die Lehrstellen in Zürich ausgeschrieben wurden. Die Verhandlungen kamen bald ins Reine, und Niemand war glücklicher als unser Hitzig, endlich sichern Boden unter sich zu fühlen. "Aber eine klägliche Wirthschaft ist es mit den Zeitungen! — so schreibt er am 5. Februar 1833, nachdem er seiner Freude über die Berufung Ausdruck gegeben — Nach mir, dem Privatdocenten, krähte vorher weder Hund, noch Hahn; jetzt, wo ich Professor geworden bin, thun die Leute, als wenn ich plötzlich greulich viel Verstand bekommen hätte. Lieb ist mir indess das Zeitungsgekreisch doch, weil es die Regierungsherren und einige Wenige, die mich beneiden, ärgert und meine Verwandten und andere Freunde freut."

So war der äussere Lebensweg nun glücklich geebnet, der gesunde Boden für ein frisches, geistiges Schaffen gefunden, zumal

als der junge Professor bald nach seiner Uebersiedelung sich einen eigenen Hausstand gründen konnte an der Seite einer liebenswürdigen, durch alle weiblichen Tugenden ausgezeichneten Gattin.

Dass er sich in Zürich bald wohl und heimisch fühlte, konnte nicht fehlen. "Alles ist zum Verwundern angenehm und schön. Ich bin, wie die Andern, aufs beste, selbst von der Gegenpartei gut, aufgenommen worden ... Die unparteiischen Fremden sind hier überall vermittelnde und versöhnende Elemente, und die Lehranstalten stehen jetzt schon fester als die gegenwärtige, sehr feste Regierung selbst. Ich werde es schwerlich je bedauern, hieher gewandert zu sein." So schreibt er schon am 9. Mai 1833, und einen Monat später, am 4. Juni: "Dass ich von Heidelberg weg bin, darum darf ich mir nun gratuliren, seit der preussische König speziell jene Universität neben den andern verboten hat ... Zürich ist nach allem, was ich sehe, höre, lese, derjenige Ort der ganzen deutschen Schweiz, wo ich allein sein möchte. Hier ist am meisten wissenschaftlicher Sinn, so dass unser Eins auch, so viel er werth ist, gilt; auch ist viel Tugend, Biederkeit und Geradheit hier zu Hause."

Auf solchem Boden, jeder Sorge ledig, zu arbeiten, war für ihn nun erst rechte Lust und Freude. Die Hochachtung und Liebe seiner Schüler hatte er im Augenblick erobert, und wenn auch Lehrthätigkeit und Amtsgeschäfte ihn besonders im Anfang stark in Anspruch nahmen, so fand er, der Unermüdliche und jeden Augenblick Ausnutzende , immer noch Zeit genug zu schriftstellerischer Production , bei der ihm die Feder so zu sagen nie eintrocknete. Schon 1833 wurde der noch in Heidelberg begonnene Commentar zu Jesaja glücklich vollendet, der seinen Autor sofort die in vorderste Reihe der alttestamentlichen Exegeten stellte. Gerade an Jesaja sich zu wagen, war ein kühnes Unternehmen gewesen; denn noch stand der viel bewunderte Commentar von

Gesenius in hohem und wohlverdientem Ansehen, und Manche mochten es als eine Vermessenheit auslegen, dass der ehemalige Schüler den gefeierten Lehrer zu übertreffen sich anheischig machte. Solchen entgegnete er in der Vorrede (Seite VII) mit den Worten: "ich habe dieses Buch, welches zu schreiben mir ein Recht zustand, weder für noch wider eine Person, sondern im Dienste der Wahrheit verfasst. Für die Wahrheit aber erachte ich mich nicht verantwortlich. Ich bin dies nur für das Mass von Liebe und Eifer, womit ich nach ihr geforscht, und für den Weg, welchen ich in der Forschung eingeschlagen habe". Jenes Recht leitete Hitzig in erster Linie ab von den neuesten Fortschritten der hebräischen Grammatik. Gesenius nämlich, der Anfänger und Begründer der neueren hebräischen Sprachwissenschaft, war noch in den Anfängen, d. h. bei einer wesentlich empirischen Behandlungsweise der hebräischen Spracherscheinungen stehen geblieben, während der geniale, in der Methode umfassender und rationeller Sprachvergleichung geschulte Ewald der hebräischen Grammatik eine den Fortschritten der Sprachwissenschaft auf indogermanischem Gebiete ebenbürtige Behandlung zu geben versucht hatte, die mit dem Aufzählen und Beschreiben der Spracherscheinungen sich nicht begnügte, sondern ihr Wesen, ihren Zusammenhang, ihre organische Gliederung zu verstehen als ihre Aufgabe betrachtete. Diese bedeutenden Fortschritte der hebräischen Grammatik wollte Hitzig für die Auslegung nutzbar machen und widmete demgemäss sein Buch "dem Neubegründer einer Wissenschaft hebräischer Sprache und dadurch der Exegese des Alten Testamentes G. H. A. Ewald". Sodann wurde die geschichtliche Erklärung der einzelnen Abschnitte, die Untersuchung über Echtheit, vermeintliche oder wirkliche Entstehungszeit derselben einer neuen, allseitig gründlichen Revision unterzogen und auf die Darlegung des Zusammenhangs, der Auf- und Auseinanderfolge

der Gedanken die grösste Sorgfalt verwendet. Eine geschmackvolle Uebersetzung, welche die einfache Würde, die Kühnheit, Kraft und farbenreiche Poesie des Originals trefflich wiederzugeben verstand, begleitete den Text des Commentars. Als Gesammtleistung war dieser für lange Zeit mustergültig, ein eigentliches standard work. Dass das Buch, wie Hitzig sich launig ausdrückte, "ein unverschämtes Glück machte", dass sein Name dadurch zu einem der gefeiertsten wurde, blendete ihm, der keine Eitelkeit kannte, nicht im mindesten, wohl aber spornte es seine Schaffenslust aufs Neue an. Ihr nächster Gegenstand waren die übrigen prophetischen und die poetischen Bücher des Alten Testamentes, die ihn besonders anzogen, weil die Schwierigkeit ihres Verständnisses seinem forschenden Geiste den dankbarsten Stoff darbot und weil die Mangelhaftigkeit der bisherigen Erklärungsmethode hier am schroffsten zu Tage trat.

Die Zeit erlaubt mir nicht, auf die min rasch sich folgenden literarischen Werke Hitzigs näher einzugehen; ich muss mich begnügen, sie kurz anzuführen, um dann nachher in zusammenfassender Charakteristik ihre wissenschaftliche Bedeutung darzulegen.

Zunächst (1835 und 1836) erschienen die Psalmen, nämlich eine Uebersetzung und kritische Herstellung des Grundtextes und eine historisch-kritische Untersuchung über Entstehungszeit und Verfasser der Psalmen, als Fortsetzung des im "Begriff der Kritik" gemachten Anfangs positiver Psalmenkritik. Dann folgten nach den beiden Sendschreiben über Ostern und Pfingsten (1837 und 1838) die Commentare über die 12 kl. Propheten (1838), über Jeremia (1841), Ezechiel (1847), Koheleth (1847) und Daniel (1850). Zwischen hinein fallen die in dem Buch über Johannes Marcus und seine Schriften niedergelegten neutestamentlichen Untersuchungen (1843), sowie die Forschungen zur ältesten Völker-

und Mythengeschichte, nämlich das Buch über die Urgeschichte und Mythologie der Philistäer (1845). Die Bearbeitung der prophetischen Bücher wurde mit der 1854 erschienenen Uebersetzung derselben vorläufig abgeschlossen. Nun kam die Reihe an das Hohelied (1855) und an die drei grossen poetischen Bücher, zuerst die Sprüche (1858), dann die Psalmen (nun mit vollständigem Commentar, 1863 und 1865) und zuletzt Hiob (1874), nachdem inzwischen die Geschichte des Volkes Israel vollendet worden (1869) und die Broschüre zur Kritik Paulinischer Briefe (1870) sammt der über Sprache und Sprachen Assyriens (1871) ihr nachgefolgt war. Von Schriften kleineren Umfanges nenne ich noch die über die Erfindung des Alphabets (1840) und die epigraphischen Arbeiten über die Grabschrift des Darius zu Nakschi Rustam (1847), des Eschmunazar (1855) und über die Inschrift des Mescha (1870), der in zahlreichen Zeitschriften zerstreuten Aufsätze und Recensionen nicht zu gedenken. Fürwahr eine reiche Fülle literarischen Schaffens!

Bevor ich mich über Bedeutung und Eigenart dieser Leistungen ausspreche, lassen Sie mich den abgebrochenen Faden der Lebensskizze wieder aufnehmen.

Vom Stillleben eines seinem wissenschaftlichen Berufe vollständig hingegebenen Professors ist im Ganzen wenig zu berichten. Am öffentlichen Leben activen Antheil zu nehmen, hatte Hitzig, von den Verhandlungen der Synode abgesehen, keine Veranlassung, aber ein blosser Stubengelehrter ist er bei alledem nie gewesen. Mit gleichem Eifer wie das todte Alterthum hat er jederzeit auch das frisch pulsirende Leben der Gegenwart studirt und zu verstehen gesucht, mit lebhafter, zeitweise auch leidenschaftlicher Theilnahme das politische Getriebe der grossen und kleinen Welt verfolgt. Dass er aber selber wider Willen in das, Ende der Dreissigerjahre so aufgeregte Parteigetriebe unseres

Kantons verwickelt werden würde, hätte er sich anfangs kaum träumen lassen, und doch kam es so, freilich unter ganz ausserordentlichen Umständen, nämlich bei Anlass der Berufung von David Friedrich Strauss an unsere Hochschule *). Die grosse Hochachtung, die er vor den wissenschaftlichen Verdiensten Straussens hatte, zugleich auch die warme persönliche Theilnahme am Schicksale dieses in seinem Heimatlande gemassregelten und aus der wissenschaftlichen Laufbahn hinausgestossenen Gelehrten hatten Hitzig bestimmt, gemeinschaftlich mit Johann Caspar Orelli, dem berühmten Philologen, damals zugleich Mitglied des Erziehungsrathes, schon im Frühjahr 1836 und ein zweites Mal im darauf folgenden Winter bei eingetretenen Vacanzen seine Berufung nach Zürich anzuregen, beide Male aber ohne Erfolg. Die Staubwolken, welche schon diese ersten Verhandlungen Land auf Land ab aufgeworfen hatten, konnten ihn nicht abhalten, zwei Jahre später, als nach dem Weggange Elwerts der Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Dogmatik erledigt worden war, von Neuem auf jene Berufung zu dringen und in der Facultätssitzung vom 7. December 1838 ein Separatvotum abzugeben, welches die entgegenstehenden Bedenken der übrigen Facultätsmitglieder zu heben versuchte und mit aller Entschiedenheit für die Berufung von Strauss eintrat in der Hoffnung, dass gerade ein Amt als Lehrer der Dogmatik ihn nöthigen würde, eine positivere Bahn einzuschlagen mit synthetischem Verfahren. Dieses Separatvotum Hitzigs gab nebst anderen Motiven mehr politischer Natur in den Behörden den Ausschlag, zuerst (am 26. Januar 1839) im Erziehungsrathe, wo Bürgermeister Melchior Hirzel den Stichentscheid gab, dann nach der Grossrathssitzung vom 31. Januar im Regierungsrathe

(2. Februar). Nachdem sodann unter dem Drucke der von den Glaubenscomites organisirten Volksbewegung die Berufung schon am 18. März durch Grossrathsbeschluss wieder rückgängig gemacht und die Pensionirung Straussens beschlossen worden war, loderte das eine Zeit lang im Stillen fortglimmende Feuer der Volksleidenschaft im Spätsommer wieder neu auf und führte zu jenen beklagenswerthen Ereignissen, die im Septemberputsch und im Sturze der radicalen Regierung ihren Abschluss fanden. Dass diese Vorgänge den Mann, der durch sein eben erwähntes Votum mitgeholfen hatte, den Stein ins Rollen zu bringen, gewaltig aufregten, lässt sich wohl denken. Doch konnte er am 1. Juli einem Freunde getrost und muthig schreiben: "Da man mich im Kanton theils nicht kennt, theils nicht hasst, und ich mich nur so viel in den Parteikampf einliess, als meine ganze Stellung erlaubte, so bin ich verhältnissmässig sehr glimpflich weggekommen. Ein einziges Mal war es so weit, dass ich befahl, die Fensterläden einzuhängen; und ein einziges Mal wurde ich insultirt, als ich mitten durch den dicksten Haufen durchgieng. Meinen Intentionen liess und lässt man immer mehr Gerechtigkeit widerfahren; und allerdings, hätte mein Gewissen mir je Vorwürfe in dieser Geschichte gemacht, ich würde in einen grauenvollen Seelenzustand gerathen sein." (Brief an Aug. Hausrath, Hofdiaconus in Carlsruhe.) *) Dass Hitzig, von edeln und rein sachlichen Motiven geleitet, lediglich das Interesse der Wissenschaft und der Lehrfreiheit im Auge gehabt und mit rücksichtslosem Muthe das, was er für Recht hielt, vertheidigt hatte, wagte im Grunde Niemand zu bestreiten, und so schritt er, durch seinen hohen Geist und seinen makellosen Charakter Allen imponirend, ungefährdet zwischen den Wogen der Volksleidenschaft hindurch, um dann auf

dem Katheder und am Schreibtisch wieder seine gewohnte friedliche Arbeit zu thun, die von da an durch keine solchen Stürme mehr unterbrochen wurde, wenn es auch dann und wann noch einen Strauss mit der ans Ruder gekommenen neuen Partei auszufechten gab.

In der Festrede, die er als Rector der Hochschule bei deren erstem Jubiläum 1858 hielt, zitterte noch vernehmbar die innere Aufregung jener Jahre nach, aber von ruhigem, den grossen Zusammenhang überschauendem Urtheile gedämpft und in freudiger Genugthuung über die 1846 eingetretene Umgestaltung der öffentlichen Zustände sich harmonisch auflösend. Auch aus jenen düstern Jahren wusste der damalige Festredner den Trost zu schöpfen: "es gereicht dem Kanton Zürich zur Ehre, dass seine Politik Jahre lang durch Fragen des Unterrichtes in Athem gehalten worden ist"*).

Die erwähnte 25jährige Stiftungsfeier der Hochschule bezeichnet den Höhepunkt der Wirksamkeit Hitzigs in Zürich. Er selber dachte damals nicht, dass er nicht mehr lange unter uns weilen würde; und doch — wenn auch sein Gemüth durch die stärksten Bande an unser Land und an unsere Hochschule sich geknüpft fühlte, im Stillen hegte er stets die Hoffnung, auch noch einmal zu einer Wirksamkeit im eigenen Vaterlande berufen zu werden. Und wer wollte ihm das verdenken? Hatte eine solche Berufung für ihn ja zugleich die Bedeutung des Wiederauflebens eines neuen, von theologischer Reaction sich frei machenden Geistes. Gerade in seinem engeren Vaterlande, in Baden, kam mit dem Jahre 1860 diese freiere Geistesbewegung zuerst zu entschiedenem Durchbruch, und dass nach dem Tode Umbreits Hitzig, der ja in Heidelberg seine Laufbahn begonnen hatte, in Frage kommen musste, war für die Mehrheit der dortigen theologischen Facultät, sowie für den Minister Lamey selbstverständlich.

Der Abschied von Zürich fiel ihm schwer. Wie fest er hier eingewurzelt war, fühlte er erst jetzt recht lebhaft, und tief aus dem Herzen kam es, als er bei dem von Collegen, Schülern und Freunden ihm zu Ehren veranstalteten grossartigen Abschiedsfeste die Worte sprach: "dass ich nicht mehr zur Zürcher Hochschule gehören solle, ist mir kaum fassbar; es wird mir sein, als bleibe nicht bios mein Schatten, sondern meine Seele hinter mir zurück."

Im Frühjahr 1861 begann er seine neue Wirksamkeit in Heidelberg und war auch hier fast vom ersten Tage an der Liebling der Studenten und der ihm gleichgesinnten Collegen. In seine neue oder vielmehr alte Heimat sich hineinzuleben, gelang ihm daher bald, zumal da er einige alte, bewährte, an Geist ihm ebenbürtige Jugendfreunde, so namentlich E. Zeller, L. Häusser, G. Gervinus hier wieder fand. Nicht minder lebhaften persönlichen Verkehr wie mit diesen unterhielt er mit seinen nächsten Collegen in der theologischen Facultät, die ihn als ihr Haupt anerkannten und schätzten. Das Vertrauen seines Landesherrn, des aufgeklärten Grossherzogs Friedrich berief ihn drei Male zum Mitglied der badischen Generalsynode, an deren oft wochenlangen Berathungen er mit dem grössten Pflichteifer theilnahm, so dass die durch den Titel eines "Geheimen Kirchenrathes" ihm zugesprochene Anerkennung eine wohlverdiente war. Im Uebrigen hielt er sich vom öffentlichen Leben möglichst ferne; wenn es aber nöthig war, in Gemeinde- oder andern Versammlungen ein kräftiges Wort für die liberale Sache zu reden, fehlte er nicht und wusste mit seinem Votum den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Vierzehn Jahre gesegneter und nur selten durch äussere Widerwärtigkeiten gestörter Wirksamkeit waren ihm in Heidelberg noch beschieden, und er war einer der Glücklichen, die, wenn auch das Alter den Schnee auf das Haupt zu streuen beginnt,

jugendlich frisch und warm bleiben. Seine Geisteskraft war, nachdem er schon die Schwelle vorn sechsten zum siebenten Jahrzehnd überschritten hatte, noch eine ungebrochene, rastlos thätige. Kaum hatte er eine Arbeit bewältigt, so wurde schon der Plan zu einer neuen, noch grösseren entworfen. Da, mit einem Male, riss ihn ein jäher Tod mitten aus vollem Schaffen heraus. Der Abschluss seines Lebens war ein erschütternd tragischer und schöner zugleich. Eine Lungenentzündung packte ihn gegen Ende 1874 und liess das Schlimmste befürchten. Die Gefahr gieng glücklich vorüber; aber kaum genesen, stand er selber am Krankenbette seiner geliebten Gattin, die durch ihre aufopfernde Pflege den Todeskeim derselben Krankheit in sich aufgenommen hatte. Sie erlag, und als sie von ihm geschieden war, brach auch er zusammen. Eine Gehirnentzündung zehrte in wenig Tagen seine Lebenskraft auf. Er starb am 22. Januar 1875, 8 Tage nach ihr, die seines Lebens Stütze, Stolz und Freude gewesen war. So blieb ihm das Schicksal erspart, ein halbes Lehen fortführen zu müssen, ihm, der immer alles ganz gethan hatte.

Ich will nun versuchen, was dieser Mann für die Wissenschaft geleistet und wie er unter uns gelebt und gewirkt hat, mit einigen Zügen zu schildern.

Ich beginne mit seinen Leistungen als Schriftsteller. Unter diesen stehen obenan seine Commentare zu den prophetischen und poetischen Büchern des Alten Testamentes, von deren erstem, dem zu Jesaja, ich schon früher gesprochen habe. Seine Aufgabe war ihm hier klar vorgezeichnet: Erschliessung des ursprünglichen Sinnes der biblischen Schriften. Es galt, sich in ihre Sprech- und Denkweise hineinzuleben und ihr Verständniss unserm heutigen, ganz anders gearteten Denken zu vermitteln. Lediglich aus sich, aus ihrer eigenen Gedankenwelt heraus sollten die

biblischen Autoren ausgelegt, nichts Fremdartiges in sie hineingelegt werden. Das war im Grunde eine einfache Forderung; ihr aber consequent nachzuleben, war nicht so einfach. Man hatte sich halb bewusst, halb unbewusst daran gewöhnt, das Alte Testament durch die Brille des Neuen anzusehen oder durch die noch stärker gefärbte dieses oder jenes dogmatischen Systems. Von dieser spezifisch theologischen, dogmatisch beeinflussten Behandlungsweise des Alten Testamentes los zu kommen, war gegen Ende des letzten und in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts schon mancher kräftige Anlauf genommen worden, im Besondern hatten de Wette und Gesenius von diesem Standpunkte aus in der Auslegung einzelner Bücher Vortreffliches geleistet; mit voller Consequenz auf dem ganzen Gebiete der prophetischen und poetischen Bücher des Alten Testamentes durchgeführt hat jene Grundsätze vor allem Hitzig. "Ich kann nichts dafür, wenn später und anderwärts erwachsene dogmatische Sätze aus dem Alten Testamente auf ehrlich wissenschaftlichem Wege sich nicht wollen beweisen lassen. Auf anderem in Selbsttäuschung dies leisten zu wollen, bin ich nicht gemuthet." So schreibt er in der Vorrede (S. VII) zu Jeremia, und so hat er es stets gehalten. Die Auslegung sollte zunächst eine exact und gewissenhaft philologische sein, nach den gleichen Maximen verfahren, wie sie für jedes andere Literaturgebiet massgebend waren. Das war für ihn erstes Postulat, und daraus leitete sich von selbst ab die Forderung gründlicher grammatischer Schulung, genauer Kenntniss des biblischen Sprachgebrauchs und gewissenhafter Benutzung aller für die Auslegung wichtigen sprachlichen, sachlichen und kritischen Hülfsmittel. Der Vorwurf, dass seine Commentare zu wenig theologische Art hatten, kümmerte ihn mit Recht wenig; wusste er doch, dass er als gründlicher Philologe der Theologie bessere Dienste leistete als alle spezifisch christlichen Exegeten

zusammen. Und ein geborner Philologe von Gottes Gnaden war Hitzig in der That; sich zum vollendeten Hebraisten zu machen, hatte er vom Beginne seiner Studienzeit an Nichts versäumt. An gründlicher Kenntniss der hebräischen Grammatik, vor allem der hebräischen Syntax that es ihm Keiner zuvor, ebensowenig, was noch mehr sagen will, an vollkommener Beherrschung des hebräischen Sprachgebrauchs, der ihm gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen war. Sein Gedächtniss war so sicher und durch fortgesetzte Lectüre in dem Masse geschärft, dass er die hebräische Phraseologie vollständiger als sie in irgend einem Lexikon zu finden war, im Kopfe hatte, und sofort zu sagen wusste, ob irgend eine Conjectur mit dem wirklichen Sprachgebrauche zusammenstimme oder nicht. Dass er, der also Ausgerüstete und gleichsam bis an die Zähne Bewaffnete, zur Handhabung der Conjectur und zur Vertheidigung derselben Lust und Muth fühlte, ist begreiflich, um so mehr als der Zustand des alttestamentlichen Textes und die Unmöglichkeit, durch Vergleichen von Handschriften denselben zu verbessern, recht eigentlich dazu aufforderte. Gewissenhaft wurden dabei die namentlich in den alten Uebersetzungen vorliegenden Texteszeugen zu Rathe gezogen, aber oft genug liessen auch diese im Stich, weil schon den alten Uebersetzern ein verderbter Text vorgelegen hatte. Da galt es dann, der eigenen durch solides Wissen gezügelten Eingebung zu folgen, wie Hitzig es schon in seiner Erstlingsschrift versucht und an zahlreichen Beispielen als nothwendig nachgewiesen hatte. In solcher Conjecturalkritik erlangte er mit der Zeit eine unbestrittene Virtuosität. Fehlgriffe konnten nicht ausbleiben; aber das Verdienst, sehr viele Textesschäden wirklich geheilt, sehr viele dunkle und vordem unverständliche Stellen durch glückliche Conjectur aufgehellt und ihrer ursprünglichen Gestalt näher gebracht zu haben, wird ihm dadurch nicht geschmälert.

Mit der Sprache war ihm auch die Gedankenwelt der biblischen Autoren gleichsam zur geistigen Heimat geworden; mit gleicher Leichtigkeit wie seine eigenen Gedanken wusste er sie zu zergliedern und in logischen Zusammenhang zu bringen, so dass das Einzelne aus dem Allgemeinen verständlich und fassbar wurde. Die Sicherheit, mit der er diese Operationen vollzog, gab ihm oft auch wieder eine feste Handhabe für die Kritik. Wenn der Sinn, den der vorliegende Text ergab, sich als unlogisch, undenkbar, unvernünftig herausstellte, so war damit auch das Urtheil über den Text selber gesprochen.

Dass er daneben nie müde wurde, Alles, was zum sachlichen Verständniss der biblischen Schriften irgendwie dienen konnte, Nachrichten der Classiker, Inschriftenmaterial, Notizen der spätem, namentlich arabischen Geographen und Historiker, Schilderungen aus dem heutigen Orient u. s. w. mit emsigem Fleisse zu sammeln und zu sichten, sei nur im Vorbeigehen erwähnt.

Auf dem Grunde einer solchen exacten, sprachlich und sachlich das Verständniss des Bibeltextes erschliessenden Auslegung sollte sich sodann aufbauen die höhere geschichtliche Kritik, deren Ausbau Hitzig stets als letztes und höchstes Ziel seiner Arbeit vor Augen hatte, wenn er auch wohl wusste, dass er allein damit nicht fertig werden konnte. Was er im "Begriff der Kritik" mit kühnem Wurfe zunächst an einigen Psalmen versucht hatte, war der Anfang einer zusammenhängenden Reihe von Untersuchungen, deren Resultate nicht immer sicher, aber stets originell, überraschend, anregend waren. Der historische Sinn, den Hitzig von jedem Ausleger verlangte, sollte ihn nicht nur befähigen, jeden Autor aus seiner Zeit heraus zu begreifen und zu würdigen, sondern auch, wenn letztere unbekannt war, die Zeit, aus der heraus er begriffen werden kann, zu bestimmen.

Wenn Andere bei dem negativen Resultate, dass die Ueberlieferung falsch sei, sich beruhigten, und fiber das Bekennen des Nichtwissens sich nicht hinauswagten, schritt er muthig und furchtlos in die Dunkelheit hinein und suchte einen Weg, wo Jene keinen mehr fanden.

Am erfolgreichsten vollzog Hitzig diese positive Kritik an den Schriften der Propheten. Jedem einzelnen Abschnitte derselben suchte er seinen Platz iii der Geschichte so genau wie möglich anzuweisen, indem er auch den leisesten und verdecktesten Anspielungen auf äussere concrete Verhältnisse eifrigst nachspürte und sie als Prämissen benutzte zu einem endgültigen Schlusse auf Zeitalter und historische Veranlassung des Stückes. Da das Wirken der meisten und so namentlich der älteren Propheten mit dem öffentlichen Leben aufs engste verknüpft war, musste die Aufgabe, ihre Schriften demgemäss zu verstehen und chronologisch zu fixiren, von vorneherein als eine lohnende und dankbare erscheinen, ihre Bewältigung aber war ein grosses Stück Arbeit, das nur mit dem ganzen Aufwande des einem Hitzig zu Gebote stehenden Scharfsinnes und der ihm in seltener Weise eigenen, feinen Combinationsgabe geleistet werden konnte. Vieles bleibt hier immer noch zu ergänzen und zu berichtigen, Manches, was gewiss schien, hat nur den Werth des Möglichen oder Wahrscheinlichen; aber im Grossen und Ganzen ist die Lösung der meisten auf diesem Gebiete von ihm in Angriff genommenen Probleme gelungen, nicht ihm allein, aber ihm vor allen Andern.

Nicht in gleichem Masse lässt sich dies von den poetischen Büchern behaupten, abgesehen vom Buche Hiob, dessen Inhalt, Sprache und geschichtliche Anspielungen eine annähernd sichere Datierung gestatten, wogegen die Psalmen mit ihrem meist rein persönlichen, oder dann ganz allgemeinen religiösen Inhalte der historischen Kritik nur schwache und unsichere Handhaben bieten.

Wenn nun der unermüdliche Spürsinn Hitzigs dennoch auch hier in oft ganz unbestimmten, farblosen oder zufälligen Wendungen geschichtliche Beziehungen und Anspielungen witterte, wenn er glaubte, jedem Psalme seine bestimmte Zeit und wo möglich auch seinen Autor anweisen zu müssen und anweisen zu können, wenn er sodann den Versuch wagte, fast alle Psalmen der drei letzten Bücher nebst einigen andern in die von den Makkabäerbüchern berichteten Ereignisse und Zustände einzureihen, so gerieth er dabei mehrfach auf unsichere Seitenpfade, wo der Compass hie und da seinen Händen entschlüpfte. Die freudige Zuversicht, an Stelle des Unbekannten ein Bekanntes setzen zu können, leitete ihn auch bei diesen Untersuchungen und von ihren Resultaten fühlte er sich in hohem Masse befriedigt. Viele dieser Resultate haben auch der nachfolgenden, das für und wider ruhig abwägenden Kritik gegenüber Stand gehalten; andere dagegen, so namentlich die starke Uebertreibung der an sich richtigen Hypothese von der Existenz makkabäischer Psalmen, stiessen auf wohl begründete Opposition, und im Ganzen stellte sich heraus, dass die Grenzlinie zwischen subjectiv und objectiv Gewissem hier schärfer zu ziehen und letzteres auf ein engeres Gebiet einzuschränken sei. Unbestrittene Meisterschaft bekundete dagegen seine Auslegung der Psalmen nach ihrer sprachlichen und ästhetischen Seite, und wahre Fundgruben orientalischer Gelehrsamkeit, gründlicher Wort- und Sachkritik sind seine Commentare zu den Sprüchen und zu Hiob, die unstreitig zu seinen besten Leistungen gehören.

Wenn ich soeben nicht umhin konnte anzudeuten, dass das Streben nach festen Resultaten den kühnen Pfadfinder Hitzig dann und wann auch seitab führte, so wäre davon noch mehr zu sagen, wenn ich den etymologischen Streifzügen, die er theils gelegentlich, theils in grösseren zusammenhängenden Schriften in

das Gebiet der indogermanischen Sprachen unternahm, nachgehen wollte. Hier, wo sicheres und gesichtetes Material in Fülle vorlag, und streng methodische Forschung bestimmte Bahnen vorgezeichnet hatte, blieb der PhantasIe, der subjectiven Combination nur wenig Spielraum mehr übrig. Anderseits aber gab es auf dem Boden der ältesten Völkergeschichte der schwierigen Probleme so viele, dass die Verlockung nahe lag, von diesem Spielraum möglichst freien Gebrauch zu machen und über Hindernisse, die erst langsam zu beseitigen waren, in kühnem Sprunge hinwegzusetzen, um irgend ein fassbares Ziel zu gewinnen. Mit liebenswürdiger Offenheit drückt er sich über sein Verfahren also aus: "ich habe den Baum der Erkenntniss aus Leibeskräften geschüttelt und, wenn vergeblich, noch einen Bengel nach seinen Früchten hinaufgeschleudert. Es werden auch Blätter mit heruntergefallen sein, aber ich glaube zuversichtlich: nicht blos Blätter"*). Was von seinen Forschungen über die Zusammenhänge der ältesten Völkergeschichte, z. B. über Sprache und Volksthum der Assyrer und Babylonier, der Philistäer und der Ureinwohner Kanaans abgefallen ist, kann nun allerdings nicht den Anspruch erheben, durchweg reife und gezeitigte Frucht zu sein. Das kühne Zugreifen muss in solchen weitausschauenden Fragen der besonnenen und langsam fortschreitenden Forschung Platz machen. Immer aber werden auch solche, mehr aufs Gerathewohl unternommene Entdeckungsreisen mit dazu beitragen, den Weg in dunkle, unbekannte Gegenden von dieser oder jener Seite hier etwas zu beleuchten und so das Auffinden desselben Anderen zu erleichtern. Dass bei alledem Hitzig wie wenige Andere berufen war, die Resultate seiner langjährigen Forschungen zum Gesammtbilde einer "Geschichte des Volkes Israel" zu verarbeiten, wird Niemand

in Abrede zu stellen wagen, und ebenso wenig, dass dieses Gesammtbild von ihm mit scharfen, markigen, den todten Gegenstand lebendig gestaltenden und eine Menge neuer Streiflichter auf ihn werfenden Zügen gezeichnet wurde.

Die auf dem Boden der alttestamentlichen Kritik eingeschlagene Bahn auch weiter in das Gebiet des Neuen Testamentes hinein zu verfolgen, war ein Ziel, das Hitzig von Anfang an vorgeschwebt hatte und das er nie aus den Augen liess. In Zürich wie in Heidelberg pflegte er auch Vorlesungen über neutestamentliche Fächer, so über die Apokalypse, die Apostelgeschichte, über die johanneischen und einzelne paulinische Briefe zu halten; ebenso widmete er diesen Forschungen einen Theil seiner schriftstellerischen Thätigkeit. In grösserem Umfange dies, so wie er gewollt hatte, zu thun, wurde er durch den Tod verhindert. Die Selbständigkeit und Priorität des Marcusevangeliums hat er zu einer Zeit, wo noch Wenige für sie einstanden, siegreich vertheidigt. Das ist das bleibende Verdienst seiner Schrift über "Johannes Marcus", wogegen der vorzüglich auf sprachlichem Wege versuchte Nachweis, dass der Verfasser des zweiten Evangeliums auch die Apokalypse verfasst haben müsse, gegenüber der fortschreitenden Kritik neutestamentlicher Schriften nicht Stand halten konnte. In dem Schriftchen "zur Kritik paulinischer Briefe" machte er vor allem den Standpunkt geltend, dass man die paulinischen Briefe nicht blos auf Echtheit und Unechtheit, sondern allenthalben auch auf ihre Unversehrtheit ansehen, d. h. der Frage nachgehen sollte, ob nicht ein ursprünglich echter Text durch Glosseme oder Interpolationen entstellt sei. Am Philipper- und Kolosserbrief suchte er das an einigen Beispielen zu zeigen, und viele berufene Kritiker haben diesen Gedanken mit und nach ihm als einen fruchtbaren weiter verfolgt. Weniger Zustimmung fand die in demselben Schriftchen auf Grund

vereinzelter sprachlicher Parallelen aufgestellte Behauptung, dass der Verfasser des Philipperbriefs des Tacitus Agricola und der des Hebräerbriefs die Archäologie des Josephus gelesen und benutzt habe.

Auf die epigraphischen Arbeiten, sowie auf die in Zeitschriften veröffentlichten kleineren Abhandlungen Hitzigs näher einzutreten, gestattet mir die Zeit nicht mehr, obgleich Manches besondere Hervorhebung wohl verdienen würde, wie z. B. die scharfsinnige Abhandlung über das Königreich Massa in Zellers Jahrbüchern (1844). Wo immer Hitzig einen wissenschaftlichen Gegenstand anpackte, that er es mit eindringender Schärfe und Energie; sein Streben, ihm irgend eine neue Seite abzugewinnen, blieb selten erfolglos, und auch wo er fehlgieng, geschah es zum Gewinn für Andere, die auf der von ihm geöffneten Bahn vorsichtiger und bedächtiger weiter schreiten konnten.

Wie seine schriftstellerische, so war auch seine mündliche Lehrthätigkeit eine ungemein fruchtbare und anregende. Seine Lehrweise trug den scharf geprägten Stempel seiner ganzen Persönlichkeit. Aeusseren Redeschmuck verschmähte er; seine Sprache war nicht ein üppig wallendes, glänzend ausgestattetes Festkleid der Gedanken, sondern ihr eng anschliessendes, schlichtes, sparsam zugeschnittenes Alltagsgewand. Viele und glatte Worte zu machen, überliess er Andern; seine Art war, klar, knapp und bündig zu reden, mit wenig Worten möglichst viel zu sagen, im Reden ebenso präcis zu sein wie im Denken. Vor allem nämlich verlangte er von sich und von Andern saubere und exacte Gedankenarbeit, logische Klarheit und Schärfe. Es war eine Freude, ihm zuzuhören, wenn er irgend eine Gedankenreihe von Stufe zu Stufe bis zu einer bestimmten Schlussfolgerung entwickelte, oder wenn er eine Textesstelle mit dem geschliffenen Messer der Kritik zurechtschnitt, oder wenn er einer gegnerischen Meinung regelrecht

zu Leibe gieng, ihre schwachen Seiten ausspürte, bloslegte und schliesslich ihr den Garaus machte oder sie ins Haus schlachtete, wie er etwa zu sagen pflegte. Seine Collegien waren für Alle, die ihnen folgten, eine gesunde Schule der Logik. Nicht fertige Resultate wollte er geben, sondern den Weg zeigen, auf dem er sie gefunden hatte und auf dem wiederum andere gefunden werden konnten.

Neben dieser Gedankenschärfe imponirte den Schülern besonders die Sicherheit und Gründlichkeit seines Wissens, dessen Bereich immer weiter auszudehnen er unablässig thätig war. Neben den semitischen Sprachen und Literaturen überschaute er auch einen grossen Theil der classischen Literatur und wusste aus ihr eine Menge treffender Parallelen zu biblischen Stellen beizubringen. Daneben verstand er es meisterhaft, auch den trockensten Stoff, wie z. B. hebräische Grammatik, durch fesselnde Behandlung flüssig zu machen, das todte Gerippe der Regeln und Paragraphen durch Beispiele von nahe und ferne Liegendem und etwa auch durch köstliche Anekdoten und witzige Seitensprünge zu beleben. Seine originelle Vortragsweise verscheuchte jede Langeweile. Vor allem aber packte und zündete die hohe Begeisterung, die aus seinen Worten, ja schon aus dem Ton seiner Stimme entgegenklang. Der Geist der alttestamentlichen Propheten war in ihm wirklich lebendig geworden, seine ganze Persönlichkeit von ihm durchdrungen. Nicht nur mit dem Verstande, sondern mit ganzer Seele und ganzem Herzen legte er jene Schriften aus, so dass man sich, indem man ihm nur zuhörte, schon in ihre Geisteswelt versetzt glaubte. Leuchtendes Vorbild eines reich angelegten, unablässig forschenden, dem Dienste der Wissenschaft ungetheilt und selbstlos hingegebenen Gelehrten hat er auch seine Schüler anzufeuern und sittlich veredelnd auf sie einzuwirken verstanden. So hoch er aber als der Unvergleichliche über ihnen stand, so

nahe durften sie sich ihm doch wieder fühlen, wenn sie irgend ein Anliegen an ihn hatten, seines Rathes und Beistandes bedurften. Da fanden sie in ihm stets einen väterlichen Freund, der Welt und Menschen kannte, mit klugem Verstande das Leben mass und jede schwierige Frage mit salomonischem Spruche zu lösen wusste.

Und nun noch ein Wort über ihn, wie er als Mensch und Charakter, als College und Freund unter uns gelebt hat. Ich fühle, das Wenige, was mir diese Stunde noch zu reden gestattet, wird nur ein schwaches Bild in dürftigen Umrissen zu geben vermögen; doch kommt mir zu Statten, dass Viele der Anwesenden ihn noch persönlich gekannt und lebendige Erinnerung an ihn bewahrt haben.

Wer ihm je näher gekommen ist, wird den Mann mit der hohen, hageren Gestalt, mit den ausdrucksvollen Zügen, mit dem geistfunkelnden, dunkeln Auge, mit dem ernstgeschlossenen und dann wieder von feinem Lächeln umspielten Munde, mit dem starkgeformten, auf Kraft und Entschlossenheit deutenden Kinn, nicht vergessen können. Wer ihn nicht kannte, sah ihm, wenn er mit langen, gemessenen Schritten nachdenkend seinen Weg gieng, den Gelehrten von Weitem an, und wer ihn reden hörte, auf den machte er sofort bei aller etwas eckigen Steifheit seines äussern Gebahrens den Eindruck eines bedeutenden, geistreichen Mannes. Denn seine Rede war, auch wenn sie auf gewöhnliche Dinge sich bezog, nicht gewöhnlich; er wusste Alles auf besondere Weise zu sagen, mit eigenartigem, bündigem, treffendem Ausdruck, der an orientalische Spruchweisheit erinnern konnte. Sah man ihn aber erst im Kreise seiner Freunde, so merkte man gleich, dass er das belebende Element der Gesellschaft war, mochte er nun schlagfertig und spannend irgend eine wissenschaftliche oder auch politische Ansicht vertheidigen, oder freundlich neckend seinen Humor spielen lassen, oder im Erzählen von Scherzen und Anekdoten

sich ergehen. Der Schatz, den sein im Kleinsten treues Gedächtniss davon aufgespeichert hatte, war unerschöpflich, und köstlicher noch, was er selber hinzuthat. An treffendem Witz kam ihm Keiner gleich, und nie war sein Witz von persönlicher Eitelkeit angekränkelt, ein blosses Zurschautragen des überlegenen Geistes, sondern stets echt und gesund, ein fröhliches Sprudeln von frischem Quellwasser, ohne bitteren Beigeschmack, ausser wenn Schlechtigkeit Anderer ihn bitter machte.

In dieser normalen Gesundheit konnte sein Witz und Humor sich erhalten, weil sein ganzes geistiges Wesen ein urkräftig gesundes, klares und wahres war, sonnig hell und wonnig warm, ein glückliches Gemisch von geistiger Hoheit und gemüthvoller Tiefe. Jeder, der ihn kannte, wird mit mir sagen: an ihm war nichts Falsches und auch nichts Halbes. Wie in der Wissenschaft das Forschen nach Wahrheit sein Höchstes war, so hielt er's im Leben mit dem Sagen und Bekennen der Wahrheit. Lüge und Heuchelei, mochten sie noch so unschuldig sein und unter glatten, conventionellen Formen sich verstecken, waren ihm verhasst. Offen heraus sagte er seine Meinung Jedem, der sie hören wollte; und auch sie öffentlich zu sagen, hielt er für seine Pflicht, wenn Falschheit oder Unrecht das Urtheil Anderer auf Abwege zu bringen drohte. Mehr als einmal hat er mitten aus friedlicher Arbeit heraus zu geharnischter Zeitungsfehde die Feder gespitzt; wenn es nöthig war, mit kräftigem Worte für Wahrheit und Recht einzustehen, liess er durch keinerlei kleinliche oder ängstliche Bedenken sich zurückhalten. Die Lauterkeit und Biederkeit seines Charakters war der geistige Grund ebensowohl seines köstlichen Humors wie des tapferen Muthes, mit dem er im Kampfe des Lebens jederzeit seinen Mann stellte.

Wohl dem, der ihn seinen Freund nennen durfte! Fester und treuer hielt Keiner fest, was sein Gemüth einmal erfasst hatte;

und wie reich und tief war dieses Gemüth! Wer ihn nur aus einiger Ferne kannte, mochte ihn, den alles haarscharf Zergliedernden und mit dem Massstab exaktester Logik Prüfenden, leicht als blossen Verstandesmenschen taxiren, und wahr ist, dass er für die Musik keinen Sinn hatte, sowie dass er über Gefühle selten anders als im Tone des Scherzes und Humors Worte zu machen pflegte; wer aber je in seine engeren Kreise trat, dem erschloss sich ein Reichthum von Liebe und Herzensgüte, wie er nur bei den edelsten Menschen zu finden ist. Seine kindlich reine, heiter gestimmte, auch für die kleinen harmlosen Freuden des Lebens empfängliche Seele war der sonnige Mittelpunkt nicht nur eines ideal schönen Familienlebens, sondern auch eines auserwählten Freundeskreises, in dem allabendlich zu erscheinen bis in die spätem Jahre zur Lebensgewohnheit Hitzigs gehörte. Der gesellige Verkehr, die Besprechung der Tagesereignisse, die fröhliche Unterhaltung waren ihm Bedürfniss, und die strenge Regel, wonach er die Zeit einzutheilen pflegte, die Energie, mit der er die Arbeitsstunden auszunutzen verstand, machten es ihm möglich, mit gleicher Pünktlichkeit zwei Stunden des Abends der ausserhalb seiner Studierstube liegenden Welt zu widmen. Unter die Fröhlichen gieng er allezeit gerne und ward immer gerne aufgenommen; auch den durch Scheffel bekannt gewordenen "Engeren" in Heidelberg hat er mit seinem Freunde Häusser häufig besucht. Was er aber seinen Freunden auch über die Zeit des persönlichen Zusammenseins hinaus galt und was sie ihm galten, davon zeugt der lebhafte Briefwechsel, den er mit Männern wie Zeller, Strauss, Vischer, Sauppe, Köchly, Ritschl, Mommsen, Häusser, Gervinus, Löwig, Ludwig, Henle, Pfeuffer u. A. unterhielt. Ein blos in sich gekehrter Gelehrter, ohne offenen Sinn für die Aussenwelt, ohne Herz für das, was Andere dachten und fühlten, war in seinen Augen nur ein halber Mensch.

Als ein Ganzer durfte er sich fühlen,. ganz in der Wissenschaft und ganz im Leben. Nichts Menschliches war ihm fremd. So vermochte auch nichts die Wurzeln seiner Kraft von dem heimatlichen Boden, in dem sie von Jugend auf festgewachsen waren, je loszureissen, von seinem deutschen Vaterlande, dessen Geschicke ihm heilige Herzenssache waren und an dessen Zukunft er nie verzweifelte, dem Beispiele der alten Propheten folgend, die auch in trübster Zeit hoffnungsfreudig vorwärts schauten, den Glauben an eine geistige Erneuerung ihres Volkes, an ein Wiederauferstehn seiner alten Macht und Grösse nie aufgaben. Mit den politischen Tagesfragen sich eingehend zu beschäftigen und sich durch Discussion derselben ein klares, sicheres Urtheil zu bilden, hielt er geradezu für seine Pflicht und mit leidenschaftlicher Entschiedenheit wusste er, wenn ihm Widerspruch begegnete, seinen Parteistandpunkt zu vertreten und alle kleinlichen Bemängelungen des grossen Zieles, das er im Auge hatte, niederzukämpfen. Die Misere der deutschen Kleinstaaterei und der von ihr grossgezogene, engherzige Geist staatlicher und kirchlicher Reaction waren ihm ebenso verhasst wie der napoleonische Cäsarismus mit seinem glänzenden Schein und seiner inneren Verlogenheit. Mit welcher Genugthuung musste ihn die Entwicklung der deutschen Geschichte in den letzten Decennien erfüllen! Den Ereignissen von 1866 konnte er freilich nur mit getheilten Gefühlen zuschauen, da Baden durch die Verhältnisse in eine schiefe Stellung hineingezwängt worden war und Hitzig damals zu den Patrioten zählte, welche das künftige Heil Deutschlands nicht von Oestreich, sondern von Preussen erhofften. Wenn schon der rasche, seine Erwartungen glänzend rechtfertigende Ausgang jenes Kampfes von ihm mit Freude begrüsst wurde, wie schlug erst sein Herz bei den grossen Ereignissen der Jahre 1870 bis 1871! Mit der Gewissenhaftigkeit eines Strategen begleitete

er im Geiste die deutschen Armeen auf Schritt und Tritt, und mit jugendlichem Feuer demonstrirte er, als er nach der Schlacht von Sedan seinen gewohnten Besuch in der Schweiz machte, die Nothwendigkeit der Fortsetzung des Krieges und der Wiedergewinnung von Elsass und Lothringen. Nach der Beendigung des Krieges waren die neuen Reichslande das Ziel seines ersten Ferienausfluges. Wer ihn in jenen Jahren sah, dem wird der Eindruck der aus seinen Augen und Worten hell aufleuchtenden patriotischen Begeisterung unvergesslich geblieben sein.

Die Liebe zum deutschen Vaterlande liess aber auch der Liebe zu seiner zweiten Heimat, der Schweiz, noch Raum genug. Hitzig hat nicht nur in der Schweiz gelebt, er hat sich auch in sie eingelebt und die Eigenart ihres Volkes richtig verstanden und gewürdigt. Ueber das Stück Schweizer- und Zürchergeschichte, das er selber mit angesehen hatte, wusste er mit einer Detailkenntniss, die jeden Schweizer beschämen konnte, genauesten Bescheid, und auch nach seinem Weggang von Zürich unterhielt er, so viel es ihm möglich war, diesen geistigen und persönlichen Rapport. Mit mächtigen Banden zog es ihn immer wieder dahin zurück, wo er in männlicher Vollkraft so reiche Geistessaat ausgestreut hatte, an deren Gedeihen er nun, bei seinen fast jährlich wiederkehrenden Besuchen in der Schweiz sich freuen konnte. Zürich und seine Hochschule hat er nie vergessen; Zürich und seine Hochschule wird auch ihn nie vergessen, den kühnen Forscher und Pfadfinder, den geistvollen Lehrer und treuen Freund der lernenden Jugend, den biederen Mann ohne Furcht und Tadel.