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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Der ältere Mirabeau und die Oekonomische Gesellschaft in Bern.

Rektoratsrede

gehalten am

Stiftungsfeste der Universität Bern den

14. November 1885
Dr. August Oncken,

Professor der Nationalökonomie. Druck und Verlag von K. J. Wyss. 1886.

Bern.

Hochansehnliche Versammlung!

Wenn es üblich ist, dass der neue Rektor zum Gegenstande seiner Antrittsrede einen Stoff seiner Fachdisciplin wählt, der jedoch zugleich ein allgemeines Interesse bietet, so liegt dieser Brauch dem Vertreter einer Wissenschaft besonders nahe, welche man häufig, sei es vorwurfsvoll, sei es anerkennend, als die bevorzugte Wissenschaft ja selbst als die Philosophie der Gegenwart bezeichnen hört, der Nationalökonomie.

Es ist noch nicht lange her, dass wir von einem "Volks wirthschaftlichen Zeitalter" sprechen. Dasselbe ist unvermittelter hereingebrochen wie je eines zuvor, ja man kann sagen, dass es Viele der jetzt Lebenden überrascht hat, wie ein Dieb in der Nacht.

Nicht die Mode ist es gewesen, die, nachdem sie sich an andern Stoffen ersättigt hatte, der Abwechslung halber nun auch einmal auf diese Materie hinübergriff; die Noth, die bittere Noth im Einzelleben wie im Leben der Gesellschaft, hat das allgemeine Denken gewaltsam in diese Bahn hineingezwängt. Geradezu widerstrebend haben sich die öffentliche Meinung sowohl wie die Gesetzgebung anfangs zu den neu erwachten socialpolitischen und wirthschaftlichen Fragen verhalten, zu Fragen, auf welche die alten politischen Parteiungen und Schlagworte sich unbequemerweise nicht mehr anwendbar zeigten. Und als endlich nicht länger ausgewichen werden konnte, als die Umstände eine immer drohendere Gestaltung annahmen, da musste man sich zu dem Geständnisse herbeilassen, dass man für diese Dinge doch eigentlich recht wenig vorbereitet sei.

Nicht vorbereitet! Ein verhängnissvolles Wort für Staatsmänner, deren Beruf es doch gerade gewesen wäre, die kommenden Umstände vorherzusehen und ihnen gerüstet entgegenzutreten. Denn wenn die Ereignisse eintreffen, so verlangen sie den fertigen Mann, nicht einen, der es erst werden will.

Und doch sind die unsere Zeit bewegenden, wirthschaftlichen Fragen keineswegs erst jetzt aufgetaucht. Auch sie haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Und es hat Zeiten gegeben, wo man sehr ernstlich der Meinung war, man müsse sich auch in allgemein volkswirthschaftlicher Hinsicht auf zukünftige Verhältnisse vorbereiten. Ja diese Ueberzeugung war am lebendigsten verbreitet gerade in jenem Jahrhundert, in welchem auch die Keime für unser gegenwärtiges politisches Leben ausgestreut wurden, im achtzehnten Jahrhundert. Führt sich doch die Begründung der Nationalökonomie als Wissenschaft auf jenen Geschichtsabschnitt zurück!

Und auf eine, immerhin bemerkenswerthe Handreichung bei Geburt dieser Wissenschaft möchte ich mir erlauben hiedurch die Aufmerksamkeit zu lenken. Ist diese Handreichung doch von Bern ausgegangen, von Bern, wo sich damals ein nationalökonomischer Herd befand, von welchem manch ein Lichtstrahl ausgegangen ist, der geleuchtet hat durch ganz Europa!

Man hat es wohl das "papierne Jahrhundert" genannt, das achtzehnte Jahrhundert. Und in der That hat es wohl niemals eine schreibseligere Zeit gegeben als jenen Culturabschnitt, der einestheils durch den Tod Ludwigs XlV. (1715) und anderntheils durch den Ausbruch der französischen Revolution (1789) eingefasst wird. Ein Titel, dessen man sich damals aber selber gerne rühmte, war der des "philosophischen Jahrhunderts", wobei man freilich sagen kann: Philosoph nannte sich Jeder. der sich berufen glaubte, an die überlieferten Zustände und Ideen die Sonde seines kritischen Verstandes zu legen, und wer hätte das nicht geglaubt!

Das Prinzip des "Zweifels", welches der französische Philosoph Cartesius (1595-1650) an Stelle des im Mittelalter herrschenden Glaubensprinzips als Wurzel alles philosophischen Denkens aufgestellt hatte, wurde in viel ausgedehnterem Masse, als er selbst es zugegeben haben würde, gegen Alles und Jedwedes gerichtet, was bisher eine Autorität beansprucht hatte und noch beanspruchte. Es war der lebendig gewordene "Geist, der stets verneint", den wir, zumal in Frankreich, wo im achtzehnten Jahrhundert der Schwerpunkt der Culturbewegung lag, in allen Salons, selbst der unmittelbarsten Umgebung des Thrones, dann an den Lehrstätten der Wissenschaft, in der Literatur und auf dem öffentlichen Markte seine Opfer fordern sehen.

Dieser ganzen Strömung fehlte es nicht an einer Art selbständigen Glaubensbekenntnisses. Es war gegeben in dem Worte "Natur".

Die "natürliche Religion" wurde der Offenbarungsreligion, das "natürliche Recht" dem historischen Recht, die "natürliche Oekonomie" der als künstlich verschrieenen Wohlfahrtspolizei des Staates entgegengestellt.

Was freilich unter dieser Natur wahrhaft zu verstehen sei, darüber ist man sich im ganzen 18. Jahrhundert niemals klar geworden. Einig war man sich überall nur darin, dass das Naturprinzip der überlieferten Cultur entgegengesetzt sei; wobei man überdies noch von demjenigen alten Philosophen, der das neue Wahrzeichen zum erstenmal in der Staatswissenschaft angewendet hatte, von Aristoteles, in dem fundamentalen Punkte abwich, dass man nicht wie dieser, die Ungleichheit der Menschen und damit die Nothwendigkeit der Sklaverei aus der Natur ableitete, sondern umgekehrt die absolute Gleichheit alles dessen, was Menschenangesicht trägt, als Naturgebot verkündete.

So viel begründetes Aergerniss diese unter der Fahne der "Aufklärung" einhermarschirende Bewegung auch damals gab und noch heute gibt, da wir sie nur zu oft in grob materialistische

und sinnlich-frivole Denkweise ausarten sehen, so darf man doch nicht vergessen, dass ihr eine tiefere culturhistorische Bedeutung zu Grunde lag. Bildete sie doch nur den nothwendigen Ausgleich für eine vorhergegangene ebenso grosse Geistesverwirrung nach der anderen Seite.

Jener mittelalterliche Mönch, der in seinem asketischen Wahne sich geschämt hatte, einen Körper zu haben, war von dem wahren Geiste unserer erhabenen Religion jedenfalls auch weit entfernt, die ja die Auferstehung des Leibes mit in ihre Verheissung einschliesst, und uns demgemäss gebietet, dass wir den Körper als einen Tempel des heiligen Geistes verehren, also auch pflegen sollen, jedenfalls nicht in übertriebener Selbstzucht und Selbstgeisselung vernichten. Dies mag brahmanisch, es mag buddhistisch sein, christlich isi es nicht.

Nur von diesem höheren culturhistorischen Gesichtspunkte aus ist man in der Lage, die oft ehrliche Begeisterung zu verstehen, mit welcher im vorigen Jahrhundert das Evangelium der Natur, ja man kann fast sagen das Evangelium des Fleisches gepredigt wurde. Sogar ein so strenger Gegner dieser ganzen Zeitrichtung, wie es der Berner Albrecht von Haller war, gesteht in seiner Kampfschrift "Prüfung der Sekte, die an Allein zweifelt" (1751) doch selbstgetröstend zu: "Es bleibt auch bei den verdorbensten Ländern und in den Gemüthern der Freigeister selbst noch viel Gutes, das eigentlich dem Christenthum zu verdanken ist... Sie sind selber, von der Erziehung, aus dem Lesen guter Bücher, noch voll von moralischen Begriffen, deren sie sich, so wenig als der epikuräische Lukretius, entschütten können."

Für uns aber hat jene Geistesströmung die epochemachende Bedeutung, dass in ihr, und zwar in ihrer besseren, nicht atheistischen Richtung, der Boden gelegt wurde für jene Wissenschaft, welche uns heute das Thema gibt, und welche darum nicht unedler als andere ist, weil sie es mit den Voraussetzungen der körperlichen Existenz zu thun hat, also immerhin

mit Thatsachen, ohne welche auch von einem geistigen Leben nicht die Rede sein kann.

Der Friede von Aachen im Jahre 1748, durch welchen der österreichische Erbfolgekrieg einen für Frankreich sehr unvortheilhaften Abschluss erhielt, bezeichnet den Beginn einer neuen Epoche im öffentlichen Leben des französischen Volkes. Was bisher im engern und aristokratischen Kreise unter der Oberfläche gewühlt hatte, bricht nun, angetrieben durch die allgemeine Unzufriedenheit des durch die Pompadour'sche Maitressenwirthschaft wie über den schlechten Frieden gleichmässig erbitterten Volkes in die Oeffentlichkeit hinaus.

Montesquieu liess in diesem Jahre seinen berühmten Esprit des Loix erscheinen, ein Werk, das zum erstenmal in jenem Zeitalter und noch in sehr vorsichtiger Sprache, die bisher in der Literatur verboten gewesenen Stoffe der Politik, die Fragen nach der besten Staatseinrichtung u. s. w., vor dem grossen Publikum erörterte. Zwei Jahre darauf drängte sich die durch eine Preisfrage der Dijoner Akademie hervorgerufene erste Schrift J. J. Rousseau's über die gefährlichen Wirkungen der Künste und Wissenschaften auf den Markt, als Anfang einer Reihe weiterer zündenden Werke über Politik und Erziehungswesen des gleichen Autors. Und als um 1751 unter der wohlwollenden Förderung des neuen Aufsehers über das Bücherwesen, Malesherbes, der erste Band der grossen Encyklopädie von Diderot und d'Alembert herauskam, da war der allgemeine Sprechsaal über die öffentlichen Zustände aufgethan und es erhob sich ein Geisteskampf, welcher, in immer heftigere Tonart verfallend, zu jenem grossen Drama führen sollte, das in einer Hinsicht den Stolz, in anderer aber auch wieder das Entsetzen der jüngstabgelaufenen Geschichtsperiode gebildet hat.

Ihrem an die Lehre des englischen Staatskanzlers und Philosophen Bacon von Verulam angelehnten Programme gemäss, hatte sich die grosse Encyklopädie nicht auf die Gegenstände

des überlieferten Wissensvorrathes beschränkt, sondern die bisher vernachlässigten oder gar nicht behandelten Stoffe des täglichen Arbeitens und Bedürfens, der Technik und Oekonomik, mit in ihren Bereich gezogen. Schon aus Opposition gegen die alte Methode warfen sich die besten Köpfe auf die neuen Materien. Und auf solche Weise ist es gekommen, dass wir die Diderot-d'Alembert'sche Encyklopädie als die Wiege des ersten nationalökonomischen Systemes und damit der Nationalökonomie als Wissenschaft anzusehen haben. Allerdings nur als Wiege, denn als die Encyklopädie später immer offener den Atheismus predigte, da zogen sich neben vielen anderen Betheiligten auch, die Besseren der ökonomischen Mitarbeiter davon zurück und bildeten sich selbständige Organe, in welchen das Kind zum selbstbewussten Jünglinge erwuchs.

Der im fünften Bande der Encyklopädie erschienene Artikel Economie Politique ist noch von J. J. Rousseau; er hat auf die Entwicklung der Wissenschaft keinen Einfluss ausgeübt. Ebenso wenig wie die damals viel beachteten Aufsätze des Administrativbeamten Forbonnais, in welchen die Volkswirthschaft mehr im Sinne des höheren kaufmännischen Interesses abgehandelt wurde.

Ganz anders steht es mit den in den Jahren 1756 und 1757 erschienenen Artikeln Fermiers und Grains, welche den Leibarzt Ludwigs XV. und der Pompadour, François Quesnay zum Verfasser hatten.

Diese beiden ziemlich umfangreichen Abhandlungen, denen ein rein metaphysischer Artikel Evidence des gleichen Autors vorangegangen war, sind gleichsam die Eier geworden, aus denen das sog. Agricultursystem, oder wie es sich später selbst nannte, das "Physiokratische System" (nach einem dem Altgriechischen nachgebildeten Worte, welches "Naturherrschaft" bedeutet) entstiegen ist.

François Quesnay war eine merkwürdige Persönlichkeit. In einem Dorfe bei Paris (1694) geboren, hatte er erst in vorgerücktem Alter lesen und schreiben gelernt, und sich dann

autodidaktisch aus der Lage eines bescheidenen Landchirurgen (d. h. nach dem damaligen Begriffe eines höheren Barbiers) bis zur viel beneideten Stelle eines ordentlichen Arztes des Königs, zum Vertrauten der Pompadour und zum Präsidenten der französischen Academie für Chirurgie emporgeschwungen. Er war schon ein älterer Mann und nicht unberühmtes Medicinischer Schriftsteller, als ihn die Strömung der Zeit in das ökonomische Fahrwasser hineintrieb, auf welchem Gebiete er dann die gleichen allgemeinen Grundsätze zur Anwendung zu bringen suchte, welche er in seinen medicinischen Fachschriften vertreten hatte.

"Folge der Natur", "die Natur ist der Arzt der Krankheiten", diese Sätze des Hippokrates schienen ihm auch für die gesellschaftlichen Verhältnisse die angemessensten zu sein. Der ordre naturel des Wirthschaftslebens, so lautete seine Lehre, dürfe durch keinen Zwangseingriff Seitens der Regierung aus seiner gesunden Verfassung gebracht werden. Man müsse die Natur sich selbst überlassen, der Naturherrschaft vertrauen; denn Ex natura jus, ordo et leges; ex homine, arbitrium, regimen et coercitio, dies war das von Quesnay selbst gebildete Motto für sein System; 1) daher die praktische Maxime: laissez faire, laissez passer; eine Formel, die zwar in keiner der Schriften des Versailler Arztes vorkommt, aber darum doch den gedankenmässigen Auszug seiner Lehre bildet, und in diesem Sinne auch von seiner Schule zum Wahlspruche des Systems erhoben worden ist.

Metaphysisch vertieft, durch Anschluss an jene Richtung der cartesischen Philosophie, welche sich an den Namen Malbranche knüpft, brachte François Quesnay diesen seinen Standpunkt zunächst, und vorläufig losgelöst von jeder speziell ökonomischen Anwendung, in seinem ersten, für die Encyklopädie gelieferten, schon erwähnten Artikel Evidence (1756) zum Ausdrucke, einer tiefdurchdachten Abhandlung, welche merkwürdigerweise fast immer übersehen wird.

Die Uebertragung in's Oekonomische in den Artikeln Fermiers und Grains hat dann zur Bildung des sogenannten Agriculture- oder physiokratischen Systemes Anlass gegeben, eines Lehrgebäudes, das in fast bitterer Abneigung gegen die städtische Cultur gipfelt. Denn dass die Natur in ökonomischer Hinsicht auf dem Lande und nicht in den verkünstelten Städten zu suchen und zu finden sei, darüber bestand bei dem Doctor Quesnay wie überhaupt bei den meisten seiner Zeitgenossen kein Zweifel.

Wohl hatte es schon vor Quesnay nicht blos ökonomische Schriftsteller, sondern auch eigentliche Philosophen gegeben, welche die wirthschaftlichen Angelegenheiten einer mehr oder minder eingehenden Behandlung unterzogen hatten. So sind hier unter den Alten Aristoteles und Xenophon an erster Stelle zu nennen; unter den Neueren zumal Locke und David Hume, von Andern zu schweigen.

Aber ein methodisch durchgearbeites System hat Keiner geschaffen, ebensowenig, wie man den literarischen Ausflüssen des, sich hauptsächlich praktisch bethätigenden sog. Merkantilsystems oder Colbertismus, die Eigenschaft voller Wissenschaftlichkeit zugestehen kann.

Das Verdienst hier Bahn gebrochen zu haben, kommt Quesnay allein zu.

Und zwar erhielt sein System die Vollendung in dem von der Schule vielgefeierten, ja als eine Art gesellschaftlichen Steins der Weisen verehrten, sogenannten Tableau Economique, welches im Dezember 1758 das Licht der Welt erblickte. Und mit der ersten, noch vor der Veröffentlichung des Tableau Economique erfolgten, aber auf dieses begründeten literarischen Arbeit eines Gesinnungsgenossen Quesnay's, werden wir es, da der Name Bern damit verknüpft ist, heute zu thun haben.

Es war am Vormittage des 29. Juli 1757; da sassen im Entresol des königlichen Schlosses zu Versailles, dicht bei den

Gemächern der Marquise de Pompadour, zwei Männer im tiefsten wissenschaftlichen Gespräche beisammen.

Der eine, ein angehender Vierziger, ein Hüne von Gestalt, voll Feuer in Blick und Geberden, nannte sich Victor de Rigueti Marquis de Mirabeau. Er war der Spross eines nicht unbegüterten, französischen Adelsgeschlechtes und Vater des nachmaligen berühmten Revolutionsredners. In dem Anderen, einem 63jährigen Greise von ansehnlichem, fast zwerghaftem Wuchse, mit auffallend hässlichem, aber bedeutendem Gesichte, lernen wir den Inhaber der Wohnung kennen, den bereits genannten Leibarzt Ludwigs XV., François Quesnay. Kaum dass die Beiden den Verfluss der Zeit merkten, so sehr fesselte sie der Gegenstand der Unterredung. Ja, als der Wortkampf um Mittag abgebrochen worden war, liess es den Gast nicht ruhen. Er kehrte am Nachmittage wieder zurück, heftig platzten die Geister noch einmal aufeinander, und als man sich endlich in später Nachtstunde trennte, da war es wie eine Erleuchtung über den Jüngeren gekommen; er erklärte sich für besiegt; und von Stund an war der Marquis de Mirabeau der treueste Freund und Anhänger des Versailler Arztes, den er vor jenem Tage niemals gesehen hatte, und zu dem er fortan fast wie zu einem höheren Wesen emporschaute.

Die hier besprochene Unterredung ist nachmals im Kreise der Physiokraten vielfach gefeiert worden. 2) Bildete sie doch Anfang einer fast wie eine besondere Kirche sich abschliessenden ökonomischen Sekte.

Was war aber der Gegenstand jenes Streites gewesen, der mit einer so gewaltigen Niederlage des einen Theiles geendet hatte, dass dieser mit Rücksicht auf die verschiedene Leibeslänge der sich Gegenüberstehenden, nachmals selbst wohl scherzte, an jenem Tage sei dem Riesen Goliath von dem kleinen David der Schädel zertrümmert worden?

Im Jahre 1756, also nicht lange vorher, hatte der Marquis de Mirabeau ein Buch der Oeffentlichkeit übergeben,

welches sofort ein ähnlich grosses Aufsehen erregte, wie der, acht Jahre früher erschienene Esprit des Loix.

Das jetzt fast ganz vergessene Werk war betitelt: L'Ami des Hommes, ou Traité de Population 3) und folgte insoferne den Spuren Montesquieu's, als es von den Zuständen des Staates handelte, ging aber weit über Jenen hinaus in der Heftigkeit, mit welcher es die bisherige Politik des Staates bekämpfte und in dem Feuer, mit dem es seine Gegenvorschläge Vertrat.

Alles Unheil in Frankreich entstamme in politischer Hinsicht dem noch immer festgehaltenen absolutistischen Systeme Ludwigs XlV., in volkswirthschaftlicher aber, dem damit verbündeten, auf städtische Industrie und verderblichen höfischen Luxus abzielenden Merkantilsysteme Colbert's.

"Freiheit und Landbau"; in diese paar Worte könnte man die Grundprinzipien der Gegenlehre Mirabeau's zusammenfassen. Nach dieser Parole habe ein früherer und weit grösserer König mit einem eben so viel grösseren Minister gehandelt und dadurch Frankreich zu nie, vorher wie nachher, erlebtem Glanze gebracht, nämlich Heinrich lV. mit Sully.

Nur energische Umkehr nach dieser Richtung sei im Stande, Frankreich wieder zur Blüthe zu bringen und es zur Wiederaufnahme jenes, durch die Memoiren Sully's überlieferten "Grossen Planes" Heinrichs lV. zu ermuthigen, dessen Ausführung durch den Mordstahl Ravaillac's in dem Augenblicke leider vereitelt worden sei, als der grosse Könige — wie es der Uebersetzer des Ami des Hommes verdeutscht — "gerade aufsitzen wollte, um bei einer allgemeinen Empörung von Europa das Haupt abzugeben." 4) Denn dem Könige von Frankreich zieme es, die Rolle eines "königlichen Hirten" oder Patriarchen über alle Länder Europa's zu spielen, da diese Staaten naturgemäss in Bezug auf Frankreich nur wie die entfernteren Provinzen eines und desselben Reiches anzusehen seien.

Zur Durchführung dieses, seiner Meinung nach für alle Welt gleich segensreichen Planes bedürfe es aber eines, durch seine Bevölkerungsgrösse mächtigen Frankreichs. Auf Vermehrung seiner, durch eine falsche Politik leider jetzt in Abnahme begriffenen Menschenzahl, müsse der Staat nun sein Hauptaugenmerk richten; und zwar nicht auf Vermehrung jener in den Städten künstlich aufgehäuften und durch Luxus und Laster entnervten Einwohnerschaft; diese sei dem Staate eher schädlich; sondern durch Pflege der unverdorbenen Landbevölkerung, welche durch ihren Fleiss und ihren sittlichen Charakter das unveränderliche Fundament der politischen Macht jedes grösseren Landes bilde.

Die Aufgabe der Regierungspolitik fasse sich somit zusammen in die Forderung: Vermehrung der Bevölkerung, zumal der Landbevölkerung; habe man erst die Menschen, so würden Reichthum und Macht sich von selber einstellen.

Diese Schlussfolgerung des wie man sieht ziemlich chauvinistischen Werkes war es, die den Doctor Quesnay, dem die meisten übrigen Sätze aus der Seele geschrieben waren, beim Lesen stutzig machte.

In seinen eigenen ökonomischen Untersuchungen glaubte er die wichtige Entdeckung gemacht zu haben, dass nicht die Bevölkerung Ursache des Reichthums, sondern der Reichthum Ursache der Bevölkerung sei, also dieser letzteren voranzugehen habe. Der Reichthum, oder wie wir sagen würden, das Vermögen — die Franzosen haben für beide Begriffe nur das eine Wort richesse — entstehe einzig und allein aus den Ueberschüssen des Landbaues eines Volkes, nicht aus der städtischen Produktion. Denn nur der Landbau bringe, seiner Natur nach, neue Stoffe hervor, die vordem nicht dagewesen seien. Die Industrie verarbeite bloss, wandle das durch die Urproduktion Geschaffene bloss um, füge also zum wahren Reichthum oder Vermögen einer Nation nichts Reelles hinzu.

Nach dieser, in der Hauptsache auf eine Verwechslung der Begriffe "Stoff" und "Werth" hinauslaufenden Annahme

ist somit der vorausgesetzte Ueberschuss der ländlichen Produktion , der sogenannte Reinertrag (produit net), als der Angelpunkt der gesammten Volkswirthschaft sowie der Volksvermehrung anzusehen.

Ist der produit net, der in der Hauptsache von der Willfährigkeit der Natur abhängt, gross, so können um so mehr Menschen beschäftigt und ernährt werden; ist er klein, so schwinden die Existenzgelegenheiten zusammen.

Also hängt vom produit net die Bevölkerung ab, nicht umgekehrt.

Es ist hier nicht der Ort, die Frage zu prüfen, ob nicht auch der Industrie und dem Handel die Eigenschaft zugestanden werden müsse, dass sie selbständigen Reinertrag gäben und darum auf die Charakterisierung "produktiv" Anspruch hätten, wie das z. B. nachher von dem schottischen Nationalökonomen Adam Smith behauptet worden ist.

Genug, der Versailler Leibarzt glaubte in dem Begriffe des produit net den Schlüssel für alle Geheimnisse des Volkswirthschafts-- und Culturlebens gefunden zu haben, und in dem begreiflichen Drange, seine Entdeckung fruchtbar zu machen, fühlte er das Bedürfniss, sich mit dem Verfasser des Ami des Hommes, dessen übrige Aufstellungen sich mit den seinigen berührten, auseinanderzusetzen.

Er hatte an den Rand seines Exemplares die, den Arzt charakterisierende, Bemerkung geschrieben: "Das Kind hat schlechte Milch eingesogen. Die Kraft des Temperaments reisst es zwar zu den richtigen Resultaten fort, allein es versteht nichts von den Prinzipien." Somit schrieb er einige Zeilen an den ihm persönlich unbekannten Autor, mit der Einladung, derselbe möge ihn bei einer gelegentlichen Anwesenheit in Versailles besuchen, da er selbst bei Tag und Nacht an seinen Posten gebunden sei. 5)

Wir kennen jene darauf erfolgte Unterredung bereits, welche Mirabeau zu der Ueberzeugung brachte, dass er, wie es

Quesnay ausgedrückt hatte "den Pflug vor die Ochsen gespannt habe." Ein Ausdruck, den er aufrichtig genug war, in seinen spätern Schriften öffentlich wiederzugeben.

Zur Zeit seiner Bekehrung war indessen das Hauptwerk Quesnay's, das Tableau Economique, noch nicht vollendet. Erst 1 1/2 Jahre später, im Dezember 1758, sollte es, wahrscheinlich zunächst bloss in einem einzigen, für den Gebrauch des Königs gedruckten Exemplare, seine Erstehung feiern. Dieses erste Exemplar ist nachher verloren gegangen, so dass wir über seinen genauen Inhalt nichts Näheres und überhaupt darüber nur dasjenige wissen, was in zwei, vermuthlich auf Grund des Manuscripts veranstalteten Bearbeitungen oder Auszügen, einestheils von Mirabeau, anderntheils von Quesnay selbst, später veröffentlicht worden ist. 6).

Mirabeau, voll Enthusiasmus wie immer, war sich darüber klar, dass von dem Tableau Economique an eine neue Zeitrechnung zu beginnen habe, dass dasselbe die grosse Himmelsgabe sei, deren unser Zeitalter von der Vorsehung gewürdigt worden, und überhaupt die grösste Entdeckung seit der Erschaffung der Welt, neben der Erfindung der Schrift und derjenigen des Geldes.

Natürlich musste es hinfort als die wichtigste Angelegenheit des Menschengeschlechts erscheinen, die neue Heilsbotschaft auf Erden zu verbreiten; und als der Paulus dieser Mission erkannte sich der Bekehrte vom 29. Juli 1757, der Marquis Victor de Mirabeau.

In demselben Monate Dezember des Jahres 1758, in welchem zu Versailles das Tableau Economique erstand, erschien im Wochenblatte der Stadt Bern ein Aufruf, gerichtet an alle Patrioten, des Inhalts, man möge Geldbeiträge zusammensteuern zu einer Preismünze für die beste Schrift über ein gemeinnütziges Thema. Unterzeichnet war der Aufruf von dem Sekretär des Oberehegerichtes, Joh. Rud. Tschiffeli, einem allgemein angesehenen Manne, der in der Folge als eifriger

Beförderer des Klee- und Handelsgewächsbaues und als Begründer einer Art von landwirthschaftlichen Versuchsstation auf seinem Gute zu Kirchberg sich um die schweizerische Landwirthschaft verdient gemacht hat.

Die Anregung fand überraschendes Entgegenkommen. Im Umsehen hatten sich gegen siebenzig Personen mit zum Theil erheblichen Beiträgen eingezeichnet, und um der Sache Dauer zu geben, beschloss man, sich zu einer Gesellschaft zu vereinigen, die denn auch am 28. Januar 1759 ihre erste Sitzung abhielt und sich den Namen "Oekonomische Gesellschaft in Bern" zulegte.

Der Verein war nicht der erste seiner Art. Auch schon in andern Ländern hatten sich derartige Gesellschaften gebildet. Der Anstoss war von der um 1736 gestifteten irländischen Ackerbaugesellschaft zu Dublin ausgegangen und bald waren ähnliche Institute zu Edinburgh für Schottland und zu London für England gefolgt. Auf dem Festlande hatte sich 1756 zu Rennes für die Bretagne eine derartige Gesellschaft gebildet. Sie war auf Antreiben des gewöhnlich, aber in. E. ungenauerweise, zu den Mitstiftern des physiokratischen Systems gerechneten Pariser Handelsintendanten Jean Vincent, Seigneur de Gournay, hervorgerufen worden. Diese letztere im besondern nahm man sich in Bern zum Vorbild, zumal in dem Punkte, dass sich die Thätigkeit der Gesellschaft nicht auf die Interessen des Landbaues beschränken, sondern auch auf Handel und Gewerbe ausdehnen solle.

Der Titel "Oekonomische Gesellschaft" war also im Sinne einer "Nationalökonomischen Gesellschaft" zu verstehen, was damals übrigens eine besondere Hinneigung zum Landbau keineswegs ausschloss. Und so lautete denn auch die erste Preisaufgabe, welche der neue Verein stellte, es solle erörtert werden:

"Die vorzügliche Nothwendigkeit des Getreidebaues; was sich dabei für allgemeine und sonderbare Hindernisse

hervorthun? Und welches hingegen auch die sonderbaren Vortheile seien, deren die Schweiz zu dessen erwünschter Beförderung geniesset."

Die "Wertschriften", mit welchem nicht übel gewählten Ausdrucke man die Bewerbungsarbeiten bezeichnete, sollten vor Ablauf des Jahres 1759 eingeliefert, durch eine Kommission geprüft und das Preisurtheil in der ersten Hauptversammlung des folgenden Jahres verkündet werden.

Mittlerweile suchte man sich zu constituiren. Zum ersten Jahrespräsidenten wurde der, s. Z. auch als Naturforscher bekannte, nachmalige Landvogt zu Orbe und Echallens, Herr Samuel Engel erwählt.

Die Stelle eines dauernden Statthalters oder Vice-Präsidenten fiel dem Stifter der Gesellschaft, Herrn Tschiffeli zu.

Als Sekretär in deutscher Sprache trat Herr Niklaus Em. Tscharner, nachmals Landvogt von Schenkenberg ein, eine ausgezeichnete Kraft, welche später von Pestalozzi in seinem "Lienhard und Gertrud" zum Urbild des "Arner" genommen wurde; als Sekretär in französischer Sprache, der Pfarrer an der französischen Kirche, Herr Elias Bertrand, eine ebenfalls umfassend gebildete und schriftstellerisch geschulte Persönlichkeit, Mitglied der Akademien der Wissenschaften zu Berlin und Stockholm. 7)

Die Gesellschaft versammelte sich während des Winterhalbjahres allmonatlich zu einer ordentlichen Hauptversammlung. Ein Ausschuss (engere oder arbeitende Gesellschaft genannt) trat allwöchentlich zusammen, um die laufenden Vereinsgeschäfte zu besorgen. Ganz im Anfange hatte man sogar noch eine dritte, mittlere Gesellschaft gehabt, die aber als unzweckmässig bald dahinfiel. Während des Sommers versammelte sich blos der Ausschuss. Die Mitgliedschaft war keineswegs für jedermann frei. Der Aufzunehmende hatte, soferne er nicht Standesglied war, "bei seiner ersten Erscheinung eine Probe seiner diesörtigen Wissenschaft vorzulegen,

damit man ihn als ein nützliches Glied erkennen könne." Den Jahresbeitrag hatte man auf 18 alte Franken festgesetzt. Alle diese Umstände verliehen der Gesellschaft in ihrer damaligen Verfassung ein rein patrizisches Gepräge.

Das erste Preisausschreiben erfreute sich eines überraschenden Erfolges. Nicht blos aus der Schweiz, auch aus dem Auslande langten die Wertschriften in grosser Zahl ein.

Und als die feierliche Hauptversammlung vom 2. Februar 1760 herangenaht war, lautete das gefällte Urtheil folgendermassen

Der erste Preis wird einer Schrift zugetheilt, die zum Wahlspruche führt:

Fortunatus et ille qui Deos novit agrestes,

und zum Verfasser hat den Herrn Albrecht Stapfer, Diakonus zu Diessbach bei Thun.

Die zweite Schrift, die des Preises würdig geschätzt wird, hat zum Verfasser den Herrn Bertrand, Pfarrherrn zu Orbe, und zum Wahlspruche:

Consilio et labore.

Zwei andere Arbeiten werden von der Gesellschaft gutgeheissen.

Die eine von Herrn Seigneux von Correvon, mit dem Wahlspruche

O sua si bona norint.

Die andere von Herrn Marquis von Mirabeau mit dem Wahlspruche:

Et quis est qui vobis noceat si boni aemuatores fueritis?

Die Versammlung beschloss, die sämmtlichen vier genannten Abhandlungen in der Zeitschrift der Gesellschaft, welche zuerst eine Vierteljahrsschrift, später eine Halbjahrsschrift war, sowohl deutsch wie französisch in Druck zu legen; zugleich ernannte sie die betreffenden Autoren zu Ehrenmitgliedern.

Damit war die Reihe der Preiskrönungen eröffnet, welche sich in der Folge nicht blos auf literarische Themata, sondern auch auf praktische Leistungen im Gebiete des technischen Produktionslebens bezogen. Kurz, die Oekonomische Gesellschaft entfaltete bald ein Wirken, von welchem kaum zu viel behauptet ist, wenn man sagt, dass es damals in der ganzen gebildeten Welt verfolgt wurde.

Wenn man jetzt freilich einen überschauenden Blick auf die sämmtlichen, im Gesellschaftsarchive aufbewahrten Wettschriften wirft, so wird man zugestehen müssen, dass nur ganz wenige ihren Werth bis in die Gegenwart erhalten haben. Neben einer im Jahre 1765 gekrönten Abhandlung des Pfarrers J. L. Muret zu Vevey über die Bevölkerungsverhältnisse der Waadt, einer Arbeit, welche ihren anerkannten Platz in der Wissenschaft besitzt, 8) kann in diesem Sinne nur noch jene, im ersten Wettkampfe erst an vierter Stelle genannte Schrift des Marquis de Mirabeau aufgeführt werden.

Man muss es anerkennen, Mirabeau hat die vergleichsweise niedere Rangstellung seiner Arbeit nicht übel genommen. Noch im gleichen Jahre veröffentlichte auch er seine Wettschrift als Zugabe zu einer neuen Auflage des Ami des Hommes, 9) wodurch sie in der ganzen wissenschaftlichen Welt Verbreitung fand. Dabei hatte er die Aufmerksamkeit, das Preisausschreiben der Oekonomischen Gesellschaft mit zum Abdruck zu bringen. Das Preisurtheil hat er freilich nicht beigefügt.

In Wahrheit war es ebenso schwer für einen Ausländer bei einer auf die Schweiz bezüglichen Preisaufgabe in Wettwerb zu treten, als für die Gesellschaft, einen solchen Autor an erster Stelle zu krönen.

Mirabeau hatte dies auch selbst wohl gefühlt. "Es ist mir um diese Preise — so sagt er in der Abhandlung — nicht zu thun. Aber von der Begierde durchdrungen, den Landbau in ganz Europa in Aufnahme zu sehen, habe ich es für meine Pflicht erachtet, jenen würdigen Patrioten, bei Gelegenheit

ihres Preisausschreibens, auch einen Entwurf meiner geringen Gedanken vorzulegen."

Wir dürfen dies Bekenntniss insoferne ernst nehmen, als ihm, dem damals in ganz Europa bekannten Schriftsteller, an dem Preise als solchem kaum etwas gelegen sein konnte.

Anders stellt sich die Sache freilich wenn man bedenkt, dass durch die Krönung an vorderster Stelle zugleich ausgedrückt gewesen wäre, dass die Oekonomische Gesellschaft für die Fahne des Tableau Economique gewonnen worden sei. Und auf dieses Ziel hatte es Mirabeau zweifellos abgesehen. Haben wir doch seine Abhandlung als die erste, einem weiteren Publikum vorgelegte Darlegung der im Tableau Economique zur Reife gediehenen Ideen zu betrachten, gleichsam als den ältesten Missionsbrief der physiokratischen Sekte, ausgesandt bevor sogar der Canon selber veröffentlicht war. Und dieser letztere Umstand ist es denn auch, welcher unserer Wettschrift stets einen besondern Platz in der Geschichte der Nationalökonomie bewahren wird.

Die Schweiz stand damals auf einem der Höhepunkte ihres Ansehens. Schon immer hatte man sie zwar als die Heimat eines einfachen und kräftigen Volkes gekannt und geachtet. Zur förmlichen Bewunderung steigerte sich dieses Gefühl jedoch als in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts das bald in alle europäischen Sprachen übersetzte Lehrgedicht Albrecht Haller's "die Alpen" herauskam. Eine allgemeine, bis in unser Jahrhundert fortdauernde Schwärmerei für das Alpenland kam auf, dessen Zustände sowohl in landwirthschaftlichen wie in politischer Beziehung vom Schimmer paradiesischer Idealität umflossen erschienen. Wo nicht England als Neuster galt, da waren es gewiss die Verfassungsverhältnisse der Schweiz, welche als Urbild einer auf die Gesetze der Natur begründeten Gesellschaftsordnung verehrt wurden. Ein solches Bollwerk zu sich herüberzuziehen, das war eine Aufgabe des Schweisses eines Edeln werth. Und dass sich Mirabeau mit dieser Hoffnung

auch thatsächlich trug, geht aus mehreren Stellen seiner Schrift hervor.

"Der glückselige Tag ist angebrochen — so ruft er einmal aus — welcher der Menschheit die Augen über ihre wahren Vortheile öffnen soll, weil in der Hauptstadt des mächtigsten Kantons der Schweiz eine ökonomische Gesellschaft entsteht. ...Bald werden sich die überall verstreuten Erkenntnisse bei euch, würdige Bürger, zusammenfinden und unter eurer Begünstigung einen gesicherten und an der Stelle haftenden Wissensschatz bilden. Ich kann das, was ich darüber vermuthe, was ich in diesem Augenblicke darüber hoffe, nicht Alles an den Tag legen. Aber verachtet nicht die Entdeckungen Jener, welche euch in dieser würdigen Laufbahn vorausgegangen sind" u. s. w.

Es ist nicht schwer zu errathen, wer unter diesen Vorgängern gemeint ist. Natürlich ist die Abhandlung Mirabeau's gespickt mit Lobsprüchen auf die Schweiz. In dieser Hinsicht steht sie jedoch nicht allein da. Auch die einheimischen Wertschriften athmen volles Entzücken über die heimatlichen Verhältnisse. Führt doch die an erster Stelle gekrönte Wettschrift des Diakonus Stapfer als hauptsächlichsten Vorzug, dessen sich die Landwirthschaft zumal im Kanton Bern erfreue, die "gnädige und gelinde Regierungsform" des letzteren an. "Bei der Vorstellung dieses Vortheils wallet mein Herz in sanften Rührungen auf, und ich preise oft die gütige Vorsehung, dass sie mich unter dieser Regierung und in diesem Lande geboren werden liess" u. s. w.

In der That waren auch damals eine Menge Umstände vorhanden, welche den auf jene Zeit angewendeten Titel von "Bern's goldenem Zeitalter" zu begründen schienen. Hatte doch die Stadt seit Anfang des Jahrhunderts in architektonischer wie gesellschaftlicher Beziehung einen Aufschwung genommen, der sie zu einem glänzenden Mittelpunkte des damaligen Europa machte. Es war jene Zeit, in welcher die Staatsverwaltung von Jahr zu Jahr grössere Ueberschüsse

ergab, wodurch die Republik Bern — in dieser Hinsicht einzig in ihrer Art — zum Grossbankiers einer Menge anderer Staaten wurde, denen sie gegen vortheilhaften Zins Geld auslieh. Und das alles ohne sichtbare Bedrückung des Volkes, so dass Albrecht von Haller, in allerdings von Heimweh angekränkelten Stimmung, kurz vor seiner Rückkehr von Göttingen (1753), ausrufen konnte: "Keine Auflagen, kein unumschränkter Minister, kein stehendes Heer und kein Schein eines zu befürchtenden Krieges. Findet man solches an irgend einem Orte der Erde? So ist das goldene Zeitalter gewesen. Ehrgeiz und Reichthum haben den übrigen Theil der Erde dessen beraubt."

Diesem glänzenden Bilde fehlte allerdings auch die Kehrseite nicht.

Noch kein volles Jahrzehnt war bei Gründung der Oekenomischen Gesellschaft dahingegangen, seit die berühmte (von Lessing in einem dramatischen Bruchstücke behandelte) Henzi-Verschwörung alle Patrioten erschreckt in einen vermutheten Abgrund hatte schauen lassen. Und wer weiss, ob es nicht das lebhaft erwachte Gefühl war, man dürfe die Dinge doch nicht so gehen lassen, man müsse etwas für den allgemeinen Fortschritt thun, was dem Aufrufe Tschiffeli's die grosse Betheiligung eingetragen hatte.

Freilich hatte auch dieser Anlauf seine Zeit, nach welcher er, wie sich zeigen wird, wieder erlahmte. Und am Abende seines Lebens war der nach seiner Rückkehr von Göttingen in Vielem enttäuschte grosse Haller 10 ) doch wieder auf die Klage zurückgekommen, die er in seinem, ihm von seinen Landsleuten ehemals so viel bejubelten Jugendgedichte "Verdorbene Sitten" geäussert hatte, dass die in Bern eingerissene Sittenverwilderung und Stillstandspolitik der sichere Vorbote unausbleiblichen Falles sei. Dies Schicksal blieb denn auch der zur Oligarchie ausgearteten Republik nicht erspart, im Jahre 1798 fiel die ganze Herrlichkeit mit einem Schlage in Trümmer zusammen. —

Es hat für uns keinen Zweck, auf den Inhalt sämmtlicher vier gekrönten oder gutgeheissenen Wertschriften einzugehen. Hat doch, wie gesagt, ausser der Mirabeau'schen, keine derselben wissenschaftlichen Werth.

Zumal die ihr unmittelbar vorangestellte Abhandlung des Herrn Seigneux von Correvon ist eine zwar gewandt geschriebene und mit Citaten aus allen Zeitaltern reichlich geschmückte Ausführung; allein einen eigenartigen Gedankenkern besitzt sie nicht, und ermangelt überdies der nähern Beziehung auf die praktischen Zustände der Schweiz.

Dieser letzteren Anforderung suchen um so mehr die beiden wirklich gekrönten Abhandlungen zu genügen, worunter die an erster Stelle ausgezeichnete Schrift des Diakonus Stapfer eine vergleichsweise tüchtige Leistung ist.

Gelegentlich des Abdrucks derselben in den "Abhandlungen und Beobachtungen durch die Oekonomische Gesellschaft in Bern gesammelt" (1760), wie der ausführliche Titel des Gesellschaftsorgans lautete, erfahren wir in einer Anmerkung auch etwas über die Gesichtspunkte, welche der Commission bei ihrer Beurtheilung vorgeschwebt hatten. Mit einem nicht zu verkennenden Seitenblicke auf Mirabeau heisst es nämlich dort:

"Diese Schrift, die den ersten Preis erhalten, ist von Herrn Albrecht Stapfer, Diacon der Kirche zu Ober-Diessbach im Berner Gebiet, verfasst worden. Ihre gar nicht erhabene Schreibart ist ein bündiges Zeugniss seiner tiefen Einsicht und patriotischen Gesinnung, da er lieber dem gemeinen Mann nützlich und begreiflich sein, als sich selbst, mit Vorbeigehung dieser edlen Absicht, durch eine höhere und künstlichere Schreibart, bei der gelehrten Welt eine Ehre machen wollen."

Wirklich ist die Schreibweise Stapfer's ebenso schlicht und nüchtern wie jene Mirabeau's hochtrabend und schwülstig. Mirabeau hat seines pathetischen und von gesuchten Wortformen wimmelnden Stiles wegen sich Zeit seines Lebens vielen Spott und selbst den Tadel seines Meisters Quesnay

gefallen lassen müssen. Er selbst scherzt einmal darüber in den Briefen an seinen italienischen Freund Longo, welchem er erzählt: "Eine Dame sagte mir einmal, Ihr Genie ist für uns, was Gott für Moses auf dem Berge Sinai war; es redet zu uns nur durch einen brennenden Busch. Dieselbe Dame sagte, als sie etwas von meinen ökonomischen Antworten lesen hörte: man reicht Ihnen einen Becher, um ein Glas Wasser zu erhalten. Sie giessen sehr hoch herab, zu hoch und zu reichlich. Sie bespritzen alles und im Glase bleibt nichts." 11)

Entschieden am wenigsten "erhaben" ist die Schreibweise in der an zweiter Stelle gekrönten Schrift des Pfarrers Bertrand zu Orbe. Als Probe möge folgender Satz gelten, der für die vorzügliche Nothwendigkeit des Getreidebaues in der Schweiz in's Treffen geführt wird: "Die Schweiz ist sehr bevölkert, wir haben überhaupt einen starken Appetit und essen viel, ja die Einwohner der Waadt werfen sich mehr als andere Völker auf das Brod; ein jeder Patriot soll also an der Vermehrung des uns so nöthigen Getreides nach seinen Kräften arbeiten."

Beide mit Preismünzen bedachte Abhandlungen gipfeln in der damals geläufigen Anschauungsweise, dass die Selbstversorgung der Schweiz mit den ihr nothwendigen Nahrungsmitteln einestheils eine Frage der nationalen Unabhängigkeit sei, und dass anderntheils durch Ankauf van Aussen das Geld aus dem Lande gehe, wodurch das Volk veratme.

Neues oder Eigenthümliches ist weder dem Inhalte noch der Form nach in einer dieser beiden Arbeiten zu finden. In dieser Hinsicht entschädigt jedoch vollauf die Schrift des französischen Weltwerdens, deren Ausführungen wir in ihren Hauptzügen überschauen wollen.

Mirabeau würde nicht der überzeugte Schüler seines Meisters gewesen sein, wenn er nicht an die Spitze seiner Ausführungen die neu entdeckte Lehre vom produit net gestellt hätte.

Der für das physiokratische System nachher typisch gewordene Ausdruck produit net erscheint in dem Artikel Fermiers der Encyklopädie noch gar nicht, im Artikel Grains nur ganz vereinzelt, gleichsam versuchsweise (gewöhnlich steht das Wort revenu dafür) und erst im Tableau Economique wird er zu seiner schliesslichen Rangstellung erhoben. Da dieses letztere damals noch nicht veröffentlicht war, so haben wir es bei der Berner Wettschrift Mirabeau's also mit der ersten Verkündigung der nunmehr gereiften Lehre vom produit net im engeren Sinne zu thun.

Wir kennen diese Lehre bereits. Wir wissen, dass bei Quesnay der Reinertrag der Grundstücke den eigentlichen Reichthum ausmacht, welcher der Volksvermehrung voranzugehen habe und somit die Voraussetzung aller menschlichen Cultur überhaupt bilde.

Mirabeau bewegt sich hier ganz im neuen Fahrwasser. Er kommt dabei andeutungsweise auch auf seinen Umschwung zu sprechen, mit den Worten:

"Es ist ein vielfach verbreitetes Vorurtheil, dass man glaubt, je mehr Menschen im Ackerbau beschäftigt seien, desto mehr sei das der Bevölkerung und damit der Vermehrung der Reichthümer zuträglich. Der Verfasser eines der ersten vollständigen Werke über diesen Vorwurf, das man in französischer Sprache besitzt, und der durch die Rechtschaffenheit seiner Absichten einen beträchtlichen Beifall gefunden, scheint diesen Grundsatz in seinem Werke über die Bevölkerung aufzustellen. Er sah die Sachen mehr als Mensch und weniger als Staatsmann an; rechtschaffene Leute verständigen sich jedoch in dergleichen Dingen, sobald sie in ihren Forschungen aufrichtig sind", u. s. w.

In seinen spätern Werken hat dann Mirabeau den frühern Standpunkt ausdrücklich widerrufen. 12)

Eine Hauptlehre der Physiokraten, die jedoch über den mehr in die Augen fallenden Sonderbarkeiten des Systemes immer nur wenig beachtet wurde, ist ihre Preislehre. Dieselbe

geht unmittelbar aus der Lehre vom produit net hervor und bildet die Voraussetzung für ihre berühmte Theorie vom Freihandel, durch deren Aufstellung sich Quesnay und seine Schule unauslöschlich in die Tafeln der Culturgeschichte eingegraben haben.

Nur dann kann — so lautet ihre Lehre — auf einen gehörigen Reinertrag gerechnet werden, wenn die landbauende Bevölkerung (nach Quesnay die classe productive) beim Verkauf ihrer Produkte nicht blos den Ersatz ihrer unmittelbaren Auslagen und Arbeitsverwendungen vergütet erhält, sondern noch einen Ueberschuss, den sie einestheils mit der nicht selber Stoffe erzeugenden (und darum classe stérile genannten) Gewerbeklasse in Gegengabe für deren Fabrikate theilt, anderntheils als produit net an die Classe der Grundeigenthümer, welche den Staat im Ganzen aufrecht zu erhalten hat (classe du propriétaires, classe disponible), in Form des Pachtzinses abgibt.

Sinkt der Preis der Bodenprodukte nun unter ein gewisses Niveau, oder wird durch dessen beständiges Schwanken der Absatz unsicher, so erhält der als Pächter gedachte Bauer einestheils nicht mehr seinen vollen Ersatz für die Produktion, er kann anderntheils der Gewerbeklasse nun nichts mehr abkaufen, wodurch diese in Noth geräth, und schliesslich vermag er selbst den produit net nicht mehr an den Grundherrn im Vollen abzuführen; die ganze Gesellschaft geht dann zurück.

Somit erscheint der angemessen hohe Preis (le bon prix) der Bodenerzeugnisse als der Angelpunkt des ganzen Culturstandes einer Nation, und als das Ziel jeder gesunden Wirthschaftspolitik überhaupt. Dieses muss dahin gerichtet sein, dem Bauern einen möglichst hohen und gleichmässigen Absatzpreis für seine Produkte zu verschaffen, andernfalls verarmt Alles. Denn so lautet das Motto, welches Quesnay dem Tableau Economique vorgesetzt hat:

Pauvre paysan, pauvre royaume,
Pauvre royaume, pauvre Roy. 13)

Schon in seinen Artikeln der Encyklopädie, dann aber auch in seinen sämmtlichen übrigen Schriften stellt Quesnay diesen Gesichtspunkt als einzig ausschlaggebend voran, und dementsprechend hören wir denn auch seinen ältesten Jünger Mirabeau in unserer Schrift sagen:

"Es ist ein ebenso tief eingewurzelter als veralteter Irrthum, ein Irrthum der eben darum durchaus bekämpft werden muss, dass man glaubt, es sei in irgend einer Weise vortheilhaft, das Getreide in einem Lande oder in einer Stadt auf niedrigem Preisstände zu halten. Nur das plötzliche und unvorhergesehene Hinaufschnellen der Preise ist zu fürchten und dem armen Volke gefährlich. Diesen Fall ausgenommen ist der hohe Preis (le haut prix) des Kornes gemeinnützig.... Ein hoher Preis ermuntert zum Ackerbau und erzeugt Ueberfluss," «Cherté fait abodance». Und um diesen durchgängig hohen Getreidepreis hervorzubringen, empfehlen die Physiokraten was? Antwort: Die Freiheit des Getreidehandels wie des Handels überhaupt!

Wie, so wird man verwundert fragen, die Freiheit des Getreidehandels als ein Mittel den Preis hoch zu halten, da wir in unseren Tagen doch gerade die Niedrigkeit der Kornpreise als eine Wirkung der Handelsfreiheit theils gepriesen, theils beklagt hören?

Die Erklärung ist, dass der Doctor Quesnay von dem Wahne befangen war, der auch oft in die volkswirthschaftlichen Redekämpfe der Gegenwart verwirrend hereinspielt, dass der internationale Handel, wie jeder Handel überhaupt, bei voller Freiheit des Verkehrs, einzig und allein mit für die eigene Wirthschaft oder das Inland so gut wie nutzlosen Ueberschüssen (Reinerträgen über den gesammten Bedürfnissvorrath hinaus) geführt werde, niemals mit den eigentlichen Bedürfnisswerthen und Bruttoerträgen einer Wirthschaft oder eines Volkes. Nach dieser Voraussetzung erhalten die betreffenden Gegenstände überhaupt erst Werth durch den Verkauf an Andere, beziehungsweise durch den Export in andere Länder. Daher muss man

den Verkehr vielmöglichst entfesseln sowohl im Innern eines Landes wie "nach" Aussen (à l'étranger).

Werden die Eigenprodukte zwangsweise in der Wirthschaft oder im Lande zurückgehalten, so haben sie nicht nur selbst keinen Werth, sie drücken sogar den Werth und Preis der für den Eigengebrauch bestimmten Produkte künstlich herab, und der ganze Reinertrag verwandelt sich in Verlust. Lässt man sie aber hinaus, so gewinnt der Bauer (dessen Interesse allein in Betracht zu ziehen ist) nicht .blos unmittelbar durch den Verkauf dieser sonst nutzlosen Ueberschüsse, er gewinnt auch mittelbar durch die Erhöhung des Tauschwerthes seiner übrigen Erzeugnisse und Besitzstücke, welche er nun zu höherem Preise im Inlande absetzen kann, was natürlich auch der Allgemeinheit beziehungsweise, nach der damaligen Sprachweise, dem Souverän zum besten gereicht. Daher der Satz: c'est la vente du superflu qui enrichit les sujets et le souverain (Art. Fermiers); und an anderem Orte mit Rücksicht auf den Export: la vente du superflu à l'étrangers augmente les richesses des sujets (Art. Grains).

Von dem Importhandel spricht Quesnay so gut wie gar nicht, und wo er es ausnahmsweise thut, fast blos mit Rücksicht auf die Einfuhr sterilen Fabrikate als Gegengabe für die einheimischen Ackerbauprodukte; er hält es für ganz unmöglich, dass in einem nach den Regeln der natürlichen Ordnung lebenden Volke durch die Einfuhr jemals der Absatz einer eigenen produktiven Erwerbsart im Inlande eingeschränkt werden könne. Einen Getreideimport kann es nach ihm blos im Falle einer Missernte geben, also unter Umständen, wo derselbe für jedermann eine offenbare Wohlthat ist.

Obgleich nach Quesnay der auswärtige Handel nur ein nothwendiges Uebel (un pis-aller) ist, indem durch sein Vorhandensein der Beweis geliefert wird, dass ein Volk nicht genügenden Absatz für seine Erzeugnisse im eigenen Lande besitzt, so ist derselbe als Regulator beziehungsweise als Erhöhen der Preise für die landwirthschaftlichen Produkte doch nicht zu

entbehren. 14) Immer aber fällt für Quesnay der Begriff der Freiheit des Handels zusammen mit der liberté d'exporter, sei es aus der Einzelwirthschaft, sei es aus dem Lande.

Und seiner Neigung zu mathematischen Zirkelschlüssen nachgebend, die ihn kurze Zeit vor seinem Tode sogar zu dem Glauben verführt hat, er habe die Quadratur des Zirkels entdeckt, fasst er seinen Gedankengang im Art. Gains in die Sätze zusammen: «Le principe de tous ces progrès est donc l'exportation des denrées du cru; parce que la vente à l'étranger augmente la population; que l'accroissement de la population augmente la consommation; qu'une plus grande consommation augmente de plus en plus la culture, les revenus des terres et la population; car l'augmentation des revenus augmente la population, et la population augmente les revenus. Mais tous ces accroissemens ne peuvent commencer que par l'augmentation des revenus (produit net) voilà le point essentiel» etc.

Dieser Anschauung gemäss richtet Quesnay seine Angriffe ausnahmslos nur gegen die damaligen Ausfuhrverbote des Getreides in Frankreich. Es ist sein stets wiederholter, gegen Colbert geschleuderten Vorwurf, dieser Staatsmann habe im Gegensatze zu Sully der einheimischen im Grunde doch sterilen Industrie niedrige Brodpreise durch seine Getreideausfuhrverbote zu schaffen gesucht. Auf Kosten des allein produktiven Landbaues sei dadurch in der Luxusindustrie eine einheimische Giftpflanze gross gezogen worden, welche die eigentliche Ursache des zeitgenössischen Verfalles der französischen Volks- und Staatszustände sei. Daher keine staatliche Absatzhemmung der ländlichen Produktion zu Gunsten der Industrie, vielmehr die Maxime: Völlige Handelsfreiheit und unbeschränkte Konkurrenz im Innern wie nach Aussen.

Also anders als wir es in unseren Tagen zu thun gewohnt sind, bekämpft er die Prohibitionen, welche ihm blos als Ausfuhrverbote vorschweben, einzig und allein aus dem Grunde, weil sie, wie er annimmt, die Preise der Lebensmittel erniedrigen.

Wir bekanntlich, von einem Standpunkte ausgehend, welcher dem Handel und der Grossindustrie günstiger ist, bekämpfen die Prohibitionen, unter denen wir oft ebenso einseitig nur Einfuhrerschwerungen im Auge haben, desshalb, weil sie, wie wir glauben, die Preise der Lebensmittel erhöhen. Die Physiokraten verstanden unter dem "armen Manne", dessen Interesse allein den Ausschlag zu geben habe, die ländlichen Arbeiter, wir fast ebenso einseitig blos die industriellen Arbeiter. Dort sollte in zweiter Linie der Reinertrag des Grundbesitzes gefördert werden, hier hat man die indirekte Vermehrung des Capitalgewinnes in Handel und Industrie im Auge.

Es liegt durchaus im Gedankengange der Physiokraten, dass sie nicht für alle Waaren unterschiedlos hohe Preise fordern, sondern blos für die Erzeugnisse der einzig produktiven Gesellschaftsklasse, der Landleute. Die Preise der industriellen Fabrikate sollen umgekehrt in möglichst niedrigem Preise gehalten werden, was nach der Meinung Quesnay's sich von selber durch die freie Konkurrenz mache, durch welche die Handelsgewinne in gleicher Weise auf ein Minimum herabgedrückt würden, wie sie anderntheils dazu diene, den produit net mittelbar wie unmittelbar zu erhöhen. Ein Land wie Frankreich, welches in der Herstellung der Rohstoffe und Lebensmittel von der Natur wie kein anderes Land bevorzugt sei, überlasse die Verarbeitung und Umformung am besten solchen Ländern, welche, wie z. B. Holland, nur einen beschränkten Boden besässen, und daher nothgedrungen die unproduktiven, nur den dürftigsten Lebensunterhalt versprechenden Gewerbsarten betreiben müssten. Ein derartiges Verhältniss empfehle sich auch aus dem Grunde, weil sonst keine Tauschobjekte für die von Frankreich ausgeführten ländlichen Produkte vorhanden seien. Sonach gipfelt die internationale Handelslehre Quesnay's in den Worten:

"Eine ackerbautreibende Nation muss den aktiven auswärtigen Handel ihrer Bodenprodukte befördern durch den passiven auswärtigen Handel in jenen Industrieartikeln,

welche sie mit Vortheil aus der Fremde zu ziehen vermag. Voilà tout le mystère du commerce: à ce prix ne craignons pas d'être tributaires des autres Nations.» 15)

Quesnay wird nicht müde in der Behauptung, dass Handel und Industrie nur soweit gesund und wahrhaft nützlich sind, als dadurch die einheimischen Urprodukte guten Absatz bei günstigen Preisen erhalten, d. h. soweit sie nur als Zweige des Ackerbaues in Betracht fallen. 16) Sobald sie selbständige Erwerbsabtheilungen sein wollen, werden sie schädlich, denn das Interesse des Handelscapitals und der darauf begründeten Erwerbsarten ist demjenigen der Nation und des Staates entgegengesetzt. Die Zwischenhändler kennen kein Vaterland, sie behandeln die Nationen, auch ihre eigene, als fremd und bilden gleichsam einen eigenen Welthandelsstaat, der nichts höheres kennt als sein Eigeninteresse. 17)

Eine Sachlage, wie wir sie in den gegenwärtigen Freihandelsländern England und der Schweiz vor uns haben, wo kaum eine einzige Fabrikationsart auf einheimische Rohstoffe gebaut ist und wo daher der aktive Handel in Industrieprodukten durch den passiven Handel in Lebensmitteln zu befördern gesucht wird, damit man durch niedrige Nahrungsmittelpreise auch billige Industrielöhne erhalte, eine solche Lage würde den ersten Verkündigern der Freihandelslehre als der gefährlichste, auf sicheren volkswirthschaftlichen Verfall hinauslaufende Zustand erschienen sein. 18)

Natürlich sind beides Einseitigkeiten. Allein es ergibt sich hieraus ein bedeutsamer Wink dafür, wie überaus vorsichtig man sein muss, wenn man sich in irgend einer Sache auf alte Autoritäten, deren Denken durch ganz andere Umstände und Absichten bedingt wurde, berufen will. Auch die berühmte Freihandelslehre Adam Smith's geht ja von ganz anderen Gesichtspunkten aus als die des modernen Manchesterthums, so sehr dieses sich auch stets auf ihn als seinen Ahnherrn beruft.

So viel steht jedenfalls fest, dass die ersten Verkündiger der Freihandelslehre, die Physiokraten, in unseren Tagen, nachdem sie sich aus der Erfahrung überzeugen konnten, wohin ihre Vorschläge thatsächlich führten, nämlich zu einem Massenimport überseeischen Getreides, wodurch die Preise in den europäischen Ländern unter den Herstellungswerth des Korns im Inlande geworfen worden sind, auf Seiten der vorgeschrittensten Agrarier stehen würden. 19) Denn als Agrarier des achtzehnten Jahrhunderts haben wir die Physiokraten thatsächlich anzusehen.

Es Versteht sich von selbst, dass wir den eben skizzirten Gedankengang Quesnay's in naivster Form bei Mirabeau wieder finden; nur, wie es stets bei Schülern der Fall ist, schablonenhaft verschärft und mit Ausserachtlassung wichtiger Unterscheidungen, welche der Meister noch für nöthig gehalten hatte. 20) Schon in seinem Hauptwerke hatte er die Freiheit als das einzige Gesetz bezeichnet, das keine Ausnahmen leide. Und in unserer Wettschrift nennt er es einen Wahnsinn der meisten Regierungen, dass sie sich der Meinung nicht entschlagen könnten, Alles thun zu müssen, während sie doch nur eingesetzt seien, Andere thun zu lassen, und blos der Ungerechtigkeit und dem Unbill zu steuern. Schon das Wort "Getreidepolizei" (police des grains) erscheint ihm verabscheuungswürdig. Und so fest ist er von der Richtigkeit seiner Auffassung überzeugt, dass er sich selbst verwünscht, für den Fall, dass er nicht Recht behalte.

"Die Freiheit — so ruft er aus — ist das erste göttliche und menschliche Gesetz, und jede Gewalteinmischung in dieser Hinsicht muss von einem klugen und aufgeklärten Volke der Mordbrennerei, der Vergiftung öffentlicher Brunnen, ja dem Hochverrath gleichgestellt werden. Ich bin bereit, dass man mich zur Strafe jenes Vaters verdamme, der durch die Handlung, welche man die "Römische Pietas" zu nennen pflegt, so bekannt ist, ich will in einem Kerker ohne eine andere Nahrung als die Milch meiner eigenen Tochter

schmachten, ich will bei dem Anblicke der Vertrocknung dieser Milch in ihren Armen sterben, wenn jemals ein Volk dieses Gesetz gibt und hält, und darauf Mangel leidet." —

Von den übrigen Einzelausführungen Mirabeau's sei hier, nur noch als originell, sein Widerwille gegen die breiten, damals besonders im Kanton Bern gepflegten Kunststrassen erwähnt. Diese, meint er, brächten nur städtische Verweichlichung und auswärtigen Luxus in's Land und schränkten überdies die produktive Bodenfläche ein.

"Die Schweiz — so sagt er wörtlich — hat ihre Freiheit durch ihre Tapferkeit erhalten; aber sie ist ihre Tapferkeit wie Sicherheit ihrem holperichten Erdreich schuldig. Warum wollte man diese Vortheile vermindern?"

Als Ideal schweben ihm in dieser Hinsicht die einfachen, von Düngerhaufen beglänzten Landwege vor. Und er fasst seine Betrachtungen hierüber in den, übrigens keineswegs abfällig gemeinten Satz zusammen: "Kurz, ihr Herren Schweizer, ihr braucht Mist, wohlriechende Sachen müsst ihr den Italienern überlassen."

Sämmtliche Ausführungen Mirabeaus bewegen sich, im Einklange mit dem Grundzuge seiner Zeit, durchgehends in den Geleisen der Verneinung.

Wohl bemüht er sich zum Schlusse, auch einige positive Vorschläge zur Ermunterung der Produktionsthätigkeit zu machen, weil es das Programm verlangte. Allein was sich aus dem Schwalle hochtrabenden Redensarten herauslesen lässt, läuft darauf hinaus, dass jeder Einzelne in seinem Kreise dahin wirken möge, dass das Verdienst geehrt werde.

Schon die Geldprämien als Aufmunterungsmittel für tüchtige Leistungen der Produktion sind ihm zu viel. "Ich wünschte — so drückt er sich aus —dass man diese Preise so viel als möglich in rühmliche Unterscheidungszeichen umwandelte, durch die sich jene tüchtigen Leute geehrt fühlen könnten, so z. B. in Einräumung eines abgesonderten Platzes in der Kirche oder in den öffentlichen Versammlungen, je nach Art der betreffenden

Leistungen, ferner in der Erlaubniss, eine eigene Farbe der Kleider zu tragen u. s. f."

Am treffendsten dürfte sein hier einschlagender Gedankengang durch einen späteren, ungenannten Autor über den gleichen Gegenstand im Gesellschaftsorgan charakterisirt sein, wo der Schreiber sich unter Beziehung auf Mirabeau mit diesem darin einverstanden erklärt, dass "ein Kind vor einem mit Ochsen bespannten Wagen hergehend, mit ein wenig Salz in der Hand, denselben weiter bringen werde, als ein Fuhrmann, der mit der Geissel beständig nachfolge". 21)

Mirabeau's Abhandlung läuft in eine schwungvolle, an die glückselige Schweiz gerichtete Ansprache aus, deren Schlussworte lauten:

"Sei mir gegrüsst, o mütterliche Erde eines weisen, tapfern und gemässigten Volkes. Bewahre und erneuere von Geschlecht zu Geschlecht die lachenden Zufluchtsstätten der Einfachheit und unter deren ländlichen Dächern das geheiligte Feuer der Unschuld und Treue. Gleich wie deine Gebirge Wasser und Fruchtbarkeit nach allen Gegenden Europa's aussenden, so mögen auch deine Bewohner dahin die Tugenden ausbreiten, die deine Lauben beschatten. Werde der Sitz und die Schule der ältesten und vornehmsten Kunst, damit die dich bewohnenden Völker aller jener Wohlthaten theilhaftig werden, die Gott den Gerechten verheisst. Würdige in dieser Stunde das Opfer des eifrigsten Verfechters des Landbaues und eines bekannten

Freundes der Menschen." 22)

Mirabeau hat es sich also nicht versagen können, sich wenigstens andeutungsweise als Autor zu bekennen, denn unter dem Beinamen "Menschenfreund" war er damals in aller Welt Munde.

Die Preisrichter waren auch, wie man aus mehrfachen Anzeichen zu schliessen vermag, keinen Augenblick im Zweifel darüber, wen sie vor sich hatten. Wenn die Commission die Wettschrift dessenungeachtet erst in vierte Reihe stellte, so hat nach dem Gesellschaftsmanuale der Mangel einer näheren

Rückbeziehung auf die Schweizer Verhältnisse hiefür den Ausschlag schlag gegeben. In Wahrheit dürfte das aber blos ein Vorwand gewesen sein, denn die an dritter Stelle genannte Abhandlung des Herrn Seigneux von Correvon weist in dieser Hinsicht ebenfalls nur wenig auf. Offenbar waren es mehrfache Gründe, welche die Commission zu ihrem Urtheile bestimmten.

Abgesehen von der in der That sehr "erhabenen" Schreibweise, welche es selbst geübten Lesern oft schwer macht, zu folgen, fiel hier auch wohl der grosse Umfang der Wettschrift in Betracht. welcher das Maass der übrigen beiläufig um's dreifache überstieg. Zum Ueberflusse hatte Mirabeau noch einen langen Auszug aus dem landwirthschaftlichen Werke des Engländers Thomas Hale beigefügt, der sich auf die Technik des Landbaues bezog, aber von der Oekonomischen Gesellschaft nicht veröffentlicht wurde. 23) Die wenigsten Mitglieder dürften daher die Abhandlung von Anfang bis zu Ende durchgelesen und kaum Einer sie vollkommen verstanden haben.

War doch die Lehre vom produit net damals noch vollständig neu und für die Preisrichter gewiss um so fremdartiger, als sie Verhältnissen entsprungen war, die für die Schweiz keine Geltung hatten. Für Frankreich hatte sie eine reformatorische Bedeutung insoferne, als die Physiokraten die Nothwendigkeit einer einzigen, vom produit net d. h. vom Grundeigenthümer zu zahlenden Katastersteuer (impôt unique) daraus ableiteten. Mit diesem Vorschlage traten sie dem zu jener Zeit in Frankreich so vielverzweigten und so schwer auf der Bevölkerung lastenden Steuersysteme des ancien regime mit seinem verhassten Finanzpächterwesen entgegen. Trotzdem hat sich selbst in diesem Lande die Lehre niemals eingebürgert.

Welches Verständniss konnte aber in der Schweiz, die sich damals so glücklich fühlte und von Steuern so gut wie nichts musste, eine Lehre finden, die von der Voraussetzung ausging, dass die öffentlichen Zustände gänzlich verrottet seien, und welche als wesentlichen Rettungsanker die Einführung einer allgemein

verbindlichen Grundsteuer anpries? Mirabeau hat, von einer leichten Andeutung abgesehen, in seiner Wettschrift auch wohlweislich von der Steuerlehre Quesnay's geschwiegen. Freilich fiel damit auch ein wesentliches Moment zur Stütze und Begründung der Lehre vom produit net dahin, wodurch diese nicht verständlicher wurde.

Im Uebrigen scheinen die Vorschläge des Autors den Preisrichtern auch etwas zu radikal gewesen zu sein. Wenigstens darf man dies aus einem im Gesellschaftsarchive aufbewahrten, sehr interessanten Antwortschreiben Mirabeau's an den Sekretär Tscharner schliessen, wo auf eine Bemerkung des Letztern Bezug genommen wird, dass "die aristokratischen Regierungen sich vielleicht weniger für die starken und unmittelbaren Wahrheiten eigneten, wie die monarchischen", was Mirabeau nur theilweise gelten lassen will. 24)

Zu allem diesem kam die Heftigkeit mit welcher der Verfasser sonstige Einrichtungen bekämpfte, welche in der Schweiz wenig oder gar nicht bekannt waren, eine Polemik, welche die Schrift den Preisrichtern nicht in vortheilhafterem Lichte erscheinen lassen konnte.

Mirabeau hat dies selbst auch wohl empfunden. "Ich bitte zum Voraus — sagt er — um Vergebung, wenn die Hitze, die den Schreibenden anwandelt, verbunden mit der Stärke der Gründe, mir einige nicht genug gemässigte Ausdrücke abzwingt... Ich werde verschiedene Hindernisse des Ackerbaues hier anführen, welche der Schweiz fremd sind; Aber alle politischen Krankheiten sind ansteckend: vielleicht lauert das Gift nicht ferne von der Schweiz. Genug, ich rede mit der Welt. Diejenigen, die meine Stimme erregt haben, müssen mir verzeihen, wenn ich dieselbe nach allen meinen Kräften gebrauche."

Jedenfalls kann man es der Gesellschaft nicht verdenken, wenn sie den Autor "mit der Welt reden liess", ihr Preiserkenntniss nach den Bedürfnissen des Schweizer Publikums einrichtete und es dem auswärtigen Autor gegenüber gleichsam

bei einem öffentlichen Händedrucke des Dankes bewenden liess. Um sich aber für die Ehre, welche der noch ganz jungen Gesellschaft dadurch zu Theil geworden war, dass ein damals so berühmter Schriftsteller sie als sein richterliches Forum anerkannte, in jedem Sinne erkenntlich zu zeigen, nahm man in das Gesellschaftsmanual eine schmeichelhafte Würdigung der eingesandten Arbeit auf, eine Würdigung, die ohne Zweifel die Bestimmung hatte, dem Autor selbst mitgetheilt zu werden. Veröffentlicht wurde sie jedoch nicht. Darin heisst es, dass unter den Wertschriften eine Abhandlung sich befinde. "welche sowohl in Ansehen der Schreibart als in Ansehen der allgemeinen Grundsätze sich vor allen andern hervorthut, und ohne Zweifel den Preis davon tragen müsste, wenn nicht der Autor, der ein Landsgemeinden ist, wie er selbst bekennt, wegen Mangel der Bekanntschaft des Landes ausser Stande wäre, seine Abhandlung auf die besonderen Umstände der Schweiz zu richten. Somit wurde erkennt, dass der Verfasser dieser Schrift von nun an wegen der darin gezeigten Wissenschaft, sowohl in der politischen wie praktischen Oekonomie, in die Zahl der Ehrenmitglieder dieser ansehnlichen Gesellschaft aufgenommen sein solle."

Man hatte sonach dem Verfasser alle unter den gegebenen Umständen mögliche Ehre zu Theil werden lassen. Den ihr vorgesteckten Missionszweck hatte die Wettschrift immerhin nicht erreicht.

Aber Sektierer lassen sich nicht so leicht entmuthigen, und wenn wir auch späterhin, trotz seines gegebenen Versprechens keiner unmittelbaren Betheiligung Mirabeau's an den Arbeiten der Gesellschaft wiederbegegnen, so nehmen wir doch eine Menge Fühlungsversuche der physiokratischen Schule wahr, welche darauf abzielten, die Oekonomische Gesellschaft zur Lehre des Tableau Economique zu bekehren, Versuche, die keineswegs ganz ohne Erfolg verliefen.

Für meine ursprüngliche Annahme zwar, dass auch Turgot bei jenem ersten 'Preisausschreiben betheiligt gewesen

sei, habe ich im Gesellschaftsarchive keinen sicheren Anhaltspunkt angetroffen. Trotzdem kann ich mich der Vermuthung nicht entschlagen, die von ihm zu wissenschaftlich-ökonomischen Zwecken gerade in demselben Jahre 1759 in die Schweiz unternommene Reise möge durch die Berner Preisfrage veranlasst worden sein. Vielleicht war seine Arbeit, wie so oft bei dem stets die übertriebensten Forderungen an sich selbst stellenden Turgot, unter dessen zweijähriger späteren Ministerschaft (1774-1776) das physiokratische System bekanntlich in Frankreich zum Regierungsprogramm erhoben wurde, nicht rechtzeitig fertig geworden. 25) Deutliche physiokratische Spuren treten uns jedoch wieder bei einer mit jener verwandten Preisaufgabe entgegen, welche für das Jahr 1764 ausgeschrieben wurde.

In der Sitzung vom 26. November 1763 war von dem polnischen Grafen Michael von Mniszek, der sich einige Jahre hindurch in Bern aufgehalten und in der Oekonomischen Gesellschaft Zutritt gefunden hatte, angezeigt worden, dass er der Gesellschaft eine mit deren Insignien gezielte Denkmünze im Werthe von 20 Dukaten zum Geschenke mache mit der Bestimmung, dieselbe möge als Preis dienen für die beste Abhandlung über das Thema:

"Welches ist der Geist, der die Gesetzgebung beherrschen sollte, um den Ackerbau in Aufnahme zu bringen, und in dieser so wichtigen Absicht die Bevölkerung, die Künste, die Handwerke und die Handlung zu begünstigen?"

Im Grunde war dies das Programm, welches Mirabeau bei seiner Abhandlung vorgeschwebt haben mochte und wofür dieselbe eine um so bessere Beantwortung abgegeben hätte, als diesmal die besondere Rückbeziehung auf die Verhältnisse der Schweiz nicht gefordert war.

Mirabau hat sich diesmal nicht selbst betheiligt. Dagegen finden sich unter den nichtgekrönten Wertschriften (im Ganzen liefen fünfundzwanzig Manuskripte ein) einige aus Frankreich von physiokratischen Färbung. Der Vermuthung nachgehend, eine derselben dürfe den im Jahre 1763 durch Mirabeau für

die Fahne Quesnay's gewonnenen nachmaligen Biographen Turgot's und eifrigen Physiokraten Dupont de Nemours zum Verfasser haben, stellte ich eine Vergleichung der Handschrift mit Briefen an, die sich von der Hand Dupont's in der Hof-Staatsbibliothek zu Karlsruhe befinden. wo im achtzehnten Jahrhundert der Markgraf Karl Friedrich von Baden ein literarisch wie praktisch thätiger Anhänger der Lehre vom produit net gewesen war. Markgraf (später Grossherzog) Karl Friedrich von Baden war schon im Jahre 1763 unter die Zahl der Ehrenmitglieder der Oekonomischen Gesellschaft in Bern aufgenommen worden und im Jahre 1774 erscheint auch Dupont de Nemours als "badendurlach'scher Hofrath" auf deren Liste. Da hiebei jede Meldung von irgend welcher Einsendung einer gedruckten oder ungedruckten Abhandlung, oder von sonst einer, sei es direkten, sei es indirekten Mitarbeiterschaft, die sonst ein nothwendiges Erforderniss für die Ernennung zum Ehrenmitgliede bildete, im Manual fehlt, so konnte allenfalls angenommen werden, Dupont de Nemours 26) habe sich später als Verfasser jener Wettschrift bekannt um sei dafür nachträglich geehrt worden. Die Vergleichung hat indessen kein sicheres Resultat für diese Annahme ergeben.

Keine der berührten französischen Abhandlungen erhielt eine Auszeichnung. Abermals entstieg der Name des Pfarrers A. Stapfer an erster Stelle der Urne, wie wir denn ihm und ebenso dem Pfarrer Bertrand in der Folge noch oft, fast zu oft, unter den Preisträgern der Gesellschaft begegnen.

Jene Preisaufgabe des Grafen Mniszek ist aber nachträglich für die Gesellschaft von besonderer Wichtigkeit dadurch geworden, dass sie zu einem folgenreichen Briefwechsel zwischen ihr und einem weiteren eifrigen Physiokraten, dem königlichen Advokaten zu Orleans Le Trosne Anlass gab. Le Trosne war mit dem unphysiokratischen Geiste der preisgekrönten Schriften ganz und gar nicht einverstanden. Von der Voraussetzung aller Physiokraten ausgehend, dass es bloss der Einleitung bedürfe, um alle Welt von der Heilskraft des

Tableau Economique zu überzeugen, übersandte er der Gesellschaft einige seiner Schriften (1767). Die Ernennung zum Ehrenmitgliede war davon die Folge. Die im Archive der Gesellschaft aufbewahrten Briefe Le Trosne's geben einen lehrreichen Einblick in die Art und Weise, wie die Anhänger Quesnay's Proselyten zu machen suchten, 27) und diesmal sollten die Bemühungen auch keineswegs ganz ohne Erfolg bleiben.

Schon in der Vorrede zum Jahrgange 1767 der "Abhandlungen" ist eine auffällige Hinneigung zur Lehre Quesnay's zu verspüren, und der folgende Jahrgang (1763) bringt sogar den gekürzten Nachdruck eines physiokratischen Aufsatzes gegen die Exclusivprivilegien in Handelssachen, aus dem ehemaligen Hauptorgan der Physiokraten (bis Ende 1766) , dem Journal d'Agriculture, du Commerce et des Finances. Der Artikel, welcher wahrscheinlich Le Trosne zum Verfasser hat, wird durch ein redaktionellen Vorwort begleitet, in welchem es heisst: "wir glauben nicht. dass jemand versuchen werde, des Verfassers Grundsätze zu bestreiten". Daneben wird die an Stelle jener älteren Zeitschrift zu Anfang 1767 zum Parteiorgan erhobene physiokratische Monatsschrift: Ephémérides d'un Citoyen, den Gesellschaftsmitgliedern angelegentlich empfohlen.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man hinter all diesen Agitationen die treibende Kraft Mirabeau's erblickt, 28) denn der Stifter der Lehre selbst, Quesnay, verhielt sich in würdevoller Zurückhaltung wie ein Dalai Lama. Bei seinem ältesten Jünger dagegen war die Bekehrungssucht fast zur Krankheit geworden. Hatte er doch zu damaliger Zeit in Paris regelmässige Tafelzusammenkünfte eingerichtet, eine exoterische am Freitag zur Unterhaltung Mit Profanen und eine esoterische am Dienstag zur Heranzüchtung von Aposteln für die neue Lehre. 29)

Nach allen Ländern und auf alle bedeutenderen Personen hatte er sein bekehrungswüthiges Auge geworfen. Sogar davor schreckte er nicht zurück, eine so eigenartige Persönlichkeit wie den Genfer J. J. Rousseau zu gewinnen, der als Kind einer

mit der Schweiz verbundenen Stadt ihm vielleicht noch besonders werthvoll für seine Partei erscheinen mochte.

Dem gehetzten Philosophen hatte er im Jahre 1767 nach dessen Rückkehr aus England eine Zuflucht auf einem seiner Güter angeboten. Nach einigem Zögern war die Einladung angenommen worden, und kaum hatte sich Rousseau eingefunden, als ihm sein Protektor das 1763 von ihm veröffentlichte Werk Philosophie Rurale, welches eine erweiterte Auseinandersetzung des Tableau Economique bildet, zuschickte. Rousseau dankte höflich, ohne jedoch mit dem Bekenntnisse zurückzuhalten, er habe das Buch zwar zu lesen begonnen, sei jedoch nicht bis an's Ende gekommen. Sofort liess Mirabeau das 1767 erschienene Werk eines andern Physiokraten L'ordre naturel von Mercier de la Riviere folgen. Da bäumte sich die noch ungebrochene Natur des Genfer Kindes: "Hochberühmter Freund der Menschen und der meinige — schrieb er in kläglichem Tone zurück — ich werfe mich zu Ihren Füssen, um Sie zu beschwören, Mitleid mit meinem Zustand und meinem Unglück zu haben, und mein sterbendes Haupt in Frieden zu lassen. Lieben Sie mich allezeit, aber schicken Sie mir keine Bücher mehr. Man bekehrt sich nicht mehr aufrichtig in meinem Alter." Unmittelbar darauf verliess er das Gut, um an einem andern Orte Zuflucht zu suchen. 30)

Die engere Fühlung der Oekonomischen Gesellschaft mit den Physiokraten fällt merkwürdigerweise gerade in jene Zeit, wo der grosse A. v. Haller die leitende Stellung in der Gesellschaft inne hatte. Im Jahre 1766 war er das erste Mal und für 1768 das zweite Mal zum Jahrespräsidenten erwählt worden. Ja, von 1770 an erfolgte die alljährliche Wiederwahl bis zu seinem im Dezember 1777 erfolgten Tode.

Auf dem Boden seiner medicinischen Fachwissenschaft war Albrecht von Haller stets ein scharfer Gegner François Quesnay's gewesen. In den Göttinger Gelehrten Anzeigen hatte er dessen medicinische und chirurgische Werke einer nicht bloss abfälligen, sondern zuweilen spöttischen Kritik unterzogen,

was bei ihm bekanntlich eine Ausnahme war. Mit grösserer Anerkennung verfolgte er dessen ökonomische Bestrebungen, wobei er jedoch wichtige Vorbehalte machte. Vor dem völligen Einlaufen in das Fahrwasser des Tableau Economique bewahrte ihn offenbar sein umfassender wissenschaftlicher Ueberblick.

Immerhin ist es bemerkenswerth, dass während der Dauer seiner Präsidentschaft, nämlich in den Jahren 1770 und 1771, in der damals bernischen Stadt Yverdon eine in französischer Sprache gedruckte sechszehnbändige Encyclopédie Oeconomique erschien, welche fast ausschliesslich aus Nachdrucken der Schriften der Physiokraten, sowie der ökonomischen Artikel der Diderot-d'Alembert'schen Encyklopädie besteht, und die auf dem Titelblatte den Satz enthält: le tout revu par quelques membres de la Société Oeconomique de Berne. In der Vorrede, sowie in den einzelnen Artikeln werden laut die Verdienste Quesnay's, Mirabeau's u. s. w. um die Entwicklung der ökonomischen Wissenschaft gerühmt. Bloss hinsichtlich deren Ansichten über die Staatsverfassung — die Physiokraten waren eifrige Monarchisten — habe man ihnen nicht nachzufolgen vermocht. Wer die Mitglieder der Oekonomischen Gesellschaft, welche an der Spitze des literarischen Unternehmens standen, im einzelnen waren, ist mir nicht gelungen, festzustellen. 31)

Bis zum Tode Haller's dauerte jene engere Fühlung der Gesellschaft mit den Physiokraten. 32) Im Jahre 1774 wurde, wie früher bemerkt, Dupont de Nemours unter die Ehrenmitglieder aufgenommen und ein Jahr später erscheint auch der Graf d'Aldon auf deren Liste, bekannt als Verfasser eines Eloge auf den mittlerweile (1774) verstorbenen Stifter der Sekte, Quesnay, und Mitredakteur der durch Turgot während seiner Ministerschaft, an Stelle der durch seinen Vorgänger Terray (1772) unterdrückten alten Ephémérides in's Leben gerufenen Nouvelles Ephémérides (1774-1776) Durch den Sturz Turgot's (1776), der allen Hoffnungen auf die Reform

des französischen Staates im physiokratischen Sinne ein jähes Ende bereitete, sowie durch das im gleichen Jahre erschienene, für die Nationalökonomie neue Grundlagen herstellende Werk des schottischen Moralphilosophen Adam Smith: Inquiry into the nature and causes of the wealth of actions ward auch die Schule des Tableau Economique zum Verfalle gebracht. Wenn auch nicht den Glauben an ihre Lehre, so doch das Ansehen nach Aussen hatte die Sekte verloren. Die Periode der Proselytenmacherei war damit an ihr Ende gelangt.

Der Ruf der Oekonomischen Gesellschaft hatte sich mittlerweile von Jahr zu Jahr weiter ausgebreitet. Ja, er stand. nach Aussen wenigstens, auf seinem Gipfel zu einer Zeit, als zu Hause bereits jene Schläge gefallen waren, welche ihren Niedergang herbeiführen sollten.

Wir finden unter ihren Mitarbeitern und Ehrenmitgliedern Persönlichkeiten aus allen europäischen Ländern, darunter Namen ersten Ranges, wie z. B. ausser den schon Genannten: Linné. Voltaire, Filanghieri, Arthur Young, die Grafen Zinzendorf, Dohna, Münchhausen, ferner die Prinzen Ludwig Eugen und Carl von Württemberg, von welchen der erstere (nachheriger Herzog) mehrere Aufsätze für die "Abhandlungen" der Gesellschaft beigesteuert hat; den polnischen Fürsten Lubomirski u. A. Dazu gesellten sich von Schweizern der bekannte Arzt und nachmalige Göttinger Professor Zimmermann zu Brugg, der Baseler Staatsschreiber und bekannte physiokratische Schriftsteller Isaak Jselin, der Basler Professor Bernoulli, der Züricher Arzt und Verfasser des "Philosophischen Bauern" Joh. Kasp. Hirzel, der dortige Professor Usteri; der eine der bekannten Brüder Herrenschwand aus Murten, der Genfer Geologe Saussure und viele, viele Andere.

Mit den meisten gelehrten Gesellschaften jener Tage befand sich die Oekonomische Gesellschaft zu Bern in lebendigem Austausch, und ihre Publikationen standen im höchsten Ansehen. Dieselben wurden regelmässig nicht blos in den Göttinger Gelehrten

Anzeigen, sondern auch in anderen wissenschaftlichen Zeitschriften besprochen. "Bis jetzt enthält das Werk — so lautet ein Urtheil darüber vom Jahre 1765 in Wöllner's Anzeige der besten Bücher (Berlin)— bis jetzt enthält das Werk noch nicht eine Abhandlung, die nicht vollkommen gut gerathen wäre. Man weiss nicht, ob man die Gründlichkeit, womit die Sachen abgehandelt werden, oder den Eifer am meisten bewundern soll, welcher diese würdigen Patrioten zum Besten ihres Vaterlandes belebt." 33)

Eine Menge verwandter Gesellschaften wurden in anderen Ländern nach ihrem Muster gegründet, darunter als älteste Schwester die m. W. noch bis heute bestehende Oekonomische Societät zu Leipzig (1764). 34)

Der grössere Theil ihres schriftlichen Verkehrs ist im Archive noch vorhanden und böte Stoff genug zu mancher ähnlichen Behandlung wie sie im Vorstehenden unternommen worden ist.

Aber der Wurm sass dieser schönen Schöpfung im Herzen. Dem Beispiele der verwandten Gesellschaft in der Bretagne auch hierin folgend, hatte man schon bald nach der Gründung einen Aufruf zur Bildung von Zweigvereinen im Bernergebiet erlassen. Derselbe hatte so günstige Aufnahme gefunden, dass man bald auf Lokalgesellschaften zu Lausanne, Vevey, Yverdon, Payerne, Aarau, Biel, Nidau, ferner im Emmenthal und Simmenthal herabblicken konnte. So sehr nun diese Erweiterung anfänglich zur Verstärkung der Muttergesellschaft beitrug, so lag darin doch die Wurzel zu verhängnissvollen Ausartungen verborgen. Zumal in der Waadt schlich sich die Politik, natürlich im demokratischen Sinne, in die Verhandlungen ein, und es war begreiflich, dass dies von der Berner Regierung nicht gerne gesehen wurde. Das anfängliche Wohlwollen, welches von dieser Seite der Gesellschaft entgegengebracht worden war, wich allmälig einem stets stärker werdenden Misstrauen.

Die Spannung führte zum Bruche anlässlich einer bevölkerungsstatistischen Preisfrage, welche im Jahre 1764 gestellt war,

und in der bereits genannten Schrift des Pfarrers J. L. Muret zu Vevey eine glänzende Beantwortung gefunden hatte. Auf Grund der amtlichen Kirchenbücher war der bisher blos vermuthete Rückgang der Bevölkerung in der Waadt während der letzten Jahrzehnte bestätigt worden, was naturgemäss zu allerhand Bedenken und ursächlichen Vermuthungen Anlass gab.

Als nun gar unvorsichtigerweise die Vorrede zum Jahrgange 1766 der Zeitschrift, worin die Abhandlung erschien, den naiven Satz enthielt: "Die Bevölkerung ist die Probe der Regierung, ist jene im Anwuchse, so schliessen wir, die Verfassung und was eine Folge davon ist, die Verwaltung ist gut", u. s. w., so glaubten die regierenden Kreise einschreiten zu sollen.

Am 20. September 1766 beschloss der Grosse Rath der Zweihundert:

1) der Oekonomischen Gesellschaft seine Missbilligung zu erkennen zu geben, dass sie zu ihren Preisfragen Stoffe gewählt habe, die in den Bereich der Regierungsthätigkeit gehörten;

2) den Pfarrer Muret wegen Veröffentlichung amtlicher Daten zur Verantwortung zu ziehen;

3) über die Versammlungen der Gesellschaft und ihrer Zweigvereine eine amtliche Controlle zu bestellen.

Worin die Strafe Muret's bestanden hat, habe ich aus den Gesellschaftsakten nicht zu ersehen vermocht. Nach anderen Quellen scheint sie sich auf einen Verweis beschränkt zu haben. 35) Jedenfalls hat sie ihn nicht sonderlich erschreckt, da wir seinem Namen hinterher noch sehr häufig in den Gesellschaftsprotokollen, und schon unmittelbar darauf wegen einer verwandten statistischen Arbeit über die Getreidepreise der Waadt, sogar wieder unter den Preisträgern begegnen.

Und man darf diesen Umstand um so mehr betonen, als ein und ein halbes Jahrzehnt später im benachbarten Zürich ein College Muret's, der Pfarrer Joh. Heinr. Waser, wegen eines ähnlichen statistischen Aufsatzes in Schlözer's Briefwechsel

nicht blos des Hochverraths angeklagt, sondern nach peinlichem Prozess zum Tode verurtheilt und durch den Scharfrichter elendiglich vom Leben zum Tode gebracht worden ist.

Immerhin begreift es sich, dass die veränderte Haltung der Regierung wie ein Mehlthau auf die Gesellschaft fiel, die nun plötzlich mit dem Makel der politischen Anrüchigkeit behaftet worden war.

Der Eifer der Mitglieder erkaltete und plötzlich taucht auch die Klage auf, dass die Preisaufgaben entweder keine oder nur mehr ungenügende Bearbeitung fänden. Der Umfang der Zeitschrift sinkt mit einem Male auf die Hälfte herab. Bald waren fast sämmtliche Zweigvereine wieder eingegangen, und wahrscheinlich würde dies Schicksal auch der Muttergesellschaft erblüht sein, hätte sie nicht gerade damals in der Person Albrecht von Haller's einen Präsidenten gehabt, welcher, wenigstens nach Aussen hin, den Ruhm der Gesellschaft noch hoch zu halten im Stande war, wenn es ihm auch nicht gelang, in Bern selbst dem Vereine wieder zur alten Schwungkraft zu verhelfen, auch nicht als die Regierung sich hinterher wieder gewogenen zeigte. Gerade im Todesjahre Haller's (1777) sollte indessen die Gesellschaft noch einmal ihr Licht in hellstein Scheine durch Europa leuchten sehen.

Voltaire, der Patriarch von Ferney bei Genf, hatte ihr, unter Verschweigung seines Namens, durch das Bankhaus Marcuard die beträchtliche Summe von 100 Louisd'or zu einem Preise für die beste Schrift über die Kriminalgesetzgebung anweisen lassen.

Das Thema fiel nicht eigentlich in den Aufgabenkreis der Gesellschaft, und so scheint man, durch die frühere Erfahrung gewitzigt, anfangs Bedenken getragen zu haben, darauf einzugehen. Nach mehrmonatlichem Zaudern. und vermuthlich dann im Einverständnisse mit der Regierung wurde der Vorschlag endlich in der Sitzung vom 14. Dezember 1777, zwei Tage nach Haller's Tode angenommen, und der Erfolg war ein gewaltiger.

Nicht weniger als 46 Wettschriften aus allen Gegenden Europa's langten ein.

Erst im Jahre 1782 konnte das Urtheil verkündet werden. Es entschied sich für die gemeinsame Arbeit des sächsischen Kabinetssekretärs Hans Ernst von Globig und des sächsischen Finanzsekretärs Joh. Georg Huster. Wie der Geschichtschreiber Bern's, Anton von Tillier mittheilt, ist die Preisschrift auf die bernische Strafgesetzgebung nicht ohne Einfluss geblieben. 36)

Es war der letzte Sonnenstrahl, welcher das Leben der Gesellschaft, aus deren Mitte um 1780 auch ihr alter Stifter Tschiffeli durch den Tod geschieden war, in jener ältesten und grössten Periode ihres Daseins erheiterte. Bald danach ging die Zeitschrift wegen Mangels an Stoff ein.

Sie erwachte zwar von 1796-98 unter dem Sekretariate Carl Ludwig von Haller's, des bekannten Verfassers der "Restauration der Staatswissenschaften" auf kurze Zeit zu neuem Leben, schlief dann aber zum zweiten Mal und nun für immer ein. Die Gesellschaft bestand zwar noch fort, schwankte jedoch ziemlich steuerlos hin und her und stellte 1814 auch ihre Sitzungen ein.

Nach achtjährigem, tiefen Schlafe, bemühte man sich gegen Ende 1822 die blos durch ihr Archiv und ein keineswegs unbeträchtliches Vermögen noch fortbestehende Gesellschaft zu neuer Thätigkeit wach zu rufen. Damals war es, wo das Programm auf den Fachkreis der Landwirthschaft mit Ausschluss der gewerblichen und Handelsinteressen eingeschränkt wurde.

Anfangs der dreissiger Jahre trat eine zweite Schlafperiode ein, aus welcher sie erst um 1838 wieder erweckt wurde, um von da an, gemäss dem politischen Umschwunge, der das bernische Staatswesen betroffen hatte, auch ihrerseits den patrizischen Charakter abzustreifen.

Unter dem Namen "Oekonomische Gesellschaft des Kantons Bern" ist sie nun ein bäuerlicher Verein geworden, mit einem Wochenblatte als Organ, welchem letzteren zur Aufgabe gesteckt ist, seine Leser in "möglichst schlichter Landmannssprache" von den Fortschritten im Gebiete des ländlichen Betriebslebens zu unterrichten und sie in ihrem praktischen Können zu fördern.

In dieser Verfassung hat die Gesellschaft ihr Dasein friedlich behauptet bis auf den heutigen Tag. .

Der Glanz ist gewichen, der Nutzen vielleicht gestiegen.

Ich sage vielleicht; denn besteht in der That der wahre Nutzen überall und immer nur in dem, was man geschäftsmässig "gibt und nimmt"?

Kommt jene Bezeichnung nicht auch wohl den allgemeinen und höhern Gesichtspunkten zu, welche uns den Weg erhellen, dass wir nicht irre gehen?

An dem technischen Können, wie überhaupt an der Menge der Güter mangelt es ja unserem, im Zeichen der "Ueberproduktion" stehenden Zeitalter nicht.

Was uns dagegen so dringend fehlt, das ist das verloren gegangene Gleichgewicht zwischen Produktion und Consumtion. Woran wir leiden, das ist der Mangel eines geordneten Blutumlaufes im socialen Körper. Und was wir demgemäss, als uns am nützlichsten, suchen, das ist der Leitstern, der Kompass, der uns aus der herrschenden Verwirrung hinausführen soll.

Nach diesem Kompass forschte schon die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts mit Einschluss der Physiokraten; nach ihm forschte auch die Oekonomische Gesellschaft in Bern. Man glaubte ihn damals gefunden zu haben. In der "Natur" schien der Stein der Weisen entdeckt zu sein, der das Menschengeschlecht in alle Glückseligkeit leite. Es war ein Irrthum!

Drohender denn je stehen heutzutage die socialen Fragen am Himmel, und wir können bereits das Wetterleuchten sehen für ein, wer weiss wann hereinbrechendes, schweres gesellschaftliches Gewitter.

Wird uns diese Stunde vorbereitet treffen?

Auch wir suchen diese Vorbereitung in Wissenschaft und Philosophie. Aber in jener Philosophie, welche aus ihrer metaphysischen Höhe herabsteigt und eine Fackel werden will für das Bedürfnissleben der grossen Masse des Volkes.

Mit Entsetzen hat unsere Zeit gesehen, wohin es kommt, wenn die Wissenschaft sich in den oberen Regionen vornehm abschliesst, und der kleine Mann, der höheren Handreichung und Leitung entbehrend, förmlich dahin gedrängt wird, sich eine eigenen Gedanken über Recht oder Unrecht im Gesellschaftsleben zu machen.

Das Resultat war — die Philosophie des Dynamits!

Es ist das culturhistorische Verdienst der Physiokraten, zum ersten Male einen energischen Anlauf in der bis dahin vernachlässigten Richtung unternommen zu haben.

Und in diesem Sinne umschliessen die oft bespöttelten Worte unseres Mirabeau, bei der Todtenfeier seines im Dezember 1774 verstorbenen Meisters, doch einen tieferen Kern:

"Sokrates — so sprach er — liess die Moral herabsteigen vom Himmel, unser Meister liess sie keimen auf Erden. Die Moral des Himmels vergnügte nur bevorzugte Geister, die des Reinertrags (produit net) verspricht allen Kindern der Menschen Brod."

Die Physiokraten sind dadurch die Schöpfer der Wissenschaft der Nationalökonomie geworden, die zwar in unseren Tagen nicht mehr dem Wahne huldigt, den gesellschaftlichen Stein der Weisen gefunden zu haben, oder ihn jemals finden zu können.

Die sociale Frage, mit allen ihren unendlichen Verzweigungen, kann ja niemals mit Einem Schlage, noch nach einem fertigen Rezepte gelöst werden. Sie ist von jedermann, je am besonderen Orte täglich, ja stündlich neu zu lösen, angetrieben durch die nie versiegende Kraft eines allen Undank und alle Enttäuschungen überdauernden guten Willens.

Aber dazu muss man vorbereitet sein.

Und darum ist das Studium der Nationalökonomie. das wahrlich kein leichtes ist, dem Bereiche des freien Beliebens und der bloss modischen Beschäftigung, wie das bis zu einem gewissen Grade im vorigen Jahrhundert noch der Fall war, aber auch sein konnte, für die Gegenwart entzogen.

Es ist jetzt zur allgemeinen Pflicht geworden.

Ist doch übrigens schon die Vergangenheit überreich an Beispielen dafür, dass der ökonomisch gebildete Staatsmann unendlich viel voraus hat vor allen Jenen, welche dieser Vorbereitung entbehren!

Glauben Sie etwa, der jüngere Mirabeau, der mit seinem Glanze nachher den Vater so weit überstrahlte, dass dieser fast dahinter verschwand — glauben Sie, der Graf Honoré Gabriel de Mirabeau hätte jener gewaltige und gefürchtete Redner werden können, ohne die nationalökonomischen Kenntnisse, welche er der strengen, ja oft grausamen Zucht seines Vaters verdankte?

Was war denn die tiefere Ursache für die heftigen Zerwürfnisse zwischen Vater und Sohn, welche im vorigen Jahrhundert das Aufsehen der ganzen Welt erregten?

Nicht die Liebeshändel allein! Denn in diesem Punkte hatten sich Beide nicht viel, oder besser gesagt, ziemlich gleich viel vorzuwerfen.

Was den Vater mit so aufrichtigem Kummer erfüllte, war der Umstand, dass der Stammhalter seines Hauses so überaus wenig Lust zu verspüren schien, sich durch eine geregelte Lebenshaltung und ein methodisches nationalökonomisches Studium zu jenem Amte zu befähigen, welches dem Verfasser des Ami des hommes stets als das, freilich nie erreichte, Ideal vorgeschwebt hatte, zu dem Amte eines ersten Rathgebers der Krone.

"Sage deinem Neffen, dem Teufelsjungen — so schrieb er im Jahre 1770 an seinen Bruder, den Bailli von Mirabeau in dessen Umgebung sich der Sohn gerade aufhielt — sage deinem Neffen, dass derjenige, der nach mir meinen Namen erbt, entweder ein Dummkopf oder ein Staatsminister werden muss

Und jene berüchtigte 3 1/2 ,jährige Gefangenhaltung im Schlossthurme zu Vincennes, obgleich durch andere Umstände veranlasst, sollte doch auch dem Nebenzwecke dienen, an dem Sohne mit Gewalt dasjenige zu Stande zu bringen, wozu sich der brausköpfige Sprössling freiwillig niemals herbeigelassen haben würde, einen zwangsweisen Bildungsgang zu jenem hohen Ziele.

Und sie hat es zu Stande gebracht!

Nicht wohl kann man etwas Rührenderes lesen als die tief dankbaren Zeilen, mit welchen der Sohn sein mit Hülfe Mauvillon's ausgearbeitetes, ökonomisch-statistisches Werk über die Preussische Monarchie, 37) das im Jahre 1788 erschien, dem Vater widmete:

"Je mehr ich in der Arbeit voranschritt, desto mehr fühlte ich, dass es sich ziemen würde, Ihnen dieses Werk zu widmen, nicht nur als einem der hervorragendsten Autoren und selbst Mitbegründer jener schönen Wissenschaft der politischen Oekonomie, welche dereinst das Glück der Welt bewirken wird, sondern auch, mein Vater, um durch diese ehrenwerthe Leistung meines gereiften Alters die Sorgen ein wenig zu vergelten, welche Ihnen meine stürmische Jugend verursacht hat. Es kann Ihnen nicht gleichgültig sein, zu sehen, dass ich ein wirklich nützlicher Mensch werde. Dieser Gedanke, der meine Hoffnung und mein Trost ist, flösst mir den Muth ein, Autor und Werk Ihnen zu Füssen zu legen."

Man kann sich die Freudenthränen des alten Marquis vorstellen, als er das in vier Quartbänden erschienene, in mancher Hinsicht noch heute mustergültige Werk empfing, woraus er die Ueberzeugung schöpfen und bald auch, als er

am 13. Juli 1789 starb, mit in's Grab nehmen durfte, dass sein verloren, ja verworfen geglaubter Sohn, der Träger seines ehrlichen Namens, ein in seinen Augen "nützlicher Mensch" geworden.

Und wenn nun zwei so harte Köpfe wie der ältere und jüngere Mirabeau auf dem nationalökonomischen Gebiete schliesslich einen Punkt fanden, wo sie sich versöhnt die Hand reichten, sollte nicht auch für zwei so zähe Naturen wie Alt-Bern und Jung-Bern hier ein Boden gewonnen werden können, wo man, alten, politischen Haders vergessend, sich zur gemeinsamen Lösung der neu erwachten socialen Probleme wieder zusammenfände?

Die Zeit drängt, die Zeit droht! —

Und mit dem Wunsche, dass es mir beschieden sein möge, durch das vor Ihnen aufgerollte Bild aus der Vergangenheit Ihres einst so stolz dastehenden Gemeinwesens ein Schärflein zu diesem auf's innigste zu wünschenden Ziele beizutragen, schliesse ich diesen Rückblick auf eine zwar wenig mehr beachtete, darum aber gewiss nicht am wenigsten lehrreiche Periode bernischer Culturgeschichte.

Anmerkungen.

mit einer Einleitung von M. Rouxel veranstaltet worden. Die Mühe welche sich Rouxel hier gibt, Mirabeau gemäss diesem Werke als den Schöpfer der Nationalökonomie als Wissenschaft hinzustellen, kann als verfehlt angesehen werden. Dagegen darf man ihm Recht geben, wenn er meint, Mirabeau habe durch seine Verbindung mit Quesnay für seinen Theil eher verloren als gewonnen.

3. Niklaus Emanuel Tscharner, 1724-94, besuchte mit seinem Bruder Vincenz Bernhard zur gelehrten und staatsmännischen Bildung fremde Universitäten und Länder; 1764 Mitglied des Grossen Raths, 1767 Obervogt zu Schenkenberg, wo er sich um die ökonomische und moralische Hebung seines Bezirks durch menschenfreundliche Thätigkeit und zweckmässige Vorsorge dauernde Verdienste erwarb. Nach dem Auslaufe seiner Amtsverwaltung leistete er dem Staate in einer Menge von Behörden wichtige Dienste, war auch in den Genfer Wirren bernischer Repräsentant. Seinen aufgeklärten Bemühungen verdankte man das Gesetz von der Annahme neuer Bürger und die Errichtung der seither zu grosser Blüthe gelangten Dienstenkassa, der zweitältesten in Europa; für die landwirthschaftlichen Interessen wirkte er in der Oekonomischen Gesellschaft, deren Mitstifter und nachherigen Präsident er war, wie er auch einmal zum Vorsteher der helvetischen Gesellschaft erwähnt wurde. Im Jahr 1789 wurde er Mitglied des Kleinen Raths und 1792 Deutschseckelmeister. Tscharner verdiente wegen seiner trefflichen Eigenschaften als Mensch und Staatsmann, dass Pestalozzi ihn in seinem "Lienhard und Gertrud" zum Urbild seines "Arner" nahm, p. 297.

9) Als Theil lV der 4°Ausgabe von 1760. Die nachfolgenden Citate aus der Preisschrift Mirabeau's lehnen sich an die deutsche Veröffentlichung, wie sie in den beiden ersten Jahrgängen des Gesellschaftsorgans gegeben wurde, an. Da diese Ausgabe den wenigsten Lesern zugänglich sein dürfte und die Schrift nicht so umfangreich ist, dass die betreffenden Stellen nicht leicht gefunden werden könnten, so verzichte ich auf eine jedesmalige Ortsangabe der vorgeführten Sätze.

Rathaus-Ammann, dann zum Salz-Direktor von Bex und Roche ernannt; später übertrug man ihm die Stellen eines Schulraths, Sanitätsraths und Oberappellationsrichters, oft auch besondere Missionen, z. B. die Organisation der Akademie in Lausanne. Auch die Oekonomische Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Präsidenten. Die Gründung des städtischen Waisenhauses ist vorzüglich ihm zu verdanken. Seine unermüdliche Thätigkeit dauerte bis zu seinem Tode, dem er christlich erhaben, mit vollkommener Besinnung entgegenging, die Schlüge seines Pulses bis zum letzten beobachtend, p, 231.

de farine, et elle est moins bonne; celle des colonies qui passe les mers, se déprave facilement, et ne peut se conserver que fort peu de tems; celle qu'on exporte de France est préférée, parce qu'elle est plus profitable, qu'elle fait de meilleur pain, et qu'on peut la garder long-tems. Ainsi nos blés et nos farines seront toujours mieux vendus à l'étranger. Mais une autre raison qui doit tranquilliser, c'est que l'agriculture ne peut pas augmenter dans les colonies sans que la population et la consommation des grains n'y augmente à proportion; ainsi leur superflu n'y augmentera pas en raison de l'accroissement de l'agriculture.»

notables, membre de la première Constituante et du conseil des Anciens, était en 1783 un jeune homme de vingt-trois ans, qui s'occupait de littérature et qui correspondait avec Voltaire, lorsqu'il fut mis en rapport avec le marquis de Mirabeau. Dupont, dit le marquis dans une lettre inédite à son ami Longo, du 25 novembre 1777, fut mon premier élève, et il l'est dès l'année 1763. Je dis mon, parce que ce fut à moi qu'il s'adressa d'abord; car d'ailleurs je l'envoyai au docteur Quesnay, qui s'en chargea, le dérouilla de toute la crasse du bel esprit, le contraria, le désespéra avec une bonté et un zèle sans égal, et en fit un plongeur, d'un nageur qu'il était. Vers la fin de 1765, l'abbé Morellet le fit charger du Journal de l'agriculture, du commerce et des finances, qu'on lui offrait, disant: «C'est un jeune homme, mais je le soutiendrai.» Le jeune homme était dès lors plus fort que l'autre ne le sera jamais. C'est de Dupont, par parenthèse, que le docteur me disait ce mot digne de mémoire: Il faut soigner ce jeune homme, car il parlera quand nous serons morts. L'excellent homme n'imaginait pas alors le grand nombre de parleurs que nous lui avons faits depuis. Aussitôt nanti d'un champ de bataille, Dupont commença l'escrime.» Loménie II. p. 246.

Schreiben Iferten Praefecto A. Man. 282. Unlängstens soll zu Iferten abgeteuft und öffentlich aufgegeben worden seyn ein Mémoire sub titulo: Essay sur la population, par Monsieur Muret, welchem verschiedene Tabellen über die Population beygefügt sich befinden. Wie nun daran gelegen, zu wüssen von wemme ein solches dem Buchdrucker übergeben worden, so werde er anmit befelchnet, ohne Anstand den Buchdrucker vor sich zu bescheiden, denselben alles Ernsts darüber zu vernemmen und dessen Aussage alsogleich und mit Befürderung Ihr Gnaden zu weiterer Verordnung zu überschreiben. Schreiben, Vivis. Es haben zwar M. G. H. aus dem Vortrag M. G. H. der Geheimbden Räthen zu vernemmen gehabt, auf welche Weise sich der erste Pfarrer in Vivis, Maitre Muret, in betreff des von ihm verfertigten Mémoire sur la population verantwortet. In bedenken aber dieses Mémoire noch ins besondere unter dem Titel: Essay s. l. p. par Monsieur Muret in Iferten in einem besonderen Band abgetruckt worden, mithin billig zu vermuthen, dass solcher Druck von ihm, Muret, anbefohlen worden, So werde Er nochmahlen den besagten Hrn. Muret über dieses Emergens alles Ernstes befragen, und den darüber erhaltenden Bericht M. G. H. mit aller Befürderung zu überschreiben. Wie zu thun." Der hier begehrte Bericht des Landvogtes von Vivis (Vevay) ist nicht vorhanden. Ebenso fehlt jede spätere Nachricht über eine Verhandlung des Rathes über diese Angelegenheit.