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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Ueber Gymnasial- und Universtätsbildung und deren Bedeutung für den Mediciner .

Rede gehalten

am 29. April 1886, dem Stiftungstage
der
Hochschule Zürich von
Dr. med. R. U. Krönlein,
o. Professor der Chirurgie d. Z. Rector .
Zürich 1886.
Verlag von Meyer & Zeller
(Reimmann'sche Buchhandlung) .

Druck von Schiller & Co. (B. Cotti), Zürich.

Hochgeehrte Versammlung!

Durch das Vertrauen meiner Amtsgenossen und der höchsten Behörde unseres Cantons zur Uebernahme des Rectorats unserer Hochschule während der beiden nächstfolgenden Studienjahre berufen, ist es meine erste Pflicht, allen Denjenigen, welche mich mit diesem Vertrauen beehrt haben, hier nochmals öffentlich meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen. Wenn auch die gesetzlichen Vorschriften dem academischen Senat freie Hand lassen, den Rector aus seiner Mitte ohne Rücksicht auf die einzelnen Facultäten zu wählen, so hat doch die Tradition meines Wissens den Usus sanctionirt, Amt und Würde des Rectors unter den einzelnen Facultäten nach ihrer gesetzlichen Aufeinanderfolge wandern zu lassen; und so verdanke ich die hohe Ehre, heute beim Beginn des neuen Studienjahres hier zu Ihnen sprechen zu dürfen, wohl in erster Linie der Eigenschaft, Mitglied der zur Führung der Geschäfte bestimmten medicinischen Facultät zu sein.

So ist schon durch diese äussere Ordnung der Dinge dem Gedanken Ausdruck gegeben, dass die verschiedenen Facultäten gleich berechtigte Glieder eines Ganzen, der Universitas sind, dass sie trotz ihres verschiedenen Arbeitsgebietes in schwesterlicher Eintracht als Töchter derselben Alma mater einem einheitlichen Ziele zustreben und dass die Gesetze und Interessen der Hochschule in gleicher

Weise gewahrt werden können, möge nun der Theologe oder der Jurist, der Mediciner oder der Philosoph das Scepter der Anstalt führen.

Und dieser Gedanke ist vollkommen richtig. Denn die Universität, wie sie einstens nach deutschem Vorbilde in Zürich gegründet worden ist, wie sie heute noch besteht und wie sie hoffentlich noch lange Zeit bestehen wird, ist nicht nur ein blosses Conglomerat so und so vieler verschiedener Fachschulen, locker nur zusammengefügt und verbunden durch den äusseren Kitt gleicher materieller Bedürfnisse und gleicher Befriedigung dieser Bedürfnisse durch eine und dieselbe hohe Behörde. Ich möchte vielmehr die Hochschule in ihrer idealen Bedeutung vergleichen einem glänzenden Gestirn, welches nach verschiedenen Richtungen hin seine Licht- und Wärmestrahlen aussendet, die mannigfachsten Keime weckt und belebt und je nach der individuellen Anlage zahlreiche Blüthen und Früchte zeitigt, die zunächst dem Lande zu Gute kommen, welches dieses Gestirn bescheint. Oder, um ein anderes, schon oft gebrauchtes Bild ebenfalls anzuführen: ich möchte die Universität vergleichen einem kräftigen Baume mit vielen Aesten und Zweigen, allesammt einer mächtigen Krone zur Stütze dienend. Aber mögen die letzten Zweige auch weit auseinandergehen, sie verdanken doch alle ihre Kraft und Nahrung derselben Wurzel und ihre Blätter und Blüthen erfreuen sich desselben Lichtes. Wohl mag ein Ast den anderen zeitweise überragen und beschatten; allein ein harmonisches Bild erwächst doch erst aus der gleichmässigen Entwicklung aller zugleich und eine solche zu fördern, wird stets die Aufgabe des Gärtners sein, indem er Wurzel und Stamm, Aesten und Krone gleich sorgsame Pflege angedeihen lässt.

Wir wollen diese Bilder nicht weiter vermehren. Was sie uns verdeutlichen sollen, das ist, dass die Universität nach deutschem Muster einen einheitlichen Organismus darstellt, eine untheilbare höchste Bildungsanstalt, in deren verschiedenen Theilen dasselbe Leben pulsirt, derselbe Geist herrscht. Mögen auch Objecte, Methoden und Ziele der Forschung und Lehre bei den einzelnen Facultäten noch so verschieden sein, was Lehrer und Lernende immer wieder zusammen führt, das ist das gemeinsame Band der freien und uneigennützigen Liebe zur Wahrheit und Wissenschaft, der gemeinsame Drang nach geistiger Bildung, die gleiche Begeisterung für das Edelste und Schönste, was Menschengeist gedacht und geschaffen, das ist endlich die uns Allen verbürgte Freiheit der Forschung, des Lehrens und des Lernens. — Dies ist es, was die Universitäten deutscher Zunge gross und berühmt gemacht hat; dies ist's auch, was dem alternden Academiker die Erinnerung an die früheren Studienjahre allzeit so lieb und theuer erhält; dies ist's endlich, was unsere studirende Jugend so oft und so schön besingt:

"Der süsse Traum der Jugendjahre",

von dem der Sänger wünschen möchte, dass er noch einmal wiederkehre!

Wenn ich, hochgeehrte Versammlung, den heutigen Anlass dazu benützte, zunächst das Lob der Hochschule als einer Universitas omnium litterarum anzustimmen und weiter hervorzuheben, dass in der Gleichstellung der verschiedenen Facultäten und in ihrer Zusammengehörigkeit ebenso charakteristische wie bedeutsame Eigenschaften der Universität zu erblicken seien, so bin ich dabei nicht etwa nur dem Beispiele gefolgt, welches hochangesehene Vertreter anderer

Hochschulen mir wohl hätten geben können, indem auch sie bei ähnlichen Anlässen, wie der heutige, oft genug denselben Gedanken Ausdruck verliehen haben. Nein! Für mich lag eine Veranlassung zu einer solchen Aeusserung viel näher; der Grund ist ein actueller, ich möchte fast sagen, für mich, als ein Mitglied der medicinischen Facultät, zwingender, wie sich aus dem Zusammenhang meiner Rede ohne Weiteres ergeben wird.

Allein, wenn auch das Thema, das ich für die heutige Rede gewählt habe, vielleicht mehr nach der medicinischen Seite gravitirt als nach irgend einer anderen, so fürchte ich doch nicht, von Ihnen den Vorwurf hören zu müssen, nur pro domo gesprochen zu haben. Es müsste denn sein, dass Sie unter dem Hause die ganze academische Familie verstehen wollen, welche heute ihre Vertreter hierher gesendet hat — und in diesem Sinne könnte ich mir einen solchen, etwa von fremder, ausserhalb des Hauses stehender Seite erhobenen Vorwurf wohl gefallen lassen.

Das Gebiet, auf welches mich mein heutiges Thema führt, berührt uns Alle. Denn die Fragen, die Sie und mich für kurze Zeit beschäftigen werden, betreffen die Bildung und Vorbildung unserer academischen Jugend, insbesondere der Medicin Studirenden. Sie begreifen somit ein Problem, von dessen glücklicher oder unglücklicher Lösung dereinst einmal leicht das Wohl und Wehe unserer Hochschule abhängen könnte; sie ziehen aber auch noch weitere Kreise in ihr Interesse. Denn da sie sich mit der Vorbildung unserer Studirenden beschäftigen, so pochen sie nothwendig auch an die Pforten unserer Mittelschulen, insbesondere unserer Gymnasien, indem sowohl deren gegenwärtige als auch deren von verschiedener Seite für die Zukunft

geplante Organisation einer Prüfung unterworfen werden muss. Endlich aber, da für keine andere Wissenschaft mehr als für die Medicin das Wort Geltung hat: "Non scholae, sed vitae discimus", müssen diese Fragen, soweit sie sich auf den Mediciner beziehen, auch jene weiten Kreise interessiren, welche, sozusagen, die medicinische Wissenschaft und Kunst in der Diaspora vertreten oder mit ihr wenigstens in enger Fühlung stehen: ich meine das Gros der practischen Aerzte, dann die Gesundheitsbehörden und in letzter Linie unser Volk selbst. In der That scheint gerade in unserem demokratischen Staate die Frage der medicinischen Bildung und Vorbildung demnächst vor diesem weiten Forum einer Verhandlung sich unterziehen zu sollen.

Ehe ich aber unser Thema vom Standpunkte des Mediciners näher beleuchte, dürfte es sich zum Zwecke besserer Orientirung empfehlen, dass wir uns für einige Augenblicke ganz im Allgemeinen mit derjenigen Unterrichtsanstalt beschäftigen, welche bis auf den heutigen Tag als die einzig berechtigte Vorbereitungsanstalt zur Universität gilt, d. i. dem Gymnasium.

Diesen Charakter besitzt das Gymnasium bekanntlich für den künftigen Theologen ebenso wohl wie für den künftigen Juristen, für den späteren Mediciner nicht minder wie für den angehenden Philosophen. Das Gymnasium soll eben für die Universität in ihrem ganzen Umfange vorbereiten; es hat insofern einen encyclopädischen Charakter.

So lange als das Latein die Umgangssprache aller höher Gebildeten war, konnte es nicht befremden, dass die Hauptaufgabe der Gymnasien darin gesucht wurde, tüchtige Lateiner heranzubilden; das Gymnasium war eine Lateinschule, die Jeder passiren musste, sollte ihm nicht der Weg

zu höherer Bildung gänzlich verschlossen bleiben. Sehr bald kam dann das Griechische hinzu. Erst später aber und allmälig wurden diesen Hauptunterrichtsgegenständen die Elemente anderer Wissenschaften, wie der Geschichte, der Mathematik, der Geographie, endlich der neueren Sprachen und der Naturkunde angereiht. Es ist nicht zu leugnen, dass über Gebühr lang die classischen Studien allzusehr prädominirt haben und dass insbesondere ob des Studiums der Sprachen des Alterthums dasjenige der eigenen Muttersprache auf Schule und Universität schwer vernachlässigt worden ist. Wie mächtig die Tradition bis in die neueste Zeit wirkte, geht ja schon daraus hervor, dass noch vor wenig Decennien an mancher deutschen Hochschule eine Antrittsrede, wie die heutige, in mehr oder weniger classischem Latein gehalten werden musste; ja ich greife nur auf meine eigene Erfahrung zurück, wenn ich sage, dass sogar noch im Jahre 1875 an der ersten deutschen Universität ein Docent der Medicin seine Praelectio in der Sprache Cicero's und Caesar's zu halten verpflichtet war. Nun! Für eminente Lateiner haben wir uns gleichwohl damals nicht gehalten; im Bewusstsein seiner classischen Infirmität hat sogar Mancher von uns die wohlwollende Unterstützung philologischer Freunde nicht verschmäht und jedenfalls kann man nicht behaupten, dass irgend Jemand etwas dagegen einzuwenden hatte, als sehr bald nachher dieser mittelalterliche Zopf ex radice exstirpirt wurde.

Heute gilt es als etwas Selbstverständliches, dass an den Hochschulen deutscher Zunge Vorlesungen und Reden deutsch gehalten werden. Das Latein, sofern es nicht etwa selbst den Unterrichtsgegenstand bildet, ist aus den Hörsäälen verbannt und. nur der lebensfrohe Studiosus ist so conservativ und pietätvoll geblieben, dass er glaubt, des lateinischen

Idioms bei gewissen festlichen Anlässen und Exercitien nicht ganz entrathen zu können.

So lehrt ein auch nur flüchtiger Rückblick auf die Geschichte unserer Gymnasien, dass dieselben doch nicht so ganz in mittelalterlicher Schablone erstarrt geblieben, dass sie vielmehr schon seit Jahrhunderten in langsamer Umbildung begriffen gewesen sind und dass namentlich seit dem vorigen Jahrhundert und zumal in der Gegenwart das Bestreben vielerorts zu Tage getreten ist, den grossen Anforderungen gerecht zu werden, welche das moderne Leben und die rastlos sich entwickelnden und vermehrenden Wissenschaften an sie stellen. Freilich sollte bei allen diesen Reformen der historische Charakter einer für die gesammte Universität vorbereitenden Anstalt dem Gymnasium unbedingt erhalten bleiben.

Wohl mag zugestanden werden, dass diese Fortentwicklung, diese Accommodation des Gymnasiums an die realen Bedürfnisse des Lebens eine langsame und nicht zu allen Zeiten gleichmässige und befriedigende war; ebenso soll nicht bestritten werden, dass manche Gymnasien, befangen in der Tradition ihrer ursprünglichen Aufgabe, das Schlagen der Zeitenuhr lange überhört haben. Allein eine geringe Vertiefung in diese wichtige Materie verräth es doch, wenn hie und da die Meinung ausgesprochen wird, dass es ein überaus Leichtes sei, die Gymnasien mit Einem Schlage zu reformiren und auf die Höhe ihrer modernen Aufgabe zu heben, dass man sie zu diesem Zwecke ja bloss ihres historischen Charakters berauben und die classischen Studien in demselben Maasse kürzen oder ganz ausmerzen müsse, als es zweckmässig erscheine, für die Betreibung der Realwissenschaften Zeit und Mittel zu gewinnen.

So einfach liegt die Sache denn doch wohl nicht. Gerade die reiche Literatur, welche aus dem neu entbrannten Streite zwischen Humanismus und Realismus in den Gymnasien erwachsen ist, zeigt jedem Unbefangenen zur Genüge, wie leicht zwar eine abfällige Kritik der bisherigen Leistungen dieser Unterrichtsanstalten dem Einen und Andern geworden ist, wie schwierig aber auf der andern Seite die Aufgabe sich gestaltet, sobald nur der einfachste Versuch gemacht werden soll, durch positive Rathschläge die Mängel und Fehler in der Organisation unseres Gymnasiums zu beseitigen und die Anstalt in ihrem Jahrhunderte umfassenden Entwicklungsgang einen Schritt weiter zu führen.

Dass das Bedürfniss nach einer Reform unserer Gymnasien gerade jetzt in weiten Kreisen empfunden wird, kann meines Erachtens nicht ohne Weiteres als ein Beweis dafür angeführt werden, dass gerade die Gymnasien mehr als andere gleich gestellte Unterrichtsanstalten hinter ihrer Zeit zurückgeblieben seien; wenigstens möchte ich, einer solchen Auffassung gegenüber, unsere schweizerischen Gymnasien, so weit ich sie aus eigener Anschauung kenne, ganz entschieden in Schutz nehmen. Ein grosser Theil der Klagen, manche ungünstige Urtheile, von competenter Seite gefällt, beziehen sich speziell auf die Organisation und den Studienplan deutscher, um nicht zu sagen, norddeutscher Gymnasien und mögen dort vielleicht ihre Berechtigung haben; oder aber, sie datiren aus jener Zeit, wo in der That das Gymnasium fast noch ganz die alte Lateinschule war. Wenn ein Klopstock, ein Herder, ein Alexander von Humboldt die Gymnasien ob ihrer blos lateinischen Erziehung verurtheilt haben, so hatten sie doch immer nur die Schulen ihrer Zeit im Auge. Wer aber wollte

leugnen, dass das Gymnasium des 9. Decenniums des 19. Jahrhunderts trotz all' seiner Mängel von jenen Lateinschulen himmelweit verschieden ist? — Es ist daher unsinnig, wenn sogar in neuesten deutschen Schriften diese Geistesheroen immer und immer wieder .gegen das moderne Gymnasium in's Treffen geführt werden und doppelt unsinnig, wenn Solches in unserem Lande kritiklos nachgesprochen wird.

Ein anderer Theil der Klagen über unsere Gymnasien erfordert aber ganz gewiss ernste Berücksichtigung, obwohl ich auch hier der Meinung bin, dass nicht sowohl ein Stehenbleiben in alten, ausgetretenen Geleisen, als vielmehr die fast erdrückende Fülle des Unterrichtsstoffes das Gymnasium unserer Tage in eine gewisse Nothlage gebracht hat. Es mag vielleicht Manchem etwas ungewohnt klingen, wenn ein Mediciner, zumal ein Vertreter einer so eminent practischen Wissenschaft, wie die Chirurgie sie unbestritten ist, für unsere Gymnasialbildung ein so mildes Urtheil besitzt; es mag auch sein, dass die dankbare Erinnerung an seine einstigen Lehrer und an die Stätte, wo er sich für seine Universitätsstudien vorbereitete, seinem Urtheil eine etwas all' zu subjective Färbung verleiht; allein ich bin Optimist genug, zu glauben, dass diese dankbare Gesinnung bei ehemaligen Gymnasianern des Oeftern sich finde und dass wir jenen unglücklichen Philologen nur bedauern können, welchen seine Erfahrungen veranlasst haben, noch neuerdings das Gymnasium als "einen Hohn auf alle Wissenschaft und Vernunft, selbst auf den gesunden Menschenverstand, als eine Schmach für das neunzehnte Jahrhundert" zu brandmarken. Ich habe leider aus dem Pamphlete nicht ersehen können, auf welchem Gymnasium der beklagenswerthe Autor seine trüben Erfahrungen zu sammeln genöthigt

war; eine wilde Verzweiflung scheint sich seiner Seele bemächtigt zu haben.

Niemals zu irgend einer früheren Zeit — so behaupten wir — ist dem Gymnasium die ihm durch die Geschichte zugetheilte Aufgabe so schwer geworden wie heute. Das Gymnasium soll den Theologen, den Juristen, den Staatsmann, den Mediciner, den Naturforscher, den Philosophen für seine Spezialstudien vorbereiten; es soll aber nicht minder Rücksicht nehmen auf die realen Bedürfnisse des Lebens, es soll seine Schüler geschickt machen, im Zeitalter der Eisenbahnen und des Telegraphen, des Telephons und des electrischen Lichts, des immensen internationalen Verkehrs und des Welthandels, eine angesehene Stellung dereinst zu bekleiden; es soll aber auch den Jüngling an Geist und Körper gesund erhalten und in ihm den Sinn für das Ideale wecken und pflegen! Fürwahr, eine Aufgabe, Götter würdig! —Und doch sind die Lehrer unserer Gymnasien auch nur Menschen! der Staat, dem sie, wie wir Alle, dienen, nicht unbeschränkt in seinen Mitteln, die Schüler endlich so ausserordentlich verschieden in natürlicher Anlage und Energie, in ihrem Können und Wollen! — Das Bild vom biblischen Säemann gilt auch hier: Er geht aus zu säen, aber Einiges von seinem Samen fällt auf felsigen Boden, Einiges unter Dornen und Hecken, Einiges aber auf gutes Land! —Wer die Classen eines Gymnasiums von Stufe zu Stufe verfolgt und wahrnimmt, wie mit jedem höheren Jahrgange die Zahl der Schüler sich lichtet, Der wird Gelegenheit haben, dieses Bild noch weiter zu vervollständigen. Wie mancher Keim erstirbt trotz des günstigsten Bodens, weil ihm die vitale geistige Kraft nie innewohnte, wie manch' anderer vegetirt kümmerlich, nothdürftig

nur genährt durch künstliche Mittel; wie relativ wenige erreichen zur Freude des Säemanns die volle Reife!

Woran unsere heutigen Gymnasien kranken, ist sicherlich nicht eine Einseitigkeit in den Zielen, deren Erreichung sie sich zur Aufgabe gemacht haben, sondern vielmehr die ungeheure Mannigfaltigkeit der Aufgaben, welche ihnen das in so vielen Adern pulsirende Leben der Gegenwart geradezu aufgezwungen hat. Dazu kommt freilich noch ein Anderes! Das ist der Realismus unserer Zeitströmung, welcher nur zu schnell geneigt ist, die classischen Studien als unnützen Ballast zu betrachten, den man ohne Bedauern über Bord werfen könne, und welcher consequenterweise, bei einer wirklichen oder nur vermeinten Ueberbürdung der Schüler, eine Reduction des Unterrichts speziell in jenen Disciplinen verlangt, die mehr auf die Gewinnung einer formalen, als einer materiellen allgemeinen Bildung hinarbeiten. Kein Wunder! wenn bei solcher Sachlage leicht sehr ernste Conflicte entstehen!

Ueberbürdung der Schüler mit unnützen Aufgaben und Verkennen der practischen Aufgaben, welche die Gegenwart an den künftigen Staatsbürger stellt — das sind so ungefähr die Schlagwörter, mit welchen die Angriffe auf die Gymnasien von vielen Seiten eröffnet werden.

Ueberbürdung der Schüler unserer Gymnasien! —Kaum zu irgend einer andern Zeit hätte dieser Vorwurf einen günstigeren Boden finden können als gerade jetzt, wo die Schulhygiene in medicinischen, pädagogischen und politischen Zeitschriften einen ständigen Artikel bildet und mit den weitgehendsten sanitarischen Forderungen keineswegs gekargt wird. In der That ist dieser Vorwurf sofort von vielen Seiten aufgegriffen und von Einzelnen auch etwas näher präcisirt worden: Die Ueberbürdung der Jugend auf

unseren Gymnasien sollte die Ursache sein, wesshalb so viele junge Männer zum Militärdienst untauglich befunden werden; des Ferneren sollten Zunahme der Kurzsichtigkeit, allgemeine Erschlaffung, ja sogar Zunahme von Geisteskrankheiten und Selbstmord unter den Schülern der höhern Lehranstalten die Folgen dieser verderblichen Ueberbürdung und "des Widerstreits zwischen den Anforderungen der Schule und denjenigen des realen Lebens" sein.

Bei dem Gewicht, welches solche Anklagen nothwendigerweise haben, müssen wir es geradezu als ein Glück bezeichnen, dass eine so competente Behörde, wie die wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen in Berlin, von ihrem Ministerium vor Kurzem den Auftrag erhalten hat, in der Ueberbürdungsangelegenheit ihr Gutachten abzugeben und nicht minder, dass zwei Autoritäten von dem Range eines Virchow und Westphal dieses Gutachten verfasst haben. Geht nun zunächst aus dem Letztern nur hervor, dass es ebenso leicht und billig ist, solche allgemeine Urtheile auszusprechen als ungeheuer schwer, sie auf ihre Richtigkeit wissenschaftlich zu prüfen, so sind doch die beiden genannten Forscher in ihrer Schrift auch zu einigen positiven Resultaten gekommen. Diese Resultate aber können allen Denjenigen, welchen das Gedeihen unserer Gymnasien und das geistige und körperliche Wohl unserer Gymnasianer am Herzen liegt, nur hochwillkommen sein. In der gründlichen und ruhigen Weise, welche die wissenschaftlichen Arbeiten der beiden genannten Männer auszeichnet, haben sie den Nachweis geliefert, dass nach dem bis jetzt vorliegenden Actenmaterial den oben angeführten Klagen über Ueberbürdung der Schüler an den höhern Lehranstalten eine positive Grundlage insofern abgeht, als nachgewiesen werden konnte, dass weder die Untauglichkeit

zum Militärdienst, noch das Vorkommen von Geisteskrankheiten, noch die Zahl der Selbstmorde bei den Schülern der höhern Lehranstalten auch nur im Mindesten grössere Frequenzziffern aufweist als bei gleichaltrigen Individuen anderer Kategorieen. Ja sogar die Kurzsichtigkeit, welche bei den Schülern der höhern Lehranstalten entschieden stärker vertreten ist als rn den parallelen Altersklassen derselben Bevölkerung, darf darum doch nicht ohne Weiteres als ein Symptom der Ueberbürdung erklärt werden, indem noch keineswegs durch die bisherigen Untersuchungen festgestellt ist, wie viel zu diesem unbestrittenen Factum "die Schule im engem Sinne beiträgt und wie viel auch ausserhalb der Schule gesündigt wird".

So misslich steht es zum Glücke mit den wissenschaftlichen Beweisen für die Existenz der Ueberbürdung an den Gymnasien. Und wenn auch gerne zugegeben werden soll, dass obige Untersuchungen sich ausschliesslich auf deutsche höhere Lehranstalten beziehen und nicht auf schweizerische, so kann ich mich doch nicht enthalten, hier wiederum, wie schon früher, hervorzuheben, dass sicherlich unsere heimatlichen Schulen, wie in manch' anderer, so auch in sanitarischer Beziehung einen Vergleich mit den ausländischen sehr wohl aushalten.

Wäre es nicht gefährlich, aus ganz individuellen Erfahrungen ein allgemeines Urtheil sich zu bilden, so könnten freilich die Meisten von uns die Frage der Ueberbürdung auf unseren Gymnasien nach dem Maassstabe ihrer eigenen Erlebnisse beantworten. Vielleicht würde dann von den Einen die Frage bejaht, von den Anderen — und diesen Letzteren möchte ich mich hinzuzählen — verneint. Jedenfalls würde eine solche Personalenquête verschiedene Resultate ergeben, verschieden einmal nach dem Ort und

der Zeit, an welche der Einzelne seine Erinnerung zu knüpfen in der Lage wäre, verschieden aber auch nach der individuellen Anlage und Begabung.

Gerade in diesem letzten Punkte liegt, wie das Gutachten der wissenschaftlichen Deputation mit Recht hervorhebt, die grosse Schwierigkeit für eine wirklich wissenschaftliche Untersuchung der Ueberbürdungsfrage. Denn es gibt kein constantes Maass, wonach "die Grenze zwischen Ueberbürdung und zulässiger Belastung bestimmt werden kann"; oder — um in der Sprache der Physik mich auszudrücken — es ist ganz und gar unmöglich, eine bestimmte Grösse als den normalen Coöfficienten für die körperliche und geistige Belastung unserer Gymnasianer aufzustellen. "Was in gewissen Fällen oder Zeiten zulässige Belastung ist, wird in anderen Ueberbürdung." "Die Zeichen, dass letztere eingetreten ist, ergeben sich aber erst nachträglich aus der Beobachtung."

In der Verschiedenheit der individuellen Anlage und Begabung liegt aber weiter, für den Schulmann wie für den Arzt, die Schwierigkeit, der Ueberbürdungskrankheit durch allgemeine Vorschriften in jedem Falle vorzubeugen. Gewiss! Man vermeide die Ueberfüllung der einzelnen Schulklassen und reducire möglichst die häuslichen Arbeiten, deren Bedürfniss oft genug gerade aus dieser Ueberfüllung oder aber aus einer falschen Methode des Unterrichts hervorgeht. Gewiss! Man sorge für Erholungspausen zwischen den einzelnen Lehrstunden, ja man gewähre vielleicht auch dem Gymnasium ohne Vorbehalt das weise Institut des "academischen Viertels" und bestimme für die Tagesarbeit ein in keinem Falle zu überschreitendes Arbeitsmaximum, einen "Normalarbeitstag", wenn Sie so wollen.

Alles das ist gut und heilsam und wird seine Früchte tragen, ebenso sicher wie die consequente Durchführung anderer hygieinischer Vorschriften, z. B. die Sorge für viel und reine Luft und reichliches Licht in den Schulzimmern.

Allein, so lange nicht ein Schüler gleich ist, wie der andere und so lange die Schule nicht die Macht hat, beschränkte, unbegabte Köpfe von den höheren Studien zurückzuhalten, sondern gezwungen ist, dieselben mit den begabten Schülern zugleich durch alle Klassen mit Ach und Krach hindurch zu schleppen, — so lange werden die Klagen über körperliche und geistige Verkrüppelung nicht ganz verstummen. Aber ein Unrecht ist es, wenn stets nur die Schule und ihre Organisation für solche Torturen verantwortlich gemacht wird. Wie weit richtiger wäre es oft, solche Klagen nicht an die Adresse der Lehrer, wohl aber an diejenige der Eltern zu richten, deren Stolz und Eitelkeit vielleicht allein den Ausschlag gaben, als sie den Entschluss fassten, aus ihrem talentlosen Sohne einen Gelehrten werden zu lassen.

Wichtiger noch als der Vorwurf der Ueberbürdung ist nun aber ein zweiter, welcher von einem Kritiker unserer Mittelschulen in drastischer Weise dahin formulirt wird: "die Schute, d. h. das Gymnasium, gibt seinen Zöglingen das, was sie nicht brauchen, dagegen das nicht, was ihnen nöthig ist." Und dass mit dem Unbrauchbaren die classische Bildung, mit dem Nothwendigen die moderne Bildung gemeint sei, braucht nach den bisherigen Ausführungen kaum noch besonders hervorgehoben zu werden. "Das Gymnasium ist keine Schule für's Leben, sondern eine unpractische Gelehrtenschule." "Die classischen Studien, Latein und Griechisch, behaupten leider hartnäckig ihre

prädominirende Stellung, während die Naturkunde und die modernen Sprachen nach wie vor das Aschenbrödel unserer gymnasialen Erziehung bilden." "Mag am Ende der künftige Theologe und Philologe dabei seine Rechnung zur Noth finden, was soll denn bei diesem veralteten System aus dem armen Juristen, und aus dem noch ärmeren Mediciner und Realisten werden!"

So und noch viel schlimmer lauten die Klagen, welche seit mehr als einem Decennium aus dem Lager der Gegner der gegenwärtigen Organisation unserer Gymnasien und — in gewissem Sinne — auch unserer Hochschulen ertönen!

Wollen Sie nicht von mir erwarten, dass ich in diesem heissen Kampfe der Streitfrage in ihrem ganzen Umfange näher trete; es würde dies den Rahmen einer Rectoratsrede weit überschreiten. Sei es mir vielmehr nur gestattet, diese Vorwürfe von dem Standpunkte des Mediciners, als des dabei am meisten Interessirten, kurz zu beleuchten.

Wunderbar! Wenn man die schweren Anklagen über Vernachlässigung der Naturwissenschaften und zum Theil auch der Mathematik an unseren Gymnasien hört und weiter vernimmt, dass gerade der Mediciner von dem unnützen Ballast classischer Bildung am meisten gedrückt werde — so möchte jeder Unbefangene glauben, dass sicherlich dieser Meistgeschädigte und Vernachlässigte der Urheber solcher Klagen sei, dass er in Wort und Schrift, in öffentlichen Versammlungen und Parlamenten, kurz bei jeder Gelegenheit diesen Krebsschaden der Gymnasialbildung aufzudecken trachte und sofortige Remedur verlange. Allein mit Nichten! Die Hauptrufer im Streite finden sich nicht im medicinischen Lager, sondern in anderen, wie mir scheinen will, vorzugsweise philologischen

und realistischen Kreisen! Und wunderbar ferner! Nach den traurigen Schilderungen, welche von dem Zustande der Gymnasien namentlich mit Rücksicht auf die Vorbildung der Mediciner gemacht werden, sollte man doch mit Recht glauben, dass jedenfalls in denjenigen Ländern, welchen die deutsche Gymnasialorganisation eigen ist, d. h. also in den deutschsprechenden Culturländern, der ärztliche Stand und in letzter Linie auch die ärztliche Wissenschaft lic schlimmen Folgen dieser verkehrten Bildung deutlich zur Schau tragen! Allein wiederum mit Nichten! Ohne Uebertreibung darf heutzutage behauptet werden, dass die deutsche Medicin und die deutschen Aerzte im edlen wissenschaftlichen Wettstreit der Länder und Nationen in vorderster Linie marschiren, ja dass von manchen Nationen, welchen die Organisation unserer Gymnasien und unserer Hochschulen etwas Fremdes ist, geradezu mit Bewunderung auf die Resultate dieser ihnen unbekannten Institutionen hingewiesen wird.

Bringen Sie diese beiden auf den ersten Blick verblüffenden Erscheinungen in genetischen Zusammenhang, so verlieren sie freilich den Charakter des Wunderbaren gänzlich! Die letztere Erscheinung erklärt zur Genüge die erstere. "Wo solche Früchte gezeitigt werden, da kann die Saat unmöglich so schlecht sein; wo die Wissenschaft eine solche Blüthe erreicht hat, da muss doch wohl auch die Methode des wissenschaftlichen Unterrichts etwas taugen." Das ist ungefähr die Logik, welche die meisten Aerzte und Lehrer der medicinischen Facultäten veranlasst hat, gegenüber den so laut ertönenden Klagen über die mangelhafte Vorbildung der Mediciner auf unseren Gymnasien sich etwas skeptisch zu verhalten. Und hierin liegt wiederum die Erklärung für das sonst überraschende Factum,

dass die von Aussen in's medicinische Lager geworfenen Brandfackeln bisher ein allgemeines Feuer nicht zu entzünden vermochten. "Ehe wir Altes, in manchen Stücken vielleicht Verbesserungsfähiges, im Ganzen aber Bewährtes und Erprobtes so leichter Hand über Bord werfen, möchten wir doch erst die Gabe etwas genauer besehen, welche die Neuerer uns darbieten wollen", so sagt sich der Eine und Andere. Dazu kommt noch, dass denn doch mancher Arzt, indem er auf seine eigene Jugend- und Studienzeit zurückblickt, findet, die Klagen, welche so allgemein über die heutige Gymnasialbildung geäussert werden, können speciell auf das Gymnasium keine Anwendung finden, welchem er selbst die 'Vorbereitung für sein Fachstudium verdankt. Er zieht daraus den Schluss, dass diese 'Vorwürfe in ihrer Allgemeinheit zum Mindesten ungerecht und in vielen Stücken übertrieben seien. — "Habe ich denn wirklich", so fragt er sich bei dieser Selbstkritik, "auf dem Gymnasium vor Jahren nur Latein und Griechisch, und diese beiden Sprachen nicht einmal ordentlich, gelernt? Habe ich nicht ganz leidlich französisch gesprochen und englisch gelesen, als ich die Prima verliess? War ich nicht ferner der' Meinung, ganz solide mathematische Kenntnisse zu besitzen und, was die Naturwissenschaften anlangt, freute ich mich nicht vor Zeiten, wenn es mir zu Hause bei meinen chemischen Experimenten gelang, die Krystalle des Kupfervitriols oder des Salpeters genau so entstehen zu lassen, wie es im Buche beschrieben war? — Las ich nicht auch der Nibelunge nôt im Urtext? — lind wie oft habe ich nicht Wiese und Wald, Berg und Thal auf den botanischen Excursionen durchstreift und gleichwohl noch Zeit gefunden, im Kreise lieber Genossen in deutschem Vortrag

mich zu üben, ja selbst die blutigen Waffen der Kritik zu führen? — Und das Alles mit frohem Sinn und jugendlichem Muthe und mit dem freudigen Ausblick auf die Alma mater, welcher der künftige Studiosus mit grösster Seelenruhe es glaubte überlassen zu dürfen, wie sie dereinst aus dem jungen Humanisten einen brauchbaren Mediciner heranziehen werde!"

Wozu führen diese Reflexionen? Doch zunächst dazu, dass wir den zweiten Vorwurf, das Gymnasium gebe seinen Schülern nur das, was sie nicht brauchen, dagegen das nicht, was ihnen nothwendig sei, vom Standpunkte des Mediciners zum Mindesten als eine arge Uebertreibung bezeichnen müssen, ganz besonders, wenn wir dabei unsere schweizerischen Gymnasien in's Auge fassen. Ihrer historischen Aufgabe, eine möglichst breite Bildungsgrundlage zu schaffen, auf welcher später die Spezialwissenschaft soliden Fuss fassen könne, sind dieselben allerdings getreu geblieben. Allein bei der sog. classischen Bildung, von welcher sie einstens ausgegangen, sind sie keineswegs stehen geblieben; vielmehr haben sie sieh redlich bemüht, den Anforderungen des modernen Lebens, dem Bedürfniss nach "allgemeiner Cultur" — wie eine neuerdings gebrauchte, unendlich vage Phrase lautet — gerecht zu werden. Und wer weiss, ob nicht doch gar bald die Meinung die Oberhand wiedergewinnt, dass die beste Vorbereitung für die academischen Studien gerade in der in unserer Gymnasialbildung zum Ausdruck gelangenden Vereinigung classischer und moderner Bildung bestehe?

Wir Mediciner können es jedenfalls nur freudig begrüssen, wenn von berufener Seite Vorschläge gemacht werden, die Leistungsfähigkeit des Gymnasiums noch zu erhöhen, ohne ihm aber den Charakter einer humanistischen

Anstalt zu rauben. Es ist ja doch denkbar, dass es eine rationellere Methode des Unterrichts in den alten Sprachen gibt, durch welche ohne Aufwand von mehr Zeit noch grössere Lehrerfolge erzielt werden als bisher, und ebenso, dass eine Revision des ganzen Lehrplans zu einer besseren Gruppirung und einer etwas anderen Betonung der einzelnen Unterrichtsfächer führt, wodurch vielleicht ebenfalls weitere Fortschritte angebahnt werden. Endlich dürfte es wohl keinem Widerstande begegnen, wenn schon jetzt bestimmt gefordert wird, dass in den naturwissenschaftlichen Fächern die Unterrichtsmethode mehr als bisher dahin strebe, das Anschauungsvermögen zu schärfen, die exacte Beobachtung durch Uebung der Sinnesorgane an concreten Naturgegenständen zu fördern und namentlich auch die so schöne Kunst des Zeichnens insofern in den Dienst dieses Unterrichts zu stellen, als sie zur Wiedergabe des sinnlich Wahrgenommenen verwerthet wird.

Wie immer aber diese Reformbestrebungen auch ausfallen mögen, Eine Eigenschaft, welche das Gymnasium bisher besass, und welche ihm seinen eigentlichen Charakter verliehen hat, sollte ihm auch in Zukunft unangetastet bleiben. Das ist die Eigenschaft, eine Vorbereitungsanstalt für die Universität in ihrem ganzen Umfange zu sein, dermassen, dass seine Schüler bei ihrem Abgange zur Hochschule fähig sind, das eine oder andere der im Rahmen der Universität vertretenen Wissensgebiete zum Fachstudium zu erwählen. Wir verlangen also, dass jedweder Gymnasianer, der mit dem Zeugniss der Reife das Gymnasium verlässt, in der Tiefe und Ausdehnung seiner Vorbildung kein Hinderniss finde, um nach freier Wahl Theologe oder Jurist, Mediciner oder Philosoph zu werden. Dazu aber ist selbstverständlich nothwendig, dass auch in Zukunft diese Vorbildung

für sämmtliche Abiturienten im Wesentlichen dieselbe sei und bleibe.

Nun kenne ich zwar sehr wohl den Vorwurf gegnerischer Seite, dass dieser "Humanismus", den wir auf unsere Fahne schreiben, "ja doch nichts Anderes sei als eine Zersplitterung über das ganze Gebiet menschlichen Wissens und Könnens." Allein ich möchte darauf erwiedern: "Doch nur in dem Maasse, wie er gelehrt und gelernt wird." Gute Gymnasien haben sich der Aufgabe, eine allgemeine, humanistische Bildung zu verbreiten, schon lange mit bestem Erfolge unterzogen; schlechte Gymnasien freilich werden der Schwierigkeit einer so grossen Aufgabe niemals gewachsen sein. Im Uebrigen aber wollen wir gerne zugeben, dass das Wissen des 18- oder 19-jährigen Jünglings in dem Momente, wo er das Gymnasium als Abiturient verlässt, in keiner Richtung ein abgeschlossenes ist und sein kann. Aber wollen wir denn auf dem Gymnasium, dieser Vorbereitungsanstalt, etwa perfecte Polyhistoren heranbilden? Ganz gewiss nicht! Ebensowenig aber können wir wünschen, dass der bildsame Geist des talentvollen Knaben und Jünglings schon so frühe auf die abgesteckte Bahn der Fachwissenschaft, des Brotstudiums in vielen Fällen, hingelenkt werde. Jene frühreifen Köpfe freilich, denen die "Philosophie des practischen Erfolgs" schon mit der Muttermilch eingeflösst worden ist und welchen demgemäss schon im 14. Lebensjahre vollständig klar ist, welchen Zweig menschlicher Thätigkeit sie einstens ergreifen wollen und was sie darum Alles nicht zu wissen brauchen — sie werden bei einer solchen Specialisirung des Gymnasialstudiums vielleicht rascher und billiger ihr Ziel erreichen. Allein glücklicher Weise bilden diese Realpolitiker in den Kinderschuhen doch nicht die Mehrheit

unserer studirenden Jugend; im Gegentheil, das rein ideale Interesse an dem Studium der Wissenschaft und die uneigennützige Liebe zu ihr ist es auch heute noch, welche die meisten Derjenigen beseelt, die die wissenschaftliche Laufbahn wählen und auch wirkliche Erfolge dabei erzielen. In keinem Falle aber kann die Schule oder der Staat ein Interesse daran haben, in unserer studirenden Jugend schon auf der Vorstufe des Universitätsstudiums jenen Geist des Utilitarismus zu wecken, der immer und in erster Linie nur darnach frägt, ob diese oder jene Kenntnisse in der späteren Berufsthätigkeit auch verwendbar seien oder nicht und der nur darnach ihren Werth oder Unwerth taxirt. Das Gebiet erfolgreicher, rein practischer Thätigkeit ist heutzutage ein so grosses, dass begabte junge Leute mit einer so ganz nur auf das Practische hin gerichteten Geistesanlage in ihrem und in der Menschheit Interesse vor academischen Studien bei Zeiten gewarnt und der eigentlichen Praxis zugeführt werden sollten. Sie werden dort grössere Erfolge haben.

Was bisher über das Gymnasialstudium von mir geäussert worden ist, hat meines Erachtens für alle Schüler dieser Anstalt Gültigkeit; eine ganz besondere Bedeutung aber möchte ich den oben vertretenen Ansichten beilegen, wenn es sich um die Vorbildung der Medicinstudirenden handelt. Gerade an dieser Stelle sollte ja nach dem Vorschlage einzelner Reformatoren der Hebel angesetzt werden, um das Gymnasium zu modernisiren; denn für den Mediciner war mit besonderem Nachdrucke verlangt worden, dass er auf dem Gymnasium eine andere, seinem späteren Berufe mehr. adaequate Vorbildung gewinne. Und worin sollte diese bestehen? Und wann sollte sie beginnen? — So weit ich die bis jetzt gemachten Vorschläge verfolgt habe, würde die dem Medicinstudium adaequate Vorbildung

jedenfalls im 14. Lebensjahre beginnen, so dass also schon der Knabe die Entscheidung treffen müsste, ob er Medicin oder eine andere Wissenschaft zu seinem Lebensberuf wählen wolle. Die Schöpfer dieser Idee scheinen sich an einer solchen praematuren Entscheidung über eine der wichtigsten Lebensfragen nicht gestossen zu haben; wenigstens vermisse ich in den Vorschlägen jegliche weitere Auskunft über die Frage, was dann zu geschehen habe, wenn der Knabe, zum Jüngling herangewachsen, am Ende seiner Gymnasialstudien vielleicht findet, dass er zum Mediciner nicht geboren sei und er besser thue, z. B. Theologe oder Philologe zu werden. — Kann er diesen Entschluss jetzt noch ausführen? Oder zwingt ihn seine dem Medicinstudium angepasste Vorbildung, am Ende doch den Beruf zu wählen, den er jetzt schon, an der Schwelle der Universität, als einen verfehlten betrachten muss? — Es will mir scheinen, dass einzelne Reformatoren unserer Gymnasien sich über diese grossen pädagogischen Bedenken doch allzu leicht hinweggesetzt haben.

Nicht minder bedenklich aber erscheint mir die Art und Weise, wie man sich in dem Gymnasium der Zukunft die specifische Vorbildung des Mediciners vorgestellt hat. Ich meine damit nicht etwa die Forderung solider Kenntnisse in den Naturwissenschaften, der Mathematik und den modernen Sprachen, und zwar für jeden Gymnasianer, der zur Universität übergehen will und selbstverständlich also auch für den künftigen Mediciner; eine solche Forderung ist ebenso richtig wie alt und unsere guten schweizerischen Gymnasien haben es sich schon seit Jahren angelegen sein lassen, ihr nachzukommen, indem sie den Unterricht in diesen Fächern zumeist auf Kosten der classischen Studien vermehrten. Eine Controverse besteht nur insofern, als

Einzelne die Meinung vertreten haben, der Unterricht in den Naturwissenschaften auf dem Gymnasium könne sogar so weit ausgedehnt werden, dass der künftige Mediciner sich mit diesen propädeutischen Fächern auf der Universität nicht weiter zu befassen brauche — eine Meinung, die meines Erachtens ebensosehr auf einer Unterschätzung dieser grossen Wissensgebiete als auf einer Ueberschätzung der Fassungskraft und der ganzen geistigen Entwicklung der Schüler eines Gymnasiums beruht und daher als eine durchaus irrige bezeichnet werden muss. — Nein, das Bedenkliche der Auffassung Derer, welche das Gymnasium in eine Reihe von Fach-Vorkursen für die verschiedenen gelehrten Berufsarten umwandeln möchten, besteht darin, dass sie den Werth allgemeiner Bildung für den Mediciner so gering erachten, dass sie denselben von den classischen Studien fast ganz dispensiren möchten. Wozu braucht denn ein Arzt Griechisch, wozu Latein zu verstehen? — Doch halt! Da erinnert man sich, dass die medicinische Wissenschaft in ihrem Jahrtausende umfassenden Entwicklungsgang eine gewaltige Menge griechischer und lateinischer Ausdrücke in ihre Nomenclatur aufgenommen hat, welche sogar tagtäglich noch vermehrt werden und man sagt sich, dass der Arzt, um die medicinische Sprache überhaupt verstehen zu können und nicht jeden Augenblick ob seiner sprachlichen Unwissenheit erröthen zu müssen, doch schon auf dem Gymnasium, vielleicht durch Einführung etymologischer Curse, in den Besitz des ihm nothwendigen sit venia verbo — Apothekerlateins gelangen sollte.

Ich muss es aber gleich zur Ehrenrettung des medicinischen Standes sagen, dass diese Vorschläge nicht etwa aus seinem eigenen Schoosse entsprungen sind. Denn eine solche Anspruchslosigkeit in Bezug auf allgemeine Bildung

dürfte denn doch selbst bei dem armen und geplagten Arzte des hintersten Alpendörfchens kaum zu finden sein. Im Gegentheil! Ich hoffe nicht desavouirt zu werden, wenn ich an dieser Stelle frei und offen erkläre: Wir Aerzte sind anspruchsvoller! Wir wollen uns auch ferner mit dem Geistlichen, dem Richter, dem höheren Beamten, dem Lehrer in die schöne Aufgabe theilen, Träger allgemeiner Bildung zu sein und solche in weiteren Kreisen zu verbreiten; wir wünschen die sociale Stellung, welche der Arzt bisher im Leben gebildeter Völker eingenommen hat, auch in Zukunft zu behaupten und stellen daher an den Einzelnen unter uns nicht nur die Forderung tüchtiger fachwissenschaftlicher und technischer Kenntnisse, sondern auch einer weitgreifenden allgemeinen Bildung! Mag das Gesetz den Arzt den Gewerbetreibenden zurechnen oder ihn unter den wissenschaftlichen Berufsarten rubriziren, das ist am Ende gleichgültig; entscheidend wird doch immer für die Würdigung des ärztlichen Standes die Art und Weise sein, wie der Mediciner selbst seinen Beruf auffasst und betreibt, der Geist, der ihn bei der Erfüllung seiner humanen Pflichten beseelt! Wer aber wollte leugnen, dass die Pflanzstätte dieses Geistes vor Allem das Gymnasium und die Universität sein sollen? Glücklich der Arzt, der hier von dem Geiste ächter Wissenschaftlichkeit und Humanität erfüllt worden ist, so dass er auch noch später, nachdem er der Hochschule längst den Rücken gekehrt hat, die Medicin nicht betrachtet und übt als ein Gewerbe, wie jedes andere, als ein Handwerk mit goldenem Boden, sondern als eine Wissenschaft, so gross, so edel, so schön wie je eine! —- Ich fürchte aber, dass diese ideale Gesinnung durch das Zerrbild etymologischer Curse und die Verdrängung wirklich classischer Studien auf den Gymnasien

nicht nur keine neue Nahrung erhalte, sondern der bis jetzt gebotenen verlustig gehe.

Vergessen wir aber endlich nicht, dass in dem Momente, wo eine ungleiche Maturität den Studirenden der verschiedenen Facultäten die Thore der Universität öffnet, auch schon der erste Schritt gethan ist, die Universität in einzelne Fachschulen aufzulösen, von denen jede ihren eigenen Weg geht. Nach der Einleitung meiner Rede aber brauche ich nicht nochmals hier auszuführen, dass ich eine solche Umwandlung vom Standpunkte des Mediciners nur beklagen könnte. Denn "einseitig betrieben", sagt E. du Bois-Reymond, der geistvolle Physiologe der Berliner Hochschule, "einseitig betrieben verengt Naturwissenschaft, gleich jeder anderen so geübten Thätigkeit, den Gesichtskreis. Die Naturwissenschaft beschränkt dabei den Blick auf das Nächstliegende, Handgreifliche, aus unmittelbarer Sinneswahrnehmung mit scheinbar unbedingter Gewissheit sich Ergebende. Sie lenkt den Geist ab von allgemeineren, minder sicheren Betrachtungen und entwöhnt ihn davon, im Reiche des quantitativ Unbestimmbaren sich zu bewegen. In gewissem Sinne preisen wir dies an ihr als unschätzbaren Vorzug; aber wo sie ausschliessend herrscht, verarmt, wie nicht zu verkennen, leicht der Geist an Ideen, die Phantasie an Bildern, die Seele an Empfindung, und das Ergebniss ist eine enge, trockne und harte, von Musen und Grazien verlassene Sinnesart!"

Behalten wir darum, so schliesse ich, unsere Gymnasien, behalten wir aber auch unsere Universitäten! Reformiren wir die ersteren, wo es Noth thut und erweitern wir die letzteren in dem Maasse, wie die Wissenschaften sieh vermehren und neue Gebiete ihnen erobert

werden! Aber hüten wir uns davor, Neuerungen zu treffen, welche jene in Fachcurse, diese in Fachschulen zu verwandeln drohen und für das medicinische Studium jedenfalls die Folge haben würden, dass dadurch zwar das Gros der ärztlichen Techniker und Routiniers vermehrt, die Zahl der wirklich gebildeten und humanen Aerzte aber verringert würde.