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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

ÜBER DEN EINFLUSS DES ALKOHOLS AUF DEN ORGANISMUS DES KINDES.

REDE ZUR FEIER DES 56. STIFTUNGSTAGES DER UNIVERSITÄT BERN

AM 22. NOVEMBER 1890
GEHALTEN VON DEM DERZEITIGEN REKTOR
PROF. DR. R. DEMME.
STUTTGART
VERLAG FERDINAND ENKE.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

ÜBER DEN
EINFLUSS DES ALKOHOLS AUF DEN
ORGANISMUS DES KINDES, EINE
PHARMAKOLOGISCH-KLINISCHE STUDIE.

Hochgeehrte Versammlung!

Kein Zweig der Heilkunde hat in jüngster Zeit einen mächtigeren Aufschwung genommen und die Resultate der wissenschaftlichen ärztlichen Forschung in ähnlicher Weise in das praktische Leben übertragen, als die Lehre von der Gesundheitspflege, die Hygiene.

Wohl die Mehrzahl unserer allgemein naturwissenschaftlichen und speciell medicinischen Disciplinen, so die Physik und Chemie, die Physiologie und Pathologie, und von den zahlreichen neueren Specialitäten unseres medicinischen Studiums zumal die Bakteriologie — sie alle haben sich in den Dienst für die Erhaltung der Gesundheit der Menschheit gestellt. Sie alle tragen dazu bei, jene krank machenden Einflüsse zu bekämpfen, welche das Leben, des einzelnen Individuums und der Gesammtheit des Menschengeschlechtes bedrohen Die Hygiene ist somit in gewissem Sinne keine selbständige Wissenschaft, sie sammelt aber wie in einem Brennpunkte die gesammten Resultate wissenschaftlicher medicinischer Forschung, so weit sie zum Wohl des Staates und Volkes Verwendung finden können. In der Gesundheitslehre, wie sie Gemeingut jedes Menschen, sei er Arzt oder Laie, werden sollte, sehen wir eigentlich die Gebote des gesunden Menschenverstandes, von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.

Wollen wir nun die Gesundheitslehre für die körperliche und geistige Entwicklung des Volkes möglichst nutzbar machen

und dem Staate wahrhaft gesunde und kräftige Bürger schaffen und erhalten, so muss unser Bemühen schon auf eine gesundheitsgemässe Pflege und Erziehung des Kindes gerichtet sein. Von der normalen, harmonischen Entwicklung der Körper- und Geistes-Kräfte des Kindes, von seiner Bewahrung vor schwächenden und krankmachenden Einflüssen hängt ja die Widerstandskraft des Individuums im Alter der Reife, seine spätere Leistungsfähigkeit als Glied der Familie und Bürger des Staates ab.

Zur Erzeugung gesunder Kinder bedarf es gesunder Eltern. Eine der wesentlichsten Grundlagen für die Gesundheit und Kraft der Eltern bildet aber eine gesundheitsgemäss durchlebte Jugend. Fehler der Ernährung, der Pflege und Erziehung, namentlich während der ersten Kindheit, äussern sich in ihren Folgen oft erst auf späteren Altersstufen und können ihre nachtheilige Wirkung selbst auf die folgenden Generationen übertragen. Vergessen wir zudem nicht dass dem Kinde, mit Rücksicht auf die fortschreitende Entwicklung seines Organismus, eine weit grössere Zahl von Schädlichkeiten und Gefahren, als dem Erwachsenen droht.

Wenn wir nun die Vermeidung und Beseitigung dieser schädlichen Einflüsse, also die Bewahrung g des Kindes vor Erkrankung, als eine der wesentlichsten hygienischen Aufgaben des Arztes bezeichnen müssen, so liegt ihm gewiss auch die Pflicht ob, stets auf's Neue die auf die Ernährung, Pflege und Erziehung des Kindes bezüglichen Verhältnisse auf das Gewissenhafteste zu prüfen. Der Kinderarzt speciell muss eine seiner wichtigsten und lohnendsten Aufgaben in der Auffindung und Beseitigung der noch so zahlreichen Irrthümer und Fehler sehen, welche sich zum Theil noch aus alten Zeiten in die Lebensweise der Jugend eingeschlichen haben.

Von diesem Standpunkte aus habe ich seit einer Reihe von Jahren die Lebensgewohnheiten unserer Kinderbevölkerung

mit Rücksicht auf den regelmässigen Genuss geistiger Getränke einer eingehenden unpartheiischen Beobachtung unterzogen. Ich bin dabei zu der Ueberzeugung gelangt, dass den Kindern der Armen durch den Branntwein — den Kindern der Wohlhabenden durch den täglichen Wein- oder Bier-Genuss Schaden zugefügt und ihre Gesundheit in einzelnen Fällen auf das Ernsteste bedroht und untergraben wird.

Von diesem Einfluss alkoholischer Getränke auf den kindlichen Organismus zu sprechen, schien mir heute und an dieser Stelle gestattet, da es sich hierbei um Fragen handelt, mit welchen die sociale Gestaltung unseres Landes, das Wohl und die gesunde Entwicklung unseres Volkes auf das Innigste zusammenhängen — welche deshalb auch für den akademischen Bürger von hohem Interesse sein müssen.

Aus der im Auftrag des Eidgenössischen Departements des Innern von Dr. Schuler 1) verfassten Schrift "über die Ernährungsweise der arbeitenden Klassen in der Schweiz und die dadurch bedingte Ausbreitung des Alkoholismus" geht hervor, dass Kaffee und Kartoffeln die hauptsächlichste Nahrung der ärmsten Volksschichten zahlreicher Gegenden unseres Landes bilden.

Da sich nun das Ungenügende dieser Ernährung häufig genug fühlbar macht, so greifen zunächst die zu harter Arbeit genöthigten Eltern, in der irrthümlichen Ansicht, den Nahrungsdefect zu decken, zum Branntwein. Auch die im Alter vorgerückteren, bei der Arbeit helfenden Kinder erhalten täglich ihre nicht unbedeutende Ration des unheilvollen Getränkes. Fügen wir bei, dass in diesen Volksschichten, zumal auf dem Lande, die Kinder nicht selten zu den eigentlichen Branntwein-Gelagen der Erwachsenen Zutritt haben, so ergiebt sich hieraus,

dass ohne Uebertreibung der Branntwein der unzertrennliche Gefährte eines grossen Theiles der Jugend dieser Bevölkerungsklassen genannt werden kann.

In den 28 Jahren, in denen ich bis jetzt am Berner Kinderspitale wirkte, wurden 7 Kinder wegen schwerer Trunkenheit, unter den Symptomen heftiger Hirncongestionen aufgenommen. Das jüngste derselben zahlte noch nicht 1 1/2 Jahre. Die Mutter, eine obdachlose, herumziehende Taglöhnerin, hatte dem Kinde regelmässig zur Beruhigung, häufig bis zum Rausche, Branntwein eingeflösst. Schliesslich stellte sich ein der Opiumwirkung ähnlicher tiefer Schlaf mit nachfolgenden Convulsionen ein, welche die Spitalaufnahme nöthig machten 1). Aehnliche Beobachtungen werden von Baer 2), dem verdienten Monographen des Alkoholismus, auch aus anderen Ländern berichtet.

Hängt hier der. frühzeitige Alkoholgenuss mit der äussersten Armuth, mit den zum Theil zügellosen Lebensgewohnheiten einer beimtleidenswerthen Bevölkerungsclasse zusammen, so sehen wir andererseits den Alkohol, als Wein und Bier, den Kindern der Wohlhabenden und Reichen sehr häufig schon als tägliches Genussmittel geboten werden. Handelt es sich hier im Gewöhnlichen um verhältnissmässig geringere Quantitäten geistiger Getränke, so werden dagegen bei festlichen Gelegenheiten, bei sonntäglichen Ausflügen, Reisen u. s. w. von der erregten Jugend oft sehr bedeutende Mengen von Wein und Bier consumirt. Noch mehr ist diess selbstverständlich in den Wein und Bier producirenden Ländern der Fall.

Während. bei dieser Art des Genusses alkoholischer Getränke vor Allem die Unkenntniss ihrer schädlichen Einwirkung auf den kindlichen Organismus, ferner die so weit verbreitete, irrige Anschauung "es sei der Alkohol ein Stärkungsmittel", sowie endlich die den Kindern innewohnende Sucht "die Gewohnheiten der Erwachsenen nachzuahmen", wohl die Haupttriebfeder bilden, trifft speciell uns Aerzte für eine dritte Weise, auf welcher alkoholische Getränke ihren Weg bis zum Säugling in der Wiege und zu jeder Stufe des Kindesalters finden, ein harter Vorwurf.

Schon zu Ende des 18. Jahrhunderts war von England die Brown'sche Lehre ausgegangen, dass die Ursache aller Erkrankungen in Ueberreizungs- und Schwäche-Zuständen, in sogenannten Sthenieen und Asthenieen begründet sei. Gegen die Letzteren sollten sich Reizmittel, vor Allem der Alkohol, am Zweckmässigsten erweisen. Diese Lehre wurde im Laufe der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in ihren therapeutischen Consequenzen von dem englischen Ärzte Todd und seinen Schülern auf sämmtliche entzündliche Erkrankungen, namentlich die typhösen ,Fieber ausgedehnt. Als wirksamste Behandlung derselben wurde die Darreichung ganz enormer Quantitäten alkoholischer Getränke empfohlen. Es war: zu dieser Zeit keine Seltenheit, dass einem Typhuskranken im Verlaufe der 24 Stunden 2 bis 3 Flaschen schweren Rothweins und zudem noch bedeutende Quantitäten Champagner und Cognac, von Letzterem zuweilen ebenfalls bis zu einer Flasche täglich verabreicht wurden.

Im Verlaufe der Zeit wurde namentlich von Trousseau, Moneret, Terrier in Frankreich 1) für den Typhus, von Liebermeister, Riegel, Jürgensen in Deutschland für den Typhus und

die sogenannten asthenischen Lungenentzündungen, von Daret und Breisky für das Puerperalfieber, von Leyden für die Gangraena pulmonum, von Volkmann für das Erysipel nachgewiesen, dass die Darreichung alkoholischer Getränke bei der Behandlung dieser Erkrankungen, innerhalb vernunftgemässer Grenzen und bei entsprechender Individualisirung sehr günstig einwirken kann, dass dadurch Fieber und Prostration herabgemindert, und während der Dauer des Fiebers keine Trunkenheit hervorgerufen wird.

Was sich so für die schwersten, von drohendem Sinken der Kräfte begleiteten Erkrankungen bewährte, wurde nun theils aus unverständigem Fanatismus für diese günstige therapeutische Einwirkung des Alkohols, theils ohne jede Ueberlegung, auf die Gesammtheit aller acuten und auch chronischen Krankheitsprocesse übertragen. Noch bis in die jüngste Zeit fügte ein grosser Theil der Aerzte jeder Behandlung einer fieberhaften Erkrankung, zumal im Kindesalter, ausdrücklich die Darreichung von Cognac, meist ohne genaue Dosirung desselben, bei. Auch heute geschieht leider :noch. vieler Orts dasselbe. Je nach Belieben der Eltern oder Pfleger erhalten die kleinen Patienten während der ganzen Dauer der Erkrankung bald grössere bald geringere Quantitäten alkoholischer Getränke. Die Vorstellung der Zweckmässigkeit der Einverleibung namentlich von Cognac bei jeder Erkrankungsform hat sich, auf die ärztliche Autorität gestützt, so in das Volksbewusstsein eingelebt, dass nicht wenige Mütter, häufig auf Anrathen der Wartefrauen, der Saugflasche ihrer Lieblinge einige Tropfen Cognac zusetzen. Eine grosse Zahl von Eltern greifen, bei leichteren Ernährungsstörungen auch ihrer älteren Kinder, zum Cognac und verabreichen den kleinen

Patienten oft mehrmals täglich und nicht selten während Wochen und Monaten nicht geringe Quantitäten dieser Panacee 1). Vorübergehend tritt auch an die Stelle des Cognac irgend ein reichlich Alkohol enthaltender Wein, und geschieht so mit den Kindern der Wohlhabenden dasselbe, was wir oben bezüglich der Kinder der Armen mit Rücksicht auf den Branntwein beklagt haben — sie kommen aus dem regelmässigen Genusse alkoholischer Getränke nicht heraus! Gerade diese unter der Maske des Medicamentes sich in die Familie einschleichende Alkoholisirung der Kinder dürfte am schwersten wieder auszurotten sein!

Eine warnende :Stimme gegen den Alkoholgenuss im Kindesalter hat im Jahre 1888 auf dem VII. Congress für innere Medicin Professor Nothnagel 2) erhoben. Er bezeichnete unter dem Beifall der zahlreich versammelten Aerzte "als einen Krebsschaden unserer Zeit, dass man den kleinen Kindern vom 2. bis 3. Lebensjahre an bei Tische Wein und Bier verabreiche". In der Deutschen medicinischen Wochenschrift gleichen Jahres trat in mehr allgemeiner Fassung Professor Mosler 3) gegen den Alkoholmissbrauch überhaupt auf. Ich selbst habe schon früher, im Jahre 1884, im 22. medicinischen Bericht des Jenner'schen Kinderspitales, unter Veröffentlichung

hierauf bezüglicher Krankengeschichten, sowohl vor dem regelmässigen frühzeitigen Alkoholgenuss überhaupt, als speciell vor dem medicamentösen Missbrauche geistiger Getränke im Kindesalter gewarnt..

Auch die sogenannten Temperenz-Gesellschaften, sowie die zur Behandlung der Alkoholfrage zusammenberufenen internationalen Congresse haben sich seit Jahren in sehr anerkennenswerther und zum Theil auch erfolgreicher Weise bemüht, den Alkoholgenuss der Jugend zu beschränken. 1). Es sind auch aus diesen Kreisen eine Reihe von Schriften hervorgegangen, welche in diesem Sinne theils vom rein volkswirthschaftlichen, theils vom pädagogischen oder auch vom religiösen Standpunkte aus zu wirken suchen.

Alle diese vielfachen, von der edelsten Absicht getragenen Bemühungen haben sich jedoch bis jetzt als ungenügend erwiesen. Es . mag diess zum grossen Theil dadurch bedingt sein, dass die, hygienischen Einflüsse des Genusses geistiger Getränke auf den kindlichen Organismus bis jetzt noch nicht hinreichend klar gelegt worden sind Wir hören deshalb von Aerzten und Laien auch heute noch nicht selten die Fragen. aufwerfen: "Haben wirklich spirituose Getränke, wenn auch nur in mässiger Weise genossen, auf den kindlichen Organismus eine so viel schädlichere Einwirkung als auf den Erwachsenen?" und ferner "lassen sich bei Kindern wirklich ernstere, mit dem frühzeitigen Alkoholgenuss direct zusammenhängende Erkrankungen, zumal des Nervensystems nachweisen?"

Versuchen wir hier in Kürze eine Beantwortung zunächst dieser Fragen: - Der wirksame, berauschende Bestandtheil der alkoholischen

Getränke, welche vom Menschen genossen werden, ist der Aethylalkohol. Wir setzen hier voraus, dass derselbe in diesen Getränken in reinem, von den schweren Alkoholen oder Fuselölen befreiten Zustand vorhanden sei und lassen deshalb bei unserer Betrachtung die Nebenwirkungen der Verunreinigung alkoholischer Getränke ausser Acht.

Auch der chemisch reine Aethylalkohol ist für den menschlichen Organismus vom pharmakologischen Standpunkte aus als Gift zu bezeichnen. Die Literatur 1) erwähnt den Tod eines dreijährigen Kindes nach einer Einzelgabe von 75 Grammes, ebenso den Tod eines Erwachsenen nach dem Trinken von 330 Grammes unvermischten Aethylalkohols. Wohl noch kleinere Gaben desselben können auf beiden Altersstufen den Tod veranlassen, wenn sie bei leerem Magen und in unvermischtem Zustand eingenommen werden.

Die als Genussmittel in Betracht kommenden geistigen Getränke enthalten den von uns im Folgenden nur kurzhin als "Alkohol" bezeichneten Aethylalkohol in sehr verschiedener Menge. So beträgt der Alkoholgehalt des arzneilich gebrauchten Cognac etwa 55 % des gewöhnlichen Trink-Branntweins 45 bis 50 %, der bei uns meist verwendeten Weinsorten 8 bis 10 %. Der so häufig in der Kinderstube anzutreffende Malaga hat einen Alkoholgehalt von 17 bis selbst 28 %. Aber auch der Alkoholgehalt des als harmlos betrachteten Bieres ist nicht zu unterschätzen. So beträgt derselbe für gutes Lagerbier 4,3 bis 5,1, für leichtes Schankbier 3,8 bis 4 Gewichts-Procent. Das Nachdenken manches habituellen Biertrinkers dürfte übrigens — hier nebenbei bemerkt — die einfache Berechnung 2) erregen, dass er in einem Tagesquantum

von 5 Seibel eines leichten Schankbieres (von 5 Vol.-Procent = 3,9 Gewichts-Procent Alkoholgehalt) schon so viel Alkohol geniesst, als in einem halben Seibel Branntwein enthalten ist.

Betrachten zunächst die rein physiologische Einwirkung entsprechender Gaben Alkohols auf den gesunden kindlichen Organismus:

Auch beim Kinde erhalten wir selbstverständlich eine verschiedene Wirkung der alkoholischen Getränke, je nachdem sie in verdünntem oder concentrirtem Zustand, in kleiner oder grösserer Menge, selten oder in regelmässiger täglicher Folge einverleibt werden. Die hier zu besprechende rein physiologische bezw. pharmakologische Alkoholwirkung auf den kindlichen Organismus bezieht sich auf die Darreichung genau dosirter, sicher wirkender, aber nicht Gefahr. bringender Gaben mit Wasser verdünnten Alkohols. Bezüglich des Symptomenbildes der acuten toxischen Alkoholwirkung auf die Nervencentren musste selbstverständlich die klinische Beobachtung der bereits erwähnten, im Kinderspitale behandelten Fälle von Kinder-Trunkenheit 1) an die Stelle des physiologischen Experimentes treten. Wir fügen noch bei, dass auch da, wo es sich in der Folge um die Beobachtung der Alkoholwirkung in der Form der oben genannten alkoholischen Getränke (Cognac, Wein, Bier), handelt wir der Einfachheit wegen nur von Alkohol-Darreichung und Alkohol-Wirkung sprechen werden.

Der Alkohol wird durch die Darmvenen und zum kleineren Theil durch die Chylusgefässe in den Blutstrom aufgenommen. Er kann schon wenige Minuten 2) nach seiner Einführung in den Magen, sowohl im venösen und arteriellen Blut, als im

Hauptstamme des Lymphgefässsystemes nachgewiesen werden Dem Blutreichthum der einzelnen Organe entsprechend enthalten dieselben den durch die Gefässwandungen hindurchgetretenen Weingeist. Am lebhaftesten geht gleich von Anfang an die Aufnahme desselben seitens des Gehirnes vor sich.

Als erste Alkoholwirkung sehen wir die Herzbewegung beschleunigt, die Pulsfrequenz vermehrt, die Spannung der Arterienwandungen und den Blutdruck dagegen herabgesetzt. Einzelne Beobachter, wie Zimmerberg, schreiben die Zunahme der Pulsfrequenz der erregenden Einwirkung äusserer Momente, nicht dem Alkohol selbst zu. Die Erweiterung der Gefässe und ihre Blutüberfüllung sind durch eine Lähmung des Gefässtonus veranlasst, sie erklären die Gesichtsröthe der Trinker 1). Das Blut selbst erleidet durch die hier in Betracht kommenden Alkohol gaben keine Veränderung.

Die Athmung ist Anfangs beschleunigt, nachmals verlangsamt, die Kohlensäureausscheidung vermindert.

Kleine Dosen nicht concentrirten Alkohols regen die Absonderung des Magensaftes an und vermehren sie. Grössere oder während d des Verdauungsvorgangs genossene Gaben stören und verlangsamen 2) die Verdauungsfunctionen, ja heben dieselben vorübergehend vollkommen auf.

Der Stoffwechsel wird, nach der, Beobachtung der Mehrzahl der betreffenden Forscher 3), selbst durch kleinere

Alkoholgaben herabgesetzt. Dieselben dürfen deshalb beim gesunden Individuum keinen Falls als die Ernährung und Anbildung der Körpergewebe unterstützend betrachtet werden.

Der Alkohol hat nur in grossen, für den kindlichen Organismus überhaupt nicht zulässigen Gaben eine Temperatur herabsetzende Einwirkung. Dieses Sinken der Körpertemperatur hängt ab von der stärkeren Wärmeabgabe durch die erweiterten Hautgefässe, von dem lähmenden Einfluss auf die Muskeln und der Herabsetzung der Oxydationsvorgänge in den Körpergeweben.

Bezüglich seiner Wirkungen auf das Centralnervenssystem gehört nach Schmiedeberg der Alkohol zu den narkotisch wirkenden Verbindungen der Fettreihe. Er bildet mit dem Chloroform eine gemeinschaftliche Gruppe, zu welcher von den speciell anästhesirend wirkenden Medicamenten ebenfalls der Aether, von den. mehr Schlaf erzeugenden das Chloralhydrat, der Paraldehyd, das Urethan gerechnet werden. Beim Alkohol tritt die anästhesirende Wirkung vor der "allgemein betäubenden, narkotisirenden" zurück. In seiner acut toxischen, vulgär als Rausch bezeichneten Aeusserung wird zunächst die Functionsfähigkeit des Gehirns, dann des Rückenmarks und schliesslich des verlängerten Markes herabgesetzt und bis zu einem gewissen, der Wiederherstellung noch fähigen Grade aufgehoben. Dasselbe geschieht bezüglich der Reflexerregbarkeit 1).

Wir stellen uns vor, dass in jenen Fällen, bei welchen es sich nur um eine kurz vorübergehende Wirkung des Alkoholes auf das Centralnervensystem handelt, sich derselbe

nur locker an die Zellen desselben heftet, dass dagegen bei schweren und dauernden Functionsstörungen der nervösen Centralorgane, die Alkoholwirkung die chemischen Affinitäten der Nervenelemente aufhebt und. die Lebensfähigkeit der Letzteren vernichtet.

Beim Kinde stellt sich die eben als Rausch bezeichnete vorübergehende acute Alkoholintoxication in zwei meist scharf von einander getrennten Symptomgruppen dar. Die erste derselben, das Stadium der Aufregung, ist durch eine grosse Empfindlichkeit gegen äussere Reize und lebhafte Muskelunruhe gekennzeichnet. Dieselbe steigert sich nicht selten bis zum Ausbruch klonischer und tetanischer allgemeiner Muskelkrämpfe 1). Auf diese Periode hochgradiger Aufregung von sehr verschiedener, meist jedoch nur kurzer Dauer folgt das Stadium schwerer Depression und lähmungsartiger Erschlaffung der Nerventhätigkeit. Bei den zu unserer Beobachtung gelangten Fällen von Kinder-Trunkenheit legen diese Kinder 12 bis 18 und in einem Falle selbst 36 Stunden in schwerem, komaähnlichem Schlaf, aus dem sie durch kalte Begiessungen nur ganz vorübergehend zu erwecken waren.

Gerade in dem bis zur toxischen Wirkung sich steigernden Einfluss auf das Centralnervensystem kennzeichnet sich die weit intensivere und schädigendere Einwirkung alkoholischer Getränke auf den Organismus des Kindes, als auf denjenigen des Erwachsenen. Die im Aufregungsstadium sich zuweilen einstellenden Convulsionen finden ihr Analogon in der toxischen Einwirkung der acuten Infectionsprocesse, des Scharlachs, der Diphtheritis u A. auf die Nervencentren des Kindes. Auch hier äussert sich häufig die Initialwirkung

in dem Auftreten convulsiver, sogenannter eklamptischer Zufälle; beim Erwachsenen ist diess nicht oder wenigstens nur äusserst selten der Fall.

Nur verhältnissmässig kleine Gaben Alkohols haben auf das Nervensystem des Kindes eine vorübergehend belebende und deshalb scheinbar kräftigende Einwirkung. Es folgt. jedoch auch hier auf die Erregung sehr bald die Erschlaffung 1). Die geistigen Getränke. betäuben vorübergehend das Müdigkeitsgefühl 2). Sie lassen dasselbe, jedoch nur für kurze Zeit, vergessen. Diese Beobachtung ist übrigens längst für den Erwachsenen in's Praktische übersetzt worden Wer seine Kräfte nachhaltig anregen und die dem Alkoholgenuss folgende ermattende, einschläfernde Einwirkung vermeiden will, der bedient sich hierzu des Kaffe's oder Thee's nicht aber der geistigen Getränke. So hebt bei ermüdenden Bergtouren starker Kaffe anhaltend die sinkenden Kräfte. Bei erschöpfender Geistesarbeit wirken Kaffe und Thee für längere Zeit erfrischend Eine grössere Gabe Alkohol befähigt wohl zu einer augenblicklichen, jedoch nie zu einer dauernden Anspannung der Kräfte Viele Armeeverwaltungen haben deshalb an Stelle des Branntweins den Kaffe eingeführt. Selbst die Nordpolfahrer haben für ihre Reisen in strengster Kälte den Alkoholgenuss verbannt 3) und durch Thee und Kaffe ersetzt:

Es sei hier noch erwähnt, dass vom rein pharmakologischen Standpunkte aus (Schmiedeberg) das uns als

erregende Wirkung des Alkohols erscheinende Symptomenbild bereits als Folgen der beginnenden Lähmung gewisser Hirnthätigkeit zu deuten ist.

Die Ausscheidung des Alkohols aus dem Organismus geht nach den Untersuchungen von Binz 1) und seinen Schülern in der Weise vor sich, dass derselbe im Organismus unter intermediärem Entstehen von Aldehyd und Essigsäure grössten Theils zu Kohlensäure und Wasser verbrannt wird. Handelt es sich, was im Kindesalter wohl nur ausnahmsweise der Fall sein dürfte, um eine Ueberladung des Blutes mit Alkohol, so wird ein kleiner Theil desselben in unzersetztem Zustand durch die Nieren, die Haut und die Ausathmung eliminirt.

Wir kommen nunmehr zur Besprechung der pathologischen Einwirkung, d. h. der nachhaltig und selbst dauernd schädigenden und krankmachenden Einflüsse des Alkohols auf den kindlichen Organismus. Es muss hier hervorgehoben werden, dass die individuelle Vertragsfähigkeit des Kindes gegenüber alkoholischen Getränken ausserordentlichen Schwankungen unterworfen ist, dass es somit kein in Zahlen auszudrückendes Massverhältniss giebt, bis zu welchem, den betreffenden Altersstufen entsprechend, der Genuss alkoholischer Getränke für die Integrität des kindlichen Organismus gleichgültig ist und jenseits welchem die Alkoholaufnahme zur Erkrankung, ja zum allmäligen Untergang des kindlichen Individuums führt. So wurde im Jahre 1884 im Jenner'schen Kinderspitals ein 15 Jahre alter, kräftiger, an einer Neuralgie des Trigeminus (an Gesichtsschmerz) leidender Knabe verpflegt, bei welchem sich nach einer Gabe von 5 Grammes mit Wasser verdünnten Cognacs das characteristische Bild des Rausches einstellte. Bei Wiederholung des

Experimentes war der Erfolg jedes Mal derselbe. Eine ähnliche Beobachtung von raschem Auftreten eines intensiven Rausches bei einem 10 Jahre alten, körperlich sehr entwickelten Knaben, nach der Aufnahme von nur 40 bis 50 Grammes Rothwein, steht mir ebenfalls zu Gebote. Andererseits leben gewiss in unserer aller Erinnerung Fälle von ungewöhnlicher Vertragsfähigkeit kindlicher individuen gegenüber verhältnissmässig bedeutenden Quantitäten alkoholischer Getränke. Es liegt nun wohl in der Natur der Sache, dass bei den für den Alkoholgenuss sehr empfindlichen Kindern sich die gleich zu erwähnenden organischen Schädigungen früher und wohl auch intensiver einstellen werden, als bei denjenigen kindlichen Individuen, welche, sich durch eine grössere Widerstandskraft gegenüber der Alkoholwirkung auszeichnen.

Die für unsere Kinderbevölkerung seitens der Eltern oder Pflegerinnen fälschlich als "Stärkungsmittel" beliebte, meist lange fortgesetzte Tagesgabe von 2 bis 5 Grammes Cognac. dem Wasser oder der Milch zugesetzt, stört bei Individuen zwischen dem 2. bis 5. Lebensjahre sehr häufig schon den naturgemässen Ablauf des Verdauungsvorganges. Sie erzeugt chronische Reizung der Magenschleimhaut mit Dyspepsie.

Besonders schädlich wirken die zwischen den Mahlzeiten dargereichten alkoholischen Getränke. Sie rufen hier, wie ich mich oft durch die Untersuchung des Mageninhaltes überzeugt habe, eine Uebersäuerung des Magensaftes (reichlichere Bildung organischer Säuren, seltener Ueberproduction von freier Salzsäure) hervor. Die Eiweisskörper werden bei diesen Kindern meist leicht und rasch, die :Stärkemehl haltigen Nahrungsmittel dagegen nur langsam oder gar nicht verdaut.

So entstehen häufig schwer heilende chronische Magen- und Darmcatarrhe, welche unter Schwellung des Lymphdrüsensystems des Darmkanales zu fortschreitendem Gewichtsverlust

und, falls der Alkohol nicht ausgesetzt wird, zu unaufhaltsamem Verfall der Kräfte führen.

In einzelnen, allerdings selteneren Fällen kommt es in Folge anhaltenden reichlichen Genusses alkoholischer Getränke, namentlich Branntweins, zu der unter, dem Namen der Cirrhose bekannten schweren organischen Schädigung der Leber. Es handelt sich dabei hauptsächlich um anfängliche Wucherung und spätere Schrumpfung des die Gefässe, Nerven und Gallengänge in der Leber begleitenden Bindegewebes, unter den Ausgangs erscheinungen der Bauchwassersucht. Birch-Hirschfeld hat im Gerhardt'schen Handbuche der Kinderkrankheiten 7 Fälle von ächter Lebercirrhose in Folge bestimmt nachgewiesenen. Alkoholmissbrauches bei Kindern zwischen dem 8 und 15. Lebensjahre zusammengestellt 1) Auch im 22. Bericht des Jenner'schen Kinderspitales findet sich Leberschrumpfung mit tödtlichem Ausgang bei zwei dem Branntweingenusse in erschreckendem Masse ergebenen Knaben im Alter von 41/2 und. 8 Jahren mitgetheilt 2).

Vielfach wurde die Frage aufgeworfen, ob die durch chronischen Alkoholmissbrauch hervorgerufenen Ernährungsstörungen bei Kindern auch auf das Längenwachsthum einzuwirken und dasselbe zu verlangsamen oder selbst vollkommen aufzuhalten vermögen 3). Für die Kinder von. Alkoholikern lässt

sich diess, wie sich auch aus unserer späteren Besprechung der hereditären Einflüsse der Trunkenheit ergeben wird, mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Aber auch bei erblich nicht durch Alkoholismus belasteten Kindern scheint sich durch sehr frühzeitigen Genuss alkoholischer Getränke, zum Theil unter Begünstigung der Entwicklung rhachitischer Erkrankung, ein ähnlicher Einfluss auf das Längenwachsthum geltend zu machen. In unseren hierauf bezüglichen tabellarischen Aufzeichnungen findet sich bei 27 erblich nicht belasteten Kindern — deren Längenwachsthum bei der vergleichenden Betrachtung mit normal entwickelten Kindern derselben Altersstufe ein erhebliches Zurückbleiben constatiren liess, und deren Messung unter Vergleichung mit den Normalangaben von Vierordt, Vogel-Biedert u. A. eine Bestätigung dieser Annahme ergab — 19 Mal frühzeitiger, reichlicher und regelmässiger Genuss alkoholischer Getränke notirt.

Bei dreien dieser Fälle wurde durch die periodisch fortgesetzte Messung nachgewiesen, dass, nach vollständiger Aufhebung des Alkoholgenusses,. sich gegenüber früher allmälig eine recht erhebliche Zunahme des Längenwachsthums geltend machte.

Die bedeutungsvollsten Störungen der Gesundheit des Kindes in Folge frühzeitigen und übermässigen Genusses geistiger Getränke treten im Gebiete des Nervensystems zu Tage. Blicken wir auf die schweren und bleibenden anatomischen .Läsionen, welche sich erfahrungsgemäss im cerebrospinalen Nervensystem erwachsener Alkoholiker entwickeln, so drängt sich sofort der Gedanke auf, dass bei dem unter dem Einflusse der Alkoholwirkung stehenden Kinde die so äusserst zarten, jeder toxischen Einwirkung zugänglichen Nervenelemente noch weit leichter der deletären Einwirkung alkoholischer Getränke erliegen müssen 1).

Als weiteres erschwerendes Moment für das Zustandekommen dieser destructiven Wirkung ist der Umstand zu bezeichnen, dass es sich in den ersten Lebensperioden des Kindes nicht um den Einfluss auf einen fertigen, in seinem Wachsthum abgeschlossenen Organismus, sondern um die Einwirkung auf Organe handelt, welche, wie das Gehirn, noch in lebhafter Entwicklung und Ausbildung begriffen sind. Der Blutreichthum des Centralnervensystemes in dieser ersten Lebensperiode, die durch die Erfahrung bekannte Neigung des Gehirns und seiner Decken zu Congestivzuständen, zu bedrohlicher seröser Durchtränkung, zu entzündlichen Vorgängen, lassen die künstliche Steigerung des hier naturgemäss bestehenden Blutandranges durch die Einführung alkoholischer Getränke schon a priori als gewagt und irrationell erscheinen.

T Thatsächlich b bestätigen auch unsere Erfahrungen diese Annahme. Wir haben aus dem nun auf 28 Jahre sich beziehenden Krankenstande des Jenner'schen Kinderspitales eine Reihe theils im 22., theils im 27 Jahresberichte veröffentlichter Beobachtungen gesammelt, welche die Richtigkeit

der vorstehenden Sätze in überzeugender Weise darthun Es handelt sich bei diesen Krankheitsfällen um das Auftreten von Epilepsie 1) und Veitstanz 2) bei älteren, erblich nicht belasteten Kindern ausschliesslich in Folge des anamnestisch genau nachgewiesenen reichlichen und fortgesetzten Genusses alkoholischer Getränke. Für die ätiologische Bedeutung des Alkohols in diesen Fällen spricht zudem die Thatsache, dass in Folge der vollkommenen Unterdrückung der Alkoholzufuhr, unter Spitalaufsicht, ohne Anwendung von Medicamenten, die epileptischen Anfälle ausblieben 3) und der Veitstanz innerhalb verhältnissmässig kurzer Zeit abheilte

Mit Rücksicht auf die Eingangs unserer heutigen Betrachtung berührte Frage, "ob im Kindesalter wirklich ernstere Erkrankungen des Nervensystemes im Zusammenhang mit frühzeitigem Alkoholgenuss nachzuweisen sind?" betone ich somit hier noch . einmal ganz besonders, dass. es nach unseren Beobachtungen keinem Zweifel unterliegt, dass grobe Excesse im Genuss von Branntwein, ebenso von Wein 4), auch bei psychopathisch nicht belasteten kindlichen Individuen zum Auftreten von ächter Epilepsie, gewiss einer der schwersten und unheilvollsten Erkrankungen des Nervensystemes,. führen können. Fügen wir jedoch bei, dass glücklicher Weise dieses Verkommniss nur in seltenen Fallen in die Erscheinung tritt.

Noch ist hier der Beobachtungen von Dr. James Edmunds 1) zu gedenken, welche es wahrscheinlich machen, dass in Folge reichlichen Genusses alkoholischer Getränke seitens stillender Mütter oder Ammen die betreffenden Säuglinge an Convulsionen und anderen Reizerscheinungen des Gehirns erkranken können 2). Derselbe Arzt bringt hiermit ebenfalls die spätere Imbecillität und selbst Idiotie solcher Kinder in Zusammenhang.

Von grösster Tragweite für das jugendliche Individuum selbst, für seine Familie und den Staat ist jedoch vor Allem der die sittliche Kraft, die Moralität des Menschen lähmende Einfluss des Alkoholmissbrauches. Der an den reichlichen Genuss geistiger Getränke gewöhnte Knabe oder Jüngling lässt in Folge der die Willensenergie paralysirenden Einwirkung des Alkohols seinen Leidenschaften ungehemmt die Zügel schiessen. So schreckt er schliesslich weder vor Ausschweifungen aller Art, noch vor Verbrechen zurück und endet nicht selten durch Selbstmord. Aerzte und Juristen haben leider oft genug Gelegenheit, die Entwicklung derartiger trauriger Existenzen, der Opfer des Alkoholismus, zu beobachten.

Es sei mir hier noch gestattet, auf eine Einflussweise des Alkoholgenusses aufmerksam zu machen, welche das Interesse der Eltern und auch der Schulmänner in Anspruch nehmen dürfte und welche bis jetzt noch nicht hinreichend klar gelegt, wenigstens nicht entsprechend gewürdigt worden zu sein scheint. Durch das ganze civilisirte Menschengeschlecht der alten und noch mehr der rastloseren neuen Welt geht die Klage

zunehmender Nervosität. Unter der Bezeichnung der Neurasthenie hat man in jüngster Zeit das so weit verbreitete Symptomenbild erschöpfter Nervenkraft, reizbarer Schwäche, zusammengefasst. Und nicht nur der in seinem Alter Herangereifte, der den gewaltigen Ansprüchen seines Berufes zu erliegen droht, oder der zu der Last der Arbeit noch das Leben, das Jagen und Treiben einer Grossstadt mitzumachen gezwungen ist, leidet an Neurasthenie — auch unsere Jugend ist zum Theil schon der modernen Krankheit verfallen. Wie mancher Schüler bietet zwischen dem 12. und 15. Jahre das Bild reizbarer Schwäche, klagt über Kopfschmerzen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Verstimmung des Gemüthes und zahllose ähnliche nervöse Empfindungen. Oder er gewährt den Eindruck des Stumpfsinns, der Theilnahmslosigkeit gegenüber seiner Umgebung. Ergänzt wird dieses Symptomenbild durch Abnahme des Gedächtnisses 1), unnatürliche Schläfrigkeit und Ermattung.

Gewiss mit Recht haben sich, namentlich in den letzten Jahren, die Aerzte und Schulmänner damit beschäftigt, die Ursachen der zunehmenden Nervosität der Schuljugend zu ergründen. Mit der Aufmerksamkeit auf die Einrichtung der Schulräume, auf die Einflüsse der Licht-, Luft- und Wärme-Verhältnisse, die Construction der Schulbänke geht gegenwärtig die Prüfung der Zweckmässigkeit des Unterrichtssystemes und der Unterrichtseinflüsse Hand in Hand. Es ist nicht zu läugnen, dass ein Theil der physischen und psychischen Gebrechen unserer jugendlichen Generation auf einer Ueberanstrengung ihrer Geisteskräfte, auf Mangel an genügendem Schlaf und namentlich freier Körperbewegung zurückzuführen sind. Die Bemühungen unserer Hygieniker vom Fach möglichst bald und gründlich eine Aenderung dieser Zustände

herbeizuführen, sind deshalb auf das Wärmste zu begrüssen.

Die Ursachen der zunehmenden Nervosität unserer Schuljugend liegen aber nicht allein in den eben gerügten nachtheiligen Einflüssen des Schullebens. Einen nicht gering anzuschlagenden Antheil haben hieran ebenfalls die ganze unzweckmässige von Genusssucht getragene Lebensweise unserer Jugend, vor Allem der frühzeitige und in rascher Progression zunehmende . Alkoholgenuss derselben. Wir haben, uns in vielen Fällen durch die ärztliche Nachfrage und Beobachtung überzeugt, dass ein nicht geringes Contingent dieser "früh nervös . gewordenen Schüler" zu jener Classe jugendlicher Individuen gehört, von denen wir Eingangs unserer Betrachtung gesagt haben, dass sie durch den "Stärkungswahn ihrer Eltern schon von ihrer ersten Kindheit an aus dem Alkoholgenusse nicht herausgekommen sind". Die Summirung der lähmenden Einflüsse alkoholischer Getränke auf das jugendliche Gehirn schädigt die zur normalen physiologischen Function nothwendige Integrität desselben. Es vermag das so benachtheiigte Organ die den Anforderungen des Schulstudiums entsprechende Arbeit nicht zu leisten und kommt es zu einer Ueberanstrengung der Nervencentren, welche nicht selten den ersten Keim zu der späteren Nervosität des Schülers legt. Auch hier handelt es sich für den Hygieniker um Aufdeckung und Bekämpfung der durch den frühzeitigen Alkoholgenuss hervorgerufenen Schäden.

Und. dass solche nervöse jugendliche Greise noch gerettet und der natürlichen Jugendentwicklung wieder zurückgegeben werden können, lehrt die Erfahrung. Verbannung des Alkoholgenusses aus ihren Lebensgewohnheiten, vernünftige Ernährung und eine hygienisch geregelte abhärtende Lebensweise, das sind hierzu die ersten Bedingungen.

Es sei hier noch eines Experimentes Erwähnung gethan,

welches zwei mir als durchaus zuverlässig bekannte, für den mässigen Weingenuss im Alter vorgerückterer Kinder eingenommene Männer mit ihren zwischen 10 und 15 Jahren stehenden Knaben in der. Absicht angestellt hatten, sich davon zu überzeugen, ob ein .mässiger. Weingenuss die Arbeitsenergie der Letzteren in der Schule und bei Hause zu steigern vermöge oder aber dieselbe herabsetze und zu rascherer Ermattung und Erschlaffung des Geistes und Körpers führe. Die Quantität des zur Mittags- und Abendmahlzeit dargereichten leichten Tischweines betrug, für die jüngeren Knaben ungefähr 70, für die älteren 100 Grammes. Der Wein wurde stets mit Wasser vermischt und im Verlauf der Mahlzeit getrunken. Diese Versuche wurden gewissenhaft während anderthalb Jahren. in der Weise ausgeführt, dass stets mehrere Monate des erwähnten .Weingenusses mit mehreren Monaten der Abstinenz und zwar unter möglichst gleichmässiger Berücksichtigung der .Jahreszeiten wechselten. Der Erfolg. dieses mir freundlichst mitgetheilten Experimentes war der, dass die Knaben während der Perioden des Weingenusses den Eltern matter, schläfriger, weniger zur geistigen Arbeit aufgelegt erschienen und dass namentlich ihr Schlaf unruhiger, häufiger unterbrochen und deshalb weniger ausruhend und erquickend war. Zweien dieser Knaben waren die genannten Erscheinungen so auffällig und lästig, dass sie ganz aus freien Stücken ihre Eltern darum baten, mit Wein verschont zu werden.

Hochgeehrte Versammlung! Wir haben bisher die physiologische und pathologische Einwirkung des. Alkohols auf das kindliche Individuum bei direkter Aufnahme alkoholischer Getränke seitens desselben betrachtet. Das Kind steht jedoch noch unter anderen, verderblicheren und von ihm unabhängigen Einflüssen der toxischen Eigenschaften des Alkohols. Der nun folgende Abschnitt wird uns den Nachweis liefern, dass Trunksucht der Eltern die Lebensfähigkeit

und Gesundheit ihrer Nachkommen in sehr erheblicher Weise schädigt und namentlich auf dieselben erblich übertragen werden kann 1).

Zu den interessantesten, nach vielen Richtungen noch räthselhaften Erscheinungen in der organischen Natur gehört unstreitig die Vererbung von bestimmten Eigenschaften, Thätigkeiten und Besonderheiten des Körpers und des Geistes, von den Eltern auf die Kinder oder auch, mit Ueberspringung einer Generation auf spätere Generationen. Tagtäglich sehen wir, dass bestimmte Eigenthümlichkeiten der Eltern auf ihre Descendenten übertragen werden. Geht diese doch so weit, dass wir beispielsweise in einzelnen Fällen den Sohn eines uns bekannten Mannes, auch wenn wir diesen Sohn zum ersten Male sehen sollten, am Schnitt des Gesichtes, am Blick, am Klang der Stimme sofort als das Kind unseres Bekannten legitimiren. So sehen wir eine bestimmte geistige Begabung für Sprachen, für Mathematik oder für mechanische Bethätigung, oder auch eine hervorragende künstlerische Befähigung sich zuweilen von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. In der Familie der Bernoulli folgten sich bedeutende Mathematiker, in derjenigen der Bach hervorragende Musiker.

So können aber auch körperliche Defecte und Missbildungen, oder bestimmte Anlagen zu Erkrankungen des Körpers oder des Geistes von Generation zu Generation übertragen werden.

Bis in die neueste Zeit wurde namentlich von den Aerzten,

den Pathologen, der Standpunkt festgehalten, dass auch erworbene Missbildungen und Krankheiten der Vererbung unterliegen können. Virchow 1) hat noch in einer jüngst erschienenen Arbeit diese Anschauung vertreten. Darwin 2) huldigte ebenfalls derselben und verwendete die Annahme der Vererbung umgeänderter und neu erlangter Fähigkeiten des Individuums auf die Nachkommen zur Stützung seiner Theorie über die Variation der Arten. Auch Häckel 3) nimmt den genannten Standpunkt ein.

Dieser Anschauung gegenüber vertritt, gestützt auf die Arbeiten von Hertwig 4), van Beneden 5), Strassburger 6), Weissmann 7), von Kölliker 8), Flemming 9) und Anderen, sowie nach seinen eigenen Untersuchungen, Ziegler 10) den Standpunkt, "dass im Einzelleben eines Menschen erworbene pathologische

Eigenschaften sich nicht vererben, und dass erbliche in einer Familie vorkommende Missbildungen oder Krankheiten auf Variationen (bezw. auf krankhafte Veränderungen?) des Keimes desjenigen Individuums zurück zu führen seien, bei welchem das Leiden in der Familie zuerst auftritt".

Allerdings zeigt diese zweite Theorie über Vererbung eine grössere Uebereinstimmung mit den uns von der entwicklungsgeschichtlichen Forschung überlieferten Thatsachen. Immerhin sind jedoch dadurch eine Reihe von ärztlichen Beobachtungen, welche für eine erbliche Uebertragung erworbener Erkrankungen sprechen, nicht endgültig widerlegt.

Von Krankheiten, welche sich durch Vererbung in Familien von Generation zu Generation übertragen können und sich zum Theil nur durch functionelle Störungen, zum Theil jedoch durch anatomische Läsionen der betreffenden Körperorgane characterisiren, sind hervorzuheben: die Geisteskrankheiten und damit verwandte Erkrankungen des centralen Nervensystems, die Bluterkrankheit (Hämophilie), der fortschreitende Muskelschwund, der Diabetes insipidus, die Gicht — von Augenkrankheiten die Farbenblindheit, die Kurzsichtigkeit, der Albinismus, die Retinitis pigmentosa.

Bei den für unsere heutige Besprechung wichtigen Geisteskrankheiten wird das Erblichkeitsverhältniss Hagen 1) auf 28,9 %, von Leidesdorf 2) auf 25 %, von von Speyr 3) zu 55,3 %, von Forel 4) in Zürich sogar zu 69 bis 85 % angegeben. Nach Déjerine ist die erbliche Uebertragung für das Auftreten der Geisteskrankheiten von der grössten Wichtigkeit.

Er giebt an, dass in der Descendenz entweder die gleiche oder eine andere Geisteskrankheit auftreten könne, sowie dass dabei diese Erkrankungen des Nervensystems von Generation zu Generation schwerer werden. Er legt dieser Form der Vererbung die Bezeichnung der degenerativen Vererbung bei.

Die Trunksucht und ihre verschiedenen Aeusserungen, der acute Alkoholismus, die sogenannte alkoholische Verrücktheit, das Delirium tremens und der chronische Alkoholismus — sie werden gegenwärtig allgemein dem Gebiete der Geisteskrankheiten zugerechnet.. Sie finden hier als specifisch alkoholische Psychosen ihre Berücksichtigung. Bezüglich ihrer Vererbung bestehen die eben mit Rücksicht auf die Geisteskrankheiten im Allgemeinen dargelegten hereditären Verhältnisse. Trunksucht der Eltern kann die Aeusserung einer erblich übertragenen psychopathischen Disposition sein und sich selbst wieder in den Descendenten als Trunksucht oder als Geisteskrankheit anderer Form äussern. Für die Schädigung der Nachkommenschaft der dem Trunke ergebenen Eltern kommt der Umstand in Betracht, dass wohl angenommen werden darf, dass der Alkoholmissbrauch des Vaters oder der Mutter auf die Keimzellen-Ernährung und Entwicklung störend, überhaupt schädigend einwirke 1). Der Ausspruch des Plutarch "Ebrii gignunt ebrios"d. h. "Trunkenbolde erzeugen wiederum Trunkenbolde" kennzeichnet schon die Anschauung der Alten über diesen Gegenstand.

Für die erbliche Uebertragung der Trunksucht tritt eine Reihe anerkannter Forscher auf diesem Gebiete ein. So erwähnt Lucas 2) in seinem "Traité philosophique et physiologique de l'hérédité naturelle" verschiedene Beobachtungen von Gall, Girou de Busareingue, Louis, welche die erbliche Uebertragung der Trunksucht seitens des dem Alkoholmissbrauch

ergebenen Vaters oder der Mutter darthun. Dr. Day weist die Erblichkeit der Trunksucht durch die Beobachtung nach, dass in Familien, in welchen sich der Vater später der Trunksucht ergeben hatte, die innerhalb dieser Zeit gezeugten Kinder dem Alkoholismus anheimfielen, die aus der früheren Zeit stammenden. dagegen frei von diesem Laster waren. Aehnliche Beispiele erwähnt Baer 1) aus den Beobachtungen von Thompson, Garman, Mitchell und Anderen.

Auch in der Bearbeitung der Geisteskrankheiten des Kindesalters von Moreau 2) findet sich eine erhebliche Zahl von Beispielen der erblichen Uebertragung der Trunksucht und des Auftretens derselben sogar bei Kindern in den ersten Lebensjahren angeführt. Weiss und Stadler 3) geben an, Delirium tremens bei 4 und 5 Jahre alten Kindern beobachtet zu haben, eine Form des Alkoholismus, die mir bis jetzt bei Kindern noch nie zur Wahrnehmung gelangt ist.

Als der erblichen Uebertragung besonders zugänglich scheint jene Form der Trunksucht zu sein, welche wir als Dipsomanie bezeichnen, jene unter der Form eines unbezwinglichen Durstes auftretende periodische Trunksucht. Beispiele dieser Art mit unzweifelhaft nachweisbarer Heredität hatten wir im Berner Kinderspitals Gelegenheit zu beobachten 4).

Ich führe hier noch an, dass Parrish 5) die Erblichkeit der Trunksucht in der Weise verstanden wissen will, dass das

hereditär nervös, reizbar und. zu Schwächezuständen neigende Individuum den unwiderstehlichen Drang nach Stimulantien und damit auch zum Alkoholgenuss geerbt hat.

Von Seite mancher Forscher, so auch von Magnus Huss 1), wird der Ausbruch der Trunksucht bei den Nachkommen der Alkoholiker der vernachlässigten Erziehung und dem schlechten Beispiel der Eltern zugeschrieben. Dieser Anschauung sind jedoch eine Reihe von Beobachtungen 2) gegenüber zu stellen, welche nachweisen, dass Kinder aus Trinkerfamilien, welche ihren Eltern weggenommen und in vollkommen veränderte, günstige Verhältnisse versetzt wurden, doch später dem Trunk anheimfielen.

Ist die Ansicht jener Pathologen richtig, welche die Vererbung auch der im Laufe des Einzellebens erworbenen Eigenschaften und Krankheiten annehmen, dann würde ebenfalls der von einem nicht psychopathisch belasteten Individuum acquirirte Alkoholismus sich weiter erben und seinen deletären Einfluss auf die Nachkommenschaft äussern können.

Für den Staat ist mit Rücksicht auf den Wohlstand und die Wehrkraft seiner Bürger die durch die Trunksucht der Eltern herbeigeführte Depravation der Nachkommenschaft von hoher Bedeutung. Die in dieser Beziehung vorgenommenen Erhebungen hervorragender Aerzte und gewissenhafter Statistiker gelangen zu erschreckenden Resultaten. So behauptet Erasmus Darwin 3), dass die Krankheiten, welche aus Missbrauch geistiger Getränke entstehen, sich bis in das 3. und 4. Glied forterben und schliesslich zum Aussterben der Nachkommenschaft Veranlassung werden. Roesch 4) weist nach,

dass von 97 von Trinkern gezeugten Kindern nur 14 ohne Gebrechen blieben. Nach Lunier 1), sind von 50 % der Idioten und Imbecilen grosser -Städte die Eltern notorische Gewohnheitstrinker. Der frühere Vorstand der Irrenanstalt Burghölzli in Zürich, Prof. Hitzig 2) hebt ausdrücklich hervor, dass die Kinder von Trinkern die gleiche, wenn nicht eine grössere Disposition zu Erkrankungen des Nervensystems erben, als die Kinder von nervösen oder im engeren Sinne geisteskranken Eltern, und noch häufiger an Convulsionen und anderen epileptiformen Zuständen in frühster Jugend zu Grunde gehen.

Eine Verschlechterung der Rasse in sogenannten Trinkergegenden wurde nach Baer auch dadurch nachgewiesen, dass die Militäraushebung hier ein geringeres Contingent für den Militärdienst brauchbarer Leute als in anderen, sich grösserer Nüchternheit befleissigenden Theilen des betreffenden Landes ergab. Gyllenskiöld 3) giebt für Schweden an, dass seit der vollen günstigen Einwirkung der gegen die Trunksucht gerichteten Gesetze die Zahl der wegen allgemeiner Schwäche und zu kleiner Statur Dienstuntauglichen entschieden in Abnahme begriffen ist.

In dem Vortrage 4) der Bernischen Direction des Inneren an den Berner Regierungsrath vom Jahre 1874, die Einrichtung einer Musterbrennerei betreffend, heisst es wörtlich, "dass in dem in unserem Kanton ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes so sehr verbreiteten Branntweinconsum die

Erklärung dafür liegt, warum die. durchschnittliche Körperlänge abzunehmen scheint, warum die schöneren, kräftigen, grossen und frischen Gestalten. seltener werden, warum wir in manchen Rekrutentransporten so viele kleine, gebeugte, früh gealterte Individuen mit fahlen, ausdruckslosen, fast stupiden Gesichtern sehen, warum die Zahl der Fälle von erworbener nicht angeborener Geisteskrankheit zunimmt." Hoffen wir, dass auch durch die jüngste Alkoholgesetzgebung unseres Landes sich mit Rücksicht auf die Militäraushebung, als Ausdruck einer wieder energisch fortschreitenden Verbesserung der Rasse, ein ähnlich günstiges Resultat wie in Schweden geltend mache!

Ich gestehe, dass die Angaben über die Depravation des Volkes durch den Missbrauch geistiger Getränke, über die grosse Sterblichkeit und die noch erschreckendere Zahl schwerer Erkrankungen des Nervensystems unter den Kindern der Alkoholiker mir wiederholt übertrieben und vielfach zu allgemein gehalten und unbestimmt erschienen. Ich hatte deshalb schon im Jahre 1878, als im Kinderspitals einige schwere Fälle von Alkoholismus zur Behandlung kamen, angefangen, die Familienverhältnisse einiger in meine Beobachtung fallender notorischer Trinkerfamilien, mit Rücksicht auf die erbliche Belastung der As- und Descendenz, die Lebensfähigkeit der Nachkommen, die Gesundheitsverhältnisse und weitere Entwicklung derselben so genau als möglich zu verfolgen und zu notiren. Die Auswahl dieser Familien geschah auch seither ohne vorgefasste Meinung und wurde dabei nur auf eine grosse Kinderzahl, auf das Fehlen einer ausgesprochenen Anlage zu Kropfbildung, sowie auf die Möglichkeit der Gewinnung zuverlässiger Auskunft 1) seitens der Anverwandten oder mit den betreffenden Verhältnissen genau bekannter

Persönlichkeiten oder der Behörden Rücksicht genommen. Ihrem Berufe nach waren die Väter dieser Familien Taglöhner, Handlanger, Knechte, Hausirer oder auch Steinbrecher, Flösser, Küfer u. A.

Diesen notorischen Trinkerfamilien gegenüber wühlte ich ebenfalls aus dem Kreise meiner poliklinischen Praxis, wiederum nur unter Berücksichtigung der grösseren Kinderzahl, eine Reihe den gleichen Berufsclassen angehörender Familien aus, über deren nüchternes Verhalten, den alkoholischen Getränken gegenüber ich mich theils durch fortgesetzte eigene Beobachtung, theils durch zuverlässige Angaben: seitens der Anverwandten, der übrigen Hausbewohner, der Arbeitgeber,: unterrichtet hatte.

So habe ich vom Jahre 1878 bis heute, somit im Laufe von zwölf Jahren, genaue Kenntniss der für uns hier in Frage kommenden Lebensverhältnisse von je zehn Familien der Trinker-Reihe einer-, und der Mässigkeits-Reihe andererseits erhalten. Die betreffenden Resultate finden sich ausführlich im 27. Jahresbericht des Jenner'schen Kinderspitales veröffentlicht 1). Ich theile hier nur ein kurzes Résumé derselben mit:

Die directe Nachkommenschaft der zehn Trinkerfamilien, bei welchen Alkoholismus eines der Eltern oder auch beider Eltern und zum Theil ebenfalls seitens früherer Generationen nachgewiesen worden, belief sich auf 57 Kinder.

Von denselben starben in den ersten Lebenswochen und Monaten, zum Theil an Lebensschwäche, zum Theil unter eklamptischen Zufällen (Oedem des Hirns und seiner Häute) 25 Kinder. Sechs Kinder waren Idioten. Bei fünf Kindern war ein auffallendes Zurückbleiben des Längenwachsthums,

theilweise Zwergwuchs zu constatiren. Ebenfalls fünf Kinder wurden im fortgeschrittenen Kindesalter von Epilepsie befallen. Ein Knabe erkrankte an schwerem schliesslich zu Idiotismus führendem Veitstanz. Bei fünf Kindern bestanden angeborene Erkrankungen (chronischer Wasserkopf, Hasenscharte, Klumpfuss). Noch besonders muss hervorgehoben werden, dass zwei der hier angeführten Epileptiker 1) selbst dem Alkoholmissbrauch — in Folge hereditärer Uebertragung desselben — ergeben waren. Der Ausbruch ihres Leidens stand mit der hier meist acuten Alkoholintoxication in directer Beziehung, d. h. schloss sich unmittelbar an dieselbe an.

Von den 57 Kindern der Trinker liessen also nur 10, somit nur 17,5 % eine normale Anlage und normale Entwicklung ihres Körpers und Geistes, zunächst während der Jugendjahre, wahrnehmen.

Vergleichen wir hiermit unsere Erhebungen bei den zehn von jeder alkoholischen Belastung freien mit Rücksicht auf alkoholische Getränke sehr mässig lebenden Familien, so starben von ihrer directen Nachkommenschaft von 61 Kindern nur fünf an den mit Lebensschwäche zusammenhängenden Erkrankungen, vier Kinder litten im späteren Kindesalter an heilbaren Affectionen des Nervensystemes. Nur zwei Kinder boten angeborene Defecte dar. Dagegen zeigten die übrig bleibenden 50 Kinder der Mässigen, also volle 81,9 %, eine normale Anlage und vorläufig während der Kinderjahre auch eine normale Weiterentwicklung ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. •

Obschon mit derartigen Erhebungen wohl unvermeidliche

Fehlerquellen verbunden sind, so ist eine Vergleichung. der erhaltenen Resultate für unsere heutige Betrachtung doch von Werth. Es geht auch aus unserer Untersuchungsreihe die traurige Wahrheit hervor: "dass unter den Kindern der Trinker die Sterblichkeit eine erschreckende ist, dass der übrig bleibende Theil derselben ein trauriges Häuflein von Geisteskranken, von Idioten 1), Epileptikern und sonst in ihrem Nervensystem Geschädigten darstellt und dass nur eine verschwindend kleine Zahl der Nachkommen zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranreift. Ausserdem weist auch diese traurige Skala menschlichen Elends mit Sicherheit nach, dass die Trunksucht erblich ist und sich von Generation zu Generation wohl bis zum endlichen Aussterben dieser defecten Rasse überträgt.

Glücklicher Weise — wir müssen diess zur Vermeidung von Missverständnissen hier hervorheben — gehört, im Verhältniss zu der Zahl unserer Bevölkerung, eine derartige alkoholische Depravation ganzer Familien und auch einzelner kindlicher Individuen doch nur zu den seltenen und ausnahmsweisen Vorkommnissen. Der Berner Volksstamm ist körperlich und geistig gesund und kräftig, seine Kinderbevölkerung frisch und aufgeweckt wie die jedes anderen gut verwalteten Landes. Es gilt jedoch heute hier zum Theil verborgene Schäden aufzudecken, welche an der Wurzel dieses kräftigen Baumes nagen, Schäden, welche zur Zeit in jedem Lande die gesunde Entwicklung der Jugend bedrohen und an deren Beseitigung wir alle gemeinschaftlich mitzuwirken haben 2).

Hochgeehrte Versammlung! Wir haben in den beiden eben behandelten Abschnitten unserer heutigen Besprechung den verderblichen Einfluss des Alkohols auf den kindlichen

Organismus betrachtet. Gestatten Sie mir noch in aller Kürze auf die arzneiliche Einwirkung alkoholischer Getränke bei Erkrankungen des Kindes einzugehen:

Die grössten Aerzte aller Zeiten von Hippokrates bis auf unsere Tage haben den alkoholischen Getränken, vor Allem dem Wein eine anregende und reizende Einwirkung zugeschrieben. Aus der Reihe hervorragender Kliniker und Aerzte des letzten Jahrhunderts erwähnen wir beispielsweise Friedrich Hoffmann 1), Boerhave 2), Stoll 3), welche in ihren Schriften jene die Herzthätigkeit belebenden Eigenschaften des Weines beim Sinken der Kräfte preisen. So rechnete auch der zu Ende des vorigen Jahrhunderts als berühmter Arzt und Lehrer an der Charité in Berlin wirkende Christian Gottlieb Selle den Wein unter die wirksamsten erregenden Arzneimittel und fügte den Ausspruch bei, dass derselbe in keiner Apotheke fehlen solle. Hufeland 4), Jahn 5), Peter Frank 6) und Richter 7) sind ebenfalls Lobredner des Weines als eines mächtigen Reizmittels namentlich bei typhösen Prozessen. Von der Ausdehnung, welche die therapeutische Anwendung der Alkoholika ebenfalls als Reizmittel durch die zur Uebertreibung führenden Lehren Brown's und seiner Schüler gefunden, haben wir bereits früher gesprochen, ebenso von der Verwendung des Alkohols als Excitans beim Typhus, bei asthenischen Pneumonieen, seitens einer Reihe unserer hervorragendsten heutigen Kliniker.

Diesen durch die Beobachtung am Krankenbette. wohlbegründeten klinischen Erfahrungen stehen die von uns ebenfalls erwähnten speciell pharmakologischen Angaben von der ausschliesslich lähmungsartigen Einwirkung der Alkoholika in gewissem Sinne gegenüber.

Wohl auch mit Rücksicht auf diese differenten Anschauungen wurde auf dem VII. Congress für innere Medicin in Wiesbaden im Jahre 1888 die Frage nach der physiologischen und therapeutischen Wirkung des Alkohols auf das eingehendste erörtert 1). Binz vom pharmakologischen und von Jaksch vom klinisch-therapeutischen Standpunkte aus entledigten sich damals als Referenten in trefflicher Weise ihrer Aufgabe. Von Jaksch constatirte, gestützt auf die Aufnahme einer grösseren Reihe von Pulscurven nach Alkoholdarreichung bei kranken Kindern, dass der pathologisch kleine und frequente, häufig Collapszustände einleitende Puls in Folge der Alkoholwirkung langsamer und zugleich voller und kräftiger wird. Wo es sich also im Kindesalter um Zustände raschen Kräfteverfalls und plötzlich auftretender Herzschwäche handelt, so mit Rücksicht auf die acuten fieberhaften Krankheiten namentlich bei Diphtheritis, Scharlach, Masern, Rothlauf, Typhus, ferner bei dem acuten Magen-Darmkatarrh jüngster Kinder, der sogenannten Cholera aestiva 2), endlich bei plötzlichem schweren Blutverluste nach Verletzungen, da kann der Alkohol, als bester Cognac oder edler Wein dargereicht, unter Umständen lebensrettend wirken.

Diese klinischen Ergebnisse "der belebenden Wirkung des Alkohols" werden übrigens. von Schmiedeberg 1) mit Rücksicht auf die bereits erwähnte pharmakologische Anschauung. "der ausschliesslich lähmenden Wirkung des Weingeistes" dahin zu erklären versucht, dass durch den Wein vielleicht ein Gefässkrampf, welcher der Entleerung des Herzens einen grossen Widerstand entgegensetze, gehoben 2) oder die Blutvertheilung im Allgemeinen in günstiger Weise verändert werde. In anderen Fällen handle es sich vielleicht um die Verminderung eines zu starken Tonus der Hemmungsnerven des Herzens, oder um die Linderung eines Reizzustandes der motorischen Herzganglien, welcher ebenfalls die Herzpulsationen oberflächlich und frequent macht.

Als zweite therapeutische Wirkung alkoholischer Getränke bestätigten die Untersuchungen von Binz und. Jaksch die schon früher von Binz und seinen Schülern gemachte Beobachtung, dass :bei gänzlichem Darniederliegen der Ernährung, sowohl bei acuten als chronischen Erkrankungen, der Alkohol als Sparmittel für den Verbrauch der Gewebe. somit in diesem Sinne auch als respiratorisches Nährmittel dienen kann.

Mögen nun die. alkoholischen Getränke in dieser letzteren Eigenschaft oder aber in der viel wichtigeren erstgenannten Bedeutung als natürliches und wohl jeder Zeit zu Gebote stehendes Belebungsmittel beim kranken Kinde Verwendung finden — stets ist als Regel fest zu halten, dass diess nur auf Anordnung und unter Aufsicht des Arztes geschehe, dass grosse, das Nervensystem lähmende, oder dauernd schädigende Gaben vermieden werden, und dass der Gebrauch des Alkohols

mit der Wiederherstellung des Kindes auch sofort seine Beendigung erfahre. Wir fügen, gestützt auf unsere persönliche ärztliche Erfahrung, bei, dass es zu bedauern wäre, wenn der gegen den Alkohol-Missbrauch gerichtete, so berechtige Kampf auch zur Unterdrückung. der arzneilichen Anwendung alkoholischer Getränke am Krankenbette führen würde.

Hochgeehrte Versammlung! Ich schliesse hiermit die Ihnen heute vorgelegte Betrachtung "über die Einwirkung des Alkohols auf den kindlichen Organismus". Sie haben daraus ersehen, dass der Alkohol-Missbrauch der Eltern sich an ihren Nachkommen bis in die späteren Generationen rächt — dass zwar für das kranke Kind der Alkohol unter bestimmten Bedingungen sehr werthvolle Heilwirkungen entfaltet, dass dagegen für das gesunde kindliche Individuum der Genuss alkoholischer Getränke weder nöthig noch heilsam ist, sondern auf die Entwicklung desselben direct Schaden bringend, die Gesundheit untergrabend und die sittliche Bildung beeinträchtigend wirkt.

Man wird mir zwar entgegnen, dass ein so schweres Verdammungsurtheil des Alkohols für das Kindesalter sich eben doch nur auf verhältnissmässig seltenere Beobachtungen stütze, und dass Tausende von Kindern mässige Quantitäten alkoholischer Getränke ungestraft, wenigstens ohne sichtbare schädliche Einwirkung, zu sich nehmen.

Gerade gegen eine solche Argumentation giebt unsere heute mitgetheilte Alkoholstudie die besten Waffen an die Hand. Treten uns die schädlichen Wirkungen alkoholischer Getränke auf das Kind auch nicht in jedem Falle sicht- und greifbar entgegen, so bestehen sie, wie wir oben nachgewiesen haben, eben dennoch, und können sich, wenn auch nicht unmittelbar, so doch im weiteren Laufe der Entwicklung geltend machen.

Vom Standpunkte der Volks-Hygiene aus werden wir somit auf das Energischste darnach trachten müssen, die alkoholischen Getränke als Genussmittel vom Kinde fern zu halten. Pflicht des Arztes ist es, Arm und Reich über die Gefahren aufzuklären, welche dem Kindesalter durch den frühzeitigen Genuss alkoholischer Getränke drohen. So wird es uns hoffentlich gelingen, den Gebrauch derselben wenigstens auf den ersten Altersstufen zum Besten des Volkes zu beschränken und vor Allem ihren quantitativen Missbrauch so weit als möglich zu beseitigen.

Wenn die Jugend sich in der für ihre spätere Zukunft wichtigsten Periode der Entwicklung des Genusses alkoholischer Getränke enthält, so wird sie körperlich und geistig frischer, im Streben nach den idealen Gütern der Menschheit heranwachsen. So wird sie sich auch die sittliche Kraft und Charakterstärke erwerben, um, zur männlichen Reife gelangt, ohne äusseren Zwang in jedem Genusse, auch in demjenigen der geistigen Getränke, das richtige, des freien Menschen würdige Mass zu halten.