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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Aus der Geschichte unserer höheren Lehranstalten in Beziehung auf die Naturwissenschaft. .

Rede bei der Feier des Jahrestages Eröffnung der Hochschule in Bern

Gehalten
am 15. November 1843
Dr. Bernhard Studer,
d. Z. Rector der Hochschule.
Bern.
Gedruckt bei A, Weingart.
1843.

Hochgeachtete, Hochgeehrte Herren Mitglieder des Erziehungs-Departements, Hochgeehrte Herren Collegen, Professoren und Doctoren der Hochschule, Wertheste studirende Jünglinge, Nach Stand und Würde zu ehrende übrige Anwesende.

Noch sind Vielen aus Ihnen wie mir die Festreden in freudiger Erinnerung, die an früheren Jahrestagen der Eröffnung unserer Hochschule uns reiche Belehrung über ihre Zwecke und neue Kraft zur Arbeit gebracht haben; wie sollte ich denn ohne Bangigkeit heute diese Stelle betreten, wohl wissend, kaum etwas sagen zu können, das nicht weit besser schon von Anderen gesagt worden wäre! Der Aufruf zu gemeinsamer Anstrengung in der Thätigkeit für die edelste Lebensaufgabe bedarf indess nicht des Schmuckes der Rede, noch kann seine Wiederholung ermüden; dass er aus warmer Brust stamme gibt ihm seinen Werth, und das Interesse, das ich mir fühle für das Gedeihen unserer Anstalt, mein ernstes Bestreben, mitzuwirken an der Bildung der Jugend, die ihrer Pflege sich anvertraut, das Bewusstsein, dass ich Ihnen nicht nachstehe in den kühnsten Wünschen für feste Begründung dieser neuen Pflanzstätte der Wissenschaft,

sie allein lassen mich hoffen, dass meine Worte wohlwollende Aufnahme finden werden.

Trägt man der Menge ungünstiger Verhältnisse Rechnung, unter welchen die Hochschule ins Leben trat, so hat das Gedeihen derselben gewiss alle nüchternen Erwartungen weit übertroffen, und jedes zurückgelegte Jahr ruhigen Bestandes und erfolgreicher Wirksamkeit befestigt sie in der öffentlichen Meinung, der einzig sicheren Stütze aller Institutionen in Republiken. Wie einst in Frankreich mehrere der schönsten und seither unter den verschiedensten Regierungsformen stets blühender gewordenen Anstalten, entstund auch unsere Universität in einer Zeit leidenschaftlicher Aufregung; viele Stimmen bezeichneten sie als das Sturmdach einer ausgewählten Schaar Von Freiheitskämpfern, als ein Ferment, aus dem ein Umschwung aller Lebensansichten und socialen Verhältnisse hiesiger Stadt, wo nicht des gesammten Vaterlandes hervorgehn sollte; deutsche Zeitungsartikel sprachen von der Reorganisation der Lehranstalten in Zürich und Bern in ähnlichem Tone wie die Weltgeschichte von den Priestercolonien unter ägyptischen Hirtenvölkern, als ob jetzt erst die bis dahin halbwilden . Schweizer durch deutsche Professoren für die Cultur gewonnen werden sollten; Einheimische wiegten sich in der Hoffnung, dass fernerhin. nun, mit bedeutender Ersparnis von Zeit und Geld, der lange Weg der Schulbildung umgangen, und jeder Staatsbürger, nach kurzem Aufenthalt auf der vaterländischen Hochschule, zum Staatsmann gebildet werden könne. Dazu das Durchkreuzen der verschiedenartigsten Ansichten, Gewohnheiten, Interessen im Inneren einer aus allen Gauen Deutschlands

herberufenen und nur in geringerem Verhältniss mit Inländern besetzten Lehrerschaft. Gewiss, es bedurfte in vollem Maasse der Lernbegierde und sittlichen Haltung der Studirenden, der hohen persönlichen Achtung, welche die Mehrzahl der neuen Lehrer umgab, des Eifers, womit man den hoch gespannten Erwartungen nachzukommen suchte, und vor Allem der einsichtsvollen Festigkeit, mit welcher die Oberbehörde sowohl äussere als innere Gefahren abzuwenden wusste, wenn eine Anstalt, die nur durch die harmonische Lebensthätigkeit ihrer Glieder Bestand haben kann, nicht in den ersten Jahren in sich selbst zerfallen sollte. Eine jetzt neunjährige Wirksamkeit hat vielleicht manche Hoffnungen getäuscht, aber auch viele Schreckbildes zerstört und früher feindlich gesinnte Gemüther gewonnen. Es wächst mehr und mehr die Universität mit bernischen Wesen zu einem Ganzen zusammen; einheimische Ansichten und Sitten verdrängen, was mit schweizerischen Verhältnissen unvereinbar ist, während tüchtig gebildete, mit deutscher Wissenschaft vertraut gewordene Schüler, als Prediger und Lehrer, als Richter, Anwälde, Aerzte, oder in anderen Stellungen, die wichtigsten Dienste leisten. — Ob wir jedoch mit diesen Früchten bisheriger Thätigkeit uns zufrieden geben, ob wir nach keinem höheren Ziel streben sollen, als die Wissenschaft bei uns einzubürgern und dem Staatsorganismus dienstbar zu machen? — Sie werden diese Frage bereits entschieden haben. —Es muss in den Wünschen eines Jeden liegen, dem die höheren Interessen des Landes theuer sind, dass die schweizerischen Hochschulen die Stützen einer Gesinnung werden, die bei uns wie überall der grösseren Masse fremd ist,

dass sie wirklich, wenn auch in anderem Sinne als Viele es sich dachten, eine bis an die Wurzel greifende Reform in der herrschenden Lebensansicht herbeiführen. Durch das Streben nach dem Wahren und Idealen, in Wissenschaft und Kunst, erhebt sich der Mensch über die engen Grenzen eines nur auf Erwerb und Genuss beschränkten Daseins, und, wie in der Kirche die Religion, will auch in der Hochschule die Wissenschaft ihre vor jeder Entweihung geschützten Altäre finden. Nur da, wo die Himmlischen um ihrer selbst willen verehrt werden, nur da spenden sie auch ihre schönsten Gaben und wirken veredelnd auf den Charakter der Völker. Diese reinere Verehrung und die aus ihr entspringende grossartige Gesinnung müssten sie aber in dem Gewirre des täglichen Lebens nicht untergehn, wenn zu ihrem Schutz ein Priesterthum fehlte, das die Würde der ihm anvertrauten Interessen gegen die Ansprüche einer gemeineren Denkweise vertreten könnte? müsste nicht in dieser bleiernen Zeit der Dienst der Urania verzerrt werden zu einem Cultus der Venus Pandemos? —Die Erfahrung lehrt es. Von den Akademien Frankreichs und Englands und von deutschen Hochschulen ist meistens der Impuls ausgegangen, wo es galt, größere Anstrengungen für rein wissenschaftliche Zwecke aufzurufen und die Rechte der theoretischen Forschung zu vertheidigen; in Staaten, denen diese Sammelpunkte geistiger Thätigkeit fehlen, waren die Bemühungen schwächer, ihre Erfolge abhängig von dem Talente und den Aufopferungen vereinzelter Männer, und die Kräfte des Volkes nur Demjenigen gewidmet, was die grosse Masse ihren Nutzen heisst. — Es sei mir vergönnt, einige

Belege zu dieser Behauptung aus der einheimischen Geschichte herzunehmen, indem ich es versuche, in gedrängter historischer Skizze die Schicksale eines Zweiges der Wissenschaft in unserem Lande zu schildern, der seit den Anfängen neuerer Cultur anderwärts mehr als kein anderer sich der grossartigsten Unterstützung der Regierungen und Völker zu erfreuen gehabt hat. —Ich habe zum Gegenstand meines Vortrags eine Darstellung des Verhältnisses unserer öffentlichen Anstalten zu den Naturwissenschaften gewählt.

Der Dualismus der älteren Zeit, der die Gesellschaft in einen weltlichen und geistlichen Stand, wie den Menschen in Körper und Seele theilte, hatte sich über Erziehungssysteme und Vorsorge für Wissenschaft bald verständigt. Dem künftigen Kirchendiener, der für den Himmel arbeiten sollte, wurde leicht das Bedürfnis von Kenntnissen zugestanden, deren Nutzen für diese Erde sich nicht arithmetiscih demonstriren liess. Die Kirchenreform selbst war aus der höheren Humanitätsbildung entsprossen, die in dem Studium der alten Classiker wurzelt, und die edlere Gesinnung, der feinere Geschmack, die Vielseitigkeit der Kenntnisse ihrer Vertreter hatten ihr den Sieg über ihre scholastischen Gegner gegeben. Die classischen Sprachen und Philosophie wurden demnach die Grundlage der Bildung protestantischer Geistlicher, und da von Alters her hohe und niedere Schulen beinahe ausschliesslich von Geistlichen geleitet und bedient wurden, so war das herrschende Unterrichtssystem grösstentheils den Anforderungen der damaligen Theologie gemäss organisirt. — Der weltliche Stand glaubte sich

nicht berufen, durch näheres Eingehen auf ideale Bedürfnisse in die Aufgabe der Geistlichen einzugreifen. In der Theilung der Welt war ihm die Erde zugefallen; er dachte von seinem Erbtheil den möglichsten Nutzen zu ziehen, und wer durch jährlichen Fürschlag und Erwerb von Eigenthum, oder durch Tüchtigkeit zu bürgerlichen Ehrenstellen sich auszuzeichnen verstand, war auch der Achtung seiner Mitbürger versichert. Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Verdienste waren aber im alten Bern nicht das sicherste Mittel "Weg zu machen". Unter den bürgerlichen Berufen zeigten sich diejenigen als die vortheilhaftesten, die nur Kenntnise der Primarschule voraussetzten, und in Behörden fand man die Ansichten der "gelehrten Herren" meist so unpraktisch, dass Ansprüche auf diesen Titel nicht als Empfehlung galten.

Die Naturwissenschaft durfte unter diesen Verhältnissen von keiner Seite bei uns auf Protection hoffen. Es hatte allerdings der vielseitig gebildete Melanchthon das Studium der mathematischen Naturlehre als eine der wichtigsten Grundlagen humaner Bildung empfohlen. »Nec vero dubium est, sagt er in der Vorrede zn Euklid's Elementen, quin naturas non distortas delectet per sese mensurarum ratio, ut natura capimur numerorum collatione aut concentu sonorum. Sed generosa et excelsa ingenia hujus utilitatis magnitudo accendere ad haec studia et inflammare debet, quod haec ars aditum patefacit ad illam praestantissimam philosophiam de rebus coelestibus; quae quantum habeat dignitatis, quam multipliciter prosit bominum vitae, minime obscurum est, praesertim iis, qui non omnino abhorrent a verae veterisque philosophiae studiis. Jacent enim desertae et negloctae hae artes multis jam

seculis; nam proxima aetas juventutem ab hac vera philosophia ad insulsissimas cavillationes abduxerat. Nunc postquam hae explosae sunt e sholis, annitendum erat, ut pura et nativa philosophia traderetur, quae conduceret ad solidam doctrinam consequendam. Allein die Nachfolger der Reformatoren, die in Facultäten und Schulräthen sassen, waren, ungeachtet gründlicher Kenntniss der classischen Sprachen und der damaligen Theologie, weit hinter der humanen Bildung des Zeitalters der Melanchthon und Zwingli zurückgeblieben. Statt sich mit allen zu verbinden, die wie sie den Menschen von dem knechtischen Sinn irdischer Bestrebungen befreien und zu Höherem erheben wollten, traten sie ihnen mit der vollen Härte geistlicher Intoleranz entgegen, wenn der Weg, auf dem jene das Höhere suchten, nicht der von ihnen vorgezeichnete war. Die protestantische Kirche verfiel bald wieder in leidenschaftliche Kämpfe über die dunkelsten Sätze der Dogmatik; der Streit gegen Arminianer, Wiedertäufer und Pietisten nahm im Laufe des XVII Jahrhunderts die volle Kraft der Berner Geistlichkeit in Anspruch und trat hemmend jeder Wissenschaft entgegen, die nicht im Dienst der herrschenden starren Orthodoxie stand. Als bereits die Lehren von Copernicus, Kepler und Galilei sich, trotz der Verfolgung protestantischer wie katholischer Facultäten, weiter verbreitet hatten und die ältere Weltansicht des kirchlichen Glaubens zu zerstören drohten, als der Mensch sich nicht mehr als den Hauptzweck der Schöpfung, die Sternenwelt als seinen Himmel, die Tiefen der Erde als den Ort der Verworfenen betrachten durfte, fand man es gerathener, die anderhalb der Auditorien vorgehende

Umwandlung aller Begriffe von Natur und Welt zu ignorieren und die Schüler ignorieren zu lassen, als mit der rasch sich entwickelnden Wissenschaft Schritt zu halten.

In der ersten Schulordnung, die 1548, zwanzig Jahre nach der Reformation, in Bern erschien, sind die oberen Schulen, die später den Namen Akademie erhielten, nur mit drei Lehrern besetzt. Ein Theologus hatte die gesammte Theologie zu lehren, ein Professor der Sprachen erläuterte griechische und römische Classiker, und einem Lector war Rhetorik und Mathematik übertragen. Für fernere Studien einzelner Schüler war durch Stipendien gesorgt, die es ihnen möglich machten, die Anstalten in Zürich, Strassburg oder anderer Städte zu besuchen; wozu jedoch nur dann Erlaubniss erteilt wurde, wenn die daselbst vorgetragenen Lehrsätze in vollkommenster Uebereinstimmung mit denjenigen der bernerischen Kirche waren. Dieser frühste, nur anhangsweise erwähnte Unterricht in der Mathematik an unserer Akademie scheint sich nicht über die ersten Elemente erhoben zu haben; Astronomie, Physik, Naturgeschichte waren damals, und noch weit später, unbekannte Namen in unseren Hörsäälen. — Während mehr als fünfzig Jahren scheint die Organisation der oberen Schulen keine wesentliche Veränderung erlitten zu haben. Die Geschichte weiss nur zu erzählen von Klagen, welche die Schüler gegen ihre Lehrer vor den Rath gebracht hätten, dagegen aber auch von Unfleiss und ärgerlichem Wandel der Studirenden. —Die Gewalt der Geistlichkeit über das ganze Schulwesen und die Beschränkung der unteren und oberen Unterrichtsanstalten auf die Bedürfnisse einer ganz scholastischen Theologie erweckten indess

immer lautere Klagen der übrigen Bürgerschaft. Es entstand ein vieljähriger Kampf zwischen Geistlichen und Weltlichen um Vorrang und Einfluss im Schulrath, und, in Folge desselben, eine Störung der Schuladministration, die sich bis an das Ende des XVII Jahrhunderts verlängerte; unter wiederholter Weigerung, bald der Geistlichen, bald der Weltlichen, im neu organisirten Schulrathe neben einander Sitz zu nehmen, und stürmischen Auftritten vor Rath, wo es im Jahr 1617 zwischen den klagend aufgetretenen Geistlichen, den Professoren und den weltlichen Verfassern der neuen Schulordnung beinahe zu Thätlichkeiten gekommen sein soll. Achtundfünfzig Jahre, von 1617-1674, befand sich der Schulrath in gänzlicher Auflösung; der Kirchenconvent besorgte wie früher allein alle Schulgeschäfte, und die ursprüngliche Anlage und Richtung der Anstalt blieb zuletzt beinahe unverändert. — Die Schulordnung von 1016, bei deren Erlass jener Streit zuerst öffentlich zum Ausbruch kam, verlangte zwei Professoren der Philosophie, von denen der eine Metaphysik, Physik, Logik und Rhetorik, der andere Arithmetic, Geometrie und Astronomie in einem Curs von drei Jahren dociren sollte. Die Verbindung der Physik mit rein speculativen Wissenschaften lässt glauben, dass mit jener Benennung nicht die neuere empirische Naturlehre, die auf Induction beruhende Philosophia naturalis des berühmten Baco, sondern die so erfolgreich von ihm bekämpfte dialektische Physik der Scholastiker gemeint war; auch scheint bis lange nachher keine Spur eines physikalischen Apparates vorhanden gewesen zu sein. Die Professur für Mathematik blieb unbesetzt und ward in der späteren

Schulordnung von 1676 weggelaufen. Die Abneigung gegen eine mit Mathematik und dem Studium der Natur befreundete Philosophie äusserte sich auch in dem leidenschaftlichen Auftreten des Kirchenconvents gegen Descartes, in dem strengen Verbot der Schriften dieser Schule und der Verordnung, dass aus der Fremde zurückkehrende Studenten über ihre Ansichten in Betreff dieser Irrlehren examiniert werden sollten.

Das XVIII Jahrhundert brachte bis nahe vor seinem Abschluss keine wesentliche Verbesserung in diese Verhältnisse. Zu derselben Zeit, da die großen Entdeckungen von Huyghens, Newton und ihrer Schüler das cultivirte Europa mit Staunen erfüllten, die Akademie in Paris ihre Mitglieder in ferne Welttheorie sandte, um die Lösung astronomischer Probleme zu erhalten, und alle Zweige der Naturwissenschaft durch reiche Unterstellung sich in schönster Birgithe befanden, hatte die Geometrie in Bern, das damals auf dem Gipfel seiner Macht stand, noch keinen Lehrer erhalten, und der Ruhm, den sich die uns so nahe stehenden Scheuchzer, Bernoulli, Cramer erwarben, fand in diesen Mauern keinen Wiederhall. Erneuerte Berathungen und Regierungsbeschlüsse, in den Jahren 1705, 1708, 1736 hatten nicht besseren Erfolg, als die hundert Jahr vorher erkannten Artikel der Schulordnung. Es wurden die Lehrstühle an der Akademie, noch am Ende des XVII Jahrhunderts, durch eine Professur der Rechte und eine der Eloquenz vermehrt, beide zu Gunsten der Jugend, die sich weltlichen Ständen widmete; es wurde ferner, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, ein Professor der Polemik oder Streittheologie erwähle; aber die mathematische

Lehrstelle blieb leer, bis sie im Jahr 1738 zuerst einem Professor extraordinarius übertragen wurde. Diesem folgte endlich, 1749, mit Hintansetzung des gelehrten de Castillon, Professor Blauner, ein geborner Berner, als Ordinarius und blieb in dieser Stelle bis zu seiner Resignation im Jahr 1784. Es kann die Wahl, wenn man den Gerüchten vertrauen darf, die noch jetzt über die Persönlichkeit und den Unterricht dieses Lehrers circuliren, oder wenn man die zum Scherz nachgeschriebenen Hefte seiner Lectionen liest, keine glückliche genannt werden. Es hatte zwar Blauner auf mehrjährigen Reisen sich für das ihm übertragene Fach auszubilden gesucht; er war in Turin, in den Niederlanden, und längere Zeit in Paris gewesen; dass er seinen 14- bis 18jährigen, durch einen gewöhnlichen Rechenmeister vorgebildeten Schülern an Kenntnissen weit überlegen gewesen sei, lässt sich nicht bezweifeln; auch bewilligte zum erstenmale die Regierung eine für jene Zeit beträchtliche Summe zum Ankauf physikalischer Instrumente, die noch jetzt, in den Standesfarben bemahlt, die Grundlage des Apparates der Hochschule bilden. Aber es bewährte sich auch in diesem Fall, dass Kenntnisse und der Schutz der Behörden nicht ausreichen, um der Wirksamkeit eines Lehrers einen günstigen Erfolg zu sichern. Der an das Triviale grenzende Vortrag Blauners war nicht geeignet, die Achtung der Schüler, weder für seine Person, noch für die von ihm vorgetragenen Fächer zu gewinnen; und doch hatte er seine ganze öffentliche Wirksamkeit auf den Hörsaal beschränkt und niemals, wie es scheint, versucht, durch wissenschaftliche Leistungen sich einen von dem Urtheil

seiner muthwilligen Schüler unabhängigen Ruf zu gründen; die Anordnung des mathematisch-physikalische an Unterrichts war in hohem Grade unzweckmässig, und Blauner scheint nicht die erforderliche Energie, oder nicht zureichten Credit besessen zu haben, um eine Abänderung desselben durchsehen zu können. Den Studiosus Eloquentiae d. h. Knaben von 13 bis 15 Jahren, die bereits auf Emancipation von der Schulzucht Anspruch machten, war, als einziger Unterricht in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern, ein zweijähriger Curs über Arithmetik, zu zwei Stunden zn der Woche, vorgeschrieben; den Studiosis Philosophiae gab der Professor, in einem dreijährigen Curse, wöchentlich 2 Stunden Geometrie, 1 St. Geographie, und der Samstag Nachmittag war, kaum unter der Voraussetzung eines ernst gestimmten Publicums, physikalischen Experimenten gewidmet. Den Unterricht in der theoretischen Physik dagegen ertheilte wie früher, in 1 St. wöchentlich, der Professor der Philosophie. — Wiederum gieng also, während der 35jährigen Anstellung jenes Lehrers, eine ganze Generation für gründliche und ernste naturwissenschaftliche Studien gans verloren, und an der noch jetzt im älteren Publicum vielfach verbreiteten Ansicht, dass ein Physikcurs in glänzenden und knallenden Experimenten zu bestehen habe, der Werth des Physikers nach der Geschicklichkeit seiner Hände beurtheilt werden müsse, ist der Einfluss dieses ersten Unterrichts noch zu erkennen.

An wiederholten Versuchen, die Organisation des öffentlichen Unterrichts endlich von dem Charakter theologischer Klosterschulen zu. befreien und der neueren Wissenschaft in Bern einen günstigeren Boden zu bereiten,

hatte es indeß auch im XVIII Jahrhundert nicht gefehlt. Vor Allem verdient unsere Aufmerksamkeit der Vorschlag einer neuen Einrichtung unserer Schulen von 1766, der den berühmten Haller, Sinner von Balaigues und den geistvollen Professor Wilhelmi zu Verfassern hatte. Es enthält dieser Entwurf Vieles, das, als Resultat der neueren Pädagogik, erst in letzter Zeit bei uns seine Anwendung gefunden hat. In den unteren Schulen wird statt des Claßsystems das Fachsystem vorgeschlagen, es wird dringend die Einführung eines deutschen Sprachunterrichts vor Anfang des Lateinunterrichts empfohlen, es werden, als neue Lehrfächer, Naturgeschichte und Zeichnen, und, als nothwendige Ergänzung der Schule, ein geregelter Gymnastikunterricht angerathen. In Betreff der Akademie wird für die weltliche Jugend auf Errichtung eines Lyceums oder höheren Gymnasiums angetragen, worin dieselbe, nach dem Austritt aus der Lateinschule, 3 bis 4 Jahre zu geregelten Cursen angehalten werden sollte, und der Regierung empfohlen, alle Jünglinge, die sich der Advocatur und dem Notariat widmen, oder die in Secretariate und Bureaux von Behörden eintreten wollten, zu verpflichten, diese Curse zu vollenden, oder durch Zeugnisse zu beweisen, dass sie anderswo diese Studien absolvirt hätten. Mit besonderem Nachdruck verweilt endlich der Entwurf auf der Nothwendigkeit einer neuen Organisation der naturwissenschaftlichen Studien. "Diese Wissenschaft, heisst es, die uns das Reich der Natur öffnet und uns mit dem Erdboden, den wir bewohnen, bekannt macht, wird gegenwärtig von allen Völkern von Europa mit dem

allerstrengsten Fleiss betrieben." Es wird daher verlangt, dass der theoretische und experimentale Unterricht der Physik vereinigt und die Lehrstunden auf wöchentlich vier Stunden während des dreijährigen Curses der Philosophie vermehrt werden; es wird die Einsetzung eines Professors der Naturgeschichte gefordert, indem nicht nur die allgemeine Verbreitung naturhistorischer Kenntnisse ein Landesbedürfniss sei, sondern auch, weil die Errichtung einer gelehrten Stelle in irgend einer Wissenschaft stets zum Antrieb diene, derselben obzuliegen und sich darum verdient zu machen; es wird endlich die Aufstellung eines Museums der vaterländischen Naturgeschichte gewünscht, dessen Director der Professor der Naturgeschichte wäre, und worin alle wichtigeren Producte des Landes zu allgemeiner Belehrung vereinigt würden. Es erhielten jedoch diese Anträge, weder im grösseren Publicum, noch bei den angestellten Lehrern, noch bei den Behörden Beifall. Der grosse Haller, der so wesentlich zur ersten Organisation und zum Glanze von Göttingen mitgewirkt hatte, stand bei den Schulräthen seiner Vaterstadt nicht in so hohem Ansehen, wie bei dem hannöverschen Minister. Der ganze, die Akademie betreffende Theil des Entwurfs wurde sogleich nach den ersten Berathungen verworfen; mit der Umänderung der unteren Schulen wurde ein Versuch gemacht, nach zwei Jahren aber, auf die vereinte Klage der Lehrer hin, die frühere Ordnung wieder hergestellt. In seinem Unmuthe schrieb Sinner, in einer 1768 anonym herausgekommenen Flugschrift: "so kommt Alles in pristinum statum zurück; man wird alle Jahre ad lectiones publicas promoviren, weil man Studiosos haben

muß, sie mögen nun sein wie sie wollen; findet man keine Soldaten, die sechs Fuss hoch sind, so wirbt man Kinder oder Zwerge; das lateinische Thema wird, wie ehemals, der Probirstein der Fortschritte und Fähigkeiten der Schüler sein müssen. Am Ende ist es gleichgültig; denn entweder soll der junge Mensch ein Geistlicher werden und kann sich mit einem Compendio Theologiae und Altmann's Oratoria sacra behelfen; soll er ein Weltlicher werden, so hat er nicht viel Studierens nöthig; die griechische Sprache kann ein Jeder entbehren; die lateinische muss nur ein Medicus oder ein Advocat wissen, dass sie doch Recepte und Regulas Juris in ihre Praxis einstecken können." Allerdings findet man in der Schulordnung von 1770 keine Spur von den vier Jahre vorher eingereichten Vorschlägen, und erst 1779 glaubte der Schulrath den immer lauter sich äussernden Wünschen des Publicums durch einige Anordnungen entsprechen zu müssen. Es geschah durch Errichtung eines so geheißenen Gymnasiums, worin zwei Promotionen 13 bis 15 Jahr alter Knaben gemeinschaftlich unterrichtet werden sollten, und einer Kunstschule für Knaben, die sich weltlichen Berufsarten widmeten. Um die neue, höchst dürftige Anordnung unter den Schutz des Publicums zu stellen, waren die Verfasser besorgt, jede Meinung, die damals von Einfluss war, dafür zu gewinnen. Der Religionsunterricht wurde beträchtlich vermehrt, von jedem aufgenommenen Lehrfach ängstlich das Nützliche für den künftigen Beruf nachgewiesen, die vornehme Jugend von jedem Schulzwang befreit; nur die Meinung, dass höhere Geistesbildung an sich schon Werth habe, finden wir in

diesem Erlass des hohen Schulraths nirgends berücksichtigt. Von Mathematik und Naturwissenschaften ist nur bei der Kunstschule die Rede; "es wird, heisst es, den Schülern auch hierüber zuletzt eine nützliche Anweisung gegeben werden, weil es zum gemeinen Leben, Begangenschaften und Künsten sehr vortheilhaft und nothwendig ist, eine zureichende Kenntniss von den Naturproducten, den Waaren und dem Handel zu haben, der damit getrieben wird."

Das im Publicum endlich rege gewordene Bedürfniss besserer Lehranstalten zeigte sich durch diese späten und lückenhaften Zugeständnisse nicht befriedigt. Ein glückliches Zusammentreffen gefühlvoller Männer in unserer Stadt hatte die allgemeine Gleichgültigkeit für höhere Bildung und die Herrschaft spiessbürgerlicher Maximen zu erschüttern vermocht. Die Oekonomische Gesellschaft, damals in schönster Blüthe stehend, zählte unter ihren Mitgliedern viele, denen die Naturwissenschaft nicht nur die tüchtige Kuh war, die sie mit Butter versorgen sollte. An die Stelle von Blauner war im J. 1785 Tralles gewählt worden, und es zeigte sich bald, welchen Einfluss der einzelne Lehrer gewinnen kann, wenn er als Meister seines Faches und mit der Energie auftritt, welche die Begeisterung für dasselbe in ihm erzeugt. Die Organisation der mathematisch-physikalischen Studien wurde, seinen Forderungen gemäss, in der Akademie und Schule verändert; wiederholte Geldbewilligungen erlaubten ihm den Ankauf neuer und kostbarer Apparate für Physik und Astronomie; die Oekonomische Gesellschaft trat seinen Vorschlägen zu einer allgemeinen Landesvermessung bei,

dem ersten Versuch , der in der Schweiz gemacht wurde, in grossartiger Anstrengung für höhere wissenschaftliche Zwecke mit den gebildeteren Staaten in Europa Schritt zu halten. Zugleich mit Tralles war Johannes von Müller in Bern aufgetreten und hatte durch seine Vorträge über allgemeine Geschichte einen bisher unbekannten Enthusiasmus für tiefere Gelehrsamkeit zu wecken verstanden. Im gleichen Jahr schrieb sein Freund Viktor von Bonstetten die Abhandlung Ueber die Erziehung der bernerischen Patricier, worin er von neuem gegen die ausschliesslich theologische Richtung der Akademie ankämpfte und in vollem Ernste den Antrag stellte, den Professor zet Streittheologie gegen einen Professor der Naturgeschichte zu tauschen. Auf das Bedürfniss noch anderer Lehrfächer aufmerksam zu machen, hielt er nicht für angemessen, denn nichts sei gefährlicher als ein voreilig zu Papier gefasster Plan. "Weil eine Wissenschaft prächtig darauf steht, sagt er, will man einen Lehrer in dieser Wissenschaft haben; ist kein tüchtiger Mann da, so kömmt der Nächsttüchtige, oder mit anderen Worten der Untüchtige und raubt die Pension, welches der Tod aller Wissenschaft ist." — Ein Jahr später, im Jahr 1786, stiftete der Pfarrer Wittenbach die bernerische Naturforschende Gesellschaft, deren durch alle Stürme der Revolution ausdauernden Bemühungen wir beinahe Alles verdanken, was bis in neuere Zeit hier für Naturgeschichte geschehen ist. Ein kleiner Privatverein, der sich weder der Aufmunterung des Publicums noch der zuvorkommenden Unterstützung der Behörden zu erfreuen hatte, wusste, theils durch eigene kleine Beiträge, theils durch

kluge Benutzung günstiger Verhältnisse, vorzüglich aber durch unverdrossene Aufopferung von Zeit und Arbeit, einen botanischen Garten zu schaffen, ein Museum der Naturgeschichte zu gründen und durch Herausgabe wissenschaftlicher Zeitschriften dem Studium der Natur auch in Bern Theilnahme und Achtung zu gewinnen. Wie wenig damals die öffentliche Meinung ihren Eifer unterstützte, zeigt sich in den bitteren Klagen Aller, die zur Förderung dieser Zwecke mitwirkten. "Es ist hier gar nicht der Ort , schreibt Höpfner in der Vorrede zu seinem Magazin, sich über die so äusserst unangenehme Lage desjenigen auszulassen, der sich hier mit den Wissenschaften etwas mehr, als blos zum Zeitvertreib abgibt, und sich über die so beleidigende Art aufzuhalten, mit welcher man Leute lächerlich zu machen sucht, die oft .einen Theil ihres an modischen Ergötzlichkeiten ersparten Geldes, Zeit und Gesundheit aufopfern, um etwas zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse beizutragen." Eben so schrieb Wittenbach um dieselbe Zeit: "Ehemals glaubte man, Alles sei entweder zur Nahrung oder zur Arznei geschaffen, und die erste Frage, die man noch jetzt von Vielen bei Besichtigung eines Cabinetes hört, ist immer diese, ob ein vorgelegtes Product zum Essen, oder eine Krankheit zu heben, ober sonst dem Menschen zur Beförderung seines irdischen Wohlstandes nützlich sei. Kann nun von einer Pflanze, von einem Thiere, oder einem anderen Geschöpf nichts dergleichen gerühmt werden, so sieht man sie als unnüze Dinge an, und glaubt noch sehr gelinde zu sein, wenn man den Sammler nur für einen Verschwender seiner Zeit und seines Geldes und

nicht für einen Thoren hält."— In der Nähe von Bern lebte zu dieser Zeit, als Privatmann, Daniel Sprüngli, früher Pfarrer in Stettlen, im Besitz reicher naturhistorischer Sammlungen und einer ausgewählten Bibliothek naturwissenschaftlicher Werke, auf deren Ankauf der kinderlose Mann einen beträchtlichen Theil seines Vermögens verwendet hatte. "Unter den schweizerischen Ornithologen gebührt ihm, sagt Steinmüller in der Alpina, nach Conrad Geßner der erste Rang." Jüngeren Freunden der Naturgeschichte ertheilte Sprüngli gerne Unterricht und Anleitung zur Forschung ihrer Studien; bei ihm hatten Wittenbach und andere Mitglieder des Berner Vereins sich gebildet. In mehreren Briefen, die er zwischen 1776 und 1783 an .seinen gelehrten Freund Johannes Gessner in Zürich schrieb, äussert aber auch Sprüngli den empfindlichsten Schmerz, dass die Regierung so wenig zur Ermunterung und Erleichterung naturwissenschaftlicher Studien beitrage, und als später der Schulrath ihm den Antrag machte, seine Sammlungen der Akademie zu überlassen, waren die damit verbundenen Forderungen und die im Schulrath selbst über den Werth des naturgeschichtlichen Studiums gefällten Urtheile von solcher Art, dass Sprüngli die Unterhandlungen plötzlich abbrach. Erst nach seinem Tode, im Jahr 1801, wurde, nach eifriger Verwendung vorzüglich von Wittenbach, die ornithologische Sammlung aus freiwilligen Beiträgen von Privaten angekauft und, als Grundlage eines naturhistorischen Museums, der Stadt geschenkt. Die Sprünglische Bibliothek überliess man einer Auction und die kostbarsten, den hiesigen öffentlichen Bibliotheken

fehlenden Werke wurden für geringes Geld an Fremde verkauft.

Der beinahe ein Jahrhundert durch fortgesetzte und stets erfolglos gebliebene Kampf gegen die ausschliesslich theologische Richtung der Akademie und Schule hatte endlich die Ueberzeugung hervorgerufen, dass es einstweilen unmöglich sei, in Bern eine Lehranstalt zu organisiren, worin junge Leute, die sich weltlichen Berufen widmen sollten, oder sogenannte Politiker, mit künftigen Geistlichen vereinigt seien. Es geschah daher, was wir unter ähnlichen Verhältnissen in Deutschland und bei uns auch gesehen haben, man überliess die bestehende Anstalt ihrem stabilen Wesen und entsprach den Forderungen der Zeit durch Errichtung einer davon getrennten neuen Schule. Als daher im Jahr 1786 ein einfacher, den damaligen gesellschaftlichen Zuständen angepasster Vorschlag die Errichtung einer von der Akademie und von geistlicher Oberaufsicht unabhängigen Lehranstalt empfahl, vereinigte derselbe sogleich die gewichtigsten Stimmen im Publicum und erhielt die Genehmigung der Regierung. So entstand 1787 das politische Institut, ein Gymnasium, welches für junge Leute von 14-18 Jahren, die sich dem Civildienste widmeten, an die Stelle der nur für künftige Geistliche organisirten unteren Akademie trat, und, ungeachtet grosser Schwierigkeiten und Mängel, durch das Verdienst ausgezeichneter Lehrer sich bald in hohem Grade das allgemeine Zutrauen erwarb. Hier wirkten in den ersten Jahren Jth, damals Professor der Philosophie, später oberster Dekan, der mit Tscharner vorzugsweise für die Stiftung und Organisation der Anstalt

thätig gewesen war, ferner Stapfer, später Cultminister der helvetischen Republik, auch Kuhn, Tralles, Zeender und andere der talentvollsten Männer jener Zeit; und mehrere unserer älteren Mitbürger erinnern sich .noch mit dankbaren Gefühlen der kräftigen Anregung, die ihnen durch diesen Unterricht zu Theil geworden war. Nur ein Antrag, auf welchen die Begründer des Instituts besonderes Gewicht gelegt hatten, derselbe, der sich auch in den Vorschlägen von Haller, Sinner und Wilhelmi findet, war wieder an der Majorität derjenigen, die ein ungeschmälertes Patronat verlangten, gescheitert; der Antrag nämlich, das nur junge Leute, die in den vier Jahresprüfungen des Instituts sich als tüchtig ausgewiesen hätten, zu Secretärstellen in Regierungsbehörden und zur Advocatur zugelassen werden sollten. "So lange, heisst es in dem Entwurf, der Ungeschickte wie der Fähige gleich zu seinem Zweck gelangt, so lange werden alle Vorkehren zur Aeufnung der Wissenschaften fruchtlos und chimärisch, alle Ausgaben zu diesem Zweck verschwendet, alle von den Lehrern verwendete Zeit und Arbeit verloren, und alle versprochenen Früchte nur auf dem Papier zu finden sein."

Auch der Schulrath schien endlich die Ueberzeugung zu fassen, dass seine Akademie eine durchgreifende Reorganisation erleiden müsse, wenn ihre Hörsääle nicht ganz verlassen werden sollten, und die Losung der Aufgabe, die ältere Anstalt mit dem neuen Institute zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen, wurde, im Jahr 1793, abermals Jth übertragen. Sein Befinden über eine bessere Einrichtung des Unterrichts

an hiesiger Akademie, 1794 erhielt in allen Theilen der Beifall des Schulraths und der Regierung; die im Jahr 1797 darauf gegründete neue Schulordnung aber konnte, der drängenden politischen Ereignisse wegen, die höchste Bestätigung nicht mehr erhalten. — Im Revolutionsjahre selbst indess trat zu den zwei bestehenden höheren Anstalten, die zum Theil einer theologischen und einer juridisch-staatswirthschaftlichen Facultät entsprachen, noch eine dritte, als Repräsentant der medicinischen Facultät; indem, durch das freiwillige Zusammentreten verdienstvoller Aerzte und Naturforscher, das medicinische Institut, als eine Bildungsschule künftiger Aerzte und Chirurgen, gegründet wurde, und bis zur Eröffnung der neuen Akademie im Jahr 1805 fortbestand. An diesem Institut wurden in Bern die ersten öffentlichen Vorträge über Naturgeschichte, Chemie und Physiologie gehalten, zu einer Zeit, als bereits der Ruhm von Linne und Buffon, von Lavoisier und Haller durch neu auftretende Gestirne verdunkelt zu werden anfieng.

Das neue Jahrhundert brachte mit veränderten Regierungsformen und Magistraten, die dem Geist der Zeit nicht fremd geblieben waren, auch neue Verhältnisse. Bevor ich indess über diese uns nahe liegende und in ihren Vorzügen und Mängeln Vielen von uns wohl bekannte Epoche einige Bemerkungen wage, sei es mir erlaubt, an diesem Wendepunkt der so lange bestrittenen Reform unserer Lehranstalten Ihre Aufmerksamkeit noch etwas länger in Anspruch zu nehmen.

Obgleich durch die verschiedenen Abänderungen des Unterrichts in unserer Stadt die Naturwissenschaften,

so wie Philosophie und Geschichte, festeren Grund erhalten zu haben schienen, so war doch, genauer erwogen, der Gewinn nicht hoch anzuschlagen. Die Akademie blieb immer noch eine beschränkte und auch für ihren nächsten Zweck unglaublich schlecht organisirte Theologenschule. "So wahr ist es, sagt Jth in dem angeführten Befinden, dass in unserer Akademie noch eben der Geist weht, welcher sie vor bald dreihundert Jahren beseelt hatte. Und muss man nicht von da auf einen unbegreiflichen Stillstand, gleichsam eine allgemeine Stockung aller Wissenschaften in unserer Akademie schliessen? In civilisirten Nationen sind Jahrhunderte allemal sehr beträchtliche Schritte. Wie auffallend gross waren nicht die Veränderungen, welche seit drei Jahrhunderten in dem ganzen Reiche der Wissenschaft, in der Sprache, der Cultur, dem Geschmack, den Begriffen, den Angelegenheiten der Menschheit vorgefallen sind! Nun sollten, scheint es, Anstalten der Bildung und Erziehung der Menschen bestimmt, wenigstens auf der Höhe ihres Zeitalters stehen und mit der Menschheit selbst gleichen Schritt halten. Aber mitten im allgewaltigen Strome der Veränderung steht unsere Akademie noch, einem Felsen gleich, unerschüttert und unbewegt, wie sie vor Jahrhunderten war; wo man hinblickt, auf die Gesetze, die Sitten, die Lebensart, überall bemerkt man den Einfluss der unaufhaltsam fortarbeitenden und fortschreitenden Zeit; aber unsere Akademie bildet noch am äussersten Ende des achtzehnten Jahrhunderts Menschen, wie sie im Anfang des sechszehnten brauchbar waren. Woher diess? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht schwer. Die todten

Sprachen, die Theologie und die Controvers sind noch immer das Hauptgeschäft, was da getrieben wird." — "Der mathematisch-physikalische Lehrstuhl, heisst es an einer anderen Stelle, ist in neueren Zeiten sehr gut organisirt worden; Schade, dass die ganze Classe, für welche er zunächst eingeführt worden ist, diesen Unterricht gänzlich vernachlässigt, indem die akademische Jugend in dem gleich ungereimten und unglücklichen Wahne steht, diese Wissenschaften gehören gar nicht in die Sphäre der Kenntnisse eines künftigen Geistlichen." Im politischen Institut hatten sich die Verhältnisse für die Naturwissenschaften nicht günstiger gestaltet. Es war darin nur auf die nächsten Bedürfnisse der Schüler Rücksicht genommen worden; "die Absicht des Instituts, sagt das Reglement, geht nicht sowohl auf eigentliche Gelehrsamkeit, als auf eine hinlängliche Vorbereitung zur geschickten Verwaltung der öffentlichen Geschäfte." Man glaubte daher besonderer Curse für Mathematik und Naturwissenschaft entbehren zu können und wies die Schüler, die Unterricht in diesen Fächern wünschten, an die Curse der Akademie, die ohnehin beinahe leer standen. Es fand sich jedoch bald, dass die wenigsten hinreichend vorbereitet waren, um die Vorträge von Tralles verstehen zu können. — Das medicinische Institut endlich befand sich, von aller öffentlichen Unterstützung entblösst, ohne Apparate, ohne Sammlungen, auf ein unzureichendes Local beschränkt und hatte ebenfalls in seinen Lehrplan nur die enger mit der Medicin verbundenen Lehrfächer aufgenommen. — Alle Abänderungen der Lehranstalten waren ferner vor den Behörden meist nur nach längerem Widerstand starker

Minoritäten durchgesetzt worden. Der obere Schulrath, worin, nebst neun weltlichen Mitgliedern, der Dekan, die zwei Pfarrer am Münster und alle Professoren Sitz und Stimme hatten, war zu zahlreich und die Mehrzahl seiner Mitglieder zu nahe bei jeder Reform betheiligt, als dass ein leichter Sieg irgend eines Antrags hätte erwartet werden können. In der Regierung selbst, wie im grösserem Publicum, waren viele jeder Neuerung abgeneigt, viele wenigstens gleichgültig. In allen republicanisch zusammengesetzten Behörden werden aber Anträge, deren Zweckmässigkeit man nicht zu bestreiten wagt, am leichtesten von der financiellen Seite angegriffen, weil stets einer Anzahl Von Mitgliedern jede Ausgabe überhaupt, sei es eigenen oder fremden Geldes, zuwider ist, andere vielleicht nur auf diesem Feld ihre Vorsorge für das allgemeine Beste beweisen können, noch andere befürchten, es möchten durch die Gewährung der verlangten Gelder ihre eigenen Wünsche durchkreuzt werden. Auch in der alten Berner Regierung war daher eine ängstliche Sparsamkeit, wie sie für bescheidene Haushaltungen rathsam sein mag, nicht sowohl zur genau erwogenen Maxime, als zur nothwendigen Folge der Berathungsformen geworden, und bereits vor Ausbruch der französischen Revolution, als noch von keiner Seite dem Lande Gefahr drohte, und die Gewölbe des Rathhauses reiche Schätze verschlossen, würde kein Schulplan, dessen Ausführung grössere Summen verlangt hätte, genehmigt worden sein. — Aus diesen Verhältnissen ergibt sich von selbst, dass man einerseits es vorzog, dem Schulrath die ältere Akademie unberührt zu überlassen, um in der Organisation der zwei neuen Institute

ganz freie Hand zu haben, und dass andererseits in diesen Alles mit möglichster Oekonomie der Lehrerzahl, der Studienjahre und der Lehrmittel eingerichtet werden musste. Mehrere Uebelstände, an denen wir zum Theil noch leiden, waren aber mit diesem Operationspläne nothwendig verbunden. Indem, statt einer allgemeinen Bildungsanstalt, drei Specialschulen entstanden, wurden alle Studien zu Brodstudien; die Meinung der roheren Masse, dass die Studienzeit nur eine andere Art von Lehrzeit zu künftigem Erwerb sei, wurde durch die bestehenden Einrichtungen selbst sanctionirt; vom vierzehnten Jahre an waren die jungen Leute der drei wissenschaftlichen Stände eben so scharf getrennt und auf ihre Berufsarbeiten angewiesen, wie die Lehrlinge drei verschiedener Handwerke; vier bis fünf Studienjahre, die man sonst überall noch auf allgemeine Bildung verwendet, gingen für diese verloren, und noch als Knabe wurde man es gewohnt, bei jeder geistigen Arbeit zu berechnen, was einst ihr Ertrag im Beruf sein werde. Dass aber auch die Behörden diese berechnende Achtung für die sogenannten nützlichen Fächer theilten und die allgemeinen Wissenschaften nur im Verhältniss zu ihrer propädeutischen Wichtigkeit berücksichtigten, das es Regel wurde, bei Ertheilung von Berufspatenten der grösseren oder geringeren allgemeinen Vorbildung kein Gewicht zu geben und ausschliesslich die specielle praktische Tüchtigkeit zu prüfen, konnte bei dem grossen Einfluss der öffentlichen Meinung auf republikanische Behörden, kaum ausbleiben. Die einzige Behörde, der es zukam, diesem Versinken zu dem niedrigen Niveau einer Pädagogik des gewöhnlichen Handwerkmannes

entgegenzuwirken, der oberste Schulrath hatte seinen Gesichtskreis auf die Ueberwachung eines theologischen Seminars beschränkt. Weder direct, von Seite der Lehranstalten, noch von Seite des grösseren Publicums und der Behörden hatte daher das Studium der Natur sich wesentliche Unterstüzung und ernstere Theilnahme zu versprechen.

Nachdem durch die Vermittlungsakte die öffentliche Ruhe wieder hergestellt war, beschäftigte sich auch sogleich die neue Regierung mit einer gründlichen Anordnung des höheren Schulwesens. Unter dem vielvermögenden Einfluss des Rathsherrn und nachher Kanzler von Mutach und der einsichtsvollen Mitwirkung des Dekan Jth, trat 1805 die neue Akademie ins Leben. Mit monarchischen Formen, unter einem auf Lebenszeit erwählten, fast unumschränkten Kanzler stehend, erhielt die Anstalt, durch eine Verbindung der älteren unteren und oberen Akademie mit den zwei Instituten, die hergebrachten vier Facultäten deutscher Hochschulen. Der Einfluss der Geistlichkeit war ganz beseitigt, das Collegium der Professoren, das im alten Schulrath in oberster Instanz geurtheilt hatte, gegenüber der neuen Curatel und einem strenge lautenden Disciplinargesetz, in eine sehr bescheidene Stellung versetzt worden; allein, mit Ausnahme dieser und anderer formalen Bestimmungen, hatte man die früheren Zustände nicht wesentlich verändert. Die Anstalt war, nicht sowohl im Dienste der Wissenschaft, als im Diente des Staates, als eine Bildungsschule von Berufsmännern gegründet und organisirt worden, mit möglichster Beschränkung auf die Bedürfnisse eines kleinen Gemeinwesens. Die allgemeinen

Wissenschaften galten nur als Vor- und Hülfsstudien der praktischen Wissenschaften; die philosophische, oder, wie sie zur Bezeichnung der vorzuherrschenden Richtung hiess, die philologische Facultät diente, wie früher die Abtheilungen der Eloquenz und Philosophie, als Vorschule der Theologie und hiess daher auch untere Akademie, und späterhin gar untere Theologie. In die juridische und medicinische Facultät konnte man, wie sonst in die zwei Institute, sogleich nach der Admission, im fünfzehnten Altersjahr eintreten, und der vollständige Curs in jener war auf zwei, in dieser auf vier Jahre berechnet. Zum Eintritt in die Theologie war eine Prüfung über alle Fächer der philologischen Facultät, und den Aufgenommenen ein fester Studienplan vorgeschrieben; die Studirenden der anderen Facultäten, obgleich jünger, waren in der Wahl ihrer Collegien frei. Mit Ausnahme sehr weniger Curse trafen sich selten Studirende verschiedener Facultäten im gleichen Hörsaal; eben so wenig hatte man bestrebt, collegialische Verhältnisse wischen den Professoren der weniger eng verbundenen Fächer einzuleiten. Die Akademie war, genauer betrachtet, ein Aggregat dreier Specialschulen unter einer gemeinschaftlichen Aufsichtsbehörde; ja, das Utilitätsprincip war noch strenger, als in den früheren Anstalten befolgt worden, indem die der allgemeinen Bildung gewidmete Zeit, für die Theologen wie für die Politiker, um 1 bis 2 Jahre verkürzt worden war. Auch bei so bescheidener Ausrüstung fand indess die Meinung, dass die Anstalt mit überflüssigem Luxus organisirt worden sei, stets ihre Vertheidiger. Auf Ausbildung von Gelehrten, hatte schon der ursprüngliche Entwurf

verzichtet; über Philosophie und Mathematik sollten nur elementare Curse gelesen, die Naturgeschichte nur in allgemeiner Uebersicht vorgetragen werden. Die Staatsgelder, hörte man wohl sagen, wären nicht da, um nutzlose Liebhabereien Einzelner zu unterstützen, diese möchten in die eigene Tasche greifen. Nun wurde auch abgewogen, welche Lehrfaches zur Bildung von Landgeistlichen, Advocaten und Aerzten unentbehrlich seien, oder ob nicht eine noch grössere Ersparnis dadurch zu erzielen sei, dass man die Akademie mit Ausnahme etwa der Theologenschule, aufhebe und die zum Staatsdienst erforderliche Zahl von jungen Leuten mit Stipendien ins Ausland sende. Allen diesen Angriffen eitler kurzsichtigen Staatsweisheit hatte der Kanzler entgegen zu treten. Es waren in der ersten Zeit, unmittelbar nach den Kriegsjahren der Revolution, grössere Summen zur Errichtung eines Kunstsaales, zur Anlage einer anatomischen Sammlung, zum Ankauf mathematischer Instrumente leicht bewilligt worden; später verschlangen die praktischen Anstalten, bei immer wachsender Ausdehnung, alle Credite, und, obgleich die Finanzen des Cantons im blühendsten Zustande waren, gewann doch der Ruf noch Oekonomie immer stärkeren Anklang. Es musste, wo immer möglich, reducirt werden, und der Kanzler vermied es zuletzt fast gänzlich, um Geldbewilligungen anzufragen, weil jedesmal, da die Akademie zur Sprache kam, Vorwürfe über die zu kostbare Anlage derselben, Vorschläge zu Ersparnissen, wo nicht zu totaler Reform, zu befürchten waren. Seiner kräftigen Haltung vorzugsweise hat man es zuzuschreiben, dass die Akademie 25 Jahre ohne wesentliche

Beschränkung fortbestand, und wer in dieser Zeit seine Bildungsjahre in Bern verlebt hat, muss sich eine grosse Schuld von Dankbarkeit gegen Diejenigen fühlen, welche die einzige ausgedehntere Lehranstalt des Vaterlandes fortdauernd zu schützen wussten, — Ganz unbegründet konnte man übrigens die Klagen über zu grossen Aufwand nicht heissen. Gewiss, wenn man nur praktische Geistliche, praktische Advocaten, praktische Aerzte bilden, wenn man die Sorge für höhere Bildung Jedem selbst überlassen und auf tiefere Wissenschaft verzichten wollte, es wären noch viele Ersparnisse zu machen gewesen. Es fühlten sich jedoch Diejenigen, denen das Lehramt war übertragen worden, höheren Beruf; sie hatten die Ansprüche der Wissenschaft zu vertreten, sie hatten ihr auch auf die Zukunft im Lande eine gestrichelte Stellung zu gewinnen, und nur durch Vorträge, die sich auf dem wissenschaftlichen Standpunkt des Zeitalters hielten und durch die hiezu erforderlichen Lehrmittel unterstützt waren, konnte diess Ziel erreicht werden. So geschah allerdings auch für mathematische und Natur-Wissenschaften mehr, als die Reglemente erwarten liessen. Es waren für diese Fächer drei Lehrstühle errichtet worden; aber gleich anfangs wurde die Zahl der Lehrer durch einen Docenten der Botanik vermehrt, und nur in den späteren streng ökonomischen Zeiten die ursprüngliche kleinere Zahl wieder fest gehalten. Obgleich ferner die Curse, dem Sinne der Reglemente nach, nicht über die Sphäre vorbereitender Gymnasialcurse hinauszugehen hatten, wurden dennoch für Astronomie und höhere Messkunst, Physik und Chemie und für den Unterhalt eines botanischen Gartens jährlich tausend bis zwölfhundert

Franken verwendet; eine geringe Summe allerdings, wenn man erwägt, dass an anderen, nicht viel grösseren Anstalten jedes der sogenannten Fächer allein eben so viel an Subsidien verlangt; immerhin aber verdanken, da früher fur diese Zwecke gar nichts angewiesen war. Nur die Zoologie und Mineralogie, als die entbehrlichsten der naturhistorischen Fächer, hatten sich dieser Gunstbezeugungen weniger zu erfreuen. Der karg besoldete Professor der Naturgeschichte war genöthigt, sich die unentbehrlichen Sammlungen selbst anzuschaffen, und der für alles Edle und Schöne begeisterte, um schweizerische Naturkunde hoch verdiente Mann starb nach zwanzig Dienstjahren arm, durch Sorgen gebeugt und nur von Wenigen in seinem wahren Werthe anerkannt.

An die Stelle der Akademie ist vor neun Jahren unsere Hofschule getreten, als eines der schätzbarsten Geschenke, das wir der neuen Ordnung der Dinge verdanken. Die beschränkte Bestimmung der früheren Anstalt ist mit der höheren, die Wissenschaft selbst zu fördern, vereinigt worden; den einzelnen Facultäten wird es zur Pflicht gemacht, nicht nur den Unterricht, sondern auch die Erweiterung der in ihren Kreis fallenden Wissenschaften zu überwachen und als in ihrer Aufgabe liegend zu betrachten; die philosophische Facultät ist aus ihrer untergeordneten Gymnasalstellung zur Selbständigkeit erhoben worden; auch die medicinische und juridische Facultät haben durch das reifere Alter ihrer Schüler eine festere Haltung gewonnen; die Vorschrift, dass die Lehrvorträge dem Standpunkte der Schulen angemessen sein sollen, die sich im höheren Gymnasium auf

die Hochschule vorbereitet haben, sucht jungen Leuten, die ohne gehörige Vorbildung sind, den Zutritt zu erschweren, und verbietet, dass man eine Minderheit guter Schüler neben einer Mehrheit ungebildeter vernachlässige; durch Aufhebung endlich eines bindenden Studienplanes und Gewährung unbeschränkter Lernfreiheit ist der Zerspaltung in getrennte Specialschulen vorgebeugt und die freie Entwicklung jeder einzelnen Individualität möglich gemacht worden. —Dass von all diesen Vorzügen auch der Naturwissenschaft ein reicher Theil zufalle, wer sollte es verkennen? Ausserdem aber finden wir in der beträchtlichen Vermehrung der Lehrstühle und in der reichlich fortgesetzten Unterstützung der Vorträge durch Lehrmittel und Apparate directe Beweise einer wohlwollenden Gesinnung für diese Fächer. Die Curse über Zoologie, Mineralogie und Geologie können jetzt nach eigenen Sammlungen der Hochschule gelesen werden; das physikalische Cabinet hat sich einer werthvollen Vermehrung und einer Erweiterung seiner Räume zu erfreuen; in neuester Zeit endlich ist auch die Zusicherung ertheilt worden, dass durch eine wesentliche Vergrösserung und vollständigere Einrichtung des chemischen Laboratoriums einem längst gefühlten Bedürfniss entsprochen werden könne. Noch ist allerdings mancher Wunsch unerfüllt geblieben, und wer sollte es dem eifrigen Freunde seiner Wissenschaft verargen, wenn er seine Wünsche immer höher steigert, wenn er unbefriedigt bleibt, so lange er nicht lebendige, nachhaltende Thätigkeit für sein Fach in einer: Schaar tüchtig gebildeter junger Männer und warme Theilnahme für dasselbe im Publicum fest begründet

sieht? —so lange er rings umher, in Staaten und Städten, zum Theil von geringeren Ansprüchen als Bern sie machen darf, Anstalten sieht, die er in der Heimath vermisst? —Noch ist aus früherer Zeit die Uebung geblieben, in Staatsprüfungen der allgemeinen Vorbildung nur geringes Gewicht beizulegen, und selbst in Administrativfächern, die in enger Beziehung zu naturwissenschaftlichen Kenntnissen stehen, sich mit ganz elementaren Leistungen zu begnügen. Eine engere Verbindung der naturwissenschaftlichen Lehrfächer, die in der aufgelösten Akademie den jungen Medicinern als ein Gymnasium diente, ist nicht ersetzt, die frühere Verpflichtung der Theologen zu naturwissenschaftlichen Gymnasialstudien durch eine besondere Vorschrift aufgehoben worden. Dem Studium der Natur entgeht hiedurch eine Aufmunterung, die in anderen Staaten ihm viele Freunde zuführt. Noch besitzen wir keinen botanischen Garten mit Gewächshäusern, Sammlungen und Wohnung, wie Zürich, Basel, Genf, , kein Museum der Naturgeschichte wie Neuenburg, keinen so vollständigen physikalischen Apparat wie Lausanne, keine Sternwarte mit Wohnung und Gehülfen wie Genf; noch ist der hiesige Gelehrte genöthigt, in anderen Schweizerstädten, die besondere naturwissenschaftliche Bibliotheken und reichere Sammlungen von Zeitschriften besitzen, seine litterarischen Hülfsmittel zu suchen; und überschreitet er die Grenzen des Vaterlandes, besucht er die ihm nahe liegenden Städte, Turin, Lyon, Strassburg, Karlsruhe, Stuttgart, so muss er mit Beschämung sich gestehen, dass die Anstalten des Auslandes diejenigen der Heimath an Ausdehnung und Zweckmässigkeit übertreffen,

dass es seinen Collegen in anderen Staaten, bei grösserer Musse und reicheren Hülfsmitteln, leichter wird, sich nicht nur als Lehrer, sondern auch als Gelehrte und als Förderer der Wissenschaft zu zeigen. Fragen wir nach den Ursachen dieses mangelhaften Zustandes, so ist es nicht etwa die Armuth an Geldmitteln, die ja anderwärts sich auch finden, es sind nicht hemmende Institutionen, es ist am wenigsten ein Uebelwollen, oder gleichgültiges Zusehen der Behörden, worin wir sie zu suchen haben. Es scheint vielmehr die Ursache zu liegen in den Ansichten der Mehrheit über das Verhältniss der Wissenschaft zum Leben, über die Bedeutung höherer Bildungsanstalten, über die Grenzen der Forderungen, welche Wissenschaft, Kunst und alle nicht materiellen Interessen an den Staat erheben dürfen; in der Ansicht, dass nur eine geistige Thätigkeit, welche praktisch ist, als eine nützliche, Aufmunterung verdiene, dass Hochschulen sich kein höheres Ziel zu sehen hätten, als die Ausbildung von Staatsdienern und Berufsleuten, dass jede öffentliche Ausgabe, die nicht direct dem materiellen Wohl des eigenen Landes, sondern der Förderung von Wissenschaft und Kunst im Allgemeinen gewidmet wäre, als eine Verschleuderung der Staatsgelder zu betrachten sei. Wie sollte, unter der Herrschaft dieser Ueberzeugung, ein Lehrer oder eine Facultät es wagen, Anträge zu stellen, deren Zwecke über das gemein Nützliche hinausgriffen? wie sollte eine Behörde Gelder bewilligen können, deren Verwendung vor der öffentlichen Meinung gegen sie zur Anklage würde? Warum auch, würde es heissen, die schwachen Hülfsquellen des Landes auf Dinge verwenden, für die anderwärts genug

geschieht —warum nicht den Monarchie'n es überlassen, besoldete Gelehrtenvereine zu halten, palastartige Observatorien und Musee'n zu errichten, Gradmessungen und wissenschaftliche Weltreisen zu veranstalten, da ja der Schweiz die nutzbaren Resultate dieser Unternehmungen umsonst zu gut kommen? — Ob es indess anständig sei, dass ein Land die Frucht der Anstrengungen anderer Staaten geniesse, und sich nicht bestrebe, nach seinen Kräften einen Theil der allgemeinen Schuld auch zu tragen; ob es klug wäre, den haushälterischen Egoismus des Privatlebens zur Staatsmaschine zu wählen, mögen Andere entscheiden. Uns will es, weder anständig, noch klug erscheinen. Von der Grösse des Beitrags, den das einzelne Volk im Interesse der Humanität dem gemeinen Besten bringt, ist die Achtung abhängig, die dasselbe in der Gegenwart wie in der Geschichte geniesst, und, wie der Pfennig der Wittwe, erhält auch die Gabe des Schwachen die verdiente Anerkennung. Es werden die Sympathie'n des gebildeten Europa sich eher dem Kunst und Wissenschaft liebenden Toscana zuwenden, das auf beschränktem Gebiete drei höhere Anstalten für Naturstudien unterhält und mit Rom und Paris in der Aufmunterung der schönen Künste wetteifert, oder Dänemark, das in neuerer Zeit durch reiche Unterstützung geistiger Thätigkeit die Achtung zu erhalten strebt, die es einst seiner politischen Stellung zu verdanken hatte, als dem stets berechnenden Holland, dessen Colonie'n dem Naturforscher Jahrhunderte durch beinahe unbekannt blieben. Eine weitsehende Staatsklugheit scheinen uns Diejenigen auch nicht zu besitzen, welche glauben, es dürfe mitten im Strom, der unaufhaltsam

die Völker einem schönen Ziele entgegenführt, ein einzelnes Glied ungestraft sich isoliren und nur kleinlichen materiellen Interessen nachstreben; welche meinen, es seien die nützlichen Resultate allein, um deren willen andere, zum Theil arme und tief verschuldete Staaten sich zu kostbaren Anstrengungen verpflichtet glauben, und mit jenen werde man auch den ganzen Ertrag dieser Anstrengungen umsonst haben; welche den vaterländischen Stolz nicht beachten, den jeder Bürger für das von seinem Volk Geleistete in sich trägt, noch den Einfluss, den die grossartige Unterstützung der höchsten Culturzwecke auf die ganze Denkweise ausüben muss. Und welche Gefühle müssten am Ende des besseren Theiles der wissenschaftlichen Jugend sich bemächtigen, wenn sie sich überzeugen sollte, dass in Republiken die Wissenschaft nur, in so fern sie zum Broderwerb führt, geachtet und beschützt werde, dass nur in Monarchie'n eine vom Staate ausgehende Förderung der höheren humanen Interessen und eine Anerkennung Derjenigen, die ihnen zu dienen streben, erwartet werden könne?

Doch wozu der vielen Worte? Es bedarf nicht künstlicher Argumentation, wo die Liebe zur Sache den Wünschen entgegenkommt, und, wo diese Liebe fehlt, steht kein Beweis gegen den Einwurf oder die Ironie gesichert. Nicht Anstand oder Klugheit begeistern zur aufopfernden Thätigkeit für alles Edle und Schöne; nicht kalt erwogenen Motiven haben wir den Wetteifer aller gebildeten Nationen in der Beförderung der Wissenschaft zu verdanken, und auch bei uns werden die Wünsche ihrer Verehrer in Erfüllung gehen, und

jetzt unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten verschwinden, wenn es genügen könnte, denselben Sinn hier zu pfanzen, der anderwärts so beneidenswerthe Früchte trägt.

Diese Aufgabe ist die unsrige geworden, verehrteste Herren Collegen, und sie ist nicht die leichteste der von uns übernommenen Pflichten. Wenn unter anderen Verhältnissen der Hochschullehrer sorglos nur seinem Fache leben und hoffen darf, dass die Ergebnisse seiner Arbeit, wenn sie auch in der Gegenwart unbeachtet blieben, doch ihre glänzende Zukunft haben werden; wenn er, oft ohne eigene Bemühung, durch grossartige Institute und Erleichterungen jeder Art sich unterstützt sieht, weil der Landesfürst oder ein Minister sein Streben zu würdigen wissen; so ist uns geboten, jetzt schon die öffentliche Meinung für unsere Zwecke zu gewinnen, wenn die Anstalt, an der wir arbeiten, eine sichere Grundlage und ihre volle Entwicklung gewinnen soll; im Interesse der Wissenschaft selbst müssen wir Achtung und Liebe für dieselbe, nicht nur bei Einzelnen, sondern bei der Mehrzahl des Volkes zu befestigen streben. Ist die Aufgabe schwieriger, so sieht aber auch die Lösung einem um so schöneren Preis entgegen. Die goldenen Zeitalter der Wissenschaft und Kunst, die den Namen eines Fürsten tragen, sind oft von kurzer Dauer gewesen; wo aber im Volke selbst die höhere Gesinnung Wurzel gefasst hat, da lebt sie fort und begeistert die spätesten Generationen.

Auf Ihnen, theure Jünglinge, ruht die Hoffnung, dass der reinere Cultus der Wissenschaft auch bei uns endlich seine Gemeinde finden, dass andere Interessen,

als die des Marktes und des bürgerlichen Fortkommens unsere Kräfte in Anspruch nehmen werden. Sie haben gehört, wie Jahrhunderte durch der Kampf für höhere Cultur bei uns fast erfolglos schien, und doch würden Diejenigen, die vor fünfzig Jahren noch trostlos den schweren Druck abgestorbener Formen und beschränkter Lebensansichten bejammerten, ihre kühnsten Wünsche übertroffen finden, wenn sie jetzt wieder unter uns auftreten könnten. Das Bessere hat auch bei uns seine glänzenden Siege erfochten, und wir dürfen der ihm inwohnenden göttlichen Kraft vertrauen, dass es nicht die letzten sein werden.

Sie aber, meine jungen Freunde, die das heitere Studium der Natur mit allen seinen Reizen an sich zieht, mögen Sie sich nicht zu schnell davon abwenden, weil es zugleich das Gelübde der Armuth zu fordern scheint. Welcher nicht ohnehin der Gemeinheit verfallene Mensch hätte je der Poesie, oder der Philosophie entsagt, weil besoldete Hofpoeten nicht mehr Mode, und die Früchte des freien Denkens nicht gesuchte Waare sind? Auch in Ihrem engeren Kreise muss die Wissenschaft mit dem Leben sich aussöhnen, und die Bewahrung Ihrer Liebe zur Natur auch dann, wenn sie, statt des Lohnes, nur Entbehrung bringen sollte, karin Ihnen als sichere Bürgschaft gelten, das edlere Gesinnung und Energie zum Guten Ihnen nicht fremd geworden seien.