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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

ENTWICKLUNGSNOTWENDIGKEITEN DER HOCHSCHULE

Rektoratsrede

gehalten am 24. November 1945
von
Carl Henschen
Verlag Helbing &Lichtenhahn — Basel 1946

Hochansehnliche Versammlung!

Sechsmal mußten wir diesen Tag der Weihe und dankender Rückschau auf ein Arbeitsjahr am stärkst bedrohten Grenzgebiet unseres von völkermordenden Kriegsstürmen umtobten Alpenréduits feiern, in welchem wir uns über den Krieg anvertraute geistige und humanitäre Schätze der europäischen Kultur hinter "Fortifikationslinien unseres besonderen Daseins" zu schützen hatten.

Es war etwas Einzigartiges und ein neues Zeugnis der Verbundenheit des Basler Volkes mit seiner Hochschule, daß am Abend des 8. Mai an der landsgemeindeartigen, in ihrer Schlichtheit eindrucksamen Friedenskundgebung auf dem Marktplatz auch der Rektor der Universität als Wortträger des geistigen Basel dem Ruf dieser Welt- und Schicksalsstunde Ausdruck geben durfte.

Der Nachdenkliche, welcher nicht nur in das Bewußte und Unbewußte der Seele des Einzelmenschen, sondern auch in die Kollektivseele größerer Menschengemeinschaften, ihre Vergangenheits- und Gegenwartsbindungen zu sehen gelernt hat, beging diese Maistunde der Menschheit mit jenem positiven Pessimismus, jenem Gefühl vom Provisorischen aller Dinge, zu welchem der Völkerpsychologe Jacob Burckhardt gelangte und der den großen englischen Staatsmann, den Schildhalter eines freien Europa, an diesem seinem Victory day erfüllte.

Aus der verglimmenden Trümmerasche des Krieges

sprühen immer noch Funken auf, welche zu neuen Feuerbränden aufzuflackern drohen. Noch sprengen in rasendem Ritt über die fiebernde kranke Nachkriegswelt die vier apokalyptischen Reiter: versteckter und offener Krieg, Pestilenz, nackteste Not und der Tod, deren visionäre Gestalten uns aus Dürers Holzschnitt, Peter v. Cornelius' Karton und Böcklins Allegorie des Krieges als verderbenbringende Ausgeburten der Hölle schreckend und warnend entgegensehen.

Der Geographieprofessor Oskar Peschel hatte 1866 in der Zeitschrift "Das Ausland" den Sieg von Königgrätz (Sadowa) als Erfolg der besseren Schulen gerühmt: "Wenn die Preußen die Oesterreicher schlugen, so ist es ein Sieg der preußischen Schulmeister über die österreichischen Schulmeister gewesen, wobei selbst der Volksunterricht die Entscheidung herbeiführte; der Unterricht in den sog. moralischen Wissenschaften ist ganz gleichgültig, vielleicht sogar der Schulung der militärischen Verstandeskräfte abträglich." Der "Schulmeister von Sadowa" versagte aber gegenüber den ideenpolitischen Kräften, welche im ersten und zweiten Weltkrieg den Erfolg von Königgrätz zunichte geschlagen hatten. Versagt hat aber nicht nur der "Schulmeister von Sadowa", welcher die militärischen Gewinne zweier Kriege nicht für die Charakter- und Geistesformung seines Volkes und der europäischen Gemeinschaft auszuwerten verstand, versagt hat die überspitzte Gescheitheit einer vertechnisierten glaubenslosen Kultur, einer sich in äußerer Lebensform immer mehr verlierenden Gesellschaft. J. Huizinga, der standfeste Verfechter und Märtyrer der Menschenwürde, hat das bittere Wort gesprochen, daß das Produkt des industriellen Zeitalters der halbgebildete Mensch sei, den allgemeiner Unterricht zusammen mit der äußerlichen Nivellierung der Klassen und der Leichtigkeit des geistigen

und materiellen Verkehrs zur Dominante der Gesellschaft gemacht habe. Mechanisierung und Technisierung des Lebens, Verachtung des nicht einer doktrinären Staatsraison sich beugenden Intellekts, die Entwertung und Entwürdigung einer von Generationen mühsam aufgebauten Volkskultur durch eine hemmungslose Staatsgewalt haben ganze Völker so weit abgleiten lassen, daß Wahrheit und Recht im verführerischen Anodynum packender Schlagworte versanken, so wie der Mittelsüchtige aus der Welt der Wirklichkeit in ein falsches Traumland gleitet.

Mit den Grundlagen unseres Seins muß das Erziehungs-System der Völker, aber auch des Einzelnen irgendwie versagt haben. Alle dafür Verantwortlichen sind damit zur Selbstprüfung aufgerufen: "Wenn es je eine Zeit gab, wo die Selbstbesinnung das unbedingt Nötige und einzig Richtige war, so ist es unsere gegenwärtige katastrophale Epoche. Wer aber immer sich auf sich selber besinnt, stößt an die Schranken des Unbewußten, welches eben gerade das enthält, was zu wissen vor allem not täte."Auch wenn wir bei dieser Selbstprüfung an die Schranken des Unbewußten stoßen, von denen C. G. Jung spricht, entkommen wir nicht der Notwendigkeit, innerhalb des durch die Wirklichkeit Gegebenen und Geforderten neue Ausgangsstellungen und wirkungsvollere Möglichkeiten erzieherischen Einflußgewinnens zu suchen.

Die Not der Zeit und mit ihr Frau Sorge schleichen sich heute nicht mehr nur "durchs Schlüsselloch"ein, sie haben die Tore der Hochschule weit aufgerissen und schreiten, Antworten und Lösungen heischend, durch die Hörsäle. Die Hochschule hat unserm Volke für entscheidende Bezirke des Gemeinschaftslebens entschlußfähige und entschlußstarke Menschen zu geben, wenn anders sie nicht bloße Diplomfabrik sein will. Sie muß darum den an sie herantretenden

Aufgaben aufgeschlossen und lösungsbereit sein und, aus dem platonischen Haine des Akademos heraustretend, an Wirklichkeitsaufgaben herantreten.

Es ist nicht von ungefähr, daß aus dem staatspolitischen Gedanken- und Gesetzgebungsbereich Solons die älteste Keimzelle der Universitas litterarum, die Akademie Platons, als edelste Geistesblüte einer freien Polis herauswuchs, eine Schöpfung, welche selbst die Spartaner nach der siegreichen Beendigung des peloponnesischen Feldzuges respektierten. Es ist auch nicht von ungefähr, wenn das alte Rom, mit seinem starreren und stärkeren politischen Gefüge, dieser hohen Schule der Geister und der Seelen nichts Gleiches an die Seite stellen konnte. Beides gibt dem Ausspruche Fritz Fleiners recht, daß keine Staatsform der uneigennützigen Pflege der geistigen Güter so sehr bedürfe wie die reine Demokratie. In ihnen sind die starken Wurzeln ihrer Kraft verankert; heute wie im Jahre 1534 gilt das Wort des damaligen Stadtschreibers Ryhiner: "Die Hohe Schule macht Basel nicht nur größer, ich möchte sagen, sie macht Basel untödlich." Schöpfungen des Volkes und in festgefügten demokratischen Traditionen verwurzelt, haben die schweizerischen Hochschulen sich in ihren Wechselbeziehungen zum Volke immer wieder zu erneuern verstanden. Wissenschaft und wissenschaftliches Denken sind als ordnende, zusammenfügende, aber auch erneuernde Kräfte gerade in chaotischen Zeiten notwendig. Seit Universitäten bestehen, ist bei großen geistigen und wirtschaftlichen Umwälzungen und im Gefolge kriegerischer Volkszerrüttungen immer wieder der Ruf nach einer Reform der Universitäten gekommen. Mit den Kämpfen um die Reform der Kirchen gingen im 16. Jahrhundert Bestrebungen einer Studienreform fast gleichen Schritt, ja sie gingen ihr als Boden- und Saatbereiter zum Teil voraus 1.

In einer anscheinend so stolz aufgebauten Menschenwelt hatten die Universitäten bis vor dem Kriege das Gefühl, daß ihre Wissenschafter im Triumphe eines Spezialistenzeitalters und epochaler Entdeckungen eine Art neuer Kolumbusfahrt vollbracht hatten, indem sie das große Uhrwerk der Schöpfung in Stücke zerlegten und damit zwar Wissen, aber nicht Weisheit, d. h. Freude an staunendem Erleben und Verstehen gaben. Sie, die Mitbestimmer der Haltung der Geister und Charaktere sein sollten, stehen nun heute vor dem schmerzenden und niederdrückenden gnothi tauton, daß sie mitschuldig waren am Totsein der Seelen, am Unvermögen, Leben, d.h. alles was wir sind, beständig in Licht und Flamme zu verwandeln (Nietzsche), es vor allem in menschliches Entwicklungsziel, in zusammenfassende Deutung, Lebens- und Gemeinschaftsführung umzuwerten. Das ist letztlich die wahre aurea apprehensio, der zauberhafte Stein der Weisen, der lapis aethereus sive philosophicus, jene schwer erreichbare Kostbarkeit, aus welcher "das heilmachende Wasser, die Erlösung der im Stoff verlorenen und schlafenden Gottheit" kommt. Für Carl Gustav Jung ist im Drama der aurora consurgens, der Bewußwerdung der Menschheit, dieser magische Lapis das Symbol des menschlichen Dranges, die persönlichkeitsbildenden Zentrierungsvorgänge im Unbewußten, in der zusammengeballten Welt der Archetypen der Seele, der Mneme der Menschheitsgenerationen seelisch bildhaft zu erfassen, auf daß das Erlebnis uns in die Nähe des Verstehens und zu ihm führe.

Sehen wir, wieweit die Universität, die immer Ausdruck ihres Zeitalters ist, den Forderungen der Gegenwartsnot genügt! Darf sie einzig, was Abraham Flexner als Gesetz von ihr verlangt, "Denker, Forscher, Erfinder, Lehrer und Studenten aufnehmen und ausbilden, die ohne praktische

Verantwortung das Leben der Gesellschaft erforschen und verstehen lernen wollen"? Gewiß sind Flexners vier Gebote Grundgesetze der Hochschule: Die Erhaltung von Wissen und Ideen, das Lehren dieser Güter, die Suche nach Wahrheit und die Ausbildung von Studenten, die Praktiker oder Gelehrte und Forscher werden wollen. Aber neue Ideen und Erkenntnisse haben sich, wollen sie zu Früchten reifen, an und in den Menschen und im Lebenskreis der Volksgemeinschaft zu bewähren.

Die Mittel, die kranken Völker zu heilen, kommen aus der Fähigkeit, einen gerechten Staat aufzubauen mit einer den Menschen nicht zu einem mechanischen Roboter deformierenden, sondern die Arbeit zur Freude und Bürgerleistung machenden Volkswirtschaft, welche nicht Organisation als Selbstwert predigt und den Götzen des Kolossalen anstaunt, sie kommen namentlich aber aus der Kraft, die Erziehungsprobleme anzupacken und zu lösen. Letzteres ist im Grunde die Menschheitsfrage. Um sie sorgten sich die großen Gesetzgeber, um sie ging Platons geistig-politisches Vermächtnis in seiner Politeia, um sie Leben und Mühen Pestalozzis.

Es ist ein neues Zeugnis des staatsbürgerlichen Sinnes des englischen Volkes, daß es schon mitten im Kriege im Education Act von 1944 ein Erziehungsgesetz vorlegte, um eine entwurzelte ältere Jugend und die neuaufsteigenden Generationen in einen wirklich sozialen Staat einzubauen. Diese ebenso großzügige wie optimistische Magna Charta über den "Dienst der Jugend nach dem Kriege" verlangt vom Staat "die größte Verantwortung für die heranwachsende Generation". Vieles von dem, was diese Great Charter fordert, ist in dem vielfältigen dezentralisierten System unserer 22 kantonalen Kulturzentren bereits verwirklicht; was fehlt, können wir in Anpassung an die so

verschiedenartigen regionalen Bedürfnisse und Eigenarten und den so kulturfördernden Charakter unseres föderalistischen Staates über organische Entwicklungen vorkehren.

I.

Die Erziehung der Jugend kann nur ein geschlossenes Ganzes sein 2. Dieser Satz muß Leitmotiv jedes erfolgreichen Erziehungswerkes sein. Die natürliche Baueinheit unseres Staates ist der kulturschaffende Kanton. Der in dieser Grundfrage einheitlichen Auffassung unseres Volkes gemäß sind in den Hochschulkantonen die Universitäten mit den mittleren und unteren Schulen stets verbunden geblieben. Der Zusammenhalt ist gegeben durch den Erziehungsrat als administrativen Wächter und durch die kantonale Schulsynode als das Magisterkonzil. Wem das Glück wurde, auf seiner ersten Schulstufe wirkliche Erzieher gehabt zu haben, der weiß, daß hier schon wichtige Entwicklungssaat gelegt wird für die Keime der geistigen Allgemeinausbildung, sofern man versteht, alle Zu- und Ausgänge des Geistes und des Herzens aufzuspüren und zu benützen. Wer diese Pforten findet, wird das Kind aus dem Schutzgehege der Vorschuljahre schonend und sicher an und in jene Welt heranführen, in welcher es in der Klassenkameradschaft das Verbundenheitsgefühl mit der Gemeinschaft lernt und an den aus den Familienbezirken in den Klassenkreis kommenden verschiedenen Auffassungen und Anschauungen Interesse gewinnt. Kinder sind scharfe Beobachter. Sehen heißt gerade für sie innerlich schauen und in ehrfürchtigem Staunen die vor ihnen sich aufdeckende Welt erkennen lernen. Jeder Volksschulunterricht, welcher die zum Aufsprossen bereite kindliche Individualität

zu entwickeln weiß, wird diese erste erzieherische Modellierung des Kindes am schönsten erreichen; es verlangt dies Verzicht auch auf bloße Ansätze einer Berufsschulung und die Gabe, die aus Kopf, Herz und Hand kommenden Interessen und Tätigkeitsimpulse zu einem lebendigen Strom zusammenzubringen. Das aus Wissens- und Beobachtungsneugier denkbereite Kind verlangt ein Herausholen seiner Denkkraft. In einem Teil der Klassen unserer baslerischen Volksschule ist ein Neupestalozzismus tätig, welcher diese Instrumentation der geistig-seelischen Entwicklungskräfte des Kindes mit erstaunlichem Erfolg zu spielen weiß. Dieser Unterricht gibt an fesselnden Beobachtungs- und Denkmodellen die ersten Verstehensansätze für das Wunder der Natur, für Schöpfungen der Kunst und Objekte des Denkens und Forschens.

Die Entscheidung für die Art und Verankerungstiefe der Menschenbildung fällt in der Mittelschule. Auf ihr "ruht die große Verantwortung heute, daß aus der fachlichen Zersplitterung beim akademischen Studium kein asoziales Konglomerat engstirniger Spezialisten entsteht, die außerhalb ihres Fachgebietes jedem Schlagwort zum Opfer fallen und die für die Spannweite menschlicher Geistesbetätigung kein Sensorium besitzen" (P. Niggli). Hier bestimmt sich die Aufgeschlossenheit und die Weite des Blickfeldes, hier die Fähigkeit, das zu gewinnen, was Meylan als "les humanités"bezeichnet, das heißt die zur Harmonie gebrachte wissenschaftliche, berufliche und religiös-ethische Erkenntnis; hier muß die Selbstprüfung heranreifen, welche Berufs- und Lebensplan zu wählen vermag. Die hohe Erziehungskunst der Mittelschule wird darin bestehen, nicht eine Vorwegnahme von Bildungsstoff und Bildungsart der Hochschule zu sein, sondern den Epheben auf eine solche Stufe urteilsfähiger geistig-ethischer Kraft

zu bringen, daß seine Intelligenz in der spätem Lebensprüfung möglichst wenig dem Zufall überliefert ist 3.

Homo ludens, welcher der strebende Mensch sein Leben lang bleiben soll, hat der Zögling jene erste Vorreife erlangt, welche ihn zum Philotheamon, zum Freund des Schauens und damit zum wissenschaftlichen Menschen im Sinne Platons machen hilft. Warum kommt nur ein Teil der in die Hochschule eintretenden Epheben mit der von Platon verlangten Fähigkeit des Schauens? Schon in der Mittelschule wirkt das Uebermaß des Wissensstoffes in Bleischwere auf ein erst sich entwickelndes Hirn, welches noch nicht die nötige Reifekraft selbständiger Weiterbildung hat. Heute überschneiden und überdecken sich weitgehend Unterricht der Mittel- und Hochschule nicht bloß in der Art der Darbietung, sondern auch in der Ausbreitung des Wissensstoffes. Mangelnde geistige Flurbereinigung bedingt ein Aneinandervorbeigehen von Mittel- und Hochschule, dessen Opfer der Zögling ist. Um hier nach der Forderung des englischen Education Act zur notwendigen simplicity zu kommen, ist ein richtiges Abstecken der Aufgabengrenzen notwendig. Es sollte aus kundigen geistigen Flurwächtern, aus wenigen, aber pädagogisch weitsichtigen Vertretern aller drei Schulstufen ein Gremium geschaffen werden, welches in klärenden Aussprachen Umfang und Lehrmethodik des Unterrichtsstoffes abgrenzt.

II.

Eine zweite Auseinandersetzung gilt der Frage, ob die Universität als oberste Bildungsstufe ihre hohe Aufgabe erfüllt. Nachdem die Decke von dem Bilde von Sais gefallen ist, welche ein Inferno von grauenhaftestem Geschehen verhüllte, wissen wir, welche schwere Schuld

gerade auf Trägern akademischer Bildung lastet. Diese Schuld trifft mittelbar auch die Lehrer der Hochschulen, wenn die aus ihrer Geistesschule gekommenen Treuhänder der Gewissen, der Körper und des Rechtes ihren Beruf und die ihnen damit anvertraute Sendung verrieten und Wissen und Gewissen an eine die Menschenwürde zerfetzende Staatsgewalt verkauften 4.

Es deckt sich hier ein Riß auf, eine versteckte Wunde der Hochschule, welche schon lange schmerzte. Die Entwicklung der Menschheit als Ganzes und in den Einzelbezirken ihres geistig-seelischen Wesens läuft in bald großen, bald kleinen Epizykeln, welche frühere Epizykel an Schnittpunkten immer wieder treffen, ohne daß es Rückkehr zur alten Stelle ist. Dieses Gesetz gilt auch für die Hochschulen. Am Beginn ihrer Epizykelkette stoßen wir auf das Urbild der Universitas, auf die große Bildungsquelle der Artistenfakultät; auf sie wurde in Basel das stolze Wort geprägt: "in civitate basiliense semper esse studium generale." Auf dieser Faculté des arts, der "ceterarum facultatum pia nutrix", bauten sich die drei höheren Fakultäten der Theologie, der Jurisprudenz und der Medizin auf: Die Söhne der Artistenfakultät, so behaupteten die Wiener Statuten, sind auch für alle höheren Studien geeigneter, doch nur dann, wenn sie sich nicht vor der Zeit von dieser ihrer fürsorglichen Mutter zu trennen versuchen, weil sie dann ohne Schwingen fliegen. Die damalige Universitas war nicht die Universitas litterarum im heutigen Sinne, die Gesamtheit einander gleichgeordneter Wissenschaften, sondern die "universitas magistrorum et scolarium", die Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden. Diese Universität, "weniger als zuvor und hernach Berufsschule, war seinerzeit die Stätte, an der sich die letzte

große Auseinandersetzung im deutschen Geistesleben vor der Reformation entschied". Der nach Ursprung und Tradition, nach Wesen und Zielsetzung zunächst rein scholastisch. gerichteten sogenannten via moderna folgte der in der via antiqua vertretene scholastische Idealismus, in welchen, von Italien angeregt und von außen her, die Sonne des Humanismus eindrang; mit ihm trat in die Universität und in das allgemeine Kulturleben der leitende Gedanke, die aus der gesamten geistigen und äußeren Weltschau und Welterkenntnis kommende Bildung, welche man "ad fontes", an "allen reinen Quellen" holen konnte. Das damit zur Bildungsschule gewordene studium generale machte die Universitäten unter dem Einfluß von Staat und städtischem Bürgertum zu Erziehungsstätten, in deren fruchtbarerem Boden Berufsschulung und die auf dem Musarum collegium oder Archigymnasium gewonnene Bildung zu einer höheren Synthese gebracht werden konnten. Damals wie heute wurden alle Fragen akademischer Bildung, geistiger Wertung, pädagogischer Schulung und wissenschaftlicher Zielsetzung in scharfer Auseinandersetzung aufgerollt. Werner Naef hat im ersten Bande seiner prachtvollen Vadianbiographie am Beispiele dieses großen St. Gallers gezeigt, welchen Reichtum an Blüten und Früchten ein solcher Saatboden ermöglichte: aus dem Zögling der lateinischen Stadtschule St. Gallen wurde im Studium generale vienense der Magister artium, der von Kaiser Maximilian I. als Poeta laureatus gekrönte Dichter, der von der Universität gestellte Redner, der Editor und Scriptor litterarum; die in der Artistenfakultät erworbene Aufgeschlossenheit führte ihn zu den Realien und zur Medizin und, obschon er erst vor dem Examen stehender Kandidat der Medizin war, als Vertreter der

Medizinischen Fakultät ins Rektoramt der Wiener Universität. Der von den Artisten gestellte Rektor wurde Oberhaupt der Gesamtuniversität; ihr Einfluß und ihr Ansehen war wirksamster Schutz gegen universitätsgegnerische Einmischungen von Kanzler und Kanzlei. Es ist ein fast beispielhaftes Symbol, daß aus dieser humanistischen Prägung der wissenschaftlichen Lehre ein kluger Staatsmann hervorging, der mit Logik und Ironie zu fechten wußte und während eines Vierteljahrhunderts Bürgermeister der Stadt St. Gallen war, und daß ein Historiograph und religiöser Reformator daraus erwuchs, obschon er vorher keine theologischen Studien oder priesterliche oder klösterliche Vorbildung gehabt hatte. Für Vadian kam dieses "Jasagen zu sich selber, diese ans Mark gehende Aufgabe", aus jener entscheidenden Zeit seines Studium generale, aus seiner Jugend, dieser Zeit der Vorherrschaft der Seele, die er selber poetisch so schön zeichnete: "Est enim amor omnium studiorum fomes" (denn die Liebe ist der zündende Funke aller Studien), eine Variante des Spruches Leonardo da Vincis: "Die große Liebe ist die Tochter der Erkenntnis."

Das Imponierende dieses streng einheitlichen und großzügig durchgeführten, methodisch wohlerwogenen hochschulpädagogischen Lehrsystems war das schrittweise Emporlernen des bloß lernenden Scolaris simplex zum bereits lehrenden Altsemester (W. Naef). Die Lebensgemeinschaft in der Bursa oder im Convivium vermittelte eine Wechselbeziehung von Mensch zu Mensch, wie sie sich auch heute so erfolgreich in den englischen Colleges von Oxford und Cambridge auswirkt, deren Tutoren den Magistri des ehemaligen Archigymnasiums entsprechen. Oxford und Cambridge, Keimstätten des

besten wissenschaftlichen Forschernachwuchses Englands, "sind — trotz mancher Fehler — Lehranstalten geblieben im feinsten und höchsten Sinne des Wortes und ein nationales Bollwerk gegen alles Seichte und Erbärmliche und gegen jeden Kitsch im akademischen Leben"(A. Flexner). Die bindenden Kräfte dieser allen Nationen offenen internationalen Schulen, deren Grade und Prüfungen im ganzen christlichen Abendland galten, waren Kirche, Kaisertum und die lateinische Gemeinschaftssprache. Direkte Tochter der Artistenfakultät ist die heutige Philosophische Fakultät.

Der ihres Studium generale beraubten Universität blieben nurmehr die gleichsam genossenschaftlich zusammengeschlossenen vier Fakultäten, welche man poetisch mit den vier Strömen des Paradieses verglich. Condorcet, geistiger Sohn der Enzyklopädisten, versuchte eine Wiedervereinigung dieser "vier Paradiesströme" in seinem 1792 der Assemblée Nationale vorgelegten Plan einer "République des sciences". Der Widerstand gegen die auf mittelalterliche Scholastik verdächtigen gelehrten Körperschaften brachte unter Napoleon und Talleyrand die systematische Entwicklung der "Ecoles spéciales", deren Gefahren die französischen Wissenschafter durch unmerkliches Wegweichen vom staatlichen Druck nicht ohne Erfolg abzuwenden verstanden. Aber unter dem III. Napoleon stellte der Historiker und Philologe Victor Duruy, einziger populärer Minister des Zweiten Kaiserreiches, den état lamentable des französischen Fakultätswesens fest gegenüber den zu neuer Blüte aufstrebenden deutschen Universitäten.

Der Eilschritt der analytischen Forschung und die Ausdehnung der Wissenschaftsfelder haben uns heute wieder nahe an die Ecoles spéciales Napoleons und

Talleyrands herangebracht. Körper und Seele sind heute in verschiedene Fakultäten auseinandergerissen (C. G. Jung); die Universität, Klassizismus geworden, versagt vor den Bedürfnissen der gegenwärtigen Menschen und gerät in Gefahr, keine geistige Macht mehr zu sein (Ortega y Gasset). Daß der Mensch etwas ganz entschieden verstehe und vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der nächsten Umgebung, Forderung Kerschensteiners, ist selbstverständlich, da er sonst nicht den Lebenskampf zu bestehen vermag. Daß der Weg zur höheren Allgemeinbildung über den Beruf und nur über den Beruf führt, wie Eduard Spranger meint, ist falsch; der Krieg hat den schlagenden Gegenbeweis gebracht; er lehrte die Entartung eines nicht gleichzeitig von Charakter, Standfestigkeit und Ethos getragenen vergötzten Wissens. Die Hochschulen sind heute ein Zusammensetzspiel der Fakultäten mit hochgezüchteten Fachschulen, welche unbestreitbaren fachlichen Schulungsgewinn mit Verlust an Originalität und allgemeiner Bildung bezahlen mußten. Allenthalben, im alemannischen wie im welschen Sprachgebiet, darum die Feststellung eines mangelnden Interesses für allgemeine Fragen, das Ueberwuchern des Nützlichkeitsstandpunktes gegenüber dem reinen Erkenntnistrieb, die Ueberschätzung fachlicher Detailausbildung gegenüber der fachlichen Allgemeinschulung, mangelndes Gefühl der allgemeinen Verantwortung und allzu realistische und philisterhafte Einstellung der Studenten (P. Niggli).

Von den Lehrern der Hochschule erlebt der, welcher das Rektoramt bekleidet, die Universität am schönsten und tiefsten als ein Ganzes, als einen beglückend reichen Geisterhof von anregenden und schöpferischen Intuitiven, deren Werk aber nur dann zum Gravitationszentrum

gelangt, wenn sie die Einzelforschung zu einem synthetischen Baustein auszugestalten vermögen. Wer diese beglückende geistige Pilgerschaft machen durfte, der möchte auch den im Labyrinth einseitigen Fachstudiums sich verirrenden Studenten aus seiner Fakultätsklausur in die so viel reichere Welt der Universitas und der aus ihrer Psychologie vermittelten Erkenntnisse führen: "Was wir in unserem Geiste, in unserem Herzen bewahren müssen, ist der Wille zur Klarheit, der unbeirrte Blick des Verstandes, das Gefühl für die Größe und das Wagnis, für das Außerordentliche des Abenteuers, in das das Menschengeschlecht sich eingelassen hat, von den ursprünglichen, natürlichen Bedingungen der Art sich vielleicht unermeßlich weit zu entfernen, unterwegs — wer weiß, wohin!" Aus der Ergriffenheit des Erkennens entspringt jene gewaltige innere Kraft, welche Sokrates Jon gegenüber die göttliche nennt und dem Steine verglich, "der von Euripides der Magnet, gewöhnlich aber der Herakleische genannt wird; denn auch dieser Stein zieht nicht nur selbst die eisernen Ringe, sondern er teilt auch den Ringen die Kraft mit, daß sie eben dieses tun können wie der Stein selbst, nämlich andere Ringe ziehen". Die Lebensfracht, die ein solcher wahrer Artisten-Ephebe von seiner Alma mater mitnähme, wäre köstlichstes Weihgut wie das jener Griechen von Byzanz, die bei ihrer Flucht vor der Türkenflut als Kostbarstes Homer und Plato mit sich trugen.

Unbewußt oder laut meldet sich an den Universitäten das Heimweh nach ihrem Archetypus, dem edlen Bildungskern der Artistenfakultät, mit ihrem "üppigen, leuchtenden fruchtbringenden Flor" und nach Condorcets République des sciences. Zeugnisse dessen sind die an unserer Universität eingeführten allgemeinbildenden Vorlesungen,

das an der Universität Genf in Versuchsform aufgenommene Studium generale und das von der Zürcher Hochschule in Kurzvorträgen von Dozenten aus allen Fakultäten versuchte "Gespräch zwischen den Fakultäten 5".

Ist es letzter und höchster Zwecksinn einer Universität, wenn der Rektor einer deutschen Hochschule 1927 von ihr forderte, den "Typus des wissenschaftlichen Menschen" zu erziehen, d. h. des Menschen, der, selber ergriffen von Sinn und Wert des selbständigen Erkennens, einbezogen ist in die Arbeit eigener Wissensfindung? Ist es wirklich ihre Aufgabe, den Hörer nicht zu einer verfrühten Universalität, sondern zunächst zu heilsam gewollter Einseitigkeit in seinem Fachgebiet hinzuleiten? Das Gehör des Universitätshörers aber bleibt nur bloßer "Empfangsraum der Reden", wenn es nicht die geistig-seelische Emission einer zu innerlicher Stärke heranreifenden Persönlichkeit auszulösen vermag. In seinem schönen Buche "Biologische Fragmente zu einer Lehre vom Menschen" sagt Adolf Portmann, was uns heute als Rückfall in primitive Barbarei und Brutalität erscheine, sei nur ein Extrem unseres Verhaltens, dessen Möglichkeit in jedem von uns schlummere (,,Hitler in uns"); das vertiefte Wissen von den Ordnungen des irdischen Lebens, die Einsicht in geordnetes Geschehen, wie sie alle Lebensforschungen in überströmender Fülle vermitteln, könne nur zur Annahme noch größerer Ordnungen führen. Wir wollen hinzufügen, es muß uns zwingen zur Ordnung der Gemeinschaft, wenn wir der Schöpfung und unserer Be-Stimmung wert bleiben wollen. Wissenschaft kann nur zu einem den Lebenssinn der Menschheit fördernden Ferment werden, wenn wir wieder "Artisten"der wahren menschlichen Bildung werden, wenn unsere Hochschulepheben in jene geistig-ethischen Räume treten, in welchen

sich Charakter und Herz bilden, und wenn wir sie gleichzeitig an jene Realien heranführen, mit welchen der Lernende Kontakt zur Biologie und den lebenden Bewegungskräften der Gemeinschaft gewinnt. Diese Neuerziehung hat in erster Linie bei den Erziehern selbst zu geschehen.

Zur praktischen Lösung, die nicht leicht ist und nach Nietzsches Rezept die Kraft braucht, von Zeit zu Zeit eine Vergangenheit zu zerbrechen, bieten sich mehrere Möglichkeiten: Vorschaltung eines "Artistensemesters" vor dem Beginn des Fachstudiums, Zwischenschaltung eines solchen Semesters in einem für das betreffende Fachstudium richtigen Zeitpunkt, Einfügung der passenden und nötigen "Artistenvorlesungen" in die erstsemestrigen Studienpläne der einzelnen Fakultäten, "Artisten"-Schaltsemester in den großen Ferien. Das Schwebende und Labile des akademischen Studium- und Kräftesystems würde jede dieser Lösungsformen zulassen. Eine Studienberatung durch den "Tutor" müßte dafür Sorge tragen, dass der Plan des Erziehungsgebäudes nicht zu groß angelegt wird; ansonsten besteht die Gefahr, "daß die obere Etage nicht ausgebaut, ja nicht einmal das Dach zugebracht werden kann, so daß am Ende nur ein paar Dachstübchen verbleiben, in die es beim schlechten Wetter hineinregnet". Der gleiche Georg Christoph Lichtenberg gibt eine zweite sehr eindrückliche Warnung: "Sie hatten bei dem jungen Menschen die eigentliche Pfropfzeit vorbeistreichen lassen, und es wollte nichts mehr auf dem wilden Stamme wachsen."

Der thematische Kreis der Vorlesungen und Kurse müsste möglichst auswahlreich, das "Artesprogramm"in der Durchführung nur auf den großen Linien gehalten sein, auf daß jede Fakultät das ihr im Studium Wichtige

und Notwendige und sie Ergänzende bekäme. Erweiterung des Kreises der Lehrenden durch Männer aus der Praxis, aus Kreisen der Regierung, der Kunst, der Arbeiterbewegung, des Handels und der Industrie und Exkursionen in modellartige Zentren der praktischen Auswirkungsfelder würden diesen Unterricht am und für das Leben wirklichkeitsnahe machen.

Das Zusammenfinden und die Zusammenarbeit zwischen den Scholaren der verschiedenen Länder war im Mittelalter aktiver, da —im Gegensatz zum heutigen babylonischen Sprachenwirrwarr der Hochschulen —das Latein Einheits- und Gemeinschaftsausdruck höherer Bildung war. Für unser Land, "cette grande ville divisée en 22 quartiers cantonaux", die wir drei Sprach- und Kulturpässe zu hüten und zu pflegen haben, ist die praktische Pflege der Hauptsprachen —neben der Muttersprache des Französischen, Italienischen und Englischen —, aus nationalen und internationalen Gründen Grundbedingung einer schweizerischen Ideen- und Wirkungsmission. Aus allen unsern Fakultäten kommt die Klage über mangelnde Kultur unserer Muttersprache. Wer dies nicht achtet, übersieht die Möglichkeiten und Kräfte, welche die Sprache dem Geist bietet, wenn man sie mit der gleichen Liebe pflegt wie der Geigenkünstler sein Instrument, wenn man das Urgeheimnis der Bildung, die Klarheit, die Fähigkeit, den Dingen Gestalt zu geben, mit den aus der Schönheit des Sprachinstrumentes kommenden Heimlichkeiten des innersten Lebens zu füllen weiß. Werden die Hochschulen Europas so wieder zu geistigen Leuchtfeuern, so kann dieser alte Kulturkontinent wieder zu neuer Blüte kommen dank der ihm eigenen Vielartigkeit seiner inneren Kräfte.

III.

Erziehungswerk ist Erziehung zur Arbeit: zu Arbeit an und Arbeit für sich, zu Arbeit für andere und für die Gemeinschaft. Von Mirabeau kommt ein Wort von elementarer Wahrheit für den Einzelnen wie für Staaten: "Je ne connais que trois manières d'exister dans la société; il faut être mendiant, voleur ou salarié"; Arbeiten, Betteln oder Stehlen! Daraus folgt, daß jeder Erwerb ohne redliche Arbeit in die andern zwei Kategorien gehört; die Errungenschaft aus denselben pflege aber weder von göttlichem noch menschlichem Segen begleitet zu sein.

Aus unseren Hochschulen kommt ein nicht kleiner Teil des Kaders unserer Wirtschaftspolitik. Die Bildungsqualität dieses Kaders wird mitbestimmt durch den Stand der Volkswirtschaftswissenschaft und den Rang, den wir ihr in Hochschule und Staatsleben einräumen. Welche Zeit hat vertieftes volkswirtschaftliches Denken nötiger als die unsere mit ihren aus einer zerschlagenen Welt uns entgegenschreienden spitzigsten ökonomischen und sozialen Problemen?

Wenn man die Geschichte der Nationalökonomie zurückblättert und die Bedeutung wahrnimmt, die sie im 18. und 19. Jahrhundert in England hatte, wo sie wie die Rechtswissenschaft eine imponierende organische Entwicklung nehmen konnte, so ist die Stellung, die ihr in der Schweiz unter den andern akademischen Lehrfächern eingeräumt wird, doch etwas zweitrangig und ihrem maßgeblichen Einfluß auf die Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Systeme zu wenig angemessen. Zweifellos liegt hier noch ein Fehler des Systems und der Wertung dieser Wissenschaft im Rahmen der Fakultäten, die z. B. in Oxford "natürlich auf höchstem Niveau steht" (Straumann). Der große Jurist Jhering (,,Geist des römischen

Rechts auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung") erkannte als tiefsten Grund der Meisterschaft der römischen Juristen, die sie zu Klassikern des Rechts machte, daß sie sich bei allen Entscheidungen vom praktischen Zwecke der Rechtsordnung bestimmen ließen und daher Rechtsprechung und Rechtswissenschaft zu einer Kunst machten und nicht in doktrinär-scholastischer Begriffsklitterung zerfaserten. Gleiches gilt für die Volkswirtschaftslehre. Man wird den Eindruck nicht los, daß an manchen Hochschulen des Kontinents, auch an dieser oder jener schweizerischen, die Volkswirtschaftslehre ein etwas verschupftes Kind ist, verschupft in der Wertung gegenüber den andern, insbesondere den juristischen Wissensgebieten, verschupft aber auch in der Beheimatung.

England ist das Geburtsland der Volkswirtschaftswissenschaft; in dankbarer und begeisterter Rückerinnerung gedenke ich der Vorlesung Platters au der E. T. H. über die Geschichte der englischen Nationalökonomie, welche ich in meinen Studentenjahren hören durfte. England hat es verstanden, die Pflege dieser als eines "nationalen Geistesbesitzes"hoch gewerteten Wissenschaft zu einer festen Tradition zu machen und mit dem Geistesleben seines so vielfältigen Wirtschafts-Empires zu verbinden. Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspraxis blieben nicht einander fremd und feindlich; Politiker und Geschäftsleute mußten sich mit ihren Lehren auseinandersetzen, wollten sie nach dem Rate von John Stuart Mill sich freihalten von dem narrenden Labyrinth "of the noisy conflict of half-truths, angrily denying one another". Die Volkswirtschaftslehre hatte sich hier über volkswirtschaftliche Gesellschaften, namentlich über die Royal Economic Society, früher ihren sicheren Platz in

der Wirtschaft errungen als in den Lehrgebäuden von Oxford und Cambridge. Lord J. M. Keynes ist das große englische Beispiel, wie im Umbruch einer Zeit und in Entscheidungsstunden eines Empireschicksals ein mit Schöpferkraft, Verantwortungsbewußtsein, diagnostischem und therapeutischem Sinn und Realisierungsgenie begabter Volkswissenschafter der Starke wurde, welcher das Schicksalsschiff und das Glück seines Volkes mit sicherer Hand durch den Sturm einer an allem Bestehenden rüttelnden Kriegswirtschaft steuerte. Die schweizerische Fachwelt rühmt ihn als ungewöhnlich geschickten Finanztechniker, dem England den unbestreitbaren Erfolg seiner Kriegsfinanzierung verdankt; als entscheidenden Förderer der Wirtschaftswissenschaft; als ketzerischen Aufrüttler, der mit der Schärfe seines Geistes, seiner Ironie und seines Witzes immer intellektueller Revolutionär von irgend jemand und irgend etwas war: als sozialen Reformer, der frei von jeder politischen Orthodoxie und starren gegenwartsfremden nationalökonomischen Doktrinen in hoher geistiger Fairneß Wahrheits- und Lösungensucher in seiner Wissenschaft war. Der sog. Beveridge-Plan umreißt einen andern großartigen sozialpolitischen und sozialökonomischen Lösungsversuch des Heimatlandes von Adam Smith.

Inzwischen ist auch hier Amerika mit an die Spitze gerückt, wo die berühmtesten Volkswirtschafter nicht nur auf den Lehrstühlen ihre einflußreiche Tätigkeit ausüben, sondern gleichermaßen in Verbindung mit der Regierung, besser gesagt, als die ständigen Berater der Regierung und des Präsidenten ("no other academic discipline gained more in popular esteem"). Im nunmehrigen Besitze der "workship of the world"wird hier nicht nur Versäumtes nachgeholt, sondern bisher Ungenutztes

entwickelt. Dementsprechend die Nachfrage nach wirtschaftswissenschaftlichen Qualitätsarbeitern; als letztes Ziel gilt, eine über Staat, Arbeitgeber und Arbeitsnehmer ausgleichende Wirkung des Wettbewerbs zu gewinnen (,,The establishment and maintenance of sound economic standards, i.e. proper competitive standards and industrial peace").

Auch die Nordamerikanische Union hatte ihre "Keynes-Tat": Der New Deal von Franklin D. Roosevelt hatte nach des Präsidenten eigenen Worten die Aufgabe, eine Charter der wirtschaftlichen Menschenrechte zu fördern, eine neue Wirtschaftsgesinnung und eine konstitutionelle Wirtschaftsordnung, eine neue Wirtschafts- und Währungspolitik aufzubauen. Diese Planierung, welche nach einem Urteil der hervorragendsten nationalökonomischen Zeitschrift der Welt, des "Economist", noch heute nicht in einer genauen Formulierung festzulegen ist, war das Werk eines Brain-Trust, politisch ungebundener, darum völlig freier Männer, welche, einzig ihrer Bürgeraufgabe verpflichtet, ehrenamtlich an die Aufgabe herantraten; neben Juristen und Geschäftsleuten wirkten Wirtschaftswissenschafter maßgebend mit. Es ist wie eine posthume Offenbarungsbotschaft dieses großen Präsidenten, wenn heute die Einsicht dämmert, daß der Weltfrieden nicht aus politischen Formulierungen, sondern aus einer Regelung der Weltwirtschaft kommen muß. Volkswirtschaftslehre ist ihrem tiefsten Sinne nach erkennendes Ringen um die "conditions humaines", um Mittel und Wege zu menschenwürdigen Daseinsmöglichkeiten 6. Die wirklich freie "Politeia" ist Kräfte- und Willenssammlung aus ihren politischen, sozialen und religiösen, aber auch aus ihren wirtschaftlichen Freiheiten; ihrer jede bleibt ohne die andern drei bloßes Bruchstück.

Der natürliche nationale Entwicklungsboden Englands und seines Empires und das so saatgierige junge Ackerfeld Amerikas fehlt der Großzahl der Länder, weswegen trotz Eroberung von Universitätssitzen die volle Parität der Volkswirtschaftslehre gegenüber den älteren Wissenschaften mit ihrer ehrwürdigen säkularen Entwicklungsgeschichte noch nicht erreicht ist. Vielleicht ist es eine Folge der vorhin angedeuteten Zurücksetzung dieser Wissenschaft, daß in der Schweiz die bahnbrechenden Nationalökonomen nicht so zahlreich sind wie anderwärts. Die Volkswirtschaftswissenschaft ist bei uns mehr zu einer beschreibenden und das Gewesene erklärenden Disziplin geworden an Stelle einer bahnbrechenden und schöpferischen Gestaltungskraft. Man spricht herabsetzend vom "Verwaltungs- und Wirtschaftsakademiker". Auf diese Weise erhalten die Studierenden auch einen unrichtigen Eindruck über dieses Wissensgebiet, nicht zuletzt deshalb, weil die Doctores rer. cam. oder rer. pol. von ihren juristischen Kollegen von oben herab angesehen werden. Möglicherweise ist daran auch der Umstand schuld, daß sich an den volkswirtschaftlichen Fakultäten etwas viele intellektuelle und geistige Mittelmäßigkeiten sammeln, welche mit Ach und Krach noch durchkommen, wobei allerdings ihre Unterbringung im praktischen Leben sehr oft große Schwierigkeiten bietet. Sie müssen sich in Verwaltung und Privatwirtschaft auch nicht selten mit hinteren Rängen und Posten begnügen.

Der Genfer Jean Charles Léonard Simonde dc Sismondi, Mitglied der Handelskammer des Departement Léman der französischen Revolutionsrepublik, einer der frühesten Schüler Adam Smiths auf dem Kontinent und großer Begründer einer schweizerischen Nationalökonomie (1803 und 1819), warnte vor der Verwechslung der Volkswirtschaftslehre

mit dem, was er Chrematistik (Chrema Reichtum), d. h. bloße habsüchtige Reichtumsaufstapelung oder Profitwirtschaftslehre nannte; ansonst wird sie nicht zu einer Volks-, sondern zu einer Millionärwirtschaftslehre. Einer unserer Nationalökonomen hat mit Recht die These aufgestellt: Das volkswirtschaftliche Wissen und Können ist weit eher eine Berufung als ein eindeutiger Erwerbsberuf; im Begriff "Volkswirtschaft" schwinge nämlich jederzeit auch der Begriff Volkswohlfahrt mit, ähnlich wie im Begriff des Rechts jederzeit auch der der Gerechtigkeit mitschwingt oder doch mitschwingen sollte. Tatsächlich ist die Rolle des Volkswirtschafters die eines Arztes im sozialen Körper: er hat die Biologie und Pathologie der Wirtschaft zu untersuchen, bei krankhaften Störungen über eine sorgfältige Anamnese die Aetiologie zu ergründen, den Krankheitsbefund aufzunehmen, Diagnose, Prognose und therapeutische Abhilfemöglichkeiten aufzuzeigen; wie die Erforschung des gesunden und kranken Menschen nur aus Ganzheitsbetrachtung kommt, so wird auch der Volkswirtschafter aus der bloßen Analyse des hauptbetroffenen Organes eines gestörten Wirtschaftskörpers zur korrelativen Ganzheitsbetrachtung kommen müssen, wenn er Aetiologie, Befund, Diagnose, Prognose und Therapie zu wirkender Erkenntnis bringen will 7.

Volkswirtschaftswissenschaft muß sich, will sie nicht abseits vom immerwechselnden Strom des Lebens, der Wirklichkeiten und der Zeitnotwendigkeiten "an Stelle freier Entwicklung wissenschaftlicher Kräfte nur billige Dressur für konkrete Zwecke treiben" und "auf abgelegenen Posten über bloße Begriffsdefinitionen und Abstraktionen meditieren"(F. Marbach), als Ferment in die Zwecke der Wirtschaft einordnen; dann wird sie media

in vita wirkliche Richtungsweiserin und Künderin. Um dieses Einfluß- und Wirkungspotential unserer schweizerischen Volkswirtschaftswissenschaft voll nutzbar zu machen, scheinen mir zwei Dinge notwendig: 1. eine — anscheinend nur äußere —Aufwertung, welche aber gleichzeitig ein starkes inneres Entwicklungszentrum schüfe, indem man sie im akademischen Bereich richtig einstellt durch Schaffung einer volkswirtschaftlichen Fakultät; 2. durch noch stärkere Verankerung der volkswirtschaftlichen Lehre und Forschung im ständig sich erneuernden Flusse der Wirtschaft; unser Land hat keinen Mangel an Männern, welche, selber beispielgebend, hier lehrend und ratend zur Verfügung ständen.

Einige holländische Universitäten tragen sich denn auch mit dem aus der Notwirtschaft der Nachkriegszeit entsprungenen Plan der Schaffung einer eigenen staatswirtschaftlichen Fakultät (social and political economics). Sismondi, Nationalökonom und Staatsmann in Personalunion, definiert die Nationalökonomie als einen besonderen Zweig der Wissenschaft von der Regierung, der Staatswissenschaft, die sich mit der auf das Wohl der Völker gerichteten Regententätigkeit zu befassen hat. Wem tritt hier nicht die Politeiawelt Platons vor die Gedankenschau, in der sich die Einsicht emporringt, daß nur gründlicher Bruch mit dem Abgelebten das Neue sichern kann und zwar durch die Herrschaft derer, die etwas gelernt haben, der Wisser, oder derer, welche Stimmen, Einsichten und Ratschläge der Wisser zu hören oder zu verwerten vermögen 8.

Der Zürcher Sozialwissenschafter E. Großmann warnte vor kurzem davor, sich in diesem Forschungsgebiet allzusehr auf rein logisches Denken und statistische Daten zu verlassen, da volkswirtschaftliches Geschehen aus

Massenhandlungen von Menschen bestehe, die ihrerseits wieder vom Fühlen und Denken der Massen abhängen. Wenn in einem demokratischen Staat jedes Unternehmen als Kampf gegen Armut und Not sozialwirtschaftlich arbeiten soll, so muß es gleichzeitig über Auswertung der physischen und psychischen Arbeitsphysiologie und der psychischen und physischen Arbeitspathologie ein sozialpsychologisches Erziehungswerk sein. Der hervorragende Genfer Wirtschaftspraktiker Louis Maire (,,Au delà du salariat — L'organisation social du travail") weist mit Nachdruck auf diesen sozialpsychologischen Wertfaktor hin: Die tiefe Sehnsucht der werktätigen Massen ist heute darauf gerichtet, als gleichberechtigter und mitverantwortlicher Partner an der Leitung der Wirtschaft teilzunehmen: schlechte Bilanzen sind nur allzuoft nichts anderes als allzu schlechte Beziehungen zwischen Unternehmer und Arbeiterschaft einer asozialen Organisation der Arbeit.

Die Volkswirtschaft wird in der Nachkriegszeit eine entscheidende Entwicklung nehmen. Auch für unser Land bedeutet seine Wirtschaft gleichzeitig sein Schicksal (,,Das Werk der Arbeit ist das Weltschicksal schlechthin")! Die schweizerische Volkswirtschaftswissenschaft, von Sismondis Geistesschwung vor bald anderthalb Jahrhunderten erweckt, wird außer der Mitarbeit an landeigenen Problemen sich durch den Zwang der internationalen Wirtschaftsnot tiefer in den internationalen Lehr- und Praxiskreis einfügen müssen. Sie kann dabei nur gewinnen; ist doch "der wirtschaftliche Nationalismus der größte Fluch unserer Epoche" (William Rappard), und sind doch die wirtschaftlichen Sorgen der anderen Länder auch die unsern (S. a. Guglielmo Ferrero: "Discours aux Sourds"). -

Die Krönung eines solchen organisatorischen Aufbaues wäre ein eidgenössischer Wirtschaftsrat aus freien, politisch ungebundenen Männern, welcher — gleich dem "New-Deal-Rat" —ohne die Schwerfälligkeit eines großen Wirtschaftsparlamentes und freigehalten von vorstoßenden Interessengruppen und Gruppenintrigen ein sachlicher, von Regierungs-wie von Parteiengunst gleich unabhängiger Brain-Trust sein müßte.

IV.

Die Studentenschaften werden in der heutigen Zeit des "Phrasensturmes" (Ortega y Gasset) leicht Spielball unbesehener Anwendung von Theorien und Ideologien, welche, je nach dem Schicksal solcher Ideologien, oft rasch eine nicht immer charakterfeste Kehrtwendung nötig machen. Es zeigt sich weiter, daß in unsern städtischen, kantonalen und eidgenössischen Parlamenten, von den gesetzes- und wortkundigen Juristen abgesehen, frühere Hochschulabsolventen in der politischen Arena trotz oder wegen ihres Vielwissens nicht immer mit Logik und Ironie kämpfende Fechter sind, Kämpen, die nicht durch den Prunk der Rede, sondern durch die Kraft der Sachlichkeit und des fair play. zu überzeugen und durchzudringen wüßten. Erfahrungen an Studentenversammlungen lehren, wie notwendig eine Erziehung zu sachlicher, schlagfertiger, knapper und unpersönlicher Debattierkunst ist.

Wieder gehen wir epizyklische Entwicklungskreise zurück und dürfen in historischer Rückschau staunend feststellen, daß das alte Bern bereits eine solche Erziehungsschule besaß: Es war dies der sog. Aeußere Stand, "eine Vereinigung junger bernischer Bürger vor ihrem

Eintritt in die Regierung zu einer Verbindung, welche die mannigfachen Funktionen der gesamten Staatsverwaltung möglichst getreu nachahmte und so gleichsam ein Miniaturgemälde der Regierung, des Inneren Standes, darstellte"(D. Hidber, "Der ehemalige sog. Aeußere Stand der Stadt und Republik Bern", Neujahrsblatt für die bernische Jugend 1858): Ein Schultheiß mit seinem Statthalter bildete das Haupt dieses seit 1556 nachgewiesenen Schattenstaates, dem nichts fehlte als das zu regierende Volk. Ihn umgaben Großer und Kleiner Rat, Seckelmeister, ferner Stadtschreiber, Venner, Großweibel, Landvögte und untere Beamte. Der auch Jünglingen aus der bernischen Landschaft und aus anderen Schweizer Städten zugängige "Aeußere Stand" war eine Vorschule für die Regierung, das "Innere Regiment"; Wappen war ein sich im Spiegel beschauender, auf einem Krebs sitzender Affe. Dieser Aeußere Stand löste sich 1798 auf. Noch am 13. November 1792 hatte Philipp Albert Stapfer, der spätere verdiente Unterrichtsminister der Helvetik, bei Antritt seines Amtes als Professor der Akademie und des Politischen Institutes Bern eine Antrittsvorlesung gehalten "Ueber die fruchtbarste Entwicklungsmethode der Anlagen des Menschen": Dieses Institut für Staatslenkung und Regierungskunst sollte über die Staatsverfassungen der Welt, Verfall und Untergang der Staaten, die Quellen der öffentlichen und privaten Wohlfahrt, aber auch über Philosophie, Moral, antike Sprachen und Literatur unterrichten, alles im Sinne von Kants Kategorischem Imperativ.

Inzwischen sind in unserm Lande Bestrebungen zur Gründung von "Jugendparlamenten"in Gang gekommen, welche jedoch politisierende Uebungsparlamente sind, da jede politische Partei mit einer "parlamentarischen

Fraktion" vertreten wird. Was die Hochschule jedoch braucht und will, das ist nicht eine Nachahmung und Vorwegnahme eines Großen Rates oder des Nationalrates mit Wechselrhetorik parteipolitisch vorgefärbter Jünglinge. Dies erinnert an ein Postulat Wilhelms II., der 1890 in den Schulen eine "politische Erziehung" wollte mit Kampfrichtung gegen die Sozialdemokratie, was psychologisch und nach der ganzen Zeitsituation ein Atavismus war. Was der Student als staatspolitisches Erziehungsmittel braucht, ist die Kunst eines unter Respektierung der Spielregeln durchgeführten Redegefechts. England, uns in vielem so vorbildlich, liefert auch hier das erforderliche Modell in der seit 1823 in Oxford bestehenden United Debating Society, welche Muster wurde für gleiche Gründungen an allen übrigen Universitäten Englands. Nicht wenige der hervorragendsten Parlamentarier und Minister Englands sind aus diesen Schulungszellen parlamentarischer Debattierkunst hervorgegangen. Aufbau und Debattierregeln dieser Union Society wurden im Basler Studentenblatt von unserem English Lecturer Dr. Mason geschildert. Verbindet man die Schulung einer solchen Debating Society mit Exkursionen in Sitzungen der kantonalen und eidgenössischen Parlamente der deutschen und welschen Schweiz und an Tagungen der Landsgemeinden, so könnte sich eine solche staatspolitische Erziehung an der Praxis der parlamentarischen Demokratie über das, was ihr ausbildungsmäßig notwendig ist, orientieren.

Wieder kommen wir zum Menschen- und Menschheitslehrer Platon. Im Protagoras-Dialog stellt Protagoras der theoretischen Naturwissenschaft die politisch-ethische Bildung gegenüber, die noch dem Manne und gerade ihm unentbehrlich ist, damit der Mensch durch sie seine Soteria,

seine Rettung aus den Irrungen und Verwirrungen der Gemeinschaft finde: Schon von frühester Jugend soll alle Erziehung, die faktisch nur mit der politischen Kunst zu tun habe, der politischen Arete oder Zucht und Tugend dienen. Gesetze des Staates sind dabei Mittel der Erziehung, um über und durch sie diese Arete zu erreichen; während die Schule Spezialkenntnisse verlange und bringe, werde das Wissen um Bürger- und Staatspflichten vorausgesetzt. Die athenische Polis forderte darum neben den Künsten der Palästra die Polites-Aktivität: "Wir halten den, der sich den politischen Angelegenheiten fernhält, nicht für einen ruheliebenden, sondern für einen unnützen Menschen"(Rede des Perikles).

Diese Erziehung zum wahren Polites, als dem Vollmenschen und Vollbürger, dem die athenische Polis den faulen Privatmann, den Idiotes, gegenüberstellte, mit dem Ethos seiner Kollektivverantwortlichkeit, die Entwicklung zum Staatsbürger und zur Persönlichkeit, war von je Ziel und Erfolg der Universitäten Oxford und Cambridge, die dank ihrer besonders sorgfältigen Pflege der Geisteswissenschaften heute noch Zentren der Intellektuellen sind. In dem vor kurzem erschienenen Weißbuch über den "Dienst der Jugend nach dem Krieg" wurde von einem beratenden Ausschuß des britischen Erziehungsministeriums gerade auch die Erziehung zum Staatsbürger gefordert und damit ein Ausbau der sog. "modernen", d. h. fachschulmäßigen Universitäten Englands, nach dem Protagoras-Oxford-Cambridge-Modell.

Ein solches Studentenparlament wäre für den jungen Akademiker nicht bloß eine Schulung in der Geistigkeit, der Gewandtheit und der Fairneß der Debattierkunst, sondern gleichzeitig die würdigste Form seiner Initiation in seine kommenden staatsbürgerlichen Verantwortlichkeiten,

eine freie und moderne Wiederaufnahme der athenischen Ephebien, welche in ihren Kosmeten und Sophonisten die erziehenden Ordner und Lenker hatten. Es ließe sich dafür wohl ein unserer Eigenart angepaßtes Rituale finden.

V.

Lassen Sie mich noch einer Pflicht gedenken, die wir der studierenden Jugend gegenüber haben. Der Wille, unbemittelten Scholaren zu ihrem Studienziele zu helfen, hat die Universitäten seit ihrem Ursprung begleitet. Angehörige und Freunde der Universität spendeten Stipendien und Stiftungen, was für unsere Alma mater schon aus dem 15. Jahrhundert bezeugt ist. Heute klopft die Not der jungen Menschen, die geistigen Berufen zustreben, stark an die Pforten der Hochschulen. Namentlich in Ländern, deren aus Generationen erarbeitete Güter und die daraus fließenden Helfemöglichkeiten ausgeraubt oder zerstört sind.

Dazu einige Beispiele: Unter den etwa 120000 Studenten der Sowjetunion des Jahres 1926/27 waren die Hälfte Arbeiter und Bauern; Hilfe kam für mindestens die Hälfte durch Gebührenbefreiung, durch Schaffung von Konvikten und Stipendien, welch letztere mehr als einem Drittel zugute kamen. Das russische Volk, welches für seine gewaltigen Völkermassen und zur inneren Eroberung und Festigung seines Riesenraumes schöpferischer Geisteskräfte bedarf, hatte nur einen Weg, den einer schnell aufholenden Organisation. Die Ausbildung seiner Aerzte geschieht auf Staatskosten: der Student ist von Anfang seines Studiums an bezahlt; während seiner Studien erhält er unter anderem die Aufgabe, die gesamten hygienischen Verhältnisse einer bestimmten

Landesgegend zu erforschen. Die Selbständigkeit seiner Amtspersönlichkeit muß er sich durch landärztliche Tätigkeit erringen; ausgewählte Begabte werden, durch ein hohes Sondergehalt unterstützt, in wissenschaftliche Laufbahn hereingenommen. England sieht für seine Universitätsepheben unter Mithilfe staatlicher Mittel großzügige Stipendien vor, welche in ihrer Höhe dem Studenten die Teilnahme am studentischen Leben in- und außerhalb von Studentenheimen und Beziehungnehmen zu Leben und Gemeinschaft erlauben.

Im arm gewordenen außerschweizerischen Europa erstehen aus dem Schoße der Nachkriegszeit echte Kinder der Gaia, Männer und Frauen, welche aus gerettetem Vergangenem und mit dem Arbeitsschwunge der Jugend eine wieder menschenwürdige Zukunft aufbauen. Wie in diesen Ländern sollte auch in der Heimat Rousseaus und Pestalozzis jedem anlagegemäß für einen geistigen Beruf Bestimmten und Begabten die äußere Möglichkeit geschaffen werden, zu Gestaltung und Schicksal seiner Begabung zu kommen. Man spricht heute mit Recht von einem "Stipendienelend"; erlaubt doch die Zersplitterung und Verdünnung der vorhandenen Mittel nicht das wirklich nötige Maß des finanziellen Studienunterbaues. Nicht umsonst kommt der Ruf nach einem eidgenössischen Stipendienfonds. Wer als Rektor der Universität mitten durch das Leben der Studenten geht, weiß um das Recht dieser Forderung. Ein solcher Fonds sollte die edle Form eines Geschenkes unseres Volkes an seine Jugend sein, indem die Zuerkennung eines Stipendiums zu einer Ehrung für den jungen Staatsbürger würde. Die Manchester Grammar School gibt das Modell, wie die Auswahl der "Ingenia" zu erfolgen hätte. Es geschieht dies in einer Art gymnasialer Geistesolympiade: Schüler der

zwei obersten Klassen ringen in geistigem Wettkampf mit Altersgenossen des ganzen Landes in besonderen, von den Universitäten und dem Staat festgesetzten ziemlich schwierigen Examina um eine "Scholarship", deren Gewinn das spätere Universitätsstudium finanziert. Die Zulassung wäre nur Schülern erlaubt, denen elterliche Mittel ein Hochschulstudium nicht gestatten; die Entscheidung müßte liegen bei einem aus Vertretern der Mittel- und Hochschule und bedeutenden Männern des praktischen Lebens zusammengesetzten Arbitrium. Eine solche Begabtenauslese ist um so nötiger, als der Staat in der Ausschließung der Unbegabten und Mittelmäßigbegabten völlig versagte (A. Flexner). Welche Ausgangsplattform für die Bewilligung eines solchen wirklich ausreichenden Stipendiums auch gewählt werden mag, der Fonds müßte ausreichend sein; die Stiftungsgelder wären zu äufnen aus einem Großbeitrag des Bundes, der bis heute nur Mater nutrix der E. T. H. ist, aus Leistungen der Nichtuniversitätskantone, aus Mitteln der weitergeführten Studienausfallentschädigungen im Sinne eines Vorschlages der V. S. S., aus Beiträgen akademischer Fachgesellschaften (Schweizerische Juristen-, Aerzte-, Chemiker- usw. Gesellschaften) und kirchlicher Organisationen und aus Zuwendungen Privater. Sammelstelle wäre das Eidg. Finanzdepartement, Vollzugsorgan ein Verwaltungsrat, bestehend aus Vertretern des Bundes (Departemente der Finanzen und des Innern), der Universitätskantone, der Rektorenkonferenz, der Studentenschaft und des Wirtschaftslebens einschließlich der Arbeiterschaft. Ueber unserm Bedürfnis, der großen Not der außerschweizerischen Studentenjugend zu steuern, übersieht man die Tatsache, daß eine nicht geringe Zahl unserer eigenen Studenten ihr Studium nur unter schweren

Entbehrungen und Verzichten durchführen kann. (Der Kanton Baselland hat inzwischen ein ausgezeichnetes "Stipendiengesetz" im Wurf als nachahmenswertes Vorbild für die noch ausstehenden Nicht-Universitätskantone!)

VI.

Wir verlassen den Raum der Hochschule und wenden den Blick Pflichten zu, zu welchen sie sich als Glied der internationalen Universitätengemeinschaft stellen und bekennen muß. Pestalozzis Erziehungswerk, entstanden aus dem Anblick des Elends und der Verwahrlosung der Massen, aus der Ueberzeugung, daß aus Vielwisserei kein goldenes Zeitalter zu schaffen sei, war über aus der Not der Zeit entstandene Versuchsinseln zerstreut (Stans, Burgdorf, Buchsee, Yverdon). Es ist eines der schönsten Menschheitswunder, daß seine Ideen, mit der Kraft seines Herzens beladen, in alle Kontinente drangen; aber nur die von Pestalozzis Ausstrahlung auch in ihren Herzen getroffenen Erzieher wurden wirkliche Pestalozzi-Jünger. Es rührt dies von der seltsamen Tatsache, daß sein Werk nicht überall in seelische Entwicklungszentren kam, die zu neuer Wiederausstrahlung fähig waren, in pädagogische Provinzen, wie sie Goethe, 1780 von Pestalozzis Schrift "Abendstunde eines Einsiedlers"mit angeregt, in Wilhelm Meisters Wanderjahren aufbaut.

Aus dem langsam empordrängenden Bedürfnis nach Schaffung einer Pflanzschule entwicklungsstarker Erziehungsmethoden kam es von 1914 an zunächst zögernd zur Gründung eines "Zentralinstitutes für Erziehung und Unterricht" in Berlin, dessen Interessenkreis sich über alle Erziehungsstufen spannte; es kam in Kiel zur Schaffung einer neuen Form der deutschen Hochschule, der "pädagogischen Akademie". Es gehört zur deutschen

Tragik, daß beide Schöpfungen, welche in der freien Luft der Republik von Weimar eine gut gestreute Saat zum Lichte zu bringen hofften, in der Schlammflut eines blindwütenden geist- und seelenlosen Regimes versanken, Schöpfungen, denen der edle Geist des unserer Hochschule nach dem Sturze Weimars nahegetretenen C. H. Becker, des Ministers für Wissenschaft, Kunst- und Volksbildung der Weimarer Republik, Triebkraft gegeben hatte. Die Universität London hatte sich in ähnlicher Weise ein "Institute of Education" angegliedert. Es kennzeichnet die britische Art, Probleme nicht im Inseldenken, sondern in Weltaufgeschlossenheit griffig anzupacken, daß einer der leitenden Köpfe dieses Institutes, J.A. Lauwery, noch während des Krieges (1942/45) im Kreise der in London versammelten alliierten Erziehungsminister für den Gedanken eines "Internationalen Erziehungsministeriums der Vereinigten Nationen" oder eines International Education Office warb und diesem seinem Gedanken ein erstes Traggerüst schuf. Die Erziehung als Grundproblem der Wiedergesundung der Völker ist, was ja schon das Weltecho der Pestalozzischen Lehre erwies, nur auf internationaler Plattform zu lösen, als ein Problem, welches "als theologische Frage"das religiöse Weltgewissen angeht (,,Es muß stets unser Geist sein, der den Weg bestimmt", General Mac Arthur).

Erfüllungsstätte der Aufträge eines solchen internationalen Erziehungsrates könnte eine internationale Universität sein. Dieser Plan geht wieder in einer Epizykel auf Gehabtes zurück; waren doch in der lateinsprachigen Frühgeschichte der Universitäten die Hohen Schulen Italiens, Spaniens, Montpelliers, der Pariser Sorbonne, Prags und Wiens Sammelzentren der ganzen europäischen Scholarenjugend. Aus unseren studentischen

Kreisen entsprang der Gedanke, die alte Rupperta Carola zu Heidelberg zu internationalisieren. Da in Friedenszeiten jedem Studenten die Pforten jeder Universität offenstehen, kann eine einlinig nur über eine Unterrichtssprache gehende und der Fachschulung verpflichtete Universität diesen Auftrag nicht erfüllen. Näher kommt der von Columbien der Londoner internationalen Erziehungskonferenz gebrachte Vorschlag, eine mehrsprachige "Universität der Vereinigten Nationen" zu gründen. Dieser Plan gewänne tieferen Erfüllungssinn, wenn nach dem Vorbilde der alten Artistenfakultät und der Colleges von Oxford und Cambridge die Studenten in der Idee der pädagogischen Provinz Goethes zu einem Convivium, einer Lebensgemeinschaft, zusammengebracht werden, in der jenen Studenten, welche die verschiedenen Kulturkontakte suchen, Unterrichtsmöglichkeiten in den führenden Sprachkulturen geboten würden.

Notwendiger aber als eine solche polyglotte Fachschule ist heute eine Art Superuniversität, welche allen Suchenden in einem internationalen akustischen Geistesraum ein neues Studium generale auf höchster Stufe böte. In einer solchen höchsten Bildungsschule könnte vor Geist und Herz begeisterungsfähiger Epheben alles gebracht werden, was die Scientiae humanae, humaniores et humanissimae umfassen und was die Kernbegriffe, die Erkenntnismittel und Forschungsinhalte der einzelnen Wissenschaften ausmacht. Wechselaufgebote der führenden Forscher und Erzieher könnten so eine Gesamtspiegelung des geistig-moralischen Ringens und Forschens der Völker schaffen mit dem Goetheschen Ziel: "Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man, das Besondere der einzelnen Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugung

jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört." Wurde eine solche Université des arts humains an einen Ort gelegt, der erfüllt ist von der Geistessprache Großer, und in eine Landschaft, deren Schönheit und erholende Größe die Symphonie des Schöpfungswunders aufklingen läßt, so träte als stillwirkende Erzieherin die Natur dazu, die Zungen und Herzen schafft, durch die sie spricht und fühlt; sie ist im Grunde der große Lehrmeister des Menschen. Wer dächte hierbei nicht an die Heimat Jean Jacques Rousseaus, den Eduard Spranger den "Philosophen der Sehnsucht" nannte. Das vom alten Völkerbund verlassene Palais des Nations und die Seele der umgebenden Landschaft böten hierzu den stimmungsvollen Rahmen. In diese Stätte würden einziehen die Geister Jean Jacques Rousseaus und Pestalozzis, des Ehrenbürgers der französischen Republik, Henri Dunants, de Saussures, de Candolles; in dieser parvulissima republica sprächen zur Jugend Geist und Kunst Byrons und Shelleys, Stendhals, Balzacs und Chateaubriands, Dostojewskijs und Liszts.

Was aber darüber hinaus zu schaffen ist, wiederum in der Heimat Jean Jaques Rousseaus, das ist ein Areopag des Weltgewissens. Denn: Quis custodiet custodes? Wer überwacht die Staatshüter und Gesetzgeber? Von Vinet kommt das harte Wort: "L'état c'est l'homme moins la conscience."Ein solcher conseil des consciences humaines, ein Rat der geistigen Sicherheit, Kerntrupp der besten Geister der Menschheit, wäre der Gewissensrat der Völker: des Rechtsgewissens, das dem Menschen nur Ersatz der göttlichen Gerechtigkeit sein kann (Huizinga), des ethischen und des sozialen Gewissens. Hätte sich 1933 die Gesamtheit der deutschen Aerzte in einem Aufstehen

gegen die ihnen von einem Gewaltregime auferlegte Zertrümmerung ihres Berufsgewissens gewandt, so ware dieser Akt zu einer Selbstbesinnung ihres Volkes und zu einer Gewissensweckung geworden und hätte, wenn nicht den Krieg, so doch unsagbare Kriegsgreuel verhüten können. Ein von amerikanischer politischer Seite (Commander Stassen) vorgeschlagenes, der Charta von San Francisco anzugliederndes "Internationales Amt für Menschenrechte" hätte von vornherein den Nachteil eines Amtes, durch welches oberirdische und unterirdische Faden der Politik durchlaufen müssten, solange eine Weltcharta nicht, wie es in unserm Bundesbrief von 1291 heisst, ihre Arbeit vollzieht "im Namen des Allmächtigen". Ein solches Gremium freier Gewissensträger ihrer Völker, welches statt des verbum vocis, des tönenden Stimmwortes, das aus Herz und Gewissen kommende verbum cordis sprechen lassen könnte, hätte als unbeeinflußbarer Areopag ein stärkeres moralisches Potential als ein dem Werke von San Francisco affiliiertes Amt, von dem nicht sicher ist, daß es vom Geiste des heiligen Franziskus erfaßt wäre. Staatsführer, welche als Ziele ihres Wirkens Frieden, soziale Gerechtigkeit und Völkerverstehen anerkennen, hätten ihrerseits an diesem freien Gewissensrat der Völker mit ihre stärkste Stütze; ihm angehören müßten die wahren Narthekophóroi, "die nicht nur den Narthex tragen, sondern deren Geist des Gottes einen Hauch verspürt" (Platon, Phaidon, 69: "Denn es gibt, wie die Betreuer der Weihen sagen, der Tyrsosschwinger viele, doch echte Begeisterte wenig").

Die Menschheit befürchtet bereits wieder einen dritten Weltkrieg. Denn der zweite ist wie die lernäische Schlange: aus den Stümpfen ihrer abgehackten Köpfe drohen in den Explosionszentren des zentralen und balkanischen

Europas, des mittleren und fernen Ostens neue Höhenungeheuer nachzuwachsen nach Dantes düsterer Vision im ersten Buche seiner Monarchia: "O Menschengeschlecht! Von wieviel Stürmen und Verlusten, von wieviel Schiffbrüchen mußt du heimgesucht werden, da du ein vielköpfiges Ungeheuer geworden bist und dein Trachten auseinandergeht." Gelingt es nicht, mit dem so entzündeten Licht der Völkergewissen aus dem circulus vitiosus des Nachkriegschaos herauszukommen, so bliebe der Nachtwandler von Braunau letzter Sieger. Ein Bund berufener Träger der Völkergewissen wäre die echte Société des Nations und — weil aus dem Kriegsgolgatha der Völker entstanden —dauerhafter als zeitgeborene und zeitgebundene, aus Kompromissen zugestutzte künstliche politische Gebilde, die so oft Ephemerien sind.

Der unerquickliche Streit, wer Geheimnisherr der Konstruktion der Atombombe sein soll, wäre menschheitswiirdig zu lösen, wenn das Geheimnis in einer wahren Schutzkammer der Weltsicherheit, beim unabhängigen Wächtergremium dieser Gewissensträger der Völker in der Stadt Henri Dunants niedergelegt würde unter dem Treuhänderschild des Internationalen Roten Kreuzes. Dieser Geistesareopag der Menschlichkeit, des Menschentums und der Menschenwürde hätte die doppelte Aufgabe, alle Wege freier Forschung offenzuhalten, sich aber als Verwalter der moralischen Kräfte der Völker gegen die Menschenkultur zerstörende Versuche von gewalthörigen Wissenschaftern zu stellen. Sonst wird jenes alte Wort nochmals grauenvolle Wirklichkeit: "quaesivit lucem, ingemuitque reperta"; er hat das Licht gesucht und seufzte, es gefunden zu haben. An die Stelle der "fröhlichen" muß heute die "verantwortliche" Wissenschaft treten, soll die in die Politik abgeglittene Kultur

wieder auf ihren Hochsitz zurückkommen und soll Kultur in die Politik gebracht werden.

Als Goethe am 7. Juli 1795 nach Basel kam, nannte man ihm als dortige Sehenswürdigkeiten das Münster, die große Rheinbrücke und die Uhren, die sämtliche eine Stunde vor den Uhren der übrigen Welt vorgingen. Wir möchten wünschen, daß die Uhr unserer Universität in ihrem Entwicklungsgange auch eine Stunde vorgehe, auf daß nicht das vor wenigen Wochen von einem Mitglied der Labour Party des englischen Parlaments, Kenneth Lindsey, geäußerte etwas harte Urteil gelte: In der Schweiz hat man noch nichts von der Notwendigkeit einer Reorganisation des Erziehungssystems gemerkt; es müssen hier sehr starke andere individualistische Kräfte wirken, daß die Demokratie trotz der Schulen noch darin lebendig ist. Nehmen Sie das Gerüst der Ihnen vorgelegten Gedanken als Versuch einer Antwort auf diesen Appell einer außerschweizerischen Völkerstimme. Nehmen Sie es auch als Confessio magistri academiae und als Signet der Wünsche des Rektors am Ehrentag seiner Hochschule, für die er walten muß wie Lynkeus der Türmer, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt".

Anmerkungen

and finance; thirdly, they are under an obligation to the common man outside their walls, who is carrying on the business of the community — this is sometimes called adult or extra-mural education.

Rektorengremium der belgischen Universitäten gegenüber den gleichen inneren Anruf nach den Humaniora bezeugten? Die Universität Oslo schuf bereits vor dem Kriege ein Institut der vergleichenden menschlichen Kultur und ihrer Entwicklung, dessen Vorlesungen nicht nur Originaluntersuchungen bringen, sondern in welchem ältere Studenten, ähnlich den Magistri Artium, ihre Anschauungen dem allgemeinen Publikum darbieten.

zu fesseln wußte, setzt geist- und aufschlußreiche Parallelen zwischen der Anatomie und Physiologie des Einzelkörpers und der Struktur, der Sozialphysiologie, der Sozialpathologie und -psychopathologie des Gesellschaftskörpers. Jedem naturwissenschaftlich Denkenden mußte diese Beziehung auffallen; hatte doch Aristoteles in seinem Werk über den Staat die Gesellschaft unter die «Physei», die Naturerscheinungen eingereiht. Der soziale Körper hat seine Vererbungsgene (Pascal: «Toute la succession des hommes, pendant la longue durée des siècles, doit être considérée comme un seul homme, qui subsiste toujours et comprend continuellement»), seine Wachstumsstoffe, seine Sicherungsvitamine, seine Variationen und Mutationen und Erb- und Zeitkrankheiten des Gesamtkörpers wie seiner Organe und Einzelgewebe. Die Erforschung der Einzel- wie der Gesellschaftsbiologie und -pathologie hat den Reiz des analysierenden und synthetisierenden Beobachtens: «Als Uebung der geistigen Fähigkeiten, in der Heranbildung zur großen Kunst des Beobachtens kann die politische Oekonomie den hervorragendsten gleichgeachtet werden. Die Beobachtung verleiht dem Geist Sinn für Genauigkeit, und nirgends, wenn auch überall notwendig, ist diese Eigenschaft in hervorragenderem Maße erforderlich als in der politischen Oekonomie» (s. Alfred Amonn, Simonde de Sismondi, Bd. I, A. Francke-Verlag Bern, S. 473: «Charakter der Nationalökonomie als Wissenschaft»).