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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Anthropozoonosen Tierkrankheiten, die den Menschen gefährden

Vor Jahresfrist hatte ich Gelegenheit, an dieser Stelle über die verschiedenen Aufgaben der Veterinärmedizin zu sprechen. Dabei wurde besonders hervorgehoben, daß der Tierarzt als Endziel seiner Bemühungen dem Menschen dient, in seinen materiellen Belangen, besonders aber auch als Hüter seiner Gesundheit. Diese schöne und bedeutungsvolle Aufgabe versucht er unter anderem zu erfüllen durch die Erforschung der tierischen Krankheiten und der verschiedenen, oft komplizierten Wege, auf denen direkt oder indirekt die Gesundheit des Menschen von seiten des Tieres gefährdet wird. Durch Überwachung der Tierbestände, durch Abriegelung von Seuchen und durch gewissenhafte und immer intensivere Kontrolle der Nahrungsmittel, die von Tieren stammen, kommt ihm eine Schlüsselstellung zu im Kampfe gegen die Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden.

Schon im Altertum waren solche Krankheiten bekannt. Die Kenntnis erstreckte sich jedoch auf einige wenige, besonders deutlich den Zusammenhang zwischen Tier und Mensch in Erscheinung bringende Infektionen, wie zum Beispiel die Tollwut und von den tierischen Parasiten die Trichinose, die Moses bereits gekannt haben dürfte. In allen den Fällen jedoch, da zwischen tierischer und menschlicher Erkrankung zeitlich oder örtlich und besonders auch im Symptomenbild große Differenzen

auftraten, war nicht zu erwarten, daß ein Zusammenhang auch nur vermutet und bis hinein in die Neuzeit, bis in die Zeit der großen Entdeckungen in der Bakteriologie, Virologie und in der Zoologie, auch nicht bewiesen werden konnte. Wirklich erfaßt wurde die Bedeutung solcher Zusammenhänge eigentlich erst seit Jenners Entdeckung der besonders gelagerten Verhältnisse einer Kuhpockeninfektion beim Menschen ausgangs des 18. Jahrhunderts. Sicher erfolgten die damaligen ausgedehnten Gründungen tierärztlicher Lehrstätten auch im Hinblick auf die Hygiene des Menschen; in Frankreich wurde sogar der Wunsch geäußert, jedem medizinischen Studium eine tierärztliche Ausbildung vorangehen zu lassen. Es blieb jedoch beim Wunsche, aber immerhin bat man später unter dem Eindruck der Entdeckungen Pasteurs einen Lehrstuhl für vergleichende Pathologie errichtet (van Heelsbergen, 1930).

Schüffner schreibt im Vorwort zu van Heelsbergens Werk 1930, betitelt Mensch und Tier im Zyklus des Kontagiums: «Über die Arbeiten von Pasteur, die zum Wutschutz, von Koch, die zur Erkenntnis von Tuberkulose und Perlsucht leiteten, von Roß, der den Generationswechsel des Malariaparasiten fand, bis zu den Entdeckungen des Gelbfiebers, des Maltafiebers, der Psittakose ist eine endlose Kette neuer Tatsachen und Wechselbeziehungen, die zwischen dem kranken Menschen und kranken Tier respektive übertragenden Tier bestehen.» In den seither verflossenen drei Dezennien sind unsere Kenntnisse ganz gewaltig erweitert worden.

Bis weit hinein in unsere Zeit wurden diese Krankheiten nicht unter einer speziellen Bezeichnung zusammengefaßt; diese Notwendigkeit ergab sieh jedoch, als immer mehr und mehr Einsicht in solche Verhältnisse erfolgte und die Zahl der erkannten Krankheitsbeziehungen ständig wuchs. Sie werden heute bezeichnet als Zoonosen oder besser als Anthropozoonosen. In den neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts veröffentlichte Arnold Theiler seine eigenen grundlegenden Beobachtungen über verschiedene Infektionskrankheiten bei Tieren in Südafrika unter dem Titel «Südafrikanische Zoonosen». Er brauchte somit diesen

Ausdruck im ursprünglichen Sinne des Wortes, eben für Tierkrankheiten, allerdings bereits mit der Beschränkung auf seuchenhafte Krankheiten. Für die Bezeichnung von Tierkrankheiten ganz allgemein ist dieser Begriff meines Wissens nie verwendet worden. Im Jahre 1943 wurde auf Anregung von Ernst Frauchiger, Bern, eine Gesellschaft von Ärzten und Tierärzten gegründet zum Zwecke der Erforschung von Krankheiten, die beim Menschen und beim Tier gemeinsam vorkommen oder — etwas enger gefaßt — derjenigen Krankheiten der Tiere, die auf den Menschen übertragbar sind. Diese Gründung bezeichnete sich als «Gesellschaft zur Erforschung und Bekämpfung der Anthropozoonosen». Mit diesem Ausdruck hat wohl erstmals Frauchiger die in Frage stehende Krankheitskategorie klar umschrieben. Diese Bezeichnung, auch von Anton Koegel, 1951, verwendet, ist heute gebräuchlich, vor allem in Europa, während sie in den angelsächsischen Ländern meist durch den Ausdruck «Zoonosen» ersetzt wird; sicher ist diese kürzere und deshalb beliebtere Benennung weniger korrekt, aber trotzdem unmißverständlich, nachdem man sich eben darüber geeinigt hat, sie dem Begriff Anthropozoonosen gleichzusetzen und für andere Krankheiten nicht zu gebrauchen.

Die große Bedeutung, die heute der Erforschung der Zoonosen beigemessen wird, geht aus der Tatsache hervor, daß man zur Zeit gegen hundert solcher Krankheiten kennt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterhält zusammen mit derjenigen für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) einen Expertenausschuß für Zoonosen. Von diesem Ausschuß wurden bis anhin 80 derartige Krankheiten geprüft. Man muß sich bewußt sein, daß jede Massierung von Lebewesen gleicher Art eine Erhöhung der Seuchengefahr und der Massenerkrankung aus gleicher Ursache bedeutet, und darüber hinaus zeigt sich immer deutlicher, daß neben den Haustieren auch das Wild, inklusive die Vogelwelt, für Übertragungen in Frage kommt.

Trotz dem gemeinsamen Hauptmerkmal, das die Berechtigung gibt, diese Krankheiten unter einem Oberbegriff, eben demjenigen der Menschen-Tier-Krankheiten (Anthropo-Zoo-Nosen), zusammenzufassen,

handelt es sich doch um eine sehr heterogene Gruppe, die verschiedenartig untergeteilt werden kann und zum Teil Krankheiten umfaßt mit ganz besondern, eventuell sogar ganz exklusiven Merkmalen. Eine Gruppierung nach der Art der Erreger hat zwar nicht nur theoretischen Wert, weil sich im Einzelfalle in die Bekämpfung und besonders in die Vorbeuge nicht nur der Virologe und Bakteriologe sondern auch der Zoologe einschalten muß; es gibt keine Gruppe parasitärer Krankheitserreger, die nicht auch. für Zoonosen verantwortliche Vertreter aufweist: von den Viren über die Rickettsien und Bakterien zu den Urtieren, Würmern und Gliederfüßern. Eine bessere Übersicht jedoch gibt eine Einteilung nach dem epidemiologischen Charakter, das heißt nach der Art und Weise, wie diese Krankheiten übertragen werden und nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, ob die Krankheiten, einmal auf den Menschen gelangt, in einer «Sackgasse» enden oder von Mensch zu Mensch und auch wieder zurück auf das Tier übertragen werden können. H. Jacotot vom Institut Pasteur in Paris, der sich kürzlich mit der Terminologie, Systematik und Prophylaxe der Zoonosen befaßte (Les Cahiers de Médecine Vétérinaire, Bd. 27, Nr. 4, 1958), bezeichnet die letztgenannte Gruppe «Zoonosen im weiteren Sinne», während zu den «Zoonosen im engem Sinne» jene eingereiht werden, bei denen nach dem Übertritt auf den Menschen die Infektkette abreißt.

Wohl die bedeutendste Anthropozoonose, die als Seuche seit dem Altertum bekannt ist und heute noch, besonders in Asien, eine Gefahr darstellt, ist die Pest des Menschen. Wegen der großen Ausbreitungstendenz von Mensch zu Mensch und der indirekten, auch zeitlich verschobenen Übertragung wurde erst in der Neuzeit nachgewiesen, daß diese Seuche primär beim Tier zu suchen ist, nämlich bei Nagern, besonders bei Ratten, von welchen die Pestbakterien durch Flohstiche auf den Menschen weitergegeben werden. Der Rattenfloh pflegt jedoch den Menschen erst dann anzufallen, wenn der Nagerbestand durch die Epizootie stark dezimiert ist. Der Menschenpest geht in der Regel ein Massensterben von Ratten voran. So wurden beispielsweise

ein bis anderthalb Monate vor dem Ausbruch der Menschenpest in Java im Jahre 1910 in den Getreidelagerhäusern bei Soerabaja zahlreiche tote Ratten gefunden (van Heelsbergen, 1930). In Europa ist die Pest seit einem letzten besonders heftigen Ausbruch in Marseille in den Jahren 1720/21 erloschen.

Weiter seien als Zoonosen, die beim Menschen nicht haltmachen, sondern auf andere Menschen und gegebenenfalls auch auf das Tier zurückgelangen, als Beispiele erwähnt der Rotz des Pferdes, die Tiertuberkulose, die Papageienkrankheit (heute häufiger als Ornithose bezeichnet, weil sie nicht nur von Papageien, sondern auch von andern Vogelarten übertragen wird), die Kuhpocken, die insofern einen Sonderfall darstellen, daß sie auch durch pockengeimpfte Menschen auf das Rind übertragen werden können. Als Zoonosen im engem Sinne, bei denen die Infektkette beim Menschen praktisch abreißt, nenne ich — wiederum nur einige Beispiele erwähnend — die Tollwut, die Brucellosen, das Queenslandfieber, die Leptospirosen und die durch Fleischgenuß übertragbare Trichinose und die Salmonellose; bei letzterer sind allerdings Rückinfektionen auf das Tier durch fäkalinfizierte Abwasser möglich. Durch gewissenhafte, neuzeitliche Fleischkontrolle, die Trichinenschau, ist bei uns die Gefahr für menschliche Invasionen mit Trichinen beim Genuß von Fleisch, das in den öffentlichen Verkehr kommt, praktisch bedeutungslos —Trichinen kommen bei den Schweinen schweizerischer Herkunft nicht mehr vor — bei Importschweinen kann das eidgenössische Veterinäramt die Trichinenschau vorschreiben. Gefahr besteht jedoch beim Genuß von unkontrolliertem Fleisch, besonders, wenn dasselbe zu wenig erhitzt wurde. Im Jahre 1916 beobachtete in der Schweiz Nägeli 16 Einzelfälle von Trichinose, wovon 14 sicher im Inland erworben waren, und nach H. Rubli ereignete sich 1936 in der Nähe von Winterthur eine Trichinenverseuchung, wobei 5 Personen erkrankten, nachdem sie Brät und Würste von Nutriafleisch genossen hatten. Die Salmonelleninfektion wird von der Weltgesundheitsorganisation als warnendes Beispiel fur die Bedeutung der Zoonosenerforschung besonders erwähnt. In vielen Ländern soll sie täglich beobachtet werden, England und

Wales melden jährlich über 3000 Fälle beim Menschen. Die Salmonellabakterien sind Krankheitserreger bei Tieren und können durch den Genuß von Fleisch und Fleischwaren infizierter Schlachttiere auf den Menschen übertragen werden. In den letzten Jahren sind übrigens auch in der Schweiz Salmonellainfektionen bei Tieren häufiger aufgetreten. Der Gehalt des Fleisches an solchen Keimen ist abhängig vom Zeitpunkt, in welchem das kranke Tier geschlachtet wird; in der Muskulatur findet eine Anreicherung der Keime nicht nur bei unsachgemäßer Aufbewahrung, sondern auch bei einwandfreier Lagerung statt. Der Zürcher Stadttierarzt Allenspach teilt 1952 mit, daß durch statistische Auswertung von 113 im Laufe verschiedener Jahre beobachteten Fleischvergiftungen mit etwa 8000 erkrankten Personen als Erfahrungssatz ermittelt wurde, daß jede mit Störung des Allgemeinbefindens verlaufende Krankheit unserer Haustiere den Verdacht auf das Vorliegen einer Fleischvergifterinfektion rechtfertige und daß die Abklärung nur durch die bakteriologische Fleischuntersuchung erfolgen könne.

Es ist selbstverständlich nicht möglich, in diesem Rahmen alle Zoonosen zu nennen oder eine größere Anzahl genauer zu besprechen. Ich möchte mich deshalb beschränken auf diejenigen. welche bei uns zur Zeit von besonderer Bedeutung sind. Das Gesamtbild wäre jedoch unvollständig, wenn nicht vorgängig zweier Krankheiten gedacht würde, die glücklicherweise heute in der Schweiz verschwunden sind, deren Abwehr jedoch bei uns wie in andern Ländern eine ständige Sorge der tierärztlichen Seuchenpolizei darstellt. Es handelt sich um die Tollwut und um den Rotz.

Die Tollwut (Hundswut, Lyssa) ist eine akute und — beim Menschen und bei verschiedenen Tieren —fast ausnahmslos tödlich verlaufende Viruskrankheit der Hunde und Katzen, sowie der wildlebenden Fleischfresser. Sie kann — was übrigens schon im Altertum, seit Aristoteles bekannt war —durch Biß kranker Tiere auf alle Säuger und auch auf den Menschen übertragen werden. Beim Menschen stellen sich nach anfänglichen Reflexsteigerungen und Krämpfen schließlich Lähmungen ein. Durch die rechtzeitig

vorgenommene Pasteursche Schutzimpfung kann die früher sehr hohe Sterblichkeit im allgemeinen auf weniger als ein Prozent herabgedrückt werden. Eine Therapie der ausgebrochenen Tollwut ist bis heute nicht möglich. Während früher die Bekämpfungsmaßnahmen besonders auf den Hund zugeschnitten waren, werden in den letzten Jahren in den Ländern, die immer noch gegen die Krankheit ankämpfen müssen, mehrere Tierarten in die Untersuchung einbezogen. In einem kürzlich erschienenen Artikel «Brasilien bekämpft die Vampire» wird über die Bemühungen dieses Staates berichtet, der durch Fledermäuse übertragenen Tollwut Herr zu werden. Im Jahre 1957 (?) sollen in Südbrasilien 50000 Rinder an Tollwut eingegangen und einige hundert Menschen der Vampir-Tollwut zum Opfer gefallen sein. In der Schweiz wurde in den verflossenen 70 Jahren die höchste Zahl der Wutfälle bei Hunden 1895 beobachtet, nämlich 192 Fälle, was einer Verseuchung von schätzungsweise vier Promille entsprach. Im Jahre 1925 erreichte die Zahl, die ab 1900 ziemlich niedrig blieb, nochmals 45. Nach 1927 trat die Hundswut jedoch — mit Ausnahme eines Einbruches vom Ausland mit 5 Fällen vor genau 10 Jahren — nicht mehr auf.

Auch der Rotz (Malleus, abgeleitet vom griechischen Wort «malis» gleich «böse Krankheit») war schon un Altertum als ansteckendes schweres Leiden bekannt. Es handelt sich um eine Infektionskrankheit der Einhufer und von diesen sind Maultier und Esel empfänglicher als das Pferd. Unter natürlichen Verhältnissen geht die Seuche manchmal auch auf Raubtiere des Katzengeschlechtes und auf den Menschen über. Bei den Tieren werden als Formen Nasen-, Lungen- und Hautrotz unterschieden, wobei an den betreffenden Organen Knoten auftreten, die geschwürig zerfallen und so den Ansteckungsstoff nach außen abscheiden. Der Mensch wird vor allem durch Aufnahme der Bakterien in die Bindehäute des Auges und in den Atmungsapparat angesteckt. Von dort können die Erreger in den ganzen Körper ausgeschwemmt werden. Als Beispiele der enormen Infektiosität für den Menschen berichtet van Heelsbergen, daß verschiedene Personen, die nur kurze Zeit sich in einem Laboratorium aufhielten,

in dem ein Gefäß mit Rotzbakterien-Kulturen zerbrochen war, an einer Rotzinfektion starben und weiter, daß sich an der Tierärztlichen Hochschule in Alfort ein Student bei der Behandlung eines Pferdes tödlich infizierte und daß der Arzt, der die Sektion dieses Opfers ausführte, trotz Beachtung äußerster Vorsichtsmaßnahmen angesteckt wurde und an Rotz starb. Ein Kollege, der an der hiesigen Fakultät als Professor wirkte und seinerzeit als deutscher Veterinäroffizier im Ersten Weltkrieg stand, erzählte mir vor Jahren, daß besonders in der bulgarischen Armee gehäuft Rotzfälle bei den Armeepferden auftraten. Die kranken Tiere wurden in einer Linie aufgestellt und mittels Kopfschuß getötet. Jedes Pferd war von seinem Pfleger begleitet. Bei mehreren dieser Soldaten konnte man einen blutigen Nasenausfluß beobachten und dadurch sich des Gedankens nicht erwehren, wieviel schwere, Monate oder Jahre dauernde Leiden diesen Menschen erspart bleiben würden, wenn der Tod ebenso barmherzig zu ihnen kommen könnte, wie zu den kranken Pferden.

Übrigens traten damals auch im Pferdebestand der deutschen Armee Rotzfälle, eingeschleppt von russischen Beutepferden, auf, wobei ebenfalls Übertragungen auf Menschen erfolgten.

Erschütternd ist ein Bericht des englischen Kolonialtierarztes Gaiger aus dem Jahre 1916 über seine eigene, in Indien erworbene Rotzinfektion. In den Jahren 1912 und 1913 schwebte er, in die Heimat zurückgekehrt, zweimal in Lebensgefahr und hatte 45 operative Eingriffe zu überstehen. Ein Arm mußte ihm sukzessive amputiert werden. Schließlich hielt er sieh für geheilt und kehrte voller Zuversicht nach Indien zurück. Jedoch trat im Jahre 1914 nach einer Malaria-Attacke ein Rückfall auf, der zu den bereits erfolgten 45 Operationen noch 37 weitere nötig machte, und trotzdem erlag der Patient dieser schweren Krankheit.

In der Schweiz wurde Rotz bis zur letzten Jahrhundertwende beim Pferd relativ häufig, nämlich bis zu 95 Fällen pro Jahr, beobachtet. Hierauf sank die Zahl ganz wesentlich und stieg nur noch einmal im Jahre 1916 als Folge des Krieges auf 32. Seit

1920 bis heute traten nur noch total 3 sporadische Fälle bei Importpferden auf. Sämtliche Pferde und andere Equiden, die in die Schweiz eingeführt werden und hier verbleiben, werden nach dem Grenzübertritt der Malleinprobe unterzogen und Rotzverdacht bedeutet für sie das Todesurteil.

Im Jahre 1952 wurden am internationalen Zoonosenkongreß in Wien die Erfahrungen über die zur Zeit in Europa bedeutendsten Zoonosen ausgetauscht. Es kamen zur Besprechung die Tollwut, das Queenslandfieber, die Leptospirosen, die Brucellosen und die Tuberkulose. Tatsächlich spielen auch in der Schweiz —mit Ausnahme der Tollwut —die übrigen vier genannten Krankheiten heute eine mehr oder minder große Rolle, allerdings glücklicherweise weder beim Tier noch beim Menschen mit epidemischem Charakter, jedoch sind sie in ihrem sporadischen und endemischen Auftreten sehr beachtenswert und bergen in sich die ständige Gefahr einer größeren Ausbreitung, wenn unsere Aufmerksamkeit erlahmen würde. Es sei mir deshalb gestattet, den gegenwärtigen Stand dieser Krankheiten, verbunden mit Rückblicken und mit Gedanken für deren zukünftige Entwicklung, darzustellen.

Das Queenslandfieber (abgekürzt Q-fever oder Q-Fieber) wurde erstmals 1937 in Australien anläßlich einer Schlachthausendemie festgestellt. Auf Schweizer Boden wurden die ersten Fälle im Jahre 1947 von Otto Gsell und 1948 von Ernst Wiesmann beschrieben, der in Ausscheidungen von Rindern den Erreger Rickettsia burneti ermitteln konnte; Rickettsien nehmen in ihrem mikrobiologischen Verhalten eine Zwischenstellung zwischen Bakterien und Viren ein. Bis anhin wurde meines Wissens bei uns nur eine Art festgestellt, eben diejenige, die das in der Regel mit Lungenentzündung einhergehende Q-Fieber des Menschen verursacht. Die Erkrankung der Lungen weist darauf hin, daß sich der weitaus größte Teil der erkrankten Menschen durch Einatmen der Erreger infiziert. Wohl kann die Infektion auch durch blutsaugende Ektoparasiten (z. B. Zecken) übertragen werden, was jedoch in der Schweiz sicher eine untergeordnete Rolle spielt. Jedenfalls hat sich bei den Q-Fieberfällen des Menschen

immer gezeigt, daß die Erkrankten Kontakt mit Vieh oder mit landwirtschaftlichen Produkten hatten. Die Tiere sind gewöhnlich stumm infiziert, das heißt, sie zeigen keine Krankheitserscheinungen, doch können solche Fälle durch systematische Umgebungsuntersuchungen, wie sie zum Beispiel von Wiesmann und von Bürki 1955 durchgeführt wurden, ermittelt werden. Sicher ist, daß neben dem Rind auch Schafe und Ziegen Rickettsien ausscheiden können; bei Schafen wurden sie unter anderem auch von Kilchsperger und von Wiesmann in Eihäuten nachgewiesen und im Jahre 1954 traten im Unterengadin gehäufte Fälle von seuchenhaftem Verwerfen bei Ziegen, verursacht durch Rickettsien, auf (H. Fey).

Während bei Tieren weder Schutzimpfungen noch zuverlässig wirkende Medikamente bekannt sind, können die menschlichen Q-Fieberinfektionen mit einigen Antibioticis schlagartig günstig beeinflußt werden. Da der Mensch selbst praktisch nie Rickettsien ausscheidet, kommt er für die Ausbreitung nicht in Betracht; anderseits ist beim Auftreten menschlicher Fälle stets daran zu denken, daß die Infektionsquelle beim Tier zu suchen ist.

Leptospiren, schraubenförmige Mikroorganismen, verwandt mit den Spirochaeten, sind Parasiten höherer Tiere, welche als Erreger-Reservoire funktionieren. Groß ist die Zahl der heute bekannten Leptospirosen, doch nur mit einer einzigen will ich mich hier näher befassen. Im Jahre 1914 beschrieb Boucher erstmals eine in Savoyen beobachtete Krankheit des Menschen mit Erscheinungen im Verdauungsapparat und mit Hirnhautsymptomen. Allgemein bekannt wurde diese Krankheit bei uns jedoch erst, als im Jahre 1932 unter dem Personal der Molkereischule Rütti bei Bern Erkrankungen mit dem gleichen Symptomenbild auftraten. Die Abklärung des Infektionsweges gelang 1933 Urech, der nachwies, daß die Patienten sich durchwegs aus dem Personal von Schweinemästereien rekrutierten. Er bezeichnete die Krankheit als «Maladie des porchers», deutsch trägt sie heute den Namen «Schweinehüterkrankheit». In Anlehnung an einen Vortrag von 1937 schrieb Otto Gsell über die Differenzierung

der serösen Hirnhautentzündung und bemerkte, daß die «Maladie des jeunes porchers» in den letzten Jahren an verschiedenen Orten, zuerst in der Westschweiz, dann im Kanton Bern und in Savoyen, hierauf in Oberitalien, in Basel und in Zürich, beobachtet wurde. Wenn die Erkrankung meist jüngere Leute trifft, so wohl deshalb, weil in den Mästereien meist jüngere Männer — zum Teil barfuß —tätig sind, denn experimentell kann die Krankheit in jeder Altersstufe bei Männern und Frauen erzeugt werden. Gsell war auch der erste, der an einen Zusammenhang mit Leptospiren dachte, und es gelang ihm, diese Erreger aus Patientenblut zu züchten. Die Ansteckung erfolgt fast durchwegs durch die Keime, welche von den Tieren mit dem Harn ausgeschieden werden. Eine Infektion von Mensch zu Mensch kommt anscheinend bei keiner Leptospirose vor, deshalb besteht auch keine Isolierungspflicht. Das Überstehen der Schweinehüterkrankheit, was beim Menschen, im Gegensatz zum Tier, regelmäßig eintritt, hinterläßt bei beiden eine Immunität. Nachdem 1940 Wehrlin die erste deutschgeschriebene Monographie über die Schweinehüterkrankheit veröffentlicht hatte und in kurzer Zeit ein kaum mehr überblickbares Schrifttum über Leptospirosen entstand, hat 1952 Otto Gsell die gesamte einschlägige Literatur gesammelt, kritisch verarbeitet und mit seinen eigenen Forschungen zu einem wertvollen Gesamtbild vereinigt; der bakteriologisch-serologische Teil wurde von Ernst Wiesmann bearbeitet.

Schließlich möchte ich mich in meinen Betrachtungen noch der Rindertuberkuose und den Brucellosen zuwenden. Wenn diese beiden Krankheiten miteinander genannt werden, so deshalb, weil sie uns einerseits als reine Tierkrankheiten und anderseits als Anthropozoonosen in den letzten Jahren am meisten beschäftigt haben und es heute noch tun, wobei ich aber vorwegnehmen möchte, daß in der Schweiz die Rindertuberkulose für den Menschen dank den jahrelangen intensiven Bekämpfungsmaßnahmen als Infektionsquelle kaum mehr in Frage kommt und daß auch die Brucellosen weitgehend eingedämmt werden konnten. Als Anthropozoonosen haben aber diese Krankheiten

ganz verschiedene Aspekte. Die humane Tuberkulose des Menschen als solche ist keine Anthropozoonose, da sie mit ihrem eigenen Erregertyp eine reine Krankheit des Menschen darstellt und die Infektionen vom Tier nur einen kleinen Teil der Fälle ausmachen, während die Brucellosen hundertprozentig auf das Tier zurückzuführen sind. Ein weiterer grundsätzlicher Unterschied besteht darin, daß die Rindertuberkulose auch von Mensch zu Mensch und wieder zurück auf das Tier gehen kann, während die Brucellen beim Menschen in einer Sackgasse sind und somit keine weitern Übertragungen stattfinden.

Die Tuberkulose des Menschen war, besonders in ihrer häufigsten Form, der Lungenschwindsucht, den Ärzten seit den ältesten Zeiten bekannt; das Vorkommen der Tuberkulose bei Tieren wurde jedoch noch von Virchow in Abrede gestellt. Erst nach der Entdeckung des Tuberkelbakteriums durch Robert Koch im Jahre 1882 konnte durch systematische Untersuchungen das Vorkommen dieser Krankheit bei allen Haustieren inklusive dem Geflügel und bei vielen wildlebenden Arten nachgewiesen werden. Später wurden Unterschiede in der Erscheinungsform und im Verhalten der Erreger bei Mensch und Tier ermittelt und heute werden bezüglich der Warmblüter drei Typen, nämlich für Mensch, Rind und Geflügel, unterschieden, wobei einerseits beim Menschen, anderseits bei den betreffenden Tieren diese Typen (Typus humanus, bovinus, gallinaceus) als Haupterreger der Tuberkulose in Frage kommen. Sekundär können nun aber beim Menschen Infektionen mit dem Rindertypus (seltener mit demjenigen des Geflügels) vorkommen und somit tritt die Rindertuberkulose auch als Anthropozoonose in Erscheinung. Die noch von Robert Koch vertretene Auffassung, daß die Rindertuberkulose für den Menschen ohne Bedeutung sei, hat sich als falsch erwiesen. Eine in Deutschland gemachte Erhebung, umfassend die Jahre 1927 bis zirka 1954, ergab, daß im Durchschnitt 10%aller Fälle von Tuberkulose beim Menschen bovinen Ursprungs sind. Auch Ernst Wiesmann fand bei 520 untersuchten menschlichen Tuberkulosefällen im Einzugsgebiet des bakteriologischen Institutes St. Gallen im Jahre 1949 10% durch das Rindertuberkelbakterium

verursacht. Gleichzeitig zeigte es sich, daß —während Typus humanus in Stadt und Land gleich verteilt waren — der Rindertypus bei der Landbevölkerung viel häufiger zur Beobachtung kam. Im gleichen Jahre veröffentlichte der Däne Christiansen seine Beobachtungen an 204 Fällen boviner Tuberkulose beim Menschen aus den Jahren 1943 bis 1947 und kam zum Schluß, daß die bisherige Auffassung, der Mensch infiziere sich meistens durch Genuß bakterienhaltiger Milch, nicht richtig sei, denn in seinem Material waren 94,7 % der Personen in den verflossenen 5 Jahren in der Landwirtschaft beschäftigt, und zwar hatten 88,7% mit der Wartung von Rindern zu tun. Erwachsene infizieren sich —wenigstens nach den Beobachtungen von Christiansen — mehrheitlich über die Atmungswege, wobei nach Walthard, 1945, und anderen Autoren zu betonen ist, daß die bovine Lungentuberkulose beim Menschen in keiner Weise gutartiger verläuft, als die durch den Typus humanus hervorgerufenen Lungenveränderungen. Allerdings ist beim Kind die Ansteckung über den Verdauungsweg am bedeutendsten, nach Löffler in 40 bis 50% der Fälle, vorab durch tuberkelbakterienbhaltige Rohmilch. Mitchell fand in 76% der Tuberkulose der Mandeln und in 90% der sogenannten Halslymphome den Typus bovinus und von Kinderärzten, wie unter anderem von Fanconi, wird darauf hingewiesen, daß die Darmtuberkulose durch Typus bovinus, im Kindesalter von sehr großer Bedeutung sei. Walthard bemerkt, daß die tuberkulöse Hirnhautentzündung der Kinder, die etwa die Hälfte der Todesfälle an Tuberkulose im Kindesalter ausmacht, in einem hohen Prozentsatz durch Rindertuberkulose verursacht wird.

Die Tuberkulose des Rindes kann somit auf den Menschen übertragen werden durch Staub- und Tröpfcheninfektion im Stall, aufgenommen durch den Atmungsapparat und die Augenbindehäute, durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren und tierischen Produkten (z. B. auch Hauttuberkulose veranlassend) und schließlich durch Milch, Milchprodukte und Fleisch tuberkulöser Tiere. In Milch, Rahm und Butter bleibt die Lebensfähigkeit der Erreger praktisch unbeschränkt, die Bakterien werden auch

durch starke Säuerung nicht geschädigt. Mit Weich- und Halbweichkäsen kann die Tuberkulose übertragen werden, jedoch nicht mit konsumreifen Hartkäsesorten (Kästli usw.) Übertragungen mit Fleisch tuberkulöser Tiere spielen an und für sich nur eine geringe Rolle. Zudem sorgt unsere gut ausgebaute Fleischbeschau dafür, daß auf diesem Wege keine Infektionen des Menschen auftreten.

Als hygienische Konsequenzen für den Menschen ergeben sich: Rohmilchgenuß nur aus Vorzugsmilchbeständen und aus andern solchen, die unter ständiger tierärztlicher Kontrolle stehen; selbstverständlich müssen alle Tiere tuberkulosefrei (und auch bangfrei) sein; Pasteurisierung von Konsummilch, Rahm, Sauermilchprodukten, Käsereimilch; Erhitzung der Milch im Haushalt und schließlich die Ausmerzung der Rindertuberkulose.

In den skandinavischen Ländern, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist die Rindertuberkulose heute praktisch nicht mehr vorhanden. In Portugal, England, der Bundesrepublik Deutschland ist die Tilgung weit fortgeschritten, und in der Schweiz stehen wir in der Endphase, indem heute 98,6% aller Bestände tuberkulosefrei sind, während vor fünf Jahren der Prozentsatz der freien Bestände erst 55,1 betrug. Dieses erfreuliche Resultat konnte nur erreicht werden durch die koordinierte Arbeit sämtlicher interessierter Kreise, vor allem der Ärzte und Tierärzte und nur dank großer finanzieller Opfer von Staat, Gemeinden, Verbänden und selbstverständlich auch der einzelnen Landwirte. Der Kampf dauerte mehr als 50 Jahre, doch zeigten die ersten 20 Jahre praktisch keinen Erfolg. Erst als man nach dem Vorbild Dänemarks unter Zuhilfenahme der Tuberkulinprobe und der einwandfreien Absonderung angesteckter Tiere die Seuche einzudämmen und nachher grundsätzlich alle Reagenten auszumerzen begann, stellte sich der Erfolg ein. Aufklärung in Wort und Schrift war notwendig; auch Widerstände von landwirtschaftlichen Kreisen, die da und dort in der Rindertuberkulosebekämpfung nichts anderes als eine Arbeitsbeschaffung für die Tierärzte zu erkennen glaubten, mußten überwunden werden. Das Eidgenössische Veterinäramt

wurde wiederholt angegriffen mit dem Vorwurf, sich zu wenig eingesetzt zu haben. Ich möchte hier ausdrücklich feststellen, daß diese Vorwürfe absolut unberechtigt waren. Den eidgenössischen und den kantonalen Veterinärinstanzen gebührt der Dank für die Beschaffung der gesetzlichen Grundlagen und somit der finanziellen Mittel und der Organisation, den Tierärzten für die praktische Arbeit und den land- und milchwirtschaftlichen Organisationen sowie den Züchtern und Landwirten selbst für ihre Opfer und für ihr Verständnis.

Frei von Rindertuberkulose wird nach internationaler Gepflogenheit ein Land dann erklärt, wenn der Prozentsatz der Reagenten unter 0,5 liegt. Mit der Befreiung aber ist die Arbeit noch nicht beendet, denn jetzt kommt die wichtige Aufgabe, auch weiterhin die Tiere tuberkulosefrei zu halten. Es sind zahlreiche Fälle bekannt, da tuberkulosefreie Viehbestände durch tuberkulöse, den Typus bovinus ausscheidende Menschen angesteckt wurden. Der Kanton Zürich konnte Ende 1955 frei von Rindertuberkulose erklärt werden. Trotzdem kamen bis Mai 1957 604 Tiere mit Ansteckung zur Beobachtung; Kantonstierarzt Nabholz, der das Material verarbeitete, konnte nachweisen, daß zu einem allerdings nicht erheblichen Teil die Neuinfektionen von tuberkulösen Menschen stammten. Hauptursachen der Rückschläge waren jedoch Tiere, die mit schwacher oder mangelnder Reaktionsfähigkeit auf Tuberkulin vorher nicht erfaßt wurden, und ferner tuberkulöses Wild.

Da der Zeitraum zwischen Infektion des Menschen mit dem Typus bovinus und dem Ausbruch einer klinisch manifesten Tuberkulose desselben Typus sehr groß sein und sich über Jahre erstrecken kann, muß auch auf Jahre hinaus immer noch mit solchen Rückinfektionen gerechnet werden. Wieviele Jahre es dauern wird, ist vor allem abhängig von dem Stand der frühern Verseuchung und der Zahl der damals bovin infizierten Menschen (Christiansen, 1958). Die Rindertuberkulose kann auf die meisten Haustiere und auch auf das Wild übertragen werden; indirekt können somit sowohl Hund als Katze eine gewisse Gefahr für den Menschen darstellen.

Wenn, wie wir gesehen haben, die Rindertuberkulose eine Zoonose von Bedeutung ist, gilt dasselbe nicht —in umgekehrter Richtung —für die Menschentuberkulose des Typus humanus bezüglich des Rindes, das heißt, mit dem menschlichen Tuberkuloseerreger entsteht beim Rind nur eine vorübergehende Infektion, die wohl während einiger Zeit durch die Tuberkulinprobe ermittelbar ist, schließlich jedoch ausheilt. Ein gleich günstiger Verlauf zeigt sich jedoch nicht zum Beispiel bei der Ziege und wenn in den zoologischen Gärten verschiedene Affenarten, vor allem die Menschenaffen, von den Besuchern durch Glaswände abgetrennt werden, so nicht nur deshalb, um sie vor der Unvernunft des Publikums in der Verabreichung schädlicher «Leckerbissen », sondern vor allem, um sie vor einer Ansteckung mit menschlicher Tuberkulose zu schützen.

Die Brucellosen, so bezeichnet nach Bruce, dem Entdecker der Bakterien, sind beim Menschen heute allgemein bekannt als Maltafieber und als Bangerkrankung. Die Reservoire der Erreger dieser Zoonosen sind die Ziege, das Rind und für eine dritte Form das Schwein. Die Schweine-Brucellose, obwohl universell verbreitet, scheint praktisch nur in Nordamerika endemisch zu sein, während sie in Europa nur in der Schweiz und in Dänemark in einer kleineren Endemie, die rasch überwunden werden konnte, zur Beobachtung kam. Löffler, Moroni und Frei widmeten der Brucellose als Anthropozoonose im Jahre 1955 eine wertvolle Monographie. Am längsten bekannt ist das Malta- oder Mittelmeerfieber, das als undulierendes, remittierendes Fieber schon um das Jahr 1800 in Malta beobachtet worden war; der Erreger wurde jedoch erst 1887 entdeckt und der Zusammenhang mit Ziegen 20 Jahre später. Das Zentrum für die Erkrankungen der Ziegen waren und sind noch die Mittelmeerländer. Heute wird die Krankheit auch in Süd- und Südwestafrika, Süd- und Nordamerika beobachtet; die ersten Fälle bei Ziegen und Schafen in der Schweiz wurden von Burgisser und Kilchsperger vor 10 Jahren diagnostiziert. Interessanterweise überschreitet nach Norden beim Tier und beim Menschen — außer sporadischen Einschleppungen — das Maltafieber den 46. Breitengrad nicht, berührt

somit kaum die südlichst gelegenen Gegenden der Schweiz. Die Bewohner der Insel Malta haben übrigens in der Neuzeit Verwahrung eingelegt gegen die Verwendung des Namens ihrer Heimat in Zusammenhang mit der Krankheit.

Die Brucellose der Kühe, als Abortus Bang bezeichnet nach dem dänischen Tierarzt Bernhard Bang, der zusammen mit Stribolt im Jahre 1896 den Erreger endeckte, ist in der alten und neuen Welt, soweit nicht systematisch der Kampf aufgenommen wurde, ziemlich stark verbreitet. Vor 30 bis 35 Jahren betrug der Verseuchungsgrad in der Schweiz zwischen 10 und 30%. Heute dürfte er nach Schätzung des Eidg. Veterinäramtes maximal 10%betragen. Von den skandinavischen Ländern hat als erstes Norwegen diese Seuche überwunden. Jedoch sind heute auch Dänemark und Schweden praktisch frei.

Mensch und Tier infizieren sich durch den Verdauungsapparat, durch Schleimhäute und durch die geschädigte äußere Haut, wobei für den Menschen der letztgenannte Weg sicher der bedeutendste sein dürfte. Gefährdet sind deshalb diejenigen Berufsleute, die mit kranken Tieren in direkten Kontakt kommen und sich zum Beispiel durch Wunden an den Händen infizieren, vor allem die Tierärzte, besonders diejenigen, die sich zu spät oder überhaupt nicht daran gewöhnen können, Hände und Arme mit Gummiüberzügen zu schützen. Thomson teilte anfangs der dreißiger Jahre mit, daß in Dänemark, welches damals noch stark verseucht war, von 65 über ein Jahr praktizierenden Tierärzten 61 Brucella-positive Blutwerte aufwiesen. 1947 berichtete Rice, daß in den USA mindestens 50%, im Mittelwesten wahrscheinlich 90% der Tierärzte mit Großtierpraxis mit Bang-Brucella persönlich Bekanntschaft machten. Hofmann, Bern, schätzte 1951, daß 80% der Schweizer Großtierpraktiker infiziert seien. Grumbach veröffentlichte 1940 seine Beobachtungen und Ansichten über Brucellose als Berufskrankheit und Unfallfolge; er weist unter anderem darauf hin, daß die Fälle, wo Beruf und Unfall als Ursache angeschuldigt werden müssen, sich immer mehr häufen. Abgesehen vom sogenannten Mittelmeerfieber, kennt man beim Menschen die Brucellosen seit 35 Jahren, als

1924 die Züchtung von Bangbakterien aus dem Blut von Menschen, die durch Genuß roher Milch angesteckt waren, gelang. Die typischen Veränderungen (Banggranulome) in Milz und Leber wurden erstmals 1930 von Löffler und v. Albertini nachgewiesen. In der Schweiz steht die Brucellose des Menschen seit dem Jahre 1937 unter Anzeigepflicht. Das Bulletin des Eidg. Gesundheitsamtes meldet für das Jahr 1958 40 Fälle von Morbus Bang und 4 Fälle von Febris melitensis (Maltafieber). Die effektiven Krankheitsziffern werden mit diesen Meldungen jedoch bei weitem nicht erfaßt; viele Fälle gehen unter der Diagnose Tuberkulose, chronische Sepsis, Typhus und Grippe. Kenner der Verhältnisse in den USA, wo pro Jahr etwa 4000 Fälle gemeldet werden, behaupten, daß diese Zahl mindestens mit 10 multipliziert werden müsse, um den tatsächlichen Befall zu erhalten.

In der Schweiz nahm die systematische und erfolgreiche Bekämpfung des Abortus Bang bei den Tieren ihren Ursprung im Kanton Zürich, genauer noch in der Stadt Zürich und begann über die Konsummilch. Maßgeblich beteiligt waren von der Zürcher Veterinär-medizinischen Fakultät Heußer und Heß, unterstützt von namhaften Humanmedizinern, von den Milchverbänden und den Konsumenten. Emil Heß und seine Mitarbeiter im Veterinär-bakteriologischen Institut begründeten das Bekämpfungsverfahren. Den Erfolg von 1951/52 bis heute zeigen eindrücklich folgende Zahlen: vor 7 bis 8 Jahren waren von den der Stadt Zürich Konsummilch liefernden Tierbeständen 15,3% bangverseucht, heute sind es nur noch 0,6%. Bang-Milchausscheider sanken in der gleichen Zeitspanne von 2,5 bis 3% auf 1%0! Zur Zeit sind in allen Kantonen die amtlichen Bekämpfungsmaßnahmen eingeführt, so daß sämtliche bakterienausscheidenden Tiere ausgemerzt werden können. In vielen Kantonen erstreckt sich die Ausmerzung auch auf infizierte Tiere, ohne daß Ausscheidung nachweisbar ist. Heute haben wir in großer Anzahl amtlich bangfrei anerkannte Bestände, und es wird in absehbarer Zeit möglich sein, einzelne Kantone als bangfrei zu erklären.

Auch bei den Brucellosen hört, wie bei der Rindertuberkulose,

die Arbeit nicht auf, wenn das Ziel erreicht ist, auch hier muß durch periodische Kontrollen über die Bangfreiheit gewacht werden. In hygienischer Beziehung fur den Menschen sind die gleichen Vorsichtsmaßnahmen zu empfehlen wie bei der Rindertuberkulose; zusätzlich aber muß daran gedacht werden, daß Brucellosen sehr oft als Wundinfektionen auftreten.

Die vor 160 Jahren von Edwald Jenner realisierte, dem Volke schon lange bekannte Beobachtung, daß eine Infektion mit Kuhpocken den Menschen gegen die viel gefährlicheren Menschenpocken immunisiert und das auf dieser Tatsache aufgebaute Schutzimpfverfahren des Menschen hat den Anthropozoonosen einen besondern Aspekt gegeben. Man fragte sich, ob nicht auch durch Infektionen mit Erregern anderer tierischer Krankheiten, die beim Menschen anscheinend milder verlaufen, ein Schutz vor zusätzlicher Infektion mit ähnlichen oder verwandten Erregern möglich sei. Aktuell wurde dieses Problem einzig bei der Tuberkulose, indem wiederholt von Ärzten, teils in sehr imperativer Form, die Frage aufgeworfen wurde, ob eine natürliche Infektion mit dem Rindertypus der Tuberkelbakterien nicht herangezogen werden könne, um den Menschen gegen die Infektion mit dem humanen Typ zu schützen. Es ist richtig, daß eine Erstinfektion mit bovinen Tuberkelbakterien einen gewissen Schutz gegenüber einer spätem Infektion mit humanem Typus gibt. Da der bovine Typ besonders beim Kind häufig auf dem Verdauungswege aufgenommen wird und weil für eine Alimentärinfektion größere Bakteriendosen notwendig sind, als für eine Inhalationsinfektion, sieht man oft, daß —abgesehen von Kindern bis zu 5 Jahren —die bovine Milchinfektion einen gutartigen Verlauf nimmt. Der Krankheitsverlauf ist eben abhängig vom Infektionsweg und von der Infektionsdosis. In Anbetracht dessen aber, daß eine bedeutende Anzahl von Kindern unter verschiedenen bovinen Tuberkuloseinfektionen leidet und im jugendlichen Alter an boviner Tuberkulose sterben kann, ist und bleibt ein derartiges Experiment unsinnig. Wenn schon die humane Tuberkulose bekämpft wird, darf man nicht riskieren, durch hemmungslose Verabreichung tuberkulöser Milch eine unsichere Massenvakzination

zu versuchen auf die Gefahr hin, daß dann plötzlich beim Menschen die bovine Tuberkulose anstelle der humanen tritt. Durch die guten Erfolge der systematisch bei besonders ausgesetzten Personen, vor allem bei negativ reagierenden Schulkindern, durchgeführte Schutzimpfung nach Calmette-Guérin (BCG) dürfte heute diese Diskussion geschlossen sein.

Ich habe versucht, Ihnen einen Überblick über die Bedeutung der Anthropozoonosen zu geben und die wichtigsten derselben etwas eingehender behandelt. Walter Frei, der Senior der Zürcher Veterinär-medizinischen Fakultät, der sein ganzes Leben vor allem der Erforschung und Bekämpfung der infektiösen Tierkrankheiten gewidmet hat, gab im Jahre 1950 eine schematische Übersicht über die Anthropozoonosen. Dieses Schema sieht aus wie eine Zusammenstellung von gelösten und ungelösten Gleichungen mit einer oder mit mehreren Unbekannten. Obwohl bei verschiedenen Krankheiten heute die Tatsachen und Möglichkeiten klarliegen, sind doch noch verschiedene Gegebenheiten in Dunkel gehüllt und bilden auf Jahre und Jahrzehnte hinaus ein dankbares und wichtiges Forschungsfeld für die gesamte Medizin. Dazu kommt, daß von Jahr zu Jahr neue Zoonosen in Erscheinung treten.

Kein medizinisches Gebiet zeigt derart eindringlich wie diese Krankheiten die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit von Human- und Veterinärmedizin. Abgesehen von den reinen Laboratoriumsforschungen und der Beihilfe durch Biologen verschiedenster Richtung, haben sich Arzt und Tierarzt in ihrer Arbeit zu teilen. Der Tierarzt hat sich mit der Diagnostik der Krankheiten beim Tier zu befassen und Mittel und Wege zu suchen, um eine Ausbreitung beim Tier zu verhindern. Es stehen ihm hiezu zur Verfügung die rein medizinischen Hilfsmittel, wie Schutzimpfung, Heilimpfung und Chemotherapie, sowie die seuchenpolizeilichen Maßnahmen, wie Isolierung, Desinfektion und Ausmerzung der Krankheitsträger. Mit den Organen der Fleischbeschau und der Lebensmittelhygiene im weitesten Sinne hat der Funktionär der Tierseuchenpolizei die Empfehlungen zu geben für Maßnahmen und Vorschriften zum Schutze des Menschen.

Der Arzt wiederum muß in erster Linie besorgt sein um die möglichst genaue Identifizierung der Krankheitsursache; er muß die Zoonosen kennen und sich ständig orientieren über deren Vorkommen und Ausbreitung. Seine übrige Aufgabe ist, die Patienten zu heilen und die Gesunden zu schützen. Nicht immer jedoch erhält er über den Ursprung der Krankheit Aufschluß von der Veterinärmedizin, denn es ist zu bedenken, daß auch gesunde Tiere Keime ausscheiden können, ferner, daß auch wildlebende Tiere Reservoire von Anthropozoonose-Erregern sein können (z. B. Ratten für die Pest; Wolf, Fledermaus für die Tollwut; Affen für das Gelbfieber usw.) und schließlich, daß als Überträger oder Zwischenwirte eine Reihe von Tieren niederer Arten beteiligt sein kann.

In den meisten Ländern bestehen heute gesetzliche Bestimmungen, die dem Kampf gegen verschiedene Anthropozoonosen dienen und höchst anerkennenswert und erfolgreich sind die bezüglichen Bemühungen der internationalen Organisationen.