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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

JOHANNES BUXTORF DER ÄLTERE.

RECTORATS-REDE

GEHALTEN
• AM 4. NOVEMBER 1879
IN DER
AULA DES MUSEUMS ZU BASEL
E. KAUTZSCH,
ORD. PROFESSOR der THEOLOGIE.
BASEL.
C. DETLOFF'S BUCHHANDLUNG. 1879.

Basel. —Buchdruckerei Baur.

Hochgeehrte Versammlung!

An einem festlichen Tage, wie der heutige, werden wir uns dankbar aufs neue . eines Vorzuges unserer Hochschule bewusst, dessen Bedeutung wir niemals hoch genug anschlagen können: dass wir zurückschauen dürfen auf eine, wie an Jahren, so auch an Ruhm reiche Vergangenheit. Es ist wahr: wir theilen diesen Vorzug mit gar mancher Hochschule des Auslandes, und es mögen unter ihnen sein, die uns nicht blos durch die Zahl der Jahre, sondern auch durch die Zahl wahrhaft grosser und glänzender :Namen noch übertreffen. Aber nicht auf Zahlen dieser Art kommt es an, wenn wir die Bedeutung einer grossen geschichtlichen Vergangenheit richtig beurtheilen wollen, sondern darauf, ob die Erinnerungen aus vergangenen Tagen noch einen lebendigen Nachhall finden in dem Herzen des gegenwärtigen Geschlechts oder ob es todte Erinnerungen sind, die nur aus dem Staub der Bibliotheken mühsam zu einem vorübergehenden Dasein hervorgerufen werden können. Ist doch sogar ein drittes möglich: dass die Erinnerung überhaupt völlig geschwunden ist, dass ganze Geschlechter ohne Sinn und Verständniss an den stummen Zeugen einstiger Grösse vorübergehen, die sie Tag für Tag vor Augen haben. Wer jemals an den grossen Ruinenstätten des Morgenlandes oder der classischen Völker gestanden hat, der hat auch an sich selbst die Erfahrung gemacht: daher vor allem kommt

der überwältigende Eindruck einer untergegangenen Herrlichkeit, weil wir neben und unter jenen Ruinen eine Generation antreffen, der kaum eine Erinnerung, geschweige denn ein Verständniss für die Werke ihrer Vorfahren auf demselben Boden geblieben ist. Der Beduine, der uns heute an den Pyramiden als Führer dient, steht diesen riesenhaften Denkmälern der Vorzeit ebenso als einer Märchenwelt gegenüber, wie der syrische Fellach, der die Ruinen von Baalbek für ein Werk des Salomo und seiner Geister erklärt. Für sie sind diese Denkmäler eben nichts als todte Steine; es giebt kein geistiges Band, durch welches sie selbst mit den Urhebern dieser Riesenbauten verknüpft würden und vergeblich wäre der Versuch, ihnen auch nur eine äusserliche Kunde von jener Vergangenheit beibringen zu wollen, unter deren Resten sie in traurigem Stumpfsinn dahinleben.

Die Nutzanwendung ergiebt sich von selbst. Nur die Generation hat ein Recht, sich der grossen geschichtlichen Erinnerungen zu rühmen, die sich an den von ihr bewohnten Boden knüpfen, welche sich voll und ganz als den Erben jener ruhmvollen Vergangenheit bezeichnen darf. Und dies gilt nicht blos da, wo es sich um eigentlich geschichtliche Thaten, um entscheidende Schlachten und Kämpfe oder um grossartige Werke des Friedens an Bauten und Kunstwerken handelt, sondern auch auf dem rein geistigen Gebiet, von welchem wir ausgegangen waren. Wie es einem Volke wohl ansteht, dass es sich an den Stätten, wo ihm seine Väter Freiheit und Wohlfahrt mit ihrem Blute erkauft haben, immer von neuem fragt: Sind auch wir noch der Väter werth? — so steht auch uns diese Frage wohl an auf einem Boden, der durch die Erinnerung an die geistigen Kämpfe und das geistige Ringen voller vier Jahrhunderte geweiht ist. Und welche Geschichte im Reiche des Geistes ist es nicht, die aus den zahllosen Bildnissen von den Wänden dieses Saales auf uns herabschaut! Welche Zahl von Männern, deren Schicksale und Leistungen weit, über eine blos locale Bedeutung hinausreichend tief und nachhaltig eingegriffen haben in die Geschichte der Wissenschaft

und damit der Menschheit! Wie ernst legen sie uns heute abermals die Frage aufs Gewissen: Seid auch ihr der Väter werth? Dürft ihr euch wenigstens dessen rühmen, dass ihr nach bestem Wissen alle Kraft einsetzt, das Erbe einer ruhmvollen Vergangenheit ungeschmälert zu erhalten?

:Nicht uns steht es zu, auf diese Fragen endgültige Antwort zu geben; ein künftiges Geschlecht wird darüber richten mit gerechter Wage. Aber dies schliesst nicht aus, dass auch wir gewissenhaft zu prüfen haben, worauf in Wahrheit der Segen und die innerste Bedeutung der ruhmreichen Erinnerungen beruhe, die uns an dieser Stätte so reichlich umgeben. Gewiss wird uns allen die Gesinnung fern liegen, die sich vergangener Leistungen rühmt, weil sie darin einen Freibrief für die eigene Unthätigkeit und Bedeutungslosigkeit erblickt. Nicht blos aus der Geschichte berühmter Reiche, sondern auch aus der Geschichte berühmter Hochschulen liesse sich manches warnende Exempel aufstellen, wie erschreckend schnell das scheinbar unerschöpfliche Erbe an fremdem Ruhm aufgebraucht werden kann, wie so rasch die Lorbeeren verwelken, auf denen man ausruhen zu können meinte. Aber auch daran werden wir uns nicht genügen lassen, dass wir uns selbst zu ehren trachten, indem wir mit aufrichtiger Pietät das Gedächtniss jener Männer ehren und ihrer Bedeutung wahrhaft gerecht zu werden suchen. Wohl ist es zweifellos gewiss, dass solche Pietät die heilsamsten Wirkungen zu üben vermag. Die dankbare Anerkennung dessen, was jene geleistet haben, auf deren Schultern wir stehen, bewahrt uns vor der gefährlichen Ueberschätzung der eignen Kraft und Leistung, und dieses Gefühl der Beschämung wird noch gesteigert durch die Erwägung, dass sie zum Theil Unsterbliches geleistet haben mit unendlich geringeren Hülfsmitteln, als sie uns zu Gebote stehen. Aber — alle die Pietät, mit welcher wir den Leistungen der Väter gegenüberstehen, wird doch erst dann wahrhaft segensreiche Frucht bringen, wenn sie verbunden ist mit dem lebendigen Gefühl der Verpflichtung, die sie uns auferlegt haben. Gerade die grössten und einflussreichsten unter ihnen sind am

weitesten von dem Wahne entfernt gewesen, als ob mit ihrem Tagewerke das Tagewerk der Wissenschaft überhaupt abgeschlossen worden sei. Auch nach ihnen haben sich auf allen den Forschungsgebieten, denen sie dienten, oft ungeahnt neue Bahnen aufgethan; was der einen Generation schon fast als der Abschluss einer langen Untersuchungsreihe erschien, das ist der folgenden der Ausgangspunkt für eine neue unendliche Reihe geworden. Da kann es uns nun nicht zweifelhaft sein, wodurch wir wahrhaft unsere Pietät und unseren Dank für die Arbeit unserer grossen Todten zu erweisen haben. Wenn ein genialer Meister dahinstirbt, nachdem er eben erst die Fundamente zu einem grossartigen Bau gelegt und die Aussenmauern zu halber Höhe emporgeführt hat, so wird sich nicht der der höchsten Pietät rühmen dürfen, der den angefangenen Bau nach Möglichkeit conservirt, sondern der, welcher ihn nach den Intentionen des Meisters fortsetzt und einer dereinstigen Vollendung entgegenführt. Mag immer dieser Vergleich darin hinken, dass wohl bei einem steinernen Bau, nimmermehr aber bei dem Aufbau der Wissenschaft mit geistigen Bausteinen von Vollendung die Rede sein kann; das eine gilt doch in beiden Fällen: nur wenn wir nach besten Kräften fortarbeiten an dem Werke, welches uns die vorangegangenen Werkmeister als ein heiliges Vermächtniss hinterlassen haben, nur dann ehren wir wahrhaft ihr Gedächtniss, nur dann sind wir bei aller unserer Unvollkommenheit der Väter werth!

Solche Betrachtungen waren es, verehrte Anwesende, die mich für den heutigen Tag zu der Wahl eines Themas veranlassten, welches mir auch aus andern Gründen nahegelegt schien. Am 13. September dieses Jahres waren genau 50 Lustra verflossen, seit ein Mann die Augen geschlossen hat, der wie wenig andere zum Ruhm unserer Hochschule bis in die fernsten Länder beigetragen hat: Johannes Buxtorf, der Ahnherr des berühmten Gelehrtengeschlechtes dieses Namens, der vornehmste Begründer der rabbinischen Studien unter den christlichen Gelehrten, Wenn es, wie ich mit Genugthuung constatire,

eines der hiesigen Tageblätter 1) für angemessen gehalten hat, am 13. September dieses hochverdienten Mannes ehrend zu gedenken, wie sollte da nicht ein gleiches der Universität geziemen, der er 40 Jahre hindurch als gefeierter Lehrer angehört hat!

Wenn ich mir daher für eine kurze Darstellung des Lebens und der wissenschaftlichen Bedeutung dieses Mannes in dieser Stunde Ihre Aufmerksamkeit erbitte, so glaube ich dabei zugleich noch aus zwei anderen Gründen auf Ihre Theilnahme rechnen zu dürfen. Einmal aus dem äusseren Grunde, weil die directen und indirecten Descendenten des grossen Gelehrten noch immer ziemlich zahlreich unter den Bewohnern unserer Stadt vertreten sind, so dass er uns als der Ahnherr einer weitverzweigten und mit der Geschichte Basels eng verflochtenen, Familie auch rein menschlich näher gerückt erscheint, —dann aber und mehr noch aus einem inneren Grunde. Es muss nothwendig auch für denjenigen, der der Fachwissenschaft eines Joh. Buxtorf gänzlich fernsteht, von Interesse sein, einiges von dem Manne zu hören, dessen Bedeutung buchstäblich noch in die volle Gegenwart hereinragt. Gestatten Sie mir, dass ich meiner Darstellung vorgreifend an einigen Beispielen zeige, wie dieses "buchstäblich" zu verstehen sei. Wenn alle Welt den Joh. Reuchlin als den Begründer des hebräischen Sprachstudiums unter den Christen preist, so fällt es doch niemand ein, aus Reuchlin's Rudimenta linguae Hebraeae hebräisch zu lernen. Anders aber verhält es sich mit Buxtorf. Wenn ich der Concordanz bedarf, eines der wichtigsten Hülfsmittel für die sprachliche und kritische Erforschung des alten Testaments, so ist es Buxtorf auf den ich angewiesen bin, und es macht mir wenig Unterschied, ob ich mich dann der Editio princeps oder einer Neubearbeitung derselben aus unserem Jahrhundert bediene. Wenn ich einer übersichtlichen Vergleichung des hebräischen Textes mit der aramäischen Uebersetzung und den rabbinischen Commentaren bedarf, so greife ich am liebsten

nach Buxtorf's rabbinischer Bibel. Ferner: die christliche Forschung über die sogen. Masora steht im Grossen und Ganzen heute noch auf dem Standpunkt, auf welchem sie Buxtorf's "Tiberias" von 1620 gelassen hat. Erst in neuester Zeit ist durch die Arbeiten von Bär, Strack und Frensdorff ein Fortschritt über den "Tiberias" hinaus angebahnt worden. Aber noch 1878 konnte ein namhafter Forscher 1) den Tiberias bezeichnen als "das Product einer von keinem Christen und wenigen Juden erreichten Gelehrsamkeit und dabei bewundernswerth einfach". Handelt es sich bei diesem Werke um ein weitentlegenes Forschungsgebiet, so keineswegs bei einem andern Werke, welches der Riesenfleiss Buxtorf's geschaffen hat, ich meine das Lexicon chaldaicum talmudicum rabbinicum. Dieses Wörterbuch, welches das ganze ungeheure Gebiet des Jüdisch-aramäischen, der Talmude und der rabbinischen Literatur zu umspannen versucht, ist bis heute ein so unentbehrliches Hülfsmittel für den Fachgelehrten, dass die zunehmende Seltenheit der Exemplare einen förmlichen Nothstand. schuf. Zu einer Neubearbeitung im ganzen Umfang mochte sich niemand entschliessen, einfach weil sich niemand getraute, Buxtorf zu überbieten. Allerdings machte man noch 1866 den Versuch, durch einen handlichen Neudruck des Buxtorf'schen Lexicons dem Mangel abzuhelfen. Der rabbinische Herausgeber hat sich indess wohl gehütet, diese neue Ausgabe als eine verbesserte zu bezeichnen. Er redet auf dem Titel nur von einem "denuo edidit et annotatis auxit"; trotz der aufgewandten Mühe lässt jedoch die Correctheit des Textes, wie die Beschaffenheit der Anmerkungen vieles zu wünschen übrig.

Erst seit 1875 ist ein Wörterbuch im Erscheinen begriffen, in welchem von der kundigen Hand Levy's ein Fortschritt über Buxtorf hinaus angestrebt wird; aber dieses Wörterbuch umspannt nicht das ganze von Buxtorf bearbeitete Gebiet. Und wenn ich nun schliesslich noch hinzufüge, dass sich sogar eine

grosse grammatische Arbeit Buxtorf's, der Thesaurus grammaticus linguae sanctae bis heute als ein nützliches Hülfsmittel bewährt, so ist wohl die Frage berechtigt: wo finden sich in der Gelehrtengeschichte die Beispiele, die sich allen diesen Thatsachen an die Seite stellen liessen? Jedenfalls dürfte die Zahl der Schriftsteller eine verschwindend kleine sein, die sich in dem Masse wie Buxtorf rühmen könnten, zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch unentbehrlich gewesen zu sein!

Ehe ich nun an meine nächstliegende Aufgabe, eine Uebersicht über das äussere Leben des grossen Gelehrten, herantrete, muss ich noch ein Geständniss vorausschicken, das sich auf die Quellen zu seiner Biographie bezieht. Ich bin an die Arbeit gegangen mit der bestimmten Erwartung, dass ich hier in Basel, am Schauplatze des 40jährigen Wirkens Buxtorf's, inmitten der handschriftlichen Schätze der öffentlichen Bibliothek und des Frey-Grynäums eher durch ein zuviel, als durch ein zu wenig des Stoffs in Verlegenheit gerathen könne. Dennoch muss ich gestehen, dass wenigstens in einem Punkte meine Erwartungen enttäuscht worden sind. So sicher auch mit Hülfe der akademischen Documente und anderer Quellen der äussere Lebensgang Buxtorf's festgestellt werden konnte, so auffallend wenig bieten doch die hier zugänglichen Quellen über das innere Leben und den individuellen persönlichen Charakter des Mannes. Aus dem Umstand, dass er nur selten und mit einer Ausnahme nie auf längere Zeit Basel verlassen hat, erklärt es sich sehr einfach, dass so wenige seiner Briefe an hiesige Adressen gerichtet sind. Nun liesse sich zwar erwarten, dass wenigstens die an seinen Sohn in's Ausland gesandten Familienbriefe eine reiche Ausbeute gewähren müssten; aber es ist mir nicht gelungen, eine Spur von solchen zu entdecken, und es liegt daher die Vermuthung nahe, dass sie bei dem Verkauf der Buxtorf'schen Bibliothek und Briefsammlungen 1705 ausgeschieden und vernichtet oder irgendwie unzugänglich gemacht worden sind. In dieser Vermuthung bestärkt mich besonders auch der Umstand, dass ein directer

Nachkomme Buxtorf's 1) in einem 1880 erschienenen Büchlein fast nichts weiter aus dem Briefwechsel des Ahnherrn mitzutheilen vermag, als was die Briefregister unserer öffentlichen Bibliothek und die von Buxtorf dem Urenkel 1707 edirten Catalecta 2) an die Hand gaben. Diese Bemerkungen schienen mir nothwendig, um dem leicht möglichen Vorwurf zu begegnen, dass es dem von mir gezeichneten Lebensbilde Buxtorf's allzusehr an charakteristischer Färbung gebreche. 3)

Das Geschlecht der Buxtorfe lässt sich in den uns zugänglichen Quellen 1) zurückverfolgen bis auf den Grossvater unseres Joh. Buxtorf, Severinus oder Joachim Buxtorf, 2) von dem uns berichtet wird, dass er als Rechtsgelehrter und Doctor juris über 30 Jahre das Amt eines Bürgermeisters in der westphälischen Stadt Camen rühmlichst bekleidet habe. Wir lassen es dahingestellt, ob der Familienname der Buxtorfe von Haus aus etwas mit dem Bock zu schaffen hat, der ihr Familienwappen ziert, trotz der Versicherung der Athenae Rauricae, dass jene Altvordern Buxtorf's gewöhnlich Bockstrop oder Boxtrop 3) genannt worden seien. Von den drei Söhnen des Bürgermeisters Severinus Buxtorf widmete sich der älteste, der früh verstorbene Theodoricus, dem Studium der Medicin; der zweite, Joachim, der Jurisprudenz, der dritte, Johannes, der Theologie. Während Joachim, um mit dem Gernler'schen Stammbuch zu reden, "als ein hochfürstlicher Rath und gräflich Waldeckischer Cancellarius berühmet ward, begabe sich Johannes Buxdorff nach seines Vaters Wunsch auf das studium heil. Schrift und thate darinnen solche progressus, dass er endlich in seinem Vaterlande zu Camen die vornehmere Pfarrstelle erlanget". Diesem Oberpfarrer Johannes Buxtorf nun wurde am Weihnachtstage

1564 von seiner Ehefrau Maria, geb. Volmar, unser Johann Buxtorf, der Ahnherr des Basler Gelehrtengeschlechtes geboren. In sinniger Weise erinnert Daniel Tossanus in seiner Gedächtnissrede auf Buxtorf daran, dass sein Geburtsjahr zugleich ausgezeichnet sei als das Todesjahr eines Calvin, eines Theodorus Bibliander, Gerhard Hyperius und Martin Borrhäus und wie somit Gott den Verlust und Hinschied so grosser Männer durch die glückliche Geburt eines Johann Buxtorf gleichsam habe ersetzen wollen. Leider sind uns über die Jugend und den Bildungsgang Buxtorf's nur die allerdürftigsten Notizen aufbewahrt. Er machte seine ersten Studien auf dem Gymnasium zu Hamm unter dem Rectorat des Georg Fabricius, von welchem er auch die Elemente des Hebräischen erlernte, 1) sodann zu Dortmund unter Fridericus Beurhusius. Nachdem ihn der Tod seines Vaters 1582 2) für kurze Zeit in das elterliche Haus zurückgerufen hatte, setzte er seine Studien in Marburg fort und bezog sodann, wahrscheinlich 1584, die Universität Herborn, um die namhaften Theologen Olevianus und Piscator zu hören. Aus dieser Zeit rühmt Tossanus von ihm, dass er die Vorlesungen nicht nur mit gespannter Aufmerksamkeit (purgatis auribus) angehört, sondern auch nachgeschrieben und so als einen kostbaren Schatz bis zu seinem Ende in seiner Bibliothek aufbewahrt habe. Es ist höchst charakteristisch für das Studienleben in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wenn Tossanus daran die Philippica knüpft: Buxtorf sei somit weit entfernt gewesen von der schlimmen Gewohnheit gewisser Studenten, die es nicht allein für etwas höchst Schimpfliches erachteten, nachzuschreiben, sondern schon den Vorlesungen beizuwohnen. Aber zu einem solchen Grad der Verkehrtheit und des Hochmuths sei es gekommen! — Der Aufenthalt in Herborn wurde für

Buxtorf besonders dadurch von Wichtigkeit, dass er hier unter der tüchtigen Leitung des Johann Piscator seine hebräischen Studien fortsetzen konnte. Er bewies dabei eine so leichte Auffassung und ein so glückliches Gedächtniss, dass er nach dem Ausdruck des Tossanus seinen Mitschülern leicht "um viele Parasangen" vorauseilte. Johann Piscator selbst hat nachmals gern bekannt, wie sehr er von diesem Schüler in der Kenntniss des Hebräischen übertroffen worden sei und hat sich der Beihülfe Buxtorfs für seine 1597 unternommene Bibelübersetzung gern bedient. Von Herborn begab sich Buxtorf zur Fortsetzung seiner Studien nach Heidelberg und von hier 1588 nach Basel. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich für ihn bei dieser Schweizerreise mehr um ein sogen. iter academicum, als um neue akademische Curse. :Nach Tossanus, dem die Athenae Raur. folgen, war er nicht allein gekommen, um in Basel Johann Jakob Grynäus und Hospinian, sondern auch um Bullinger in Zürich und Theodor Beza in Genf zu hören. Diese Namen beruhen nun allerdings auf einem Irrthum, denn Hospinian und Bullinger waren beide schon 1575 gestorben. Ueberhaupt könnte der Aufenthalt in Zürich und Bern nur von kurzer Dauer gewesen sein. Denn im Mai oder Juni 1588 liess sich Buxtorf unter dem vierten Rectorat Felix Platter's gegen Erlegung von 10 solidi denarii in Basel inscribiren. Er hatte dabei nichts weniger im Sinn, als für immer festen Fuss in Basel zu fassen. Aber der Antistes Johann Jakob Grynäus, zu dem er rasch in ein sehr nahes persönliches Verhältniss trat, hatte nicht sobald den wissenschaftlichen Scharfsinn, den eisernen Fleiss und den sittenreinen Charakter des Jünglings erkannt, als er auch energisch daranging, eine solche Kraft dauernd für Basel zu gewinnen. Der erste Schritt dazu war die warme Empfehlung Buxtorf's an Leo Curio, einen Sohn des berühmten Cölius Secundus Curio. Als Tisch- und Hausgenosse dieser angesehenen Familie befand sich Buxtorf über vier Jahre in einer ebenso angenehmen wie sorgenfreien Stellung; seinen Dank bezeugte er durch die Beihülfe, die er seinem Wohlthäter

bei der Erziehung und dem Unterrichte seiner Kinder gewährte.

Welche Achtung man schon damals der Gelehrsamkeit und dem wissenschaftlichen Können Buxtorf's zollte, geht daraus hervor, dass man ihn bereits im Spätsommer 1588 für die seit dem Februar erledigte Professur der hebräischen Sprache in Aussicht nahm. Dies wollte um so mehr besagen, als er damals noch nicht einmal den Grad eines Magisters erlangt hatte. 1) Aber nur mit Widerstreben willigte Buxtorf ein, die genannte Professur gegen Ende 1588 vicariatsweise zu übernehmen, sei es aus reiner Bescheidenheit, wie Tossanus behauptet, oder sei es, weil er sich nicht vorzeitig für immer binden wollte. Nachdem er jedoch am 6. August 1590 unter dem Decanat des Samuel Coccius auf Grund einer Disputation zum Doctor der Philosophie und Magister der freien Künste creirt worden war, erfolgte bald darauf auch seine einstimmige Erwählung für die Professur, die er bis dahin zwei Jahre als Vicar verwaltet hatte. Seltsam nimmt sich für den grossen Hebraisten das Thema aus, über welches er nach Ausweis der Magisterproclamation disputirte: utrum bestiae rationis sint omnino exper~es necne? Wir erfahren indess nichts darüber, wie Buxtorf diese wahrhaft disputable Frage entschieden habe.

Die Erwählung zum ordentlichen Professor, so ehrenvoll sie auch für den noch nicht 26jährigen Jüngling war, liess ihn doch nach wie vor schwankend, ob er sich nun wirklich dauernd in Basel niederlassen oder endlich in seine Heimath zurückkehren solle, um dieser fortan seine Kräfte zu widmen. Dieses Schwanken bezeugt nicht nur unser Hauptgewährsmann Tossanus, sondern auch die Athenae Rauricae bemerken, dass er

die hebräische Professur omnium votis non tam quaesitam quam oblalam überkommen habe. Als das sicherste Mittel, Buxtorf für immer an Basel zu fesseln, erschien seinen Freunden die Eingehung eines ehrenvollen Ehebundes. Seine wachsende Neigung zu der ältesten Tochter Leo Curio's, Margaretha, mochte ihnen nicht entgangen sein und sie unterliessen demgemäss nichts, ihn zu einem entscheidenden Schritt zu drängen. Dagegen ist es sicher ein verfehlter Ausdruck, wenn die Athenae Rauricae sagen, die Freunde Buxtorf's hätten ihm —also gleichsam ohne seine eigne Neigung — in Margaretha eine angemessene Lebensgefährtin ersehen. Vielmehr werden wir durch zwei interessante Briefe aus jener Zeit eines anderen belehrt. Der eine derselben, der sich in der Briefsammlung des Frey-Grynäischen Instituts befindet 1), ist, von Buxtorf's eigner Hand und von Basel aus unter dem 18. Januar 1593 an seine Freunde Pascalis und Jakob Zwinger nach Padua gerichtet. Er gehört weitaus zu dem frischesten und liebenswürdigsten, was mir von der Hand Buxtorf's zu Gesicht gekommen ist. Nach einem den Rabbinen entnommenen, aber christlich gewendeten Neujahrswunsch erklärt er dem Pascalis, auf seine vielen Briefe jetzt nur kurz und einmal antworten zu können; künftig wolle er jedem Briefe des Freundes zwei von seiner Seite entgegenstellen. Doch — er wolle nun seinen Mund aufthun und nicht länger in Gleichnissen reden. Nun erzählt er, wie er im September des verflossenen Jahres mit günstigem Wind von Basel nach Köln gefahren und dann zu Fuss seine Heimath aufgesucht habe. Am ersten December sei er wohlbehalten nach Basel zurückgekehrt. Dann aber fährt er fort: mox de cepta tela pertexenda cogitavi: opus aggressus sum, texui.... rete expandi: tandem decimo die hujus mensis Januarii incidit in casses praeda petita meos: accurri, arripui, dixi, Tu mihi sola places. Vier Tage darauf; am 14. Januar, sei die Verlobung festlich begangen worden. Dabei sei auch über den Hochzeitstag Rath gehalten worden und er habe sich propter

malorum hominum petulantem linguam einen kurzen Termin erbeten. Endlich habe man sich über den folgenden 19. Februar geeinigt. Folgt die dringende Einladung an Pascalis und Zwinger, bei der Hochzeit zu erscheinen. Allerdings ist dem "benevole invito, amicissime cito, suavissima voce advoco" wohlweislich beigefügt: vocantem, si non corpore saltem animo sequimini. Letztere Clausel war um so mehr angebracht, als der Brief nach einer Bemerkung neben der Adresse erst am 2. März, also 12 Tage nach der Hochzeit, welche schliesslich schon, am 18. Februar stattfand, 1) an die Freunde gelangte.

Der andere Brief, auf welchen ich oben hindeutete, ist der gleichfalls lateinisch geschriebene, welchen Buxtorf's Oheim Joachim, J. U. Dr. und Kanzler der erlauchten, edeln Grafen von Waldeck, unter dem 31. October 1592 von Korbach aus an Leo Curio richtete; das Original desselben befindet sich auf der öffentlichen Bibliothek. 2) Aus diesem Briefe geht hervor, dass sich Johannes Buxtorf bereits vor der oben erwähnten Reise in die Heimath um die Hand der Margaretha Curio beworben und dass Leo Curio seine endgültige Zusage nur noch von einem Zeugniss über Herkunft und Vermögensverhältnisse des künftigen Eidams abhängig gemacht hatte. Diesem Begehren Curio's verdanken wir eben den Brief des Oheims. In den verbindlichsten Ausdrücken spricht er seine Freude aus, dass sich der :Neffe durch seinen Charakter und Wandel die vertraute Freundschaft und Achtung der angesehensten Professoren Basels erworben habe, und vor allem, dass er seit fünf Jahren der Hausgenossenschaft eines Leo Curio gewürdigt worden sei, der sich unablässig bemüht habe, seinen Geist und seine Kenntnisse zu nähren und zu vermehren, Die gewünschte Auskunft ertheilt er in der Weise, dass er nicht nur die legitime Geburt des Neffen feierlich bezeugt,

sondern auch auf den Stand und die Verdienste des Grossvaters und Vaters von Buxtorf hinweist. In Betreff des Vermögens seines Neffen theilt er mit, dass diesem nach Abzug der nicht unbedeutenden Summe, welche seine Studien erforderten, ein wohlangelegtes Capital von 500 Reichsthalern verblieben sei.

Leo Curio mochte sich nicht ohne Grund nach den Vermögensverhältnissen Buxtorf's erkundigt haben. Ausser Margaretha hatte er noch zwei Töchter und vier Söhne und aus einer Bemerkung des Gernler'schen Stammbuchs (pag. 191) erfahren wir, dass er "in währendem Ehestand von denen Guisischen in Frankreich harte und erschröckliche Gefangenschaften mit grossem Schaden und Verlust seiner zeitlichen Güter hatte ausstehen müssen". Da nun auch Buxtorf nach dem vorhin Erwähnten nur ein geringes Vermögen besass, so begreift man leicht, dass es nachmals in. seinem kinderreichen Hause nicht ohne Sorgen abging und dass seine Klagen in dieser Beziehung nicht auf pure Undankbarkeit gegen die Basler Behörden zurückgeführt werden dürfen.

Ehe wir nun zu einer Darstellung der akademischen und wissenschaftlichen Thätigkeit Buxtorf's übergehen, lassen Sie mich in Kürze zusammenstellen, was aus der äusseren Geschichte des 1593 gegründeten Hauses von allgemeinerem Interesse sein dürfte. Margaretha Curio war bei ihrer Vermählung mit Buxtorf noch nicht 20 Jahre alt. Durch ihre Mutter hing sie mit italiänischen Familien zusammen, deren Namen noch heute unter uns einen guten Klang haben; Flaminia Curio war eine Tochter des Martin Muralt und der Lucia Orelli von Locarno. Margaretha Buxtorf überlebte den Gatten nach fast 37jährigem Ehestand noch um nahezu 30 Jahre. Sie starb am 6. Mai 1659 eines überaus plötzlichen und sanften Todes, nachdem ihr bereits sieben ihrer Kinder vorangegangen waren. Keine von unseren Quellen vergisst der Merkwürdigkeit zu erwähnen, dass sich unter den fünf Söhnen und sechs Töchtern, die sie ihrem Gatten geboren hatte, auch Drillingssöhne befanden. Dieselben wurden unter allgemeiner Verwunderung

am 15. Februar 1596 gleichzeitig im Münster getauft, starben jedoch alle drei noch in zarter Jugend. Von den übrigen acht überlebten den Vater fünf Töchter und zwei Söhne, drei der ersteren in glücklicher Ehe. 1) Von den Söhnen war der ältere Johannes, der nachmals ganz in des Vaters Fusstapfen trat und auf dem gleichen Gebiet fast gleichen Ruhm erlangte. Der Erziehung dieses Sohnes hat Joh. Buxtorf der Vater eine ausserordentliche Sorgfalt gewidmet und zwar von einem Zeitpunkt an, der heutiges Tages vor dem Schulgesetz keine Gnade finden würde. Wenn es auch eine Fabel sein mag, dass der vierjährige Knabe bereits ebenso lateinisch, griechisch und hebräisch sprach und las, wie deutsch: das wenigstens berichten die Athenae Rauricae, dass er als vierjähriger in diesen Sprachen von seinem Vater unterrichtet und in gleichem Alter der öffentlichen Schule übergeben worden sei. Thatsache ist, dass er noch nicht 13jährig an der Universität immatriculirt wurde und drei Jahre darauf als Magister promovirte. Die Leichenrede 2) auf Buxtorf den Sohn erwähnt es als eine besondere Feierlichkeit, dass damals der Vater selbst als Promoter fungirt und "in der renunciation diesen seinen Sohn mit Auflegung der Hände zugleich, und wie es der Ausgang mit sich gebracht, kräftiglich gesegnet" habe. 3)

Erlebte Buxtorf an dem ältern Sohn nur Ehre und. Freude, so scheint dies weniger der Fall gewesen zu sein mit dem jüngeren, Hieronymus (geb. 1605). Die Leichenreden des Tossanus

und Wolleb beobachten über diesen Sohn ein auffallendes Stillschweigen, sei es, weil er schon damals verschollen war oder weil seine Erwähnung aus anderen Gründen besser vermieden zu werden schien. Wir erfahren aus anderer Quelle nur, dass er unter den Kaiserlichen im Sporkischen Reiterregimente diente, nach längerem Verschwinden erst um 1648 für die Familie wieder auftauchte und 1660 als Oberstlieutenant in polnischen Diensten zu Warschau starb. 1) Erwähnung verdient hier noch, dass nach der Versicherung des Dr. Buxtorf-Falkeisen das Geschlecht in der westphälischen Heimat längst erloschen ist.

Kehren wir nach dieser Abschweifung zu dem Ahnherrn der weitverzweigten Familie zurück, so liegt es uns zunächst ob, Buxtorf in seiner öffentlichen Stellung als Akademiker und in seinem Verhältniss zu den Behörden kennen zu lernen. Ueber den Umfang und die Objekte seiner Vorlesungen habe ich näheres nicht ermitteln können. 2) Dagegen ist es sicherlich keine Phrase, wenn Tossanus (pag. 14) seine Bedeutung als Lehrer in den drei Prädikaten perspicuitas, dexteritas, άχςίβεια, kennzeichnet; genau dieselben Eigenschaften sind es, die uns auf jeder Seite seiner Schriften entgegentreten. Die Weltberühmtheit, die er seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts genoss, macht es ferner erklärlich, dass er, wie Tossanus versichert, Schüler aus Deutschland, Frankreich, England, Schottland und Dänemark an sich zog. Immerhin lag es in der Natur seines Faches begründet, dass er zwar zu Zeiten eine relativ zahlreiche Zuhörerschaft, immer aber nur wenig eigentliche Schüler hatte. Noch in dem Regenzprotokoll von 1617 findet sich ein ausführliches Statut, welches damals vom Senat erlassen wurde, damit "der hebräischen Professur, die für die Studenten der Theologie so höchst nöthig sei, ihre Würde und Autorität

erhalten werde", Zu diesem Behuf wird nicht nur über die Stipendiaten, sondern auch über die Magister und Laureati Collegienzwang verhängt; jeder muss entweder zwei Stunden hebräische Grammatik oder Exegese hören; die Säumigen sollen von den Professoren der Theologie in Gegenwart des Professors der hebräischen Sprache vermahnt und pro delicti gravitate in delinquentes verfahren werden. Ja man scheute sich nicht, besondere Aufpasser zur Controlle des Fleisses zu bestellen und den alumnis collegiorum Suspendirung oder Verminderung der Stipendien anzudrohen. Endlich soll, wie schon früher, bei den Semesterexamen der Professor der hebräischen Sprache nach den theologischen Professoren ein specimen diligentiae von seinen Zuhörern erfordern. In dem gleichzeitigen Protokoll der philosophischen Facultät wird uns verrathen, dass dieses Statut von den vier Decanen entworfen worden sei, weil die hebräischen Lectionen "negligentissime"besucht zu werden pflegten. So wird es begreiflich, was verschiedene Briefe seiner Freunde ahnen lassen, dass er gegen sie nicht allein über unzureichendes Auskommen, sondern auch über die Enge seines Wirkungskreises geklagt hatte. Wenn man die damalige Frequenz der Universität nach dem heutigen Verhältniss zwischen den neu immatriculirten und der Gesammtzahl berechnen darf, so kann sie im Durchschnitt wenig über 200 betragen haben; unter Buxtorf's eigenem Rectorat vom Sommersolstitium 1614 bis 1615 wurden 109 inscribirt, wie dies zuletzt 1878 bei einer Gesammtfrequenz von 205 der Fall war; die höchste Zahl in dem Zeitraum von 1600 bis zu Buxtorf's Tode beträgt 146 Inscriptionen im Jahre 1616. Dazu kam, dass sich die philosophische Professur Buxtorf's auf das Alte Testament mehr nur nach der sprachlichen Seite erstreckte. Die eigentliche Exegese lag dem Vertreter des Alten Testaments in der theologischen Facultät ob und diesen Lehrstuhl bekleideten damals Männer, wie Amandus Polanus (bis 1610), Sebastian Beck (bis 1618) und Joh. Wolleb (bis 1629). Um so weniger lassen sich die Gründe durchschauen, aus denen er 1610 nach dem Tode des Amandus Polanus die vom akademischen Senat ihm angetragene theologische Professur des

Alten Testaments ausschlug. Entweder war es wirklich nur übertriebene Bescheidenheit oder die Befürchtung, seinen Lieblingsstudien durch die theologische Professur mehr entfremdet zu werden. Dazu kam, dass er sich nach der damals herrschenden Sitte später hätte entschliessen müssen, den Lehrstuhl des Alten Testaments mit dem des Neuen zu vertauschen. Denn die theologische Facultät hatte bis dahin nur diese zwei Ordinariate und der alttestamentliche Lehrstuhl galt durchaus als die mindere Vorstufe für den neutestamentlichen. Erst 1647 wurde die Professio locorum communium ac controversiarum, also die dogmatische Professur, in ein Ordinariat verwandelt, um Joh. Buxtorf dem jüngeren den Eintritt in die theologische Facultät zu ermöglichen. Da nun 1610 Joh. Jak. Grynäus, der Vertreter des Neuen Testaments, bereits 70 Jahre alt war, so konnte die Eventualität einer Versetzung für Buxtorf sehr bald eintreten.

Wenn er bei dieser Gelegenheit nicht lange geschwankt zu haben scheint, so war dies anders bei einem Rufe, der im folgenden Jahre in den verlockendsten Formen an ihn erging, den Lehrstuhl der hebräischen Sprache an der Akademie von Saumur zu übernehmen, die damals unter dem edlen Gouverneur Du Plessis-Mornay zu hoher Blüthe gediehen war. Das Berufungsschreiben des damaligen Rectors von Saumur, des Theologen Robert Bodius, ist vom 6. August 1611 datirt, und wurde durch einen besondern Boten übersandt. Dasselbe findet sich sammt der Antwort Buxtorf's in den Catalecta Buxtorf's des Urenkels (pag. 452 sq.) abgedruckt. 1) In den schmeichelhaftesten und dringendsten Ausdrücken bestürmt ihn Bodius, dem Rufe zu folgen; er redet von einem heiligen Verlangen der Akademie, durch diese Berufung das ihr anvertraute Werk Gottes zu fördern. Buxtorf brauche nur zu wollen und seine Wünsche zu erkennen zu geben, so würden sie schon Sorge tragen, dass ihn sein Entschluss nicht gereuen solle. Kurz —solchen

Eifer entwickelt der Briefschreiber, dass er sich in einem Postscriptum noch wegen eines Schweisstropfens entschuldigen muss, der ihm während des Schreibens auf das Papier gefallen sei. Buxtorf antwortet (lat.) unter dem 17. Aug. 1611 und zwar keineswegs unbedingt ablehnend, sondern offenbar in peinlicher Ungewissheit darüber, was er thun solle. Er erkennt das Ehrenvolle der Berufung an; die Hoffnung auf reichliche Früchte seines Lehramts schlage er keineswegs gering an und dürfe am wenigsten von allen einer Verbesserung seiner Lage entgegen sein. Nur zu wahr sage der weise Salomo, Weisheit sei gut im Verein mit Besitz, und ein altes Sprüchwort der Hebräer: wo es kein Mehl giebt, da feiert das Studium des Gesetzes, denn —je grösser die Sorgen um den Lebensunterhalt, desto mehr Hemmnisse der Weisheit. "Während ich nun, fährt er fort, hin und her schwanke, stellen sich mir beängstigende und gewichtige Hindernisse entgegen. Erstlich ist es der dringendste Rath der Vorgesetzten unserer Universität, dass ich meinen gegenwärtigen Posten nicht verlassen soll, den Gottes besondere Vorsehung bisher geleitet und gefestigt hat. Zweitens: Zuwachs an Ehre, Gunst und Einkommen, wenn ich bleibe; eine Minderung dieser Dinge, wenn ich gegen den Willen der Regierung fortgehe. Denn sicherlich, wenn nach meinem Weggang in meiner auswärtigen Anstellung irgend eine eingreifende Veränderung vor sich ginge, so wäre mir entweder alle frohe Hoffnung, in diese von mir verlassene Stadt zurückzukehren, benommen, oder die Rückkehr wäre misslich und unerfreulich. Drittens handelt es sich um einen vollständigen und dazu gefährlichen Umsturz des Hauswesens. Es gilt die eigene Wohnung zu verlassen und eine fremde zu suchen, den Hausrath, der ein sicherer Besitz ist, zu verkaufen, mit der Aussicht, vielleicht einen geringeren und unsicheren Besitz um grössere Kosten dafür einzutauschen. Viertens: die höchst beschwerliche, weite Reise durch unbekannte Gegend, mit allen ihren grossen Kosten und Gefahren. Ich hätte sechs Kinder sammt Frau und Magd mitzunehmen, die Bibliothek mitzuschleppen und dazu doch auch

einigen Hausrath für den ersten Gebrauch. Da kommen Unkosten, Sorgen und Gefahren in Betracht, die nothwendig durch fremde Umsicht und Freigebigkeit gemildert werden müssten. Fünftens: die Wanderung von einem bekannten Volk zu einem unbekannten von fremder Sprache, aus einem ruhigen und friedlichen Ort an einen vielleicht nicht ebenso sicheren. Schon dieser Punkt allein könnte mich fast von dem Vorhaben abschrecken, von anderem zu geschweigen, was sich dem, der in die Zukunft blickt, leicht vor Augen stellt. Wenn nun diese und ähnliche Anstösse durch euer Ansehen, euere Weisheit und Freigebigkeit gemildert oder beseitigt werden können, so bin ich bereit zu hören. Doch um zum Schluss des Briefes deiner Magnificenz zu kommen, dort heisst es: "du brauchst nur zu wollen und uns deine Wünsche kund zu thun: das übrige wird unsere Sorge sein!" Das ist also der Punkt, um den es sich bei eurer Anfrage vor allem handelt. Was nun meine Geneigtheit anbelangt, so wisset, dass es mir an derselben nicht gänzlich mangelt, und sie wird wachsen mit der Wegräumung der Hindernisse. Was das übrige anlangt, so überlasse ich es eurem weisen Beschluss und Urtheil und eurer bewährten Freigebigkeit. In unserem Deutschland sorgt man bei Geistlichen und Universitätslehrern fast überall ausser dem Gehalt für freie Wohnung und ein gewisses Quantum an Getreide und Wein. In diesen Stücken ist mir die in Frankreich herrschende Sitte unbekannt und ebenso der Massstab, der für den Aufwand der Akademiker gilt. Aber die vorhin von mir genannten Dinge sind als die vornehmsten Lebensbedürfnisse eine grosse Beihülfe, zumal wenn es sich, wie bei mir, um eine zahlreiche Familie handelt; daher erachte ich, dass sie mir durchaus nöthig sein würden, und ohne diese Voraussetzung würde es mir schwer fallen, mit euch zu verhandeln." Schliesslich erklärt Buxtorf nochmals, dass er keineswegs unbedingt ablehnen wolle, dass er aber inmitten so vieler beängstigender Sorgen etwas bestimmtes zur Zeit nicht versprechen könne. Zudem müsse er noch den Rath seines Schwagers, des Hauptmanns Curio, einholen, von dessen Winke

er in dieser Sache ganz abhänge und ohne den er nichts beschliessen könne, da dieser allein von den Verwandten französische Art und Sitte gründlich kenne; leider habe er in der Hoffnung auf seine Rückkehr den Boten vergeblich so lange hingehalten.

Wir wissen nicht, welchen Rath er von seinem Schwager empfing und ob die Unterhandlungen dann noch länger gepflogen wurden; da aber Tossanus (pag. 14) bei Gelegenheit einer späteren Berufung Buxtorf's von einer "abermaligen Gehaltserhöhung" seitens der Regierung spricht, so scheint vornehmlich durch dieses Mittel auch jener erste Ruf nach Saumur glücklich hintertrieben worden zu sein. Immerhin war Buxtorf auch nach dieser Zeit den Nahrungssorgen nicht enthoben. Dass er vorher Ursache zu solchen gehabt hatte, geht, abgesehen von dem Briefe an Bodius, auch aus einem Briefe an den holländischen Theologen Udenbogard hervor, der ihm eine Ehrengabe der holländischen Generalstaaten im Betrag von 173 Gulden übermittelt hatte, als Recompens dafür, dass ihnen Buxtorf seinen thesaurus grammaticus gewidmet hatte. Das Dankschreiben Buxtorf's für dieses "so grosse unglaubliche Wohlwollen" ist in so überschwenglichen Ausdrücken abgefasst, dass man meinen sollte, es handle sich um eine ganz andere Summe. Dabei aber lässt er zugleich die bittere Bemerkung einfliessen: wenn sein Werk (er meint das grosse lexicon chaldaicum talmudicum) in diesen Gegenden keine Gönner finden sollte, so werde sie ihm Gott anderswo erwecken. "Wenn einer hier die Last von 100 Eseln auf sich nähme, so wird ihm gleichwohl nicht mehr Lohn, als einem Esel. Das ist der Welt Undank!"1)

Dass sich diese Klagen auch nach dem Saumürer Handel •nicht sonderlich gebessert hatten, zeigt ein Brief des grossen holländischen Orientalisten Erpenius an Buxtorf, vom 10. April

1614. 1) Dieser schreibt ihm, mit Bedauern habe er aus seinem Briefe ersehen, dass er die Mäcenaten nicht habe, die er verdiene, d. h. die seine so höchst nützlichen Arbeiten mit einer Freigebigkeit lohnten, dass er ohne Sorgen seinen heiligen Musen obliegen könne. Dann aber sucht er ihn durch den Hinweis auf das gemeine Loos zu trösten. "Was sollen wir thun, mein Buxtorf? Es ist das fast aller Orten die gemeinsame Klage der Gelehrten und seltener als schwarze Schafe sind unter den Magnaten solche Philosophen, wie u. s. w." Dann aber hält ihm Erpenius vor, dass es ihm selbst um kein Haar besser ergehe. Sein Gehalt gelte in Leyden für ganz stattlich und doch reiche er nicht hin, um ihn den ledigen Mann, geschweige denn eine Familie zu ernähren. Wenn er nicht die Unterstützung seiner Eltern genösse, so müsste er sich nach etwas anderem umsehen. Nur bei wenigen ihrer Professoren übersteige der Jahresgehalt 200 Kronen; selbst auf der Pariser Universität sei den hochberühmten königlichen Professoren erst vor. kurzem der Gehalt auf 300 Kronen erhöht worden.

Es bedurfte der Erwähnung dieses Briefes, um die Klagen Buxtorf's auf das rechte Mass zurückzuführen und Basel von dem Vorwurf zu befreien, als hätte es für die Verdienste des grossen Gelehrten gar kein Verständniss gezeigt. Einen gerechten Massstab gewinnt man in dieser Frage nur durch die Vergleichung. Wenn nun ein Gelehrter, wie Erpenius, in der Zeit der höchsten Blüthe Hollands kaum für sich genug zu leben hatte, dann wird man Basel nicht nachsagen dürfen, dass es ihm an gutem Willen gefehlt habe, wenn es Buxtorf das Leben mit einer zahlreichen Familie ermöglichte. Ueberdies darf hierbei nicht unerwähnt bleiben: Buxtorf hatte bei aller Mässigkeit und Einfachheit eine Liebhaberei, die für jene Zeit als ein sehr kostspieliger Luxus bezeichnet werden muss, nämlich die selbstverständliche Liebhaberei für hebräische, besonders rabbinische Bücher. Die Hauptmasse seiner Bibliothek ist

nachmals 1705 mit dem Zuwachs, den Sohn und Enkel beigefügt hatten, für 1000 Reichsthaler an die öffentliche Bibliothek verkauft worden. Da ist es nun wohl begreiflich, wenn das Einkommen Buxtorf's nicht immer zur Befriedigung seiner bibliothekarischen Wünsche ausreichte. Mit dieser Liebhaberei stand eine andere im Zusammenhang, die für ihn einmal sogar einen tragischen Ausgang nahm. Seit 1617 gewährte er einem, nach anderer Quelle sogar zwei jüdischen Gelehrten sammt Weib und Kind Wohnung und Kost in seinem Hause, um sich ihrer bei der Correctur der grossen rabbinischen Bibel zu bedienen. Dass man ihm diess gestattete, war offenbar schon eine besondere Connivenz der Behörden. Denn wie die Chroniken melden, 1) war den Juden 1557 "zu Basel aller Zugang in und ausser der Kaufleuthen-Mess gänzlich abgestrickt. Zuvor gab einer dem obristen Stadtknecht umb den Pass 5 Schilling." Erst 1615 war "dem Oberstknecht wieder zugelassen, den Juden zu jedem Monat einmal Gleit zu geben und von jedem 5 Schilling und dem Thorwächter 1 Schilling zu nemmen; aber keinem me als zum Monat einmal herein zu lassen, und dass die Juden ihre Zeichen tragend und mit den Unsren nit wucherend bei Verliehrung Libs und Guts." Sonach hatte es für Buxtorf einer besondern Erlaubniss des Raths bedurft, um jene Juden für längere Zeit in sein Haus aufzunehmen. Sie wurde ertheilt "mit dem Anhange, dass sie nur dem Drucke dieses Buchs abwarthen und sonsten keiner andern Geschäfte sich underziehen sollten"(Wurstisens Basler Chronik, Fortsetzung, Buch IV, Seite 164). Als nun diese Hausgenossenschaft bereits zwei Jahre gewährt hatte, wurde dem gelehrten Juden Abraham unter Buxtorf's Dache ein Söhnlein geboren. Der Hausherr, der das Studium der jüdischen Sitten und Gebräuche zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte, freute sich der Gelegenheit, einmal einer Beschneidung in Person beiwohnen zu können. Er bewog den Oberstrathsdiener Gläser,

der die Jurisdiction über die Juden innehatte, nicht nur einige fremde Juden als Zeugen zuzulassen, sondern auch selbst der Ceremonie beizuwohnen. Ausser Buxtorf war sodann noch sein Schwiegersohn, der Buchdrucker König, und ein Stud. theol. Kessler sammt seinem Vater anwesend. Aber die Sache wurde ruchbar und gerieth sehr übel. Die Geistlichkeit verklagte die Betheiligten "wegen unchristlichen, sündlichen Benehmens"; Abraham wurde um 400 Gulden, Buxtorf und König um je 100 Gulden gebüsst, die übrigen Christen drei Tage in den Thurm geworfen. 1)

Niemand wird sich wundern, dass sich Buxtorf nach diesem Vorfall auf's Neue in schmerzlichen Klagen erging. Dass dies wirklich der Fall war, zeigt ein Brief des Heidelberger Gelehrten Lingelsheim 2) vom 29. Nov. 1619. Dieser schreibt: "mit Betrübniss habe ich deine Klagen gelesen und bin entrüstet, dass du den verdienten Dank nicht erndtest. Doch dir ist nichts Neues widerfahren. Dasselbe erfahren fast alle vorzüglichen Männer von Verdienst. Der Neid benagt alles Hohe." Zugleich geht aus diesem Briefe, wie schon aus einem früheren Lingelsheims vom 1. Nov. 1619, hervor, dass dieser damals mit anderen bemüht war, Buxtorf an die Universität Heidelberg zu ziehen. Die politischen Verhältnisse der Pfalz, und besonders das tragische Schicksal des jungen Kurfürsten Friedrich V. als Winterkönig von Böhmen machen es erklärlich, dass man bald an andere Dinge zu denken hatte, als an die Besetzung des hebräischen Lehrstuhls.

Wenn man nun aus einem Handel, wie der vorhin in Betreff der Juden berichtete, schliessen wollte, dass man Buxtorf überhaupt mit Misstrauen und Zurücksetzung begegnet sei, so würde man sicher gänzlich irren. Schon 1594 war er laut Regenzprotokoll vom 21. August zum Präpositus und Oekonom

des oberen Collegs für ein Salair von 50 Pfund, das die Herren Deputaten zu zahlen hatten, nebst 10 Pfund aus dem Prytaneum erwählt worden. Sodann abgesehen davon, dass er acht Mal das Decanat der philosophischen Facultät, 1614-15 das Rectorat bekleidete, finden wir ihn auch sonst gelegentlich als Vertrauensperson der Universität in besonderen Missionen oder dauernden Aemtern. So im Jahre 1611 in einem Handel, der die Universität in ziemliche Aufregung versetzte. 1) Ein Studiosus Knueff aus Friesland war Schulden halber gethürmt worden und zwar zuerst auf dem Rheinthor, dann aber auf Verlangen der besorgten Gläubiger mit höchster Erlaubniss auf dem innern Spalenthurm. Die Ueberführung dorthin war öffentlich durch die Stadtknechte geschehen. Diese Verletzung der akademischen Privilegien erregte den heftigsten Zorn der fremden Studenten, zumal sich auch der Vater Knueff's über die Schmach, so seinem Sohne widerfahren, bitter beklagte. Schliesslich wurde von Seiten des akademischen Senats der Jurist Ludwig Iselin und Joh. Buxtorf deputirt, die im Verein mit zwei Rathsdeputirten die Freigebung des -Gefangenen von den Gläubigern erwirkten. Der tragi-komische Handel führte sodann zu dem Beschluss: damit ein Gleiches nicht ferner auch Andern widerfahre, solle im untern Collegium ein neuer Carcer errichtet werden. Die Ausführung dieses Beschlusses und die Besichtigung des betreffenden Locals durch die Regentialen wird im Regenzprotocoll vom 5. Juni 1611 mit ergötzlicher Breite vermeidet.

Jedenfalls wichtiger als diese Mission, war Buxtorf's Thätigkeit als Visitator des Gymnasiums, die er in Gemeinschaft mit Antistes Wolleb längere Jahre ausgeübt haben muss. So finden wir ihn 1618 in der siebengliedrigen Commission, welche die 1620 durchgeführte Reorganisation des Gymnasiums vorbereitete. Wir wissen nicht, welchen speciellen Antheil Buxtorf an dieser Schulordnung hatte, die allerdings nach

Fechters Urtheil 1) wegen der Herabschraubung der Studienziele das Malzeichen des Rückschritts an ihrer Stirn trägt.

Je schlimmer nun die Wetter des 30jährigen Krieges über sein Vaterland dahinbrausten, desto mehr mochte sich Buxtorf mit dem Gedanken vertraut machen, seine Tage in Basel zu beschliessen. Das Schicksal der Heidelberger Collegen im Jahre 1622 und anderer an zahlreichen anderen Orten, die der Krieg berührte, musste es ihm als eine göttliche Fügung erscheinen lassen, dass er den Lockstimmen nach auswärts nicht gefolgt war. Aber seine Anhänglichkeit an Basel wurde noch einmal auf die Probe gestellt, als ihm 1625 durch Petrus Cunäus in ehrenvollster Weise der Lehrstuhl des kurz zuvor verstorbenen Thomas Erpenius in Leyden angetragen wurde. 2) Diesmal erfahren wir zugleich, um welche Bedingungen es sich dabei handelte. Cunäus bietet ihm 6-700 holländische Gulden, d. h. 240-80 Reichsthaler, fixen Gehalt nebst einigen anderen Emolumenten, wie z. B. Befreiung von den Abgaben auf Wein, Bier und Salz, auch 80 Thaler Wegegeld. Er ist so fest überzeugt, dass Buxtorf solchem Glück nicht werde widerstehen können, dass er schliesslich schreibt: "So scharf deine Klugheit und dein Urtheil immer sein mag, kann ich mir doch nach dem Dargelegten keinen Grund denken, der dich über den zu fassenden Entschluss im Zweifel liesse. Dein Alter ist keine Entschuldigung, da man uns versichert hat, du seiest nicht über 54 Jahre alt." Auch Tossanus bezeichnet das Leydener Angebot als ein stipendium perquam honestum. In Wahrheit war jedoch Buxtorf bereits 60 Jahre alt und schon dieser eine Grund mochte für ihn hinreichen, sich die Sache sehr zu überlegen. Nach dem Regenzprotokoll vom 21. Juni 1625 hatte er dann den Rath des akademischen Senats und

der Herren Scholarchen ausdrücklich eingeholt. Der erstere rieth sehr bestimmt ab und erinnerte Buxtorf daran, dass er nun einer der Senioren der Basler Universität und von ihr zuerst berufen worden sei. Seine Ablehnung muss alsdann sehr entschieden gelautet haben, denn Cunäus drückt ihm in einem späteren Briefe seinen Schmerz über die Nachricht aus, dass er unter keinen Bedingungen von Basel hinweggezogen werden könne. Die Art, wie sich Tossanus über diese Angelegenheit ausspricht, zeigt uns, dass bei Buxtorf zwischen augenblicklichen Aufwallungen des Unmuths und seiner wahren Gesinnung gegen Basel wohl zu scheiden ist. Er sagt, nachdem er das Verlockende jener Berufungen geschildert: "auf der anderen Seite hielten Buxtorf so viele Wohlthaten zurück, mit denen ihn Basel seit vielen Jahren überhäuft hatte;.. er erkannte, dass er durch eine abermalige Gehaltserhöhung 1) von Seiten einer hohen und höchst opferwilligen Behörde zum Bleiben aufgefordert wurde; so wollte er denn lieber die Wünsche seiner Freunde enttäuschen als die Schuld des Undanks auf sich laden."

Mit diesem wohlthuenden Urtheil, welches uns völlig wegen der früher vernommenen Klagen und Anklagen aussöhnt, scheiden wir von dem Ueberblick über die öffentliche Stellung Buxtorf's in Basel und wenden uns nun in Kürze noch zu dem Gebiete, auf welchem er uns im Glanze unsterblichen Ruhms entgegentritt, zu Buxtorf dem Gelehrten und Schriftsteller.

Es kann nicht dieses Orts sein, eine Würdigung seiner literarischen Leistungen im Detail zu versuchen; wir werden uns genügen lassen müssen an einer allgemeinen Uebersicht und einer Aufstellung der Gesichtspunkte, nach welchen die eigenthümliche Bedeutung Buxtorf's in dem Gesammtverlauf der von ihm vertretenen Wissenschaft zu beurtheilen ist.

Wenn man die Früchte seiner etwa 30jährigen Schriftstellerei übersieht, so drängt sich auch der oberflächlichsten Betrachtung zunächst die Frage auf: woher hat er neben seinen Aemtern die Zeit zu allen diesen Arbeiten genommen? Man braucht nur eine Seite in einem Rabbinischen Manuscript oder Druck jener Zeit gelesen zu haben mit ihren fast durchweg schlechten und kleinen Typen, ihrem totalen Mangel an handlicher Gliederung, ihrem Uebermass an schwierigen Abkürzungen, um in das höchste Staunen darüber zu gerathen, dass dieser eine Mann das ganze damals zugängliche Gebiet des Hebräischen und Rabbinischen einschliesslich der historischen, philosophischen und medicinischen Literatur zum Theil wiederholt durchgearbeitet hat, abgesehen von seinen eindringenden Studien auf dem aramäischen Sprachgebiet. Dazu ein wahrhaft ungeheurer Briefwechsel, nicht blos mit christlichen Fachgenossen, sondern auch mit zahllosen Juden, die ihn allmählich als das höchste Orakel auch in den subtilsten Fragen ihres Glaubens anzusehen sich gewöhnt hatten. "Aus ganz Deutschland, Polen, Mähren, Böhmen und Italien, sagt Tossanus, haben ihn die Juden mit zahllosen Briefen geplagt, so dass nicht Centurien, sondern Myriaden Hebräischer Briefe in seiner Bibliothek zu finden sind. Ganze Synagogen an allen Enden der Welt haben ihn in öffentlichen Schreiben begrüsst und wunderbar verherrlicht." — Auch Laien gegenüber zeigte er in der Beantwortung einzelner Anfragen die aufopferndste Liebenswürdigkeit. Um nur ein Beispiel dieser Art anzuführen: im Jahre 1613 fragte sein berühmter College, der Mediciner Caspar Bauhinus, bei ihm an, was es mit einem gewissen Knochen für eine Bewandniss habe, der nach den Rabbinen unzerstörbar sei und demgemäss die Grundlage des Auferstehungsleibes bilde. Die Antwort Buxtorf's 1) ist so klar

und so gründlich in den Belegen, dass ich gerechten Zweifel hege, ob heutzutage ein Hebraist bei allen Hülfsmitteln zu einer ebenso gründlichen Auskunft befähigt wäre.

Auf die Frage nun, wie ein Menschenleben zu solchen Leistungen ausgereicht habe, gibt uns Tossanus die Antwort: "zu keiner Zeit irgend haben ihn von seinen Studien Vortheile, Vergnügungen oder der Schlaf abzuziehen vermocht; ja er bewies eine so heilige Consequenz (sancta pertinacia), dass er täglich acht, bisweilen 10 Stunden auf dieses eine Studium (nämlich der biblischen und rabbinischen Literatur) verwandte, soweit es ihm seine Gesundheit und die öffentlichen Geschäfte gestatteten."

An Erfolg hat es diesen Anstrengungen so wenig gefehlt, wie an der Anerkennung aller derer, welche seine Leistungen zu beurtheilen wussten. Man könnte einen ganzen Band füllen mit den begeisterten Lobsprüchen, welche ihm die grössten Gelehrten seiner Zeit gespendet haben. Es gab keinen grossen Mann unter den Christen, sagt Rudin, der ihn nicht hochgehalten hätte und "quo majores eo majoris." Ein Daniel Heinsius urtheilte: "in Betreff des Ausbaues jener Wissenschaft hat er nichts zu thun übrig gelassen," und in dem Trauergedicht, welches der Leichenrede des Tossanus beigegeben ist, klagt er: tecum pars Asiae prima sepulta jacet. Ein Ludovicus de Dieu nennt Buxtorf Judaeorum magister, qui suam illos linguam docuit, sua Rabbinis abdita reclusit — und von ähnlichen Aussprüchen wimmeln die testimonia und epicedia, von denen eine grosse Menge bei Tossanus mitgetheilt sind.

Die literarischen Arbeiten Buxtorf's lassen sich in drei Classen eintheilen: 1) solche, die sich auf die grammatische und lexicalische Seite des hebräischen und aramäischen Sprachgebiets

beziehen; 2) solche, die den Bibeltext und seine rabbinischen Ausleger betreffen, und 3) solche, welche sich mit dem rabbinischen Judenthum besonders nach seiner religiösen Seite befassen.

An der Spitze der grammatischen Arbeiten stehen die praeceptiones grammaticae de lingua hebraea von 1605, welche später 1) unter dem Titel Epitome grammaticae hebraeae noch viermal von Buxtorf, sodann nach circa 16 Mal von seinem Sohne und Anderen edirt wurden. Der Inhalt rechtfertigt vollkommen das breviter et methodice propositae, welches der Titel für diese Praeceptiones in Anspruch nimmt. 1609 folgte der thesaurus grammaticus linguae sanctae Hebraeae, für jene Zeit eine sehr respektable Arbeit, sodann 1615 die chaldäisch-syrische Grammatik. Es ist nicht dieses Orts, die eigenthümlichen Verdienste Buxtorf's um die hebräische Grammatik eingehender zu charakterisiren. Welchen Fortschritt seine Arbeiten repräsentiren, liesse sich ohnedies nur durch eine Vergleichung mit seinen Vorgängern, besonders mit Sebast. Münster, in's rechte Licht stellen. Wenn sich dieser noch in einem Grad von den Rabbinen, besonders Elias Levita, abhängig zeigt, dass er im Wesentlichen nur eine Uebersetzung von dessen hebräischen Werken bietet, so hat dagegen Buxtorf die Emancipation, zwar nicht von dem Stoff, wohl aber von Form und Methode der Rabbinen fast ganz vollzogen: er hat die rabbinische Tradition auf den Boden der humanistischen Methode verpflanzt, wie sie damals für die Darstellung der griechischen und lateinischen Grammatik ausgebildet war. Dass es dabei vielfach ohne rohe Empirie nicht abgehen konnte, versteht sich von selbst. Aber mag auch die Art, wie Buxtorf die

hebräischen Verba in verschiedener Weise einen Ablativ regieren lässt, heute unser Lächeln erregen, immerhin hatte die Verpflanzung der ganzen Disciplin aus dem Bereich semitischer "Wissenschaft" in den der indogermanischen die höchst bedeutsame Folge, dass von nun an auch dieses Sprachgebiet an der wissenschaftlichen Bewegung, die sich in der Behandlung der klassischen Sprachen vollzog, seinen ungeschmälerten Antheil erhielt.

Im weiteren Sinn gehört unter die grammaticalischen Werke Buxtorf's auch das noch jetzt sehr brauchbare Buch de Abbreviaturis Hebraicis, dem eine brevis recensio operis Talmudici, sowie eine alphabetisch angeordnete Bibliotheca rabbinica beigegeben ist (zuerst Basel 1613); ferner die Sylvula epistolarum hebraicarum familiarium (Basel 1603); 10 dieser Briefe hat Buxtorf "in gratiam linguae Hebraeae Studiosorum" ins Lateinische übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Dieser Sylvula liess Buxtorf 1610 sogar eine Institutio epislolaris hebraica sive de conseribendis epistolis hebr. liber cum epistolarum hebraic. centuria folgen.

Die lexicalischen Arbeiten Buxtorf's, von denen im Wesentlichen dasselbe gilt, was oben über die Grammatiken bemerkt wurde, beginnen mit der Epitome radicum hebraicarum et chaldaicarum (Basel 1607), welche nachmals unter dem Titel: Lexicon hebraicum et chaldaicum noch zweimal (1615, 1621) von Buxtorf und sehr oft später herausgegeben wurde. Ein Auszug daraus ist das Manuale hebraicum et chaldaicum (Basel 1613), welches gleichfalls zahlreiche Auflagen erlebte. 1) Alle diese Arbeiten werden

jedoch in Schatten gestellt durch zwei andere Leistungen des Buxtorf'schen Riesenfleisses, die Concordanz zum Alten Testament und das grosse Lexicon Chaldaicum Talmudicum Rabbinicum; beide zusammen bilden mit der rabbinischen Bibel die Trias nobilis der Werke Buxtorf's. An der Concordanz, die auf der weit ältern und noch sehr mangelhaften Arbeit des Nathan ben Kalonymos (15. Jahrhundert) fusst, hat Buxtorf noch wenige Tage vor seinem Tode gearbeitet. Dass sie jedoch in der Hauptsache fertig redigirt war, geht schon aus dem Datum ihrer Veröffentlichung hervor (Basel 1632; die Vorrede vom 20. August 1631); überdiess bezeichnet sie der Herausgeber, Joh. Buxtorf der Sohn, ausdrücklich als opus posthumum a patre concinnatum.

Das grosse talmudisch-rabbinische Lexicon begann Buxtorf bereits 1609 und vertröstete von Jahr zu Jahr die begierig harrenden Freunde auf ein baldiges Erscheinen. Die Arbeit wuchs ihm jedoch in einem Grade über den Kopf, dass auch sein Sohn noch zehn Jahre angestrengten Fleisses bedurfte, ehe das Werk als ein opus triginta annorum, wie der Titel sagt, 1639 zu Basel erscheinen konnte. Die Unentbehrlichkeit dieses Werkes nach fast 250 Jahren ist der beste Beweis dafür, dass jene 30 Jahre nicht vergeblich aufgewendet waren.

Von den Arbeiten Buxtorf's zur Textkritik des Alten Testaments kommt neben der sorgfältigen Octavausgabe der hebräischen Bibel (Basel 1611) besonders die sogenannte rabbinische

Bibel in Betracht, die in zwei Folianten (Basel 1618 und 1619) erschien. Dieselbe enthält auf 1900 Seiten Grossfolio den hebräischen Text mit der Masora, daneben den vocalisirten aramäischen Targum und rings um den Rand verschiedene rabbinische Commentatoren in rabbinischer Schrift. 1) So vieles auch berechtigter und unberechtigter Tadel an diesem Riesenwerke auszusetzen gehabt hat, so bleibt es doch dabei, dass sich Buxtorf auch durch diese Arbeit ein noch heute fortwirkendes Verdienst erworben hat. Als Beigabe zu diesem Bibelwerke erschien 1620 sein Tiberias oder Commentarius Masorethicus, anerkanntermassen die bedeutendste und noch jetzt unübertroffene Arbeit über dieses schwierige Gebiet von christlicher Hand. Der Titel Tiberias ist allerdings sonderbar gewählt; denn Buxtorf widerstreitet 2) gerade der Annahme, dass wir die Vocale und Accente der hebräischen Bibel den Rabbinen von Tiberias zu verdanken hätten.

Dies führt uns auf die Frage, die vielleicht schon längst inmitten dieser bibliographischen Notizen in Ihnen aufgestiegen ist: welches waren eigentlich die Gesichtspunkte, von welchen die ganze so fruchtbare Schriftstellerei des Mannes beherrscht wurde? War es nur das rein philologische Interesse, die Lust an dem Anhäufen sprachlichen Stoffes, an dem Wortklauben und Sylbenstechen, die ihm Muth und Ausdauer zu solchen Leistungen einflösste? Mit diesem niedrigen Massstab des Urtheils würden wir indess Buxtorf grosses Unrecht thun. Alle seine ausgezeichnete philologische Begabung ist ihm doch nur Mittel zum Zweck und dieser Zweck ist, um es kurz zu sagen, die philologische Rechtfertigung des orthodoxen Schriftprincips in der bekannten nachreformatorischen Fassung.

Durch alle seine Vorreden und Schriften zieht sich als rother Faden die Grundanschauung hindurch: Christenthum,

christliche Kirche und Theologie beruhen einzig und unbedingt auf dem Schriftwort und zwar auf dem Schriftwort im strengsten Sinn, d. h. auf dem Buchstaben der Schrift, wie ihn der Grundtext bietet. Daher zunächst der Eifer, mit welchem Buxtorf sein Leben lang eine gründliche Betreibung des Hebräischen nicht nur forderte, sondern auch zu fördern suchte. Die erwähnte Anschauung bedarf aber, um stichhaltig zu sein, selbstverständlich einer anderen zu ihrer Ergänzung, nämlich den festen Glauben an die absolut zuverlässige Conservirung des Buchstabens. Und diesen Glauben hat Buxtorf wenigstens in Beziehung auf das Alte Testament gehegt; die Integrität des Masorethischen Textes ist für ihn ein. Dogma, zu dessen Rechtfertigung er eben den Tiberias verfasste. In der Vorrede desselben drückt er seine hohe Verwunderung darüber aus, wie sogar hervorragende Theologen "mit beiden Füssen" in die Theorie des Elias Levita von dem späteren Ursprung der Vocale hätten hineinspringen können. Wenn sie thatsächlich eine menschliche Erfindung wären und nur menschliche Autorität hätten, so dass jeder lesen könne was er wolle, wo bliebe da die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Textes? Die Geschichte lehre aber vielmehr, dass die Masorethen von Esra an (also wohlgemerkt in oder doch sogleich nach der Zeit der noch lebendigen Inspiration) ihre Arbeit gethan . haben. Hätten nachtalmuldische Rabbinen zu Tiberias die Masora geschaffen, so hätten sie sich eines Verbrechens und einer Gottlosigkeit schuldig gemacht. Fragt man nun, woher nahm denn Buxtorf die vermeintlichen historischen Beweise, so kann nur geantwortet werden: aus der jüdischen Tradition. Es liegt etwas seltsames in dem Widerspruch, in den er sich damit verwickelt hat. Dieselbe Tradition, die ihm in Bezug auf specifisch jüdische, d. h. nachbiblische, Glaubenslehren und Satzungen abgeschmackt erscheint, die er selbst vielfach der Lächerlichkeit preisgegeben hat, diese gilt ihm als unantastbar, sobald es sich um die Conservirung des alttestamentlichen Buchstabens handelt, einfach aus dem Grunde, weil sie ihm in diesem Stück unumgänglich nöthig war.

Von dem berühmten Streit, der sich über das Alter der hebräischen Vocalpunkte zwischen Ludovicus Cappellus 1) und den Buxtorfen entspann, wurde Buxtorf der Vater persönlich noch wenig berührt. Dass Cappellus durchaus nicht der erste unter den Christen war, der sich für die damals als ketzerisch geltende Ansicht des Elias Levita entschied, lehrt ausdrücklich die oben erwähnte Vorrede Buxtorf's zum Tiberias. Immerhin ist es characteristisch für das ausserordentliche Ansehen, welches Buxtorf unter seinen Zeitgenossen besass, dass auch nach dem Erscheinen des Tiberias niemand öffentlich gegen ihn aufzutreten wagte. Diese Scheu theilte auch Cappellus, zumal er bis dahin zu Buxtorf in einem durchaus freundlichen Verhältniss gestanden hatte. In einem Briefe 2) vom 18. Januar 1616 bedankt sich Cappellus bei Buxtorf für die ausserordentliche Ehre, dass er ihn, einen obscuren Menschen, der im Bewusstsein seiner Unbedeutendheit verborgen zu bleiben wünsche, eines Briefes gewürdigt habe. Als sodann. das Manuscript des Cappellus zum "arcanum punctationis revelatum", welches sich der directen Polemik gegen Buxtorf fast ganz enthält, diesem in die Hände gespielt worden war und zwar ohne Wissen des Verfassers, da schickt ihm Cappellus 3) unter dem 10. Juli 1622 die Fortsetzung des Manuscripts mit vielen Entschuldigungen und mit der Bitte, Buxtorf möge ihm seine Meinung darüber mittheilen. Dieser zögerte jedoch von Monat zu Monat, so dass sich Cappellus genöthigt sah, unter dem 9. December 1622 seine Bitte um Rücksendung des Manuscripts in sehr deutlichen Ausdrücken zu wiederholen. 4). Endlich liess sich Buxtorf herbei, das Manuscript mit einem

anerkennenden Schreiben zurückzusenden; übrigens aber räth er durchau~~ von der Veröffentlichung ab, zumal er nun selbst die Sache untersuchen werde. Offenbar war ihm der ganze Handel sehr verdriesslich und es mochten ihm wohl starke Bedenken gekommen sein, ob sich die Position des Gegners so leicht werde erschüttern lassen. Dass er auch nach dem Erscheinen des Arcanum (Leiden 1624, anonym, durch Erpenius besorgt) beharrlich schwieg, zeigt ein Brief des Cappellus 1) an Buxtorf den Sohn vom November 1627, in welchem er von der Voraussetzung ausgeht, dass Buxtorf der Vater bereits seit drei Jahren todt und der Sohn ihm succedirt sei. Dies veranlasste den älteren Buxtorf, am 21. April. 1628 nochmals mit Cappellus in Briefwechsel zu treten; die Antwort 2) des letzteren vom 27. Juni 1628 ist wieder in sehr verbindlichen Ausdrücken abgefasst.

Nach alledem ist es eine irrige Annahme, dass der Streit schon bei Lebzeiten Buxtorf's des Vaters eine persönliche Wendung genommen habe. Vielmehr liess auch der Sohn noch ganze 20 Jahre verstreichen, ehe er seinen heftigen Tractat (Basel 1648) gegen Cappellus veröffentlichte; erst mit diesem hat dann der eigentliche Streit begonnen.

Die Acten über diesen Streit sind heute längst geschlossen; es gibt unter den Kundigen niemanden mehr, der sich noch auf die Seite der Buxtorfe zu stellen vermöchte. Wer aber deshalb den Standpunkt beider ohne weiteres aus einem bornirten und gedankenlosen Autoritätsglauben herleiten wollte, der würde sich eines voreiligen und oberflächlichen Urtheils schuldig machen. Beide haben gerechten Anspruch darauf, vor allem nach dem Massstab ihrer Zeit und mit Rücksicht auf ihre sonstigen Anschauungen beurtheilt zu werden. So gewiss nun der Satz seine Richtigkeit hat, dass wahrhaft epochemachende Ideen erst bis zu ihren äussersten Consequenzen verfolgt und gleichsam auf die Spitze getrieben werden müssen, ehe aus

dem so entstehenden Widerstreit scharfer Gegensätze eine neue höhere Wahrheit herausgeboren werden kann, so gewiss ist anderseits auch, dass es nicht die beschränkten Köpfe eines Zeitalters sind, die zur Aufstellung jener äussersten Consequenzen den Muth haben. Ein Luther konnte noch unbefangen die hebräischen Vocale als "Menschenfündlein" betrachten, ein Calvin ihren späteren Ursprung betonen; die Theologen des nachreformatorischen Zeitalters aber machten sich einer schwächlichen Inconsequenz schuldig, wenn sie das zum System erhobene orthodoxe Schriftprincip ihrer Zeit rückhaltslos acceptirten und doch auf der andern Seite dem Zufall und der Willkür bei der Conservirung des Bibelbuchstabens einen so weiten Spielraum einräumten. Wenn Clericus 1) über Buxtorf urtheilte, er sei bei einer höchst bedeutenden rabbinischen Gelehrsamkeit in rebus criticis plane hospes gewesen, so hat er eben den Massstab einer anderen Zeit an ihn gelegt. Was Clericus unter Kritik verstand, das war für Buxtorf höchstens dazu da, um widerlegt zu werden. Und — fügen wir hinzu — eben auf diesem seinem consequenten Standpunkt beruhte, abgesehen von seinen wirklichen Verdiensten, vor allem sein Ansehen. bei den Zeitgenossen, obenan bei den Lutheranern und selbst bei den Katholiken. 2) Die ersteren vergassen gern auf einen Augenblick ihren Reformirtenhass, wenn es galt aus dem wohlversehenen "Zeughaus"3) der Buxtorf'schen Werke die Waffen zu entnehmen, die er auch für ihre Zwecke ebenso solid geschmiedet, wie bequem zurechtgelegt hatte.

Mit alledem aber haben wir die höheren Gesichtspunkte, die für die Gelehrtenarbeit Buxtorf's massgebend waren, noch

keineswegs erschöpft. Weder das rein philologische Interesse, noch die Zwecke der Schriftauslegung, noch das Streben nach einer Apologie des unverfälschten Schriftbuchstabens würden es erklärlich machen, warum Buxtorf der gesammten rabbinischen Literatur einen so ungeheuren Fleiss zugewendet hat, in einem Umfang, der weit über alle die soeben genannten Ziele hinausging. Die wahre Triebfeder zu diesen Anstrengungen finden wir in der Thatsache, dass bei ihm mit dem apologetischen Interesse an der jüdischen Ueberlieferung ein ebenso starker polemischer Eifer gegen das Judenthum Hand in Hand ging, allerdings ein Eifer, der die Mission an den Juden, die Judenbekehrung zu seinem letzten Ziele hatte. Um diese Behauptung zu erhärten, bedarf es nur des Hinweises auf eine einzige Thatsache. Das erste der Werke Buxtorf's ist die "Synagoga Judaica: das ist Jüden-Schul:" die er 1603 bei Henricpetri zu Basel erscheinen liess. Man hat es diesem Buch oft zum Vorwurf gemacht, dass es mit sichtlichem Behagen gerade die augenfälligsten Abgeschmacktheiten des Talmudjudenthums in seinem täglichen Thun und Meinen aufgesucht und zusammengestellt habe. In der That darf man sich nicht wundern, wenn nach dem Erscheinen dieses Buches galt (Rudin in der handschriftlichen Vita Buxtorf's): dass die Juden den wenigstens bewundert hätten, den sie nicht lieben konnten, indem sie auch an dem Feinde die Tüchtigkeit lobten. Was Buxtorf damit wollte, hat er in der Vorrede klar und bündig auseinander gesetzt. Erstlich soll dem christlichen Leser ein warnendes Exempel vorgestellt werden, wohin dieses Volk mit seinem Ungehorsam und seiner Halsstarrigkeit gekommen sei; zweitens soll dadurch der Anspruch der Juden auf den Besitz der wahren Religion gründlich zurückgewiesen werden. Zu diesem Behuf hat Buxtorf auch die Disputation eines Juden wider einen. Christen beigegeben, darinnen nach Aussage des Titels "der Christlich Glaub beschirmet und der Jüdisch Unglaube widerleget und zu Boden gestürtzet wird." Den dritten und letzten Zweck aber spricht Buxtorf am Schluss der Vorrede in dem Wunsche aus: "es wölle der Barmhertzig

Gott sich ihren gnediglich erbarmen, und sie bekehren." Dass er mit diesem Buch in der That die Absicht verfolgte, das Interesse an der Judenfrage in weiten Kreisen rege zu machen, lehrt schon der Umstand, dass er es allein von allen seinen Werken in deutscher Sprache erscheinen liess. Wie lange Buxtorf damals schon mit der Judenfrage beschäftigt war, geht aus einem Briefe hervor, den er am 4. September 1606 an Matthias Martinius richtete. 1) Nach einer Auseinandersetzung über seine grammatischen Arbeiten und die Quellen seiner Synagoga Judaica fährt er fort: sed alium librum eadem opera ante sex annos (also bereits 1600) conceptum ac prope absolutum adhuc supprimo. Is continebit Causas odii Judaeorum in omnes gentes ac mundi populos, omnium autem maxime in Christianos: initium, progressum, continuationem, blasphemias duras etc. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut er sodann dem Martinius eine Probe aus dieser Sammlung an. 2) Warum er dieses Werk dauernd unterdrückt hat, vermag ich nicht zu sagen. Eine weitere Erwähnung desselben habe ich nirgends gefunden, obschon aus gelegentlichen Bemerkungen in späteren Briefen an ihn hervorgeht, dass er der Frage der Judenbekehrung fort und fort seine Aufmerksamkeit zuwendete. Ein Beweis dafür ist auch, dass er sich seit 1615 bis an seinen Tod mit der Absicht trug, den berühmten Pugio fidei in Mauros et Judaeos herauszugeben, den der Dominikaner Raymundus Martius bereits um 1280 verfasst und von welchem Phil. Mornay in Saumur Buxtorf eine Handschrift verschafft hatte. Das Erscheinen der fast druckfertigen Ausgabe wurde durch den Tod Buxtorf's vereitelt. 3)

Von den letzten Lebenstagen Buxtorf's hat uns Tossanus eine ausführliche und in hohem Grade fesselnde Schilderung

hinterlassen. Es war am 7. September 1629, als sich bei Buxtorf die ersten Anzeichen der Pest einstellten, die damals heftig in Basel wüthete; bereits am folgenden Tage kam die Pestbeule zum Ausbruch. Trotzdem liess er sich den ganzen Tag hindurch von der Fortarbeit an seiner Concordanz nicht abbringen. Als ihn sein Sohn über sein Befinden befragte, gab er ruhig zur Antwort: "Mir gilt es gleich, ob ich abgerufen werde oder leben bleibe. Ich habe lange genug gelebt. Wenn Gott will, dass ich ihm länger diene, will ich es gerne thun, um der Kirche und der Wissenschaft zu nützen. Sonst aber, aus irdischen Gründen, begehre ich auch nicht einen Moment länger zu leben. Wenn Gott will, geschehe sein Wille." Am Morgen desselben Tages hatte er die Namen aller Professoren, die während seines Aufenthaltes in Basel gestorben waren, in ein Heft verzeichnet. Er wollte damit, bemerkt Tossanus, offenbar andeuten, dass er ihnen bald in der himmlischen Academie werde zugesellt werden. Am 9. September erhob er sich früh um 3 Uhr noch einmal von seinem Sterbelager, um in seiner Concordanz die Stellen mit dem Gottesnamen adonaj, der in den früheren Werken fehlte, abzuschliessen. "So hat er seine Lebensarbeit, die er im Namen Gottes begonnen, dem er durch sein ganzes Leben gedient, buchstäblich mit dem Namen Gottes beschlossen." Einen andern schönen Zug berichtet Antistes Wolleb in seiner Leichenrede. Wie er sich allezeit beflissen habe, niemand beschwerlich oder ärgerlich, sondern männiglich nützlich, erbaulich und so oft er konnte behülflich zu sein, so habe er sein mitleidig Herz auch in währender Krankheit erwiesen, da er aus seinem Bett aufgestanden, eine Steur aus seinem Kensterlein genommen und sie einer armen Nachbarin übersendet habe. 1) Auch Wolleb bezeugt: "all sein Thun in währender Krankheit war dahin gerichtet, dass er Gott für seine Heimsuchung gedankt, sich in

seinen heiligen Willen ergeben, mit Vermelden, er wolle nicht thun, wie die, welche vom Herrn fliehen sondern er wolle zu ihm fliehen." Völlig klaren Geistes und ohne Schmerzen sah er Sonntags den 13. September seine baldige Auflösung herannahen. Sein letztes Wort war ein freudiges "Ja", auf die Frage, ob er sich Gott befohlen und Jesum Christum im Herzen habe. Bald darauf ist er, Nachmittags gegen 2 Uhr, in Frieden entschlafen. Am folgenden Tage hat ihm Antistes Wolleb 1) im Münster die Leichenrede gehalten, zu der er überaus sinnig den Text aus Apostelgeschichte 18, 24-28 gewählt: "es kam aber gen Ephesus ein Jude mit Namen Apollos, der Geburt aus Alexandria, ein beredter Mann und mächtig in der Schrift." etc. (Der Vergleich Buxtorf's mit Apollos wird am Schluss der Rede ausdrücklich in 8 Punkten durchgeführt.) Von seiner Ruhestätte im Kreuzgang des Münsters zeugt noch heute das Epitaphium, welches ihm Gattin und Kinder gewidmet haben. Die Leichenfeier der Universität fand am 22. October statt; ihr danken wir die mehrerwähnte treffliche oratio parentalis von Buxtorf's Freunde Daniel Tossanus.

Wir aber schliessen mit dem herzlichen Wunsche: Wollte Gott, dass unserer Universität fort und fort Männer erstehen, denen das wunderschöne Zeugniss gegeben werden kann, welches Tossanus in seine Characteristik des Freundes eingeflochten hat: bei ihm sei es zweifelhaft gewesen, ob er höher gestanden habe als grosser Gelehrter oder als edler Mensch. Das ehrende Gedenken an beide, an Buxtorf den grossen Gelehrten und an den edlen Menschen — das sei der Kranz, den wir heute nach 250 Jahren auf sein Grab legen!