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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

DIE VORBILDUNG FÜR DAS UNIVERSITÄTSSTUDIUM, INSBESONDERE DAS MEDICINISCHE.

(29. April 1879.)

Hermann, Rectoratsreden.

Hochansehnliche Versammlung!

Das Gefühl der Dankbarkeit für die hochherzigen Stifter unsrer Hochschule beseelt uns zwar jeden Tag wenn wir die Hallen dieses stolzen Baues betreten, aber ganz besonders an dem Gedenktage jener Stiftung, an welchem wir von Neuem auf ein Jahr segensreicher Wirksamkeit unsrer Alma mater zurückblicken dürfen. Zu den jüngsten unter ihren Schwestern gehörend, nahezu vom kleinsten Staate der sich zu solcher Leistung emporschwang genährt und gepflegt, hat sie trotzdem rasch eine hervorragende Stelle eingenommen, und bildet wiederum im Staate selber eine Art von Ruhepunct, an welchem die politischen Umwälzungen Nichts geändert haben, weil unter keiner Staatsleitung das Interesse für die Hochschule erkaltet ist. Freilich hat es an Versuchen in den Organismus der Hochschule einzugreifen nicht gefehlt, aber dieselben wurden stets dictirt nicht von dem Streben die öconomische Last des Instituts zu vermindern oder gar abzuwälzen, sondern von der Meinung dass dasselbe noch fruchtbarer, noch segensreicher gestaltet werden könne, wobei selbst vermehrte Opfer nicht gescheut wurden. Die Vertreter der Hochschule haben solchen Versuchen meist ablehnend gegenübergestanden, nicht aus conservativer Neigung oder aus vornehmer Geringschätzung fremder Ansichten, sondern in der Ueberzeugung, dass der Organismus der Hochschule, wie er historisch in Jahrhunderten sich

herangebildet, und wie man ihn auch hier in Zürich vor 46 Jahren adoptirt hat, sich noch immer im Grossen und Ganzen bewährt, und allen vorgeschlagenen Neuerungen vorzuziehen ist. Schon das spricht für das Bestehende, dass die Aenderungsvorschläge nach zwei fast diametral gegenüberliegenden Richtungen sich bewegen. Die einen wollen die Universität in eine Anzahl streng seminaristischer Fachschulen für Pfarrer, Richter, Advocaten, Aerzte, Gymnasiallehrer auflösen, die andern umgekehrt nicht allein ihre Pforten Jedem ohne Prüfung öffnen, der vom Baume der Wissenschaft kosten will, sondern sogar die Hochschullehrer als Apostel der Wissenschaft hinaussenden ins Volk, damit die Universität gleichsam zu einer Schule höherer Erkenntniss für Alle werde.

Zwischen diesen beiden so sehr verschiedenen Forderungen hält die Universität die glückliche Mitte. Alles bietend was die Fachschulen verlangen, gewährt sie es ohne Zwang Jedem der lernen will und zum Lernen geeignet ist, auch wenn seine Bestrebungen nicht in die Schablone eines Berufs passen. Dadurch bewährt sich die Universität noch heute, so alt sie ist und so sehr sich die Welt unterdess geändert hat; ihr Mittel ist einfach: es heisst Lehr- und Lernfreiheit. Wohl mag an der sogenannten academischen Freiheit dereinst eine starke Hand gewisse Auswüchse wegschneiden, um welche wenige trauern werden. Aber diese Hand wird, wenn sie von einem genialen Kopfe geleitet wird, nie an zwei Principien sich vergreifen, einmal daran, dass der Studirende sich seine Vorlesungen nach Gutdünken auswählt und dadurch ein neues, pädagogisch wichtiges Recht ausübt, das ihm auf der Schule versagt war, zweitens darin, dass wer gewisse Garantien der Lehrfähigkeit gegeben hat, nun lehren darf was und wie er will; denn nur so kann vor Allem auch die noch verpönte und doch vielleicht

richtige Doctrin zum Durchbruch kommen, und zugleich die Zahl der Lehrer durch die Mitwirkung jüngerer Kräfte so entlastet werden, dass der Lehrer einen grossen Theil seiner Zeit für die Forschung frei hat.

Diese gesunden Grundprincipien haben es allein möglich gemacht, dass noch immer die Universität die heterogensten wissenschaftlichen Fächer in sich vereinigen kann, ohne etwas Unnatürliches zu werden. Was schadet es, dass der Rahmen der vier Facultäten längst fast für jede zu eng geworden ist, dass in der theologischen Facultät viel Philologisches und Historisches, in der juristischen auch die Volkswirthschaft und Statistik, in der medicinischen ein grosser Theil der Naturwissenschaften, und in der philosophischen gar etwa fünf bis sechs ganz verschiedene Wissenschaftscomplexe stecken? Der Student ist in Wirklichkeit nur dem Namen nach an eine Facultät gebunden, und die Facultäten sind heute im Grunde nichts weiter als Abtheilungen der Lehrerschaft zum Behufe von Berathungen und Beschlüssen. In diese Eintheilung mag die Zukunft noch manche zweckmässige Veränderung hineinbringen; für das Wesen der Universität werden dieselben keine grosse Bedeutung haben.

Die Jünglinge, welche an dies schöne, freie Institut herantreten, das .ihnen jede Wissenschaft in lebendigem Vortrage darzubieten bereit ist, können aber nur dann mit Genuss und Nutzen in demselben leben, wenn sie eine gewisse geistige Reife mitbringen. Mit Recht sichert sich dieselbe überall der Staat wenigstens für seine eigenen Angehörigen, indem er einen sogenannten Maturitätsnachweis verlangt. Wenn er im Allgemeinen Fremde ohne einen solchen zulässt, weil er für dieselben sich weniger verantwortlich fühlt, so liegt darin doch für die Universität selbst eine gewisse Gefahr, wenn die Zahl der Fremden verhältnissmässig

gross ist. Denn nicht allein für das lernende Individuum ist jene Reife wichtig, indem sie den sittlichen Ernst, um den äusseren Zwang durch selbstständiges Wollen zu ersetzen, und die Vorkenntnisse, um den Vorträgen mit Nutzen zu folgen, in sich schliesst, sondern auch für den Unterricht selbst ist die Beschaffenheit der Hörenden von mächtigem Einfluss. Nothwendig und selbst unvermerkt passt sich der Vortrag dem mittleren Bildungsniveau des Auditoriums an, und derjenige welcher durch starres Festhalten der Höhe sich diesem Einfluss gewaltsam entzöge, wäre ein schlechter Lehrer.

Kein schlechtes Zeichen unsrer Zeit ist es dass sie, ohne sehr grosse Ehrfurcht vor dem Bestehenden und Hergebrachten, sorgfältig untersucht, welches die beste Vorbildung für den Hochschulunterricht sei, und in welchem Umfange dieselbe nachgewiesen werden müsse, um zur Zulassung zu berechtigen. Die mit dem Bestehenden Unzufriedenen könnte man in technische und in politische Neuerer eintheilen; die einen haben von dem intellectuellen Bedarf andere Vorstellungen gewonnen, als bisher geherrscht haben, die andern wenden sich gegen den bevormundenden Geist, welcher die Sorge, ob die Hochschule mit Nutzen besucht werden kann, dem Individuum abgenommen und auf den Staat übertragen habe.

Die erste, technische Frage ist unzweifelhaft für uns die nächstliegende; sie ist namentlich in Bezug auf die Vorbildung des Mediciners in einer schon zu starken Bänden angewachsenen Literatur discutirt worden, während man über die Vorbildung des Theologen, Juristen, Philologen und Historikers im Allgemeinen einverstanden, d. h. mit dem Bestehenden zufrieden ist. Höchstwahrscheinlich würden auch für das Studium der Naturwissenschaften ähnliche Forderungen wie für das der Medicin von gleicher Seite gestellt

worden sein, wenn nicht mehr und mehr die rein naturwissenschaftlichen Studien sich von den Universitäten an die polytechnischen Unterrichtsanstalten verschöben.

Ich würde nun kaum wagen, die grosse Reihe der Aeusserungen über jene brennende Tagesfrage, die Vorschulung des Mediciners,. noch um eine zu vermehren, wenn ich nicht auf einem wesentlich andern Standpunct stände, als diejenigen, welche in der letzten Zeit diesen Gegenstand behandelt haben. Für mich handelt es sich nicht um Aufstellung von Forderungen für die Vorbereitung des Mediciners, sondern um solche für die gemeinsame Vorbereitung Aller, welche studiren wollen.

Die Grenze zwischen dem Schul- und dem Hochschul-Unterricht wird durch zwei Gesichtspuncte bestimmt. Einmal die bestimmte Entscheidung für einen Beruf. Bis zur Hochschule gehen Alle (ich spreche hier nur von solchen, die sich für einen sogenannten gelehrten Beruf vorbereiten) einen gemeinsamen, neutralen Weg; an der Schwelle der Hochschule trennen sich die Pfade. Die Schule soll also das geben, was Alle brauchen. Zweitens muss für viele Gegenstände des Unterrichts aus pädagogisch-sittlichen Gründen ein gewisses Alter abgewartet werden; diese Gegenstände müssen also dem Schulunterricht entzogen und dem Hochschulunterricht reservirt sein, selbst wenn ihre Kenntniss Allen nothwendig sein sollte. Ich rechne hierher nicht allein gewisse Capitel der Anatomie und Physiologie, gewisse sociale Verhältnisse die den Juristen beschäftigen, sondern auch den philosophischen Skepticismus gegenüber den Traditionen der Geschichte, der Religion u. dgl.

Der Gesichtspunct dagegen, welcher in der neueren Discussion über die Vorbildung des Mediciners fast durchgehends hervortritt, ist ein ganz anderer.

Man bemisst grösstentheils die Anforderungen an die Vorschule nach den Objecten des Fachunterrichts. Der Mediciner, sagt man, soll, ehe er die Universität betritt, möglichst viel von dem was zum medicinischen Unterricht gehört: Physik, Chemie, selbst Anatomie mitbringen, während man seine Vorkenntnisse im Lateinischen und Griechischen als unpractischen Ballast ansieht. Materiell werden wir auf diese Fragen sogleich zurückkommen; augenblicklich bekämpfe ich nur den zu Grunde liegenden Gedankengang. Grade dasjenige, was der Fachunterricht in gründlichster Weise bieten wird, könnte doch am ehesten im Vorunterricht entbehrt werden, und wenn ich aus reinen Utilitätsrücksichten Gegenstände für den Vorunterricht zu empfehlen hätte, so wäre es vielleicht die Naturwissenschaft und etwas von Bau und Verrichtungen des menschlichen Körpers für den Juristen, den Theologen und den Philologen, der auf der Universität Nichts von all diesen Dingen hören wird, und für den Mediciner eher Linguistik, Archäologie, etwas von Naturrecht, Volkswirthschaft u. dgl.

Schon rein utilitarische Rücksichten führen uns also auf den vorhin festgestellten Standpunct, dass der Umfang des Vorunterrichts lediglich nach den Bedürfnissen Aller, und nicht nach denen einzelner Berufe bemessen werden muss; man müsste denn die Berufstrennung schon durch Bifurcation der obersten Gymnasialklasse einführen wollen, was ich aus der ebenfalls schon urgirten Rücksicht auf das Alter, und die Nachtheile allzufrüher Entscheidung für einen Beruf, nicht für zweckmässig halten würde.

Der eben gestellten Anforderung an den gemeinsamen Unterricht genügt nun aber — wage ich zu behaupten — weder das Gymnasium noch vollends die Realschule in ihrer jetzigen Gestalt. Ich habe stets mit Vorliebe Umgang gepflogen mit Männern anderen

Berufes, aber sehr häufig gefunden, dass die ganze Lebensanschauung derselben an den Nachwirkungen eines äusserst einseitigen Schulunterrichtes krankt. Wir Mediciner sind entschieden im Vortheil; denn vermöge der Vorbildung im humanistischen Gymnasium ist uns aus der Sphäre der Juristen und Philologen Nichts so total fremdartig, wie Jenen Vieles aus der unsrigen. Wie viele hochgebildete und vortreffliche Männer kennen die Existenz der chemischen Elemente nur von dunklem Hörensagen; ein namhafter Historiker (derselbe lebt nicht in Zürich) war einst in hohem Grade erstaunt, als wir auf dem Zürichberg die Entfernung der Wollishofer Allmend aus dem Zeitintervall zwischen Blitz und Donner der Schüsse mit der Uhr abschätzten. Für diese, sage ich, nicht sosehr wie man meist hört für die Mediciner, bietet der Gymnasialunterricht zu geringe, oder zu wenig eindringliche naturwissenschaftliche Kenntnisse und Anschauungen.

Bietet er vielleicht nach anderer Richtung zu viel? Leicht könnte das sein; denn das Gymnasium stammt, ohne erhebliche Veränderung, aus einer Zeit, wo die höchsten Interessen der Menschheit in literarischen Studien aufgingen und der Grad der classischen Vorbildung gradezu die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit bezeichnete. Suchen wir in dieser brennenden Frage unsres und wohl auch noch des folgenden Jahrhunderts die Befangenheit zu überwinden, die uns Allen als Schülern des Gymnasiums anhaftet.

Sehr verschiedene Motive werden angeführt, um das Studium der classischen Sprachen für allgemeine Bildungszwecke zu empfehlen. Erstens die Schulung des Verstandes und des sprachlichen Formensinns, den die Erlernung jener streng logisch entwickelten, formenreichen Sprachen gewährt, zweitens die grosse Erleichterung für das Studium neuerer, besonders romanischer Sprachen, die es mit sich bringt, drittens

das tiefere Eindringen in das Verständniss der Antike in Literatur und Kunst, endlich viertens, ein sehr nüchternes und doch fast ausschlaggebendes Moment, der Umstand dass die Termini technici fast aller Wissenschaften jenen Sprachen entnommen sind, ja für den Forscher, den Entdecker, den Erfinder bei jedem Schritt sich das Bedürfniss einstellt neue solche Termini mit Hülfe der alten Sprachen sich herzustellen.

Hören wir, was hiergegen eingewendet werden kann. Die Schulung des Geistes wird vielleicht in gleichem, ja in höherem Grade durch Mathematik und Naturwissenschaften erreicht. Logischer als alle lateinische und griechische Syntax sind die Entwicklungen der mathematischen Physik. Der sprachliche Formensinn kann auch an neueren Sprachen sich schärfen, und die Schönheit der Antike findet auch in den classisch nicht unterrichteten Frauen ihre begeisterten Bewunderer. Die Erleichterung des Erlernens lebender Sprachen wird durch einen Unterricht in todten zu theuer erkauft, wenn derselbe die zehn- bis zwanzigfache Zeit in Anspruch nimmt. Endlich die fremden Termini sind schon deshalb zu beseitigen, weil sie ein ungerechtes Armuthszeugniss für die lebenden Sprachen sind, und solange die Wissenschaft sie noch fortschleppt, ist es kein Unglück wenn ihre Bedeutung mechanisch erlernt wird. Ein falsch geschriebenes oder falsch ausgesprochenes Fremdwort, höre ich rufen, macht euch nervös, die ihr durch das Literargymnasium verkünstelt seid, in Wahrheit aber ist es noch lange kein so grosses Unglück als ein Fehler in sachlicher Kenntniss.

Wer wollte bestreiten, dass in all diesen Einwänden etwas Wahres steckt, und eines Tages, glaube ich, werden sie vollkommen berechtigt sein; dann wird man den classischen Unterricht wirklich nicht mehr als ein allgemeines Bildungsmittel betrachten.

Von uns wird aber Niemand diesen Tag erleben. Einstweilen verkörpern sich noch unsre Ideale des vollkommenen Menschen in der Erinnerung an jene Epoche, wo die volle und freie Entwicklung des rein Menschlichen politische, literarische und marmorne Kunstwerke schuf, welche wir heute noch, nach Jahrtausenden, in einer Zeit wunderbarster Entwicklung der Kenntnisse und Hülfsmittel des Lebens, nur nachahmen, bestenfalls erreichen, nicht übertreffen können. Die blosse Wiederentdeckung dieser unter den Stürmen des Mittelalters selbst an ihrem Sitze verschollenen Welt reichte hin, allen geistigen Interessen der Menschheit neues Leben einzuhauchen, und wir gehen noch immer in diese Schule. Wird die Menschheit einmal eine ähnlich fruchtbare Periode erreicht haben, so darf vielleicht jene erste lediglich dem Historiker überlassen bleiben; jetzt schöpfen wir noch Alle mittelbar aus dieser Quelle, und des künftigen Gelehrten ist es würdig, sie soweit als möglich selber aufzusuchen.

Sollten also auch die rein utilitarischen Gesichtspuncte des classischen Unterrichts noch so wenig zu bedeuten haben, so wird doch der Wegfall desselben eine höchst empfindliche Lücke im Gesichtskreise des Mannes bedingen. Er wird sein Fach technisch vollkommen beherrschen können, aber übel daran sein, wenn er etwas daraus für Andre genussreich und geschmackvoll darstellen soll; was für den Künstler die Reise nach Italien und Griechenland, ist für den Gelehrten jedes Faches das Eindringen in die literarischen Kunstwerke der Alten. Einzelne glücklich angelegte Naturen werden das eine wie das andere ohne Schaden entbehren können, der Durchschnittsmensch nicht.

Eine nicht zu übersehende Seite des classischen Unterrichts wird wie mir scheint viel zu wenig hervorgehoben, nämlich das Gegengewicht welches er dem direct nutzbaren Wissen gegenüber darstellt. Wir

lernen so Vieles um damit zu wirthschaften; es ist gut wenn wir auch zu anderem Lernen angehalten werden. Der Utilitarismus ist der entsetzlichste Feind aller Wissenschaft; er ist aber unserm Jahrhundert so sehr ins Blut übergegangen, dass die Einsichtigeren jede Gegenwirkung sorgfältig cultiviren müssen. Die Pädagogik muss Vieles auf Umwegen erreichen. So seltsam es klingen mag, ich behaupte, dass um dem Mediciner Interesse an denjenigen medicinischen Wissenschaften einzuflössen, welche nicht direct Operationsmethoden oder Receptformulare für das Krankenbett liefern, von Anfang an seine Erziehung Nutzbares und nicht Nutzbares in gleichmässigem Gemische enthalten muss. Der classische Gymnasialunterricht hält die Besseren zurück von dem leidigen Hineilen zu der direct sich bezahlt machenden practischen Ausbildung, prägt ihnen Hochachtung ein für die freie Forschung jeder Richtung. Das Streben nach Wahrheit, das den Menschen mehr adelt als selbst der Besitz der Wahrheit, auch da zu lieben und zu bewundern, wo es auf Dinge verwendet wird, die dem beschränkten Fachstandpunct unnütz und müssig erscheinen, muss dadurch anerzogen werden, dass man im Knaben und Jüngling Fachinteressen erst möglichst spät aufkommen lässt, und hauptsächlich darauf ausgeht, ihm möglichst vielseitige Interessen einzuimpfen. Im Begriffe der Realschule liegt, mag auch in der von Realschulmännern Deutschlands betriebenen Agitation die Sache allmählich, indem immer ein Vorkämpfer den andern übertraf, bis zur Entstellung übermalt worden sein, die ausschliessliche Sorge für nützliche Kenntnisse. Für eine grosse Anzahl von Berufen schafft man damit sicher ausgezeichnete Menschen. Aber nicht für die gelehrten Berufe, d. h. für diejenigen in welchen das Individuum nicht bloss Erlerntes auszuüben, sondern bei jedem Schritte selbstständig zu forschen hat,

und aus welchen die Forscher der Zukunft sich wesentlich zu rekrutiren haben. Welche Früchte der Utilitarismus in der Wissenschaft hervorbringt, haben wir Physiologen in dem widerlichen Kampfe gegen das Experiment, welcher von britischen Emissären und mit englischer Agitationsmethode auch nach Deutschland importirt worden ist, zu sehen Gelegenheit an den obscuren und anonymen ärztlichen Verbündeten dieses Pamphlet- und Caricaturenkrieges, und es wäre interessant zu untersuchen, welche Erziehung diese Aerzte, welche in erster Linie nach dem practischen Nutzen einer wissenschaftlichen Untersuchung fragen, genossen haben. Freilich mögen nicht ihre Lehrer oder das System ihrer Schule, sondern nur die Noth des Daseins diese Verirrung verschuldet haben. Das Gymnasium erzieht nicht lauter zukünftige Forscher, aber es soll Jedem soviel wie möglich in Kenntnissen und besonders in Gesinnung dazu mitgeben; Anlage und Schicksale werden einen sehr grossen Bruchtheil immer zu blossen Handwerkern des gelehrten Berufes machen.

Immerhin ist der classische Unterricht nur ein ziemlich indirect wirkendes Erziehungsmittel, und um so mehr die Frage am Platz, welche Ausdehnung man ihm geben soll. Die Zeit des Vorunterrichts ist stark bedrängt, manche Anforderungen treten neu auf oder gewinnen an Bedeutung. Die Fanatiker des Gymnasialunterrichts haben einfach nur die Antwort: so wie es ist, muss es bleiben; kurzsichtig beachten sie nicht, wie sehr sie dadurch der Forderung Vorschub leisten, auch die nicht classisch Vorgebildeten, d. h. die Realschulabiturienten, zum Universitätsstudium zuzulassen.

Der wegen der Ueberbürdung des Vorunterrichts gemachte Vorschlag, im classischen Unterricht das Griechische ganz zu beseitigen, scheint mir der verwerflichste von allen, denn fast in allen Vortheilen

die vorhin erwähnt wurden, steht das Griechische noch vor dem Lateinischen. Es ist formenreicher und schwieriger, daher von noch mehr ausbildender Wirkung, es steht mit der Einführung in die Antike noch inniger im Zusammenhang, und ist zum Verständniss und zur Neubildung der Termini noch unentbehrlicher. Die griechische Grammatik nur oberflächlich zu lehren, auf richtige Accente u. dgl. weniger Werth zu legen, wie allen Ernstes vorgeschlagen ist, ist des Gymnasialunterrichts unwürdig. Man kann über die Ausdehnung desselben streiten, aber seine Gründlichkeit darf nicht angetastet werden, d. h. der Gymnasiallehrer darf nichts Falsches dulden und durchgehen lassen. Ein hervorragender Schriftsteller schliesst einen Aufsatz über unsre Frage mit der Forderung: kein griechisches Scriptum mehr! Auch dies ist eine nicht das Quantum, sondern das Quale antastende Forderung. Das griechische Exercitium oder Extemporale ist kein Schritt weiter hinaus, sondern nur eine Befestigung der Grammatik, und als solche unentbehrlich, wenn überhaupt griechische Grammatik gymnasial, d. h. gründlich getrieben werden soll. Wie will man anders die richtige Anwendung der Accente, der ähnlich klingenden Conjugationslaute u. dgl. controlliren?

Nein, wenn am classischen Unterricht abgeschnitten werden soll, — und es wird sich allerdings das Bedürfniss hierzu nachher herausstellen, — so muss der Angriffspunct anderswo liegen. Eine ganz ungeheure Zeit nimmt die Lecture von Autoren in Anspruch, und diese, d. h. die dazu nöthige Präparation, erfordert auch einen sehr bedeutenden Aufwand häuslicher Arbeit. Und doch sind nicht viele Autoren zum Lesen auf der Schulstufe geeignet. Keineswegs ist jeder weitere Autor gleichbedeutend mit einem Stück weiterer Einführung in die Antike, und überhaupt ist diese letztere Seite des classischen Gymnasialunterrichts

sicher die schwächste. Durch die meist bruchstückweise, ausser Zusammenhang gelesenen Autoren gewinnt das classische Alterthum am wenigsten Freunde; man erinnere sich doch, dass die Liebe zu ihm hauptsächlich in der Mythologie, in den homerischen Sagenkreisen, in der alten Geschichte und später in der Betrachtung von Kunstwerken ihre Wurzeln hat. Die Lecture erscheint dem begabtesten Schüler als eine langweilige Fortsetzung des Tirociniums, soweit es sich nicht um Dichter handelt, deren Verse allerdings sich wohlgefällig dem Ohre und Gedächtniss einprägen; bei den Dichtern werden auch noch am ehesten abgeschlossene Stücke, Dramen, Oden, vollständig gelesen, und ihr Inhalt ist meist dem Lieblingsstoff der Jugend, den Sagen entnommen. Aber wozu die vielen vielen Stunden des Cicero-Lesens? Ist denn etwa die Erlernung der Ciceronianischen Latinität das Ziel des Gymnasialunterrichts? Latein ist längst nicht mehr wissenschaftliche Weltsprache; wer hat heute noch lateinische Abhandlungen zu schreiben ausser den Philologen? Die Historiker, Xenophon, Herodot, Thucydides, Caesar, Sallust, Livius, Tacitus, sollten als antike Autoren lieber im Geschichtsunterricht bruchstückweise an richtiger Stelle gelesen werden, als Beispiele antiker Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung; dann werden sie Genuss und Fortschritt bereiten; die Schwierigkeiten des Tacitus erscheinen dann als eine interessante Eigenthümlichkeit, in der Lateinstunde als ein lästiges Hemmniss. Man lese also in den eigentlichen Sprachstunden sehr wenige Autoren, und diese mehr um den eigentlichen Sprachunterricht zu befestigen, als um den Autor zu studiren. Ein classisches Lesebuch mit geeigneten, auch stofflich nicht uninteressanten, sorgfältig ausgewählten Stücken der verschiedensten Autoren, so wie wir deutsche Lesebücher haben, wäre

vielleicht ein geeignetes Lehrmittel. Ja der Schüler würde so von der alten Literaturgeschichte mehr lernen als jetzt. Ich habe auf einem ausgezeichneten Gymnasium von denjenigen Autoren, die nicht zufällig auf dem Lehrplan standen, z. B. von Herodot, Plutarch, Lysias, Catull, überhaupt gar Nichts gehört, während Cicero bis zum Aeussersten getrieben wurde. Man versehe jenes Lesebuch mit literargeschichtlichen Notizen über alle excerpirten Autoren, und man wird ein wahres Stück Einführung in die Antike haben. Natürlich wird man einige Autoren den Schülern auch im Original vorzulegen haben, vielleicht Einen lateinischen und weiterhin auch Einen griechischen in jeder höheren der betheiligten Classen. Die Dichter, vor Allen Homer, werden dabei gewiss den Vorrang verdienen; man liest ja auch in der Muttersprache auf dem Gymnasium in erster Linie die Dichter.

Die angeregte bedeutende Beschränkung der Lecture dürfte die Unterrichtstunden im Lateinischen und Griechischen, ohne der Gründlichkeit Abbruch zu thun, um mindestens ein Viertel ihrer Anzahl vermindern, wodurch für andere unentbehrliche Dinge Raum genug geschafft wird.

Absolut entbehrlich scheint mir auf der Gymnasialstufe der Unterricht im Hebräischen. Zur allgemeinen Bildung gewiss nicht nothwendig, hat er nur für einen fast verschwindend kleinen Bruchtheil der Schüler eine fachliche Bedeutung, und kann für diese leicht auf der Universität nachgeholt werden.

Statt dessen sollte neben den alten Sprachen obligatorisch für Alle, nicht bloss facultativ, ausser Französisch auch Englisch und Italienisch, wenigstens kurze Zeit, unterrichtet werden. Einer der wundesten Puncte der jetzt geltenden Maturitätsbestimmungen für Mediciner ist, dass sie ausser der Muttersprache nur Eine lebende Sprache verlangen. Die genannten Sprachen

sind heute für jeden wissenschaftlichen Mann vollkommen unentbehrlich. Es genügt, wenn die ersten Schwierigkeiten auf dem Gymnasium überwunden werden, besonders die der Aussprache, gegenüber welchen der Selbstunterricht ohnmächtig ist. Die Grammatik dieser Sprachen bietet dem in alten Sprachen Geübten und im Französischen von Kindheit an Unterrichteten so wenig ernstliche Schwierigkeiten, dass für jede ein zweistündiger Unterricht durch zwei Semester vollauf genügt um den Schüler zu befähigen, später wissenschaftliche Arbeiten dieser Sprachen im Original zu lesen, in Mussestunden den Classikern derselben sich zuzuwenden, und einst mit Genuss in diesen Ländern zu reisen. Wer da weiss, wie sehr die geringste zwangmässige Einführung in einen Gegenstand auf der Schulstufe die spätere Beschäftigung mit demselben erleichtert, wird mir Recht geben. Nur zu oft habe ich im Laboratorium, wenn ich einem Practicanten eine italienische oder selbst eine englische Originalarbeit in die Hand geben musste, die Antwort gehört: das kann ich nicht lesen. Mit wie wenig Opfer auf der Schulstufe wäre das zu verhüten gewesen!

Mit mehr Vertrauen auf persönliche Erfahrung als in dem bisher Gesagten wende ich mich zu der anderen Hauptseite des Gymnasialunterrichts, zur mathematisch-naturwissenschaftlichen. Auch hier stelle ich die Forderungen keineswegs für den Mediciner, sondern für jeden der einem gelehrten Beruf sich widmen will.

Die descriptiven Naturwissenschaften, Botanik, Zoologie, Mineralogie, werden fast allgemein nur in den unteren Gyrnnasialklassen gelehrt, und in den oberen grossentheils wieder vergessen. Ich halte dies für ein wahres Unglück. Der pädagogische Werth

dieses Unterrichts liegt bekanntlich weit mehr in der Schärfung des Blicks für die Auffassung von Formen, als in dem unmittelbaren Nutzen der gewonnenen Kenntnisse. Selbst für den Mediciner ist die Kenntniss von Pflanzen, sogar von Medicinalpflanzen, von relativ unbedeutendem unmittelbaren Werth; wir suchen den Fingerhut und die Eichenrinde nicht selber in Wiese und Wald, ja unsre meisten Arzneien sind Präparate, die selbst der Pharmaceut aus grossen chemischen Fabriken bezieht. Aber wer nicht von Jugend auf gelernt hat eine organische Form zu merken, wird auch in der Anatomie unnöthige Schwierigkeiten finden; ja selbst dem Philologen, namentlich dem archäologischen Forscher, ist Schulung in der Formenauffassung unentbehrlich. Dieser Auffassungsunterricht kann nicht früh genug begonnen, und sollte auf der Schulstufe keinen Augenblick unterbrochen werden. Die zwei wöchentlichen Stunden, die ihm das untere Gymnasium *) widmet, könnten auch auf Eine reducirt, dafür aber auch im oberen Gymnasium wöchentlich Eine Stunde, im Sommer Botanik, im Winter Zoologie, und auf der obersten Stufe auch Mineralogie beibehalten werden. Der mineralogische Unterricht sollte nicht an den Schluss des unteren, sondern an den des oberen Gymnasiums verlegt werden; denn um an der Krystallographie Geschmack zu finden, muss man mathematische und optische, und für die descriptive Mineralogie auch etwas chemische Vorkenntnisse besitzen.

Die erklärenden Naturwissenschaften, Physik und Chemie, sind ein ungemein bildendes Element, daran zweifelt Niemand. Trotzdem wird meist nur der Physik gebührende Berücksichtigung zu Theil. Chemie wird

an vielen Gymnasien gar nicht gelehrt. Vom medicinischen Standpunct wäre das durchaus nicht zu beklagen; ja ich muss gestehen, dass ich mich vor Jahren einmal in einer Berathung gegen chemischen Gymnasialunterricht erklärt habe, weil ich ausschliesslich das Interesse der Mediciner im Auge hatte. Ich bin davon zurückgekommen. Gewisse chemische Begriffe und Kenntnisse muss heutzutage jeder haben der auf Bildung Anspruch macht, und deshalb wünsche ich grade im Interesse der künftigen Juristen, Philologen u. s. w., dass sie auf der Schulstufe mit der unorganischen Chemie einigermaassen vertraut gemacht werden. Es klingt seltsam, aber ist doch gerechtfertigt, wenn ich sage: wollt ihr partielle Dispensationen einführen, —gegen welche ich übrigens einen tiefen Widerwillen habe — so dispensirt die Philologen vom Griechischen und die Mediciner von der Chemie!

Und nun endlich die Mathematik. Schon vor fast zehn Jahren habe ich die Forderung ausgesprochen, die ich nach langjähriger Erfahrung im Unterricht jeden Tag mehr als unabweisbar erkenne: der mathematische Unterricht der Gymnasien muss eine Stufe weiter geführt werden als es heute geschieht.

Manche Gymnasien, z. B. ein sonst vortreffliches in einem unsrer Nachbarkantone, geben ihren Schülern nicht einmal die analytische Geometrie, diese Grundlage aller höheren mathematischen Anschauung. Und doch ist der Begriff der Curve und des Coordinatensystems einer der fruchtbarsten für jede wissenschaftliche Beschäftigung und jeden Beruf. In der Medicin brauchen wir ihn bei jedem Schritte, es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, jede Abhängigkeit durch eine Curve darzustellen; wir lassen sie uns von der Natur selbst in dieser Form aufschreiben. Aber nicht minder wichtig ist diese Denkweise für den Statistiker, den Nationalökonomen; selbst der Finanzmann

sieht heutzutage den Gang der Curse vielfach durch Curven dargestellt, und hat ein feines Gefühl dafür ob der Curs gradlinigt oder gekrümmt, ob gegen die Abscisse concav oder convex steigt und fällt; die meteorologischen Nachrichten werden nach verschiedenen Methoden durch Zeit- und Raumcurven veranschaulicht; überall fast drängt sich diese anschaulichste aller Auffassungsweisen für Abhängigkeiten uns auf. Und welch hohen Genuss bietet schon das erste Eindringen in die analytische Curvenlehre, die Lehre von den Kegelschnitten, mit der einfachen Schönheit dieser Linien und der Fülle eleganter mathematischer Beziehungen, welche sie bieten. Gewiss wird mancher Geist grade an dieser Stelle des mathematischen Unterrichts erst wirklich für die Mathematik gewonnen.

Aber der Gymnasialunterricht muss noch einen kleinen Schritt weiter gehen, er muss den Begriff des Differentialquotienten den Schülern mitgeben. Mit diesem Begriff und der Kenntniss des Differentiationsverfahrens, welche durchaus elementarer Natur ist und von jedem mittelmässigen Kopf verstanden werden kann, enthüllt sich ein ganz neues und unendlich fruchtbares Gebiet menschlichen Denkens. Die analytische Geometrie führt grade zu einer der anschaulichsten Methoden diesen Begriff zu lehren, und wenige Lehrstunden in der obersten Klasse würden hierzu genügen. Die ungefähre Anschauung der Curve, und der Bedeutung ihrer Neigung, Krümmung, ihrer Wende- und Maximumpuncte gewinnt hier feste Gestalt, und ausserdem befähigt dieser geringfügige Aufwand an Unterricht den Schüler zur Lösung einer grossen Anzahl immer wiederkehrender Aufgaben, von denen ich nur die Aufsuchung der Maxima und Minima erwähne. Es ist mir immer unbegreiflich gewesen, warum das Gymnasium diesen Gegenstand hartnäckig von sich weist. Bei jedem Schritt des Unterrichts in der Physiologie

oder medicinischen Physik bin ich genöthigt zu Umwegen meine Zuflucht zu nehmen, weil ich diese Begriffe bei meinen Zuhörern nicht voraussetzen darf, und noch mehr wird der Lehrer der Physik in dieser Lage sein, wenn er den Begriff der Geschwindigkeit, der Beschleunigung, Fall-, Wurf- und Pendelgesetze u. dgl. zu entwickeln hat. Nur sehr wenige, welche nicht direct Mathematik oder Physik studiren, finden Zeit mathematische Vorlesungen zu hören. Das Privatstudium aus Lehrbüchern ist aber erfahrungsgemäss grade für den ersten Schritt in die Infinitesimalrechnung hinein äusserst schwierig, während der lebendige Vortrag hier leichtes Spiel hat. Ist nur dieser Schritt überwunden, so hat die Fortsetzung dieser Studien aus Lehrbüchern keine Schwierigkeit, wenigstens bis zu derjenigen Stufe, welche zum Verständniss zahlreicher Untersuchungen der mathematischen Physik befähigt. Möglicherweise — ich besitze hierüber keine Erfahrungen — ist mancher Schüler zu gering mathematisch veranlagt um in dies Gebiet eingeführt werden zu können, obwohl ich nicht glaube, dass für diese Köpfe grade hier und nicht vielmehr schon auf viel niedrigeren Stufen die Grenze des Verständnisses liegt. Gut denn, so führe man diesen Unterricht wenigstens facultativ ein. Hierin liegt keineswegs ein Widerspruch gegenüber meiner vorhin ausgesprochenen Abneigung gegen auf Berufswahl gegründete Dispensationen; nicht der künftige Beruf, sondern die Befähigung würde hier den Ausschlag geben, und nicht der Schüler, sondern der Lehrer würde die Dispensation verfügen.

Es könnte scheinen als hätte ich mit der letzten Forderung zu speciell das Interesse des Mediciners im Auge; aber das ist nicht der Fall. Ich wage zu behaupten, dass die Grundsätze der Differentialrechnung ebensosehr wie die analytische Geometrie für Jeden, der in Gedankenoperationen zu leben hat, das

Verständniss für quantitative Abhängigkeiten in ungeheurem Grade, fördert, und in Wahrheit eine höhere Art von Logik ist. Ein geschickter und anregender Lehrer mache nur erst einmal den Versuch einen philologischen Schulmann in dies Gebiet einzuführen. Eine Freude wird hervorbrechen, welche für die Einführung desselben als Schulgegenstand fruchtbar sein wird.

Wer hierfür durch Aufopferung anderer mathematischer Doctrinen Raum gewinnen will, dem würde ich am liebsten die sphärische Trigonometrie preisgeben, ein sehr verbreiteter Unterrichtsstoff, der aber weder den Horizont des Schülers erheblich erweitert noch von grossem practischen Nutzen für die Mehrzahl der Berufsstudien ist.

Die Gymnasiallehrer wenden ganz gewöhnlich gegen Reformvorschläge dieser Art ein, es fehle an Zeit, und die Schüler seien schon jetzt überbürdet, die Kurzsichtigkeit von erschreckender Verbreitung. Allein ich glaube gezeigt zu haben, dass die Zeit durch die Beschränkung der lateinischen und griechischen Lecture überreichlich gewonnen wird. Man bedenke, was es sagen will, wenn 5 1/2-6 Jahre hindurch von 7 lateinischen und 7 griechischen Stunden wöchentlich je 2 erspart werden, wieviel in diesen 4 Stunden gewonnen werden kann, ohne selbst den durch Wegfall des Hebräischen, des Mittel- und Alt-Hochdeutschen (das im Lehrplan mancher Gymnasien steht) erreichten Zeitgewinn zu rechnen. Ich könnte leicht einen Lehrplan aufstellen (und ich habe es zu meiner eigenen Ueberzeugung gethan), um zu zeigen, wie vollkommen jene Forderungen ohne die mindeste Mehrbelastung der Schüler erfüllbar sind. Die Kurzsichtigkeit übrigens wird wohl besser bekämpft durch zweckmässige Einrichtung der Schultische, gute Beleuchtung der Klassen, Verminderung der häuslichen Arbeiten (besonders der Lecture-Präparationen und der lateinischen Aufsätze),

vor Allem aber durch Unterdrückung des Romanelesens, als durch den Wegfall einiger Lehrstunden.

Ich erlaube mir, noch einmal die gemachten Vorschläge zu recapituliren: Bedeutende Beschränkung der Lecture antiker Schriftsteller, ohne Verminderung des grammatischen und syntactischen Unterrichts im Lateinischen und Griechischen. Wegfall des Hebräischen auch für künftige Theologen. Obligatorische Einführung des Englischen und Italienischen neben dem Französischen, wenigstens in dem Umfange dass in den beiden obersten Classen Eine wöchentliche Stunde abwechselnd oder nacheinander einer dieser Sprachen gewidmet wird. Abwechselnder botanischer und zoologischer Unterricht mit Einer Stunde wöchentlich durch den oberen Theil des Gymnasiums hindurch, auf der obersten Stufe dafür Mineralogie. Einführung in die unorganische Chemie in einer der obersten Classen. Ausdehnung des mathematischen Unterrichts bis zur analytischen Geometrie der Ebene, und (wenigstens facultativ) den Grundzügen der Differentialrechnung.

Ich weiss nur zu gut, dass die Leiter der Gymnasien, fast durchgehends Philologen, grade dem Hauptmittel für die Erreichung dieser Neuerungen, der Beschränkung der griechischen und lateinischen Lehrstunden, den hartnäckigsten Widerstand leisten werden. Und doch werden sie zugeben müssen, dass das jetzige Gymnasium eben eine einseitige Vorschule für Philologen, in zweiter Linie für Theologen und Juristen ist, und dass der Mediciner nur so nebenhergeht, obgleich für ihn keine andre Vorschule existirt, weil er das Lateinische und Griechische nicht entbehren kann. Ich habe schon angedeutet, dass der Widerstand der Gymnasialvertreter gegen jede Neuerung der ankämpfenden Realschule einen halben Sieg verschafft hat. Indess ist zu hoffen, dass dieser Widerstand gebrochen werden wird, nicht zu Gunsten der Mediciner, sondern

des Gymnasiums selbst, das eben keine Fachschule sein soll, auch für Philologen nicht. Ich bin überzeugt, dass die Philologen selbst es eines Tages nicht ungern sehen werden, wenn Tacitus, Plato, Demosthenes, statt von unreifen Schülern, die vor Schwierigkeit nicht zum Genuss kommen, erst auf der Universität von solchen gelesen werden, die specielles Interesse dazu mitbringen, und die Vorkenntnisse ebenfalls erst in philologischen Vorlesungen ordentlich ausgebildet haben.

Ein so reformirtes Gymnasium würde ich nicht mit dem ominösen Namen "Realgymnasium" belegen. Es soll, denke ich, daneben kein anderes Gymnasium, etwa ein Gymnasium "erster Klasse", existiren. Wie das jetzige Gymnasium der volle Ausdruck dessen ist, was man vor 100 oder 50 Jahren volle allgemeine Bildung nannte, so wird das Gymnasium der neuen Gestalt ein Ausdruck unsrer heutigen Bildung sein. Seine Abiturienten werden zu jedem Studium gleich gut vorbereitet sein, und, wenn sie nicht studiren, in die Welt treten mit weitem Horizont, erfüllt mit Interesse für Alles was die Geister bewegt, mit warmem Herzen für die Denkmäler der Vergangenheit, und dabei doch mit geübtem Blick für das was sie umgiebt in Natur, Industrie und Kunst.

Während wir aber beschäftigt sind, den Gymnasialunterricht, dessen Unentbehrlichkeit zu bezweifeln uns gar nicht in den Sinn kommt, möglichst zweckentsprechend zu gestalten, rüsten sich hinter uns Andre um die Controlle der sogenannten Maturität gänzlich zu beseitigen. Die Universität Niemand zu verschliessen, welcher glaubt sie mit Nutzen besuchen zu können, ist ja eine alte, und allenfalls noch haltbare Forderung. Aber man verlangt augenblicklich, auch die

Berufsprüfung, zunächst die medicinische, habe keine Maturitätscontrolle auszuüben, sondern sich auf die Feststellung der beruflichen Kenntnisse zu beschränken. Schon deshalb habe jene Controlle keinen Sinn, weil sie Kenntnisse betrifft, die einer vor mehreren Jahren schon absolvirten Unterrichtsstufe entsprechen. Allein es ist doch klar, dass, wenn überhaupt die dem Maturitätszeugniss entsprechenden Kenntnisse als Bedingung einer Approbation gelten, der Staat diese Bedingung erst in dem Augenblick controlliren kann, wo er um eine Approbationsprüfung angegangen wird. Entweder also muss man das Maturitätszeugniss zur Bedingung der Immatriculation und das Studienzeugniss zur Bedingung der Approbation machen, oder, einfacher, und den Gegnern staatlicher Bevormundung wie man meinen sollte erwünschter, das Maturitätszeugniss bei der Approbationsprüfung verlangen.

Wer beides nicht will, erklärt, dass es gleichgültig ist, ob der Arzt, und entsprechend der Richter, der Pfarrer, der Lehrer, eine allgemeinere Bildung hat, als seine blossen Berufskenntnisse. Ja die letzte Consequenz dieser Anschauung wäre, dass der Arzt auch in den Grundwissenschaften der Medicin, in Anatomie und Physiologie nicht geprüft wird, wenn man nicht vielleicht überhaupt den ärztlichen Beruf gänzlich freigeben will. Wer aber für die hohe Aufgabe des Arztes, auch in Gemeinde und Staat, ein Verständniss hat, wer im Richter mehr sieht als ein Organ der öffentlichen Gewalt, im Pfarrer mehr als einen rituellen Beamten, wird nicht so urtheilen. Der Arzt, um bei diesem 'Berufe stehen zu bleiben, soll nicht bloss der Rathgeber des Kranken sein, er ist auch der Vertrauensmann des Gerichtes, der Versicherungsgesellschaft, der technische Beirath der Gemeinde und des Staates in unzähligen sanitarischen, baulichen und pädagogischen Fragen, und er soll sein eins der geistigen

Oberhäupter seiner Gemeinde, der gefürchtete Feind aller dunklen Existenzen, alles Schwindelhaften, alles Aberglaubens, Spiritismus und Mysticismus. Ihm den Instinct und die Feindseligkeit gegen diese Mächte tief einzupflanzen, ist eine der Hauptaufgaben des Universitätsunterrichts, aber dieser wird ohnmächtig sein, wenn nicht die Grundlage wahrer Bildung schon auf der Schulstufe gelegt ist. Und diese Vorbedingung kann wieder nicht anders gesichert werden als indem der Staat am Anfang oder am Schluss des Universitätsunterrichts, also überhaupt einmal, ein Reifezeugniss verlangt.

Durch äussere Umstände ist diese Forderung auf schweizerischem Boden augenblicklich zu einer brennenden Frage geworden. So erfreulich es ist dass das frühere Medicinalconcordat sich durch Uebergang des Prüfungswesens an die Eidgenossenschaft auf alle Cantone ausgedehnt hat, so ist doch die grosse Schwierigkeit entstanden, die Verhältnisse der wälschen und die der deutschen Cantone zu einem für beide Theile bequemen gemeinsamen Modus zu verschmelzen. Da die Art des Vorunterrichts auf beiden Seiten wesentlich verschieden ist, machten besonders die Maturitätsanforderungen des Prüfungsreglements erhebliche Schwierigkeiten. Dieser Umstand einerseits, andrerseits die Krisis in welcher sich überall grade jetzt, besonders auch in Deutschland, die Frage nach der besten Vorbildung des Mediciners befindet, haben die Bearbeiter des jetzt vorliegenden Entwurfs veranlasst, die Maturitätsanforderungen überhaupt zu beseitigen, d. h. Jeden ohne Weiteres zur Prüfung zuzulassen, welcher glaubt sie bestehen zu können. Dieses Vorhaben wird hoffentlich nicht ausgeführt werden. Von allen Seiten haben sich bereits gewichtige Stimmen dagegen erhoben, nicht bloss seitens der medicinischen Facultäten, sondern namentlich und erfreulicherweise

auch seitens der ärztlichen Vereine. Die Folgen wirklichen Fallenlassens der Maturitätsanforderungen wären unabsehbar verhängnissvoll. In grosser Zahl würden die mittelmässigen Schüler das Gymnasium vor vollständiger Absolvirung verlassen, dem gefürchteten Maturitätsexamen sich entziehen, und dem medicinischen Studium sich zuwenden, in der leichtfertigen Hoffnung in 4-5 Jahren doch die medicinische Prüfung zu bestehen; namentlich vom Ausland würden massenhaft solche Elemente zuströmen; und das mittlere Bildungsniveau des schweizerischen Arztes, bisher dem der Nachbarländer mindestens gleichstehend, würde tief herabsinken.

Trotzdem muss man anerkennen, dass die Schwierigkeit vernünftige Maturitätsanforderungen aufzustellen nicht gering ist. Und deshalb scheint mir grade jetzt der richtige Moment, nachdrücklich auf den Umstand aufmerksam zu machen, dass die Frage des Gymnasialunterrichts und die der Maturitätsprüfung nicht nothwendig identisch sind. Natürlich kann das Maturitätsexamen nichts enthalten, was nicht der Unterricht geboten hat, aber umgekehrt kann und soll der Unterricht viel mehr bieten, als das Examen wirklich verlangt. Wir machen es ja im Berufsexamen und Berufsunterricht ganz ebenso. Das was das Examen beanspruchen muss, ist logischerweise das Minimum, und das was der Unterricht bieten soll, das Maximum der Kenntnisse. Ja das Examen am Schluss des Gymnasialunterrichts hat nicht einmal jene pädagogische Bedeutung wie die Universitätsprüfungen; letztere nämlich sind das nothwendige Correlat zur Lernfreiheit, der unentbehrliche Sporn für einen Theil der Studirenden; der grosse Mahner, der uns den unangenehmsten Theil der Handhabung academischer Disciplin erspart; das Gymnasium dagegen mit seinem Besuchszwang und seiner strengen Disciplin, die sich

auch auf die häuslichen Arbeiten erstreckt, hat ganz andere Mittel als das Schlussexamen, um die Schüler zur Thätigkeit anzuhalten. So kann es auch unmöglich schwierig sein, gemeinsame Maturitätsanforderungen für die ganze Schweiz aufzustellen; man halte nur immer daran fest, dass man hauptsächlich eine geistige Reife für ein vom Schulzwang freies Studium durch die Prüfung feststellen will. Die Unterschiede, die der Nordosten und der Südwesten der Schweiz in dieser Beziehung macht, werden gewiss nicht gross sein. Jedes Gymnasium aber soll seine Ehre darin sehen, Schüler auszubilden, welche mehr wissen, und vor Allem mehr können, als die Minimalforderungen des Staates betragen, welche in der Maturitätsdefinition ihren Ausdruck finden.

Diese Maturitätsbedingungen sollen dann aber grundsätzlich für alle Berufe die gleichen sein; hoffentlich erleben wir es noch, dass sie nicht mehr im eidgenössischen Medicinalgesetz aufgeführt zu werden brauchen, weil ein besonderes Gesetz die Maturitätsanforderungen gemeinsam regelt für alle Fächer, für welche die Eidgenossenschaft Prüfung und Approbation handhabt, d. h. hoffentlich einst für alle gelehrten Berufe.

Ich habe meinen Zweck erreicht, wenn es mir gelungen ist, Sie für das eine Grundprincip zu gewinnen, dass der tüchtige Jurist genau die gleiche gymnasiale Vorbildung braucht wie der tüchtige Mediciner. Fort mit allen Dispensationen auf der Gymnasialstufe! Mit Bedauern sehe ich bei den Immatriculationen häufig . jene leidige Dispensation vom Griechischen, z. B. bei Medicinern. Vergebens frage ich mich: was hat der junge Mann statt dessen gelernt? Vielleicht spricht er fertig Italienisch und Englisch, vielleicht ist er in der Mathematik sehr weit vorgeschritten? Nichts von alledem. Der Schüler

hat einfach durch vorzeitige Entscheidung des Berufs weniger gelernt als die andern. Die künftigen Theologen dürfen auf dem oberen Gymnasium bei uns für das Hebräische vom Unterricht im Französischen dispensirt werden; — ein wahres Unglück, wenn sie davon Gebrauch machen. Das Französische ist doch gewiss auch für den Theologen, vor Allem in der Schweiz, auf der Gymnasialstufe unendlich wichtiger als das Hebräische, das er auf der Universität viel rascher erlernen wird. Jede Dispensation führt zu vorzeitiger Entscheidung des Berufes, und huldigt dem falschen Grundsatz dass das Gymnasium eine Fachschule ist.

Für einige Fächer, das erkenne ich gern an, könnte möglicherweise eine Reduction des classischen Gymnasialunterrichts die Nothwendigkeit mit sich bringen, die academische Studienzeit um ein Semester zu verlängern. Das Gewicht dieses Bedenkens verkenne ich keineswegs, obgleich ich noch nicht überzeugt bin, dass diese Folge nothwendig ist; allein wenn sie eintritt, wird man sich mit ihr wohl oder übel abfinden müssen, denn das allgemeine Interesse muss den besonderen vorangehen. Ich glaube aber nicht, lediglich vom Standpuncte des Mediciners gesprochen zu haben.

Der Luftzug unseres stürmischen Jahrhunderts streicht auch durch die Hörsäle unsrer Bildungsanstalten, des Gymnasiums und der Universität. Vieles haben wir sorglich festzuhalten, damit es nicht vorzeitig hinweggeweht werde, aber Manches sollen und müssen wir preisgeben. Mögen die erhaltenden Kräfte auf das Wichtigste concentrirt werden; die Entscheidung ist schwer, nur die Einsicht Vieler kann zu einer weisen Verständigung führen. Eine solche wird auch bei uns nicht ausbleiben, und jene Zugluft wird sich schliesslich, darauf vertraue ich, wohlthätig erweisen.