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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

STAND UND AUFGABE DER ALTTESTAMENTLICHEN WISSENSCHAFT IN DER GEGENWART

REKTORATSREDE GEHALTEN AN DER 77. STIFTUNGSFEIER DER UNIVERSITÄT BERN

AM 25. NOVEMBER 1911
VON
PROFESSOR D. KARL MARTI
BERN
AKADEMISCHE BUCHHANDLUNG VON MAX DRECHSEL 1912.

BUCHDRUCKEREI E. BOLLMANN, LAUPEN-BERN.

VORBEMERKUNG.

Auf mehrfachen Wunsch gebe ich im Drucke einige Anmerkungen biographischen und bibliographischen Inhalts. Die biographischen Angaben möchten dazu dienen, dass die Namen für die Leser etwas Leben bekommen, und die bibliographischen Verweisungen sollen denen etwelche Hilfe leisten, die sich weiter in den Stoff zu vertiefen wünschen. Wenn in der Rede und in den Anmerkungen manche Namen und Bücher vermisst werden, so rührt das davon her, dass ich ein vollständiges Verzeichnis der Arbeiter und Arbeiten auf dem alttestamentlichen Gebiete weder geben wollte noch konnte, sondern mich auf die charakteristischen Leistungen zu beschränken hatte, welche den Fortschritt der Wissenschaft erkennen lassen.

Vor einem Jahr ist die Schrift erschienen: Sigfrid oder Christus?! 1 Sie fordert nichts weniger "als die Ausmerzung des Christentums als eines Fremdkörpers auf deutschem Boden". Das Interessante an diesem "Kampfruf" ist, dass der ungenannte Verfasser den "christlichen Glauben nur als äussere Unterwerfung unter eine einmalige Offenbarung kennt"2. Denn damit liefert er ein eclatantes Beispiel für die Unkenntnis, welche in weiten Kreisen auch der Gebildeten von der Stellung der wissenschaftlichen Theologie zur heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments herrscht, eine Unkenntnis, welche die Theologen noch auf dem Standpunkt der mittelalterlichen Scholastik wähnt und darum auch meint, die ganze Theologie und damit zugleich den christlichen Glauben mit dem blossen Nachweis der Unrichtigkeit irgend einer biblischen Anschauung über den Haufen werfen zu können, etwa mit der einfachen Feststellung, dass die wissenschaftliche Geologie im Widerspruch stehe mit der Erzählung von der Weltschöpfung im ersten Kapitel des Alten Testaments.

Es ist mir deshalb eine Freude, dass mir heute nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten ist, zu Ihnen von meinem Fache und der Arbeit, die in demselben geleistet wird, zu sprechen. Denn wer auch nur einen flüchtigen Blick in die Arbeit dar theologischen Wissenschaft tut, muss sehen, dass mit Windmühlen kämpft, wer mit jener verkehrten Auffassung von Theologie und christlichem Glauben zu Felde zieht. Allerdings kann ich nur von der alttestamentlichen Wissenschaft sprechen, aber auch dieser Ausschnitt der gesamten Theologie ist viel zu reich und zu

gross, um mehr als eine rasche Uebersicht der Arbeit der letzten Jahrzehnte und dessen, was in ihnen erreicht ist und was noch als Aufgabe vor uns steht, zu gestatten. Und wenn nicht nur schöne Resultate sich vorführen lassen, sondern auch von grossen Problemen zu sprechen ist, so ist das schon ein Beweis, dass von einer Beugung des Intellectes unter eine einmal gegebene Wahrheit keine Rede sein kann.

Wer den heutigen Stand der alttestamentlichen Wissenschaft verstehen will, muss mindestens auf die Bewegung zurückblicken, die vor etwas mehr als dreissig Jahren mächtig eingesetzt hat. Es war im Jahre 1878, da das epochemachende Werk von JULIUS WELLHAUSEN 1: Die Geschichte Israels I. Band 2 erschien. Er fasste in klarer Darstellung zusammen, was namentlich auf dem Gebiete der Erforschung der fünf Bücher Mose gearbeitet war, seitdem im Jahre 1753 der französische Arzt JEAN ASTRUC (U 1766 in Paris)3 erkannt hatte, dass dem Zusammensteller des ersten Buches Mose eine ganze Reihe von verschiedenen Quellen müsse vorgelegen haben, und brachte die mehr als hundertjährige Bewegung insofern zu einem gewissen Abschluss, als er in überlegener Beweisführung die neue Auffassung begründete.

WELLHAUSEN hatte Vorgänger genug: DE WETTE 4 hatte V bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts deutlich eingesehen, dass die fünf Bücher Mose nicht den Charakter historischer Urkunden, sondern viel eher die Art episch-poetischer

Erinnerungen eines Volkes über seine Vergangenheit an sich tragen. Andre Forscher hatten nachgewiesen, dass die Zusammensetzung aus verschiedenen "Quellen" nicht nur im ersten Buche Mose, sondern auch in den folgenden in ähnlicher Weise vorliege, und wieder andre waren dazu fortgeschritten, die einzelnen Quellen nach ihrer besonderen Art zu charakterisieren. Schon 1833 hatte EDUARD REUSS 1 die grossen Ergebnisse richtig in den kurzen Sätzen formuliert: Die Propheten sind älter als das Gesetz und die Psalmen jünger als beide, und kurz nachher 1835 ahnte J. K. WILHELM VATKE 2 bereits den wirklichen Gang der Geschichte der israelitischen Religion voraus. Ein Schüler von REUSS, KARL HEINRICH GRAF 3 zog dann die richtige Konsequenz, dass der sogenannte Priester-Kodex, wie man die eine Quelle nennt, die jüngste der Quellenschriften der fünf Bücher Mose sei.

Auch standen WELLHAUSEN treffliche Mitarbeiter zur Seite: Der Holländer ABRAHAM KUENEN 4 veröffentlichte damals seine wirkungsvollen Aufsätze über manche schwierige Abschnitte der fünf Bücher Mose, der Engländer WILLIAM ROBERTSON SMITH 5 vertrat in seinen Vorträgen dieselbe Auffassung von der Entstehung des Alten Testaments 6 und der Bischof JOHN WILLIAM COLENSO 7 in Natal zeigte, DE WETTE folgend, dass die Berichte der fünf Bücher Mose die grössten realen Schwierigkeiten bereiten. 8 BERNARD DUHM (jetzt Professor in Basel) hatte schon 1875 seine

Theologie der Propheten als Grundlage für die innere Entwicklungsgeschichte der israelitischen Religion geschrieben und BERNHARD STADE 1 bereitete jene grosse Geschichte des Volkes Israel vor, die in der Oncken'schen Sammlung erschienen ist.

Was den Darlegungen WELLHAUSENs durchschlagende Kraft verlieh, war, dass er auf Grund seiner genauen philologisch-kritischen Untersuchung der Bücher Mose und Josua nicht nur eine umfassende Darstellung der Argumentation bot, sondern auch die in diesen Büchern klargelegten Quellen zu dem Verlauf der israelitischen Geschichte in enge Beziehung brachte und auf diese Weise zeigte, wie sich dieselben in die Geschichte einordneten und wie sich so nach der neuen Auffassung ein festgefügtes Gebäude vom Werdegang der Geschichte und Religion des Volkes Israel und der Entstehung seiner Literatur ergab.

Danach stand es fest, dass zwei ältere volkstümliche Erzählungsreihen aus der Zeit des getrennten Reiches, welche die Traditionen des Volkes über seine Vorgeschichte, seine Entstehung und die Eroberung Kanaans wiedergeben, zu erkennen sind, Erzählungsreihen, die wir nach einem charakteristischen Unterscheidungsmerkmale: dem Gebrauch des Gottesnamens, die jahwistische und die elohistische nennen, und die in ihren Darstellungen die Anschauungen der Königszeit widerspiegeln, wie wir sie aus den Geschichtsbüchern und aus den Propheten dieser Zeit als im Volke lebendig kennen. In trefflicher Darstellung werden hier die Bilder der Patriarchengestalten entworfen, die Ereignisse des Wüstenzuges und die Grundzüge des Gesetzes, der Ordnung des Zivil- und Kriminalrechts und des Kultus, gezeichnet. Man spürt die Freude der Erzähler darüber, wie Jakob den Aramäer Laban überlistet, aber erkennt auch den Glauben an die Vorsehung Gottes, der die Geschicke Josephs zum Guten wendet.

Ganz andrer Art als diese im achten Jahrhundert aufgezeichneten Volkserzählungen ist die Quelle, die im fünften Buche Mose vorliegt. Sie enthielt ursprünglich nichts

als Gesetz, und zwar nach Inhalt und Geschichte das Gesetz, das von dem König Josia im Jahre 621 in Juda als Staatsgesetz eingeführt wurde, mit der dreifachen Forderung: Ein Gott, ein Tempel, ein Klerus. Es will den Kultus, den die Propheten angriffen und verwarfen, durch die Konzentration aller Opfer und Feste nach der Hauptstadt und durch die Beseitigung der alten von den Kanaanäern übernommenen Heiligtümer und Kultgebräuche reinigen. Die mit Hilfe der historischen Nachrichten über die Reform Josias im zweiten Königsbuch gelungene sichere Festlegung dieses deuteronomischen Gesetzes, das auch sonst nur einerseits als Wirkung der prophetischen Bewegung und andrerseits als Ausgangspunkt der späteren gesetzgeberischen Tätigkeit verstanden werden kann, ist für die Kenntnis der Geschichte der israelitischen Religion ein fester Angelpunkt geworden, der sich selbst Forschern als unverrückbar erwiesen hat, welche im übrigen nicht allen Aufstellungen der historisch-kritischen Schule beipflichteten.

Als letzte Quelle der fünf Bücher Mose und des Buches Josua ergibt sich die grossartige Geschichtsdarstellung des sog. Priester-Kodex, der unter den jüdischen Exulanten in Babylonien im fünften Jahrhundert entstanden und 444 in Jerusalem zum Grundgesetz des Judentums erhoben ist. Grossartig ist diese Darstellung zu nennen, weil sie die Geschichte der Natur und der Menschen in eins zusammenfasst. Die Weltschöpfung ist der Anfang der Menschheitsgeschichte, und das Ziel derselben ist die Einrichtung des mosaischen Kultus und die Besitznahme Kanaans durch das Volk Israel. In geordneter Stufenfolge leitet Gott die Geschichte zu diesem Ziel und alles verläuft in wohlabgestuftem Fortschritt: Nach der Weltschöpfung wird der Sabbat, nach der Sintflut das Blutverbot, bei Abraham die Beschneidung und erst bei Mose der Opferkult eingesetzt, sodass dieser Erzähler von Opfern in der Patriarchenzeit nichts weiss. Gott selber ist den ersten Menschengeschlechtern nur als Gottheit (elohim), dann den Patriarchen als allmächtiger Gott (el schaddaj) und erst Mose mit seinem eigentlichen Namen Jahwe bekannt. Es fehlen allerdings

in dieser Darstellung die farbenreichen Bilder aus dem Leben der Patriarchen, die in den volkstümlichen Quellen sich finden; an ihre Stelle treten blasse Schemata und graue Theorie, Zahlen und Genealogien. Aber verschwunden sind auch die Fehler der Erzväter: sie werden gewöhnlich verschwiegen oder bisweilen sogar in Tugenden umgedeutet. So muss z. B. Jakob nicht deshalb nach Mesopotamien ziehen, weil er seinen Vater betrogen hat und den Hass seines Bruders fürchtet, sondern weil er seinen Eltern nicht dasselbe Herzeleid bereiten will wie sein Bruder Esau, der statt unter der Verwandtschaft in Mesopotamien sich seine Frauen unter den Heldinnen des Landes gesucht hat. Man sieht, diese Quelle konstruiert die Geschichte nach der Theorie eines frommen jüdischen Exulanten, dem der richtig geübte Kultus im Tempel zu Jerusalem das heilige Ziel und damit auch die Vorbedingung ist, dass der alleinige universale Gott seinem Lieblingsvolke der Israeliten das messianische Heil schicken könne.

Natürlich erfolgte die Annahme dieser Ergebnisse nicht auf einen Tag; aber nach und nach gewann diese Anschauung immer mehr Boden, sodass selbst Gegner wie FRANZ DELITZSCH 1, SAMUEL OETTLI 2 u. a. die Quellenscheidung akzeptierten und von einer Voranstellung des Priesterkodex nicht mehr redeten. Bis heute stehen die Grundzüge dieser Aufstellung fest, daran vermögen auch die jüngsten Angriffe von EERDMANS, MÖLLER und WIENER 3 nichts zu ändern.

Mit der klaren Bestimmung des Charakters und der Entstehungszeit der Quellen in den fünf Büchern Mose war der Anfang zu neuem freudigen und erfolgreichen Arbeiten auf dem Gebiet der alttestamentlichen Wissenschaft gemacht. Solange das erste Kapitel der Bibel als Ausgangspunkt der alttestamentlichen Literatur und Religion gelten musste, lag ein lähmender Alp auf der alttestamentlichen Forschung; jetzt war der Wissenschaft freie Bahn gegeben und die Aussicht eröffnet auf die Lösung alter und neuer wichtiger Probleme, die das Alte Testament stellte.

Als Sammelpunkt für die neu erwachte lebhafte Arbeit zur Erforschung des Alten Testaments gründete STADE 1881 die Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. 1 Zugleich begann er das literar-kritische Problem auf die Prophetenschriften auszudehnen, worin ihm andre Forscher, wie besonders DUHM, mit schönen Ergebnissen folgten. Es ergab sich, dass auch in den meisten Prophetenschriften nicht ursprüngliche Aufzeichnungen der Propheten, sondern Sammlungen einer späteren Zeit vorliegen, die aus Bestandteilen der verschiedensten Jahrhunderte zusammengesetzt sind. So enthält das Buch Jesaja nicht nur die Worte des Propheten Jesaja aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und des grossen Ungenannten aus der Mitte des 6. Jahrhunderts, sondern eine ganze Bibliothek wertvoller prophetischer Stücke aus dem 8. bis 2. Jahrhundert, und nicht minder ist das Zwölfprophetenbuch eine solche Zusammenstellung von prophetischen Worten aus mehr als einem halben Jahrtausend von 750 bis c. 100 v. Chr. Im Buche Jeremia sind mit den Dichtungen des Propheten biographische Abschnitte und paränetische Stücke vereinigt. Als einheitliches literarisches Ganze steht am ehesten das Buch des Propheten Hesekiel da.

Ueberall war es dabei nicht nur auf literarkritische Untersuchungen abgesehen, sondern man hatte die Geschichte des Volks und der Religion im Auge. Das war gerade bei den Propheten ausserordentlich folgenreich. Jetzt traten diese Gestalten klar und rein hervor, nicht mehr belastet mit Ideen, die eine ihnen fremde Zeit in ihre Schriften hineinbrachte.

Sie waren jetzt nicht mehr Personen unverständlichen Charakters, sondern ganze Persönlichkeiten, die in ihrer Zeit lebten und darin eine feste Stellung behaupteten. Nicht mehr wohnen zwei Seelen in ihrer Brust, die eine der Gegenwart, die andre der fernsten Zukunft zugewandt, sie leben und kämpfen ganz in ihrer Gegenwart und vertreten in wunderbarer Kraft eine hohe geistig-ethische israelitische Religion, die in Erstaunen setzt.

Wie im Gesetz der Priesterkodex, so mussten in den Prophetenschriften neben andern Stücken besonders die ausführlichen Schilderungen der eschatologischen Heilszeit in die nachexilische Periode verwiesen werden 1; und so vollzog sich nach und nach in der Betrachtung der alttestamentlichen Literatur ein merkwürdiger Wandel. Galt früher die Zeit nach dem Exil sozusagen durch keine Literaturprodukte im Alten Testament vertreten und klaffte eine öde Leere zwischen Altem und Neuem Testament, so belebte sich jetzt diese Periode immer mehr: es war die Zeit, wo das Gesetz ausgebildet, wo die Erwartungen der Propheten in grossen Gemälden ausgeführt, wo die Tempelpsalmen gedichtet und gesungen, wo die Lebensweisheit in Sprüche gefasst und tiefe Probleme wie die vom leidenden Gerechten behandelt wurden, wo der Chronist die ganze alte Geschichte nach der neuen gesetzlichen Anschauung entwarf. Jetzt fehlte schon literarisch der Uebergang von der alttestamentlichen Sammlung zu der apokryphischen und pseudepigraphischen Literatur nicht mehr: die Apokalypse Daniels führte hinüber zu der Apokalypse Henochs, die Sprüche Salomos zu den Sprüchen Jesus Sirachs, die Psalmen Davids zu den sog. Psalmen Salomos, die Erzählungen von Ruth und Esther zu Tobias und Judit und die Geschichtsdarstellung der Chronik zu den Makkabäerbüchern und den Jubiläen 2.

Von selbst ergaben sich im Anschluss an die literar-kritische Forschung neue Fragen, die noch viel ernstere

Dinge als die Entstehung der altestamentlichen Schriften, nämlich die Geschichte und Entstehung des Volkes Israel und seiner Religion, sehr nahe berührten. Sind nämlich die ältesten Quellen erst in der Königszeit entstanden, so ist doch nach der Glaubwürdigkeit ihrer Nachrichten zu fragen: Wie sind die Traditionen über die Urzeit zu betrachten? Was ist von den Patriarchen zu halten? Wie ist das Volk Israel entstanden und wie verhält es sich mit seinem Aufenthalt in Ägypten und der Stiftung seiner Religion? Dass die Ueberlieferungen Israels ganz so zu beurteilen seien wie die Ueberlieferungen anderer Völker, also nicht als reine, lautere Geschichte, konnte nicht mehr zweifelhaft sein; dass jedoch in der Wertung der Erzählungen unter den verschiedenen Forschern nicht völlige Einigkeit herrscht, ist begreiflich. Im allgemeinen aber gewann man, da an eine Rekonstruktion der früheren Geschichte nach den alttestamentlichen Quellen nicht zu denken war, für die Zeit von Mose ab folgendes Bild: Die Stämme, aus denen später das Volk Israel sich bildete, hatten ihren Wohnsitz in der Halbinsel Sinai. Von dort traten einzelne Teile auf ägyptischen Boden über. In Ägypten wurden diese bald zu harter Arbeit gezwungen und hatten daher den Wunsch nach Befreiung. Als Helfer kam ihnen vom Sinai her Mose, der Bote des dort verehrten Gottes Jahwe. Die Befreiung gelang, die Vereinigung mit den verwandten Stämmen, die am Sinai geblieben waren, erfolgte in der Gegend von Kades. Mose blieb auch fernerhin der Führer und Leiter der Israeliten und begleitete sie, da der Eintritt von Süden her nach Kanaan misslang, um das tote Meer herum bis ins Ostjordanland. Von dort aus gelang dann nach seinem Tode nach und nach die Eroberung und Durchdringung des Westjordanlandes. Die Religion, welche sie vom Sinai brachten, hielt die Israeliten auch in Kanaan zusammen, und so viel sie von der Kultur der Kanaanäer annahmen, Jahwe blieb ihr Gott und siegte über Baal und Kanaan; die israelitischen Halbnomaden wurden mit der Zeit ein israelitisches Bauernvolk und ihr Gott Jahwe der Eigentümer des Landes Kanaan. Der Gott Jahwe war übrigens, wie sich schon bei der genauen historischen

Betrachtung der Ueberlieferung ergibt, am Anfang nicht das ausschliessliche Eigentum Israels; andre Völker, die am Gottesberg am älanitischen Golfe wohnten, wie die Keniter und Midianiter, verehrten Jahwe auch, und wie wir anderswoher wissen, war er auch ein in Babylonien und Syrien bekannter Gott. Gleichfalls war Jahwe bei den Israeliten nicht am Anfang schon der eine und einzige Gott, aber er unterschied sich alsbald deutlich von dem Berggott vom Sinai; denn er war nicht an diese Stätte gebunden und keine Naturgottheit, sondern ein Gott der Geschichte, ein Gott, der soziale und ethische Forderungen an sein Volk stellte.

Diese ganze grosse Bewegung, die sich in der Beurteilung und Bewertung der alttestamentlichen Schriften und ihrer Bedeutung vollzog, war begleitet und gefördert von den Entdeckungen, welche die Ausgrabungen in Mesopotamien und Ägypten brachten. 1 Schon lange vorher kannte man allerdings die wertvollen Bilder von Ninive und Korsabad, durch die das Leben und die Gebräuche jener Zeiten vor unsern Augen auferstanden, geschichtliche Ereignisse dargestellt und die grossen, im Alten Testament genannten assyrischen Könige Salmanassar, Sargon, Sanherib u. a. zu vertrauten Gestalten wurden. Aber die Steine fingen erst damals an zu sprechen und ihre Inschriften genauer entziffert und gelesen zu werden. Schon 1876 hatte der geniale, aber unglückliche Entdecker und Entzifferer GEORGE SMITH 2 die chaldäische Genesis (The Chaldaean Account of Genesis, London 1876) herausgegeben, also die keilinschriftlichen Parallelen zu den biblischen Darstellungen der Sintflut und andrer Erzählungen bekannt gemacht. Dann folgte, um nur das allerwichtigste und bedeutsamste für das Alte Testament zu nennen, die Entdeckung der Tell-el-Amarna-Tafeln

(1887), die neben dem Adapa-Mythus, einer Parallele zur Erzählung vom Sündenfall, die politische Korrespondenz von Amenophis III. und IV. mit den ägyptischen Vasallen in Palästina und Phönizien um 1400 v. Chr. enthalten, in welcher sich auch mehrere Briefe Abdi-chibas, des ägyptischen Vasallen in Urusalimmu (Jerusalem) befinden, eine Entdeckung, durch die mit einem Mal ein ungeahntes Licht auf die Verhältnisse in Palästina vor dem Einzug der Israeliten geworfen wurde. Dann entdeckte im Jahre 1896 FLINDERS PETRIE in den Ruinen von Mernephtas Totentempel die Stele, die unter den Besiegten dieses Pharaos von c. 1220 v. Chr. auch die Israeliten erwähnt, und im Winter 1901/2 fand der. Leiter der französischen Ausgrabungen, P. SCHEIL, in Susa in Persien die Gesetze Hammurapis, ein Gesetzbuch, das aus dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. stammt und demgemäss zur Beurteilung der alttestamentlichen Gesetze ausserordentlich wichtig ist. Schliesslich sei noch der neueste, erst eben jetzt durch SACHAUs Publikation genauer bekannt gewordene grosse Fund aramäischen Papyri von Elephantine in Ägypten aus dem 5. Jahrh. v. Chr. erwähnt, der uns nicht nur von dem Dasein und Leben einer jüdischen Militärkolonie im äussersten Süden Ägyptens und dem Vorhandensein eines Jahwetempels daselbst Kunde gibt, sondern auch Bruchstücke der Geschichte und Sprüche Achikars und manche andere wertvolle Dokumente uns vermittelt.

Dazu kommt noch der Ertrag einerseits der Ausgrabungen in Palästina selbst, besonders in Ta'annek und Mutesellim in der Ebene Jezreel (unter Leitung SELLINs und des deutschen Palästina-Vereins) und in Gezer im Südwesten Palästinas (unter Leitung des Engländers MACALISTER) und andrerseits der Erforschung der altsemitischen Reste in den Anschauungen des jetzigen Volkes (durch den Amerikaner SAMUEL IVES CURTISS 1, sowie das sonstige reiche Material an keilinschriftlichen und ägyptischen Texten 2: Mythen, Erzählungen, Hymnen, Psalmen, Zauberformeln, die nach

und nach entziffert und übersetzt worden sind, und ganz besonders jetzt auch die Fülle von religionsgeschichtlichen Kenntnissen, die uns aus den Gebieten der semitischen 1 und der primitiven Völker von allen Seiten zuströmen.

Das alles wurde, soweit es vorlag, von der alttestamentlichen Forschung mit Freuden begrüsst und verwertet, zumal sich die Funde und Entdeckungen als ein wichtiges Hilfsmittel zur Bestätigung der wissenschaftlichen Auffassung vom Alten Testament erwiesen. Es seien nur einige Punkte hervorgehoben:

Die Parallelen zur Urgeschichte bestätigen den Schluss, den die Wissenschaft gezogen, dass im ersten Buch Mose nicht historische Berichte über die Weltschöpfung, den Sündenfall, die Vorväter und die Sintflut vorliegen, sondern die israelitische Formulierung von altem Gut, das der alten Welt gemeinsam war. Zugleich ergibt die Vergleichung, dass die ältesten fremden Darstellungen von Schöpfung und Sintflut den Abschnitten im Alten Testament am ähnlichsten sind, welche die Kritik schon vorher als die älteren hingestellt hatte, und dass die israelitische Fassung eine höhere und reinere religiöse. Vorstellung aufweist.

Die Tell-el-Amarna-Tafeln und die Funde von Ta'annek und Megiddo, die in die gleiche Zeit gehören, bekunden, dass vor dem Einzug der Israeliten in Kanaan das Land mächtige Einflüsse von Osten (Assur-Babylonien) und Süden (Ägypten) erfahren hatte. Die Keilschrift diente nicht nur den Diplomaten zur internationalen Korrespondenz, sondern auch den kleinen Fürsten des Landes im internen Verkehr. Ferner erfährt man, wie zerfahren gerade vor dem Einzug die politischen Verhältnisse waren und dass an eine einheitliche Regierung nicht zu denken ist.

Das Hammurapigesetz bestätigt ganz und gar die wissenschaftliche Annahme von der Entstehung des israelitischen Gesetzes; denn es ist weder mit Deuteronomium noch mit Priesterkodex, sondern nur mit dem ältesten Gesetz, dem sog. Bundesbuch (Ex. 21-23), zu vergleichen, das die bürgerlichen

Verhältnisse ordnet. Das älteste israelitische Gesetz ist aber weder ein Werk Moses, da das ähnliche babylonische Gesetz um beinahe tausend Jahre älter ist als Mose, noch eine direkte Entlehnung aus Babel, sondern die israelitische Form und Ausgestaltung derselben Rechtsgrundsätze, die Hammurapi für sein Volk kodifiziert hat, und wiederum zeigt sich wie bei den Erzählungen über Weltschöpfung und Sintflut der veredelnde und reinigende Einfluss der israelitischen Religion, wenn auch die Kultur Babyloniens zur Zeit Hammurapis einen höhern Stand erreicht hatte, als Israel in den Anfängen der Königszeit

Alles was Assyriologie und Aegyptologie zum Verständnis des Alten Testaments, der israelitischen Geschichte und Religion boten, wurde von der alttestamentlichen Wissenschaft verwertet und der ganze Ertrag der wissenschaftlichen Arbeit in zusammenfassenden Werken niedergelegt. Es erschienen zwei grosse neue Kommentare zum Alten Testament. 1 Die Geschichte Israels fand ihre Darstellungen von verschiedenen Gelehrten, STADE, GUTHE, WELLHAUSEN u. a. Die Geschichte der hebräischen Literatur wurde von WILDEBOER 2 und BUDDE-BERTHOLET 3 geschrieben und auch die Geschichte der israelitischen Religion wurde in grösseren und kleineren Werken geschildert. 4 In der grossen Encyclopädia Biblica schuf T. K. CHEYNE 5 ein ausführliches, wie GUTHE in seinem kleineren Lexikon ein handlicheres Nachschlagewerk. 6 Die Herausgabe des Textes des Alten Testaments in

der allgemeinen Verhältnisse der betreffenden Zeit zu Grunde zu legen.

Weiter erhob sich nach der Reinigung der Texte von späteren Stücken und Zutaten philologischer und theologischer Interpretation von selbst die Frage nach der poetischen Form. Denn die erkannten ursprünglichen Abschnitte zeigten weit über den parallelismus membrorum hinaus eine Gleichmässigkeit des Rhythmus in Zeilen und Strophen. Die Angaben der Alten, namentlich des Josephus, die man auf den Wunsch der Juden hatte zurückführen wollen, auch in der Poesie mit Römern und Griechen zu rivalisieren, kamen mit einem Mal zu Ehren. BUDDE 1 gelang es, ein bestimmtes Schema im hebräischen Klagelied zu entdecken, und bald zeigte es sich, dass derselbe Rhythmus auch ausserhalb des Klageliedes Verwendung fand und daneben noch manche andre Rhythmen beliebt waren. Ist es den vielen Gelehrten, die sich darum bemühten, BICKELL (U Wien) LEY (U Marburg), SIEVERS (Leipzig), GRIMME (Münster i. W.), D. H. MÜLLER (Wien), ROTHSTEIN (Breslau) u. a., auch bis heute nicht gelungen, in alle Geheimnisse der althebräischen Metrik einzudringen, so ist es doch sicher, dass auch die hebräische Poesie in ihren Versen und Strophen einen gleichmässigen Rhythmus forderte. Können wir nicht die Silben, sondern nur die Versfüsse, die einzelnen Versglieder zählen, so liegt das daran, dass wir die alte Aussprache der alttestamentlichen Texte nicht kennen, da dieselben uns in der Aussprache überliefert sind, welche das Hebräische im letzten Stadium seiner Geschichte als lebendige Sprache gewonnen hatte.

So war die wissenschaftliche Arbeit am Alten Testament durch die historisch-kritische Methode mächtig gefördert, die Kenntnis der politischen und religiösen Geschichte Israels bedeutend vertieft, der Horizont durch die Entdeckungen erweitert

und das Volk Israel mit seiner Literatur, Religion und Geschichte in den grossen Zusammenhang des orientalischen Altertums einbezogen, sodass man auch Verwandtschaft und Eigenart Israels unter den Völkern des Ostens festzustellen suchte 1. Da begann vor ungefähr zehn Jahren zunächst ausserhalb der alttestamentlichen Forscher, bald aber auch bei einigen von ihnen selbst eine merkwürdige Wendung. Die Wasser des Euphrat und Nil sollten Israel gänzlich überfluten, so dass die stille und leise fliessenden Wasser Siloahs verschüttet zu werden drohten. Diese sogenannte panbabylonische Strömung war durch den Vortrag über Babel und Bibel eingeleitet, den der Berliner Assyriologe FRIEDRICH DELITZSCH am 13. Januar 1902 in Berlin hielt und in dem der berühmte Assyriologe die Weiterbildung der Religion fördern wollte, d. h. im Grunde allerdings nicht viel mehr wünschte, als was die alttestamentliche Wissenschaft schon leistete, aber mit Recht verlangte, dass diese Erkenntnisse nicht nur auf der Universität heimisch sein sollten, sondern auch überall in den Kreisen der Gebildeten gewusst und in der Lehre der Kirche nicht ignoriert würden. Bei dieser berechtigten, von den Alttestamentlern schon lange vertretenen Forderung blieb es aber nicht. Es kam die Flut des Panbabylonismus in seinen verschiedenen Abstufungen und merkwürdigerweise vielfach mit einer Neigung zur Rückkehr zu älteren vor kritischen Positionen verbunden.

Die verschiedenen Abstufungen lassen sich nicht rein von einander unterscheiden, aber einzelne Hauptrichtungen lassen sich doch aufweisen. Am reinsten ist der Panbabylonismus, d. h. die Anschauung, dass nahezu alles in Israel auf die babylonisch-assyrische Weisheit zurückgehe, bei denjenigen Gelehrten vertreten, welche als Ausgangspunkt aller religiösen Anschauung und geschichtlichen Tradition die Entsprechung des Himmelsbilde mit dem Geschehen auf Erden ansehen. Sie führen so einerseits alles auf Darstellung der Ereignisse am Himmel zurück, sodass das Gilgameschepos als älteste Darstellung des Sonnenlaufes sich in allen möglichen

kaleidoskopischen Variationen in den geschichtlichen Ueberlieferungen der Israeliten, wie auch der übrigen Völker wiederfinden soll; und andererseits halten sie dafür, dass die Astralreligion mit monotheistischer Spitze als Geheimreligion auch die Religion Israels in mosaischer Zeit beeinflusst und geleitet habe. JENSENs Gilgamesch-Epos 1 hat mit seinen Uebertreibungen wider Willen die Unhaltbarkeit dieser These allen deutlich gemacht, und die Annahme einer alles beherrschenden ursprünglichen Astralreligion samt einem geheimen Monotheismus ist durch keine Dokumente und keine Forschung erwiesen, sondern je weiter die Religionsforschung fortschreitet, zeigt sich, wie die alttestamentliche Forschung es für Israel aufstellte, der Geisterglaube, der Glaube an eine Vielheit von göttlichen Mächten, als Ausgangspunkt der Geschichte der Religion.

Ueberboten und überwunden ist aber der Panbabylonismus direkt durch die immer weitergreifende Einsicht, dass nicht die Babylonier allein das Wort, ja nicht einmal das erste Wort im Orient haben. Selbst in Babylonien führen den Reigen vor den Semiten die Sumerer, und auch sonst weitet sich der Horizont der Geschichte in ungeahnter Weise. HUGO WINCKLER (in Berlin), früher der eifrigste Befürworter des babylonischen Einflusses auf Palästina, hat selber in Bogatzköi glückliche Entdeckungen gemacht, die auf die Macht einer ganz anderen Rasse als der semitischen hinweisen und zeigen, dass die Cheta neben den Babylonier-Assyrern in alter Zeit auf dem Plan waren. Hat HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN 2 in mehr dilettantenhafter Weise aus der Art des Christentums geschlossen, dass der Stifter desselben nicht-semitischen Ursprungs sei, und hat PAUL HAUPT in gelehrter Weise die nicht rein semitische Herkunft der Bevölkerung von Galiläa durch den Hinweis auf die von den Assyrern nach Galiläa deportierten Völkerschaften zu

begründen versucht, so tritt jetzt MARTIN GEMOLL 1 auf, der sich getraut, beweisen zu können, dass Palästina einst von einer indogermanischen Bevölkerungsschicht bewohnt gewesen und dass "die israelitische Religion dem nachmaligen Volke Jahwes von Indogermanen überkommen sei." Es seien der Erzvater Abraham und der Priester Aharon mit dem iranischen Gott Ahura identisch und diese bereits der indogermanischen Vorzeit angehörige Gottheit Ahura sei zweifellos auch in Assur, dem Hauptgott des assyrischen Pantheons, wiederzufinden. Und GEMOLL steht gewissermassen zur Seite C. FRIES, der an Homers Odysseus Züge eines indischen bhikshu (Mönchs) zu erkennen glaubt. Im Sinne dieser beiden löst sich also bereits der Panbabylonismus beinahe in eine Art Pangermanismus auf, und jedenfalls kommt ihnen das Verdienst zu, die Einseitigkeit des Panbabylonismus gebrochen zu haben, wie man denn auch nicht mehr nur nach Osten und Norden, sondern auch nach Süden und Westen schaut und neben der ägyptischen selbst die mykenische Kultur ihren Einfluss auf Palästina ausüben lässt.

So mündet der reine Panbabylonismus in die andre Hauptrichtung aus, die ich den modifizierten nennen möchte, der Babylon wohl den Löwenanteil belässt, aber auch die andern Völker des Orients herbeizieht zur Erklärung der Geschichte des Volkes und der Religion des Alten Testaments. Die Archäologie des gesamten Orients und die Literaturen sämtlicher Völker sollen die Argumente zu neuer Betrachtung des Alten Testaments liefern. Dass die alttestamentliche Wissenschaft den archäologischen und literarischen Funden viel zu danken hat, kann nicht genug anerkannt werden, aber es ist eine Ueberschätzung der Bedeutung dieser Entdeckungen, wenn man von ihnen sich die entscheidenden Massstäbe zur Beurteilung des Alten Testaments liefern und die Selbständigkeit und Eigenart des israelitischen Volkes ausser Augen lässt. Dieser Art eines modifizierten Panbabylonismus sind schon so ausgezeichnete Forscher zum Opfer gefallen wie unser berühmter Genfer


Landsmann EDUARD NAVILLE und der bekannte Giessener Alttestamentler HERM. GUNKEL. Der erstere meint von archäologischen Parallelen aus und der zweite von literarischen Vergleichungen aus die in genauer historisch-philologischer Kritik gewonnenen Resultate der alttestamentlichen Wissenschaft korrigieren zu können. So hat ED. NAVILLE 1, weil man in die Fundamente ägyptischer Tempel heilige Schriften einzumauern pflegte, geschlossen, dass das deuteronomische Gesetz, das unter Josia in Juda eingeführt wurde, von Salomo in der damals gebrauchten Keilschrift im Tempel zu Jerusalem niedergelegt und unter Josia bei der Reparatur des Tempels entdeckt worden sei: ein Schluss, gegen den sich die ganze Geschichte Israels und seiner Religion, wie die Philologie erhebt, und der auch dadurch nicht besser wird, dass er der alten traditionellen Auffassung näher steht als der wissenschaftlichen Ansicht. Und ebenso ist H. GUNKEL, der mit feinem Sinn und trefflichem ästhetischem Gefühl die Literaturgattungen 2 unterscheidet und auch in der Genesis die Erzählungen vorzüglich zu charakterisieren versteht, doch mit den meisten von denen, die um ihn sind, nicht davon freizusprechen, dass sie der Analogie der Literatur der Völker die Argumente des Alten Testaments und der Geschichte Israels opfern. Weil Aegypter und Assyrer-Babylonier Psalmen und Hymnen sangen, lange bevor Israel existierte, sollen im hebräischen Psalter diese und jene Psalmen der vorexilischen Zeit angehören, während die ruhige Erforschung des Alten Testaments zeigt, dass die Anschauungen, welche die Psalmen vertreten, nachexilisch sind. Das Alter der Schiller'schen Dramen ist doch nicht von der Entdeckung aus zu bestimmen, dass schon im griechischen Altertum diese Literaturgattung existierte; ästhetische Urteile genügen nicht, um Resultate der philologisch-historischen Forschung umzustossen.

Ich habe diese zwei hochverdienten Forscher genannt, um den Reiz zu zeigen, den die Macht des Altertums ausübt.

Es ist. begreiflich, dass noch andere weit mehr diesen Gefahren erliegen. Weil man in Aegypten Bruchstücke entdeckte, in denen die schlimmen Zustände der Gegenwart getadelt und für die Zukunft bessere Verhältnisse gewünscht werden, soll in diesen Stücken nicht nur das prophetische Schema vorliegen, das die Propheten Israels nachgeahmt hätten, sondern zugleich der Nachweis geliefert sein, dass die eschatologischen Hoffnungen in den Büchern der alten Propheten diesen selbst angehören. Weil sich in Assyrien Gebete eines leidenden Gerechten gefunden haben, soll Hiob mit diesen in eine Linie gehören, trotzdem dort die Lösung nur in der Wiederherstellung, bei Hiob aber in der bei aller Unruhe und Not errungenen Gewissheit einer in tiefstem Grunde an Gott festhaltenden Seele gegeben ist.

Die unmethodische Vergleichung von Bibel und Babel führt zu unbegründeten Einfällen und hat das Chaos herbeigerufen, das gegenwärtig in der alttestamentlichen Wissenschaft zu herrschen scheint. Phantasie und Zufall entscheiden vielfach statt genauer philologischer Akribie und Durchforschung der alttestamentlichen Literatur. Daher kommen heute viele neue Hypothesen auf, die mehr von der scharfsinnigen Kombination ihres Urhebers, als von seiner gründlichen Durchforschung des alttestamentlichen Stoffes zeugen; daher heute auch die überraschende Neigung zu früheren von der Wissenschaft überwundenen Positionen. Wie dieser Neigung derjenige gar leicht verfällt, der vom fremden Boden aus das Alte Testament beurteilt, auch wenn ihm noch so sehr daran liegt, Israel mit in die Wechselwirkung mit der allgemeinen Geschichte einzubeziehen, zeigt das sonst nach mancher Seite hin verdienstvolle im Lauf dieses Jahres erschienene Werk von LEHMANN-HAUPT: Israel. Seine Entwicklung im Rahmen der Weltgeschichte (1911). LEHMANN-HAUPT (in Berlin) behauptet im Gegensatz zu ED. MEYERS richtiger Methode: "Jede Ueberlieferung, die sich bei einem Volke über dessen eigene Vorgeschichte, wenn auch in sagenhafter Gestalt und Umkleidung erhalten hat, muss, so lange sie nicht geschichtlich und historisch-geographisch Unmögliches enthält, bis zum Beweise des

Gegenteils als im Kerne historisch angesehen werden". Wozu eine solche Methode führt, zeigt die Verwendung von 1 Mose 14; obschon LEHMANN-HAUPT die literarische Eigenart dieses Stückes, eines spätjüdischen Midraschs, kennt, verführen ihn antiquarische und geographische Namen, dasselbe als historisches Dokument zu gebrauchen. 1 Ebenso hätte die Ueberlegung der Art und Tendenz der Chronik ihn davon abhalten müssen, die Deportation Manasses nach Babel für Geschichte hinzunehmen. Verfehlt ist auch der andere sehr billige Grundsatz, daraus, dass sich Sagen an eine Gestalt angeschlossen haben, auf ihre Historizität zu schliessen, weil sich Sagen an grosse historische Persönlichkeiten anzuschliessen pflegen. So lässt sich die Historizität von Herakles und noch mancher andern reinen Sagengestalt beweisen. Dem Historiker ist es nicht zu verdenken, dass er die alttestamentliche Forschung nicht genau kennt; aber dann darf er auch nicht über dieselbe zu Gericht sitzen. Dilettanten und Uebergriffe schaden und können Unkundigen nur Sand in die Augen streuen.

Es kann nicht schwer sein, von da aus noch in wenigen Worten zum Schluss die Aufgabe der alttestamentlichen Wissenschaft zu kennzeichnen, nachdem davon schon bis dahin vielfach die Rede war. Die Unsicherheit und das Gefühl der Unselbständigkeit gegenüber den gewaltigen Stoffen, die sich von allen Seiten bieten, rühren doch davon her, dass dem Fundament der alttestamentlichen Wissenschaft vielfach zu wenig Rechnung getragen wird: der philologischen Akribie und genauen Durchforschung der alttestamentlichen Dokumente. Damit soll keiner alttestamentlichen "Myopie" das Wort geredet sein, aber gesagt werden, dass erst der, welcher diese Fundamentalarbeit getan hat, stark ist zur Vergleichung des fremden Materials und die Beleuchtung und Belehrung verstehen kann, die ihm von aussen gebracht wird. Was

diese philologische Arbeit alles einschliesst, kann nur angedeutet werden: genaue sprachliche Kenntnisse, Geschichte der Entstehung des Textes und seiner Ueberlieferung, Vergleichung der alten Versionen, genaue Unterscheidung der Quellen und Bestimmung ihrer Zeit und ihres Charakters. Schon das wird zeigen, dass das Alte Testament nicht nur ein Teil der babylonischen Literatur ist.

Aber es gilt noch viel Grösseres zu leisten: es muss jetzt die Eigenart der Geschichte und Religion viel genauer als früher präzisiert werden und zwar vor allem im Vergleich mit den andern Religionen. Mit allgemeinen Urteilen und einer Betrachtung des Alten Testaments als einer einheitlichen Grösse kommt man nicht mehr aus. Es muss zu einer Unterscheidung der verschiedenen Höhenlagen geschritten werden, welche die Religionen des Volkes, der Propheten und des Gesetzes einnehmen, und das führt unfraglich zu einer besonderen Würdigung der israelitischen Propheten und der besonderen Art ihrer Religion, und dabei wird sich die Originalität des Alten Testaments in deutlichster Weise erzeigen. Die grosse Reihe der israelitischen Propheten von Amos bis auf Deuterojesaja sind die Vertreter einer innerlichen Religion, für die andre Völker des Altertums nur hie und da einen Ansatz aufweisen, der aber ohne Fortsetzung bleibt. Es ist im Grunde eine ganz neue Religion, die mit Amos, Hosea, Jesaja, Micha, Jeremia und Deuterojesaja anhebt. Im Gegensatz zu der alten antiken Religion überhaupt, die mit magischen und mechanischen Mitteln einen Zwang auf die Gottheit ausüben will, ist sie eine geistig-ethische Religion, für die die Gottheit eine ins Leben eingreifende, das Leben umgestaltende Macht bedeutet. Die Prophetenreligion ist eine Kraft, die im Menschen und auf sein Verhalten wirkt, die den Menschen mit innerer Notwendigkeit zu ethischem Verhalten zwingt.

So tritt mit den Propheten eine neue Weltanschauung auf den Plan, die gegenüber der antiken Weltanschauung und Lebensbetrachtung einen wichtigeren Fortschritt bedeutet als das copernikanische Weltsystem gegen das ptolemäische und die moderne Weltanschauung gegen diejenige früherer

Jahrhunderte. Das aufzuzeigen und deutlich zu machen unter Vergleichung der übrigen Religionen, ist die höchste Aufgabe der alttestamentlichen Wissenschaft, aber es ist auch für die Gegenwart von allererster Wichtigkeit. Denn da in weiten Kreisen unserer Zeitgenossen noch die antike Religionsauffassung oder doch die Meinung herrscht, selbst das Christentum vertrete noch die alte Anschauung von der Religion als einer Veranstaltung zur Einwirkung auf die Gottheit, so kann nicht genug auf diese alttestamentlichen Propheten hingewiesen werden, die ganz anders von der Religion denken und die uns darum noch ungeheuer viel zu sagen haben. Sie mahnen uns gerade in unsern Tagen, da man in theosophischen und andern geheimen Zirkeln christliche Religion zu üben meint und da man vielfach das Heil in der gänzlichen Trennung der Kirche vom Staate erblickt, endlich in der Religion alles Magische und Mechanische abzutun, ja nicht die Religion auf das Kultische einzuschränken, noch sie von der Einwirkung auf das gesamte Leben, das private und das öffentliche, immer mehr abzuschliessen.

Wer diesen Charakter der prophetischen Religion bedenkt, wird auch erkennen, dass die Propheten die Vorläufer der christlichen Religion sind und mit dem Christentum in eine Linie, ja fast in dieselbe Höhenlage gehören. Darum darf ich wohl, wie einst der indische Denker Vivekananda von Buddha und seinen Vorgängern gesagt hat: "Buddha war gross, aber es waren in gewissem Sinne noch grösser die stillen Denker, die ihm vorangehen", ohne dass damit Jesus, dem Vollender der prophetischen Religion, zu nahe getreten werden soll, wenigstens sagen: Jesus ist unser höchster Führer, aber es waren in ihrer Art auch gross und bleiben in gewissem Sinne auch unsere Führer die grossen alttestamentlichen Propheten, die ihm vorangingen.