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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Ueber endemischen Kretinismus.

Rede zur

Feier des Jahrestages Gründung der Hochschule in Bern, gehalten

am 14. November 1840
Dr. Herrmann Demme,

öffentl. ordentl. Professor und d. Z. Rektor.

Bern.
Gedruckt bei Chr. Fischer.
1840. .

Ueber endemischen Kretinismus. .

Hochachtbare Versammlung!

Im Auftrage des akademischen Senates begrüsse ich Sie am heutigen Tage und heisse Sie, in dankbarer Anerkennung Ihrer Theilnahme, froh willkommen!

Vereinigung in dieser Halle gilt dem Andenken des Tages, an welchem vor sechs Jahren unsere Hochschule in's Leben trat. In ernster Feier, an geweihter Stätte, riefen wir damals den Schutz des Höchsten für die neue Gründung an; gelobten wir, unsere besten Kräfte ihr zu weihen. Und bis dahin ist jenes Gebet gütig erhörte dieses Gelübde treu erfüllt worden; — dankbaren Sinnes und ruhigen Bewusstseins erneuern wir heute Beide.

Lebhaft sieht die allgemein bewegte Stimmung jenes Weihetages vor meiner Erinnerung. Wenn auch Begeisterung und Freude in einzelnen glücklichen Gemüthern jeden Zweifel verscheucht hatten, so drängten sich doch in vielen und treuen Herzen die Fragen wird der Hochschule Zeit gegönnt und Bestand gesichert werden, um sich ruhig entwickeln zu können? werden die fremden Elemente, die nothwendig in ihre Bildung eingehen mussten, unter sich und mit den einheimischen zum harmonischen Ganzen sich fügen? und wird dieses

Ganze mit den Bedürfnissen des Vaterlandes im Einklang stehen? wird es segensreich auf das Volksleben einwirken?

Wie so anders dagegen, wie ruhig ist die Stimmung des heutigen Tages! Für empfänglichere Gemüther, die den Zweifel nicht lieben, sind jene Fragen bereits thatsächlich bejaht; für strengere Geister, die noch weiterer Zeichen bedürfen, hat wenigstens der Glaube an eine bejahende Entscheidung der Zukunft begonnen. Ueberall ist Veränderung eingetreten: manche Ungewissheit gehoben, mancher Zweifel beseitigt, selbst manche Abneigung überwunden; die Hochschule hat in der allgemeineren Theilnahme des Volkes einen breitern, festern Grund gewonnen.

Und was hat diese Veränderung bewirkt? — Weise Sorgfalt der Behörden, aufopfernder Eifer der Lehrer, unermüdlicher Fleiss der Studirenden vereinigten und unterstützten sich gegenseitig, um die Theilnahme des Landes zu gewinnen. Und so lange dieser dreifache Verein dauert, wird auch die Theilnahme des Vaterlandes das Gedeihen unserer Anstalt fördern.

Wir stehen dem Anfang zu nahe, um nicht noch manchen Wunsch hegen, manches Bedürfniss fühlen, manche Garantie erwarten zu müssen. Aber der Anfang ist doch gemacht, die grösste Schwierigkeit überwunden, und der Rückblick auf die Vergangenheit darf uns mit Hoffnung erfüllen für die Zukunft.

Die Hochschule ist nicht mehr ein bestrittenen Gut, für welches die stets sich erneuernde Sorge des Verlustes stets zu neuem, unfruchtbarem Kampfe auffordert;

sie ist vielmehr jetzt der sichere Besitz, welcher ruhigen Genuss und fruchtbare Arbeit gestattet.

Wohl kann plötzlich Sturm und Gewitter den ruhigsten Sommertag trüben, — wer wollte aber desshalb den heitern Himmel nicht zum freien Ausflug in die weite Ferne benützen? Lassen Sie auch uns die gegenwärtige Ruhe geniessen und der freien Betrachtung eines ferneren Gegenstandes uns zuwenden!

Nicht ohne Scheu empfing ich die Aufforderung zu dem heutigen Vortrage, weil ich in Ungewissheit schwebte, ob mir — auf meinem Standpunkte als Arzt — ein Gegenstand sich darbieten werde, welcher Ihrer Aller Interesse zu fesseln vermöchte. Aber über Ungewissheit und Scheu hat mich bald der Gedanke hinweggetragen, dass wir Gelegenheit gegeben sei, über eine Erscheinung zu sprechen, welche jedes theilnehmende Gemüth beschäftigt; welche für jeden gebildeten Geist, zumal in der Schweiz, von Wichtigkeit ist; welche endlich durch die Art ihrer Auffassung in den letzten Tagen ein ganz besonderes Interesse für die Gegenwart erhalten hat: über die Erscheinung des endemischen Kretinismus.

Der ehrwürdige Verein schweizerischer Naturforscher hat bei seiner letzten Versammlung diesen Gegenstand in Erörterung gezogen, und seine Mitglieder, wie verschieden auch sonst an Beruf und Stellung im Leben, haben ihm die aufmerksamste Theilnahme geschenkt und ihn allseitiger Forschung und Bearbeitung empfohlen. Gern folge ich diesem Impulse, und bin überzeugt, dass auch dieser Kreis, dem nichts Menschlichem fern sein

soll, der Betrachtung seine Aufmerksamkeit nicht versagen werden.

I. Alter des Kretinismus.

Das Alter des Kretinismus ist unbekannt. Man hat ein Wort des Hippokrates schon auf ihn beziehen wollen, aber die Deutung ist gezwungen. Die ersten zuverlässigen ärztlichen Erwähnungen stammen aus dem 16. Jahrhundert von Peter van Foreest 1) und Felix Plater 2) . Lezterer beschreibt Kretinen, die er bei einem Besuche des Wallis, seiner Heimath, beobachtete, und Foreest sah auf der Rückreise von Italien eine Menge solcher Unglücklichen im Veltlin 3). Dann verschwinden die Nachrichten wieder bis zum 18. Jahrhundert 4), in dessen zweiter Hälfte namentlich der berühmte Genfer Reisende Horace de Saussure 5) genauere Kunde von den Kretinen der Alpen, und bald nach ihm

Ramond de Carbonnières 1) von den Kretinen der Pyrenäen verbreitete. Seit Saussure blieb der Kretinismus fortwährend Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Kaum war eine deutsche Uebersetzung 2) seiner Reisen erschienen, als auch Ackermann 3) mit dem ersten wissenschaftlichen Werke über den Kretinismus hervortrat, dem bis auf unsere Tage Fodéré 4), Wenzels 5), Jphofen 6), Andreä 7), Maffei 8), Sensburg 9), Häusler 10), Wilke 11), Troxler 12) und Gross 13) mit besondern Werken und Abhandlungen nachfolgten, abgesehen

von vielfachen Erwähnungen und Aufsätzen, die in Zeitschriften und Reisebeschreibungen zerstreut sich vorfinden.

Die frühere Unzugänglichkeit der Gebirgswelt, die politischen Verhältnisse und der Kulturzustand der Kretinen-Heimath sind Erklärung genug für das Dunkel der Vergangenheit. Und blickt man auf das lange Schweigen nach Foreest's und Plater's Andeutungen; bedenkt man, dass selbst diese nur Ergebnisse zufälliger Reisen waren, dass darin aber der Kretinen schon in Menge gedacht wird, so lässt sich wohl behaupten, dass der Kretinismus über das Alter seiner ersten Nachrichten hinausreicht.

II. Name.

Selbst den Namen der armen Kretinen umgibt noch Dunkel. Gewiss ist nur: in der Schweiz entstanden, hat dieses Wort allein unter zahlreichen Benennungen verschiedener Gegenden aus der Volkssprache Eingang in die Wissenschafl gefunden. Wann es aber entstanden, ist unbekannt; und über seinen ursprünglichen Sinn ist die etymologische Forschung noch nicht geschlossen.

Esquirol behauptet, es gäbe ein altes Wort Cretine, welches Anschwemmung bedeute, und folgtet nun sehr natürlich aus der sumpfigen Beschaffenheit vieler Kretinen-Gegenden die Entstehung des Namens. Die Folgerung ist tadellos, aber die Behauptung, auf welche sie sich stützt, erwartet noch immer ihre Bestätigung.

Eine andere Ansicht sieht in Cretin die Uebertragung des französischen Chrétien, zählt jedoch wenig Anhänger, obgleich die Uebereinstimmung des Wortlautes die grösste ist, und der Sinn der Uebertragung durch den thatsächlichen Völkerwahn erklärt wird: man habe vordem im Wallis die Kretinen für auserwählte Christen, ja, für heilig gehalten, weil sie die erhabene Bestimmung erfüllten, die Sündenlast ihrer Nächsten zu tragen und durch ihr unglückliches Dasein auf Erden abzubüssen, — eine Missdeutung des höchsten Mysteriums unserer Religion, welche ein für die Geschichte des Kretinismus wichtiges Licht auf den frühern Kulturzustand der Kretinen-Heimath wirft.

Eine dritte Ansicht, fast allgemein jetzt als die richtige angenommen, sieht in Cretine das romanische Cretira: Kreatur, elende Kreatur, — ein Zuruf der Erinnerung, das die Kretinen menschliche Kreaturen seien, wie wir!

Und, wahrlich! der Zuruf ist nöthig, denn der Kretinismus besteht eben darin; dass das ewige Menschliche, das psychische Prinzip nur latent vorhanden ist, und dass das Lebensprinzip die leibliche Bildung nicht gemäss dem menschlichen Gattungsbegriff gestaltet, sondern in abweichender Richtung, als Zerrbild.

Werfen Sie einen Blick auf diese höchste Entartung, deren der Mensch fähig ist. Doch vergessen Sie dabei nicht, dass der Kretinismus nur eine Abstraktion von den einzelnen Kretinen-Wesen der Wirklichkeit ist. Suchen Sie demnach im Leben nicht Identität, sondern nur Aehnlichkeit mit folgendem Bilde.

III. Schilderung.

A. Aeussere Erscheinung.

Selten zu grösserem Wachsthum gelangend, gewöhnlich klein, oft zwergartig, zeigt der Kretinenleib immer Missverhältnisse, sowohl der einzelnen Abtheilungen zum Ganzen, als unter sich selbst, und wird bisweilen zur unförmlichen Masse, lebhaft an alle Missgestalt erinnernd, welche die Mährchenwelt den hässlichen Gnomen der Gebirge andichtet. Der unheimliche Eindruck wird gesteigert durch die ungewöhnliche Beschaffenheit der Hautoberfläche des Körpers: das gesammte Hautorgan ist dick, ohne Elastizität und darum faltig; dabei missfarbig, bräunlich, gelb, fahl, fleckig. Der Anblick ist zurückschreckend, aber das Räthselhafte her ganzen Erscheinung hat eine bannende Kraft und das Auge kann nicht scheiden, bis es alle Einzelnheiten erfasst hat.

Der dicke Kopf wird selten aufrecht getragen, sondern hängt schwankend auf die Brust hinab, oder beharrt in Kontraktur nach einer Seite hingezogen. Der Schädel, von missfarbigem, struppigem Haare bedeckt, ist meist oben und hinten abgeplattet, oft unsymmetrisch. Das Gesicht, immer von unverhältnissmässiger Grösse, mit starkem Vortreten der Kiefern, hat ein rohes, thierischen Gepräge. Seine Hauptbedeckung wird durch planloses Muskelspiel bald ärgerlich-finster, bald grinsend lächelnd verzogen, und die groben Züge behalten auch in der Ruhe etwas Unbestimmtes und Verzerrtes.

Grosses lappige Ohren; zusammengekniffene Augenlieder mit enger, unreiner Spalte; unsicher rollende oder starr fixirte, oft schielende und lichtscheue, immer ausdruckslose Augen; eine dicke, abgeplattete, umgestülpte Nase; ein breiter, weit geöffneter, geifernder Mund mit wulstiger Oberlippe, hängender Unterlippe, verdorbenen Zähnen und plumper Zunge vollenden das abstossende Bild, dem grosse Falten an Augenliedern und Wangen, so wie zahlreiche Runzeln zwischen den borstigen Brauen der niedrigen Stirn ein absonderlich altes, trauriges Aussehen geben.

Der Hals, selten lang, noch weniger schlank, vielmehr in der Regel kurz und dick, trägt sehr häufig die Bürde eines mehr oder minder voluminösen und unsymmetrischen Kropfes.

Die Brust ist eng und niedrig gebildet, der Unterleib immer unverhältnismässig entwickelt, so dass der ganze Rumpf oft nur Bauch zu sein scheint, — formlose Fleischmasse, verunstaltet noch durch Genitalienanhänge von massloser Grösse oder zuweilen auch winziger Verschrumpfung.

An der Brust hängen gewöhnlich magere, oft affenartig lange Arme mit Händen, die, in ihren Fingern namentlich, dick und plump, oder auch hager und skeletartig erscheinen.

Die ganze Masse wird getragen von kurzen, vielfach missgestalteten Beinen.

B. Verrichtungen.

1) Seelenleben.

Grauenvoller als alle körperliche Missgestalt der Kretinen ist das Dunkel ihres psychischen Lebens. Sie bieten alle Schatten dar vom Zustande äusserster Beschränkung der Seelenthätigkeit bis zum gänzlichen Erlöschen derselben. Bei Keinem kommen die höhern Seelenvermögen zur Aeusserung; aber wenn die Einen noch Spuren von Intelligenz und Gedächtniss zeigen; einige Vorstellungen erlangen und zu mechanischen Verrichtungen angeleitet werden können; wenn Andere wenigstens ihre Bedürfnisse noch fühlen, andeuten und befriedigen können, — so findet sich auf der äussersten Stufe nicht einmal mehr Instinkt: das Dasein ist nur noch ein vegetirendes, pflanzliches.

Als treuster Ausdruck der Geistesarmuth erscheint ihre Unfähigkeit der Sprache, dieselben Schattirungen darbietend, — von höchster Unvollkommenheit bis zu gänzlicher Stummheit.

Die Sprachlosigkeit der Kretinen ist zwar schon nothwendige Folge des Mangels an Begriffen, welche bezeichnet werden könnten; aber auch noch folgende Ursachen haben dabei thätige Mitwirkung: Taubheit; Mangel an Beobachtungsfähigkeit, um die zur Technik der Wortbildung nöthigen Bewegungen der Sprachorgane an Andern wahrzunehmen und nachzuahmen; unvollkommene Beherrschung des muskulösen Sprech-Apparates durch die Nerven-Zentren: Missstaltung der Lippen und Zunge.

Betrübender noch, wie die intellektuelle, ist die gleich tiefe moralische Versunkenheit ihres Seelenzustandes. Einige haben noch Ahnung von Gutem und Bösem, von Recht und Unrecht, sind nicht ohne Dankbarkeit und Gutmüthigkeit, nicht ohne Schamgefühl. Andern fehlt selbst diese Ahnung. Vorherrschende Züge sind: Trägheit; Furchtsamkeit; Misstrauen; eine gewisse Tücke; Heftigkeit und leichte Erzürnbarkeit; Gefrässigkeit; Hang zur Wollust; äusserste Unreinlichkeit und Schamlosigkeit.

2) Empfindungsleben.

Der Gefühlssinn ist, mit seltenen Ausnahmen, äusserst stumpf. Schmerzen, z. B. von äussern Verletzungen, werden nur sehr schwach wahrgenommen; gegen Wärme und Kälte, Trockenheit und Nässe ist ein hoher Grad von Unempfindlichkeit vorhanden. Und die besondere Gestaltung dieses Sinnes als Tastgefühl zeigt eine Unvollkommenheit der Wahrnehmung, welche mit der Bildung der Hände und mit der Beschaffenheit des ganzen Hautorgans in entsprechendem Verhältnisse steht.

Fehler des Sehsinnes kommen verhältnissmässig seltener vor, und unvollkommenes Sehen scheint oft nur Fehler der Hirn-Auffassung zu sein. Doch wird auch selbstständige Schwäche der Sehnerven bis zur vollkommenen Blindheit hinauf beobachtet.

Der Hörsinn dagegen bietet die häufigsten Mängel dar, und Taubheit ist keine seltene Erscheinung.

Der Riechsinn ist ebenfalls äusserst stumpf, ju, scheint oft ganz zu fehlen. Mindestens beobachtet man

häufig, dass Kretinen gegen den stärksten Wohlgeruch der Blumen so unempfindlich sind, wie gegen die Ausdünstung ihres Lagers.

Der Geschmack, der niedrigste Sinn, ist der einzige, welcher zuweilen hohe Entwickelung zeigt, doch scheint er häufig auch ganz zu fehlen. Zuweilen nimmt man eine merkwürdige Auswahl in den dargebotenen Genüssen wahr; häufig werden aber auch die abscheulichsten Sachen mit derselben Gleichgültigkeit verschlungen, wie wohlschmeckende Speisen.

3) Bewegungsleben.

Die der Willkür entzogenen Muskeln bewegen sich schwach und träge; der Herzschlag ist matt und langsam, der der Darmkanal zur Verstopfung geneigt.

Die willkürlichen Muskeln sind schlag und ermüden leicht. Ihre Bewegungen sind ohne Energie, unsicher, unregelmässig, unharmonisch, oft unwillkürlich.

Die Haltung des Körpers erscheint plump und schlaff; der Gang ist schwerfällig, unsicher, schwankend; die Hände tappen unstät, ergreifen unsicher, lassen das Ergriffene leicht fallen; die Augenmuskeln halten zuweilen, gleichmässig angespannt, den Augapfel starr fixirt; öfters aber rollen sie, in rasch wechselnder Zusammenziehungen, ihn unstät umher; die Zunge hängt anhaltend vor oder bewegt sich in planlosem Spiele; die Muskeln des Kehlkopfes werden nur unvollkommen beherrscht, und die Sprache, wo sie vorhanden, ist bald schwerfällig-lallend, bald hastig-stotternd, immer undeutlich; die Schliesser des Mastdarmes und dei Blase

sind bei Einzelnen permanent gelähmt, bei Allen aber öffnen sie sich leicht von selbst während des Schlafes.

Wenn die allgemeine Schlaffheit der Muskeln unverkennbar auf selbstständige Schwäche der motorischen Nerven hinweist, — wie denn auch die davon abhängige geringere Irritabilität der Muskelfaser durch bestimmte Beobachtungen betätigt wird, — so sind doch Erscheinungen genug vorhanden, welche auch auf Unthätigkeit der Centralorgane hinweisen: die unvollkommenheit der Bewegungen zum Theil auf mangelnde Energie des Hirnimpulses; ihre Unbestimmtheit und Unregelmässigkeit speziell auf geringe Wirksamkeit des kleinen Gehirns, als Koordinationsorgans; die leichte Ermüdung und, nach Marshal Hall, die spontane Eröffnung der Schliessmuskeln und ähnliche Erscheinungen auf Schwäche des Rückenmarks.

4) Uebriges Körperleben.

Die Verdauung geht gut von Statten und wird, bei der thierischen Gefrässigkeit, oft mit unbegreiflicher Energie vollzogen. Die Ernährung wird aber dadurch nicht gefördert, sondern bleibt mangelhaft.

Die Umwandlung des schwarzen (venösen) Blutes in rothes (arterielles) scheint nur unvollkommen vor sich zu gehen. In Verbindung damit steht der träge, schleichende Puls. Das Hirnleben aber muss vor Allem leiden, wenn der nächste und unentbehrlichste Reiz mangelhaft ist, wenn die Erregung durch eine hinreichende Menge arteriellen Blutes nicht in genügender Weise Statt findet. — In der Ruhe ist das Athembedürfniss

der Kretinen so gering, wie bei den niedrigsten Thierwesen: ohne sich beengt zu fühlen, können sie Tage in einer Atmosphäre zubringen, welche für den Gesunden irrespirabel ist, so dass er nicht Minuten darin aushalten kann. Bei Bewegung aber wird ihr Athembedürfniss sehr gross, und es treten sogleich Missverhältnisse hervor, indem die gewöhnliche, regelmässige Thätigkeit der Respirationsorgane sich als ungenügend erweist: geringe Anstrengung schon behindert die Athmung, macht sie mühsam, ungleich, hastig, keuchend, und der Puls erleidet entsprechende Veränderungen.

Das Leben der Haut zeigt einen hohen Grad von Unthätigkeit: sie ist trocken, fast lederartige kühl, und das unterliegende Zellgewebe wird oft der Sitz wässeriger Ansammlung.

Die Thätigkeit der Nieren dagegen scheint gross zu sein, wenigstens insofern, als die Absonderung des Harns bei den Kretinen sehr reichlich ist; daraus aber, dass ihre Haut, trotz öfterer Verunreinigung damit. verhältnissmässig selten korrodirt wird, darf man auf eine mehr wässerige Beschaffenheit des Harns schliessen.

Das Geschlechtsleben der Kretinen steht mit der früher erwähnten Entwicklung der betretenden Organe in entsprechendem Verhältnisse. Im Allgemeinen scheinen nur Kretinen geringeren Grades fruchtbarer Begattung fähig zu sein, doch werden einzelne Beispiele mitgetheilt, dass selbst weibliche Kretinen des höchsten Grades empfangen haben. Die Frucht kann ausgetragen und rechtzeitig geboren werden. Mutter und Kind bieten

dann das Aeusserste dar, was es an Elend und Hülfsbedürftigkeit auf Erden geben mag.

IV. Verlauf.

In seltenen Fällen beginnt die kretinische Bildung schon während des Fruchtlebens. In den meisten Fällen aber wird nicht der Kretinismus selbst, sondern nur die Anlage zu ihm angeboren, und Kinder mit dieser zeigen nichts Abweichendes in ihrer ersten Bildung. Man hat zwar behauptet, dass der künftige Kretinismus schon im Neugebornen erkannt werden könne 1), aber, wie sehr auch diese frühe Erkenntniss zu wünschen wäre, so scheint sie doch nur in seltenen Ausnahmen Statt zu finden und vielleicht nur auf die Fälle des wirklich angebornen Kretinismus zu beschränken zu sein, wofür namentlich auch Rambuteau's 2) Versicherung spricht.

Was aber die Entwicklungszeit der Anlage betrifft, so umfasst sie, nach den verschiedenen Angaben, das Alter vom Säuglingsleben bis zur Beendigung der ersten Zahnung. Unempfänglichkeit der Sinne, Theilnahmlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Ungelehrigkeit (zuerst im Saugen, dann im Essen, dann im Gehen, dann im Sprechend), Mattigkeit, Schlaffheit und Zurückbleiben in der Ernährung deuten zunächst die traurige Zukunft an, bis später auch Missstaltung sichtbar wird, und zwar gewöhnlich zuerst des Kopfes, namentlich der Gesichtsbildung, dann Aufgedunsenheit des Körpers, Veränderung der Hautfarbe u. s. w.

Die kretinische Entwicklung kann durch weise Erziehung und unter günstigen Verhältnissen verhütet und aufgehalten werden. Unter entgegengesetzten Verhältnissen aber schreitet sie gleichmässig fort.

Vollendete Kretinen sind nicht mehr bildungsfähig. Bei der Unthätigkeit des Seelenorgans hat die Erziehung keinen Anknüpfepunkt. sie sind keiner Aufmerksamkeit fähig: selbt wenn sie sehen, fassen sie nicht auf; selbst wenn sie hören, vernehmen sie nicht. Nun tritt aber zur Unvollkommenheit des Hirnlebens noch Mangelhaftigkeit der sensibeln Apparate, um die Welt der Erscheinung zu verschliessen und Erregung durch normale äussere Reize unmöglich zu machen. Interessant ist hiebei das instinktartige Haschen nach stärkern, ungewöhnlichen Reizen: so blicken Kretinen gern und lang in die strahlende Sonne; so lieben sie oft leidenschaftlich starken Schnupftabak, geistige Getränke u. s. w.

Kretinen sind während ihres Lebens vielen Gebrechen

und Krankheiten unterworfen. Aber ihre Krankheiten sind selten akute, fast ausschliesslich chronische Formen und und zeichnen sich durch grosse Einförmigkeit aus, indem sie theils weitere Folgen des kretinischen Zustandes selbst sind, theils Nebenfolgen der seine Entwicklung bedingenden äussern Verhältnisse, als: Lähmungen, Brüche, Vorfälle, Kontrakturen, Konvulsionen, Hautausschläge, Wassersuchten, Skropheln, Rhachitis. — Eigenthümlich ist der Umstand, dass die Kretinen Steiermarks oft vom Typhus befallen werden sollen.

Ihre Lebensdauer ist im Allgemeinen kurz, selten 30 Jahre überschreitend, noch seltener 40 erreichend. Viele sterben in frühester Kindheit unter Erscheinungen von Hirnwassersucht. Später ist ein früher Alterstod die ihnen eigenthümliche Todesart. Ein tabetischer Zustand, Schwinden der organischen Masse, häufig unter späterm Zutritt hydropischer Erscheinungen, ist der pathische Prozess, der ihr Leben endigt, wenn nicht eine zufällige Krankheit sie früher dahin rafft.

V. Pathologische Anatomie.

Vorurtheile haben bis dahin der anatomischen untersuchung gestorbener Kretinen in ihrer eigentlichen Heimath Hindernisse entgegengesetzt. Es isi noch unentschieden, in wie weit die pathologische Anatomie, namentlich durch Zuziehung des Mikroskops, über manches Dunkel hier Licht zu verbreiten vermöge. Die bisherigen Forschungen haben in Kretinenleichen vorzüglich Folgendes aufgefunden:

1) Geringere Grösse und Schwere des ganzen Gehirns, besonders des kleinen. Geringere Höhe des grossen Gehirns und vor Allem Abplattung seiner für die edlere Hirnbildung so bedeutungsvollen hintern Lappen. Mangel an Symmetrie. Grössere Flachheit und geringere Zahl der Windungen. Minder deutlicher Unterschied zwischen grauer und weisser Substanz. Nicht selten grössere Festigkeit der Hirnmasse. Oft hydrozephalische Erscheinungen.

2) Nähere Nachweisung der schon im Leben sichtbaren Missbildung des Kopfes: geringere Grösse des Schädeltheils im Verhältniss zum Gesichtstheile; namenlich geringe Höhe, bedingt durch Abplattung des Scheitels und Empordrängung der Grundfläche, zumal der Felsenbeine. Abplattung der Hinterhauptsgegend; dadurch Zurücktreten der Länge und Vorherrschen der Breite, oft so bedeutend, dass der quere Durchmesser dem geraden gleich kommt; übereinstimmend damit oft quere Stellung der Felsenbeine. Minderung der Kapazität der Schädelhöhle, bedingt durch die angegebenen Verhältnisse und ausserdem noch durch grosse, oft ungeheure Dicke der Knochen. Oft Mangel an Symmetrie. Veränderte Stellung des Rückenmarksloches, und zwar Verrückung nach hinten; zuweilen Verengerung desselben, so wie sämmtlicher Gefäss- und Nervenöffnungen des Schädels.

VI. Betrachtung über das Wesen des Kretinismus und Eintheilung desselben.

Die mit Bewusstsein handelnde, vernünftige Thätigkeit der Seele als Höchstes und eigentlich Charakteristisches im Menschen anerkennend; dabei feind dem Pantheismus, und der Ansicht huldigend, dass die Seele des Menschen ein Selbstständiges, von der organisirenden Vitalität überhaupt Verschiedenes sei, und dass nicht ihre Wesenheit, sondern nur ihre Wirksamkeit von der Materie abhängig sei, und krankhaft verändert oder bis zum Erlöschen beschränkt werden könne: — müssen wir in der intellektuellen und moralischen Richtigkeit die wichtigste Erscheinung des Kretinismus erblicken, können aber dieselbe nur als Folge der obwaltenden Organisation auffahren, und zwar, da die Seelenthätigkeit direkt nur vom Gehirn abhängt, als Folge mangelhafter Bildung dieses Organs.

Jede weitere Frage nach der sogenannten nächsten Ursache des Kretinismus kann sofort nur die Organisation der Materie betreffen, und muss dahin beantwortet werden, dass dieselbe nur Folge einer veränderten Thätigkeit des organisirenden Prinzips sein könne. Und da nun die kretinische Bildung, wie sie den Zweck des menschlichen Daseins unerreichbar macht, so überhaupt als Abweichung vom menschlichen Gattungstypus, als Entartung erscheint, so ergibt sich zur nähern Bestimmung jener veränderten Thätigkeit die weitere Antwort: dass das organisirende Prinzip in einer von dem Gattungsbegriff

abweichenden Richtung wirke. Diese Antwort jedoch dreht sich eigentlich im Kreise und löst das Räthsel nicht; sie gibt uns mehr den Schein einer Erkenntniss, als diese Erkenntniss selbst.

Das letzte Wie? und Warum? wird uns zwar verborgen bleiben, so lange das Lebensprinzip uns eine Kraft ist, die wie nur in ihren Erzeugnissen, nicht in ihrer Innerlichkeit schauen. Aber es lässt sich auf dem Wege zur Erkenntniss vielleicht ein Schritt wenigstens noch vorwärts thun.

Das Vorherrschende, ja fast einzig Wahrnehmbare in allen funktionellen Erscheinungen des Kretinismus ist, wie Jphofen bereits bemerkte, nicht qualitative, sondern quantitative Abweichung, nämlich: Unthätigkeit, Schwäche, Ohnmacht. Aber auch in der körperlichen Erscheinung zeigt sich im Anfang nur quantitative Unvollkommenheit: Zurückbleiben im Wachsthum, Mangel an gehöriger Ernährung, obwohl in ungleicher Vertheilung; und erst später treten die qualitativen Veränderungen der Bildung ein, während jene Atrophie immer fortschreitet und zuletzt dem materiellen Dasein ein Ende macht. Nun lehrt die Erfahrung, dass Atrophie überhaupt selten ein bloss quantitativen Verhältniss bleibt, sondern dass, schon als Folge der veränderten Thätigkeit, sehr bald auch qualitative Veränderungen sich dazu gesellen. Es ist demnach wahrscheinlich, dass beim Kretinismus die organisirende Thätigkeit ursprünglich nur quantitativ von der Norm abweicht und erst späterhin auch qualitativ fehlerhaft wirkt,

vielleicht durch die erste Abweichung nach einem allgemeinen Gesetze zu der zweiten genöthigt.

Der Kretinismus steht übrigens nicht isolirt da, sondern ist nur besondere Gestaltung eines allgemeinern Prozesses: des Institutionen.

Namentlich zeigt der angeborne, so wie der auf präformirter Anlage beruhende und in frühester Lebenszeit entstandene Institutionen 1) dieselbe Unthätigkeit und Schwäche des Hirnlebens: 2) gleich grosse Unvollkommenheit des gesammten sensibeln und motorischen Lebens; 3) mannigfache Abweichungen von der normalen Organisation, und oft selbt allgemeine Missstaltung.

Bei so wesentlicher Uebereinstimmung kann man kein Bedenken tragen, den Kretinismus unter den Institutionen einzureihen und ihn mit diesem vorläufig .unter die Atrophieen zu stellen.

Wegen der unverkennbaren innerlichen Aehnlichkeit werden Idioten oft ohne Unterscheidung, selbst von Aerzten, Kretinen genannt. Dies ist Willkühr. Jeder Kretine ist zwar Idiot, aber nicht jeder Idiot Kretine. Es lässt sich nachweisen, dass der Kretinismus eine eigenthümliche Form des Institutionen ist, welcher wenigstens Männer der Wissenschaft auch den eigenthümlichen Namen nicht versagen sollten. Als das aber, was ihn vor andern Formen auszeichnet, dürfte vorzüglich Folgendes aufzufassen sein:

1) die grosse Gesetzmässigkeit, mit welcher, je mehr die Hirnthätigkeit schwindet, um so mehr auch der körperliche Verfall zunimmt;

2) das Konstante in der besondern Art der

körperlichen Missstaltung, charakterisirt durch Störung aller Proportionen der menschlichen Architektonik überhaupt und Störung der symmetrischen Duplizität insbesondere;

3) der durchgängige Mangel an Mass und Harmonie in sämmtlichen motorischen Verrichtungen;

4) der Einfluss lokalwirkender Einflüsse auf seine Entwickelung, näher bestimmt; sein endemisches Vorkommen in der Gebirgswelt.

Das letzte Moment ausschliesslich berücksichtigend, hat man den Kretinismus kurz als endemischen oder Gebirgs-Idiotismus definirt. Abgesehen davon, dass es auch eine in später Lebenszeit erworbene Spezies des Institutionen, ader keine solche Spezies des Kretinismus gibt, würde man denselben durch Aufnahme aller Eigenthümlichkeiten vollständiger bezeichnen können als: diejenige Form des angebornen oder aus präformirter Anlage früh entstandenen Institutionen, deren Entwickelung auf endemischen Einflüssen beruht; in deren Verlauf geistige und körperliche Zerrüttung gleichen Schritt gehen; und bei welcher konstant die körperliche Bildung durch Missverhältnisse, das Bewegungsleben durch Unregelmässigkeit sich auszeichnet.

Die Kretinen bieten zahlreiche Verschiedenheiten dar, welche jedoch, von den verschiedenen Gegenden abgesehen, als verschiedene Arten mit Sicherheit nicht nachzuweisen sind, sondern nur als graduelle Verschiedenheiten erscheinen. Es lässt sich hierauf eine Eintheilung gründen, welche die Uebersicht erleichtert, und

in praktischer Beziehung wahres Bedürfniss ist. Um aber unfruchtbare Zersplitterung zu vermeiden, wird man konsequent als Hauptmoment den Seelenzustand berücksichtigen, und bei Beurtheilung desselben sich an die Ausbildungsstufe der Sprache halten müssen. Hiernach lassen sich folgende drei Grade aufstellen, die auch in der That, nach Troxler's Bestätigung, im Wallis durch besondere Namen unterschieden sein sollen.

Erster oder geringster Grad, (i. W. Tschingen oder Tscholina n, T,)

Fähigkeit der Mittheilung durch mehr oder minder deutliche Worte und Gebärden, selbst durch kurze Sätze;

Kreis der Mittheilung: nicht blos die nächsten Bedürfnisse, sondern auch manche Gegenstände des täglichen Lebens;

also noch Begriffe, noch deutlich wahrnehmbare, wenn auch äusserst schwache Seelenthätigkeit.

Zweiter oder mittlerer Grad (i. W. Triffel oder Tschegetta n, T,)

Fähigkeit der Mittheilung nur durch unverständliche Worte, mehr unartikulirte Laute, und heftige, unvollkommene Gebärden;

also noch Spuren, aber auch nur Spuren von Seelenthätigkeit.

Dritter oder äusserster Grad (i. W. Goich oder Idiot n. T.)

Unfähigkeit jedweder Mittheilung, höchstens noch ein unwillkürlicher Schrei;

also Erlöschen aller Thätigkeit der Seele bis auf ihre Anlage.

Ausserdem verdient grosse Beachtung das in Kretinengegenden, auch bei sonst normal beschaffenen Individuen, zerstreute Auftreten eines oder des andern Kretinen-Symptoms 1), eine interessante Erscheinung, welche zahlreiche Analogieen in dem gewöhnlichen Verhalten der Bewohner einer durch Endemieen oder Epidemieen heimgesuchten Gegend findet, und dafür spricht, dass die gesammte Bevölkerung, nur in sehr verschiedenen Graden, unter dem übermächtigen Einfluss der pathischen Potenzen stehe.

VII. Geographische Verbreitung.

Der endemische Kretinismus ist an eine gewisse Elevation über die Meeresfläche gebunden. Ganz genau ist weder das Minimum noch das Maximum bekannt; doch dürfte es der Wahrheit sehr nahe kommen, die Erhebung seines Hauptgebiete 2) zwischen 1300 und 2000 Fuss ü. d. M. zu setzen, und dann die höchste

Grenze 1) mit Saussure auf etwa 3000 Fuss ü. d. M., die niedrigste mit Autenrieth an das Ende des Reichs der Wechselfieber zu verlegen. Endemische Erscheinung der Gebirgswelt, findet sich der Kretinismus doch nie auf freien Höhen, sondern meist in Schluchten und Thälern, in der Nähe von Gewässern. Hier kommt er heerdenweise vor 2). Unter andern Bedingungen, in Ebenen zeigt er sich nur vereinzelt.

Früher schloss man den endemischen Kretinismus in die engsten Grenzen ein, in wenige Bergthäler; später gab man ihm ungemessene Ausdehnung, wies ihm das ganze Erdenrund an. Man war geneigt, die Beobachtungen des berühmten Saussure zu vervielfältigen; man verwechselte Institutionen und Kretinismus man unterschied nicht genau zwischen sporadischen und endemischen Kretinismus; man huldigte der Entstehungs-Theorie aus Kropf, — und so war man in der Verfassung, überall Kretinen zu sehen, oder doch zu vermuthen. Vergleicht man die topographischen Nachweisungen, namentlich die treffliche Uebersicht von Gross; liest man einzelne Reisebeschreibungen und Aufsätze, weiche zum Beleg dienen; tritt man endlich selbst als Reisender in einen andern Welttheil: so überzeugt man sich, dass der Begriff von Kretinismus überhaupt noch schwankend ist, die Angaben

oft unbestimmt sind, manche Annahme blos auf Vermuthung beruht.

Australien hat noch keinen Reisenden gefunden, der daselbst Kretinen entdeckt hätte. Für Afrika macht Blumenbach 1) es blos wahrscheinlich, dass in den Gebirgszügen der Insel Madagaskar Kretinen vorkommen möchten. In Nordamerika ist der Kretinismus so selten, dass Barton 2), ein Anhänger der Entstehungs-Theorie aus Kropf, seine Zuflucht zu der seltsamen Hypothese nehmen musste, die Bewohner hätten nie lange genug in einer Kropfgegend verweilt, um den Kretinismus, als Blüthe des Kropfs erzeugen zu können.

Sehr gebildete amerikanische Aerzte konnten mir keine Nachweisungen über endemischen Kretinismus ihres Landes geben. Die gelehrte Fernsicht Europa's hatte mich auf die Staaten Newyork und Pensylvanien, und hier namentlich auf das Becken von Pittsburgh, als Kretinengegend, aufmerksam gemacht. Ich durchreiste jene beiden Staaten ihrer ganzen Ausdehnung nach; ich verweilte mehrere Tage in Pittsburgh, die Thaler des Alleghany und Monongahela, so wie des von ihnen hier gebildeten Ohio durchstreifend, — und sah wohl sehr viele Kröpfe, einige gewöhnliche Idioten, aber keine Kretinen.

Für Südamerika, wenn man über die Albino's von Panama hinweggeht, — welche mit den Kakerlaken

der Gangesmündungen und den Leukäthiopen Guinea's eine besondere, eigentlich tropische Form des Institutionen bilden, jedoch mit Repräsentanten und selbst Kolonien in Europa, — findet sich nur das Zeugniss von Varnhagen's, dass in den Hochebenen Brasiliens Dörfer voll Kretinen vorkommen. Selbst in Asien findet sich der Kretinismus nach Beschreibungen, die noch grösserer Genauigkeit hierin bedürften, nur an einzelnen Stellen vor.

Und so bleibt vorzüglich Europa übrig, wovon wir genauere Beschreibungen und sicherere Nachweisungen haben. Hier aber dürfte der Kretinismus im ganzen Norden des Kontinents gar nicht vorkommen, denn nur in einem Kirchspiel in Westnordland von Schweden soll "eine Art von Kretinen" anzutreffen sein. Im tiefern Süden wird er von Ackermann in den Appenninen wieder nur vermuthet. Demnach reduzirt sich die eigentliche Kretinen-Heimath vorzüglich auf Mitteleuropa, und zwar namentlich auf dessen südliche und westliche Gebirgsgegenden.

Leider! ist bis jezt noch keine komparative Betrachtung der numerischen Verhältnisse möglich. Eine Vergleichung aber der approximativen Schätzungen lässt für die Frequenz und furchtbarste Gestaltung des Kretinismus vorläufig etwa diese Reihenfolge aufstellen: Rhonethäler des Wallis, Maurienne und Steiermark: Aostathal und nördliche Thäler der Pyrenäen; Salzburger und Kärnthnerische Alpen; mehrere Gegenden Bündens, Tessins, Aargaus und anderer Kantone der Schweiz,

mehrere Gegenden Württembergs, Rezat- und Untermain-Kreis Bayerns u. s. w.

Dringend zu wünschen wäre, dass überall bestimmte Zählungen der Kretinen vorgenommen würden, verbunden mit kurzen Schilderungen von ihnen. Der Kretinismus der verschiedenen Gegenden bietet Verschiedenheiten dar, deren nähere Kenntniss vielleicht künftig die Kretinen der Alpen, Pyrenäen u. s. w. als eben so viele natürliche Arten unterscheiden lassen wird.

VIII. Aetiologie.

Die Betrachtung der Ursachen des Kretinismus stösst auf dasselbe Dunkel, welches die Entstehung der Krankheiten überhaupt umhüllt.

Der Forschung ist hier noch ein weites Feld geöffnet, nur muss sie ihren Gegenstand nicht als einen exzeptionellen behandeln und über frühere Ergebnisse nicht mit Verachtung hinweggehen. Vielleicht, dass eine allgemeinere Betrachtung wenigstens auf den richtigen Standpunkt hinweist.

Wenn man die Anlage des Menschen, zu erkranken, nicht ohne weiteres Nachdenken als Naturnothwendigkeit hinnehmen will, so darf man die Frage nach der Möglichkeit der Krankheit überhaupt in Walther's Antwort gelöst finden: dass dieselbe durch das Heraustreten des Menschen aus dem Naturzustande ursprünglich entstanden sei, und dann als allgemeine Anlage von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbt habe.

Diese Anlage, (innere Ursache der Krankheit,) ist jedoch keine absolute, d. h. keine solche, die nothwendig sich thätig äussern muss; sie ist vielmehr nur im latenten Zustande vorhanden, und es bedarf eines zweiten Faktors, einer Schädlichkeit, (äussere Ursache der Krankheit,) wenn sie zur Entwickelung gelangen soll.

Die erste Schwierigkeit nun, die sich darbietet, und die man auch bei Gelegenheit des Kretinismus erhoben hat, ist folgende. Einige übermächtige Potenzen ausgenommen, gibt es auch keine absolute äussere Ursache. d. h. keine Schädlichkeit, welche immer Krankheit hervorbrächte. Es zeigt die Mehrzahl der sogenannten dynamischen Schädlichkeiten, dass bei gleicher Einwirkung. einige Menschen zwar erkranken, andere aber nicht.

Zur Lösung dieser Schwierigkeit bietet sich ein doppeltes. Verhältniss als Erklärung dar: 1) die allgemeine Krankheitsanlage ist, wie jede andere Anlage, in verschiedener Stärke vertheilt; 2) die Energie des Lebens an sich ist bei den verschiedenen Individuen verschieden, so dass Einige Schädlichkeiten bewältigen, denen Andere erliegen.

Eine zweite Schwierigkeit: warum im gegebenen Falle die bestimmte und nicht eine andere Krankheitsform entstehe, ist bei Weitem verwickelter.

Man hat eine Erklärung aus der Einwirkung der äussern Krankheitsursachen versucht, aber ohne Erfolg. Es gehört zu den Seltenheiten, dass man hier nur die ersten Bedingungen jeder Aetiologie erfüllt sieht, nämlich Uebereinstimmung zwischen Ursache und Wirkung,

so wie Beständigkeit, dieses Verhältnisses. Vielmehr lehrt die tägliche Erfahrung, dass dieselben Schädlichkeiten — mit Ausnahme allein der wenigen absoluten und darum in ihrer Wirkung beständigern — sehr verschiedene Krankheiten hervorbringen, und dass wiederum dieselben Krankheiten aus sehr verschiedenen Ursachen entstehen können. Man hat diese Schwierigkeit ebenfalls bei dem Kretinismus geltend gemacht, und weil die früher aufgefundenen Schädlichkeiten nicht genügten, durch rastloses Aufsuchen neuer das Problem seiner Entstehung lösen wollen.

Wenn es nun zwei Hauptfaktoren der Krankheit überhaupt gibt, einen äussern und einen innnern; und wenn jener das Dasein bestimmter Krankheitsformen nicht erklärt, so kann man die Erklärung nur in dem andern Faktor suchen, nämlich in der Beschaffenheit der innern Krankheitsursache. Man ist zu der Annahme gezwungen, dass die der Menschheit zugetheilte allgemeine Möglichkeit der Krankheit in Völkern, Stämmen, Familien, Individuen sich besonders gestalte, oder mit andern Worten: dass die Individuen nur Anlagen zu bestimmten Krankheitsformen haben. Man begreift dann, das bei demselben Individuum verschiedene äussere Einflüsse dieselbe Krankheitsform; und wiederum: dass bei verschiedenen Individuen dieselben Einflüsse verschiedene Krankheitsformen hervorrufen können. Ein grosser Arzt sprach dies in dem sinnigen Gleichniss aus: wie die Frühlingssonne die verschiedensten Pflanzenkeime entwickelt, so Eine Schädlichkeit die verschiedensten Krankheitskeime.

Die letzte und grösste Schwierigkeit aber, welche stets von Neuem ihre Lösung fordert, setzt die Frage nach Entstehung der besondern Krankheitsanlagen . Inhaltsvorstellungen dieselbe zusammenfällt mit der Frage nach der individuellen Gestaltung der Menschen überhaupt, scheint eine vollständige Lösung unerreichbar. Nach andern Richtungen aber ist die Grenze der Forschung nicht so nahe gerückt.

Manche bestimmte Anlage entgeht durch lang andauernde Einwirkung derselben Schädlichkeiten, welche sie nachmals auch zur Entwickelung rufen. Oft ist dagegen eine solche Entstehung nicht nachzuweisen.

Jeden Falls aber muss man die wichtige Thatsache, welche in Walther den mächtigsten Vertreter gefunden hat, fest halten: dass die Entstehung der Krankheitskeime oft nicht in dem Individuum und der Zeit, worin sie zur Entwickelung kommen, gelegen sei, sondern in weiter Ferne, des Raums sowohl wie der Zeit.

Die Einwirkung ferner räumlicher Entstehung, welche bei den meisten Epidemieen ein Faktum ist, fordert zum Verständniss die Einsicht der Wahrheit: dass jedes Individuum nur Glied einer grösseren Gemeinschaft sei, die in immer mächtigeren Kreisen zuletzt zur Menschheit sich erweitert, und dass jedes Glied die gesunden und kranken Lebensregungen des Ganzen theile. Wenn fern entstandene Epidemieen über die Erde sich ausbreiten und in den Bewohnern Aller Länder ihre Opfer fassen, um wie viel leichter wird nicht ein endemischer Prozess die Bewohner Eines Landes ergreifen können!

Die Einwirkung ferner zeitlicher Entstehung, welche bei allen erblichen Krankheiten ein Faktum ist, fordert zum Verständniss die Anerkennung des Gedankens: dass der Lebensbaum der Gegenwart in der Vergangenheit wurzelt, und dass in dieser als Knospen sprossten, was er jetzt an — guten und schlimmen, gesunden und kranken — Früchten trägt. Man hat mit Recht behauptet, manche Abstammung finde eine leichtere Nachweisung in pathischen Ueberlieferungen, als in heraldischen Denkmälern.

Diese Ideen sind nun auch bei Erklärung der Entstehung des Kretinismus nicht übersehen worden, aber die Erklärungsversuche verloren sich in zu speziellen Muthmassungen.

So suchte Ramond die erste Entstehung des Kretinismus in ferner Vergangenheit und das Fortbestehen desselben in erblicher Uebertragung der Anlage, stellte aber dabei die einseitige und unhaltbare Hypothese auf, dass die Ueberbleibsel des untergegangenen Alanenstamms durch Herabwürdigung zu Kretinen entartet wären, die hiernach als eigner Volksstamm betrachte werden müssten.

So behauptet man, dass der Kretinismus allmällig aus dem Kropfübel entstanden sei. Aber gegen die ungeheuere Frequenz der Kröpfe ist Kretinismus eine seltene Erscheinung; ferner hat das Kropfleiden seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, ist noch immer im Zunehmen begriffen, während der Kretinismus ihn bereits überschritten hat und seltener wird; endlich zeigt die Integrität der Seelenthätigkeit eine grosse Unabhängigkeit vom Kropfe.

So betrachtete man den Kretinismus als einen Sprössling der Skrophelkrankheit. Aber diese, eine Tochter der Kultur, nämlich der von ihr unzertrennlichen Verderbniss, hat ihre grösste Frequenz in Städten und ist in furchtbarem Steigen begriffen, während der Kretinismus in Bergthälern haust und durch die dahin dringende Kultur immer mehr bewältigt wird u. s. w.

Es ist möglich, — wenigstens kann man das Gegentheil nicht beweisen, — dass dieselben Schädlichkeiten, welche die kretinische Anlage später zur Entwicklung bringen, diese Anlage selbst auch gegenwärtig noch zu erzeugen vermögen. Es ist aber wahrscheinlich, dass eine solche stete neue Erzeugung der Anlage nicht Statt findet, sondern dass dieselbe gegenwärtig nur noch durch Uebertragung sich fortpflanzt. Was nun aber die Erste Entstehung betrifft, so kann dieselbe allerdings aus den noch vorhandenen äussern Schädlichkeiten ursprünglich hervorgegangen sein, und zwar entweder durch eine an sich weit grössere Intensität der Wirkung derselben in der Vorzeit, oder unter Mitwirkung von Verhältnissen, welche die Aktion jener Elemente auf eigenthümliche Weise verändern und steigern konnten.

Werfen Sie einen Blick auf die Zeit der ersten Nachrichten über Kretinismus und auf die nächst vorangehenden Jahrhunderte, so finden Sie eine Reihe von pathischen Weltereignissen, wie sie an Neuheit, Furchtbarkeit und Ausbreitung nachmals vielleicht nur von der asiatischen Cholera übertroffen worden sind.

Nachdem um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts der schwarze Tod aus dein Orient eingedrungen,

Europa zwanzig Jahre lang als Würgengel durchzogen und den vierten Theil seiner Bevölkerung hinweggerafft hatte, breitete im 15. Jahrhunderte die Lustseuche in furchtbarer Gestalt über diesen Welttheil sich aus. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts betrat der Englische Schweiss unsern Kontinent und verheerte den Norden, während der entsetzliche Petechialtyphus kurz vorher zum ersten Male im Süden aufgetreten war, um fortan wiederholt zu erscheinen. Im ganzen 16. und einem Theil des 17. Jahrhunderts entstellte und würgte der scheussliche Skorbut Europa's unglückliche Bewohner, und zu Anfang des 17. Jahrhunderts zeigte sich der blutige Scharlach zum ersten Male.

Ohne nun daran zu denken, dass zwischen diesen Epidemieen und dem endemischen Kretinismus eine direkte Verbindung bestehe, muss man doch in jenen neuen Weltseuchen und in vielen gleichzeitigen Landseuchen, z. B. den typhösen Pneumonieen der Schweiz im 17. Jahrhundert, einen klaren Beweis erblicken, dass eine ungeheure pathische Aufregung in der gesammten Europäischen Menschheit Statt fand, eine wahre Gährung und Empörung Aller pathischen Elemente unsers Welttheils. Denkt man nun die Entstehung des Kretimus unter dieser Konstellation, so lässt sich nicht wohl läugnen, dass unter dem Einfluss derselben die endemischen Schädlichkeiten der Kretinen-Gegenden eine weit grössere Mächtigkeit zur pathischen Zeugung erlangen konnten, als sie dermalen noch zu besitzen scheinen.

Einmal aber entstanden, muss die Anlage zur kretinischen Entartung als Gemeinbesitz der ganzen Bevölkerung

einer Kretinengegend angesehen werden, — als eine pathische Macht 1), welche ihre Herrschaft nicht blos in den ursprünglich befallenen Geschlechtern fortsetzte (unmittelbare Fortpfanzung), sondern auch auf andere Geschlechter der Stammgegend ausdehnen konnte (mittelbare Fortpflanzung).

Von diesem Gesichtspunkte aus können auch die Fälle, wo Nachkommen eingewanderter Geschlechter von Kretinismus befallen wurden, ihre Erklärung finden, ohne dass man zum Versehen der Mütter oder zu einer steten neuen Erzeugung der kretinischen Anlage seine Zuflucht nehmen müsste.

Es übrigt nun noch, einen prüfenden Blick auf die kretinische Anlage selbst zu werfen und dann der äussern Schädlichkeiten zu gedenken.

A. Anlage, innere Ursache des endemischen Kretinismus.

Die Ergebnisse der bisherigen Forschungen lassen sich in folgenden Sätze: zusammenstellen:

1. Nicht jedes Individuum kann von Kretinismus befallen werden. Ich kenne mehrere Fälle, wo bei Niederlassung gesunder Eltern in einer Kretinnengegend

Kinder des zartesten Alters, selbst Säuglinge mit übergesiedelt und also der Einwirkung der endemischen Schädlichkeiten ausgesetzt wurden. Aber in keinem einzigen Falle nahm die Entwickelung derselben eine kretinische Richtung. So lange nun keine Erfahrung des Gegentheils vorliegt, darf man hieraus zweierlei folgern:

1) dass eine bestimmte Anlage erforderlich ist, um von Kretinismus befallen werden zu können.

2) Dass diese Anlage nicht nach der Geburt erworben, sondern angeboren wird.

2. a) Es sind Fälle bekannt, wo Eitern, die vorher gesunde Kinder hatten, nach der Uebersiedelung in eine Kretinengegend Kindern das Dasein gaben, deren Entwickelung eine kretinische Richtung nahm.

b) Zahlreicher aber sind die Fälle, wo bei eingewanderten Familien erst nach dem Aufenthalt einer oder mehrerer Generationen in einer solchen Gegend Kretinismus auftritt 1).

Wenn nun dazu, nach dem Vorigen, eine angeborne Anlage erforderlich ist, so kann dieselbe

1) entweder nach der Zeugung, während des Fruchtlebens entstehen, durch mittelbare oder unmittelbare Einwirkung der endemischen Schädlichkeiten auf die Frucht.

Diese Entstehungsart, welche noch als persönliche Erwerbung betrachtet werden könnte, würde als wahrscheinlich anzunehmen sein, wenn die Fälle a. so häufig wären als die Fälle b. Ein direkter Beweis würde jedoch durch Erfahrungen geliefert werden, dass im Zustande der Schwangerschaft eingewanderte Frauen Kinder mit kretinischer Anlage geboren hätten. Mir ist aber keine solche Erfahrung bekannt.

2) Oder bei der Zeugung dem Fruchtkeime schon mitgetheilt werden, — so dass die kretinische Anlage nicht blos eine angeborne, sondern auch eine anerzeugte wäre.

Dann würde in den Eltern durch die Einwirkung der Kretinengegend eine Umwandlung vorgehen müssen, welche verursacht, dass sie fortan Kinder mit kretinischer Anlage erzeugen. Und diess halte ich für das Wahrscheinlichste. Da aber die Umwandlung im Allgemeinen nur allmälig geschehen kann, so ist es begreiflich, dass die Fälle b. zahlreicher sind, als die Fälle a. —

3) Bei Weitem am häufigsten wird die Anlage erworben durch Abstammung aus Familien, in denen bereits Kretinismus vorkam, und zwar sowohl von mütterlicher als väterlicher Seite, doch übt letztere den entschiedeneren Einfluss.

Man darf die erbliche Uebertragung durch Abstammung aus sogenannten Kretinen-Familien geradezu die gewöhnliche Entstehungsart der kretinischen Anlage nennen.

4) Die Anlage braucht nicht nothwendig zur Entwicklung

zu gelangen, sondern kann latent bleiben, ohne jedoch zu erlöschen.

In den meisten Kretinen-Geschlechtern kommen auch gesunde Kinder vor, in denen aber das Fortbeharren der Anlage dadurch ausser Zweifel gesetzt ist, dass sie wiederum, und zwar selbst nach Verlassen der Heimath und Uebersiedelung in eine gesunde Gegend Nachkommen mit kretinischer Bildung das Dasein geben können 1).

5) Die Anlage ist in manchen Fällen mächtig genug, um ohne Einwirkung äusserer Schädlichkeiten zur Entwickelung zu gelangen; in der Regel aber bedarf sie dazu des Einflusses bestimmter Schädlichkeiten.

Für das Eine sprechen die Beispiele kretinischer Entwickelung bei Kindern ausgewanderter Eltern; für das Andere negativ: die verhältnissmässige Seltenheit dieser Beispiele, positiv; die Thatsache, dass es gewöhnlich gelingt, durch Verpflanzung in gesunde Gegenden die kretinische Entwickelung zu verhüten, ja selbst, wo sie bereits begonnen hatte, Rückbildung zu bewirken.

B. Schädlichkeiten, äussere Ursachen des endemischen Kretinismus.

Die Forschung hat sich vielfach mit den Eigenthümlichkeiten

der Kretinengegenden beschäftigt und daselbst Verhältnisse aufgefunden, welche sämmtlich auf das geizige oder körperliche Leben, und hier vorzugsweise auf das Nervensystem depotenzirend einwirken, und deren mehrfaches Zusammenwirken die Entwicklung der kretinischen Anlage vermittelt, ja, vielleicht diese selbst noch immer zu erzeugen vermag. Wir stellen jene heimathlichen Schädlichkeiten in zwei Reihen zusammen.

1) Niedrige Kulturstufe der Bevölkerung der Kretinenthäler, mit den zahllosen traurigen Erscheinungen und Folgen der Unwissenheit, Trägheit, Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit, Unreinlichkeit, Rohheit, des Aberglaubens, des Festhaltens an verderblichen Gewohnheiten (z. B. Heirathen in zu engen Kreisen, Einrichtung der Wohnung), der Vorurtheile in Beziehung auf erste Pflege der Kinder, —auf die gesammte Anordnung des Lebens.

Man muss den Einfluss der Kultur oder Unkultur bei einer ganzen Einwohnerschaft nach anderm Masse schätzen, als bei dem einzelnen Menschen; es verhält sich mit dem Gewicht dieses Einflusses fast wie beim Diamant, dessen Werth, wenn eine Karatzahl überstiegen wird, nicht mehr in einfacher Progression, sondern sogleich nach dem Quadrat des Gewichtes zunimmt.

2) Tellurische, atmosphärische und solarische Schädlichkeiten.

Sumpfboden mit miasmatischer Ausdünstung und Nebelbildung in einer bestimmten Elevation ü. d. M., jenseits des Gebiets der Wechselfieber.

Dumpfe und stockende Luft, durch Abhaltung reinigender Luftströmungen, verbunden mit Mangel an belebender atmosphärischer Elektrizität.

Schwächung nach Ueberreizung durch Uebermass von Lichtreiz und Hitze, verstärkt durch einseitiges Vorherrschen des Südwindes. Oder auch direkte Schwächung durch Beraubung des zu allem Gedeihen erforderlichen Grades von Licht und Wärme durch kühle, schattige Lage und permanentes Vorherrschen kalter Nord- und Ostwinde.

Unreines, mit fremden Bestandtheilen, namentlich mit Gyps geschwängertes, oder wohlthätiger Bestandtheile, namentlich der Kohlensäure beraubtes Trinkwasser.

Um nun die relative Wichtigkeit dieser Schädlichkeiten gehörig würdigen zu können, ist es zweckmässig, den Weg der Analyse einzuschlagen.

Man darf es als Thatsache betrachten, dass die Frequenz des Kretinismus während der letzten 50 Jahre sich auffallend vermindert hat. Die gewichtigsten Zeugnisse sprechen dafür 1). An einigen Orten, z. B. in mehrern Glarner Dörfern, ist der Kretinismus als endemische Erscheinung verschwunden; in andern Gegenden, wo er als solche noch immer fortbesteht, hat doch die Zahl der Kretinen abgenommen, und zwar oft sehr bedeutend,

z. B. in Sitten fast um die Hälfte, im Wisperthale um ein Drittheil 1).

Zu diesem erfreulichen Resultate mag nun beigetragen haben, dass die Natur selbst überall zur Normalität zurückstrebt, und dass so die kretinische Anlage an sich, je weiter sie von der Zeit der ersten Entstehung sich entfernt, immer mehr zurücktritt.

Ein eben so wesentlicher Antheil aber gebührt dem Umstande, dass in den Kretinengegenden Veränderungen eingetreten sind, wodurch ihre eigenthümlichen Schädlichkeiten an intensiver Kraft und extensiver Macht verloren haben.

Für die relative Wichtigkeit dieser Schädlichkeiten ergibt nun die Betrachtung der eingetretenen Veränderungen Folgendes:

1) Das Eindringen höherer Kultur mit ihren wohlthätigen Folgen ist die allgemeinste und wichtigste Veränderung, welche in den Kretinenthälern Statt gefunden hat. In dieser Angabe stimmen die verschiedensten Beobachter überein.

Die französische Revolution war die Flamme, welche, wie verderblich sie auch oft loderte, doch in die fernsten Alpen- und Pyrenäenthäler leuchtenden Schein warf, und in Wallis namentlich einen Kampf entzündete, in welchem viele Schlacken stumpfsinniger Gleichgültigkeit und gedankenloser Gewohnheit dahin schmolzen, geizige Bewegung geweckt wurde, die Kraft des Landes sich stählte.

Seit dieser Erhebung ist die kretinische Entartung der Kinder seltener geworden.

2) In vielen Gegenden sind Sümpfe ausgetrocknet, die Entstehung neuer durch schützende Dammanlagen verhütet und das gewonnene Land zu nützlichen Pflanzungen verwandt worden.

3) In manchen Thalern ist durch Lichtung von Waldungen den Ost- und Nordwinden Zutritt verschafft und dadurch die stockende, dumpfe Luft verscheucht worden.

4) An einzelnen Orten endlich ist durch gute Brunnenanlagen und Gewinnung eines von Gyps freien Trinkwassers dem Kretinismus Abbruch gethan worden.

lX. Behandlung.

Hauptaufgabe und Endziel aller Bestrebungen gegen den Kretinismus ist die Ausrottung desselben, als endemischer Erscheinung. Wie schwach auch die Hoffnung des Gelingens noch immer sein mag, sie ist doch durch die bisherigen Erfolge gegenwärtig schon stark genug geworden, um entschieden von der Verzweiflung sich abzuwenden, welche vor 50 Jahren in Ackermann sich aussprach. Der Kretinismus hat seine Akme überschritten: die Natur selbst strebt nach endlichem Erlöschen und unterstüzt die Gewalt durchbrechender Kultur. Wir können nicht wissen, wann das Ziel erreicht werden wird, aber wir dürfen hoffen, dass es erreicht werden wird.

Was planmässig geleitete menschliche Thätigkeit zur

Lösung der Aufgabe beizutragen vermag, das kann im Grossen und Ganzen überall nur Angelegenheit der Staatsregierung sein. Redliche Sorge für das Wohl des Landes; gewissenhafte Förderung der Volksbildung; umsichtige Erforschung schädlicher Einflüsse und beharrliche Versuche möglicher Abhülfe könnten Grosses leisten und die Erreichung des Endzieles beschleunigen.

Ein Hauptmittel: Verhinderung von Ehen in kretinischen Geschlechtern, ist bis dahin nur wohlgemeinter Wunsch geblieben und wird, aus höhern Rücksichten für die persönliche Freiheit Aller, es auch ferner bleiben müssen.

Als Gegenstand der nächsten und zugleich einzigen Aufgabe für die Theilnahme Einzelner steht das einzelne Kretinenwesen da.

Ist seine Entwicklung bereits vollbracht, dann ist das unglückliche Geschöpf eigentlicher Hülfe unzugänglich, und bedarf nur noch der Leibespflege bis an sein Ende.

Hat aber seine Entwicklung erst begonnen, dann kann die Seele in ihrer irdischen Erscheinung noch gerettet werden.

Verpflanzung, bei den ersten Spuren kretinischer Entartung, in gesunde Luft, auf freie Berge, höher gelegen als die höchste Erhebung des Kretinismus; von ärztlicher Umsicht entworfene und überwachte, von theilnehmender Liebe vollzogene Pflege und Entwicklung des leiblichen Lebens; von weiser Erziehung geleitete Erweckung

und Entfaltung des Seelenlebens — wahrlich! sie würden der Menschheit manches bedrohte Individuum erhalten, das sonst verloren geht und, als Zerrbild, zum Vorwurf versäumter Hülfe dasteht.

Nenne man diese Ueberzeugung nicht einen philanthropischen Traum!

Die Möglichkeit der Rettung liegt schon in dem Entwicklungsgange der kretinischen Bildung angedeutet, die so häufig mit Abnahme der Lebenskraft beginnt, mit Störung der Ernährung fortschreitet, mit Entartung endet, — ein Entwicklungsgang, welcher zu der Hoffnung berechtigt, dass theils negativ: durch Entfernung depotenzirender Schädlichkeiten, theils positiv: durch Einwirkung heilsam erregender Einflüsse das richtige Mass und Verhältniss der Kräfte hergestellt und so die Gefahr der Entartung bewältigt werden könne.

Aber — und diess ist das Wichtigste — auch die Wirklichkeit der Rettung ist erwiesen, durch die mächtige Stimme der Erfahrung erwiesen. Seit Langem schon senden vermögende Bewohner der Walliser Kretinenthäler ihre Kinder auf freie, gesunde Berghöhen, bald um dem Kretinismus vorzubeugen, bald um seine ersten Anfänge zu heilen. Und zahlreiche Beispiele 1)

gibt es, dass Kinder mit bereits begonnener kretinischer Bildung auf so einfache Weise, durch blosse Naturheilung gerettet wurden.

Mögen wohlhabende Eltern auch ferner so weise für bedrohte Kinder sorgen! Was aber soll mit kretinischen Kindern armer Eltern geschehen?

Es ist das Verdienst eines talentvollen jungen Arztes *), zuerst den Gedanken einer Rettungsanstalt für solche Kinder gefasst zu haben, — einer Anstalt, welche die Elemente gesunder Bergluft, ärztlicher Obhut, liebevoller Pflege und sorgfältiger Erziehung als Rettungsmittel vereinigen würde **). Aber wenn der schöne Gedanke zur Ausführung kommen soll, bedarf es Allseitiger Theilnahme.

Schon hat der geachtete Verein von Männern, der als "gemeinnützige Gesellschaft" für humane Zwecke im Schweizerlande wirksam ist, diese Angelegenheit in den Kreis seiner edeln Thätigkeit gezogen. Schon zeigt sich lebendiger Antheil selbst in fernern Kreisen. Möge auch unsere Theilnahme nicht fehlen!

Und damit sie nicht fehle, gedenken wir noch einmal, was der Name Kretira uns zuruft: dass die Kretinen Geschöpfe sind, Geschöpfe Gottes, wie Wir; — wir nur glücklich, sie namenlos unglücklich!

Und vergessen wir nicht, dass es Pflicht der Glücklichen ist, der Unglücklichen sich zu erbarmen!