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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Karl Friedrich Drollinger.

Academische Festrede

Wilhelm Wackernagel,
Dr. Prof. b. Z. Rector der Universität Basel.
Basel.
Druck und Verlag von Felix Schneider. 1841.

Es war am vierten des Brachmonats 1743, als mein erster Vorgänger in der deutschen Professur, Joh. Jac. Spreng, das neugeschaffene Lehramt mit einer Trauerrede und Trauerode zum Gedächtniss des ein Jahr zuvor in Basel verstorbenen Dichters Karl Friedrich Drollinger feyerlich eröffnete. Seitdem ist über die Welt, ist über Basel ein Jahrhundert dahin gegangen, und hat Grosses wie Kleines verwischt und ausgelöscht und umgestaltet. Die schöne den Baslern eigenthümliche Schrift, eine Erfindung von Joh. Jac. Spreng dem Vater, Schreibmeister am Gymnasium, wird eben jetzt von den Behörden wieder aberkannt; der Markgräfische Hof, der unter Drollingers Augen erbaut und Jahre lang von ihm als Badischem Archivar ist bewohnt worden, findet durch uns eine Bestimmung die mit der früheren wenig mehr gemein hat; die sechzig Gedichte Drollingers, die sechs Hunderte Sprengs sind von der höher gestiegenen Flut der jüngeten Litteratur an die Seite geschwemmt worden, und liegen

versandet und vergessen da; beide Namen gehören schon seit langem nicht mehr dem lebendig vertrauten Umgang an, sondern sind, der eine für Deutschland, der andre für Basel, beinahe nur noch Eigenthum der litterarhistorischen Ueberlieferung.

Es hat sich aber, und wer möchte das tadeln? für die academische Feyerlichkeit, die alljährlich an dieser Stätte sich wiederholt, fast zur Uebung erhoben, dass aus der Geschichte der Vaterstadt, des Vaterlandes bedeutende Persönlichkeiten oder Zustände dem Enkel vor Augen geführt werden, ihm zum Vorbild und zur Ermuthigung, den Vätern zum Ruhm, der waltenden Vorsehung zum Danke. So möge denn auch mir, dem für dieses Jahr mit dem Rectorsamte die ehrende Aufgabe geworden ist die höchsten Behörden des Staates und seiner Schulen und alle die Bürger, welche durch Pflicht und Recht oder aus freyer Liebe den Schulen befreundet sind, im Namen der Universität dankend zu begrüssen: es möge mir heut eben ein solcher Blick in Basels Vergangenheit gestattet seyn, ein Blick auf das Leben und die dichterische Bedeutung jenes Karl Friedrich Drollinger.

Zwar entgeht mir nicht, und ich gestehe es gerne zu, dass diese Schilderung für mich um vieles schwieriger wird, als sie für meinen Vorgänger gewesen. Spreng hatte bei seiner Gedächtnissrede den grossen Vortheil persönlicher Bekanntschaft, ja der vertrautesten Befreundung mit dem Verstorbenen; er hatte den grossen Vortheil, dass auch in

dem weiten Kreise seiner Zuhörer wohl Niemand sass, der Drollinger nicht gekannt, nicht geachtet hatte, und mehr als Einer der den Verlust des geliebten Freundes gleich dem Redner mit erneutem Schmerz betrauerte. Solcher gemüthlich fruchtbaren Bezüge muss ich entbehren: mir verbleibt nur die rein objective Betrachtung. Aber ich weiss nicht ob damit der 4. November 1841 wirklich im Nachtheil stehe gegen den 4. Juny 1743. Denn offenbar können wir heute gerechter, wir können unbefangener und wahrhafter seyn: heute braucht kein Tadel aus Schonung verschwiegen zu werden; heute wird keine Freundesgunst das Lob übertreiben; heut ist der Eitelkeit des Redners kein Anlass gegeben den Freund und Meister nur deshalb so masslos zu rühmen, damit ein Theil des Ruhmes zurückfalle auf den Freund und Schüler; und was endlich das wichtigste ist, dem Urtheil des heutigen Tages kommt das ganze seit Drollinger verflossene Jahrhundert zu Gute: wir vermögen mit grösserer Sicherheit zu erkennen, welche historische Bedeutung dieser Dichter gehabt, welchen Platz in dem Stufengange der deutschen Litteratur er eingenommen, welche Vorfahren, welche Nachfolger er in denselben besessen habe; wir können auf Grund der Ereignisse und der Erfahrungen eines Jahrhunders den Werth der hier in Rede stehenden Rechnungssätze genauer bestimmen, und so in dem Hausbuche der Baslerisches Culturgeschichte das Blatt, welches Drollinger betrifft, einer nochmaligen Ueberrechnung unterwerfen. Das Resultat aber einer solchen

wird um vieles günstiger, dem heimathlichen Stolze noch um vieles erfreulicher seyn als alle lobpreisenden Anrufungen Sprengs: denn so erst kann und wird sich ergeben, dass zu den Schriftstellern, welchen die deutsche Litteratur ihre letzte und höchste Erhebung verdankt, auch unser Drollinger, zu den Städten, welche in der litterarischen Geographie als Ausgangspuncte neuer Bewegungen und Umwälzungen zu nennen sind, auch unser Basel mit gehöre. So glaube ich für den heutigen Vortrag die Theilnahme Ihrer Vaterlandsliebe ansprechen zu dürfen, und hoffe und erbitte mir von dieser diejenige Nachsicht, deren ich, nicht gewohnt als öffentlicher Redner aufzutreten, im vollsten Masse bedarf.

Karl Friedrich Drollinger war geboren zu Durlach am 26. Christmonats 1688, Sohn eines strengen, liebevollen, zärtlich geliebten Vaters, welcher damals das Amt eines Badischen Rechnungsrathes bekleidete. Bald nachher jedoch ward derselbe zum Burgvogte in der Herrschaft Badenweiler ernannt, und so geschah es, dass unser Drollinger, nachdem Erziehung und Unterricht im elterlichen Hause vollendet waren, im Jahre 1703 nach dem freundlich benachbarten Basel herüberzog um sich an hiesiger Universität nächst weiterer Betreibung derjenigen Wissenschaften, welche der philosophischen Facultät zugewiesen sind, namentlich dem Studium der Rechte zu widmen, letzterem unter väterlicher Leitung des Professors Joh. Jac, Battier. Die bescheidene Bedächtlichkeit, welche Drollinger

durch sein ganzes Leben begleitete (sein Wahlspruch sey gewesen "Eile mit Bedacht!") liess ihn die Bewerbung um den Grad eines Licentiaten beider Rechte bis zum Jahre 1710, freylich erst seinem 22. Lebensjahre, hinausschieben; er erlangte denselben mit rühmlicher Vertheidigung einer staatsrechtlichen Dissertation de Praescriptionibus inter gentes. Mit diesem Beschluss seiner academischen Studien war jedoch sein Aufenthalt in Basel nicht beschlossen: er sollte unsrer Stadt für immer erhalten werden: darin trafen die Wünsche seiner treu anhänglichen Liebe mit dein Willen seines Landesherrn zusammen, der ihm, zuerst als blossem Registrator, worauf aber bald die Namen höherer Rangstufen folgten, endlich der eines Hofrathes und geheimen Archivars, die Ueberwachung des Archivs und der übrigen Schätze des Baden--Durlachischen Hauses anvertraute, welche seit der Einäscherung Durlachs durch die Franzosen (1689) in dem Markgräfischen Hof zu Basel verwahrt wurden. Er pflegte dieses Amtes mit treuestem Diensteifer; getrieben und unterstützt von persönlicher Neigung für die Alterthümer der Sprache und der Kunst, insbesondre für die Numismatik, brachte er nach und nach das Archiv, die Bibliothek, die Münzsammlung, die Kunstkammer aus dem Zustande wüster Verwirrung, in welchem sie ihm übergeben worden, zur sauberen wohlthuendsten Ordnung und Uebersichtlichkeit, und veranlasste zuletzt noch den festen und prächtigen Neubau des Palastes, den wir noch heut als eins der schönsten

Zierden unsrer Stadt und als nicht den unschönsten Theil unsers neuen Spitales betrachten. und sonst auch fand er mehrfache Gelegenheit die Liebe zum Fürsten und zum Heimathlande zu bethätigen. So bei den Ansprüchen die Baden-Durlach auf einige Aemter in Würtembergischen Besitze machte; der Streit hatte schon lange Zeit unentschieden geschwebt: Drollingers staatsrechtliche und archivarische Gelehrsamkeit wendete ihn endlich zu Gunsten Badens.

Recht von Herzensgrunde aber war er doch der Stadt zugethan, hieng an der Stadt mit den tiefsten und zartesten Wurzeln seines Lebens fest, die seine Jugend gebildet hatte, und nun seine Mannesthätigkeit umschloss. Hier hatte er seine liebsten, zum Theil schon im Knaben- und Jünglingsalter gewonnenen Freunde, hier einen August Johann Buxtorf, Pfarrer zu St. Elisabethen, mit welchem seine poetischen Uebungen, einen Benedict Stähelin, Professor der Physik, mit welchem seine Liebhaberey für die Botanik, einen Joh. Rud. Huber, mit welchem als einem geschickten Mahler seine kenntnissvolle Neigung zu den schönen Künsten ihn noch inniger verband; und auch ausserhalb dieses engeren Kreises trat dem frommen, gelehrten, emsig thätigen, überall mit Rath und That behilflichen Manne eine Liebe und Verehrung entgegen, welche ihn vergessen liess, dass er von Geburt hier nicht zu Hause sey, welche ihm Zeugniss gab, dass er, der Fremde, dennoch in den Herzen Aller das Bürgerrecht geniesse. Die Gerichtshöfe trugen

kein Bedenken ihn gelegentlich um Rathschläge und Gutachten anzugehn, und die Regierung freute sich bei etwanigen Misshelligkeiten mit dem Badischen Hofe jedesmal in Drollinger einen eben so wohlmeinenden als geschickten Vermittler zu finden. "Mehrenteils", sagt Spreng, "mehrenteils pflegt man in den freyen Städten, und allso auch hier, die Fremden mit stolzen oder scheelen Augen anzusehen. Ganz anderst ergieng es unserm Wolseligen. Kinder und Greisen, Reiche und Arme stunden vor Ihm auf. Jedermann wollte Ihn kennen, lesen und hören; Jedermann konnte auch zu diesem Glücke gelangen, und seiner Zuneigung versichert seyn, der nur Künste, Tugend und unser Vaterland liebte. Kaum hatte ein solcher Dessen edles Herz geprüfet, so fand er Ihn, aus helvetischer Eigenliebe, auch würdig, ein Miteidsgenoss und ein nicht geringer Teil Basels zu seyn. Dessen Ehre war allso unsere eigene und unsers Vaterlandes Ehre." "Schwärlich geht die Afterrede und Tadelsucht irgendwo mehr im Schwange, als allhier; und schwärlich wird sich auch der Unschuldigste unter uns berühmen können, dass er von selbiger immerfort verschohnet geblieben. Gleichwol hat unser Drollinger, und vielleicht der einige Drollinger, diesen Ruhm mit Sich in das Grab genommen, dass Ihm nicht nur von seinen hiesigen Nebenbürgeren die Acht- und Dreyssig Jahre hindurch, die Er unter ihnen zugebracht, nichts Ungleiches nachgeredt worden, sondern auch, dass Keiner

derselben jemals Dessen Namen anderst, als mit sonderbarer Achtung und Verehrung, angezogen."

Deshalb mag man auch gerne glauben, was eben derselbe Redner von dem trauervollen Schrecken erzählt, der ganz Basel ergriffen habe, da am ersten Brachmonats 1742 ein plötzliches Dahinscheiden dem Leben Drollingers und seinen langjährigen Leiden am Halbkopfwehe, der schmerzlichen Frucht seines archivarischen Fleisses, ein Ende setzte. "So bald erfuhr kein Bürger diese betrübte Zeitung, dass er solche nicht in der Bestürzung Allen, die ihm vorkamen, und diese sie hinwiederum ihren Nachbarschaften kund machten. Allso flog das eilige Gerüchte von Hause zu Hause, von Strasse zu Strasse, dass von selbigem, und zugleich von Leide und von Klagen, inner wenigen Standen die ganze Stadt erfüllet war. Dergleichen Exempel, wenn wir solche Fürsten und gekrönte Häubter nur ausnemen, deren Stand und Fall uns sehr nahe gehen muss, versichert in Basel noch von keinem Fremden jemals erhöret worden."

So ward ihm sein längst gehegter, oft geänderter Wunsch erfüllt: er fand die letzte Ruhestätte in seinem theuren Basel; "ein ganzes Volk," heisst es bei Spreng, begleitete die Leiche, die Leiche seines "getreuen Rathes und Bürgers"; Brüder und Bruderssöhne (Weib und Kind hinterliess er nicht) setzten ihm einen Denkstein; und ein Jahr nach dem Begräbnisstage erneuerte die Antrittsrede des ersten öffentlichen Professors der deutschen Beredsamkeit,

und Poesie das trauernde Gedächtniss des Freundes und Lehrers, des Begründers der deutschen Gesellschaft in Basel, "des helvetischen Opitz."

Diese Seite Drollingers, sein litterarisches Leben und Streben, ist uns jezo noch übrig insbesondre zu schildern. Um ihn jedoch von dieser Seite, ihn inmitten seiner Zeitgenossen, recht ins Auge fassen und beurtheilen zu können, müssen wir uns fürs erste auf einen weiter zurückgelegenen Standpunct begeben, und von da aus nach und nach wieder heranzutreten suchen.

Bekanntlich ist der sogenannte Vater der deutschen, d. h. der neueren deutschen Poesie Martin Opitz, ein Schlesier. In der That bezeichnet auch sein Name und bildet seine Zeit, das zweite Viertel des siebenzehnten Jahrhunderts, eine Hauptepoche der deutschen Litteraturgeschichte: denn in ihr ward zu dem stolzen Gebäude, dessen Aufführung unsre Väter mit angeschaut haben, der erste Grund gelegt. Das sechzehnte Jahrhundert hatte wohl die Sprache festgestellt, aber nicht die Litteratur: dazu war diese Sprache noch zu jung, die barbarische Verwirrung des abtretenden Mittelalters noch zu nah, der Einfluss der neugewonnenen Lateingelehrsamkeit noch zu wenig in die gebührenden Schranken zurückgewiesen, noch zu schroff der Zwiespalt zwischen der Poesie der Gelehrten und der Poesie des Volkes. Opitz war es, der in Gemeinschaft theilweis noch begabterer Freunde zuerst in dieses Chaos Mass und Ordnung brachte, und die gährenden

Elemente hier sonderte, dort verknüpfte. Mass und Ordnung, das war sein grosses, aber auch sein einziges Verdienst: er wusste der Aufgabe, die der neuen Litteratur gestellt war, nur noch von Seiten der Form beizukommen; wie denn auch das hervortretendste Ergebniss seiner Thätigkeit eine Umwälzung der Metrik war, diejenige Art der Verskunst, welche noch heute gilt. In die Tiefen aber des Inhaltes, des Stoffes, der Gesinnung griff er nicht. Arm an eigener Kraft und Fülle, wie er war, bedurfte er einer Anlehnung für die neugeschaffene Kunst; er suchte sie nicht in dem Volke der Heimath: denn diesem war er als Gelehrter entfremdet; er suchte sie im Auslande, in der antiken Litteratur, in der französischen, in der niederländischen. Daher die Pedanterey welche auch an den empfundensten Liedern der besten Dichter jener Zeit wie ein böser Mehlthau hängt, und selbst ihrem religiös .sinnlichen Ernste gewöhnlich etwas Schiefes giebt; daher die Nüchternheit, welche die Empfindung überhaupt selten aufkommen lässt, und sich lieber begnügt mit kühlen Reflexionen. Und dennoch konnte diese Poesie die des Volkes erdrücken; dennoch ward der Gegensatz, der zwischen Gelehrsamkeit und Volksmässigkeit bis dahin bestanden hatte, nunmehr so gelöst, dass der lebendige Gesang des Volkes, der alles besass was zum Dichten erforderlich ist, nur keine Form, bis nah ans Verschwinden zurückgedrängt wurde, und an seine Stelle als einzig anerkannte Herrin die Poesie der Schreibenden und Lesenden trat. Aber diese

hatte das Uebergewicht formeller Ausbildung. Ein historischer Wink, für jeden welcher meint, die Form sey Nebensache und wolle eben nicht viel bedeuten.

So besass nun Deutschland eine Poesie worin der religiöse Sittenernst der Reformationszeit, die Eleganz der Franzosen, die Sauberkeit der Niederländer und die rhetorische Kunst des griechisch-römischen Alterthums eine seltne Verbindung feyerten. Indessen waren all diese Eigenschaften doch mehr nur Aeusserlichkeiten oder Negativitäten, und bald musste sich ein Verlangen regen nach Ausfüllung derselben, nach sinnlicher Belebung, nach positiver Anschaulichkeit. Ein richtiges, natürliches, nothwendiges Verlangen: aber auch dabei wiederum griff man fehl, und verlor sich, indem man die künstlerischen Mängel der Opitzischen Dichterschule beseitigen wollte, auf die bejammernswertheste Art gleich weit von Kunst und Sitte. Das Schellengeklingel abenteuerlicher Worte und Reime, womit die sogenannten Pegnitzschäfer den Glanz und Klang der Natur in die Poesie überzutragen suchten, war noch die geringste Verirrung: Andre, an ihrer Spitze Hofmann von Hofmannswaldau, wälzten sich ohne Ekel zu empfinden und ohne Ekel zu erregen in allem Wuste der Fleischlichkeit, weil sie in ihr die vermisste Sinnlichkeit zu finden glaubten; Wollust und Grausamkeit, die gern mit einander gehn, herrschten im Roman und auf der Schaubühne: Neronische Charactere wurden da mit Vorliebe behandelt, in einem Stile der seinen Ursprung theils aus den Tragödien

Senecas, theils aus den üppigen Liedern und Schäferspielen der Italiäner genommen hatte. Der Ernst, die sprachliche und sittliche Reinheit Opitzens und seiner Genossen waren dahin; nur die Pedanterie, der alte Erbfehler der gelehrten Deutschen, blieb bestehn, so unvereinbar auch grade sie mit allem Uebrigen scheinen möchte

Dieser schmähliche Umsturz erklärt sich, sobald man beachtet, zu welcher Zeit er sich ereignete. Er begann mit Beendigung des dreissigjährigen Krieges. So lange der Krieg noch währte, blieben die üblen Wirkungen mehr auf der Oberfläche: den inneren Lebenskern des Volkes erreichten sie kaum: den hatten jetzt noch edlere Leidenschaften inne, religiöse Begeisterung, Vaterlandsliebe, Fremdenhass, männliche Kriegslust. Deshalb war die Zeit des Krieges zugleich auch die Blütezeit der Opitzischen Schule, und deren Hauptstätten lagen grade in denjenigen Ländern, die von Mord und Brand am schwersten heimgesucht wurden, in den nordöstlichen Provinzen Deutschlands. Als aber der Friede kam und mit dem Frieden die Demüthigung und Zersplitterung des Reiches, da erst kam auch die moralische Entnervung, und die fremden Heere aller Himmelsgegenden liessen auf dem verödeten Schauplatze ihrer Beutelust die Seuche jeglicher Verworfenheit zurück.

Indessen jeder Rausch nimmt zuletzt ein Ende, und auf den Taumel folgt die Ernüchterung, anfänglich zwar kein Gefühl der angenehmsten Art. So stellte sich mit

Ablauf des Jahrhunderts auch in der deutschen Litteratur die ekle Abspannung ein, bei aller Vielschreiberey eine matte gemüthlose gesinnungslose Verdrossenheit, und es gab, wie unter ähnlichen Umständen heut zu Tage, auch damals schon eine blasierte Salonslitteratur und der deutschlandsmüden und europamüden Schriftsteller genug. Es konnte nicht fehlen, die deutsche Litteratur hätte an und in sich selbst ersterben, das unterwühlte Fundament des Opitzischen Zeitalters wiederum brechen und sinken müssen, wenn nicht Gott, sichtlich einschreitend, sich erbarmt und mitten in dem wüstesten Elende Quellen der Rettung geöffnet hätte. Aber Er erweckte, nachdem die Theologie des siebenzehnten Jahrhunderts zu dogmatisch und polemisch, eben auch zu formell gewesen war um lebendig ins Leben einzugreifen, in Spener und dem Pietismus die practischere Glaubensinnigkeit; er stellte ihr, als Ferment neuer Läuterung und Belebung auch des wissenschaftlichen Geistes, in Leibniz und Wolff die Philosophie zur Seite. Der Philosophie und dem Pietismus, dem Trieb und Anstoss ihres langsamen, mannigfach erschwerten, aber um so tieferen Wirkens, schuldet unsre Litteratur die Wiederherstellung dessen, was schon Opitz inne gehabt, und die Hinzuerwerbung derjenigen Güter, die ihm noch gefehlt hatten: ihnen den erneuerten Ernst in Sitte und Religion, und nun endlich zu der Form auch den Inhalt und das Wesen.

Die ersten entscheidenden Merkmale des neuen Um- und Aufschwunges zeigten sich, wahrend noch Günther,

der verlorene Sohn eines harten Vaters, wie ein schöner Morgenstern vom Himmel herabsinken musste um seine und seines Zeitalters Sünden zu büssen: die ersten Merkmale des Aufschwunges zeigten sich unmittelbar nach einander an zwey Puncten, die, gleich Polen entgegengesetzt, der eine nördlich, der andere südlich, am äussersten Rande des deutschen Sprachgebietes liegen, zuerst in Hamburg, dann in der Schweiz; in Hamburg, wo die übeln Angewöhnungen einer schon länger dauernden litterarischen Thätigkeit hemmend in den Weg traten, mit geringerm Gewicht: mit stärkerem, nachdrücklicherem in der Schweiz, die seit der Reformationszeit beinahe gänzlich gefeyert hatte, und deshalb nun mit gleichsam ausgeruhten Kräften ans Werk gieng. An beiden Orten war die Bewegung, so erheischten es die Umstände, zugleich practisch und theoretisch: an beiden Orten Poesie in neuem Sinne, neuem Geiste, und neben den Schöpfungen der Kunst zugleich auch die Kritik: aber der südliche Dichter überflügelte den nördlichen, und während die Kritik des Nordens sich noch begnügte mit Epigrammenpolemik, machte die des Südens zu ihrem Zwecke schon die Herstellung einer positiven Kunstlehre. Die Hamburgischen Namen sind Brockes und Wernike: Wernike, der zuerst entschieden, scharf, ohne Scheu dem Unwesen der Poesie mit Epigrammen verneinend entgegentrat; Brockes ein beschreibender Dichter von massloser Fruchtbarkeit, mit seiner teleologischen Auffassung der Natur, seiner pedantischen Pünctlichkeit in der Registrierung aller

Einzelheiten zwar für uns bald langweilig, bald lächerlich, den Zeitgenossen aber und ihrer Förderung durch die sinnliche und doch ehrbare Gegenständlichkeit deren er sich befliss von grossem Werth und Nutzen. Das Schweizerische Gegenbild zu Brockes ist Albrecht von Haller, aber ein eben so viel grösseres Gegenbild, als ein Landschaftsgemälde den Vorzug verdient vor einem Küchenstück, und metaphysische Betrachtungen über die Ewigkeit den Vorzug vor einer weitläuftig gereimten Auseinandersetzung des Nutzens, welchen die Gewächse eines Mistbeetes für unsre fünf Sinne haben. Wie neben Brockes Wernike, stunden in der Schweiz neben Haller als Vertreter und Träger der Kritik die beiden Zürcher Joh. Jac. Bodmer und Joh. Jac. Breitinger. Wenn schon diese auch bei ihnen sich gern in polemischer Form geltend machte, wie denn ihr Streit mit Gottfred, dem anmasslichen Wortführer der principlosen Poesie und Poetik, zu den besprochensten Begebenheiten unsrer Litteraturgeschichte gehört: so hatte sie doch hier dem Wesentlichen nach eine entschiedene Richtung in das Positiv-theoretische. Frey von ausländischen Einflüssen waren allerdings auch sie noch nicht, und auch sie nicht frey von mancherley Fehlern und Missgriffen. Aber während die norddeutschen Dichter dieser Uebergangsepoche es noch vorzogen, ihren Geschmack an der französischen Litteratur zu berichtigen, und Canitz z. B. ziemlich abhängig erscheint von Boileau, Hagedorn von La Fontaine, suchten die Kritiker von Zürich, mit dem Dichter von

Bern darin übereinstimmend, ihre Muster und Beweisstellen lieber bei den tief-ernsten Engländern, bei Milton und Pope, und die Lehren des Aristoteles galten ihnen bereits mehr, als wie Boileau die Poetik des Horaz in sein Französisch umgegossen hatte. Von Aristoteles hatten sie namentlich den Grundsatz, das Wesen der Kunst, auch das der Dichtkunst beruhe in Nachahmung der Natur: das Ungenügende dieses Satzes, das Bedenkliche seiner Consequenzen leuchtete ihnen nicht ein, obschon eine zweite, ihnen eben so wichtige, an sich noch um vieles schiefere Lehre durch die Schwierigkeit ihrer Vereinbarung sie hätte stutzig machen sollen, die Lehre nämlich, dass der Zweck der Dichtkunst Erleuchtung des Verstandes und Besserung des Willens sey. Der nachahmenden Natürlichkeit wegen und wegen der darauf beruhenden Forderung der Einfachheit sagten sie sich allmählig vom Gebrauche des Reimes los, dieses altgewohnten characteristischen Schmuckes der modernen Poesie, und empfahlen durch Lehre und Beispiel die reimlosen Formen Englands und des griechisch-römischen Alterthums; und wiederum ihretwegen stellten sie unter allen Gattungen der Poesie das Epos obenan, als die einfachste schmuckloseste Nachahmung der Wirklichkeit; von besonderem Werth aber war ihnen die Fabel, weil ja hier neben dem epischen Elemente noch ganz unzweifelhaft die moralische und verständige Belehrung vorkommt. Hierin war ihnen Aristoteles keine Autorität mehr, der wie billig die krönende Vollendung der Kunst des Wortes im Drama erblickt; hierin

galt ihnen auch die historische Erfahrung nichts, und eben so wenig die auf der Erfahrung beruhende Divination: sonst hätte ihnen auffallen müssen, dass weder Opitz, ihr wegen seiner Reinheit und Lehrhaftigkeit so hoch empfohlener Opitz, weder er noch einer der Seinigen sich auf das Epos eingelassen, dass sie dagegen mit Vorliebe sich dem Drama zugewendet hatten; sonst hätte ihnen vielleicht auch vorgeahnt, was die Folgezeit bethätigen sollte, dass vor der neueren Litteratur als ihr Ziel, als ihre characteristische Aufgabe nächst der Prosa das Drama liege, nachdem das Epos mit der Poesie des Volkes längst schon dahingeschwunden ist.

Also die Kunsttheorie der Zürcher auch nicht frey von Fehlern unb Missgriffen: indess schon ihr blosses Vorhandenseyn war der grösste, der fruchtbarste Gewinn. Bis dahin hatte Deutschland nichts der Art besessen: denn so reich auch das siebzehnte Jahrhundert, Martin Opitz voran, und ebenso bei Beginn des achtzehnten an Lehrbüchern der Poesie gewesen, von Kritik, von wahrer Theorie zeigte sich in all diesen keine Spur: sie giengen nur auf Aeusserlichkeiten der Form, waren die Wirkung und zugleich die immer wieder erneute Ursache des oberflächlichen, bloss formellen Treibens jener Dichterschulen. Jetzt dagegen ward, und jetzt zuerst mit wahrhaft wissenschaftlicher Behandlung solcher Gegenstände, auf Inhalt gedrungen, auf eine Fülle des Stoffes, entnommen aus geistiger oder sinnlicher Wirklichkeit, auf eine Darstellung die einfach,

natürlich, dem Stoffe angemessen wäre. Auch das Moralprincip der neuen Kritiker war in seinen Wirkungen nur ein Segen für die Litteratur: unter anderen Umständen, als damals walteten, hätten sie es vielleicht selbst nie aufgestellt: damals aber galt es die strengste Reaction gegen die Sittenlosigkeit, und man konnte sich des Erfolges dann nur sicher glauben, wenn man einstweilen nicht A B C sagte, sondern B C A, nicht das Schöne zuerst und dann als nothwendig mit darein begriffen das Gute und das Wahre forderte, sondern zuerst das Gute, dann das Wahre, dann auch das Schöne.

Was aber ganz besonders das Auftreten dieser Männer zu einem historischen Wendepuncte macht, ist das enge genealogische Verhältniss ihres Strebens und Treibens zu den nächstfolgenden Haupterscheinungen und Hauptpersönlichkeiten der deutschen Litteratur. Denn wenn der Glaube an einen Gott im Himmel und eine Tugend auf Erden nun in Klopstocks Munde die Worte rauschender Begeisterung fand; wenn Wieland seine jungen Flügel an ehrwürdigen Geschichten des biblischen Alterthumes übte; wenn Lessing kam um das Schwert der Kritik neu geglättet und geschärft zu erheben, um den Deutschen endlich eine Prosa zu schenken, endlich eine Schaubühne zu erbauen; wenn diese drey, jeder in eigenthümlicher Richtung, Klopstock als lyrischen Gemüth, Wieland als epische Phantasie, Lessing als didactischer Verstand, den Kreis der deutschen Litteratur siegreich in alle Fernen dehnten: so hatte jeder von

ihnen mehr oder minder unmittelbar, zum Theil sogar durch persönliche Einwirkung, die erste Lehre, die erste Erweckung von den schweizerischen Kritikern empfangen; so hatten diese zuerst die Bahn gebrochen, diese in der Poesie Glauben und Sitte wiederum zu Ehren gebracht, diese den Epiker Englands als höchstes Muster hingestellt, diese zuerst für Dinge der Litteratur die Waffe wissenschaftlicher Erörterung geschmiedet. Das sollte die Schweiz, das sollte Deutschland nicht vergessen. Mit gerechter Freude blicken wir darauf hin, wie unsre Litteratur, die älteste der ganzen nachrömischen Welt, zugleich auch die jüngste derselben ist; wie ihre Anfange um Jahrhunderte, um ein Jahrtausend weiter zurückreichen als die Anfänge der italiänischen und der spanischen, der englischen; und der französischen Litteratur; wie sie noch einmal ein goldenes Zeitalter hat feyern dürfen, nachdem das goldene Zeitalter der italiänischen und der spanischen, der englischen und der französischen Litteratur längst schon vertauscht gewesen; wie also wenigstens auf dem Gebiete des geistigen Lebens das germanische Volk diejenige Stellung einnimmt, die ihm inmitten der germanisierten Welt gebührt. Mit Stolz und Freude blicken wir darauf hin: gedenken wir aber auch derer, welche mit wehrhafter Hand die Pforten dieser letzten Herrlichkeit geöffnet haben. Das Jahr 1840 ist durch mehr als ein Jubelfest bezeichnet worden: die ganze Nation hat ein neues Jahrhundert der Buchdruckerkunst, das preussische Volk die gleichmässig durch Jahrhunderte getrennten

Regierungsanfänge dreyer Fürsten gefeyert: dass aber im Jahre 1740 die schweizerischen Kritiker ihre entscheidendsten Schritte vorwärts thaten, dass in jenem Jahre das goldene Alter unsrer Litteratur mit kühner Plötzlichkeit hervorsprang in die Weltgeschichte, diese säculare Erinnerung ist uns, sogar uns hier in der Schweiz, sogar den Zürchern entgangen. Noch aber darf es auch heute nicht zu spät seyn sie aufzufrischen: nennen wir heute denn mit Dank und Ehren die Namen jener Ahnen; und auch Drollinger sey mit genannt: denn er stand mit in der Reihe der Vorkämpfer, und es soll sein Schade nicht seyn, dass er beim Sturme der Königsburg in der Bresche schon gesunken ist.

Jetzt lassen Sie uns das Streben und die Leistungen dieses einen, uns zunächst angehörigen Mannes zum Gegenstande besondrer Betrachtung machen: jetzt, da wir den Boden kennen gelernt haben in welchem er wurzelte, die Luft in welche er hineinwuchs, vermögen wir es mit grösserer Sicherheit.

Was sich schon vermuthen liesse, wird von Spreng ausdrücklich berichtet: in den Anfängen seiner Poesie hatte sich Drollinger auch noch an die Dichter der bösen Zeit gehalten, an Hofmannswaldau und an Lohenstein, den neronischen Tragiker des siebenzehnten Jahrhunderts; erst da er durch seinen Freund, den Professor der Rechte Nic. Bernoulli, mit Bessers Schriften bekannt geworden, wandte er sich grundsätzlich von Jenen ab, und suchte von Besser und Canitz zu lernen mag von ihnen zu lernen war. Er

wandte sich grundsätzlich ab: er vernichtete an seine Jugendversuche, er eiferte nun selbst gegen die sittenlosen und, wie auch er sie nennt, die verstiegenen Poeten: gleichwohl sind die Nachwirkungen der ersten Schule wenigstens im Stil auch der späteren Gedichte noch immer wohl bemerkbar: dieser ist keineswegs gänzlich frey von einer gesuchten Ungewöhnlichkeit, von einer zu hoch angeschwellten Anschauungs- und Ausdrucksweise: Fehlern die Lohensteins Namen sprichwörtlich gemacht haben. Viel weniger merklich ist Bessers Einfluss, wenn gleich Spreng einen solchen namentlich behauptet; jedesfalls war er bloss negativer Art: was hätte sich auch ein Drollinger Positives von diesem Dichter aneignen können, der doch nur ein andrer Hofmannswaldau war, freylich abgemattet und aus der schwülen Studierstube versetzt in die kühle Zugluft des Hofes; dem sein Herausgeber alles Ernstes und ganz der Wahrheit gemäss nachrühmen durfte, er habe "in seinen Versen so gewöhnliche und natürliche Redens-Arten gebrauchet, dass sie in ungebundener Rede weder natürlicher noch eigentlicher seyn können, ja der Poesie sich zu keinem andern Zwecke beflissen, denn nur dadurch zu einer desto geschicktern Schreibens-Art in ungebundener Rede zu gelangen." Etwas andres vielmehr ist es, was noch vom frühern Geschlecht und von der älteren Mitwelt her an Drollinger hängt, während er auch darüber selbst schon spottet: ich meine die Gelegenheitspoesie, die dienstwillige Verherrlichung von Alltagsereignissen in leeren oder gar unwahrhaften Phrasen.

"Ists möglich, dass ihr eure Leyer
Bey einer jeden Kirchweih trillt?
Ists möglich, dass von solchem Feuer
Euch nur die kleinste Ader schwillt?
Crispinus freiht: Glück zu dem Orden!
Susanna starb: Genad ihr Gott!
Johannes ist Magister worden:
Ich wünsch ihm bald Verdienst und Brot.
Da habt ihrs. Bey so schlechten Wundern
Fällt wahrlich mir nichts bessers ein.
Soll etwas meinen Geist ermuntern,
So muss es etwas grössers seyn."

So Drollinger selbst: und von ihm selbst giebt es mehr als ein Leichen- und Gratulationsgedicht von viel weiter ausgedehntem Inhalte als bloss so einfachen Glück- und Abschiedswünschen.

Erörtern wir jedoch statt solcher Rückstände des Alten lieber was unverkümmert neu an ihm ist, worin er sich entschieden als Mitbegründer eines neuen Lebens zeigt, seinen Antheil an der vorher geschilderten Umwälzung und hebung der Litteratur.

Seine Stellung in dieser wird am richtigsten bezeichnet seyn, und es ergiebt sich eine merkwürdige Uebereinstimmung seiner äusseren Lebensverhältnisse und seines litterarischen Wirkens, wenn man ihn, der von Geburt kein Schweizer, und doch in der Schweiz, in einer Grenzstadt derselben eingewöhnt war, als ein Mittelglied auffasst zwischen Deutschland und der Schweiz, zwischen der Hamburgischen Polemik

und der Zürcherischen Kritik, als ein Mittelglied zwischen Brockes und Haller, jedoch so, dass er letzterem um ein gutes Theil näher zu stehn kommt. Er war ein Wiederklang von Brockes, aber verschönt und vergeistigt; von Haller ein starker Vorklang, dessen Herold, man könnte sagen ein Haller vor Haller.

Mit dem Hamburger Dichter gemein hat der Baslerische, ein eifriger und gelehrter Blumenliebhaber, die Freude an detaillierter Naturschilderung zum Lobe Gottes, der auch für die irdische Glückseligkeit seiner Menschen so mild und weise gesorgt habe: aber er wagt sich, wie bei sonst verschiedner Tendenz nach und mit ihm Haller, schon an die grösseren Anschauungen mehr umfassender Landschaftsgemälde; und wie er den Bedürfnissen und der Lust der niederen Sinne keinen so freyen Spielraum vergönnt als Brockes, und der Natur lieber bloss das Gesicht und das Gehör entgegenträgt als auch den Geruch und den Geschmack: so sucht und findet er auch in den Bildern der Natur häufig schon erhabnere Bezüge als bloss die der gemeinen Nützlichkeit. Von der Spielerey mit mahlerisch klingenden Worten, die bei Brockes gar nicht selten ist, und diesen Dichter rückwärts an die Pegnitzschäfer anknüpft, von der Beleidigung der Kunst durch solche Nachahmung der Natur ist Drollinger gänzlich frey.

Aber nicht bloss in seinem Anschlusse an Brockes zeigt sich Drollinger mit dem älteren, norddeutschen Theile der litterarischen Bewegung verbunden. Schon vorher ist bemerkt

worden dass da zu Lande das einmal rege gewordene Bedürfniss nach Läuterung des Kunstgeschmackes vorzüglich bei den Franzosen Trost gesucht habe, bei deren Dichtern, deren Theoretikern, namentlich bei Boileau: das Beispiel der Höfe und zahlreiche Colonien französischer Flüchtlinge wiesen von dort aus nach Frankreich hin als dem Mutterlande aller feineren Bildung in Kunst und Sitte. Der gleiche Zug tritt uns, jedoch schon in gebührend untergeordnetem Masse, auch bei Drollinger entgegen, insofern auch dieser einige Stücke von Boileau und La Motte ins Deutsche übertragen hat: aber nur einige wenige, und dem Lobe das er der correcten Eleganz Boileau und den Verdiensten zollt welche sich derselbe als Nachfolger Horazens um die Poetik erworben habe, ist bereits ein schalkhafter Spott beigemischt. "Wie oft" schliesst eine grössere dem Lobe Boileaus gewidmete Stelle in dem poetischen Sendschreiben an Spreng,

"Wie oft nicht hat er uns beschämt,
Nur, weil er jenes Kunstgewebe
Mit Frankreichs Spitzen neu verbrämt!"

Bedeutender, selbstkräftiger, mehr mit ganzem Herzen bei der Sache ist Drollinger da, wo er die Schweizerische Seite der neuen Bewegung vertritt, wo er ein Vorläufer Hallers ist und ein Verbündeter der Kritiker von Zürich. Auf dieser Seite liegen vor allem seine drey Oden Lob der Gottheit, über die Unsterblichkeit der Seele und über die göttliche Fürsehung: Stoffe zugleich religiöser und metaphysischer

Natur, wie sie durch Leibnitz und Wolff, besonders durch des ersteren Theodicee, Lieblingsgegenstände des damaligen Denkens geworden waren, dergleichen auch Haller, der fromme philosophische Naturforscher und Dichter, mit characteristischer Vorliebe wählte. Aber Drollinger war darin selbständig, von Haller unabhängig; so mannigfach auch die Wärme dieser Dichtungen, die sich oft bis zu loderndem Feuer erhebt, und die von aller Begeisterung nirgend gestörte Folgerichtigkeit des logischen Zusammenhanges an Hallers lehrhafte Poesie erinnern mögen: so hat doch beide nur der gleiche Strom gekränkt, die gleiche himmelher brausende Lebenslust berührt, und der Zeit nach Drollingern früher als Haller; wie Spreng bezeugt, "selbiger sang später, obschon Er der Welt durch frühern Druck bekannt worden."

Auf demselben Gebiete, innerhalb derselben Art von Lyrik bewegte sich Drollinger auch mit seinen Verdeutschungen einiger Psalmen, obwohl ihm nicht entgieng dass er damit noch der Ungewohnheit und dem Widerwillen mancher Zeitgenossen verletzend entgegentrat; wie es denn in dem schon erwähnten Sendschreiben heisst:

"Noch Eines muss ich Dir gestehn;
Ich weiss nicht, darf ichs wol entdecken;
(Die kluge Welt wird sehr erschrecken:)
Ich finde Davids Psalmen schön. —
Man sprach: Ein Psalm ist keine Sache,
Da fuhr ich aus: Du arme Nott,
Du rühmst dich doch der Gaunersprache,

So singe, kannst dus, auch von Gott. Umsonst! du kreuchst in deiner Pfütze. Wer zu dem nidern Schlamm verbannt, Der steigt nicht bis ans Reich der Blitze, Wo David seinen Donner fand."

Bestrebungen britischer Philosophen, welche neben der neuen Metaphysik Deutschlands, nicht gerade in freundlicher Verschwisterung einhergiengen, hatten die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf jenes Volk hingewendet, und so eine vertrautere Bekanntschaft auch mit dessen anderweitigem Leben und Treiben in Wissenschaft und Kunst eingeleitet: diese aber einmal eingeleitet, muste sich bei dem Sinne der jezt in Deutschland erweckt war, und bei dem tief gehenden Einklange deutscher und englischer Volksthümlichkeit alsbald die innigste Zuneigung begründen. Daher die entschieden englischen Sympathien der neuen Kritik und Poesie im Gegensatze zu den bereits veraltenden französischen; daher auch bei Drollinger neben den Resten französischen Einflusses überwiegender Einfluss Englands, Vorliebe besonders zu Pope und mehrfache Uebersetzungen aus demselben, unter denen die bedeutendste und umfangreichste der Versuch von den Eigenschaften eines Kunstrichters ist, in ungebundener Rede, nicht wie das Original in Versen.

Es ist jedoch nicht bloss diese gemeinschaftliche Sympathie, welche Drollingers engen Zusammenhang mit der Schweizerischen Kritik beurkundet: er theilte als die nothwendig mit dazu gehörige Kehrseite auch die Antipathien

derselben, und griff, in ihrem Sinne verwerfend, anstreitend, Neuerungen vertheidigend, nach dem Mass seiner Kräfte mit in den Schwung der Ideen und der Thatsachen. Seiner spottenden Polemik gegen die verstiegenen Poeten und die Gelegenheitsdichterey ist vorher bereits gedacht worden; und wenn er eben dieselbe nicht auch gegen Gottsched wendet, wenn dieser ihm noch ein Mann ist "den Phöbus kennt und liebet", so wollen wir darin nur eine schonende Berücksichtigung der Zuvorkommenheiten finden die Gottsched ihm erwiesen: die Deutsche Gesellschaft zu Leipzig, deren Vorsteher der letztere war, hatte ihn im Jahre 1733 seiner Ode auf die Gottheit wegen zu ihrem Mitgliede ernannt. Zudem bezeichnet er Gottscheden in Einem Athemzuge mit jenem Lobe doch schon als einen Mann der Vergangenheit, und verwundert sich in verbindlicher Weise über einen Fortschritt den derselbe gemacht habe. Er spricht da (es ist wiederum in dem Sendschreiben an Spreng) vom Reime:

"O möchte doch ein deutsches Ohr
Sich von dem Schellenklang entwöhnen!
Die Zürcher-Mahler gehn uns vor,
Und wagen sich mit freyen Töhnen
Vor unsrer Musen eckeln Chor.
Selbst Gottsched hat es jüngst gewagt,
Ein Mann den Phöbus kennt und liebet.
Doch, was mich inniglich betrübet:
Der Beyfall bleibt ihm noch versagt."

Sonst hatte Drollinger sehr wohl den Muth sich der Dictatur des Professors von Leipzig zu entziehen, und trug kein Bedenken dessen grammatischer Gesetzgebung zum Trotze gelegentlich Worte zu gebrauchen, die ein Preusse oder Meissner schwerlich für gut preussisch und meissnerisch würde erkannt haben, z. B. von serbenden Blumen zu sprechen und von gehöhlten Teicheln; so dass wir einige Stellen seiner Briefe an Gottsched, wie z. B. "Ein gebohrener Schwabe zu seyn, und seine meiste Lebenszeit in der Schweiz zugebracht zu haben, sind wol nicht die Umstände, welche zu einer reinen deutschen Poesie vieles beytragen können" oder "Es gehet aber bey einem betagten Schwaben schwär her, den alten Sauerteig völlig auszufegen, und hat er Zeit und Mühe dazu vonnöthen": dass wir also diese und dergleichen Phrasen wohl eben auch nur als Phrasen schuldiger Briefhöflichkeit ansehen dürfen.

Wahrhaft ergötzlich aber und so schlagend, als das bei einseitiger Polemik möglich ist, sind Drollingers Ausfälle gegen den Reim und den seit Opitz oder vielmehr seit Wecherlin so allbeliebten französisch-deutschen Alexandriner. Er hat dieser "Tyranney der deutschen Dichtkunst" ein eigenes satirisch-klagendes Gedicht gewidmet; das ich nicht umhin kann Ihnen vollständig mitzutheilen.

"Ihr Musen helft! Der Verse Tyranney
Ist allzu schwär. O macht uns endlich froh!
Uns plagt ja schon mit seinem Schellenklang
Der Feind von Geist und Witz, der Reim, zu lang,

Der, von den rauhen Barden ausgeheckt, Die strenge Herrschaft bis auf uns erstreckt. Was schreibt doch noch der deutsche Dichter-Chor Für eine Versart sich zur Strafe vor; Ein Doppelvers, erdacht zu unsrer Pein! Zu gross für Einen und für Zween zu klein. Je mehr er hat, je mehr ihm stets gebricht. Zwelf Füsse helfen ihm zum lauffen nicht. Ihn macht dem Ohr kein Wechsel angenem, Und kein geschicktes Mass dem Sinn bequem. Er trabt betrübt daher mit schwerem Schritt. Ein gleicher Tact bestimmt ihm jeden Tritt. Beym Sechsten stellt auch, wenn er lauffen will, Das strenge Reimgesätz ihn immer still. Vernunft und Witz entweicht vor seinem Zwang, Und findt ihn bald zu kurz, und halb zu lang; Und, wenn sein Tic und Tac beständig schallt, Gleich einer Glocke, so entschläft man bald. Schau, wie so oft ein Dichter ängstlich ringt, Bis nach den Regeln ihm ein Vers gelingt! Er martert sich, verdreht, versetzt, verschränkt; Der Sinn wird schwach; die Sprache wird gekränkt. Ein Einfall fliesst. Doch kan er nicht bestehn. Warum? Zween Füsse fehlen noch zu Zehn. Was ist zu tuhn? Ein Flickwort kömmt herbey, Dass die geschworne Zahl nur richtig sey. Die Zahl ist ganz. Das Werk will doch nicht fort. Der Abschnidt fällt nicht recht auf seinen Ort. Nach langer Müh gebihrt man eine Brut, Von Wind und Lust erfüllt, für Geist und Blut. Und ist sie nicht an Kraft und Geiste leer,

So zeigt ihr Leib den Zwang nur desto mehr. Was Wunder! dass der Britten feiner Ohr Ein Reimgebände sich vorlängst erkohr, Das, nicht so sehr vom Regelzwang beschränkt, Sich nach des Dichters Wunsch bequemer lenkt, Bald hier, bald dort den Abschnidt wechselnd stellt, Und, wie die Regung will, so laüfft, als hält."

Der behaglich-scherzende Ton dieses Spottgedichtes, die Mässigung in welcher Witz und Laune sich hier geltend machen, müssen jeden überraschen der die sonstige Unbeholfenheit jener Zeit grade in Witz und Spott und Laune kennt. Die gleichen Vorzüge sind Drollinger aber sonst auch eigen, und seine wenigen Fabeln und Epigramme stellen sich dadurch in ihrer Art den Oden würdig zur Seite. Wie übrigens das eben verlesene Gedicht selbst schon die Form der in ihm empfohlenen italiänisch-englischen Versart hat, so ist auch eins der zierlichsten unter den beschreibenden, die Unschuldige Frühlingsluft, des Versuches wegen wirklich in reimlosen Versen abgefasst.

Bei der geringen Anzahl der Gedichte Drollingers, bei der grossen Verschiedenartigkeit in Stoff und Darstellung die innerhalb dieser geringen Anzahl besteht, ist es schwer für uns, von seinem Wirken ein ganzes, vollkommenes, durch organischen Zusammenhang anschauliches Bild zu gewinnen, und ich fühle sehr wohl wie es auch mir nur gelungen ist verstreute Stücke zu geben. Gleichwohl ist ihm eine so bedeutende Stelle in der Geschichte

unsrer Litteratur zugewiesen worden; gleichwohl hat er in Basel, in der Schweiz, in Deutschland thatsächlich eine tief eingreifende, lang andauernde Wirkung geübt, und nah und fern nicht bloss bei Zeitgenossen die vollste Anerkennung gefunden. Brockes, der Dichter Hamburgs, begrüsste den lebenden, beklagte den verstorbenen; Bodmer in seinem Trauergedichte rechnete ihn zu den Wenigen, die Deutschlands Stolz und Rettung seyen. Man erwäge jedoch dass in Zeitaltern wie damals eines über Deutschland gieng, schon ein einziges Gedicht für ein Ereigniss gelten kann, wie ja auch die Leipziger bloss um des Lobes der Gottheit willen Drollinger zu ihrem Mitgliede ernannten; und dass für die Schweiz, namentlich aber für Basel, die lückenhafte Vereinzelung seiner dichterischen Productionen ergänzt wurde durch den persönlichen Verkehr, durch die stille Eindringlichkeit täglichen Redens und Handelns, durch die Fülle und das Gewicht eines ganzen wohlgeführten Menschenlebens. Basel aber hat damals, in jenen über Wohl und Wehe der Litteratur entscheidenden Tagen durch Drollingers Verdienst eine ehrenvoll einflussreiche Stelle behauptet: es stärkte die Zuversicht der Zürcher, und gab ihrem Schaffen einen gewichtigen Nachdruck, dass sie in Basel, der altberühmten Universitätsstadt, sich von zahlreichen Bekennern gleicher Grundsätze unterstützt wussten; dass sich hier, zwar erst nach Drollingers Tode, aber aus dessen Freunden, und dem Wesen nach schon von ihm begründet, eine Deutsche Gesellschaft bildete,

die im Sinne der neuen Zeit und für deren Zwecke thätig war. Und nicht bloss einzelne Männer hatte er gewonnen, nicht bloss einen gelehrten Clubb bilden helfen: ganz Basel lernte, wenn Spreng zu glauben ist (und warum nicht?) Interesse für die wiedererstehende Litteratur empfinden. "So gar auch bey unserm Frauenzimmer begonnte man seit den Drollingerischen Zeiten eine neue Lehrbegihrde, einen neuen und bessern Geschmack wahrzunemen. Vorhin musste sich dasselbige bald scheüen, belesen zu seyn, und eine Erkänntniss von bündigen Schriften zu haben. So bald aber einige Gedichte von unserm Poeten zum Vorscheine kamen, machte sich ein Geschlechte, wie das Andere, ein auserordentliches Vergnügen, und gleichsam ein Verdienst, daraus, selbige mit eigener Hand abzuschreiben, dem Gedächtniss und Gemühte einzuprägen, und bey Gelegenheit schickliche Stellen daraus anzubringen."

Ein Basler jedoch vorzüglich hat die ganze Richtung seines Lebens durch Drollinger empfangen, und eine Wirksamkeit nach dessen Sinne bis auf ein zweytes Geschlecht, bis in die Jünglingsjahre Jsaac Jselins fortgepflanzt: es ist dieses der eben wieder genannte Johann Jacob Spreng, der ein Jahr nach Drollingers Tode die nahrhaftesten Früchte von dessen Leben erndtete, Früchte welche in erneuter Aussaat auch mir noch zu Gute kommen sollten, die Berufung an die neu gestiftete Professur der deutschen Beredsamkeit und Poesie. Freylich ist nicht zu läugnen, dass Spreng als Dichter trotz all seiner Fruchtbarkeit weit zurück

stehe hinter seinem Lehrer und Vorbilde, dass er auch als berathender Freund nicht zum besten auf diesen möge zurückgewirkt haben: die Spuren seiner eiteln Zudringlichkeit liegen jedem vor Augen in der Ausgabe von Drollingers Gedichten, die er und der Pfarrer Buxtorf im J. 1743 besorgt haben: indessen wir verdanken ihm eben diese Ausgabe; wir verdanken seiner Gedächtnissrede die Nachrichten über Drollingers Leben; wir verdanken seinem jugendfrischen Muthe den kecken Ausspruch manches Urtheiles über litterarische Zustände und Persönlichkeiten, welches Drollinger, obschon eigentlich der erste Urheber solcher Ansichten, doch bei seiner bedächtlich schonenden Weise nicht gewagt hatte in alle Welt hinauszuwerfen. So in der Zuschrift die rückhaltlose Auflehnung gegen Gottsched; so in einer Anmerkung zu Popens Kunstrichter das nachdrücklich characteristische Wort "Der Anlass kan sich geben, da man keinen Vorgänger hat, und selbsten muss Vorgänger seyn."

Woher nun — diese Fragen drängen sich uns bei der jetzt erreichten Beendigung unsres Weges auf — woher die Errettung der deutschen Litteratur, die Begründung eines neuen goldenen Zeitalters gerade durch schweizerische Kräfte? Woher nach Jahrhunderte langem Stillschweigen dieses laute Auftreten der Schweiz grade damals? Fragen, so unabweisbar sie sind, so schwer dennoch zu beantworten. Es liegt auch hier einer von jenen zahlreichen Fällen vor uns, wo die gewöhnliche Pragmatik sich als ungenügend,

wo sich für ganze Völker und deren Geschichte als gültig erweist was Göthe schön von einzelnen Menschen sagt, dass immer noch etwas Anonymes dabei sey. So weit die benennbaren Grössen ausreichen, wird die Erklärung folgende seyn; sie ergiebt sich ziemlich von selbst, sobald man den Character jener Umwälzung, ihre Vorgänge und Umstände zusammenhält mit der Volks- und Landesart der Schweiz und deren damaligen Geschichtsverhältnissen.

Die deutsche Litteratur war bis an den Rand des Unterganges zurückgesunken durch Sittenverderbniss, den unkriegerischen Nachlass des dreissigjährigen Krieges; die Schweiz hatte letzterer wenig berührt, sie empfand auch in sittlicher Beziehung weniger von dessen Folgen: so konnte diesem Stamme vor allen übrigen des deutschen Volkes die Wiederherstellung der Litteratur am sichersten anvertraut werden: er brachte zu dem reinen Werke noch die unentweihtesten Hände. Den treibenden tragenden nährenden Grund der neuen Frühlingswelt gewährte die Erfrischung und Vertiefung des geistigen Lebens durch den Pietismus und die Philosophie: sie bereiteten den Weg der allein aus all dem Jammer führen konnte, den Weg neuer Religiosität und neuer Wissenschaftlichkeit. Den Schweizern aber war durch die Gunst ihres einfacheren Cultus, ihres von äusserem Formenwesen nicht so behelligten Bekenntnisses neben der Glaubensstrenge auch die Innigkeit des Glaubens unverloren geblieben, oder doch nicht in solchem

Grade wieder entfremdet worden als den übrigen Deutschen; und die wissenschaftliche Richtung fand namentlich in Zürich, dem alten Sitze eines gediegenen Humanismus, einen Anknüpfungspunct, wie kein andrer Ort ihn besser darbot. Insofern war, da doch die Litteratur zum Behufe neuer besserer Erziehung noch einmal in den Religionsunterricht und die Gelehrtenschule sollte und musste geschickt werden, dafür die Schweiz, wo nicht das fähigste, doch ein wohlbefähigtes Land: hatte der Boden auch eine Reihe von Menschenaltern hindurch brach gelegen, so war das für die neue Ansaat wahrlich kein Schade; konnte dieser Theil Deutschlands von Opitz an bis über ein Jahrhundert nach ihm sich auch nur dreyer des Rennens werthen Dichter rühmen, Simlers, Grods und Reinholds von Freientahl, so brauchte er sich dafür auch keines Klai, keines Hofmannswaldau, keines Lohenstein zu schämen, und hatte nicht die Mühe diese erst wieder zu verwinden; ja der älteste jener drey Schweizer, Johann Wilhelm Simler, dessen Werke 1653 in Zürich bei einem früheren Joh. Jac. Bodmer erschienen sind, kann vielleicht auf das heilsame Moralprincip der Zürcherischen Kritiker als erster Ahnherr nicht unbegründete Ansprüche machen: denn er schon hatte in ausgesprochenem Gegensatze zu den deutschen Dichtern seiner Zeit die Lehre hingestellt: "Das absehen eines rechtschaffnen Christenlichen Poeten sol fürnemlich gerichtet seyn auf den nutzen; und die belustigung. Auf den nutzen dergestalt, dass des Allerhöchsten Ehre durch seine

Gedichte befördert; der nächst und er selbs erbauet: auf die belustigung; dass seine Verse nicht allein lieblich klingen, sonder auch von solchen erfindungen und worten seyen, dass dardurch auch der kluogen verstand belustiget und geschaltet werde."

Endlich ist noch ein Moment zu beachten. Gleich bei der ersten Regung neuen Lebens, in Hamburg, hatte die Poesie aus dem richtigen Bedürfnisse sinnlicher Anschaulichkeit nach landschaftlichen Stoffen gegriffen: auch deshalb traten alsbald die Schweizer hinzu, und lösten Hamburg ab, und nahmen das Werk in ihre Hände. Denn Landschaftlichkeit jeglicher Art ist zu allen Zeiten eines der Hauptmerkmale unsrer Provincialpoesie gewesen: wie bei den Minnesingern des Mittelalters, wie im siebenzehnten Jahrhundert bei Simler, so auf Anregung des Hamburgischen Dichters nun bei Haller und Drollinger, so in allen folgenden Jahrzehenden bis auf unsre Tage bei Gessner, Salis, Usteri, Hebel, Fröhlich. In welchem Lande sonst hat auch diese Richtung der Poesie so viel natürlich nothwendiges? in welchem sonst gewährt eine grosse und anmuthige Natur so den verschönernden Hintergrund alles Lebens?

Ich kann nach diesem Versuche pragmatischer Begründung die Rednerstätte nicht verlassen, ohne von der ruhmreichen Vergangenheit den Blick noch aus Gegenwart und Zukunft zu wenden, mit Empfindungen, ich weiss selber nicht ob des Hoffens, ob der Furcht und des Zweifels, sicherlich aber der reinsten treuesten Liebe.

Wohl ist die Poesie, die vor sechs Jahrhunderten schon mit segentriefendem Fittich über diesen Gauen geschwebt hat, wohl ist sie ihnen auch heute noch nicht entflohen, und die Schweiz ist wie in der Wissenschaft so auch in der Dichtkunst mit Namen geschmückt, deren Glanz vor keinem des nachbarlich verwandten Nordens erbleicht. Denn es fliessen hier der Kunst noch unerschöpfte, stäts unerschöpfliche Quellen in einer grossen Vorzeit, in einer reichen Natur, in einem durch freyere Verfassung entfesselten Geistesleben. Aber verhehlen wir es uns nicht: jene Namen stehn verlassen, vereinsamt da; dem Rufe des Dichters antwortet nur spärlich jenes Verständniss, jene Anerkennung, jene Begeisterung, die allein seine Brust zu unermüdetem Sange stärken und lüften mögen, wie das Echo des Waldes die Nachtigall zu immer neuen, immer schöneren Liedern reizt. Die Poesie ist hier nur wenigen noch ein Schmuck des Lebens, noch wenigern ein Lebensbedürfniss. Was aber ist es, das diesem schönen Lande den alten Gast zu entfremden droht? Drey tief einfressende Uebel: die Schweiz theilt sie mit der gesammten jezigen Welt: aber auf keinem Lande lastet ihr Druck so schwer als auf der Schweiz: dieser eng begrenzte Bund, so viele noch enger begrenzte Freystaaten er in sich schliesst, eben so viele Heerde bietet er auch jenen Uebeln dar um ihr verzehrendes Feuer zu entzünden. Unglaube, Radicalismus, und ein im irdischen Stoff gefangener Gewerbsfleiss: wo diese drey, wo auch nur eins von diesen zu unbestrittener Herrschaft gelangt ist, da muss es der Poesie

unheimlich werden; da graut ihr; da verstummt, da entflieht jede Liederkehle wie aus verpesteter Luft. Oder sollte die Kunst sich noch einmal herabwürdigen zur Hochzeitsgratulantinn und zur Klagefrau der Leichenbegängnisse? sollte sie, die freye, von der Unfreyheit sich dingen lassen um mit täglich neuen Variationen die Marseillaise aufzuspielen? Denn solche Dienste möchte man ihr da vielleicht noch abfordern, und höchstens solche. Da sey aber Gott vor! Nein, wünschen wir, die mit noch undurchbrochenem Damme ein ruhiger Hafen birgt, wünschen wir nicht bloss, hoffen wir auch das Beste! Noch hat vor der Zeit, die Gottes ist, kein Werk der Lüge, der Lüge weder des Unrechtes noch der Glaubenslosigkeit, Stand gehalten; allgemach wird auch der Gewerbsmaterialismus der besseren Einsicht weichen müssen dass der Stoff dem Geist diene, nicht der Geist dem Stoffe, und es wird jener Wissenschaft mit der allein die Poesie sich verbündet, an deren Hand sie vor einem Jahrhundert die Laufbahn ewigen Ruhmes betreten hat, zu freyer Entwickelung der Raum fürder nicht verkürzt, nicht verkümmert werden.