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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

SPRACHTRADITION UND SPRACHWANDEL

Rektoratsrede gehalten an der 97. Stiftungsfeier der Universität Bern

am 21. November 1931
Dr. phil. KARL JABERG
o. Professor für romanische Philologie, italienische Sprache und Literatur
PAUL HAUPT
Akademische Buchhandlung vorm. Max Drechsel
Bern 1932

Hochverehrte Anwesende!

In seinem Buche über die Vulgärsprache (De vulgari eloquentia) stellt Dante die sprachlichen Zustände vor und nach der babylonischen Sprachverwirrung einander gegenüber. Dem Menschen wurde bei seiner Erschaffung von Gott eine einzige, unveränderliche Sprache gegeben 1); an ihre Stelle trat nach dem Turmbau zu Babel eine Vielheit von Sprachen, als deren Hauptcharakteristikum Dante — und er tut sich auf diese Erkenntnis etwas zugute — die Veränderlichkeit ansieht 2). Damit ist eine grundlegende Antinomie in der Sprache aufgedeckt, die Antinomie zwischen Sprachtradition und Sprachwandel.

Der Wandelbarkeit alles Menschlichen, führt der mittelalterliche Traktatschreiber weiterhin aus, folgt die Sprache, die wir "sine omni regula, nutricem imitantes"3) lernen. Das Bedürfnis nach Konstanz aber erfüllt die "gramatica", die unveränderliche Kunstsprache, die Griechen und andere Völker 4), wenn auch nicht alle, besessen haben 5). Weil sie die Veränderlichkeit der natürlichen Sprachen erkannten, haben Einsichtige eine Kunstsprache

geschaffen, quo quidem gramatica nichil aliud est quam quedam inalterabilis locutionis idemptitas diversis temporibus atque locis"1) (worunter nichts anderes zu verstehen ist, als eine an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten sich gleich bleibende Sprache).

Damit hat Dante einen weitern Aspekt der Frage berührt, die uns heute beschäftigen soll, den Unterschied nämlich zwischen der Mundart und der Schriftsprache in ihrem Verhältnis zu Tradition und Wandel. Und hier möchte ich meine systematischen Erörterungen anknüpfen.

Dazu ist es nötig, uns über die Begriffe der Schriftsprache und der Mundart einige Klarheit zu verschaffen.

Eine Schriftsprache ist ein sprachliches Ausdruckssystem, das zum schriftlichen Verkehr zwischen den Mitgliedern einer irgendwie, sei es staatlich, kulturell, handelspolitisch usf. zusammengeschlossenen grossen menschlichen Gemeinschaft dient. Dabei sind sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft mehr oder weniger klar bewußt, daß die von ihnen verwendete Sprache auf einer Anzahl feststehender und allgemeinverbindlicher, von denen der Mundart abweichender und ihr übergeordneter einheitlicher Normen beruht.

Die Mundart ist einem Dorfe. einem Tal, einer Landschaft eigen, also einer kleineren Gruppe geographisch und historisch mit einander verbundener Menschen. Diese empfinden ihre besondere Redeweise nicht als bestimmten, objektiv herausstellbaren Regeln unterworfen; sie haben deutlich das Bewusstsein dafür, dass sie der Sprache einer größeren Gemeinschaft untergeordnet ist und sich nicht zum schriftlichen Verkehr eignet.

Neben der Schriftsprache steht als höhere Form die Literatursprache, als tiefere die Umgangs- oder Verkehrssprache d. h. die gesprochene Varietät der Schriftsprache. Man mag alle drei unter dem Begriffe der Gemeinsprache oder nach schwedischem Vorgang dem der Reichssprache zusammenfassen.

Es ist hier nicht der Ort, die Eigentümlichkeiten der genannten Formen festzustellen oder gar auf weitere Nuancierungen einzugehen, trotzdem sie für das uns beschäftigende Thema nicht

ohne Bedeutung sind. Nur so viel sei bemerkt, dan die Literatursprachen den Kontakt mit den geringer gewerteten Formen derselben Gemeinsprache um so mehr verlieren, je höher sie sich entwickeln. Sie erwerben sich eine gewisse Autonomie, die darauf beruht, dass sie die Ausdrucksform einer geistigen Elite sind. Ihre Wandlungen spiegeln die Wandlungen jener Elite wieder, ohne notwendigerweise für die Entwicklung der ganzen Sprachgemeinschaft symptomatisch zu sein. Wenn in dem Streite über das Verhältnis von Kultur und Sprache die Meinungen in den letzten Jahren so heftig aufeinander gestossen sind, so kommt es z. T. daher, dan man die Literatursprachen gegenüber andern sprachlichen Erscheinungsformen zu wenig scharf abgegrenzt und ihre Sonderstellung zu wenig nachdrücklich hervorgehoben hat.

Versuchen wir nun zunächst den Entwicklungsgang der beiden Gemeinsprachen, die im Zentrum meines Lehrgebietes liegen, der französischen und der italienischen, rasch zu umreissen, indem wir unser besonderes Augenmerk auf Bewahrungs- und Neuerungstendenzen richten. Dabei wird sich die Darstellung naturgemäss vor allem auf die schriftliche, speziell die literarische Form der Gemeinsprache beziehen müssen.

Schon in ihren Anfängen gehen die beiden Sprachen nicht durchaus gleichlaufende Wege. Die Kolonisierung Italiens, dann anderer europäischer Länder durch die Römer führte zu einer Übertragung der lateinischen Sprache auf einen Kulturboden, auf dem sie nicht gewachsen war. Das Latein vermochte sich nur solange zu halten, als nicht ein neues Kulturbewusstsein gebieterisch nach einer neuen Kultursprache rief. Das geschah in Frankreich vom 10. bis 12., in Italien im 13. und 14. Jahrhundert. Es ist bezeichnend, dass Italien später als Frankreich auf das Lateinische verzichtete. Die römische Tradition hatte dort tiefere Wurzeln als hier. Bezeichnend auch, daß es in Frankreich, wie im 16. Jahrhundert auf rätorömanischem und auf rumänischem Gebiet, kirchlich propagandistische Zwecke waren, die die erste literarische Verwendung einer provinziell noch stark differenzierten Schriftsprache bedingten, während in Italien die Literatur auf weltlichem Gebiet einsetzt und in ihrer ersten Phase — der sizilianischen Lyrik — eine Nachahmungsliteratur ist.

Noch frappanter treten die Unterschiede zwischen den beiden Ländern im weitern Verlauf der Entwicklung hervor. In Frankreich werden die grossen sprachlichen Wandlungen getragen von den sich ablösenden gesellschaftlichen oder sozialen Schichten. Das Altfranzösische ist in seiner typischen literarischen Gestaltung der Ausdruck der ritterlichen Weltanschauung. Entscheidende Wandlungen — Monophtongierung, Verfall der Deklination, durchgehende Verwendung der unbetonten Personalpronomina usf. — setzen sich in mittelfranzösischer Zeit (im 14. und 15. Jahrhundert) durch: zugleich mit dem Aufkommen der bürgerlichen Schicht wird ihre Sprechweise in der Gemeinsprache herrschend; die Neuerungen der Umgangssprache dringen in die Literatur ein. Auf die Verbürgerlichung folgt zur Zeit der Renaissance die klassizistische Reaktion, während der die wissenschaftliche Aristokratie Frankreichs der Sprache ihren Stempel aufdrückt. Die normalisierenden Bestrebungen werden — nicht ohne Einfluss des italienischen Vorbildes — immer stärker und immer befasster. Die Grammatiker beginnen sich der Sprache anzunehmen, die nun die volle Gleichberechtigung mit dem Lateinischen erlangt hat. Aus den Händen der wissenschaftlichen Aristokratie geht sie im 17. Jahrhundert über in die der vornehmen Gesellschaft, in der die hervorragendsten Schriftsteller und Grammatiker verkehren. In der Zusammenarbeit dieser drei Gruppen, der hommes du monde, der Schriftsteller und der Grammatiker, erhält das Französische die von jeder Extravaganz freie, vornehme Gelassenheit, die die Literatursprache des 17. Jahrhunderts auszeichnet. Die demokratische Welle der Revolution, die sprachlich erst in der Zeit der Romantik zur vollen Auswirkung kommt, bringt Unordnung in das wohlbehütete Gebäude. Seine Säle füllen sich mit Vertretern aller Stände, mit Revolutionären, Emporkömmlingen und Fremdlingen. Die Desorganisation geht im Verlaufe des Jahrhunderts weiter und führt zu jener crise du français, über die sich die humanistisch gebildeten Kreise Frankreichs bitterlich beklagen, und die wohl im wesentlichen dadurch bedingt ist, daß einerseits der Wortschatz und die Ausdrucksweise der Sonder- und Fachsprachen die Literatursprache zu einem immer buntscheckigeren Gebilde machen, und dass andrerseits das Französische la langue de tout le monde geworden ist.

Welche Wandlungsfähigkeit bei einer anscheinend so konservativen Nation! Wie ganz anders stellt sich die Entwicklung der italienischen Literatursprache dar: Welche Konservativität bei einem oft sich so revolutionär gebärdenden Volk! Der hervorstechendste Zug der italienischen Schriftsprache ist, daß sie im Verlaufe von sechs Jahrhunderten nur geringfügige Veränderungen durchmacht. Der heutige Franzose muss sich mühsam in das Verständnis des Rolandsliedes hineinarbeiten; der Italiener liest seinen Boccaccio mit nicht viel mehr Anstrengung als einen modernen Roman.

Woher dieser Unterschied? Man weist gerne darauf hin, dass der Italiener den Römer als Blut vom eignen Blut empfindet, dass das lateinische Vorbild in dem Lande, wo die Wiege des römischen Volkes stand, stärker wirken musste als anderswo. Man sucht den Grund auch darin, dass die italienische Literatur mit einem fortissimo beginnt: die grossen Trecentisten, Dante, Petrarca und Boccacio, die alle in ihrer Weise auch erone Sprachschöpfer gewesen sind, hätten die Literatursprache gleich so mächtig geformt und hätten ihr ein so hohes Prestige verliehen, dass die Nachfahren gegen ihre Autorität nicht aufzukommen vermochten. Gewiss haben beide Umstände ihr Teil zu der Konstanz der italienischen Schriftsprache beigetragen. Es kommt aber ein anderes hinzu: Wir finden in Italien die für Frankreich so typische Ablösung der sozialen und damit der Bildungsschichten nicht. Wohl beherrscht der Kampf zwischen dem Adel und der Bourgeoisie die Zeit Dantes. Wohl geht aus der überspannten Demokratie im 14., 15. und 16. Jahrhundert die typisch italienische Form des Prinzipats hervor. Aber der wirkliche Träger italienischer Kultur und Literatur, das wirklich lebenskräftige Element ist doch stets das gebildete Bürgertum geblieben. Wie typisch kommt das in den besondern Wesenszügen der italienischen Romantik zum Ausdruck! Aber welche Rolle spielt auch in der Renaissance, die man gerne als eine ausgesprochen aristokratische Kulturströmung darstellt, das Bürgertum! Die kleinbürgerliche Patina, die sich in den Biographien Vespasiano's und Vasari's über die grossen Fürsten, Gelehrten, Literaten und Künstler der Renaissance legt, ist ein Ausdruck der sozialen Atmosphäre, in der diese Männer lebten.

Damit soll nun nicht gesagt werden, dass die Tradition in Italien stets eine einheitliche war. Für die italienische Literatursprache ist im Gegenteil charakteristisch, dass immer zwei Traditionen nebeneinander hergehen. Was ich meine, mag man etwa aus der Gegenüberstellung der Fiammetta und des Novellino, der geschichtsphilosophischen Werke Machiavelli's und seiner familiären Briefe, der Prosa Ascoli's, z. B. im Proemio des Archive glottologico, und der von Edmondo de Amicis ersehen. Auf der einen Seite steht die der gehobenen Literatursprache, die sich am Lateinischen orientiert und durchaus konservativ ist, auf der andern Seite die sich mit mannigfachen provinziellen Schattierungen der toskanischen Umgangssprache, der lingua parlata, nähernde, mehr volkstümliche Tradition. Jene für alle Äußerungen des wissenschaftlichen Denkens und rhetorischer Anstrengung beliebt, diese die Sprache der unbefangenen Erzählung und der natürlich lebhaften Diskussion. Typisch ist dabei, daß die beiden Stilarten, wenn auch der Gelehrtenstand natürlich der ersten zuneigt, nicht verschiedenen sozialen Klassen zuzuordnen sind, dass sie sich im Verlaufe der Jahrhunderte nicht ablösen, dass vielmehr derselbe Schriftsteller sich bald der einen, bald der andern bedienen kann.

Jedesmal, wenn man sich ihres Unterschiedes deutlich bewusst wird, tritt die questione della lingua" in ein akutes Stadium; man bekämpft sich, man kommt sich näher; man gelangt gar zu einer signorilen Versöhnung, wie in der Prosa der Promessi Sposi — in Wirklichkeit hat sich wenig geändert: allmächtig bleibt die Doppeltradition. —

Wir haben bis jetzt angenommen, dass die Entwicklung einer Sprache eine rein interne Angelegenheit sei, daß das traditionelle Sprachgut ihr zu eigen gehöre, und dass sie alle Neuerungen aus sich selbst heraus schaffe. Dem ist in Wirklichkeit nicht so. Begriffsbildungen wandern von Land zu Land und mit ihnen ihre Benennungen oder zum mindesten die Benennungsimpulse. Die Kleidermode und die Toilette haben ihre Terminologie aus Frankreich, der Sport die seinige aus England bezogen. Architektonische Ausdrücke, die uns heute so typisch italienisch vorkommen wie loggia und balcone, stammen aus Deutschland; das

erstere hat seinen Weg über Frankreich genommen, das zweite über Oberitalien; beide sind nach Deutschland zurückgewandert. Ähnliche Schicksale hat salon erlebt: Zu deutschem Saal gehörig, wurde sala in Italien mit dem Augmentativsuffix -one versehen, im 17. Jahrhundert nach Frankreich exportiert, in seiner Bedeutung modifiziert und dann nach Deutschland weitergegeben. Deutsche Wörter wie Bekehrung, Erbauung, Erlösung usf., haben eine fremde Seele: es sind Bedeutungslehnwörter, die lateinisches conversio, aedificatio, redemptio wiedergeben usf.

Wenn wir so an den Begriff der Tradition herantreten, so verschieben wir das Schwergewicht seines Inhaltes: Wir stellen nicht mehr das Alte dem Neuen, sondern das Einheimische dem von auswärts Bezogenen gegenüber.

Die Frage, wie sich in der Schriftsprache die von innen heraus geschaffenen Neuerungen zu den von außen bezogenen, den Entlehnungen, verhalten, wollen wir nicht erörtern. Man darf wohl annehmen, dass die innern Wandlungen an Zahl und Gewicht die äussern überwiegen. Anders liegen die Dinge bei der Mundart, wenn wir dieses Wort in seiner engsten Bedeutung, der der Dorfmundart nehmen. In der Auffassung des Verhältnisses zwischen der einheimischen Tradition und den von aussen .kommenden Neuerungen haben sich hier in den letzten fünfzig Jahren grundlegende Wandlungen vollzogen. Die sogenannte junggrammatische Schule ging stillschweigend oder ausdrücklich von der Voraussetzung aus, daß jede Dorfmundart eine selbständige Tradition und eine in sich geschlossene Entwicklung besitze. Nur so ließ sich die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze, d. h. jene absolute Regelmässigkeit der lautlichen Entwicklung innerhalb einer Dorfmundart erklären, die die Junggrammatiker zu ihrem obersten Dogma machten.

Auf romanistischem Gebiet wirkten sich die junggrammatischen Auffassungen — etwas outriert dargestellt — in folgenden Anschauungen aus: Die Römer haben nach allen Orten, die sie kolonisiert haben, eine bestimmte Entwicklungsstufe des Lateins gebracht, etwa so wie ein Samenexportgeschäft an den verschiedenen Punkten seines Exportgebietes Samen absetzt. An den einzelnen Orten hat sich das Lateinische nach rein lokalen Entwicklungsgesetzen, unabhängig von den Nachbarorten, weiterentwickelt

und so zu den modernen Dorfmundarten geführt, gerade so wie sich die Samen des Exportgeschäftes entwickeln und je nach dem Boden und den klimatischen Verhältnissen Pflanzen von dieser oder jener individuellen Gestaltung hervorbringen. Die Mundart, die heute in Bagnes, in Vionnaz, in Blonay, in Disentis gesprochen wird, repräsentiert das Latein, das hier vor beinahe zwei Jahrtausenden importiert wurde.

Die Sonderart der lokalen Gestaltung erfassen wir um so schärfer, je mehr wir die Beobachtung auf sie konzentrieren: Die wissenschaftliche Darstellungsform, in der die eben skizzierte Auffassung ihren Niederschlag gefunden hat, ist die Mundartmonographie, die sich auf einen Ort beschränkt, neben eine lateinische die ihr entsprechende romanische Form setzt und annimmt, dan diese durch kontinuierliche Entwicklung aus jener entstanden sei.

Der grosse Fortschritt der modernen Dialektologie besteht darin, dass sie die Betrachtung des Sprachraumes an die Stelle der Betrachtung des Sprachpunktes gesetzt hat. Sie ist zur Erkenntnis gelangt, dan es eine lokale Tradition ebensowenig gibt wie eine lokale Geschichte, wenn man unter Geschichte den ursächlichen Zusammenhang im Ablauf der Ereignisse versteht. Der Ablauf der Ereignisse an einem bestimmten Ort wird stets mehr durch äussere als durch innere Ursachen bestimmt. Und so ist auch die Entwicklung einer Dorfmundart nicht denkbar ohne das stetige Mitwirken der umgebenden Mundarten. Es gibt keine lokale, sondern nur eine regionale oder eine nationale Tradition. Diese Einsicht hat ihren sinnfälligsten Ausdruck in den modernen Sprachatlanten gefunden, die darauf ausgehen, den Blick vom Sprachpunkt weg auf die grossen geographischen Zusammenhänge zu lenken.

Die Sprachkarten stellen synoptisch dar, wie ein Ausdrucksproblem von einigen hundert Mundarten gelöst worden ist, die in einem geographischen Zusammenhang stehen. So sind z. B. auf der Karte "Kopf" des vom Sprechenden gemeinsam mit Jakob Jud herausgegebenen Sprach- und Sachatlasses Italiens und der Südschweiz die für diesen Begriff gebräuchlichen Wörter (CAPUT, TESTA, CAPOCCIA, COCCIA, CONCHA) an den ihnen geographisch zukommenden Stellen eingetragen. Eine der Hauptaufgaben der

Sprachgeographie ist es, die Räume festzustellen, die in ihren traditionellen Elementen und in ihren sprachlichen Wandlungen solidarisch sind, andrerseits die Ausstrahlungszentren der Neuerungen, ihre Stromrichtung und ihre Verbreitung aufzuzeigen und die Bedingungen zu erforschen, durch die sie bestimmt werden. Es wird also etwa zu erweisen sein, dass Süditalien lateinisches CAPUT erhalten, daneben aber im Streben nach einem sinnfälligen Ausdruck zu COCCIA, eigentlich "Muschel", "Schale", "Schädel" gegriffen und daß dieses COCCIA sein Geschlecht an CAPUT abgegeben hat, so daß man heute LA CAPO sagt. Es wird festzustellen sein, dass sich Sizilien von Süditalien scheidet, indem es sich zu mittel- und norditalienischen Mundarten schlägt, die TESTA sagen, und dass darin die sprachliche Modernisierung zum Ausdruck kommt, die diese Insel nach der Vertreibung der Araber erfahren hat, während Sardinien mit CONCHA durchaus eigene Wege gegangen ist. Es wird darauf hinzuweisen sein, dass TESTA überall im Vordringen begriffen ist, dass aber nicht nur die konservativen rätoromanischen Randmundarten, sondern auch städtische Zentren wie Florenz und Mailand der Modernisierung starke Widerstände entgegensetzen. Man wird den Grund für den Erfolg von TESTA, CAPOCCIA, COCCIA, CONCHA in ihrer stärkern Affektivität suchen, die gerade bei dem vorliegenden Begriffe eine grosse Rolle spielt, andrerseits feststellen, dass CAPUT wegen der Mannigfaltigkeit seiner Bedeutungen (Oberhaupt, Rebschoß, Ende usf.) an Konkurrenzfähigkeit verloren hat usf.

Ohne dass wir lange zu suchen brauchen, ergeben sich bei der so orientierten Betrachtung der Mundarten wie bei der der Schriftsprachen typische Unterschiede zwischen Frankreich und Italien. Das starke Einzelleben der italienischen Kleinstaaten zeichnet sich noch deutlich in den geschlossenen provinziellen Sprachgebieten ab. Man kann hier von eigentlichen regionalen Traditionen sprechen, während in Frankreich die politische und administrative Zentralisierung in der immer weiter fortschreitenden Zerstörung der sprachlichen Sondertraditionen der alten Landschaften zum Ausdruck kommt. Auch hier erscheint Italien konservativer als Frankreich.

Die Frage, aus welchen Gründen eine lebende Sprache, und mag sie noch so konservativ sein, sich stetsfort wandelt, gehört

zu den weitreichendsten Grundfragen der Sprachwissenschaft. Ich beabsichtige nicht, sie hier allseitig zu erörtern. Insbesondere gehe ich nicht auf die Einflüsse ein, die verschwundene Sprachen wie das Etruskische in Italien oder das Keltische in Frankreich durch ihre Artikulationsgewohnheiten auf spätere Sprachen (im vorliegenden Falle das Lateinische resp. Romanische) ausgeübt haben können — die sogenannte Substrattheorie, die in letzter Zeit besonders die italienischen Sprachforscher stark beschäftigt und zu Übertreibungen geführt hat, die ihren Wahrheitsgehalt kompromittieren.

Stellen wir vielmehr zwei prinzipielle Fragen in den Vordergrund, die der unmittelbaren Beobachtung näher liegen, nämlich

1. In welchem Milieu entstehen die sprachlichen Neuerungen?

2. Wie setzen sie sich durch?

Die erste Frage ist in den letzten Jahren in Deutschland Gegenstand lebhafter Erörterungen gewesen. Man hat dabei nicht einwandfreie Theorien der Volkskunde in einseitig verallgemeinernder Übertreibung auf die Sprachkunde zu übertragen versucht. Es gibt, sagt Naumann, eine primitive Gemeinschaftskultur, die ein primitives Gemeinschaftsgut schafft: Siedlungsformen, Sitten, Bräuche, Sagen, Märchen, Gemeinschaftslieder. Daneben ist aber viel von dem, was man als Volksgut bezeichnet, Tracht, Tänze, Lieder usf. nichts anderes als gesunkenes Kulturgut, d. h. Adaptierung oder Nachahmung der Schöpfungen einer individualisierenden und differenzierenden höhern Kultur. Genau so, hat man gesagt, verhält es sich mit der Sprache: auf der einen Seite primitive Gemeinschaftsschöpfungen der mundartlichen oder umgangssprachlichen Unterschicht, auf der andern Seite die der fortschreitenden Kultur sich anpassenden Neuerungen der sprachlichen Oberschicht, die allmählich in die Unterschicht hinabsinken.

Soweit dieser letztere Weg als einer unter vielen angesehen wird, ist nichts dagegen einzuwenden. Dass Wörter aus der Schriftsprache in die Mundart gelangen, lässt sich tausendfach belegen; ihre allmähliche Verbreitung über grosse Mundartgebiete ist auf den Sprachatlanten sehr schön zu verfolgen. Die Neuerungen zeichnen sich hier auf der traditionellen Masse augenfällig ab. Doch nicht alles Gute kommt von oben. In syntaktischen Dingen

sind Unter- und Oberschicht stets mehr oder weniger getrennte Wege gegangen. Und wenn an lexikologischen Neuerungen die Oberschicht einen grossen Anteil hat, so wird der Wandel auf dem Gebiete der Flexion und der lautlichen Gestalt der Wörter durchaus von der Unterschicht beherrscht. Wenn es auf die Schriftsprache ankäme, so würde man französisch noch jetzt konjugieren: nous maudisons, vous maudites, ils maudisent, wie man italienisch malediciamo, maledite, maledicono sagt: Die Angleichung an den Konjugationstypus von finir wäre nicht durchgedrungen. Wie von der Masse getragene lautliche Veränderungen von unten nach oben drängen, zeigt etwa der Wandel von l mouillé zu j, der im 17. Jahrhundert als kleinbürgerlich erscheint, während des ganzen 18. Jahrhunderts auf den Widerstand der Grammatiker stösst und noch von Littré hartnäckig bekämpft wird, aber der jetzt auch in der Sprache der gebildeten Nordfranzosen vollständig durchgedrungen ist. Und welcher Anstrengungen zimpferlicher Familienmütter bedarf es in der guten Stadt Bern, um den ländlichen Lautwandel von l zu u (Wald zu Waud) und von nd zu ng (Hand zu Hang) bei ihren hoffnungsvollen Sprösslingen nicht durchdringen zu lassen. Wenn man die Tatsachen umzukehren versucht, so geschieht es, weil das Abnormale oft leichter zu beobachten ist als das Normale und weil jenes interessanter erscheint als dieses. Soll man darum vereinzelten Reaktionen mehr Bedeutung beimessen als zahlreichen Aktionen? Den Widerstand, den die gebildeten Kreise Frankreichs im 17. Jahrhundert dem Wandel von untervokalem r zu z (frère -frèze, chaire - chaise) entgegengesetzt haben, wichtiger nehmen als die Tatsache, daß französische Mundarten jahrhundertelang vorher diese lautlichen Veränderungen vorgenommen und der Schriftsprache zuzuführen versucht haben?

Im übrigen ist nicht zu vergessen, dass das Verhältnis von Unterschicht und Oberschicht kein grundsätzlich Gleichbleibendes, sondern ein zeitlich und örtlich wandelbares ist. Das zeigt aufs deutlichste der Entwicklungsgang der französischen Schriftsprache, den ich kurz skizziert habe. Man müsste blind sein, wenn man den bestimmenden Einfluss nicht sehen wollte, den die Schriftsprache heute auf die Mundarten ausübt. Muss er darum stets

gleich stark gewesen sein? Ist denn nicht jede Schriftsprache irgendwie aus einer Mundart hervorgewachsen?

So ergeben verallgemeinernde Behauptungen über das Verhältnis von Ober- und Unterschicht durchwegs verzerrte Bilder. Sie erweisen sich aber auch in anderer Hinsicht als einseitig. Die Vergesellschaftung des modernen Lebens hat zur Bildung einer grossen Zahl von sich vielfach durchkreuzenden Gruppen geführt, als da sind Stände, soziale Klassen, wirtschaftliche Verbände, Berufe, Handwerke usf. Die besondern Interessen und Bedürfnisse, aber auch der verschiedene Bildungsgrad und das Streben nach Absonderung verlangen nach besondern Verständigungs- und Ausdrucksmitteln. So entstehen differenzierte Formen der Gemeinsprache, die in ihrem Grundstock und in ihrem Aufbau mit jener identisch, aber anders getönt sind und sich durch mancherlei sprachliche Besonderheiten charakterisieren. Hieher gehören Berufssprachen wie die der Berg- oder der Seeleute, politische Jargons wie der der Revolution, Geheimsprachen wie die der Kesselflicker oder der Landstreicher usf.

Es ist klar, daß sich die Interessen der Allgemeinheit und die der Gruppen fortwährend durchkreuzen, und dass infolgedessen auch das Sprachgut zwischen ihnen in einem fort ausgetauscht wird. Ausdrucksmittel der Allgemeinheit erhalten spezielle Bedeutung; Wörter der Gruppensprachen gelangen mit ihrer besondern Bedeutung in die Gemeinsprachen und behalten sie dort bei, wenn sich die Allgemeinheit für die Sonderleistungen der Gruppe zu interessieren beginnt (man denke an Automobil, Panne, Flugzeug, Propeller usf.), können aber auch zu allgemeineren Bedeutungen aufsteigen, wenn es der Gemeinsprache bloss darum zu tun ist, Nebenvorstellungen und Gefühle aus Sonderheiten beim Reden mitschwingen zu lassen. So etwa, wenn man Wörter wie Parole, Alarm, mustern, Attacke, zum Rückzug blasen, ein Trommelfeuer (von Argumenten etc.), eine grosse Kanone (=hochgestellte Persönlichkeit) der Soldatensprache entlehnt.

Wenn man bedenkt, dass ein Austausch nicht nur zwischen den verschiedenen Formen der Gemeinsprache, nicht nur zwischen Mundart und Schriftsprache, sondern auch zwischen den einzelnen Gruppensprachen unter sich und zwischen ihnen und der Gemeinsprache stattfindet, so wird man sich eine Vorstellung von

der Kompliziertheit der Verhältnisse machen; und man wird mißtrauisch sein gegen jede verallgemeinernde Behauptung. Nur gewissenhafte Einzelforschung vermag hier zuverlässige Resultate zu ergeben. Wie ungleich die Milieux sind, aus denen die Neuerungen stammen, und wie verschiedenartig die Wege, die sie gehen, sei an einigen Beispielen gezeigt.

Chalet war ursprünglich ein frankoprovenzalisches Dialektwort und bezeichnete eine "Sennhütte". Rousseau hat es in die französische Literatur eingeführt. Heute ist es dem Franzosen in der Bedeutung "kleine Villa im Schweizerstil" bekannt. Das Wort ist also aus der Mundart in die Literatursprache und von da in die Umgangssprache gelangt.

Italienisches balcone war zunächst nur in den rätoromanischen und in den venerischen Mundarten heimisch und bedeutete dort "Fensterladen" und "Fenster". Aus der Mundart gelangte es in die Fachsprache der Architekten und bezeichnete ein bis zum Boden reichendes Fenster mit einem kleinen Ausbau. Die italienische Schriftsprache übernahm es und gab es weiter. Dagegen ist es in der Toscana nie recht heimisch geworden.

Ganz anders franz. escalier. Das Wort tritt in Nordfrankreich erst seit dem 16. Jahrhundert auf. Die an der klassischen Baukunst orientierten Architekten haben es Vitruv entnommen. Aus der Fachsprache ist es, vielleicht unter Mitwirkung der in Südfrankreich heimischen Form, zunächst in die Literatur- und Umgangssprache und weiterhin in die nordfranzösischen Mundarten eingedrungen, die jetzt im Begriffe sind, die alten Bezeichnungen gré, égré, degré, montée aufzugeben.

Sehr hübsch lässt sich an Hand der Karte fiammifero (Zündhölzchen) des italienischen Sprachatlasses zeigen, wie gelegentlich verschiedene Milieux mehr oder weniger unabhängig von einander neue Wörter schaffen, die mit einander in Konkurrenz treten, teilweise nur vorübergehende Geltung haben, wieder verschwinden oder in die Gemeinsprache aufgenommen werden. Piroforo und fiammifero sind zweifellos technische Bezeichnungen für das im Anfang des 19. Jahrhunderts erfundene Phosphorzündhölzchen; piroforo ist wieder verschwunden, fiammifero hat sich in der Schriftsprache eingebürgert, aber ist ausser in der Toskana kaum gebräuchlich. Viel weiter verbreitet ist in

der östlichen Hälfte von Ober- und Mittelitalien fulminante, offensichtlich ein Reklamewort, das ein geschickter Krämer geschaffen hat. Volkstümlichen Ursprung verraten dagegen Wörter wie das novaresische focu, foghettu, unteritalienisches und sardisches luminu, eig. "Lichtchen", abbruzzesisches und nordcampanisches appicciarellu, südkalabresisches und ostsizilianisches accendi, accendaru, accennu, auch lumafuocu und fettafocu, die alle vom Begriff des Anzündens ausgehen, übrigens wohl meist schon für das alte Schwefelholz galten. Besonders in der Gegend von Cremona ist zac gebräuchlich, das in bergamskischem zac e tac mit derselben Bedeutung seine Erklärung findet: Es handelt sich um eine abgekürzte lautsymbolische Bezeichnung, die das Streichen und Aufflammen des Zündhölzchens zum Ausdruck bringen soll. Auf einer volksetymologischen Umgestaltung von pospero "Phosphor" wird abbruzzesisch-römisches prospero beruhen. Keines unter den letztgenannten Wörtern hat in die Schriftsprache Eingang gefunden. Dagegen hält sich hier zähe älteres zolfino und zolfanello. Und in Mailand ist fülminant wieder vor dem bäurischen sufranel, sulfanell gewichen 1).

Für den Übertritt von Wörtern aus einer Gruppensprache in die andere ist die Terminologie des höfischen Liebesverkehrs charakteristisch: es ist allgemein bekannt, dass die Provenzalen sie dem Feudalismus entlehnt haben. Der Ritter redet seine Geliebte mit dem Masculinum midonz = mein Herr (Gebieter) an und bringt ihr sein omenatge, seine Huldigung dar: er erklärt sich als ihren Lehensmann.

Die altchristliche Kirche hat manchen Ausdruck der Rechtssprache entlehnt; man denke an confessio, absolutio, damnatio, reconciliatio, wo das Verhältnis des Gläubigen zu Gott oder zum Priester mit einem rechtlichen verglichen wird.

Wie setzt sich eine sprachliche Neuerung durch? Auch darüber lässt sich schwer Allgemeines aussagen. Charakteristische Unterschiede ergeben sich immerhin beim Vergleiche zwischen Gemeinsprache und Mundart. Neuschöpfungen bleiben

hier, wenn auch nicht immer unbemerkt, so doch meist anonym. Die Kontrolle der Gemeinschaft gegenüber den sprachlichen Velleitäten des Einzelnen ist zwar nicht weniger scharf als in der Gemeinsprache; aber sie ist weniger wirksam. Da die Mundart einen kleineren Geltungsbereich hat als die Gemeinsprache, sind die Neuerungen rascher "durch". Ein schüsch statt süsch der stadtbernischen Mundart stösst auf geringere Widerstände als sie sich etwa einem stonst des Hochdeutschen für sonst entgegenstellen würden. Andrerseits wirkt das Bewusstsein für eine allgemein verbindliche Korrektheit des Ausdruckes in der Gemeinsprache stärker als in der Mundart. Der schönstist und der feinstist verletzen das mundartliche Sprachgefühl weniger als der schönsteste und der feinsteste das gemeinsprachliche verletzen würden.

Wie rasch — im Verlaufe weniger Generationen — lautliche und morphologische Neuerungen eine Dorfmundart verändern können, haben die sorgfältigen Einzeluntersuchungen von Rousselot, Gauchat, Terracini, Terracher und Sommerfeld gezeigt. In Charmey z. B. sagt die älteste Generation noch maora, aera, naova für mûre, heure, neuve, die jüngste durchweg mara, ara, nava. Umgekehrt ist na, tsanta, pala im Verlauf von wohl nicht viel mehr als zwei Generationen zu nao, tsantao, paola "nez, chanter, pelle" geworden. Dagegen hat ein Wandel wie der von oue zu oua (roué —roua) Jahrhunderte gebraucht, um in der Gemeinsprache durchzudringen. Und die Konservativität der Flexion schriftsprachlicher Verba wie asseoir, mouvoir, couvrir usf. kommt einem erst recht zum Bewusstsein, wenn man die mundartlichen Formen daneben stellt (z. B. Inf. asseyer, mouver, Part. Perf. couvri, ouvri usf.).

Lexikologische Neuerungen dringen, wenn sie von gewissen allgemein bekannten kulturellen Erscheinungen getragen werden, gewiss auch in der Gemeinsprache rasch durch: pescecane ist heute in ganz Italien ebenso bekannt wie Schieber und Kriegsgewinnler Kriegsgewinnler auf dem deutschen Sprachgebiet. Fehlt aber die Stosskraft einer akuten Zeiterscheinung, so sind die Reste älterer Ausdrucksweise schwer zu zerstören.

Die Gemeinsprache ist eben ihrem Wesen nach konservativ und muss konservativ sein, wenn sie Gemeinsprache bleiben will.

Daher ein weiterer Unterschied zwischen ihr und der Mundart: dort bleibt das Alte oft neben dem Neuen bestehen; hier ist die Ablösung meist eine radikale. Da in der Sprache kaum je dauernd zwei Wörter oder Formen genau denselben Bedeutungs- oder Verwendungsbereich haben — es würde das unserem Bewußtsein für den Systemcharakter der Sprache widersprechen —ergibt sich aus der konservativen Tendenz der Gemeinsprache, aber auch aus andern Gründen in dieser eine grössere Differenziertheit der Ausdrucksmöglichkeiten als sie der Mundart eigen ist.

Was ich eben über die Wandelbarkeit der Mundarten gesagt habe, widerspricht der verbreiteten Auffassung, dass diese im allgemeinen archaischer seien als die Gemeinsprache. Das ist nur insofern wahr, als sie gewisse Erscheinungen zäher bewahren als jene, also z. B. das Schweizerdeutsche die alten Monophtonge î, û und ü gegenüber den neuen hochdeutschen Diphtongen ei, au und äu. Wi, Mur und Für gegenüber Wein, Mauer und Feuer. Aber man braucht dem nur etwa den Verlust von auslautendem n oder die Verarmung der Nominal- und Verbalflexion entgegenzuhalten, um sich Rechenschaft abzulegen, wie weitreichende Neuerungen unsere schweizerischen Mundarten durchgeführt haben, die dem Hochdeutschen fremd geblieben sind. Viel frappanter noch tritt das Verhältnis in einem Lande wie Italien zutage, das früher als Deutschland die heute gültige Schriftsprache konstituiert und seither nur unwesentlich verändert hat, während die Mundarten sich lokalen Entwicklungstendenzen hingaben und immer weiter differenzierten. Die sprachgeographische Betrachtung zeigt sowohl in Italien wie in Frankreich, dass die Umgestaltung der Mundarten noch viel rascher vor sich gegangen wäre, wenn nicht die übergeordnete Gemeinsprache oder gemeinsprachlich beeinflusste regionale Zentren hemmend in den Gang der natürlichen Entwicklung eingegriffen hätten. —

Wir haben bis jetzt die Sprache gleichsam gemeinwirtschaftlich betrachtet; wir haben die verschiedenen Formen der Tradition festgestellt und uns eine Vorstellung von den Entstehungszentren der Neuerungen und ihrer Ausbreitung, von dem Übergang aus einer Sprachschicht in die andere gemacht. Das Wesen der Tradition hat sich uns dabei von selbst ergeben: sie beruht auf dem Beharrungsvermögen und dem Beharrungsbedürfnis des Menschen.

Was aber ist Sprachwandel, von wem geht er letzten Endes aus und aus welchen Kräften entspringt er? Es läge nahe, der passiven Masse das aktive Individuum gegenüberzustellen, jene als den Träger der Tradition, dieses als den Träger alles Wandels anzusehen. So einfach verhalten sich aber die Dinge nicht.

Gewiss berührt sich das Verhältnis zwischen Tradition und Wandel in der Sprache mit dem Verhältnis von passivem und aktivem Verhalten des Menschen. Aber es deckt sich nicht damit. Wer an der Tradition festhält, der wird es häufig aus Gleichgültigkeit tun. Das Festhalten am Alten kann aber auch einen Energieaufwand bedeuten, wenn es sich bewusst Veränderungstendenzen entgegenstemmt. Andrerseits entsprechen sprachliche Veränderungen durchaus nicht immer einem energetischen Verhalten des Menschen. Unbewusster Lautwandel ist in vielen Fällen nichts anderes als ein Ausfluss artikulatorischer Trägheit, Analogiebildung ein Nachstampfen ausgetretener Geleise und Entlehnung eine gedankenlose Aneignung fremden Gutes.

Doch verwechseln wir Wandel und Schöpfung nicht. Schöpferisch ist, wer mit bewusster Absicht neu gestaltet. Und das tut stets das Individuum, in unserm Fall das sprachbegabte Individuum. Der Begabte schafft, der Unbegabte ahmt nach. Jener ist aktiv, dieser ist passiv. Von wem im einzelnen Falle eine sprachliche Neuerung ausgeht, können wir manchmal feststellen, wenn es sich um die Literatursprache handelt. In ihrem individuellen Wert liegt der Lohn der literarischen Tat. Wir können auch im täglichen Verkehr den Sprachbegabten vom Unbegabten unterscheiden; aber was er zum allgemeinen Gut beigetragen hat, ist nicht feststellbar; darin liegt der Fluch der Vergesellschaftung. Soweit die Sprache ein soziales Phänomen ist, entzieht sie sich der Kontrolle. Die grössten und weittragendsten Erfindungen bleiben anonym, weil sie der Masse als einfach und selbstverständlich erscheinen. Es wäre im übrigen ein Irrtum, zu meinen, dass Veränderungen der sprachlichen Tradition vor allem grossen schöpferischen Persönlichkeiten zu verdanken seien, die der Sprache eigenwillig ihren Stempel aufdrücken. Schriftstellerindividualitäten geben wohl zeitweilig der Literatursprache eine eigene Färbung; auf die Gestaltung der Schriftsprache im

weiteren Sinne, besonders aber auf die der Umgangssprache, üben sie nur einen geringen Einfluß aus. Und wenn man dieser Ansicht den grössten deutschen Sprachschöpfer entgegenhält, so ist zu sagen, dass Luther nicht mit individualistischer, sondern mit soziologischer Zielsetzung geschaffen hat.

Soweit, meine Damen und Herren, gehen meine wissenschaftlichen Erörterungen. Es ist üblich, daß man am Schlusse einer Rektoratsrede von der Wissenschaft ins Leben hinübergleitet. Ich liebe derartige Vermengungen nicht. Wissen mag dem Leben nützlich sein; Wissenschaft Wissenschaft zielt nicht aufs Leben. Wissenschaft dient der Erkenntnis; im Leben herrschen Werten und Wollen. Wenn ich trotzdem der Versuchung nicht widerstehen kann, den Blick über die strengen Mauern der Wissenschaft hinausschweifen zu lassen, so geschieht es nicht, weil mein Thema fast mit Gewalt dazu drängt, sondern weil sich mir heute die einzige Gelegenheit bietet, auf einen Augenblick zu der gesamten Studentenschaft zu sprechen, von Mensch zu Menschen. Nicht an Sie, verehrte Gäste, die Sie durch Ihre Anwesenheit der Universität Ihre Sympathie bekunden; und nicht an Sie, verehrte Kollegen, die Sie meine Erörterungen mit dem kritischen und etwas skeptischen Interesse verfolgt haben, mit dem der Gelehrte den Problemstellungen einer ihm fremden Wissenschaft gegenüberzustehen pflegt; nicht an Sie wende ich mich zum Schlusse, sondern an Sie, liebe Commilitonen, die Sie in bunten Farben ein Stück Tradition verkörpern, und an Sie, die Sie alte Formen abgestreift haben, und die Sie doch beide durch denselben gegenwarts- und zukunftsfrohen Geist verbunden sind. Sie unten im Saal, wir oben auf der Estrade. Sie der Wandel, wir die Tradition, Sie die vorwärtsstrebende Kraft, wir die beharrende Masse. Sie die Generation die kommt, wir die Generation die geht. Und recht hat der, der kommt, nicht der, der geht. So denken Sie und so sollen Sie denken. Was wäre Jugend wert, die nicht so dächte! Sollen wir darum gleich urteilen wie Sie? Eine Generation, die vor der nachkommenden kapituliert, ist eine senil gewordene Generation. Sie allerdings ist reif zum Abtreten.

Solange sie das nicht ist, beharrt sie auf ihren Rechten. Wohl liegen die Keime zu geistigen Wandlungen bei der Jugend; doch Keime müssen wachsen. Nicht heute, erst morgen werden sie Frucht tragen. Sie, Commilitonen, sind die werdende, nicht die seiende Generation. Doch Werden und Sein, Wille und Leistung gehen ineinander über wie der Morgen in den Mittag. Sie sind der Morgen, wir sind der Mittag — und wenn es Abend wird, dann — aber erst dann — wollen wir abtreten ohne zu murren.

Ohne Kampf vollzieht sich die Ablösung der Geschlechter und der Geister nicht. Aber eines wollen wir dabei nie vergessen: Ihr und wir gehören trotzdem zusammen. Wir reichen Euch die Fackel, die wir von andern übernommen haben, und Ihr sollt sie weitertragen. Stetigkeit der kulturellen Entwicklung ist nicht möglich, wenn Ihr sie je erlöschen lasst. Aber noch schlimmer wäre es, wenn sie je träge glimmen würde. Aufgabe der Jugend ist es, die Flamme stets neu zu entfachen. Werdet Ihr denjenigen, die nach uns kommen, aller Rätsel Lösung bringen? Wer frägt danach! Wertvoll ist Erkennen wollen nicht Erkennen. Wertvoll ist die Leistung, nicht der Erfolg.