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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Entwicklung und Bedeutung der Tiermedizin

Rektoratsrede

Prof. Dr. Walter Hofmann
Verlag Paul Haupt Bern 1946

Entwicklung und Bedeutung der Tiermedizin

Rektoratsrede von Prof. Dr. W. Hofmann

Hochverehrte Festversammlung!

Die heutige Feier bietet unserer Hochschule den Anlass, Behörden, Freunde und Gönner zu begrüssen und allen denjenigen zu danken, von denen sie unterstützt und gefördert wird. Vor allem gilt dieser Dank dem Berner Volk, das für seine im Boden Berns und der ganzen Eidgenossenschaft heute fest verwurzelten Universität opferwillig die Mittel aufbringt.

Der dies academicus wird im Rahmen akademischer Ueberlieferung abgehalten. Ueberlieferung ist es auch, die dem jeweiligen Rektor das Recht einräumt, die Aufmerksamkeit der Festversammlung auf Probleme seines Fachgebietes hinzulenken. So sei es denn auch mir gestattet, die wichtigsten Entwicklungsperioden in der Tiermedizin, so weit man sie aus den spärlichen und lückenhaften Aufzeichnungen der früheren Jahrhunderte hat erfahren können, zu streifen, kurz heutige Aufgaben zu berühren und ihre Bedeutung für die Volkswirtschaft und die Gesundheit des Menschen hervorzuheben.

Aus verschiedenen Gründen musste der Mensch den Krankheiten der Tiere je und je Beachtung schenken. Er brauchte gesunde Tiere für Friedens- und Kriegszeiten. Sodann gefährdeten verheerende Tierseuchen wirtschaftlich das Gedeihen ganzer Länder und auch die menschliche Gesundheit.

Die ersten Anfänge einer Tierheilkunde gehen in die ältesten Zeiten zurück. Sie stellten Heilungsversuche dar, die von Hirten und Landleuten vorgenommen wurden.

Wie die Menschenmedizin, so lag auch die TIerheilkunde in

den Händen von Priestern, da man glaubte, dass Krankheiten eine Strafe der Götter oder Taten von Dämonen wären. Sie sammelten durch die Beobachtung von Krankheitserscheinungen und durch die Erforschung ihrer Ursachen Erfahrungen und unterrichteten darüber in den Tempelschulen. So entwickelte sich allmählich eine Wissenschaft, die über menschliche und tierische Krankheiten lehrte. Bei den Griechen und Römern befassten sich vorwiegend Naturforscher und Philosophen mit Tierkrankheiten. Männer wie Demokrit, Hippokrates und vor allem Aristoteles nahmen Zerlegungen von menschlichen und tierischen Leichen vor und suchten derart durch vergleichende Studien die Krankheiten zu ergründen, eine Erkenntnis, die leider jahrhundertelang vergessen, erst durch das Studium der Infektionskrankheiten wieder in den Vordergrund geschoben wurde.

Gerade die Verkennung dieser Tatsache war es, die im Mittelalter die Entwicklung der Heilkunde hemmte. Dieses Zeitalter mit seinen strengen Dogmen und naturphilosophischen Spekulationen brachte eine scharfe Trennung zwischen den Ansichten über menschliche und tierische Krankheiten. Die Ueberzeugung, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei, liess einen Vergleich mit dem Tier unmöglich erscheinen. Der Verfall der Wissenschaften nach dem Untergang des römischen Weltreiches zur Zeit der Völkerwanderung brachte auch die Heilkunde zum Stillstand. Die Tiermedizin entbehrte eines besonderen Berufsstandes und wurde mit wenig Ausnahmen zum pfuscherhaften Nebengewerbe unwissender Leute. Finsterer Aberglaube, Furcht vor Dämonen und Zauberei traten an Stelle der Naturbeobachtungen.

In den Klöstern schrieben zwar Mönche die aus dem Altertum übernommenen Schriften ab und ergänzten sie auch. Diese Aufzeichnungen waren aber vor der Erfindung der Buchdruckerkunst dem Volke nicht allgemein zugänglich. Häufig wirkte sich damals die Medizin bei Mensch und Tier nur in Geisterbeschwörungen und Wunderglauben aus, was sich teilweise bis heute erhalten hat. So findet man ja noch hie und da bei uns im Gebälk von Scheunen und Ställen Flaschen aufgehängt, in denen ein böser Geist eingesperrt sein soll, der Mensch und Tier mit Krankheiten, Unglück oder Feuer heimgesucht hatte.

Nur den Arabern kommt im Mittelalter das Verdienst zu, die Errungenschaften der Alten übernommen und zu neuer Blüte gebracht zu haben. In der Zeit vom 7. bis zum 12. Jahrhundert entstanden in arabischer Sprache zahlreiche Bücher über Tierheilkunde, speziell über das Pferd.

Neuen Impuls bekam die Heilkunde dann in der Renaissance, besonders durch das Aufblühen der Anatomie. Ohne hier auf einzelne grosse damalige Forscher einzugehen, erwähne ich nur den spanischen Tierarzt Francisco de la Reyna, dessen Studien Wesentliches zur Erkennung der Bedeutung des Kapillarkreislaufes und der Funktion der Venen beigetragen haben.

Einen besonders mächtigen Ansporn bildeten für die tierärztliche Forschung die Seuchen, die schon im Mittelalter sehr verheerend aufgetreten waren und sich im 16. und 18. Jahrhundert noch mehr verbreiteten. Von allen weitaus ani meisten gefürchtet war die Rinderpest, eine akute, sehr ansteckende Krankheit der Wiederkäuer, die sich bei raschem tödlichem Verlauf durch brandige Schleimhautentzündungen und eine allgemeine Blutinfektion kennzeichnet. Diese Seuche war den Griechen und Römern nicht bekannt, hat aber seit uralten Zeiten bis heute in den Steppengebieten Osteuropas und Zentralasiens geherrscht. Mit dem Eintreten der dort lebenden Völker in die Weltgeschichte und ihrer Wanderung nach Westen beginnt für Europa auch die Geschichte der Rinderpest. Namentlich durch die vielen Kriegszüge der nachfolgenden Jahrhunderte wurde sie nach kurzen Pausen immer wieder aufs neue über die Länder Europas verbreitet.

Die Verluste waren enorm, besonders im 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts mit ihren langdauernden Kriegen. Damals sollen in Europa nur an der Rinderpest über 200 Millionen Rinder zu Grunde gegangen sein. Es kam vielerorts so weit, so z. B. in Holland, dass für den Ackerbau keine Zugtiere mehr übrig blieben, ganze Gegenden verarmten und verödeten und die Weiterexistenz von Staaten direkt in Frage gestellt wurde. Denn der schon vom Römer Vegetius geprägte kulturhistorisch wichtige Satz, dass kein Volk ohne Zugrinder bestehen könne, behielt seine Gültigkeit bis ins 19. Jahrhundert hinein. An Stelle des Rindes trat dann mehr und mehr das Pferd als Zugtier. Sehr schlimm

hauste die Seuche wiederholt auch bei uns. Ein eindrucksvolles Bild von den Verheerungen einer Rinderseuche im Emmental, von der ich glaube annehmen zu dürfen, dass es sich um Rinderpest handelte und die zugleich mit dem schwarzen Tod des Menschen auftrat, hat Gotthelf in der plastischen Erzählung "Die schwarze Spinne" gezeichnet. Darin steht der für die damalige Lage bezeichnende Satz: "Gegen den Zauber versuchte man weltliche und geistliche Künste, aber alles umsonst; ehe noch der Tag graute, hatte der Tod das sämtliche Vieh im Stalle gestreckt."

Die Rinderpest verursacht in ihren Heimatgebieten beim widerstandsfähigen Steppenvieh relativ wenig Verluste. Dagegen ist sie in den Ländern mit Hochzucht die gefährlichste, akute Seuche.

Es ist daher verständlich, wenn eine solche Naturkatastrophe zum Aufsehen mahnte und allgemein die Forderung zur Ausbildung eines wissenschaftlichen Berufsstandes für die Durchführung von wirksamen Abwehrmassnahmen gestellt wurde. Die Regierungen aller Länder richteten daher ihre volle Aufmerksamkeit auf diese Geissel. Bedeutende Gelehrte, so auch Albrecht von Haller, befassten sich mit der Erforschung der in den alten Schriften erwähnten Hornviehseuchen, unter denen neben der Rinderpest namentlich auch die Lungenseuche gemeint war. Es handelt sich bei dieser um eine ansteckende, brandige Lungen- und Brustfellentzündung mit meist chronischem Verlauf, die in nahezu der Hälfte der Fälle zum Tode führt. Diese Seuche trat besonders von Anfang des 17. Jahrhunderts an in der Schweiz auf.

Neben der Rinderpest und Lungenseuche bedrohten noch der Milzbrand, der Rauschbrand, die Maul- und Klauenseuche, die Tuberkulose, der Rotz, die Schafpocken, die Tollwut sowie andere ansteckende Krankheiten die Haustiere. Gleichzeitig forderten unter den Menschen die Pest, der Aussatz und die Blattern, auch der schwarze Tod genannt, zahllose Todesopfer.

Diese Seuchen, sowie das Bedürfnis der Armeen, tüchtige Pferdärzte zur Verfügung zu haben, bildeten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Hauptanstoss zur Gründung von tierärztlichen Unterrichts- und Forschungsanstalten.

Der Rechtsanwalt und spätere Tierarzt Claude Bourgelat gründete im Jahre 1762 in seiner Vaterstadt Lyon die erste und zwei Jahre später in Charenton bei Paris die zweite tierärztliche Schule der Welt. Ueberall wurden diese Schöpfungen mit Begeisterung begrüsst, wurden sie doch als Verwirklichung der damals herrschenden philosophischen Ideen, besonders der Encyklopädisten, betrachtet.

Die neugeschaffenen Institute fanden bald auch ausserhalb von Frankreich grosse Beachtung. Ueberall machte sich das Bedürfnis nach theoretisch und praktisch geschulten Tierärzten geltend. Deshalb gab das Vorgehen von Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert in den Kulturländern den Anstoss zur Gründung von tierärztlichen Schulen.

In der Schweiz gründete Bern 1806 eine solche und Zürich folgte 1820 nach. Beide sind Werke fortschrittlich gesinnter Behörden und eines einsichtigen Volkes.

Den ersten tierärztlichen Unterricht in Bern erteilte der aus Tübingen übersiedelte Arzt Karl Friedrich Emmert, der dort bei dem universal gebildeten Prof. Ploucquet neben medizinischen auch tierärztliche Studien betrieben hatte. Emmert blieb der Berner Schule bis zu seinem Tode im Jahre 1834 treu. In seinem Schüler Matthias Anker aus Ins, einem Onkel des späteren berühmten Kunstmalers Albert Anker, bekam Bern im Jahre 1816 einen zweiten hervorragenden tierärztlichen Kliniker.

Seither haben in Bern und Zürich bedeutende Männer gelehrt und gewirkt.

Die beiden Tierarzneischulen sind um die Jahrhundertwende durch Volksentscheide als selbständige Fakultäten an die Universitäten angeschlossen und dadurch stark gefördert worden.

Die weitere Entwicklung der Tierheilkunde wurde wesentlich durch die grossen Umwälzungen beeinflusst, weIche seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts sich auf allen Gebieten der Medizin vollzogen haben. Erwähnen will ich nur drei grosse Errungenschaften, die ihr in den letzten Jahrzehnten das Gepräge gegeben haben:

Erstens die Möglichkeit der schmerzlosen Ausführung von Operationen,

zweitens der Ausbau der Chirurgie und

drittens die Entdeckung der bakteriellen Krankheitsursachen mit den Erkenntnissen der Immunitätslehre und der Einführung der Schutz- und Heilimpfungen.

Es ist selbstverständlich, dass daneben auch alle andern Entdeckungen aus den Gebieten der Naturwissenschaften für die tägliche Praxis nutzbar gemacht worden sind, namentlich aus der Chemie und Physik. Erinnert sei bloss an die Einführung der Röntgenuntersuchung, an die mannigfaltige Anwendung der Hormone und Vitamine, oder an die Chemotherapie bei bestimmten Infektionskrankheiten, wie z. B. mit Sulfonamid- und Penizillinpräparaten.

Von der Möglichkeit der Ausschaltung von Schmerz wird heute in der Tiermedizin weitgehend Gebrauch gemacht. Wir unterscheiden dabei die Allgemeinnarkose und die lokale Schmerzbetäubung. Bei einer allgemeinen Narkose wird das betreffende Tier mit einem Narkotikum in einen schlafartigen Zustand versetzt. Die einzelnen Haustierarten reagieren auf die verschiedenen Narkotika sehr unterschiedlich. So lassen sich zum Beispiel Pferd und Schwein leicht in Chloroformnarkose versetzen, während eine solche für den Hund gefährlicher ist. Für diesen wird Aether und Morphium gebraucht. Umgekehrt verursacht aber Morphium beim Rind und den kleinen Wiederkäuern eine sehr heftige Erregung, die sogar in Tobsuchtsanfälle ausarten kann.

Mehr Anwendung findet die lokale Schmerzbetäubung, weil sie einfacher und ungefährlicher ist. Hiebei wird Novocainlösung oder ein ähnliches Präparat in die unmittelbare Umgebung des Operationsfeldes oder auch direkt auf den dieses Gebiet versorgenden Nerven eingespritzt und die betreffende Körpergegend damit unempfindlich gemacht. Ganze Körperteile können auch dadurch anaesthesiert werden, indem man das betäubende Medikament in den Wirbelkanal hineinspritzt und auf das Rückenmark einwirken lässt. Man bedient sich dieser Methode namentlich bei geburtshilflichen Eingriffen beim Rind.

Die Einführung der Schmerzbetäubung bedeutete in der Geschichte der Menschen- und Tiermedizin einen gewaltigen Fortschritt. Vorher stellte jeder schwere operative Eingriff gewissermassen einen rohen Akt dar. Die wissenschaftliche Tierchirurgie

hat sich überhaupt erst nach der Einführung der Schmerzbetäubung entwickeln können. Obschon sie heute einen breiten Raum einnimmt, liegen die Verhältnisse doch wesentlich anders als in der Menschenchirurgie. Während sich der Arzt die Erhaltung der Gesundheit und des Lebens seiner Patienten zur Aufgabe macht, sei es auch nur für kurze Zeit, dient die Tätigkeit des Tierarztes vornehmlich wirtschaftlichen Zwecken. Das kranke Tier soll in möglichst kurzer Zeit wieder gesund und arbeitsfähig gemacht werden. Die beste Therapie ist in der Regel wertlos, wenn die Leistungsfähigkeit der Tiere aufgehoben ist, die Behandlung zu lange dauert, oder. das äussere Aussehen z. B, bei Luxustieren beeinträchtigt ist. Diese Unterschiedlichkeit des Zieles der Behandlung und die Verschiedenartigkeit vieler Krankheiten bei Mensch und Tier weisen deshalb der ärztlichen und tierärztlichen Chirurgie und oftmals der ganzen Therapie verschiedene Wege.

Auch von Tierart zu Tierart sind die Voraussetzungen für Operationen anders. So ist z. B. das Pferd in erster Linie ein Reit- und Arbeitstier. Infolgedessen spielt bei ihm die Gliedmassenchirurgie eine wesentliche Rolle. Das Rind dagegen wird vor allem wegen der Milch- und Fleischleistung gehalten. Deshalb haben bei ihm die Erkrankungen der Gliedmassen nicht die Bedeutung wie beim Pferd. Hingegen sind die geburtshilflichen und die mannigfaltigen Eingriffe bei Störungen in der Fortpflanzung, sowie die sogenannte Fremdkörperoperation praktisch von Wichtigkeit. Es handelt sich hiebei um die operative Entfernung von spitzen Fremdkörpern, wie Nägel oder Drahtstücke, die mit dem Futter aufgenommen werden und in den Vormägen ein- und durchstechen und damit benachbarte, lebenswichtige Organe verletzen können. Ohne Operation gehen bei dieser so häufig vorkommenden Fremdkörpererkrankung viele Rinder zugrunde. Für diesen chirurgischen Eingriff wird das kranke Tier nicht etwa gefesselt, sondern man bindet es bloss lose an, so dass es möglichst bequem stehen kann. Die linke Flanke wird durch eine Einspritzung unempfindlich gemacht. Nach einigen Minuten werden die Bauchdecken durchtrennt, die Vormägen eröffnet und nach eingestuften Fremdkörpern abgesucht, diese entfernt und die Wunde wiederum verschlossen. Die meisten

Rinder verhalten sich dabei vollständig teilnahmslos, weniger die umstehenden Laienzuschauer, denen diese Operation nachhaltigen Eindruck macht.

Eine gewaltige Entwicklung kann die TiermedIzin in der Seuchenbekämpfung verzeichnen. Die wissenschaftlichen Forschungen über das Wesen und die Ursachen der ansteckenden Krankheiten brachten Licht in das vorherige Dunkel. Sie knüpfen sich, insbesondere an die Namen Pasteur Koch u. a. Von grosser Bedeutung waren später die Errungenschaften der Immunitätslehre Diese Entdeckungen brachten eine neue Orientierung der medizinischen Tätigkeit überhaupt. In ungeahntem Masse war es nun möglich geworden, die Krankheiten als solche zu bekämpfen, statt nur die einzelnen Tiere zu behandeln. Man kam zur Erkenntnis, dass alle Schutz- und Bekämpfungsmassnahmen gegen Seuchen nur dann Erfolg haben, wenn sie systematisch und allgemein durchgeführt werden. Das bedingte die Schaffung von staatlichen Ueberwachungsstellen, wie bei uns das Eidgenössische und die kantonalen Veterinärämter, oder als Dachorganisation das internationale Tierseuchenamt in Paris, sowie die Notwendigkeit von Seuchengesetzen. Diese befassen sich mit allen Tierseuchen, die das Volksvermögen erheblich schädigen und gegen die der Einzelne sich nicht wirksam genug zu schützen vermag. Die Geschichte aller Zeiten lehrt, dass Seuchen und dadurch die Verminderung der Nutztiere den Wohlstand und die Ernährung der betreffenden Völker verhängnisvoll beeinträchtigen. Zahlreich sind bei uns die Sagen von verwunschenen oder verhexten Alpweiden, auf denen die Rinder zeitweise massenhaft zugrunde gegangen sind. Ferner bestätigen viele Chroniken, dass die Existenz ganzer Talschaften, deren Vieh von Seuchen befallen wurde, gefährdet oder sogar vernichtet worden sind.

Bei der gesetzlichen Unterstellung dieser Seuchen war auch die gesundheitliche Gefährdung des Menschen mitbestimmend, da einzelne davon auch auf diesen übertragbar sind. Ich erinnere bloss an die Tollwut, den Milzbrand, den Rot; die Trichinosis oder an die Vergiftungen durch verdorbenes Fleisch oder andere Lebensmittel, zu deren Verhütung ein umfassender Ueberwachungsdienst eingeführt wurde. Aehnlich ist die Produktion

und der Verkehr mit Milch und Milchprodukten durch gesetzliche Vorschriften geregelt worden.

Es ist der Tiermedizin durch energische, auf gesetzlicher Grundlage basierende Massnahmen gelungen, ganze Länder von den in früheren Jahrhunderten so verheerenden Seuchen wie Rinderpest und Lungenseuche zu befreien Bei andern ist eine starke Verminderung der Schäden erreicht worden. Gegen die Mehrzahl dieser Seuchen stehen uns heute auch hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung.

In diesem Zusammenhang sei der Name unseres berühmten, vor zehn Jahren verstorbenen Landsmannes Sir Arnold Theiler erwähnt, dessen Arbeiten die Krankheitsforschung mächtig gefördert haben. Sein Wirkungsfeld war Süd-Afrika, wohin er im Jahre 1891 ala junger Tierarzt ausgewandert ist. Aus eigener Initiative und oft gegen starken Widerstand schuf er in zielbewusster Arbeit nach und nach in Onderstepoort eine Forschungs- und Unterrichtsstätte, die später weltberühmt geworden ist. Seine ersten Arbeiten galten der Rinderpest. Grundlegend aber wurden namentlich die Untersuchungen über die Blutparasiten des Rindes. Er und seine Mitarbeiter, Tierärzte, Zoologen und Botaniker, worunter auch einige Schweizer zu nennen sind, haben die wichtigsten in Südafrika und in den Tropen herrschenden Tierkrankheiten erforscht und die Wege zu deren wirksamen Bekämpfung gewiesen. Diese Forschertätigkeit ermöglichte in ganzen Ländern, wo vorher nur Tod und Verderbnis hausten, eine blühende Tierzucht, deren Wert für die betreffenden. Gegenden gar nicht erfasst werden karin.

Der kurzen, zur Verfügung stehenden Zeit entsprechend, müssen viele Probleme der Lehre und Forschung in der heutigen Tiermedizin, so wichtig sie an sich auch sein mögen, übergangen werden. Wir wenden uns deshalb vorerst noch der wirtschaftlichen Bedeutung der Tierseuchenbekämpfung in der Schweiz zu, um dann einen Blick auf die neue Forschungsrichtung zu werfen, nämlich auf das Studium und die Bekämpfung Tier und Mensch gemeinsam befallender Krankheiten.

Der Haustierbestand der Schweiz entspricht zur Zeit einem Wert von rund 2 Milliarden Franken. Der Gesamtrohertrag aus der Tierhaltung belief sich im Jahre 1942 auf 1122 Millionen

Franken oder 64 % des gesamten landwirtschaftlichen Endrohertrages, was ungefähr einem Drittel des schweizerischen Volkseinkommens ohne Kapitalzinsen entspricht. Schon aus diesen trockenen Angaben können wir abschätzen, welche grosse Bedeutung der Gesunderhaltung unseres Viehbestandes für die gesamte Volkswirtschaft und die Landesversorgung zukommt.

Eine Schädigung in grösserem Ausmasse durch Seuchen hätte während der Kriegsjahre, wie auch jetzt noch, schwerwiegende Folgen nach sich gezogen. Die Niederringung der Tierseuchen gehört daher mit zu den wichtigsten kriegswirtschaftlichen Massnahmen.

Seit Einführung der eidgenössischen Statistik im Jahre 1886 können wir approximativ die grossen Schäden abschätzen, die durch die ansteckenden Krankheiten entstanden sind. Zur Hauptsache betrifft es solche, die den Rinderbestand dezimieren, wie Maul- und Klauenseuche, Rauschbrand, Milzbrand, Tuberkulose und Abortus Bang. Diejenigen der Schweine, wie Rotlauf und Pest, des Geflügels, wie Geflügelpest und Cholera, und die der Pferde, wie die infektiöse Anaemie oder die sporadischen Krankheiten der Haustiere seien nur nebenbei erwähnt. Auch sie können zu schweren Verlusten führen.

Die Maul- und Klauenseuche ist eine fieberhafte Virusinfektionskrankheit der Wiederkäuer, die in der Maulhöhle, an den Zitzen, an den Klauen, sowie in den Vormägen zu Blasen und Geschwüren führt. Mitunter ist ihr Verlauf relativ milde, handkehrum aber kann sie sehr bösartig auftreten und grosse Verluste bewirken. Sie ist direkt von Tier zit Tier oder indirekt durch alle möglichen toten oder lebenden Zwischenträger sehr leicht übertragbar. Infolgedessen kann sie sich rasch über weite Landesteile ausbreiten, wobei neben den Rindern auch Schafe, Ziegen und Schweine ergriffen werden. Die wirtschaftliche Bedeutung der Seuche liegt in ihrer schnellen Ausbreitung, der starken Einbusse der erkrankten Tiere an Wert und Nutzleistung, den plötzlichen Todesfällen, und, was die grösste Gefahr für Neuausbrüche darstellt, der Möglichkeit des monatelangen Ausscheidens des Kontagiums durch vermeintlich geheilte Tiere. Ferner beeinträchtigt sie stark den freien Verkehr und Handel.

Die Verluste, die durch die Maul- und Klauenseuche von 1886-1942 in der Schweiz entstanden sind, belaufen sich auf rund 600 Millionen Franken. Einzig der Seuchenzug von 1918 bis 1921 verursachte einen Schaden von 350 Millionen Franken.

Die Maul- und Klauenseuche hat den Versuchen zur wirksamen Schutzbehandlung trotz intensivsten Bemühungen lange getrotzt. Erst im Jahre 1938 gelang es Waldmann und seiner Schule auf der Ostseeinsel Riems eine den praktischen Anforderungen in jeder Hinsicht Genüge leistende Vakzine zu schaffen, die die damit geimpften Tiere 8-10 Monate lang zu schützen vermag. Diese Schutzimpfung stellt einen Erfolg dar, wie er in der Geschichte der Seuchenbekämpfung nur selten zu verzeichnen ist. Durch sie ist auch für uns die so gefürchtete Seuche keine beständige Gefährdung mehr, und zwar umso weniger, als die Schweiz seit dem Jahre 1942 durch die Inbetriebnahme eines eigenen Vakzineinstitutes in Basel für den Bezug des Impfstoffes vom Ausland unabhängig geworden ist. Die Schaffung dieses Institutes wurde nur möglich durch das Zusammenwirken eines initiativen, wissenschaftlichen Weitblickes und der Einsicht der Behörden.

Wir haben daher allen Grund, den Hauptförderern des eidgenössischen Vakzineinstitutes, dem verstorbenen Herrn Bundesrat Obrecht, dem jetzigen Chef des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes, Herrn Bundesrat Dr. Stampfli sowie dem Direktor des Eidgenössischen Veterinäramtes, Herrn Prof. Flückiger, dankbar zu sein.

Wirksame Vakzinen stehen uns heute auch gegen den Rauschband zur Verfügung. Es handelt sich bei diesem um eine bakterielle Infektionskrankheit des Rindes, deren Erreger mit dem Futter vom Boden bestimmter Weiden und Alpen aufgenommen werden. Unter fieberhaften Allgemeinerscheinungen kommt es zur Bildung von gashaltigen, knisternden Entzündungsherden in der Muskulatur, wobei die erkrankten Tiere meistens zugrunde gehen. Bis vor wenig Jahrzehnten sind alljährlich Hunderte von Rindern daran eingegangen. Noch in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts waren einzelne fruchtbare Alpweiden fast wertlos, weil sie zufolge der Rauschbrandgefahr

kaum bestossen werden konnten. Heute betragen die Verluste nicht einmal mehr 1 0/00 der gesömmerten Rinder.

Auch gegen den Milzbrand, der schon im 2. Buch Mosis als eine der Plagen der Aegypter erwähnt ist, besitzen wir heute wirksame Schutzstoffe. Diese Infektionskrankheit befällt unter den andern Haustieren vorwiegend das Rind und gefährdet auch den Menschen. Die moderne Tierseuchenpolizei hat die Zahl der Milzbrandfälle bei Mensch und Tier stark verringert. Dazu haben die strenge Desinfektion von Häuten und Tierhaaren vor ihrer Verarbeitung sowie die zuverlässige Vernichtung der Milzbrandkadaver und die Schutzimpfung in gefährdeten Beständen wesentlich beigetragen.

Am meisten wird die Viehhaltung in der Schweiz zur Zeit noch durch die Tuberkulose beeinträchtigt. Die Schäden, die die Rindertuberkulose pro Jahr verursacht, belaufen sich schätzungsweise gegenwärtig auf 20 Millionen Franken. Dabei sind die indirekten Verluste, die auf verminderter Zucht- und Nutzleistung beruhen, nicht eingerechnet.

Die Tuberkulose tritt bekanntlich sowohl beim Menschen, wie bei allen Haustieren auf. Ihr Erreger, der Tuberkelbazillus, kommt bei den Warmblütern in drei Typen, demjenigen des Menschen, des Rindes und des Geflügels vor. Diese Varietäten unterscheiden sich voneinander u. a. durch ihre krankmachende Wirkung. Der Menschentyp verursacht in erster Linie die Tuberkulose beim Menschen, kann aber auch auf Tiere übergehen. Der Rindertyp befällt neben dem Rind auch alle andern Haus- und Wildsäugetiere und den Menschen. Er scheint nach neueren Untersuchungen für diesen gefährlicher zu sein als man bisher annahm. Es liegen zahlreiche Berichte über tuberkulöse, durch den Rindertyp verursachte Erkrankungen des Menschen vor, ein Problem, das heute mit im Vordergrund der Tuberkuloseforschung steht und seiner Wichtigkeit wegen eIner Abklärung harrt.

Der Geflügeltyp ruft die Hühnertuberkulose hervor, ist aber auch für andere Tiere, wie namentlich das Schwein krankmachend.

Leider steht uns heute im Kampf gegen die Rindertuberkulose noch kein wirksamer Impfstoff zur Verfügung, obschon

seit über 50 Jahren eifrig nach einem solchen geforscht worden ist. Trotzdem oder gerade deshalb setzt die Veterinär-Medizin ihre Anstrengungen intensiv fort.

Bei uns hat das staatliche Tuberkulosebekämpfungsverfahren auf freiwilliger Basis durch hygienische Massnahmen und Ausmerzung der offen tuberkulösen Tiere sehr befriedigende Resultate gezeigt. Ganze Gegenden, namentlich in den Zuchtgebieten, sind innert wenig Jahren praktisch von der Rindertuberkulose befreit worden.

Neben der Tuberkulose ist wirtschaftlich auch der Abortus-Bang bedeutungsvoll, der unter den Haustieren am häufigsten beim Rind vorkommt. Bei der weiten Verbreitung dieser bakteriellen Infektionskrankheit erleidet die Landwirtschaft durch Verunmöglichung der Nachzucht, Nachkrankheiten der Muttertiere, Abmagerung, Rückgang der Milchergiebigkeit und Unfruchtbarkeit Verluste, die sich schätzungsweise jährlich auf rund 9 Millionen Franken belaufen.

Diese Krankheit ist auch auf den Menschen übertragbar, wo sie allerdings andere Erscheinungen macht als beim Rind. Gefährdet sind Personen, die viel mit kranken Tieren in Berührung kommen, also in erster Linie Tierärzte, Landwirte und Metzger. Diese beruflichen Infektionen stellen sich meistens nach dem Kontakt mit infiziertem Material bei Hautverletzungen ein.

Abortus-Bang infizierte Kühe scheiden die Erreger auch mit der Milch aus. Deshalb bedeuten Rohmilch und deren Produkte somit ebenfalls eine gewisse Infektionsgefahr, die indes doch nicht sehr gross zu sein scheint, indem solche Erkrankungen nur selten auftreten, neuerdings sogar bestritten werden.

Für die Bekämpfung des Rinderabortus-Bang sind auch noch keine sicheren Schutz- und Heilverfahren bekannt. Dagegen bietet nach wie vor die strikte Durchführung von hygienischen Massnahmen die beste Gewähr zur Eindämmung dieser Seuche.

Abschliessend möchte ich nun noch die neue Forschungsrichtung erwähnen, die es sich zur Aufgabe macht, die wechselseitigen Krankheitsbeziehungen zwischen Tier und Mensch besser als bisher zu ergründen. Zu diesem Zwecke' ist im Jahre 1943 von Aerzten und Tierärzten die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft

zur Erforschung und Bekämpfung Mensch und Tier gemeinsam befallender Infektionskrankheiten gegründet worden. Damit ist die alte Idee von der wissenschaftlichen Fruchtbarkeit der Zusammenarbeit von Menschen- und Tiermedizin neu aufgegriffen worden. Aehnliche Bestrebungen machen sich neuerdings auch in andern Ländern bemerkbar. Wohl kennen wir schon eine ganze Reihe von tierischen Krankheiten, die auch die menschliche Gesundheit gefährden können, wie schon erwähnt, die Tuberkulose, den Abortus-Bang, den Milzbrand oder andere, wie den Rotz, den Schweinerotlauf, die Papageienkrankheit, die Tollwut, oder solche, die durch Ekto- und Endoparasiten hervorgerufen werden. Aber noch unabgeklärt sind die Wechselbeziehungen bei andern, durch filtrierbare Vira hervorgerufene Krankheiten des Zentralnervensystems, wie z. B. die epidemische Encephalitis oder Schlafkrankheit des Menschen — und die seuchenhafte Gehirn-Rückenmarksentzündung der Pferde, oder die epidemische Kinderlähmung — und die Teschenerkrankheit der Schweine. Sehr wahrscheinlich spielen dabei Tier und Mensch als gegenseitige Infektionsquelle eine weit grössere Rolle als wir heute noch ahnen. Diese Probleme können sicherlich in enger Zusammenarbeit zwischen Arzt und Tierarzt weitgehend gefördert und vielleicht, so hoffen wir, zu einer Lösung gebracht werden.

Rückschauend können wir heute erkennen, dass es namentlich zwei Faktoren waren, die der Tiermedizin den Weg gewiesen haben, nämlich die Erhaltung des Tierbestandes, der für die Volkswirtschaft von entscheidender Bedeutung ist und der Schutz für die menschliche Gesundheit, die durch kranke Tiere oder deren Produkte gefährdet werden kann. Aus ursprünglichem Aberglauben und Empirie ist es allmählich auch in der Tierheilkunde zum biologischen Erkennen der Probleme und zu wissenschaftlich geleiteter Therapie gekommen. Die Tiermedizin ist somit zu einem wichtigen Zweig der Volkswirtschaft und der Wissenschaften geworden, an deren Gedeihen mitzuarbeiten eine ihrer vornehmsten Aufgaben ist und bleibt.