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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Technik und Kultur

Rektoratsrede
gehalten am 16. November 1946 an der
Eidgenössischen Technischen Hochschule von
Prof. Dr. Franz Tank
Polygraphischer Verlag A.-G. Zürich . 1946

Am 6.August 1945 wurde die japanische Stadt Hiroshima durch eine Atombombe nahezu vollständig zerstört. Eine Welle höchsten Staunens, aber auch tiefster Besorgnis, durchlief unsern Erdball. Düster zeichnete sich auf dem Hintergrunde dieses Ereignisses die schicksalsschwere Frage ab: Wo stehen wir? Ist die Technik noch clic treue Helferin der Menschheit, die Spenderin von Brot durch Arbeit? Schützt sie noch unser hohes Gut, die Kultur, oder schickt sie sich an, es auszulöschen? Gleicht sie der blinden Naturgewalt, die, einmal entfesselt und aus ihrer Bahn geworfen, vernichtet, was Jahrzehnte und Jahrhunderte aufgebaut haben?

Die Technik ist so alt wie die Menschheit selbst. Bestünde sie nicht, so müßte man sie erfinden, wie Robinson es auf seiner Insel tat. Technik und Kultur sind auf das engste miteinander verknüpft. Handwerk, Kunstfertigkeit und Gewerbefleiß haben zu allen Zeiten die Formen des menschlichen Daseins gestaltend mitbestimmt. Heute aber ist die Technik zu einer Menschheitsfrage geworden infolge der ihr innewohnenden ungeheuren Macht und der durch sie bewirkten Mechanisierung des Lebens.

Ohne Technik wären wir um Jahrtausende zurückgeworfen. Das landwirtschaftliche Gerät, das Meere durchpflügende Schiff, Feder und Buch: wir können sie nicht entbehren. Es ist der Stand der Technik, nach welchem die frühesten Menschheitsepochen Namen und geschichtliche Einteilung erhalten haben; wir sprechen von einer Steinzeit, einer Bronzezeit, einer Eisenzeit und anderem mehr. Am Anfang aller Technik stand die in das Dunkel der Urgeschichte zurückreichende künstliche Erzeugung des Feuers. Die Erfindung des Rades in der Steinzeit trug schon alle Kennzeichen der geistigen Tat einer Neuschöpfung; denn nirgends in der Natur gab es seinesgleichen. Die Herstellung der formbaren und widerstandsfähigen Bronze aus 9 Teilen Kupfer und 1 Teil Zinn, eine hochbedeutende metallurgisch-technologische Leistung, erschloß vor etwa 4000 Jahren in unseren Gegenden die Blüte einer neuen Kultur. Dabei kamen

sowohl Kupfer wie Zinn weither aus verschiedenen Ländern; das erstere wahrscheinlich durch Frankreich aus Spanien und das letztere von den Küsten Englands. Noch heute steht der Mensch der Bronzezeit uns nahe durch den Sinn für Formenschönheit, die er seinen Geräten und Waffen zu verleihen wußte.

Die älteste Kultur, von der wir schriftliche Aufzeichnungen besitzen, ist die überaus großartige ägyptische. Vollendet ist hier die Meisterschaft in der Behandlung härtester Steine und schwerster Massen. Riesige Granitblöcke werden aus den Steinbrüchen herausgeschnitten, zum Nil geführt und verschifft, dann behauen, geschliffen und bemalt. Das Gold wird gewaschen, im Gebläseofen geschmolzen und im Feuer verarbeitet. Die Herstellung des Glases ist bekannt. Die Töpferei steht auf hoher Stufe; auf der niedrigen, runden Drehscheibe wird mit der rechten Hand der Ton geformt, während die linke die Scheibe dreht. Säge, Haue, Bohrer, Winkel und Lineal sind die Werkzeuge des Schreiners und des Zimmermanns. Der Schuhmacher sitzt auf dreibeinigem Stuhl und hantiert mit Nadel, Pfriemen, Bohreisen, Messer, Schaber und Hammer. Spindel und Webstuhl dienen zur Herstellung von Garnen und Geweben. Ausgedehnte Bewässerungsanlagen ermöglichen den Anbau von Nutzpflanzen. Papyrusrollen von Längen bis zu 40 Metern werden zu Aufzeichnungen der verschiedensten Art benutzt. Ihren Höhepunkt aber erreicht die technische Leistung der Ägypter im Bau der Königsgräber. Die Cheops-Pyramide besitzt eine Höhe von 137 Metern; 100000 Menschen — Sklaven und Kriegsgefangene —, lebendigen Gliedern einer ungeheuern Maschine vergleichbar, errichteten sie in zwanzigjähriger Fronarbeit. Als im Jahre 1586 der aus Melide im Kanton Tessin stammende Architekt und Ingenieur Domenico Fontana den 23 Meter hohen Obelisken, der einst durch den römischen Kaiser Caligula aus Heliopolis nach Rom verbracht worden war, vor dem Haupttor der Sankt-Peters-Kirche aufrichtete, bedurfte er dazu 907 Menschen und 75 Pferde.

Die neuere Zeit der Weltgeschichte pflegt man von der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 an zu zählen. Die Umwälzungen, welche sie brachte, werden eingeleitet durch drei technische Erfindungen des ausgehenden Mittelalters: den magnetischen Kompaß, das Schießpulver und die Buchdruckerkunst. Erst die verbesserten

Navigationsmethoden mit Kompaß und astronomischen Berechnungen, welche die Araber brachten, ermöglichten die großen Entdeckungsfahrten über die Meere. Die Einführung der Feuerwaffen bedeutete eine ganz neue Technik des Krieges; sie hatte nicht nur bedeutende Änderungen im Wehrwesen, sondern auch durchgreifende Umschichtungen politischer und sozialer Art im Gefolge. Die Buchdruckerkunst aber wurde zur Verbreiterin des Wissens und damit zur wichtigsten Trägerin der Kultur im Abendlande.

Das heraufziehende neue Zeitalter steht in zunehmendem Maße im Zeichen der Naturbeobachtung und der Naturerkenntnis. Schon früh findet es einen symbolischen Ausdruck in der geistigen Großtat des Nikolaus Kopernikus, welcher, das Weltall gewissermaßen neu ordnend, den Planeten Bahnen um die Sonne zuwies. Doch erst das 19. Jahrhundert bringt die Fülle der großen Erfindungen und den gesteigerten Verkehr. Nun herrscht die Dampfkraft mit all ihren Anwendungen, und nun setzen die unzähligen technischen Ausstrahlungen ein auf dein Gebiete des Maschinenwesens, der Elektrizität, der Chemie, der Medizin, der Biologie, der Landwirtschaft und so vielem mehr. Kaum je hat innerhalb einer beschränkten Zahl von Jahrzehnten das äußere Bild des menschlichen Lebens so grundlegende Änderungen erfahren. Als erste Folge ergab sich eine außerordentliche Bevölkerungszunahme Europas, ein ungeheurer Aufschwung Amerikas und eine wachsende Bedeutung des kolonialen Besitzes. Die Gefahr von Gleichgewichtsstörungen größten Ausmaßes konnte nicht ausbleiben.

Doch war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein tiefer und ernster Glaube an die kulturelle Sendung der Technik weit verbreitet. Die Befreiung des Menschen aus Armut und drückender Not durch die Leistungen der Technik schien in greifbare Nähe gerückt, und mit dieser Befreiung sollte sich eine Hebung der sittlichen Kräfte und ein erhöhtes Interesse an den Segnungen der Kultur einstellen. Der große Industrielle Werner von Siemens gab solchen Gedanken Ausdruck in einem Vortrage «Über das naturwissenschaftliche Zeitalter», den er im Jahre 1886 an der Eröffnungssitzung der Gesellschaft der Naturforscher und Ärzte in Berlin hielt. Er schilderte die Veränderung der sozialen Zustände, welche die rasch wachsende Herrschaft des Menschen über die Naturkräfte

bringen sollte; er setzte auseinander, wie die Last der schweren körperlichen Arbeit beseitigt würde durch die auf naturwissenschaftlicher Grundlagen ruhende Technik, wie die Lebensbedürfnisse leichter befriedigt werden könnten und wie ohne gewaltsamen Umsturz bedeutende soziale Ziele sich erreichen ließen; die Menschen, erfüllt von demütiger Bewunderung der die ganze Schöpfung durchdringenden unfaßbaren Weisheit, würden sich im Zeitalter der Naturwissenschaften einem edleren Denken und Handeln zuwenden. Diese Rede, die aufrichtiger Überzeugung entsprang, beweist den hohen Idealismus, der viele führende Männer der Technik auszeichnete. Daß die Zukunft Siemens nicht recht gab, bedeutet eine tiefe Tragik; denn die Entwicklung, welche zur heutigen Technik führte, war unabwendbar. Wir wissen nur um die Wandlung der Dinge; späteren Generationen wird es vorbehalten bleiben, den tiefen und notwendigen Sinn dieser Entwicklung zu erfassen.

Technik ist werktätiges, schöpferisches Gestalten. Ihre Wurzeln reichen hinunter bis in den Urgrund unseres Wesens, wo geheimnisvoll tausend Keime schlummern, und wo aus dem Wissen um Vergangenes und aus dem Ahnen von Künftigem der Wille zur Tat geboren wird. Es webt in ihr etwas von der Höhe und Weite ihrer geistigen Heimat, aber der Schauplatz ihres Tuns ist die enge Welt der Mühe und Arbeit, des Sichtbaren, Greifbaren, Wägbaren und Meßbaren. Auf dem harten Boden der Wirklichkeit wächst und blüht sie, Beruf und Berufung des Menschen, und selbst ein Stück Schöpfung.

Nie hätten die großen Leistungen der Technik vollbracht werden können, wenn nicht der Antrieb dazu dem Kern menschlichen Wesens entstiegen wäre, oft unbekümmert um Opfer und Gefahren. Wer je auf den Spuren der Gotthardbahn die Alpen von Norden nach Süden oder von Süden nach Norden durchquert hat, wird nur mit tiefer Ergriffenheit das bunte Bild der Geschichte dieses größten technischen Unternehmens in unserem Schweizerlande vor seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Am 1. November 1871 war nach langen Vorarbeiten die Gotthardbahn-Gesellschaft gegründet worden. Drei Länder — außer der Schweiz auch Italien und Deutschland hatten sich zusammengefunden zu einem Werk des Friedens und der Kultur. Die treibende geistige Kraft bildete der Zürcher

Staats- und Finanzmann Alfred Escher; die Erstellung des 15 Kilometer langen Haupttunnels übertrug man dem Genfer Louis Favre. Der Durchschlag dieses Tunnels fand am 29. Februar 1880 statt. Am 1. Juni 1882 wurde die Strecke Rotkreuz-Chiasso dem Betriebe übergeben; sie zählte 56 Tunnels und 95 Brücken. Der Kostenaufwand für das große Unternehmen betrug ungefähr 230 Millionen Franken. Unsägliche Mühe und seelisches Leid waren diesem Triumphe vorausgegangen. Die Kostenüberschreitung war so gewaltig und die Finanzierung schließlich so schwierig geworden, daß im Zeitpunkt einer höchsten Krise die Gotthardbahn-Aktien im Werte bis auf wenige Franken heruntersanken. Nur durch außerordentliche Anstrengungen konnte schließlich die Weiterführung des Werkes noch gerettet werden. In dieser schwierigen Lage erscheint Escher, wie man schon treffend bemerkt hat, wie ein Atlas, der eine ganze Welt auf seinen Schultern trug. Aber sein großes Ansehen hatte er, nicht zuletzt auch infolge einer Wandlung der politischen Verhältnisse, zeitweise verloren; sein Lebensabschluß trug den Stempel tragischer Verbitterung. Nahezu erblindet, blieb er der Eröffnung der Gotthardbahn fern. Er, der sich wie kaum einer auch für die Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums eingesetzt hatte, wurde zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens dieser Schule nicht einmal eingeladen. Als später sein Denkmal in Zürich enthüllt wurde, widmete ihm Gottfried Keller die Worte: «Dem Manne, der mit Geistestreue und eigenster Arbeit sich selbst Pflicht auf Pflichten schuf und, sie erfüllend, wirkend und führend seine Tage verbrachte, die Nächte opferte und das Augenlicht.»

Die Ausführung des Gotthardtunnels durch Louis Favre war eine technische Leistung ersten Ranges. Der Bau wurde im September 1872 an beiden Enden begonnen. Nach anfänglich befriedigendem Gange der Arbeiten zeigten sich bald außerordentliche, alle bisherigen Erfahrungen in den Schauen stellende Schwierigkeiten. Auf der Südseite stellte sich ein kaum zu meisternder Wasserzudrang ein. Meinungsverschiedenheiten zwischen Unternehmer und Bauleitung nisteten sich ein wie giftiges Unkraut. Eine Arbeiterrevolte mußte durch ein Truppenaufgebot zur Ruhe gebracht werden; zwei Arbeiter wurden dabei erschossen. Schwere Unfälle blieben nicht aus; in den Dynamiterwärmungshütten entstanden Explosionen; ein Teil des

Dorfes Airolo geriet in Brand. Ani 19. Juli 1879 erlag Louis Favre, als Mensch ebenso groß wie als Techniker und Unternehmer, einem Schlaganfall im Tunnel, 53 Jahre alt. Der Tunnel kam auf 63 Millionen Franken zu stehen; Favre hatte sein ganzes sehr bedeutendes Vermögen eingebüßt. Seine Angehörigen, Frau und Tochter, waren der Armut verfallen und auf eine in Gnaden gewährte Unterstützung angewiesen.

Der technische Fortschritt erscheint oft tausendfältig angezweifelt, gehemmt, ja bedroht. Im Läuterungsprozesse des Kampfes und der harten Prüfung muß sich das Echte und Dauernde bewähren und von allem Schein und Flüchtigen trennen. Wo die Technik Neues schafft und Altes weichen muß, gerät sie nur allzuleicht in Widerstreit mit den geheiligten Kräften des Hergebrachten. Als im Jahre 1830 die berühmte erste Eisenbahnstrecke von Liverpool nach Manchester gebaut werden sollte, gingen die Bauern mit Stöcken und Steinen gegen die Feldmesser vor, welche mit dem Abstecken der Strecke beschäftigt waren, und zerstörten ihre Instrumente. Der berühmte Erfinder Rudolf Diesel schrieb wenige Monate vor seinem Tode in düsterer Stimmung: «Die Einführung einer Erfindung ist eine Zeit des Kampfes mit Dummheit und Neid, Trägheit und Bosheit, heimlichem Widerstand und offenem Kampfe der Interessen, die entsetzliche Zeit des Kampfes mit Menschen, ein Martyrium, auch wenn man Erfolg hat; alles Schwere, alles Neue muß man allein tun.»

Trotz aller Hemmnisse vermag die Technik sich immer wieder neubeschwingt in die lichten Gefilde des Planens und Wagens zu erheben. Sie schreckt nicht zurück, Neuland zu erobern, wo noch keine wissenschaftliche Erkenntnis ihren Fuß hingesetzt hat. Vor der Theorie war der Versuch. Die Technik ist älter als die Wissenschaft. So konnte der Physiker William Rankine bei der Einweihung eines Denkmals für George Stephenson, den Vater des Lokomotivbaues und des Eisenbahnwesens sagen: «Die Eisenbahn, vollständig und fertig, wie sie uns Stephenson hinterließ, ist ein Produkt der Notwendigkeit und des Geistes ihrer Zeit. Das ungelehrte Talent, das gesunde praktische Denken des Volkes, die schwielige Hand des Arbeiters haben sie allein geschaffen; die Schulweisheit hat keinen

Teil an ihr. Keine Formel ist bei der größten technischen Schöpfung unserer Zeit entwickelt, keine Gleichung dabei gelöst worden.»

Mit dem Aufbau einer Kultur erfüllen wir einen höheren Willen, der ohne die Hilfe der Technik nicht zu vollziehen ist. Die Technik ist dabei aber keineswegs bloß das zweckneutrale Mittel, das lediglich Anwendung oder Möglichkeit bedeutet, oder ein Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg oder eine Waffe unserer Selbstbehauptung. Sie ist ein Stück von unserem Leben und Dasein. Sie besitzt ihren eigenen inneren Reichtum und ihre besonderen ethischen Werte. Ohm' Willenskraft und Arbeit, ohne Hingabe au das Werk ist nie Großes erschaffen worden; die Technik erfordert überdies in hohem Maße Sinn für Verantwortung und Gemeinschaft. In ihr wohnen Wahrheit und Schönheit. Die technische Erziehung beginnt mit der Erziehung zur Wahrheit; weder die präzise Handarbeit noch die mathematische Überlegung dulden das Ungefähre. «In keinem Berufe», sagt der treffliche Dichter-Ingenieur Max Eyth, «ist die Unwahrheit, die Lüge so sicher, bestraft zu werden, wie bei uns. Einen Ingenieur, der sich gegen die Wahrheiten der Festigkeitslehre versündigt, zermalmt sein eigener Frevel, ehe er halb begangen ist. Selbst ein technisches Wagnis, das ein moralisch Schuldloser auf falscher Grundlage aufbaut. bricht so sicher in sich zusammen, daß es keine poetische Gerechtigkeit schöner und glatter fertig brächte. Wir sind unerbittlich an die großen, ewigen Gesetze der Natur gebunden und müssen wahr sein, ob wir wollen oder nicht. »

Es gibt eine aus tier inneren Vollendung, aus der Harmonie zwischen Werk und Plan hervorgehende Schönheit der Maschinen und Geräte. Von der Technik zur Kunst ist es oft nur ein Schritt. Hören wir, was Jakob Burckhardt über den griechischen Tempel als Kunstwerk sagt: «Der griechische Tempel ist im höchsten Grade wahr, und hierin liegt zum Teil seule Schönheit; er stellt die höchste Abrechnung dar zwischen einfachem Tragen und Getragenwerden einer horizontal liegenden und rein vertikal wirkenden Last.» Ist nicht auch von ähnlicher technischer Wahrheit die Schönheit der gotischen Baukunst beseelt mit ihren Wölbungen, Pfeilern und Widerlagern? Selbst drollige Zwitterblüten von Kunst und Technik vermögen uns zu erfreuen, wenn aus ihnen der Wille sich bekundet, dem Schönen und Edlen Ausdruck zu verleihen. So baute der originelle Mecklenburger

Landarzt Albans eine Hochdruckdampfmaschine, welche von 1840 bis 1900 im Betriebe war und dann ihre Aufstellung im Deutschen Museum fand. Sie besaß die Form eines griechischen Tempels, in dessen Innerem ein Kolben schwang.

Im Hang zur Technik offenbart sich aber nicht nur eine innere schöpferische Kraft (1er Menschen, sondern auch ein Drang nach Erlösung aus aller Unzulänglichkeit. Dieser Drang kennt keine Ruhe und keine Rast. Er treibt nach Änderung und Verbesserung der Dinge; er heißt den Menschen suchen und erfinden. Der Traum nach Macht beginnt. Und schließlich wird die Überwindung jeder Schranke, die Raum, Zeit und Naturgesetze bestimmt haben, zum leidenschaftlich erstrebten Ziel. Ein bezeichnendes Beispiel für diese Sehnsucht nach Befreiung von allen Banden der Erdenschwere ist der Wunsch, es dem Vogel gleich zu tun und fliegen zu können. Wir treffen ihn ebenso in den Sagen alter Völker wie in den phantasievollen Studien eines Leonardo da Vinci. Und sogar aus der Feder Gottfried Kellers flossen die schwungvollen Verse:

«Und wenn vielleicht in hundert Jahren
Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein
Durchs Morgenrot käm' hergefahren —
Wer möchte da nicht Fährmann sein?»

Die Verwirklichung aber dieses Traumes brachte erst die durch eine tief fundierte Wissenschaft befruchtete moderne Technik.

Der ungezügelte technische Wunschtraum kann zu schweren Fehlleistungen führen. Das klassische Beispiel dafür bildet die lange Kette der Bemühungen um die Erfindung jener Zaubermaschine, welche den Namen Perpetuum mobile trägt. Gegen die Macht eines Perpetuum mobile wäre alle Atomenergie nur ein Schatten. In Abwandlung eines bekannten Ausspruches von Archimedes könnte man sagen: «Gib mir ein Perpetuum mobile, und ich werde die Welt aus den Angeln heben!» Der Architekt und Ingenieur Andreas Schlüter, bekannt als Meister des norddeutschen Barocks und Erbauer des Berliner Schlosses, war in seiner Heimat in Ungnade gefallen und begab sich 1713 nach Rußland an den Hof Peters des Großen. Hier hoffte er wieder zu Ehre und Macht zu gelangen durch Gewinnung

eines Preises von 30000 Rubeln, den Peter der Große für die Erfindung eines Perpetuum mobile ausgesetzt hatte. Über die merkwürdige Maschine, welche Schlüter erbaute, sind viele Einzelheiten erhalten. Tagelang soll sich der Zar mit ihm eingeschlossen haben, um am Fortgang des Werkes teilzunehmen. Umsonst, Schlüter konnte dem Versuche nur noch wenige Jahre widmen. dann starb er. Heute wissen wir, daß es ein Perpetuum mobile nicht gibt.

Wo aber der phantasiebeschwingte Gedanke den Bahnen des wahren Naturgesetzes folgt und der menschliche Wille sich vor dem Willen der Natur erkennend beugt, da kann das Wunder geschehen. Da vollzieht sich die technische Schöpfung und ein Gedanke wird zu Form, Gestalt und Wirklichkeit. Seine große Lehrmeisterin, die Natur, nachahmend, wird der Mensch zum Weltenbaumeister in seinem beschränkten Bereiche. Ihre Gesetze sind auch die seinen. Wenn Leonardo da Vinci, gleich groß als Denker und Forscher wie als Künstler, in seinen Anatomieheften über die Werke der Natur vermerkt: «An ihren Erfindungen fehlt nichts, und nichts ist bei ihnen überflüssig», so hat er damit schon frühzeitig das oberste Bauprinzip aller Technik formuliert. Die Weisheit statischer Grundsätze findet sich im Aufbau des Knochens verwirklicht, wie Carl Culmann, der Begründer der graphischen Statik zeigte, und der physikalische Apparat des Auges entspricht bis in alle Einzelheiten hinein den Vorschriften, nach welchen der Optiker seine Instrumente entwirft. Ungezählte Stoffe der belebten und unbelebten Natur lassen sich im chemischen Laboratorium herstellen. Und schließlich ist das Wunderwerk des menschlichen Körpers nach den Grundsätzen einer Maschine gebaut. Der große Erfinder wandelt in der Tat auf neuen Pfaden der Schöpfung. Denn die Leistungen der Technik gehen über das von der Natur Geschaffene hinaus. Die Natur kennt weder das Fernrohr noch das Mikroskop, wodurch ferne Welten im größten wie im kleinsten erschlossen wurden. Zahlreiche Verbindungen des Chemikers sind ihr fremd. Es gibt bei ihr keine Taschenuhr und keinen Webstuhl, auch keine elektrischen Kraftwerke oder Radioapparate. Dem Menschen sind die Gabe und der Auftrag zuteil geworden, trotz Schwäche und Unzulänglichkeit aus seiner eigenen Kraft ein Stück der Schöpfung zu offenbaren. Dies ist die große Sendung der Technik. Auch in der einfachsten technischen Arbeit weht ein Ewigkeitshauch

dieser Sendung. Friedrich Fröbel, ein Verehrer Pestalozzis und Begründer der Arbeitsschule, äußert sich in seiner Schrift über «Menschenerziehung» wie folgt: «Durch Fleiß und Arbeitsamkeit, durch Wirken und Tun, welches der lichte Gedanke oder auch nur die leiseste Ahnung, ja nur das unmittelbare lebendige Gefühl begleitet, daß wir dadurch Innerliches äußerlich darstellen, Geistigem Körper, Gedachtem Gestalt, Unsichtbarem Sichtbarkeit, Ewigem, im Geiste Lebendem äußerliches, endliches und vergängliches Dasein geben: dadurch werden wir wahrhaft Gott ähnlich.»

Wo aber der Mensch dem Weltenschöpfer selbst sich gleichzustellen sucht, da beginnen der große Kampf und die große Tragik. Da wird der letzte Akt in dem gewaltigen Drama der Selbsterlösung aus eigener Kraft gespielt. Um diese Dinge wußten die alten Völker schon Bescheid. Die griechische Sage berichtet von dem Titanen Prometheus, der die Menschen die Technik lehrte und ihnen die Kultur brachte. Den Göttern zum Trotz entwendete er aus dem Himmel das Feuer, das wir hier als das Geheimnis einer großen technischen Erfindung betrachten dürfen, und wurde zur Strafe dafür auf Befehl des Zeus an das Kaukasusgebirge geschmiedet, wo täglich ein Adler an seiner Leber fraß. Auch der Faust-Tragödie ist hier Erwähnung zu tun. Wenn Faust, der ewig Suchende, den kein Streben und kein Genuß zu befriedigen vermochte, an seinem Lebensende ein ungeheures technisches Werk beginnt, so bedeutet dieser Abschluß eine letzte, in das Monumentale gesteigerte Anstrengung, aus eigener Kraft des Raumes Herr zu werden durch die Schaffung neuen Kulturland es an der Küste des tobenden Meeres und die Zeit zu überwinden, indem er sich ein unvergängliches Denkmal setzen will. Aber diese letzte geläuterte Tat soll dem Wohle der Menschheit dienen. Hier finden sich Anklänge an das Prometheusmotiv. Das Wesen eines solchen ins Titanische gesteigerten technischen Menschentypus schildert der Kulturphilosoph Walter Schubart mit den Worten: «Er setzt alle Kraft daran, den Zufall und das Wunder auszuschalten, das Irrationale in faßliche Größen zu zerlegen, die Geheimnisse der Natur zu erbrechen und die Welt zu beherrschen. Darum muß er sie so sehen, daß sie sich meistern läßt: Berechenbar, mechanisch, als Rechenexempel, das man löst, als Maschine, die man bedient, als Organisation, die man lenkt, nicht

mehr als Mysterium, vor dem man schweigt. Darum preist er die Technik und verachtet er die Religion.»

Die Achtung vor dem Geschaffenen ist mit der Technik jedoch nicht nur vereinbar, sondern es kommt wesentlich gerade darauf an, den Weg zu einer tieferen inneren Verbundenheit mit der technischen Leistung zu finden. In jeder Schöpfung der Technik lebt etwas von dem Geiste und von der Hand, die sie vollbracht haben, wodurch sie uns bei der Betrachtung wiederum zum Erlebnis werden kann. Sinnvoll sagen uns dies die Zeilen in Friedrich Schillers «Lied von der Glocke»:

«So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt;
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.»

Ungezählten Menschen fällt die innere Anteilnahme am Getriebe der modernen Technik mit ihrer Mechanisierung überaus schwer. Sie empfinden sie als äußerlich, seelenlos, ja als kulturfeindlich und zerstörend. Der Industrielle und Politiker Walther Rathenau gab dieser tiefen Sorge Ausdruck, wenn er während des ersten Weltkrieges in seinem Buche «Von kommenden Dingen» schrieb: «Der Naturkampf der Mechanisierung ist ein Menschheitskampf ... Begehrlichkeit und Eigensucht, Haß, Neid und Feindschaft, die Furiengeißeln der Vorzeit und der Tierwelt halten den Mechanismus unsrer Welt im Schwunge und trennen Mensch von Mensch, Gemeinschaft von Gemeinschaft. Die Tränen des Glaubens vertrocknen am Feuer des mechanistischen Willens, und Priesterworte müssen sich zum Segen des Hasses fügen. In die Galeere geschmiedet, sollen wir uns in Ketten zerfleischen, obwohl es unser Schiff ist, das wir rudern, und unser Kampf, zu dem es auslief.»

Daß die Technik die Welt umformt, ist durch sichtbare Tatsachen erwiesen. Nur wenige hundert Generationen trennen uns von den

Menschen der Bronzezeit oder des alten Ägyptens. Doch wie groß sind die Veränderungen! Heute ist die Erde dem Menschen untertan, und weithin hat er sie bevölkert. Aber sie selbst scheint nun klein und eng geworden. Das Flugzeug trägt uns in wenigen Tagen nach den fernsten Kontinenten, und die elektrischen Wellen ermöglichen uns einen Gedankenaustausch über Tausende von Kilometern. Von dieser Entwicklung, deren Entfaltung wir miterleben, ist noch kein Ende abzusehen. Sie führt in eine unbekannte, ferne Zukunft hinein. Ihr Ende könnte in einer Vereinheitlichung und Geschlossenheit der Welt bestehen, und alle Völker würden, trotz ihrer Verschiedenheiten, eine Gemeinschaft bilden und trotz vielgestaltiger Eigenheiten an einer allgemeinen Kultur teilhaben. Vielleicht aber baut der Geist, der in allem webt und über alleni schwebt, sich eine gänzlich neue Wohnung. Denn die Weisheit der Schöpfung ist wunderbar. Wir aber müssen aus unserem Gewissen heraus unseren Standort suchen. Für uns heißt die Frage nicht «Technik oder Kultur» sondern «Technik und Kultur». Denn die Technik gehört wie Kunst und Wissenschaft, Staatsführung oder Wirtschaftslenkung zu den Ausstrahlungsgebieten des selben einen menschlichen Wesens. Nur die gemeinsame Pflege all dieser Gebiete führt zum Erblühen einer Kultur.

Es ist unmöglich, daß die Harmonie, welcher wir in den Gesetzen der Natur und des Geistes begegnen, nicht von tiefer Bedeutung sei; es ist nicht denkbar, daß all die Sehnsucht und der Glaube der Menschen an eine Veredelung unseres Daseins und alle Opfer um hoher Ziele willen umsonst gewesen sind; das Suchen, Erfinden und Schaffen im Dienste der Technik kann nicht sinnlos sein. Aus dieser Zuversicht heraus wollen wir die Freude an der technischen Tat und den Mut zur Verantwortung schöpfen, aber auch die Ehrfurcht vor den Dingen, die nicht Menschenwerk sind. Wir gleichen dem Glied in der Kette, welche die einst kommenden Geschlechter mit der Vergangenheit verbinden wird. Unsere Pflicht ist es, dieses Glied gut und stark zu schmieden. Sollte dies gelingen, dann mögen ihm die Worte eingeprägt werden: Durch Technik zur Kultur!