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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

MUTTERSCHUTZ

JAHRESBERICHT 1946/47

Druck: Art. Institut Orell Füssli A.-G., Zürich

INHALTSVERZEICHNIS Seite

I. Rektoratsrede 3

II. Ständige Ehrengäste der Universität 20

III. Jahresbericht 21

a) Dozentenschaft 21

b) Organisation und Unterricht 25

c) Feierlichkeiten und Konferenzen 33

d) Ehrendoktoren und Ständige Ehrengäste . . . . 34

e) Studierende 35

f) Prüfungen 37

g) Preisaufgaben 38

h) Stiftungen, Fonds, Stipendien und Darlehen . . . 39

i) Kranken- und Unfallkasse der Universität. . . . 40

k) Witwen-, Waisen- und Pensionskasse der Professoren der Universität 41

l) Zürcher Hochschulverein 43

m) Stiftung für wissenschaftliche Forschung an der Universität Zürich 45

n) Jubiläumsspende für die Universität Zürich . . . 51

o) Julius Klaus-Stiftung 54

IV. Schenkungen 59

I.
FESTREDE
DES REKTORS PROF. Dr. ERNST ANDERES
gehalten an der 114. Stiftungsfeier der Universität Zürich
am 29. April 1947

MUTTERSCHUTZ

Die Urzelle eines gesunden, lebensfähigen Staates ist die Familie, die Seele der Familie aber ist die Mutter. Deshalb besteht für den Staat die Verpflichtung, es gehört aber auch mit zu seinen vornehmsten Aufgaben, für die Mutter in bester Weise zu sorgen. Ist es nicht die Mutter, die es auf sich nimmt, dem Staate gesunde, kräftige Kinder zu schenken? Die Allgemeinheit muß ihr diese Aufgabe, so viel als es überhaupt möglich ist, zu erleichtern suchen. Dadurch, daß die Frau die Mühen und Sorgen, aber auch die nicht zu unterschätzenden Gefahren der Fortpflanzung eigentlich vollständig allein trägt, leistet sie der Allgemeinheit, dem Staate, ganz ungeheure Dienste. So schreibt Hirsch: "Die Mutterschaftsleistung ist als eine Leistung der Frau an die Allgemeinheit, an Volksgemeinschaft und Staat zu betrachten. Aus diesem Grunde sind die mit ihr verbundenen Lasten von der Gesamtheit zu tragen, und zwar in vollem Umfange und in voller Dauer."

Der Mutterschutz ist zu einer absoluten Notwendigkeit geworden, da sich die äußeren Lebensbedingungen gegen früher in weitgehendem Maße geändert haben. Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Frau begonnen, am Wirtschaftsleben teilzunehmen. Der erste, vor allem aber der zweite Weltkrieg, haben dann die Frau schonungslos gezwungen, auf allen Gebieten der Wirtschaft ihre volle Arbeitskraft einzusetzen. Diese Verhältnisse dauerten auch nach Beendigung der Feindseligkeiten in unveränderter Weise fort und werden, so weit man das voraussehen kann, für die nächste Zukunft bestehen bleiben.

Dabei spielt in vielen Fällen nicht einmal die Vermehrung des Einkommens die Hauptrolle, sondern es ist vor allem der große Mangel an Arbeitskräften, der die Frau fast systematisch ins Räderwerk des heutigen Wirtschaftslebens einfügt.

Für den Arzt, namentlich für den Frauenarzt und den Hygieniker, stellt sich dabei die überaus wichtige Frage, kann und darf dem weiblichen Körper, der in vielen Beziehungen so ganz anders gebaut ist als der männliche, eine derartige Belastung zugemutet werden, ohne daß er dauernden Schaden nimmt? Die Antwort auf diese Frage muß ein kategorisches Nein sein. Es hieße aber gegen den Strom schwimmen, wollte man heute versuchen, die Frau aus all jenen Berufen hinauszunehmen, die ihrem Körper nicht zuträglich sind. Wir machen dabei die nicht zu widerlegende Beobachtung, daß solche Frauen rascher verblühen, rascher sich verbrauchen und daß im allgemeinen ihre Lebensdauer mehr oder weniger verkürzt wird.

Wenn wir also vorläufig keine Möglichkeit sehen, eine durchgreifende Verbesserung herbeizuführen, so müssen wir wenigstens versuchen, unser Möglichstes zu tun, der Frau während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett vermehrten Schutz angedeihen zu lassen. An einer vermehrten Fürsorge zu dieser Zeit hat nicht nur die Frau und das werdende Kind, nicht nur die engere Familie, sondern vor allem auch der Staat, das allerhöchste Interesse. Im Sinne seiner Selbsterhaltung muß es sein eifrigstes Bestreben sein, gesunde Mütter und gesunde Kinder zu besitzen.

Welche Forderungen sollen wir mit Bezug auf Mutter-Fürsorge und Mutter-Schutz verlangen? Wir unterscheiden zweckmäßig drei Gruppen:

Fürsorge in der Schwangerschaft
Fürsorge zur Zeit der Geburt
Fürsorge im Wochenbett.

Es ist mir wohlbekannt, daß gewisse Fürsorge-Einrichtungen. wie ich sie hier vorschlage, in verschiedenen größeren Gemeinden unseres Landes zum Teil bereits vorhanden sind und daß ein weiterer =

Teil durch das im Entstehen begriffene Mutterscbaftsgesetz in Erfüllung gehen werden. Trotzdem glaube ich zeigen zu können, daß noch viel zu tun übrig bleibt, wenn in der ganzen Schweiz eine notwendige und zweckmäßige Mutterfürsorge zustandekommen soll. Auch scheint es mir ein Bedürfnis zu sein, die großen Massen unseres Volkes über die absolute Notwendigkeit eines zweckmäßigen Mutterschutzes schon jetzt aufzuklären, damit die Annahme des Mutterschaftsgesetzes dereinst gesichert sein wird.

Natürlich muß durch eine zweckmäßige Schulung und eine richtige Hygiene, speziell während den Entwicklungsjahren, dafür gesorgt werden, daß der Körper des heranwachsenden Mädchens zu voller Blüte und Reife sich entwickelt, und daß nicht durch verfrühte körperliche Beanspruchung und falsche Erziehung in dieser Zeit die Wachstumsverhältnisse ungünstig gestaltet werden. Besonders heute, wo vielleicht doch bis zu einem gewissen Grade die Gefahr besteht, daß durch Schwierigkeit in der Ernährung das Wachstum des heranreifenden Körpers ungünstig beeinflußt wird, müssen wir doppelt darauf bedacht sein, alles zu tun, was die normale Entwicklung begünstigen kann. Häufiger als sonst begegnen wir Ärzte jetzt Fällen, in denen die normale Funktion der Geschlechtsorgane gestört ist, der Zyklus verspätet oder gar nicht eintritt, eine Erscheinung, die in den kriegführenden Ländern nur allzu bekannt ist und die in einer großen Anzahl der Fälle im Mangel an Vitaminen und Hormonen ihre Ursache hat. Mitverantwortlich ist auch das allzu frühe Einspannen der jugendlichen Kräfte in den Wirtschaftsprozeß. Es muß daher auch unsere Sorge sein, daß den jugendlichen Arbeiterinnen genügend Zeit bleibt, um durch Aufenthalt im Freien, womöglich verbunden mit zweckmäßigen Leibesübungen, eine Vollentwicklung ihres Körpers zu garantieren. Kinderarbeit ist im allgemeinen eine Verschwendung von Volkskraft, der wir mit allen Mitteln entgegentreten müssen.

Einer rationellen Schwangerenfürsorge stellen sich deshalb außerordentlich große Hindernisse in den Weg, weil sehr viele junge, gesunde Frauen glauben, da die Schwangerschaft ja keine

eigentliche Krankheit ist, bedürften sie in dieser Zeit auch keiner besonderer Schonung. Wir müssen uns aber bewußt werden, daß die Schwangerschaft von den meisten Organen des weiblichen Körpers maximale Leistungen verlangt. Der gesunde Körper einer Frau wird diesen Anstrengungen anstandslos gewachsen sein, dies um so mehr, als die Schwangerschaften sich ja vornehmlich zwischen dem 20. bis 35. Altersjahr abspielen, also im jugendlichen, noch zum größten Teil unverbrauchten Körper.

Weil die Schwangerschaft vor allem an Lungen, Herz und Nieren so große Ansprüche stellt, sollte in erster Linie die werktätige Frau, vor allem in der letzten Zeit der Schwangerschaft, keine Arbeit verrichten oder verrichten müssen, die diese Organe in noch vermehrtem Maße belasten. Aber auch die nicht werktätige Frau sollte in der Schwangerschaft im eigenen, aber ebenso im Interesse des werdenden Kindes, eine gewisse Schwangerschaftshygiene betreiben. Darunter verstehe ich eine zweckmäßige Ernährung, viel Kohlehydrate, frisches Obst und Gemüse, wenig Eiweiß. Genügend Aufenthalt in frischer Luft, keine übermäßigen körperlichen Anstrengungen, vor allem Schonung in den Tagen, in denen normalerweise die Menstruation eintreten sollte.

Wie stark der weibliche Körper durch die Schwangerschaft belastet wird, mögen einige interessante Berechnungen, die seinerzeit Sellheim durchgeführt hat, klar machen.

Die Frau verliert und ergänzt durch die Menstruation zwölfmal 170 g Blut, gleich rund 2 kg im Jahre, was für die ganze Zeit der Fortpflanzungsbereitschaft etwas mehr wie 50 kg ausmacht. Die Zunahme in der Schwangerschaft und der Verlust in der Geburt beträgt mindestens 6 kg, davon entfallen 3 kg auf das Kind, 1 kg auf die Nachgeburt, 1 kg auf die Gebärmutter und 1 kg auf das Blut. Für das Kind müssen durch die Laktation weitere ganz bedeutende Mengen von Nährstoffen herbeigeschafft werden. Die Frau verdoppelt also ihr Körpergewicht durch die Menstruation vom 18. bis 45. Lebensjahre, durch vier Geburten und die anschließende Laktation kommt es zu einer weiteren Verdoppelung. Dieser ungeheuren Inanspruchnahme des gesamten

Körperbetriebes hat der Mann nichts Ähnliches an die Seite zu stellen.

Um noch von den Anforderungen der Geburt einen plastischen Begriff zu geben, sei berichtet, daß die Muskelleistung bei der Geburt ungefähr derjenigen gleicht, welche geleistet wird bei der Besteigung eines 4000 m hohen Berges.

Wenn man sich diese Zahlen vor Augen hält, dann beginnt man zu verstehen, was der weibliche Körper während der Gestation zu leisten hat und es wird dann manchem klar werden, daß eine gewisse Entlastung während dieser Zeit einer absoluten Notwendigkeit entspricht.

Es gibt heute leider viele Frauen, die sozusagen bis zum unmittelbaren Eintritt der Geburt sich gar keine Schonung auferlegen. Die Ursache dafür ist vielfach nicht darin zu suchen, daß sie auf den Gelderwerb angewiesen sind, sondern sehr häufig nehmen sie im Wirtschaftsbetrieb einen Posten ein, den sie nicht glauben verlassen zu können, bis es eben absolut notwendig ist. Es trifft das vor allem für Angehörige des Mittelstandes zu, die im eigenen Geschäfte arbeiten, und die sich durch die bestehende Schwangerschaft in keiner Weise beeinträchtigt fühlen.

Der vergangene Krieg hat vielfach die Frau so in das Wirtschaftsleben hineingezwungen, daß sozusagen niemand mehr Anstoß daran nimmt, wenn die schwangere Frau fast bis zu ihrer Geburtsstunde an ihrem Arbeitsplatz ausharrt. Hier stellt sich unseren Bestrebungen für den Mutterschutz heute eine Hauptschwierigkeit entgegen, die Frau selbst will sich nicht schonen. Unsere Aufgabe zeigt sich daher darin, daß wir die Frau selbst und ihre Umgebung umerziehen müssen. Eine bestimmte körperliche Schonung, vor allem in der letzten Zeit der Schwangerschaft, darf von niemandem als Verzärtelung angesehen werden, sondern alle müssen davon überzeugt werden, daß eine solche einer dringlichen Notwendigkeit entspricht.

Eine weitere Forderung besteht darin, daß auch die vollständig gesunde Schwangere, zum mindesten in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft, sich wenigstens alle Monate einmal einer ärztlichen Kontrolluntersuchung unterziehen sollte. Gerade

in dieser Beziehung ist unsere Schwangerenfürsorge noch arg im Rückstände. In Amerika nehmen die meisten geburtshilflichen Kliniken keine Frau zur Entbindung in die Anstalt auf, wenn sie nicht vorher regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen sich eingefunden hat.

Vor allem sind es die Störungen von Seiten des Herzens, der Nieren und der Leber, die durch ärztliche Untersuchung schon zu einer Zeit erkannt werden können, in welcher die Schwangere selbst noch absolut keine Beschwerden empfindet. Solche beginnenden Störungen lassen sich aber in diesem Zeitpunkt meist noch leicht behandeln und heilen, so daß die Schwangerschaft wieder vollständig normal bis zum richtigen Ende verläuft. Wird aber die ärztliche Behandlung erst dann in Anspruch genommen, wenn bereits schwere Störungen sich zeigen, so erfordern sie meist eine lange dauernde Behandlung, ja bisweilen ist auch die ärztliche Kunst nicht mehr fähig, eine volle Heilung herbeizuführen, sehr oft stirbt das Kind vorzeitig ab, in ganz schweren Fällen gehen sogar Mutter und Kind verloren. Ein kleines Beispiel möge die Gefahr solcher, glücklicherweise immerhin seltener Fälle, dartun.

Eine Frau sucht gegen Ende der Schwangerschaft wegen stark geschwollener Beine unsere Poliklinik auf. Die genauere Untersuchung ergibt aber, daß der Blutdruck stark erhöht ist und im Urin sich ziemlich viel Eiweiß nachweisen läßt. Da dieser Untersuchungsbefund auf eine schwere Störung im Stoffwechsel hinweist, will der betreffende Arzt die Frau sofort zu zweckentsprechender Behandlung in die Klinik aufnehmen. Alle Überredungskunst bleibt umsonst, die Frau läßt sich von der Schwere ihrer Erkrankung nicht überzeugen, kennt sie doch noch so viele andere Frauen, die in der Schwangerschaft auch geschwollene Beine hatten. Drei Tage später kommt dieselbe Patientin abends 9 Uhr in die Klinik, da sich ihr Zustand so verschlimmert hat. daß sie einfach nicht mehr außer Bett sich aufhalten kann. Nachts 3 Uhr läutet sie der Schwester, da sie wegen starkem Durst etwas zu trinken wünscht. Sie plaudern noch ein wenig miteinander, darauf schläft die Patientin ruhig wieder ein. Um

5 Uhr morgens bekommt sie einen jener gefürchteten Nierenkrampfanfälle, die unter dem Namen Eklampsie bekannt sind. Zehn Minuten später ist sie infolge einer massiven Hirnblutung tot, jede ärztliche Hilfe kam natürlich bei dem foudroyanten Verlauf zu spät. Hätte die Frau unserem Rate gefolgt und wäre sie drei Tage früher in die Klinik eingetreten, so ist es sehr wahrscheinlich, daß durch entsprechende ärztliche Behandlung dieses schreckliche Ende fast mit Sicherheit hätte vermieden und Mutter und Kind gerettet werden können.

Überall machen die Geburtshelfer die Beobachtung, daß kleinere Blutungen gegen Ende der Schwangerschaft und vorzeitiges Springen der Fruchtblase viel häufiger auftritt als in früheren Jahren. Diese Störungen werden von den meisten Ärzten darauf zurückgeführt, daß ein Großteil der Frauen am Ende der Schwangerschaft noch zu schwere körperliche Arbeit verrichtet. Wenn auch diese Störungen in den meisten Fällen keine größere Bedeutung erlangen, so können sie doch ausnahmsweise einmal für Mutter und Kind gefährlich werden.

Ohne auf weitere Details einzugehen, wäre zusammenfassend zu sagen, daß jede schwangere Frau mindestens in den letzten 8 Wochen vor der Geburt sich eine größere Schonung auferlegen sollte. Sie dürfte nur noch leichtere Hausarbeit verrichten; zusätzliche Arbeit, vor allem Arbeit außer dem Hause, sollte ihr verboten werden. Es ist unser aller Aufgabe dahin zu wirken, daß, auch wenn die Schwangerschaft keine Krankheit im eigentlichen Sinne des Wortes darstellt, die Erkenntnis sich Bahn bricht, daß durch eine Schwangerschaft der weibliche Körper einer starken Belastung unterworfen wird und daß eine gewisse ärztliche Überwachung, auch dort, wo die Frau sich absoluten Wohlbefindens erfreut, eine dringende Notwendigkeit darstellt. Dabei ist vielleicht noch darauf hinzuweisen, daß der Laie sich keinen Täuschungen hingeben darf; gerade bei bestehenden Lungen- und Herzaffektionen wird manchmal die Schwangerschaft gegen alle Erwartung ganz anstandslos überstanden und die schweren Schädigungen zeigen sich erst nach überstandener Geburt im Wochenbett.

Die Geburt ist ein physiologischer Vorgang, der in den meisten Fällen, wenn auch, wie ich bereits früher gezeigt habe, unter größter Kraftanstrengung, einen vollständig normalen Verlauf nimmt. Stellen sich Schwierigkeiten ein, so hat im Laufe der letzten Jahrzehnte die ärztliche Kunst soweit Fortschritte gemacht, daß fast immer, auch bei einer recht komplizierten Geburt, das Leben von Mutter und Kind kaum mehr gefährdet ist. Die Hauptsache ist stets, daß die ärztliche Hilfe frühzeitig genug in Anspruch genommen wird.

In der Schweiz haben im Jahrzehnt 1936 bis 1945 rund 750000 Geburten stattgefunden. 2,5 Promille der Frauen, also nahezu 2000 Frauen, sind aber an den Folgen von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett verstorben, das ist eine Zahl, die immerhin noch zum Aufsehen mahnt. Es ist die Sterblichkeit bei den verheirateten Frauen in den Jahren der Fortpflanzung um ca. 20%zahlreicher als die der Männer, auch die Sterbeziffer der ledigen Frauen ist in diesem Zeitabschnitt wesentlich geringer. Statistisch hat sich auch ergeben, daß mindestens jede dritte Frau in der Schwangerschaft, unter der Geburt oder im Wochenbett einmal ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen muß. Diese statistischen Angaben zeigen immerhin mit aller Deutlichkeit. daß die gesundheitlichen Gefahren, die die Frau durch die Fortpflanzung auf sich nimmt, nicht unterschätzt werden dürfen.

Die schwerste Krankheit, die die Frauen in früherer Zeit erbarmungslos dahinraffte, das Kindbettfieber, sehen wir allerdings heute glücklicherweise nur noch ganz ausnahmsweise. Die Sterblichkeit an Kindbettfieber betrug vor ca. 100 Jahren 4 bis 5%, ja es gab Zeiten, in denen in den Gebärhäusern bis 15% aller gebärenden Mütter durch das Kindbettfieber den Tod fanden. Es ist ein unvergeßliches Verdienst des ungarischen Geburtshelfers Ignaz Philipp Semmelweis, daß er als erster die wahre Ursache des Kindbettfiebers erkannte und den Weg zu seiner Verhütung zeigte.

Semmelweis hat den Beweis geliefert, daß das Kindbettfieber sozusagen ausnahmslos dadurch zustande kommt, daß die Geschlechtsteile der Gebärenden mit unreinen Händen oder Instrumenten

berührt werden. Wie richtig seine Beobachtung gewesen ist, kann man daraus ersehen, daß der moderne Geburtshelfer bei der Gebärenden im allgemeinen auf jede innere Untersuchung vollständig verzichtet, um die Möglichkeit der Entstehung eines Kindbettfiebers gänzlich auszuschalten.

Mitte Mai 1847, in zirka 14 Tagen werden es gerade 100 Jahre sein, erließ Semmelweis, der damals Assistenzarzt an der Ersten Wiener geburtshilflichen Klinik war, die strikte Vorschrift, daß jede Gebärende von niemandem mehr innerlich untersucht werden dürfe, der nicht vorher seine Hände in Chlorkalk ausgiebig gewaschen habe. Durch diese überaus einfache Vorschrift gelang es Semmelweis, die Todesfälle an der Klinik ganz bedeutend herabzusetzen, ja es wurde damals als etwas ganz Besonderes hervorgehoben, daß es vorkam, daß von Zeit zu Zeit während eines ganzen Monates keine einzige Frau an Kindbettfieber verstorben sei. Hunderttausende von Müttern verdanken Semmelweis ihr Leben und er wird daher mit Recht als der größte Retter der Mütter bezeichnet.

Natürlich stieß Semmelweis mit seiner neuen Lehre zuerst auf den heftigsten Widerstand seiner Fachgenossen, wie das mit einer epochalen Neuerung ja stets der Fall zu sein pflegt. Aber nun kamen auch die Lehren von Lister, Koch und Pasteur, die zur Grundlage der modernen Bakteriologie sich entwickelten und damit den Ansichten von Semmelweis zu einem durchschlagenden Erfolg verhalfen. Leider durfte Semmelweis die allgemeine Anerkennung, die seiner wissenschaftlichen Arbeit zuteil wurde, nicht mehr erleben. Er starb im Juli 1865, erst 49 Jahre alt, an einer Sepsis, an der Krankheit, deren Bekämpfung sein Lebenswerk bedeutete.

Wenn auch das Kindbettfieber heute eine äußerst seltene Krankheit geworden ist, so sind eben doch im letzten Jahrzehnt 2,5 Promille aller Gebärenden in der Schweiz den Folgen von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett erlegen. An der Zürcher Universitätsfrauenklinik sind im gleichen Zeitraum bei rund 24000 Geburten nur 1,3% Todesfälle eingetreten, also gerade nur etwa die Hälfte und die gleichen Zahlen weisen auch

die anderen größeren geburtshilflichen Kliniken der Schweiz auf. Diese um die Hälfte kleinere Sterblichkeitsziffer ist aber um so bemerkenswerter, als man doch darauf hinweisen darf, daß die schweren, ungünstigen Fälle sich in diesen Gebäranstalten häufen.

Wie ich schon früher betont habe, hat die operative Geburtshilfe seit der Jahrhundertwende so große Fortschritte gemacht, daß fast jede Frau mit ihrem Kinde gerettet werden kann, sofern sie sich nur rechtzeitig genug in ärztliche Behandlung begibt. Der Großteil dieser Operationen kann aber mit gutem Erfolg nur im gut eingerichteten Krankenhaus ausgeführt werden. Diese Erkenntnis ist auch im Laufe der Zeit den breiten Massen des Volkes bewußt geworden. Und so sehen wir, daß überall dort, wo gute Gebäranstalten den werdenden Müttern zur Verfügung stehen, die Frauen immer zahlreicher zur Geburt das Krankenhaus aufsuchen, und zwar besteht diese Tendenz in allen Schichten unseres Volkes, ob arm oder reich. In den Städten Basel und Zürich finden über 90% aller Geburten in einer Klinik statt. Niemandem fällt es heute noch ein, auch nur die kleinste Operation zu Hause ausführen zu lassen, denn jedermann weiß, daß er im Krankenhaus mit seinen modern eingerichteten Operationsräumen, die besten Heilungsaussichten besitzt. Eine Geburt aber ist, auch wenn sie normal verläuft, mindestens ein so großer Eingriff in die Körperintegrität wie eine kleinere Operation. Stellen sich bei einer Geburt aber ernsthaftere Komplikationen ein, was in keinem Falle, auch vom besten Arzte nicht, mit Sicherheit vorausgesagt werden kann, dann ist Mutter und Kind eventuell nur durch einen großen operativen Eingriff, wie zum Beispiel den Kaiserschnitt, zu retten. Vorn hygienisch-ärztlichen Standpunkte aus ist daher jeder Frau dringend zu empfehlen, zur Geburt ein gutgeleitetes Krankenhaus aufsuchen.

Diese Vergünstigung, in einer Anstalt zu gebären und dadurch die Gefahren für Mutter und Kind zu verringern, darf aber nicht nur der Frau in der Stadt zur Verfügung stehen. Nein, es ist eine der dringendsten Pflichten des Staates, dafür besorgt zu

sein, daß jede Mutter unter optimalen Bedingungen auch auf dem Lande in einem Krankenhaus ihr Kind zur Welt bringen kann. Die Aufgabe des Staates für die Zukunft besteht darin, dahin zu wirken, daß über das ganze Land zerstreut den Frauen Gebäranstalten zur Verfügung stehen und was vielleicht ebenso wichtig ist, die ärztliche Leitung solcher Kliniken muß in den Händen eines gut ausgebildeten Facharztes für Geburtshilfe liegen. Jede Frau nimmt Gefahren, selbst Lebensgefahren, auf sich, um dem Staat die zu seiner Erhaltung notwendigen Kinder zu schenken, der Staat seinerseits muß dementsprechend alles in seiner Macht Stehende vorsorgen, damit die Gefahren, die die Frau für die Allgemeinheit trägt, auf ein Minimum beschränkt bleiben.

Solange aber nicht genügend Kliniken zur Verfügung stehen, sollten alle Frauen, bei denen schon durch die geforderten Kontrolluntersuchungen Komplikationen bei der Geburt vorauszusehen sind oder bei denen unter der Geburt ernsthaftere Störungen, die einen größeren operativen Eingriff erfordern, sich einstellen, rechtzeitig in eine gutgeleitete Klinik eingewiesen werden. Das wird heute, wo der Transport mittels des Automobils in kürzester Zeit durchgeführt werden kann, in den allermeisten Fällen leicht möglich sein. Man darf nie vergessen, daß es sich in der Geburtshilfe immer um zwei Menschenleben handelt. Mit dem bei einer Geburt erreichten Resultat kann man daher nur dann vollauf zufrieden sein, wenn Mutter und Kind nachher sich bester Gesundheit erfreuen.

Die Statistik zeigt, daß die Säuglingssterblichkeit enorm zurückgegangen ist. Diese Verminderung der Todesfälle betrifft aber nicht das Neugeborene bis und mit dem 10. Lebenstage. Hier müssen wir leider das Zugeständnis machen, daß unter der Geburt und in den ersten 10 Lebenstagen heute noch fast gleich viel Kinder absterben, wie vor zirka 50 Jahren, ja in einzelnen Jahren ist die Sterbeziffer sogar noch leicht erhöht gegen früher. Rund 50 % dieser Neugeborenen sterben an einem Geburtstrauma, 28 % an angeborener Lebensschwäche, der Rest an angeborenen Krankheiten oder Mißbildungen. Es ist eine der

wichtigsten und vornehmsten Aufgaben der modernen Geburtshilfe, zu versuchen, die Todesfälle, die durch ein Geburtstrauma verursacht sind, noch wesentlich zu vermindern.

Ein gangbarer Weg scheint mir der zu sein, daß die schweren Entwicklungen des Kindes mittels der Zange, bei denen sehr oft Mutter und Kind geschädigt werden, nur noch ganz ausnahmsweise ausgeführt werden. In den meisten Fällen wird man durch rechtzeitige Schnittentbindung weit bessere Resultate erzielen können.

Hat die Frau in einer Gebäranstalt geboren, so bringt das ohne weiteres den großen Vorteil mit sich, daß sie auch in den ersten Tages des Wochenbettes gut gepflegt wird und die große Ruhe, derer sie bedarf, genießen kann. Wie manche Mutter hat übrigens schon ihrem Arzte gestanden, daß die Wochenbettstage in der Klinik ihre ersten, einzigen und schönsten Ferientage waren. Sie wird sich im Spital, wo endlich einmal auch für sie gedacht und gesorgt wird und sie aller häuslichen Pflichten und Verantwortung entbunden ist, viel rascher erholen, die Tätigkeit der Brüste wird eher einsetzen und die Möglichkeit, das Neugeborene stillen zu können, wird meistens auch erreicht werden. Eine Frau, die ihr Kind selbst stillt, gibt demselben eine unschätzbare Lebenskraft mit auf den späteren Lebensweg.

Die Wöchnerin und ihre unmittelbare Umgebung müssen immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß das Wochenbett 6 bis 8 Wochen dauert und daß die Wöchnerin solange schonungsbedürftig ist. Das wollen leider viele junge Mütter und auch deren Ehemänner nicht glauben und als Folge davon nimmt die Frau sehr oft Schaden an ihrem Körper. Man darf nie vergessen, daß die Frau, wenn sie aus der Klinik nach Hause kommt, in ihren Pflichtenkreis zurückkehrt. Nur zu leicht wird sie verleitet. in kürzester Zeit die Hausarbeiten, auch die körperlich anstrengenderen, wieder selbst zu übernehmen. Wesentlich größer wird die Beanspruchung, wenn bereits andere kleine Kinder vorhanden sind, die sie zu betreuen hat. Auf diese vorzeitige Arbeitsleistung ist es sehr oft zurückzuführen, daß Frauen nach der zweiten oder dritten Geburt sich gar nicht recht erholen wollen.

sie klagen über große Müdigkeit und mangelnde Lust zur Arbeit. Diese Erkenntnis sollte zwangsmäßig dazu führen, daß die Wöchnerin mindestens 9 bis 10 Tage im Krankenhaus verbleibt, was leider in sehr vielen Fällen, wegen der bestehenden Platznot in den Gebäranstalten, mit dem besten Willen nicht möglich ist. Wir müssen daher dafür besorgt sein, daß in Zukunft genügend Betten für diese Zwecke zur Verfügung stehen.

Noch viel wichtiger aber als die Vermehrung von Wöchnerinnenbetten ist die Schaffung von Mütter- und Säuglingsheimen. Die Fürsorgerinnen unserer Klinik haben die größte Mühe, Säuglinge, die die Mutter nicht mit sich nach Hause nehmen kann und auch Mütter, die kein Heini besitzen, irgendwo unterzubringen. Wir sind zeitweise gezwungen, Säuglinge und bisweilen auch deren Mutter einfach in der Klinik zu behalten, wenn wir sie nicht hilflos auf die Straße stellen wollen. Ich weiß, daß an anderen Kliniken zum Teil die gleiche Not besteht. Bei uns in Zürich aber sind diese Zustände seit mehreren Jahren unhaltbar. Der werktätigen Mutter, speziell den ledigen Frauen, muß unbedingt aber die Möglichkeit gegeben werden, irgendwo ihren Säugling unterzubringen, wo sie sicher ist, daß er gut aufgehoben und richtig gepflegt wird.

Größere industrielle Unternehmungen haben in vorbildlicher Weise für ihre Arbeiterinnen Kinderkrippen gebaut, in denen die Mutter während der Arbeitszeit ihr Kind unterbringen kann, in vielen Fällen wird der Frau sogar eine entsprechende Arbeitspause eingeräumt, damit sie ihren Säugling selbst stillen kann.

Was wir unbedingt brauchen, sind Mütter- und Säuglingsheime, vor allem für die ledigen Mütter. Die Ächtung der ledigen Mutter hat in unserer Zeit keine Daseinsberechtigung mehr und sollte auch unbedingt zum Verschwinden gebracht werden. Das Mädchen hat seinen Fehltritt meist bitter genug zu büßen und die Folgen bedeuten ihm oft eine lebenslängliche Last, ohne daß eine äußerliche Schmach noch notwendig ist. Verdient die uneheliche Mutter ein um so viel härteres Schicksal als die mondänen jungen Frauen, die sich ohne Rücksicht auf die Kinder

nach ganz kurzer Ehe wieder scheiden lassen? Das Los dieser Kinder ist oftmals nicht beneidenswerter als dasjenige der Unehelichen.

Meist wird das junge Mädchen unter den unmöglichsten Versprechungen verführt. Der Verführer verschwindet nicht selten nach kurzer Zeit und überläßt die junge Mutter mit ihrem Kinde einfach dem Schicksal. Gar oft weiß er sich um die bescheidenen, vom Gericht auferlegten, Alimente zu drücken und der jungen Mutter bleibt es jetzt überlassen, aus ihrem kärglichen Verdienst für den Unterhalt des Kindes allein aufzukommen. Sie tut es sehr oft in direkt rührender Weise, denn auch sie verbindet eine innige Mutterliebe mit dem hilflosen Geschöpfchen. Ist es da gerechtfertigt, daß sie und ihr Kind zeitlebens der Schmach der unehelichen Mutterschaft ausgesetzt bleiben? Der Spott, dem ein uneheliches Kind, sobald es die Schule besucht, von Seiten seiner Mitschüler recht häufig ausgesetzt ist, muß auf das Seelenleben eines solchen heranwachsenden Menschen einen direkt verheerenden Einfluß haben. In sehr vielen Fällen sind es nicht minderwertige Erbanlagen, sondern die Folgen der Verwahrlosung durch äußere Lebensumstände, die manchmal die größere Minderwertigkeit des unehelichen Kindes bedingen.

Ich halte die Zeit für längst gekommen, daß der unehelichen Mutter vorn Gesetze wenigstens das Recht zugesprochen wird, sich "Frau" nennen zu dürfen. Schon dieses ganz kleine Entgegenkommen wäre imstande, sowohl Mutter als Kind unendlich viel ungerechten Schmerz zu ersparen.

Ein anderes Kapitel, das sehr häufig mit der unehelichen Mutterschaft in Zusammenhang gebracht wird, darf hier nicht unerwähnt bleiben, nämlich die frühzeitige Unterbrechung der Schwangerschaft, der Abort. Die Anzahl der Aborte hat sich in den letzten Jahrzehnten stark vermehrt. Eine genaue Zahl anzugeben, ist leider unmöglich, da die Großzahl der Aborte statistisch einfach nicht erfaßt werden kann.

Nach mehr oder weniger zuverlässigen Angaben schätzt man, daß, zum mindesten in städtischen Verhältnissen, die Zahl der Aborte gleich groß, wenn nicht noch größer ist, wie die Zahl der

Geburten. Man gebe sich Rechenschaft, was an gesunder Nachkommenschaft auf diese Weise verloren geht.

Ein Teil dieser Aborte ist die Folge von Erkrankungen oder Mißbildungen des Eies, ein anderer Teil muß auf eine Erkrankung der Mutter, auf körperliche Überanstrengung oder gar auf einen erlittenen Unfall zurückgeführt werden. Man darf sich aber keiner Täuschung hingeben, nur der kleinste Teil der Aborte erfolgt aus den eben erwähnten Ursachen, weitaus die größte Zahl, man spricht von 80 bis 90%, ist die Folge aktiver Fruchtabtreibung. Es sind aber nicht etwa nur die unehelich Geschwängerten, die künstliche Beseitigung einer unerwünschten Schwangerschaft spielt auch bei verheirateten Frauen eine große Rolle.

Das Motiv zur Tat ist bei den Nichtverheirateten vielfach die Furcht vor der Schande, die drohende Ausstoßung aus der Familie, in einer Großzahl der Fälle ist es auch der Schwängerer, der zur Tat treibt, da er für die Zukunft nicht mit einem unehelichen Kinde belastet sein will. Bei verheirateten Frauen spricht häufiger die materielle Not (die natürlich auch bei Unverheirateten stark in Betracht fällt) eine Rolle, man sieht nicht, wie man in der Zukunft bei dem bescheidenen Einkommen noch ein weiteres Kind sollte ernähren können. In sehr vielen dieser Fälle könnte durch eine zweckmäßige Fürsorge den Leuten geholfen und das Unglück vermieden werden. -.

Die Ehe- und Mütterberatungsstellen sind die institutionen, denen eine solche Fürsorgetätigkeit zugewiesen werden muß. Die Ehe- und Mütterberatungsstellen, aber auch die anderen Fürsorgeeinrichtungen, die wir in Zürich besitzen, haben schon gar vielfach in ihrem segensreichen Wirken, den am Rande der Verzweiflung stehenden Frauen und Mädchen, den richtigen Weg zuweisen vermocht. Manchmal genügt allein eine Aussprache, um unüberwindbar scheinende Probleme auf natürliche Art zu lösen. Schon das Gefühl des Verstandenwerdens wandelt Abneigung gegen das keimende Leben in Zuneigung bis zur echten Mutterliebe, so daß die beabsichtigte Schwangerschaftsunterbrechung nicht ausgeführt und das kindliche Leben gerettet wird. Wenn aber in unserem ganzen Lande der Mutterschutz in erfolgreicher Weise

durchgeführt werden soll, dann müssen solche Beratungsstellen noch wesentlich vermehrt und über das ganze Gebiet verteilt werden.

Wer nicht Gelegenheit hat, mit solchen Menschen in nähere Berührung zu kommen, hat keine Ahnung, wie viele junge Mütter und solche, die es werden wollen, schwere seelische Kämpfe ganz allein durchkämpfen müssen, nur weil sie nicht richtig aufgeklärt worden sind und weil sie nicht wissen, wo sie in ihrer großen seelischen Not sich Rat holen können. Nur Vereinzelte finden den Mut, sich ihrem Arzte anzuvertrauen. Bei ihm wäre auch der Ort, wo die Frage einer zweckmäßigen Geburtenregelung besprochen werden kann. Die Gesundheit und die Erhaltung der Leistungsfähigkeit der jungen Mutter verlangt dringend eine vernünftige Geburtenregelung. Heute gibt es Mittel und Wege, ich erwähne nur die Knaus-Oginosche Theorie, die die Möglichkeit einer erfolgreichen Geburtenregelung mit relativ großer Sicherheit gewährleisten. Sie verlangen allerdings eine gewisse Selbstbeherrschung, die bei der Frau im allgemeinen in weit größerem Maße vorhanden ist als bei dem recht häufig weniger beherrschten Manne. Wenn es nur von der Frau abhängen würde, wäre in der Großzahl der Fälle das Problem der Geburtenregelung sehr leicht zu lösen. Eine zweckmäßige, erfolgreiche Geburtenregelung beeinflußt aber in hohem Maße auch die Frage des kriminellen Abortes.

Als Ideallösung, wie ich sie bereits vor vielen Jahren einmal für unseren Kanton vertreten habe, würde mir vorschweben, daß die paar größten Ortschaften eines Kantons, sagen wir einmal die Bezirkshauptorte, eine kleinere Gebäranstalt besitzen, die von einem tüchtigen Facharzt für Geburtshilfe und Gynäkologie geleitet wird. An verschiedenen Orten wäre es möglich, daß eine solche Abteilung dem bereits bestehenden Bezirksspital angegliedert werden könnte. Dieser Fachabteilung müßte ein von einem tüchtigen Pädiater geleitetes Säuglingsheim angeschlossen sein. Manche Frühgeburt und manch erkrankter Säugling könnte auf diese Weise am Leben erhalten werden. Würde das Ganze noch mit einem Mütter- und Säuglingsheim verbunden,

dann würde ein sicher lebensfähiges Gebilde sich entwickeln, ohne daß das eine allzu große finanzielle Belastung des Staates zur Folge hätte.

Ich bin mir wohl bewußt, daß eine solche Lösung erst in weiterer Zukunft der Erfüllung entgegengeht. Zu der Verwirklichung müssen neben dem Staat vor allem auch private Initiative und Mittel das Ihrige beitragen. Wenn ich aber durch meine Ausführungen den Gedanken des Mutterschutzes habe etwas erwecken können und wenn es mir vor allem gelungen ist, zu zeigen, welche großen Opfer jede Mutter für die Allgemeinheit leistet, dann glaube ich den gewollten Zweck erfüllt zu haben. Die Achtung vor der werdenden Mutter muß wieder hergestellt und die Heiligkeit der Mutterschaft neu anerkannt werden. Ich schließe mit den Worten von Ricarda Huch:

Alles was schön ist, alles was heilig,
Nennet das Wort dir: eine Mutter!
Alles was Liebe, alles was Güte,
Das ist ein Hort mir: meine Mutter!
Laß dir dies Trost sein, alles dein Leiden
Nimmt sie hinfort dir: deine Mutter!
Alles was Leid heißt, trostlos Entbehren,
Klingt in dem Wort dir: keine Mutter!