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Rektorats Reden © Prof. Schwinges

Über christliche Geschichtsdeutung

Rektoratsrede

von
Prof. Dr. Kurt Guggisberg
VERLAG PAUL HAUPT BERN 1955

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1955 by Paul Haupt, Berne
Printed in Switzerland
Druck: Paul Haupt, Bern

Über christliche Geschichtsdeutung

Rektoratsrede von Prof. Dr. K. GUGGISBERG

In Zeiten geistiger und materieller Krisen, in denen die Weltereignisse rücksichtslos über Einzelne und ganze Völker hinwegstürmen, stellt der denkende Mensch die Frage nach dem Sinn des Geschehens mit besonderer Dringlichkeit. Sie zu beantworten ist ebenso schwierig wie notwendig. Schwierig, weil im Leben so vieles rätselhaft bleibt, notwendig, weil wir uns immer wieder nach sicheren Richtlinien für unsere Lebensführung sehnen. Die Menschen halten stets nach besseren Zeiten Ausschau; die einen erwarten sie von der Zukunft, die andern projizieren sie in die Vergangenheit zurück. Verheißungsvolle Zukunftsbilder vermögen unsere Energien anzuspornen, und das romantische, sich einer verklärten Vergangenheit zuwendende Geschichtsgefühl, das zu einem großen Teil unsere blühenden lokalen historischen Gesellschaften trägt, bringt dem Menschen seine Wurzelhaftigkeit zum Bewusstsein und kann für ihn zum Kraftspender werden. Hoffnung und Rückschau haben sich jedoch schon oft als schimmernde Illusion erwiesen; und nicht nur, weil Ideal und Wirklichkeit nie völlig miteinander übereinstimmen, sondern auch weil der Antagonismus zwischen historischem Wissen und der Anwendung dieses Wissens immer neu augenscheinlich hervortritt, verfallen viele der Skepsis und Resignation, so daß sie von der Vergangenheit kaum mehr Notiz zu nehmen pflegen.

Sie scheint ja keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Geschehens geben zu können. Diese jedoch bleibt bestehen und lässt sich nicht auf die Seite schieben. Wie wäre sonst zu verstehen, daß jedes neue weltanschauliche System und jede religiöse Bewegung eine eigene Sinndeutung der Geschichte versuchen?!

Die christliche in der Vergangenheit und in ihrer heutigen Lage zu erfassen, soll der Gegenstand der folgenden Ausführungen sein.

I

Erst das Geschichtsstudium öffnet den richtigen Zugang zum Wesen und Sinn der Geschichte. Aber es verlangt einen derartigen Einsatz der Kräfte, daß der Historiker kaum noch die Zeit findet, zu geschichtsphilosophischen oder -theologischen Bemühungen zu gelangen. Er hat ja immer tiefer in die Schächte der Wirklichkeit einzudringen, ein immer umfangreicher werdendes, ja längst unübersehbar gewordenes Quellenmaterial zu verarbeiten und immer feinere und differenziertere Methoden auszubilden. Der Kirchenhistoriker beispielsweise sollte stets von neuem den Kontakt mit der politischen, sozialen und ökonomischen Geschichtsbetrachtung suchen, vertraut sein mit der Literatur-, Kunst- und Philosophiegeschichte und mit psychologischen und soziologischen Kenntnissen an seinen Stoff herantreten. Mit intuitiver Schau muß der Forscher in die irrationalen Tiefen vergangener Persönlichkeiten hinabsteigen, er muss Sinn haben für das unendlich verwickelte Gewebe der Geschichte, für das Einmalige und Unwiederholbare, um es lebendig nachschaffen und wenn möglich mit künstlerischer Darstellungskraft gestalten zu können. Begreiflich, daß verantwortungsbewußte Historiker

heute eine zusammenfassende Synthese und Gesamtdarstellung kaum mehr, oder nur mit grössten Bedenken wagen, weil diese zu leicht den Stempel des Dilettantischen tragen und den wissenschaftlichen Tiefgang vermissen lassen. Wirklich selbständige Forschung ist nur noch auf einem kleinen Gebiete möglich. Eine Epoche oder auch nur eine einzige Persönlichkeit der Vergangenheit gründlich kennen zu lernen, erfordert bei der zerfließenden Überfülle historischer Mannigfaltigkeit Jahre, oft Jahrzehnte angestrengter Arbeit, sofern man sie nicht bloss mit leichtgeschürztem Gewand drapieren will. Darum gibt es heute auch viel kenntnisreiches Spezialistentum ohne Teilnahme an den letzten Fragen der Geschichte, die ja immer größer bleibt als jeder, der sie zu ergründen sucht. Wohl dem, der die Spannung zwischen Spezialistentum und Universalbildung empfindet und fruchtbar werden läßt!

Aber wir kommen um diese Fragen nicht herum. Die historische Wissenschaft bemüht sich ja nicht bloss um archivalische Anhäufung, Erweiterung und Wiederauffrischung des Wissensstoffes, sondern auch darum, die äußere Vielheit zu einer innern Einheit zusammenzuschließen. Zu ihrer Aufgabe gehört nicht nur die Beschreibung, «wie es eigentlich gewesen», sondern ebenso die Erklärung und Deutung der Zusammenhänge und das Aufweisen der Leitideen und Motive. Längst suchen auch die Kirchenhistoriker über die bloße Tatsachenforschung hinweg das hinter den Erscheinungen Wirkende zu erfassen und in den lehrhaft theologischen und dogmatischen Formulierungen die Grundkräfte aufzuspüren, wie z. B. der Schwede Andreas Nygren der Gestaltwerdung des christlichen Liebesgedankens im Laufe der Zeiten nachgeht 1. Man fordert dringlicher als früher, einmal statt der Lehre das wirklich gelebte Leben, die Lebenspraxis zu beschreiben 2, man sucht die Kirchengeschichte als Geschichte der Bibelauslegung zu fassen 3, oder wünscht zur so

dringlichen Überwindung des polemischen Konfessionalismus eine ökumenische Kirchengeschichte 4 und anderes mehr. Wo die Forschung über das äußere Tatsachengerüst zu den Leitideen oder Motiven vordringt und wo Deutung und Wertung versucht werden, da stellt sich auch die Frage nach dem letzten Sinne des Geschehens, da geht die Historie in die Geschichtsphilosophie oder -theologie über.

Überall wirkt hier die persönliche Einstellung mit hinein. Jeder Historiker ist, mehr oder weniger bewußt, von weltanschaulichen Voraussetzungen bestimmt. Bei der Geschichtsbetrachtung steckt im Objektiven stets auch ein subjektives Moment, weshalb ihre Methode auch nie die Exaktheit der Naturwissenschaften erreichen kann und darf. Kein Mensch kann sich von der geschichtlichen Wirklichkeit loslösen und sich ihr gegenüberstellen, um sie selbstherrlich zu meistern. Ein historisches Wissen, das nicht von persönlichem Geistes- und Seelenleben durchblutet ist, ist tot und wertlos. Der Historiker darf jedoch seinen Standort und seine Urteile nicht verabsolutieren, sondern er muß wissen, wo die zwar stets zu erstrebende, aber nie völlig zu erreichende objektive Betrachtung aufhört und die subjektiv mitbestimmte Deutung und Wertung beginnt 5. Die Weltanschauung hat sich an der Wirklichkeit zu orientieren und nicht die Tatsachen nach ihren Bedürfnissen zu modeln. Der Faltenwurf Klios richtet sich nach keinem ein für allemal geformten Modell. Deshalb muss jeder die mitgebrachten Voraussetzungen stets ernsthaft überprüfen und sich vor willkürlichen Konstruktionen hüten.

Sinndeutungen der Vergangenheit, die sich mit den Tatsachen nicht vereinbaren lassen, haben wir ebenso strikt abzulehnen, wie Prognosen der Zukunft, welche die Unendlichkeit des Möglichen einschränken oder gar mißachten. Heute, wo man in der Theologie wieder in vermehrtem Maße nach einer transzendenten

Zweckbestimmung der Geschichte ruft, ist das ganz besonders deutlich zu betonen. Die gegenwärtigen Forderungen einer gläubigen oder theologischen Schau der Kirchengeschichte geben freilich noch keine Klarheit darüber, wie eine solche im einzelnen durchzuführen wäre, und frühere Versuche vermögen auch nicht recht zu überzeugen. Neander zum Beispiel hat in seiner Geschichte der christlichen Religion und Kirche bewußt am transzendenten Faktor festgehalten; aber es ist ihm nicht gelungen, ihn der Sphäre bloss erbaulicher Arabesken zu entheben und zu historischer Anschaulichkeit zu bringen. Neben der allgemein anerkannten historisch-kritischen Methode mit ihrem überall in der Wissenschaft gültigen Erkenntniswert kann es keine spezifisch pneumatische geben, welche allgemeine Beweiskraft besässe. Das Christentum ist eine in der Geschichte entstandene Religion und deshalb auch Gegenstand der historischen Kritik, der sich auch eine eigens konstruierte Heilsgeschichte nicht entziehen kann. Die übernatürlichen Dinge vermag kein Historiker zu beschreiben, höchstens die Beziehungen zum Transzendenten und Irrationalen Aber er hüte sich, diese in ein rational konzipiertes System einzufangen oder gar zwischen den göttlichen und den menschlichen Faktoren scheiden zu wollen. Die Weltgeschichte als das Weltgericht aufzuzeigen oder Gottes Urteil über das Geschehen der Vergangenheit kundzutun, ist nicht seine Sache. Das Metahistorische entzieht sich wissenschaftlicher Erkenntnis 6. Vor ihm haben wir stehen zu bleiben in der ehrfürchtigen Haltung der docta ignorantia. Wie eine geistlose Empirie, so ist auch eine haltlose und tatsachenfremde Spekulation zu verwerfen. Jeder Versuch, im ganzen Geschichtsablauf einen letzten und umfassenden Sinn festzustellen, zerbricht an der Wirklichkeit. Das heisst nun aber nicht, daß sich die christliche Geschichtsdeutung nicht an einer Norm orientieren dürfte. Für uns besteht diese in der durch den Gottesglauben

begründeten Humanitätsidee. Wir müssen es jedoch vermeiden, die Geschichte zur Magd, sei es der Dogmatik, oder der Philosophie zu erniedrigen.

Greifen wir zur Veranschaulichung dessen, was gemeint ist, die beiden bedeutendsten und in ihrer Geschlossenheit jeden faszinierenden christlichen Geschichtsdeutungen heraus: die Augustins und die Hegels, oder vereinfachend ausgedrückt, eine pessimistische und eine optimistische, eine theologische und eine philosophische.

II

Wir ziehen Augustin nicht etwa deshalb heran, weil auch er in diesem Jahre Objekt von Jubiläumsfeiern geworden ist, sondern weil sein Werk «De civitate Dei» die gewaltigste Darstellung des traditionellen christlichen Geschichtsschemas und zugleich die erste universale Geschichtsdeutung des Abendlandes ist. Es ist nicht von ungefähr, daß sich der internationale Augustinerkongreß, der im September dieses Jahres in Paris tagte, ganz besonders auch seiner Theologie der Geschichte zugewandt hat.

Für Augustin ist die Geschichte als Ganzes nur sinnvoll durch ihre absolute Bezogenheit auf Anfang und Ende der Welt und auf den beide bestimmenden Mittelpunkt, Jesus Christus. Sie bildet einen einmaligen und unwiederholbaren Prozess, der in einem überzeitlichen Offenbarungsgeschehen verankert ist und Himmel und Erde umspannt. Der Gang Gottes ist sichtbar in der Schöpfung und Vertreibung aus dem Paradies, in der Kundgabe seines Willens durch die Weissagungen der Propheten, in der Erlösung durch die Menschwerdung und den Tod des Gottessohnes, in seinem zu erwartenden Wiedererscheinen, im Ende der Welt und Anfang des Gottesreiches. Gott ist der Urheber

dieser ganzen übernatürlichen Heilsveranstaltung; das Menschlich-Weltliche ist nur Mittel und Objekt seines Willens. Die Geschichte ist ein ständiger Kampf zwischen Glaube und Unglaube, zwischen dem Reiche des Guten und dem Reiche des Bösen, zwischen Geist und Fleisch, Gnade und Sünde. Dieser von Gott geordnete Gegensatz, der zugleich zeitlich und überzeitlich ist, soll den eigentlichen Gehalt des diesseitigen Geschehens kenntlich machen. Was wir Geschichte zu nennen pflegen, erscheint nur als irdisches Mittelstück, das, am Ganzen gemessen, bloss ein kleines Zwischenspiel darstellt. Es ist klar, daß eine derartige dogmatische Deutung und lapidare Vereinfachung dem historischen Reichtum nicht gerecht zu werden vermag, um so weniger noch, als Augustins Dualismus von Zeit und Ewigkeit es erschwert, Gottes Schöpfung in der Zeit als ein Handeln des zeitlosen Gottes zu erkennen. Das Diesseits bleibt im Grunde doch minderwertig, wenn in ihm auch relative Güter vorhanden sind; jedenfalls verliert es seinen Eigenwert. Das Dynamische der Geschichte, das ihr den eigentlichen Rhythmus verleiht, ist das Evangelium, also eine aus dem Jenseits kommende Botschaft. «Die ausgesprochene Jenseitsstimmung vollendet die pessimistische Weltbetrachtung» 7.

Der ganze Geschichtsplan Augustins soll der Rechtfertigung der göttlichen Vorsehung dienen, im besonderen der Abweisung des Vorwurfs, das Christentum habe den Niedergang des römischen Imperiums und die Einnahme Roms durch Alarich verschuldet. Leitender Gesichtspunkt ist also nicht die historische Erkenntnis, sondern die Kräftigung des Glaubens und die Demütigung des Unglaubens, wozu die Geschichte das Beweismaterial liefern muß. In ihr kommt es nicht auf die vergängliche Größe irdischer Reiche an, sondern auf das Endschicksal, auf die Erlösung oder Verdammung in der endzeitlichen Zukunft. Alles hat für Augustin nur Wert und Sinn als Beziehung auf den jenseits

der geschichtlichen Welt liegenden Triumph des Gottesstaates über den sündigen Menschen.

Bis zu Bossuets 1681 erschienenem «Discours sur l'histoire universelle» ist dieses reichgegliederte und bewegte Drama in den einzelnen Akten zwar mannigfach abgewandelt, in den Grundzügen aber stets gleichbleibend dargestellt worden und unwidersprochen geblieben. Unzähligen hat die traditionelle christliche Geschichtsdeutung Halt und Kraft gegeben, Unzählige sind von der Sehnsucht nach der zukünftigen Vollendung über das Dunkel ihres Lebens hinausgehoben worden. Begreiflich, dass Hubert Jedin 1953 in seiner Vorlesung am Mainzer Dies Academicus von einer Erneuerung des heilsgeschichtlichen Gesichtspunktes in der Kirchengeschichtsschreibung sprechen konnte 8. Der Vorzug dieser Konstruktion liegt für viele darin, dass sie die Geschichte als vitale Macht erfaßt, sowohl mit dem Bösen als auch mit dem Guten rechnet, also mit den tatsächlichen Verhältnissen, und dazu eine auf Offenbarung gegründete Lösung des Sinnrätsels der Geschichte darbietet.

Aber das Schema zerbricht an der Wirklichkeit des historischen Ablaufs. Die tatsächliche Geschichte verläuft anders als die dogmatische. Manche vermögen zwar unsere sturmgepeitschte Zeit nur in apokalyptischen Bildern wiederzuerkennen, wie Dichtung und Malerei sie uns da und dort eindrücklich vor Augen stellen, — aber wissenschaftliche Beweiskraft haben derartige Bilder nicht. Es kann wohl eine dogmatische Theorie über eine Unheils- und Heilsgeschichte mit einem endzeitlichen Abschluß konstruiert werden, — mit historisch-kritischer Geschichtsbetrachtung hat das nichts zu tun. Die Ergebnisse der geologischen und paläontologischen Forschung, die wissenschaftliche Kosmologie und Anthropologie widersprechen dem biblischen Schöpfungsbericht, und die urchristliche Naherwartung des Weltendes können wir nur als zeitgeschichtlich bedingte Auffassung

des Neuen Testamentes verstehen. Die endzeitliche Geschichtskonstruktion ist auch nicht durch den Hinweis zu retten, sie sei seltsam beständig gewesen und habe sich unabhängig von der rationalen Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit eschatologischer Ereignisse erhalten 9. Wir können die Wandlung des Weltbildes nicht rückgängig machen. Die biblische Vorstellungswelt hat allerdings für uns immer neu eine gewaltige symbolhafte, psychologische, ästhetische und religiöse Bedeutung, nicht aber eine historische. Für die christliche Geschichtsdeutung darf jedoch die Trennung des Geschichtlichen vom mythologischen Überbau, die übrigens ein in der protestantischen Theologie heute leidenschaftlich diskutiertes Problem darstellt, nicht etwa Verzicht auf die transzendente Dimension oder gar Verdünnung des religiösen Gehalts zur Folge haben.

Daß Urzeit und Endzeit für den Historiker nicht faßbar sind, heisst keineswegs, er dürfe als Geschichtsdeuter eine Sinnhaftigkeit des historischen Geschehens überhaupt nicht für möglich halten. In jeder Epoche, in jedem Individuum kann jederzeit eine Kraft aufbrechen, die über sich emporstrebt in eine höhere Welt. Aufschluss über ihre letzten Ziele erhalten wir aber nicht. Für Augustin ist die Vergangenheit nichts als eine Vorbereitung auf die Zukunft, in deren Erfüllung ihr letzter Sinn liegt. Das historische Bewusstsein des Abendlandes ist bis zu Karl Marx durch dieses endzeitliche Motiv bestimmt worden, wobei dieser es allerdings inhaltlich völlig umgewandelt hat 10. Alle Fortschritts- und Verfallstheorien von Voltaire und Rousseau bis zu Léon Brunschvicg und Sorel sind noch irgendwie Ausläufer der traditionellen christlichen Geschichtsauffassung, selbst wenn sie sich von ihr distanzieren, und alle neuem Versuche, die Geschichte als ein sinnvolles Fortschreiten darzustellen, gründen irgendwie im heilsgeschichtlichen Schema einer letzten Zielgerichtetheit.

Veranschaulichen wir diese Feststellung an Hegels Geschichtsbild.

III

Hegel stellt das historische Geschehen als einen Prozess höchster Sinnhaftigkeit, als stufenweise Selbstrealisation und Kundmachung des absoluten Geistes dar. In seiner zugleich philosophischen und christlichen Welt- und Geschichtsbetrachtung feiert der Glaube an die Macht des Geistes und der Vernunft und an eine tiefste, dem Menschen Frieden und Klarheit verheißende Sinnhaftigkeit des weltgeschichtlichen Prozeßes einen seiner grössten Triumphe. Es gelingt dem Philosophen, das verwirrende Schauspiel von scheinbar einander widersprechenden Gedanken und Handlungen in ein zweckbestimmtes Heilsgeschehen von unerhörter Fülle und Geschlossenheit zu verwandeln. Dabei deutet er die Entwicklungsidee um: nicht die Menschen und die Menschheit entwickeln sich, sondern der Weltgeist wirkt sich nach allen Seiten aus. Aus Augustins religiösem Vorsehungsglauben wird der Gedanke der Notwendigkeit des Begriffs, welcher dialektisch die Geschichte regiert. Auch Hegel anerkennt zwar die Wahrheit des christlichen Vorsehungsglaubens und lehnt die Klagen über den dunkeln und unerforschlichen Gang des Schicksals ab, vermag ihn aber doch nicht konkret auf alle Einzelheiten des Geschichtsablaufs anzuwenden.

Es ist unberechtigt, Hegel — wie es schon geschehen ist — kurzerhand oberflächlichen Optimismus vorzuwerfen. Für das Dunkle, Niederdrückende und für den zerstörerischen Willen des Menschen hat er durchaus ein scharfes Auge. Ist die Geschichte jedoch das Produkt der ewigen göttlichen Vernunft, so muß das Negative in ihr als untergeordnete Grösse zurücktreten.

Immer neu und eindrücklich führt Hegel dem Leser vor Augen, wie Böses, Abstoßendes und Verruchtes in ein Anderes, Höheres umschlägt und sich so als notwendiges Moment im Aufstieg des Geistes ausweist. Der jeweilige Untergang ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem Aufblühen eines Neuen. Es ist die «List der Vernunft», die Geschöpfe glauben zu lassen, sie arbeiteten für ihr eigenes Wohl, während sie doch dem allgemeinen Endzweck dienen. Sie wirkt in und hinter ihren Geschäftsführern, hinter den Interessen, Leidenschaften und Bestrebungen der Menschen, um alles zum Besten zu führen und die Individuen, ob sie wollen oder nicht, in den Strom des historischen Gesamtprozesses hineinzureißen. Auf diesem sonderbaren Wege gelangt Hegel nicht nur zur Rechtfertigung der Geschichte, sondern auch zur Rechtfertigung Gottes, ihres Leiters und Bewirkers. Er hält sich für einen christlichen Geschichtsphilosophen, für den sich alles um Christus bewegt 11.

Auch Hegels an sich faszinierende und denkwürdige Auffassung ist nicht mehr zu halten. Denn seine Sinngebung der Geschichte beruht auf der unbewiesenen und unbeweisbaren Voraussetzung, alles Wirkliche sei Ausdruck der Vernunft und deshalb gut. In der Weltgeschichte geht es nun einmal nicht immer vernünftig zu, und es ist mehr als fraglich, ob die Wirklichkeit dem Gesetz der Hegelschen Dialektik folgt. Seine Deutung bringt zwar eine befriedigende logische Lösung und vermag große historische Stoffmassen heranzuziehen, geistig zu durchdringen und nachhaltig ins Licht seiner spekulativen Gedanken zu rücken 12, weshalb er auch die Geschichtsforschung mannigfach befruchten konnte, aber der Vollklang der Geschichte fehlt. Er schiebt allzu souverän vom menschlichen Erdentreiben beiseite, was nicht in seine Konstruktion hineinpasst. Nur indem er die Geschichte der abendländischen Kultur an den Endpunkt, die der orientalischen an den Anfang setzt, kann er den Plan des

Weltgeistes an ihr exemplifizieren. Seine Behauptung, Europa sei schlechthin das Ende der Geschichte, erscheint uns heute wie ein Märchen aus alten Zeiten, und seine Auffassung, mit seiner Philosophie habe die Geschichte ihre Vollendung erreicht, will uns wie Hybris des Intellekts vorkommen. Nur eine der Wirklichkeit gegenüber unkritische Haltung vermöchte auf empirischer Grundlage noch eine wirkliche Universalgeschichte, eine historia mundi, darzustellen. Ernst Tröltsch hat nicht von ungefähr bewußt auf eine Menschheitsgeschichte verzichtet 13. Nur ein universaler, der Geschichte selbst nicht verhafteter Geist vermöchte den Sinn des Universums zu begreifen.

Das historische Erkennen ist viel eher Anschauung als begriffliche Konstruktion Anschauung mit dem undefinierbaren Reiz des Konkreten, Einmaligen und Unberechenbaren. Die Dinge vollziehen sich nicht immer logisch, gesetzmäßig und mit immanenter Notwendigkeit. In Hegels Geschichtsbild fehlt uns zu sehr das Überraschende und Unerklärbare aller persönlichen schöpferischen Unmittelbarkeit, und so werden wesentliche treibende Kräfte des Lebens verkannt. Die Geschichte bleibt für ihn eben trotz seinem Wirklichkeitssinn bloss Hülle und Abbild des objektiven ewigen Geistes, der hinter ihr steht. Sie kann jedoch nicht einfach als Manifestation einer Idee, als die zeitliche Verkörperung ewiger Wahrheit erfaßt werden. In ihr sind uns nur bestimmte Individuen gegeben, und die Bedeutung des Individuellen für das historische Geschehen darf nicht gering eingeschätzt werden 14 Der Rückschluß auf eine überindividuelle, transzendente Wesenheit, deren Ausdruck die Menschen wären, übersteigt die wissenschaftliche Erfahrung und Darstellungsmöglichkeit. Er steht allerdings dem Geschichtsphilosophen offen, darf dann aber nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen. Schließlich ist auch keine Epoche bloss um der vorhergehenden willen da 15. Jede Generation ist gleichberechtigt und dazu berufen,

sowohl dem Ganzen zu dienen als auch sich selbst nach ihren eigenen Gesetzen zu vollenden. Sie hat ihren besonderen Wert und Gehalt in sich selbst. Es ist Illusion zu glauben, die Geschichte sei eine fortschreitende harmonische und kontinuierliche Entwicklung zu einem uns bekannten Ziel, und das Böse und Leidvolle werde durch sie allmählich aufgehoben. Hegels Rechtfertigung Gottes nimmt das Böse doch nicht ernst genug. Es gibt absolut zerstörerische Mächte, und nicht aus allen Ruinen wächst neues Leben. Das Böse lässt sich nicht so leicht mit der Vernunft begreiflich machen und versöhnen. Die Behauptung einer einheitlichen Entwicklung zu einem bekannten Endziel hin ist für uns in weite Fernen gerückt.

Hegels Konstruktion hat ebenso stark gewirkt wie diejenige Augustins. Ideen können ja die Motive für das Handeln ganzer Generationen bilden. Fascismus, Nationalsozialismus und Kommunismus betrachten ihn in gleicher Weise als einen ihrer geistigen Wegbereiter. Seine Geschichtsdeutung erhält sich in den Grundintentionen auch deshalb so zäh, weil in uns allen die geheime oder bewusste Erwartung lebendig ist, es müsse in der Geschichte nicht nur vernünftig zugehen, sondern sie müsse auch die Geltung des Guten erweisen. Und nur zu leicht ergibt sich von da her die uns allen geläufige pragmatistische Neigung, das als gut zu bezeichnen, was sich durchsetzt und äussern Erfolg hat. Zudem haben wir nun einmal das Bestreben, den Schleier, der die letzten Dinge verhüllt, zu heben, und das Bedürfnis, den endlosen Strom geschichtlichen Lebens durch feste Normen zu begrenzen und gestalten. Aber der Weg zu einer allgemein gültigen spekulativen Deutung des gesamten Geschichtsablaufs bleibt uns versperrt.

IV

Die Unmöglichkeit einer eschatologisch-chiliastischen oder spekulativen Geschichtskonstruktion ist seit Hegel immer wieder von einzelnen empfunden und aufgezeigt worden. Solche Konstruktionen haben ihre geistig verpflichtende Kraft eingebüßt. Nicht wenige haben daraus die Konsequenz gezogen, auf eine Sinndeutung des historischen Geschehens überhaupt zu verzichten und Halt und Orientierung nur noch an den allernächsten Forderungen und Werten der jeweiligen Gegenwart zu suchen.

Gegen den Versuch einer umfassenden, optimistischen und allzu sicheren Geschichtsdeutung haben sich die mannigfachsten Einwände erhoben. Weisen wir nur auf ganz Weniges hin! Goethe schrieb am 9. März 1802 an Schiller: «Geschichte ist ein Gewebe von Unsinn für den höheren Denker», und allbekannt ist sein wegwerfendes, zwar übertriebenes, aber doch ein Körnlein Wahrheit enthaltendes Wort, die Geschichte der Kirche sei nichts als ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt. Freilich wissen wir seit Gottfried Arnold, daß die Geschichte der christlichen Frömmigkeit größer und reiner ist als die der kirchlichen und dogmatischen Kämpfe. Kierkegaard nennt den Historicophilosophus einen rückwärts gewandten Propheten, der ebenso vielen Unsicherheiten gegenüberstehe, wie der in die Zukunft blickende 16. Schopenhauer betrachtet die Weltgeschichte als bloss zufällige Konfiguration, ohne jede metaphysische Bedeutung, als sinnloses Hin und Her von Kriegen und Regierungen, als langen, schweren und verworrenen Traum der Menschheit, und die Historie ist für ihn keine Wissenschaft 17. Die Wirklichkeit stemple den Optimismus zu einer ruchlosen Denkart. Der ihm stimmungsgemäß nahestehende, wenn auch in der Wertschätzung der Geschichte ganz anders eingestellte Jacob Burckhardt verwirft alle theologischen, philosophischen und sozialistischen

Gesamtdeutungen der Geschichte und reduziert diese auf den Begriff der Kontinuität, ohne Anfang, Fortschritt und Ende. Ihre Vernünftigkeit sei unserem Erkennen unfaßbar. Zugänglich sei allein der duldende, strebende und handelnde Mensch, «wie er ist und immer war und sein wird» 18. Wenn überhaupt irgend etwas, dann sei aus dem Studium der Vergangenheit die nüchterne Erkenntnis unserer wirklichen Lage zu lernen: Kampf und Leiden, kurzer Ruhm und langes Elend, Kriege und zwischendurch Perioden des Friedens, die aber neuen Krieg in sich bergen. Dieser Realismus ist uns heute sicher vertrauter als etwa die an Enthusiasmus grenzende Prophezeiung Comtes, in Zukunft seien die großen Kriege zweifellos vorüber, da der militärische Geist sich mit dem wissenschaftlichen nicht vertrage und zur unvermeidlichen Ausrottung verurteilt sei 19.

Burckhardt und Nietzsche, Dostojewski und Tolstoi und vor ihnen schon Baudelaire und Flaubert haben gegen den naiven Fortschrittsglauben ihrer Zeit den Zerfall der westlichen Kultur prophezeit. Und extreme Geister werfen die Lehre vom Sinn der Geschichte «in das Museum der Irrtümer des menschlichen Geistes» 20 oder bewerten die Vergangenheit als «Narrentrauerspiel», «Schicksalslotterie», als sinnloses Chaos, die Geschichtsschreibung als «Sinngebung des Sinnlosen» 21. Theodor Lessing behauptet, historische Ereignisse und Personen fänden in jeder Zeit einen neuen Widerhall und wahr, d. h. relativ wahr sei nur die jeweils herrschende Auffassung. Die Geschichte erfülle keine andere Aufgabe, als lebensnotwendige Illusionen zu schaffen, und es sei ein frommer Wahn, zu meinen, sie spiegle Vernunft und Sinn, Fortschritt und göttliche Fügung wider. Schließlich enthüllen die negativen Utopien der Gegenwart mit ihrer Ausmalung eines zukünftigen Schreckensbildes als Abschluß der Geschichte etwas von der Angst vieler Menschen, welche die Zukunft nur als drohende Katastrophe sehen können.

In diesen apokalyptischen Bildern und in den Urteilen eines Theodor Lessing und anderer kommt. etwas vom Protest gegen die optimistische Verharmlosung der Sinnfrage und gegen einen allzu naiven Fortschrittsglauben zum Ausdruck. Angesichts der Unberechenbarkeit historischer Prozesse gibt es für viele nur noch Skepsis und Resignation. Die Geschichte scheint statt von Vernunft und Vorsehung von Willkür und Zerfall geleitet zu sein. Sie ist für manche nur ein unaufhörlicher Kampf des Werdenden gegen das Gewordene, der Gesellschaft gegen die Persönlichkeit, sie ist für viele nichts als Entartung, Verkümmerung und Zerstörung, ein Hungernlassen des Schöpferischen und Sättigung der klugen Mittelmäßigkeit, ein bitteres «Zu früh» und ein erbarmungsloses «Zu spät», voll verpaßter Gelegenheiten, voll Stillstand und Rückschritt, Trägheit und Zerfall, undenkbar ohne Egoismus, Geltungstrieb und Konkurrenzkampf 22. Sie entlädt sich in stets neuen Katastrophen, die Wohlfahrt und Glück zerschlagen, und für jede Niedertracht scheint die Geschichtschreibung ein edles Motiv zur Verfügung zu haben, um sie zu verbrämen.

Doch das ist höchst einseitig geurteilt! Durch beharrliches, beklommenes und tatenloses Starren auf das Chaos erzeugt man nichts als Bewährungsfurcht und Angstneurosen, welche jeden schöpferischen Gestaltungsdrang und jede Widerstandskraft lähmen. Gegen die Weltuntergangspsychosen und das Katastrophenbewußtsein bildet die Geschichtsphilosophie des Fortschritts, die noch heute bei Unzähligen eine der stärksten ins Praktische hineinwirkenden Triebkräfte darstellt, ein notwendiges Gegengewicht. Glaubend einer plänereichen Zukunft entgegenzustreben ist das Vorrecht für Menschen und Völker von jugendlicher Frische und Kraft. Wer dürfte behaupten, solche seien im Abendland nicht mehr vorhanden und dieses besitze kein Anrecht auf die Zukunft mehr? Es habe seine Möglichkeiten

schon ausgeschöpft? Fortschritt gibt es zweifellos im wachsenden Erwerb, in der Zunahme des Wissens, in der Weiterausgestaltung der Technik und Zivilisation, wenn auch selbst in diesen Bereichen nicht lückenlos und nicht ohne Gefahr der Rückschläge. Er ist sogar auf dem Gebiete des Sittlichen zu erkennen, etwa im wachsenden sozialen Empfinden, und im Religiösen, zum Beispiel in der ökumenischen Bewegung. Aber leider sind die ethischen und religiösen Kräfte heute viel zu schwach, und zudem bleibt sich das Wesen des Menschen offenbar immer gleich. Die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und ethischem Stillstand ist es, was uns allen zu denken geben muß.

V

Weder eine rein optimistische noch eine rein pessimistische Auffassung vom Geschichtsablauf entsprechen der Wirklichkeit. Zusammengenommen aber sind beide der Ausdruck der tatsächlich bestehenden Sinnzweideutigkeit, ja -zwiespältigkeit des Lebens, und es gehört zur Aufgabe der Geschichtsdarstellung, dieses Sinnrätsel akut werden zu lassen. In der Geschichte ist Polarität zwischen Wahrheit und Irrtum, Güte und Bosheit, Gerechtigkeit und Gewalttat, Notwendigkeit und Freiheit, Genialität und Dummheit, Besessenheit und Begnadung. Sie ist Sterben, aber auch Leben, Zerstörung, aber auch Aufbau. Im Zerfall liegt oft schon das Kommende verborgen, im Untergang der Neubeginn. Der Rhythmus der Geschichte stammt, wie Augustin richtig betont hat, aus dem dramatischen Widerstreit von Glaube und Unglaube, Gut und Böse, in den wir alle hineingezogen sind 23. Sinnhaftes und Sinnwidriges sind in ihm unlöslich ineinander geschlungen, und diese Spannung ist es, die zu allen

Zeiten geistiges Leben fruchtbar gemacht hat 24, also positiv zu werten ist. Zu Gott und zur Erkenntnis unserer Bestimmung können wir nicht anders als durch Leiden und Erlösung kommen.

Was die Zwiespältigkeit für Gott bedeutet, wissen wir nicht, und keine Wunschträume und Vernunftspostulate vermögen es uns zu sagen. Ein Sinngehalt des Ganzen ist zwar durchaus denkbar, aber er bleibt uns verborgen, und aus Mißtrauen gegenüber Mythologie und Spekulation wagen wir nicht mehr, ihn zu konstruieren. Können wir zwar nicht über eine Sinntotalität verfügen, so gibt es für uns doch Sinnfragmente. In einem Meere voll Leiden und in einem Chaos von Sünde leuchtet doch auch immer wieder Sinn auf, zum Beispiel in Propheten und Aposteln, Erziehern und Gesetzgebern, Denkern und Künstlern, Liebenden und Segnenden. Sie alle zeugen vom sehnsüchtig suchenden Willen nach Sinnerfüllung des Lebens. Keinem geschichtlichen Gebilde gegenüber gibt es jedoch ein abschließendes Urteil. Echte Wissenschaft bleibt ja grundsätzlich allseitig offen. Hinter jedem gelösten Problem tauchen neue auf, hinter jeder schöpferischen Tat drängen weitere Aufgaben zur Lösung. Das führt uns zu Zurückhaltung und Bescheidenheit im Urteil und zum Aufgeben jedes Ausschließlichkeitsstandpunktes. Wir bleiben Wahrheitssucher, und unser Wissen ist Stückwerk.

Für die christliche Geschichtsdeutung leuchtet Sinn immer wieder auf im Willen und Wirken Jesu. Des Lebens tiefster Gehalt liegt für sie in der durch ihn geoffenbarten Liebe. Diese ist in ihrer Entfaltung allerdings oft genug gehemmt worden, und nicht jedes Zeitalter hat die christlichen Motive gleich stark zum Ausdruck zu bringen vermocht. Den Wahrheitsgehalt des Evangeliums in einer dem heutigen Welterkennen verantwortbaren Form auszudrücken, ist die eigentliche Aufgabe der Theologie. Hier gäbe es auch eine gemeinsame Basis für sinnvolles Handeln zur Überwindung von Not und Sünde: die christliche

Humanitätsidee. Trotz seiner Achsentheorie kann selbst Jaspers beim Abwägen unserer heutigen Möglichkeiten zum Schlusse kommen: «So bleibt das heute Wahrscheinliche: Verwandlung in der Wiederherstellung der biblischen Religion» 25. Ungeheuer türmt sich die Aufgabe auf! Das Christentum hat sich mit einem neuen Weltbild, mit veränderten sozialen Verhältnissen und mit einer innerlich gewandelten geistigen Welt auseinanderzusetzen und zugleich die Kraft aufzubringen, der leidenden und suchenden Menschheit beizustehen. Begreiflich, daß diese Aufgabe immer neu der Lösung harrt.

Anzuknüpfen ist dabei nicht an den stärksten tatsächlichen, sondern an den wertvollsten möglichen Tendenzen in Vergangenheit und Gegenwart. Die Geschichtsdeutung erhält so eine praktisch-ethische Wendung und vollzieht sich in der ernsten Sphäre religiöser Entscheidung, sie verbindet sich mit persönlicher Freiheit und Verantwortung, die sich wissenschaftlich objektiv nicht beweisen lassen. Es gibt keinen letztgültigen erkenntnistheoretischen, aber es gibt einen religiösen Weg aus den Rätseln der Geschichte heraus. Sinn finden wir in der Vergangenheit dort, wo echter Gottesglauben aufleuchtet und die Würde des Menschen hochgehalten wird.

Der Glaube an Gott als den Schöpfer der Welt und Herrn der Geschichte kann uns überall eine Sinnmöglichkeit erkennen lassen, so daß es auch in der Zukunft nie mehr ganz dunkel zu werden vermag, weil wir vom göttlichen Vergebungswillen wissen. Er veranlaßt uns zu liebevoller Hinwendung zur Kreatur, um Leiden zu mildern und Leben zu veredeln, und er befreit uns aus Angst und falscher Gebundenheit. Wo der Sinn des Lebens uns verborgen bleibt, spendet der Glaube uns die Kraft, das Rätselhafte zu ertragen und uns zu überwinden, weil er uns lehrt, unser Glücksverlangen grundsätzlich Gottes Willen unterzuordnen. Er hebt uns über den Heilsegoismus und über die

Wunsch- und Bedürfnisreligion empor, die gerade in den wirkungsvollsten Zukunftsutopien sich so gerne verbergen. Der sittliche Wille gründet auf klarer Einsicht und nicht auf Illusionen. Mögen solche auch oft genug die untätig schlummernden Kräfte wecken, sie führen doch stets auf einen falschen Weg. Leben ist sittliches Ringen und nicht bloß Kampf zur Sicherung und Erhöhung unserer Existenz.

Sinn leuchtet auf und kann verwirklicht werden, wo der Glaube an den Menschen als Gottes Geschöpf und «Ebenbild», und damit die Hochachtung vor seiner Würde und der Brudergedanke lebendig werden. Der Mensch wird erst wirklicher Mensch durch das Streben nach dem Ideal der demütigen, verstehenden und überwindenden Liebe, die allerdings mit Wahrhaftigkeit und Kraft gepaart sein soll. Nicht der Wille zur Macht, sondern der Wille zum Recht, zur Hingabe und Freiheit, und der stets sich läuternde Trieb zur Wahrheit und Sittlichkeit schaffen ein wirklich sinnvolles Leben 26. Wenn die Menschen sich vom Geist der Liebe, von Verständnis und Mitgefühl ergreifen lassen, so verwirklicht sich darin eine neue Schöpfung. Es erscheint uns folgerichtig zu sein, daß Gott einst den universalen Sieg der neuen Liebesordnung herbeiführen wird; aber wann sie sich durchsetzen wird, bleibt uns verborgen.

Doch mit diesen Ausführungen sind wir dahin gelangt, wohin das Thema fast zwangsläufig hindrängt, zu derjenigen Aufgabe des Geschichtsdenkens, die über den Rahmen der Universität hinausführt. Der Historiker hat nicht nur einen Erfahrungs- und Wissensschatz zu betreuen und mehren, sondern er hat sich auch an seine Zeitgenossen zu wenden. Er soll aus der Erkenntnis der Vergangenheit die Gegenwart erklären und die Menschen für die Zukunft zu stärken versuchen. Er dürfte vielleicht sogar aus der Diagnose der Gegenwart eine Prognose des Kommenden

wagen. Spengler und Toynbee, um von andern, minder bedeutenden, zu schweigen, zeigen uns jedoch, wie ungesichert gegen Kritik solche Prognosen sind. Zwischenfälle des Lebens kann niemand voraussehen, und die Menschen verhalten sich der Geschichte gegenüber oft genug gemäss den Worten im Exodus: «Da kam ein neuer König auf in Ägypten, und der wußte nichts von Joseph.» Gesetzmäßigkeit im strengen Sinne des Wortes gibt es im Geschichtsablauf so wenig wie logische Notwendigkeit. Den Historiker überfordert, wer von ihm die Enthüllung der Zukunft verlangt. Die Möglichkeiten sind grenzenlos und nicht zu berechnen. Wir können höchstens einige erahnen und müssen uns auf sie hin vorsehen. Denn wir dürfen uns nicht einfach von den Ereignissen treiben oder gar niederdrücken lassen. Wir haben vielmehr alles nur immer Mögliche zu tun, um drohende Katastrophen abzuwenden. Ergebung und Zuversicht, innere Heiterkeit und Kraft des Ertragens sollen uns in gleicher Weise leiten, ein starker Wille zur Selbstbehauptung uns beseelen. Und was den Christen nottut, darf uns zum Schluß vielleicht einer sagen, der in unversieglicher Herzensgüte und unbedingter Hingabe unmittelbar der Liebe zum Leidenden lebt, Albert Schweitzer: «Was dem Christentum nottut, ist, daß es ganz von dem Geist Jesu erfüllt sei und in diesem sich zur lebendigen Religion der Verinnerlichung und der Liebe vergeistige, die es seiner Bestimmung nach ist» 27. «Nur wenn der Geist Gottes in uns über den Geist der Welt mächtig geworden ist, vermag er in der Welt gegen ihn zu streiten» 28.

ANMERKUNGEN

Theologie der Geschichte (Historische Zeitschrift 142, 1930, S. 1-15). — Thyssen hält dagegen — um nur dieses Beispiel zu erwähnen — die Geschichtstheologie seit Vico und seinen Fortsetzern für erledigt und nimmt deshalb von ihr keine Notiz mehr (siehe Joh. Thyssen, Geschichte der Geschichtsphilosophie, 1936, S. 28).

einer Philosophie der Geschichte der Menschheit, 8. Buch). Er verknüpft dann allerdings die Eigenwertsbetrachtung doch wieder mit dem Fortschrittsgedanken, was die Problematik seiner Geschichtsphilosophie ausmacht.

24 Paul Tillich, Das Dämonische. Ein Beitrag zur Sinndeutung der Geschichte, 1926, S. 42: »Die Tiefe des Dämonischen ist gerade die, daß das Sinnhafte und Sinnwidrige in ihm unlöslich verbunden sind.»